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Wird unsere Gesellschaft immer radikaler?

Vorfälle mit Linksautonomen an Demos. Strassenblockaden von Klimaaktivisten. Treffen von Rechtsextremen. Jihad-Reisende. Christliche Fundis. Gewalt von Hooligans. Angriffe auf Blaulichtorganisationen. Hass im Internet. Und politische Polarisierung. Alle diese Phänomene gibt es auch in der Schweiz. So verschieden sie sind, könnten sie doch eines gemeinsam haben: die Tendenz zur Radikalisierung. Stimmt der Eindruck? Radikalisiert sich unsere Gesellschaft? «Mit einer solchen Diagnose bin ich höchst vorsichtig», antwortet Dirk Baier. Der Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW sitzt am Bürotisch, vor sich den Laptop und wissenschaftliche Studien mit gesicherten Erkenntnissen. «Unsere Ansprüche an korrektes Verhalten haben sich erhöht: Deshalb reagieren wir sensibler, wenn jemand das friedliche Zusammenleben stört.» «Man kann nicht pauschal sagen, dass sich die Gesellschaft radikalisiert», stellt er dann fest. Auch bei der Kriminalität hätten viele den Eindruck, sie nehme zu. Das belege die Statistik aber keineswegs. Die Jugendgewalt etwa sei zurückgegangen. Wenn schon, trifft laut Baier der gegenteilige Befund zu. Über einen längeren Zeitraum gesehen, sei die Welt friedlicher geworden, die Gesellschaft zivilisierter. Aggressionen und Gewalt würden stärker kontrolliert. Dass Radikalität auffällt, kann für den Forscher ein Ausdruck zivilisatorischen Fortschritts sein. Unsere Ansprüche an korrektes Verhalten hätten sich erhöht: «Deshalb reagieren wir sensibler, wenn jemand das friedliche Zusammenleben stört.» «Alles, was irgendwo passiert, ist ganz schnell ganz nah bei uns.» Noch vor zwanzig Jahren, sagt Baier, wäre es beispielsweise kaum einem Polizisten in den Sinn gekommen, von Jugendlichen im Ausgang Respekt einzufordern. Heute werde deren Verhalten viel schneller als respektlos eingestuft. In der Schweiz wirke zudem das politische System «befriedend». In der direkten Demokratie kann man seine Anliegen einbringen und allfälligen Unmut an der Urne kundtun. Der aus Sachsen (D) stammende Baier sieht hier einen wichtigen Unterschied zu Deutschland, wo dies weniger möglich sei und sich deshalb mittlerweile verschiedene politische Milieus feindlich gegenüberstünden. Dass trotzdem auch in der Schweiz viele das Gefühl hätten, Entwicklungen liefen aus dem Ruder, hat laut Baier mit der Mediengesellschaft zu tun: «Alles, was irgendwo passiert, ist ganz schnell ganz nah bei uns.» Aus weit entfernten Ereignissen würden persönliche Probleme. Und der Eindruck wachse, da müsse man doch etwas dagegen unternehmen. Baier nennt das Beispiel des islamistischen Terrors. Obwohl es in der Schweiz – «Holz anrühren!» – nie zu einem Anschlag kam, gaben in einer Umfrage acht von zehn Personen an, sich stark davor zu ängstigen: «Dabei war die Sicherheit objektiv stets gegeben.» Der Forscher mahnt zur Differenzierung. Für ihn fängt das schon bei den Begriffen an: «Radikal heisst noch nicht extremistisch.» Historisch gesehen brauche es manchmal Radikalität: «Die 68er hatten radikale Gedanken und machten unsere Gesellschaft offener.» Radikalität werde erst in Verbindung mit bestimmten Methoden zum Problem. Dann spreche die Wissenschaft nicht mehr nur von radikal, sondern von extremistisch. Baier hat dies bei 17- und 18-jährigen Jugendlichen in der Schweiz untersucht. Er fand eine gewisse Zustimmung zu radikalen bis extremen Positionen links und rechts. Dabei kamen Sympathien für linksradikale, antikapitalistische, anarchistische Ideen häufiger vor als solche für rechte, fremdenfeindliche, autoritäre Haltungen. Muslimische Jugendliche äusserten überdies breite Zustimmung zu antiwestlichen Einstellungen. Als die Jugendlichen allerdings gefragt wurden, ob sie bereit wären, zur Durchsetzung der Ideologien Gewalt anzuwenden, sanken die Ja-Raten bei allen sehr stark. Bei den muslimischen Jugendlichen lag die Zustimmung zu islamistischem Extremismus letztlich unter drei Prozent. «Doch dieses Ergebnis der Studie interessierte die Öffentlichkeit dann deutlich weniger», so Baier trocken. Eine Entwicklung bereitet auch dem nüchtern analysierenden Forscher Sorgen: die Schattenseiten des Internets und der neuen sozialen Medien: «Dadurch gibt es seit etwa zehn Jahren massiv erweiterte Möglichkeiten, sich auszutoben.» Noch fehle es an verbindlichen Spielregeln und Umgangsformen für die digitalen Plattformen, so Baier. Negative Folgen lassen sich zum Teil empirisch nachweisen. Cybermobbing, also Bedrohungen und Beschimpfungen im Internet, hat bei Schweizer Jugendlichen leicht zugenommen. Auch extremistische Radikalisierung vollzieht sich mehr und mehr unter dem Einfluss des Internets. Jugendliche sind dafür besonders empfänglich. Baier fand heraus: «Der häufige Konsum extremistischer Medien hat bei ihnen den stärksten Einfluss auf extremistische Radikalisierung.» Nebst den Inhalten spielen Social-Media-typische Mechanismen eine Rolle. Aufmerksamkeit erhält, wer laut und extrem ist, wer starke Thesen postet. Auch Feindbilder ziehen immer im Netz. Baier verweist auf das Beispiel von US-Präsident Trump, der vormache, wie sich die virtuelle Aufmerksamkeitslogik nutzen lässt. Nicht einmal vor Desinformation scheue dieser zurück. Verheerenderweise wüssten auch Terrororganisationen wie der «Islamische Staat» ihre gewaltverherrlichenden Botschaften professionell audiovisuell zu verpacken: «Sie sprechen vor allem junge Männer an», sagt der Forscher. Damit radikale Ansichten von Jugendlichen nicht in Gewalt umschlagen, sollte Prävention laut Baier im Internet ansetzen. Er begleitete vier Online-Pilotprojekte in der Schweiz, die den Extremismus mit positiven Inhalten und erhärteten Fakten zu bekämpfen versuchen. Die Videoclips und Blogbeiträge wurden von Jugendlichen mitproduziert, ansprechend gestaltet und auf sozialen Netzwerken wie Youtube, Instagram und Facebook geteilt. Sie wenden sich gegen Gewalt, Rassismus, Verschwörungstheorien und werben für Toleranz und Demokratie. Das Projekt « SwissMuslimStories » etwa porträtiert zehn gut integrierte junge Muslime. «Wir sollten dem Müll im Netz mehr Gutes entgegensetzen.» Auch wenn die Resonanz noch gesteigert werden könnte, sind solche Initiativen für Baier ein vielversprechender Anfang. Bisher dominiere der Müll im Netz, «wir sollten ihm mehr Gutes entgegensetzen.» Was Baier damit meint: sachliche Informationen, positive Botschaften, das reale Leben. Das Internet brauche mehr «Gegennarrative» zu Extremismus, Fake-News und Hate-Speech, sagt er. Auch die Jugendarbeit werde sich in Zukunft wohl vermehrt digital betätigen. Der Forscher kennt Beispiele aufsuchender Jugendarbeit im Netz, bei der Sozialarbeitende Jugendliche, die sich extremistisch äussern, online ins Gespräch ziehen. Youtube-Filmchen allein genügen aber nicht, um extremistischer Radikalisierung vorzubeugen. Sie sind für Baier nur Bausteine einer grösseren Strategie, die auch die gesellschaftlichen Ursachen angehe. Nicht zuletzt appelliert der Forscher an die Verantwortung der Erwachsenen zum konstruktiven Diskurs. Erwachsene seien selber zwar weniger anfällig für extremistische Radikalisierung: «In der Regel haben sie mehr zu verlieren als die Jungen, deshalb gehen sie nicht hin und zünden etwas an.» Erwachsene mit radikalen Einstellungen – «zum Teil noch radikaler als bei den Jungen» – könnten jedoch ein Meinungsklima erzeugen, das Jugendliche zur extremistischen Aktion ermutige. Das betreffe Eltern genauso wie Politikerinnen und Politiker. Ganz aktuell rät der Experte zum «klugen Umgang» mit den Jugendlichen, die seit mehr als einem Jahr für Massnahmen gegen die Klimaerwärmung demonstrieren. Wenn die Politik deren Ziele und Ideen jetzt nicht höre und zu kanalisieren versuche, «werden sich einige von ihnen radikalisieren», warnt Baier. Denn fehlende echte Partizipation sei erwiesenermassen ein Risikofaktor dafür. In einer Allianz mit linksextremen Strukturen könnte dann auch Gewalt zum Thema werden. «Warum nicht Jugendliche aus der Gemeinde einladen, einen Zehn-Punkte-Plan zu formulieren, und die Anliegen dann mit ihnen diskutieren?», schlägt Baier den Lokalpolitikern im Land vor. Demokratie live: beste Extremismusprävention für junge Leute. Susanne Wenger

«Die Ungewissheit machte mir zu schaffen»

«Am Anfang hatte ich mega Angst», räumt Pflegestudentin Jacqueline Walker ein. Das Spital Männedorf, in dem sie seit Februar ihr zweites Praktikum im Rahmen des Bachelorstudiums Pflege absolviert, begann im März, an Covid-19 erkrankte Menschen aufzunehmen. Auch die medizinische Abteilung, auf der die 21-Jährige im Einsatz stand, wurde nach und nach zur Isolierstation umfunktioniert. Zu schaffen machte der Studentin vorab die Ungewissheit . Sie sah die Medienberichte zu überfüllten Spitälern in Norditalien. Würde das auch in der Schweiz geschehen? Und was, wenn sie sich selber anstecken würde? «Ich betrat Covid-19-Zimmer auch dann in voller Schutzmontur, wenn ich nur ein Medikament hinstellte», blickt sie auf jene ersten Tage zurück. Doch ihre Abteilung war ja nicht die Intensivstation mit den wirklich schwer Erkrankten, und die Kolleginnen konnten sie beruhigen. «Sie sagten mir: Jacky, du musst dich nicht jedes Mal so einpacken.» Eine Gesichtsmaske blieb aber zwingend, und wenn sie den Erkrankten nahe kam, schützte sie sich zusätzlich mit einer Brille. Die Mitarbeitenden seien spitalintern stets sehr gut über Sicherheits- und Hygienemassnahmen informiert worden, lobt sie. Das habe geholfen. Die Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf ihrer Abteilung waren 50-jährig und älter. Sie zeigten mildere bis schwerere Symptome, von Fieber über Husten bis zu Kurzatmigkeit. Viele brauchten Sauerstoff. Alle waren sehr geschwächt, und manche erlitten nach der ersten Besserung einen Rückfall. «Eine meiner Hauptbeschäftigungen waren atemstimulierende Einreibungen», erzählt die ZHAW-Studentin. Das habe den Corona-Kranken gutgetan. Auch bei leichten körperlichen Übungen nach Anweisung der Physiotherapeuten war die Praktikantin anwesend. Bewegung sei wichtig bei Lungenerkrankungen. «Es war mir ein Anliegen, mir Zeit für die Patientinnen und Patienten zu nehmen und für sie dazusein.» «Wir merkten immer besser, was sie brauchten», sagt die engagierte junge Frau, die im vierten Semester studiert. Besonders schätzten die Patienten Gespräche und andere Zuwendungen. Wegen des Besuchsverbots und der Isolation blieben die Patienten allein. «Wir waren die einzigen direkten Kontakte für sie», so Jacqueline Walker, «es war mir ein Anliegen, mir Zeit für sie zu nehmen und für sie dazusein.» Weil es in der Schweiz gelang, die Infektionskurve abzuflachen, blieb die Zahl der Covid-19-Patienten auf ihrer Abteilung zum Glück überschaubar. Im Frühsommer kehrt die Pflegestudentin in den Unterricht zurück – um eine Epidemie-Erfahrung reicher. «Ich habe viel gelernt», stellt sie fest. Mit ihrer Berufsbildnerin im Spital konnte sie sich täglich austauschen. Speziell das Wissen über Hygienemassnahmen werde sie später anwenden können, glaubt die Studentin. Eine neue Erfahrung war auch die Aufmerksamkeit, die die Pflege von aussen erhielt. Jacqueline Walker bekam so viel anerkennenden Zuspruch wie noch nie: «Das hat mich sehr gefreut.» Wie nachhaltig die Wertschätzung der Pflege sei, werde sich aber erst noch zeigen. «Applaus allein reicht nicht»: Lesen Sie dazu den Meinungsbeitrag Susanne Wenger

Fortschritt bringt nicht nur allein die Technik

Intelligente Leggings, die Menschen mit einer Gehbehinderung unterstützen: Das ist die Idee des Exoskeletts «XoSoft» . Ein länderübergreifendes Forscherteam, in dem die ZHAW vertreten war, entwickelte den Prototyp. Ein Hightech-Gerät, klar, das schon – doch Technik muss in der Gesellschaft ankommen. An der Entstehung tüftelten nicht nur Ingenieure mit, sondern auch Forschende aus dem Departement Gesundheit: die Forschungsstelle Physiotherapiewissenschaften . Deren Leiter Markus Wirz sagt: «Uns war es wichtig, die Perspektive der Nutzer einzubringen.» Ihnen müsse das Gerät am Schluss passen. Wirz denkt dabei auch an die wachsende Zahl älterer Menschen. Gefördert wurde das Projekt im EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 , die ZHAW-Partner erhielten rund 800'000 Franken. Vom Schweizerischen Nationalfonds mit rund 500'000 Franken finanziert wird das bisher grösste Forschungsprojekt des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie am Departement Soziale Arbeit. Es untersucht die Geschichte der Adoptionen innerhalb der Schweiz . «Wir wollen herausfinden, wie Adoptionen begründet und umgesetzt wurden – und wie sie sich auf die Biografien der Betroffenen auswirkten», sagt Institutsleiter Thomas Gabriel . Mit an Bord ist die Vereinigung Pflege- und Adoptivkinder Schweiz . Gabriels Institut forscht schon länger zum Thema. Im Auftrag des Bundes beleuchteten die Forschenden jüngst die Adoptionen von Kindern aus Sri Lanka durch Schweizer Paare. Sie konnten belegen, dass die Behörden illegale Praktiken bis hin zum Kinderhandel tolerierten. Der Bundesrat sprach daraufhin gegenüber den Adoptierten sein Bedauern aus. Aus den Fehlern wolle man lernen. Das Forschungsflaggschiff der Fachgruppe Medienpsychologie am Psychologischen Institut der ZHAW ist die alle zwei Jahre erscheinende JAMES-Studie . Sie untersucht repräsentativ, wie Schweizer Jugendliche mit Medien umgehen. Das Projekt ist privatwirtschaftlich durch die Swisscom finanziert. Das Unternehmen entrichte «einen namhaften Betrag», sagt Gregor Waller , Co-Leiter der Forschungsgruppe. Die Zusammenarbeit sei von gegenseitigem Vertrauen geprägt, die Unabhängigkeit der Forschenden gewährleistet. Die Ergebnisse fliessen unter anderem in die Prävention, etwa zum Schutz der Jugendlichen vor sexueller Belästigung im Netz. Junge und Medien, Adoptionen, ein Hilfsmittel für Gehbehinderte: Das sind nicht nur drei offensichtlich überzeugende Ideen, um anwendungsorientiertes Wissen hervorzubringen. Es sind auch drei Beispiele erfolgreicher Akquise von Fördermitteln in Bereichen, in denen dies als Herausforderung gilt. Denn die Gesundheitsberufe sind als junge akademische Fächer erst noch dabei, sich in der Forschungslandschaft zu positionieren. Und die Sozial- und Geisteswissenschaften stehen bei der Verteilung der Fördergelder oft im Schatten technologischer Disziplinen. Dass es Forschenden von Fachhochschulen aus nichttechnologischen Bereichen dennoch gelingt, beträchtliche Fördermittel einzuwerben, «zeugt von der hohen Qualität ihrer Forschung», sagt Carole Probst Schilter von der Abteilung Hochschulentwicklung an der ZHAW. Jene Forschenden liessen sich von den Hürden nicht beirren. In absoluten Zahlen verbuchen zwar auch an der ZHAW Ingenieurwissenschaften und Life Sciences am meisten Drittmittel. Das hat laut Probst aber auch damit zu tun, dass technische Forschung wegen der Apparaturen und Labors teurer ist als sozialwissenschaftliche. Umgerechnet auf Vollzeitstellen, sei das Bild ausgeglichener. Ob man das gut findet oder nicht: Am meisten Chancen auf Förderung hat, wer sich bei einem Thema bereits profiliert habe, stellt Psychologe Waller fest. Je relevanter und aktueller das Thema, desto besser, wie bei der Mediennutzung von Jugendlichen: «Das beschäftigt Eltern und Lehrpersonen.» Auch die soziale Arbeit gelange vor allem dann an Drittmittel, wenn ein gesellschaftliches oder politisches Interesse am Thema bestehe, weiss Sozialwissenschaftler Gabriel: «Es braucht ein Gespür für solche Bewegungen.» Die ZHAW mit ihrer «Nähe zu sozialen Dynamiken im urbanen Raum Zürich» habe da einen Standortvorteil. Die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Forschung mögen weniger greifbar sein als eine bahnbrechende Technologie oder ein neues Produkt. Doch sie können die Gesellschaft voranbringen, davon sind die ZHAW-Forschenden überzeugt. «Innovation ist auch ökologisch und sozial zu verstehen», unterstreicht Thomas Gabriel. Zudem habe jede technologische Entwicklung eine gesellschaftliche Dimension, fügt Gregor Waller an. Die private Gebert Rüf Stiftung war es, die der Innovationsforschung aus sogenannt soften Disziplinen von Fachhochschulen früh den Weg ebnete. Sie lancierte eigens dafür das mehrjährige Förderprogramm BREF (»Brückenschlag mit Erfolg»). Der Grossteil der Fördersumme von insgesamt über neun Millionen Franken floss in die Fachbereiche Soziale Arbeit, Gesundheit, Kultur und Ökonomie. Der stellvertretende Stiftungsdirektor Marco Vencato zieht eine positive Bilanz: «Dank ihres starken Bezugs zur Praxis konnten die Fachhochschul-Projekte einer Vielzahl von sozialen Innovationen zum Durchbruch verhelfen.» BREF ist abgeschlossen, doch soziale Innovation konnte laut Vencato als Förderthema etabliert werden. Heute definieren auch die grossen staatlichen Förderagenturen Nationalfonds und Innosuisse den Innovationsbegriff etwas breiter. Beispielhaft ist für Vencato ein ZHAW-Forschungsprojekt zur beruflichen Integration psychisch belasteter Jugendlicher. Nach der Anstossfinanzierung durch die Gebert Rüf Stiftung wird das Projekt der Psychologin Agnes von Wyl jetzt von Innosuisse mit einem doppelt so hohen Betrag gefördert. Forschende, die den gesellschaftlichen Mehrwert ihres Vorhabens nicht nur behaupten, sondern «herunterbrechen und belegen» können, haben aus Sicht des Stiftungsvertreters die besten Karten bei den Evaluatoren. Was das betrifft, hat Physiotherapiewissenschaftler Markus Wirz keine Berührungsängste. Unter dem Eindruck steigender Gesundheitskosten sei es angezeigt, das Potenzial der Physiotherapie vermehrt zu erforschen. In der Gesundheitsversorgung der Schweiz seien in der Vergangenheit Operationen und Medikamente stark beachtet und gefördert worden. «Der Wirkstoff der Physiotherapie ist die körperliche Aktivität», sagt der ZHAW-Forscher, «er ist günstig und effektiv.» Susanne Wenger

Lernen als Lebenselixier

Lebenslanges Lernen? Für Verena Klamroth keine leere Worthülse. Von ihren beruflichen Wandlungen erzählt sie lebhaft und anschaulich, man hört ihr gerne zu. «Mein Antrieb ist Neugier», sagt die 49-jährige Wissenschaftlerin und Dozentin. Schon als Kind habe sie bestimmten Dingen auf den Grund gehen wollen. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Bayern, folgte sie dem Vater auf Schritt und Tritt und liess sich alles erklären, vom Ackerbau bis zum Hühnerhof. «Wenn mich etwas interessiert, bin ich davon besessen», stellt sie fest. «Mit der Digitalisierung ist es leichter geworden, sich Wissen anzueignen: Noch nie standen uns so fantastische Tools zur Verfügung.» Den persönlichen Interessen zu folgen, mitunter spontan, zieht sich wie ein roter Faden durch Verena Klamroths Laufbahn. Fürs Medizinstudium entschied sie sich, nachdem sie einen freiwilligen Sozialeinsatz bei Kindern mit schwerer Behinderung absolviert hatte. Das habe sie sehr geprägt, sagt sie. Nach dem Staatsexamen in Berlin zog die junge Frau für anderthalb Jahre in die USA, wo sie in Honolulu im Bundesstaat Hawaii einen zweiten medizinischen Abschluss erwarb. Zugleich war sie dort in einem Militärspital tätig. «Das war echt streng», erzählt sie, «morgens um halb fünf stand ich auf und ging zur Arbeit.» In den USA entdeckte sie die aufkommende Genetik als Fachgebiet: «Das faszinierte mich wahnsinnig.» Zurück in Deutschland, erzählte ihr eine Freundin noch auf dem Flughafen von einer Stelle als medizinische Genetikerin, die im deutschen Ärzteblatt ausgeschrieben sei. Verena Klamroth bewarb sich ohne zu zögern und bekam den Job in Münster, wo sie auch ihre Dissertation verfasste. Als Ärztin erstellte sie in der Klinik Risikoanalysen und beriet Eltern von Kindern mit genetischen Erkrankungen, zum Beispiel zystischer Fibrose. Das sei fachlich spannend, menschlich anspruchsvoll gewesen. Nach einem Abstecher in die klinische Neurologie setzte sich ihr Forschergeist durch. Klamroth verabschiedete sich vom Spitalbett und wurde Wissenschaftlerin in der Schweiz. Sie wandte sich dem Thema zu, das sie bis heute beschäftigt: Robotik im Gesundheitswesen. Bei den intelligenten Maschinen landete sie zufällig, weil ein anderes Forschungsprojekt nicht zustande kam. Dennoch hätte der Schritt kaum passender sein können, sagt sie rückblickend: «Nun konnte ich meine Affinität zu Technik ausleben.» Seither untersucht sie, wie Roboter zum Wohl von Patientinnen und Patienten eingesetzt werden können. Elf Jahre lang forschte Verena Klamroth im Labor für Sensomotorische Systeme der ETH, als erste Medizinerin unter lauter Ingenieuren. Dabei erfuhr sie das Lernpotenzial im interdiszplinären Team. Allein schon durch die enge Zusammenarbeit eignete sie sich technologisches Fachwissen an: «Irgendwann wusste ich, was ein Regler ist.» Und die Kollegen lernten durch sie, Technologie stets vom erkrankten Menschen her zu denken. Ein erfolgreiches Produkt dieser Zusammenarbeit ist die Weiterentwicklung des Trainingsroboters ARMin, den Reha-Kliniken heute einsetzen. Menschen mit einer Hirnschädigung, etwa nach einem Schlaganfall, lernen dadurch, ihren Arm im Alltag wieder zu gebrauchen. 2018 kam Klamroth an die ZHAW, wo sie die stellvertretende Leitung der Forschungsstelle Ergotherapie übernahm. Hier tüftelt sie jetzt an weiteren Innovationen und gibt angehenden Ergotherapeutinnen und -therapeuten ihr Fachwissen über roboterassistierte Therapie weiter. Von der Ergotherapie lerne aber auch sie, betont sie. Wie diese die gesellschaftliche Teilhabe ins Zentrum stelle, gefalle ihr. Ein Gebiet, in das sich die Forscherin stärker vertiefen will, ist das «User-Centred Design». Das bedeute, die Nutzer von Technologien ins Forschungsteam einzubinden. «Darauf freue ich mich», sagt sie. Verena Klamroth macht anderen Mut: Vor lebenslangem Lernen brauche niemand Angst zu haben. Mit der Digitalisierung sei es leichter geworden, sich Wissen anzueignen: «Noch nie standen uns so fantastische Tools zur Verfügung.» Sich profund mit einer Thematik zu befassen, mache sie persönlich immer wieder bescheiden, fügt die Forscherin an. Man erkenne, wie wenig man wisse. Vermutlich sei neben Neugier auch Gewissenhaftigkeit ein Lernantrieb gewesen, sinniert sie. Aus Sorge, jemand könnte mit ihr nicht zufrieden sein, habe sie sich stets besonders Mühe gegeben. Diesen Frühling, als die Epidemie die Schweiz lahmlegte, fand Verena Klamroth privat noch ein neues Wissensfeld zum Reinknien – wortwörtlich. In Thalwil, wo sie mit ihrer Familie lebt, bepflanzte sie den Pfarreigarten, selbstverständlich nicht ohne gründlich zu Gemüse, Blumen und Bewässerung zu recherchieren. Über das Wachsen und Gedeihen schrieb sie kleine Texte im Pfarrblatt, mit dem die Kirchgemeinde während des Shutdowns mit den Menschen in Verbindung blieb. «Ich lebte für dieses Beet», sagt sie und lacht. Susanne Wenger

Keine Zeit für ein Gespräch

Pflegefachfrau Sonja X. steht im Zimmer des Patienten Herrn Y., dem tags darauf eine Herzoperation bevorsteht. Sie erkennt mit geschultem Blick: Der Mann hat Angst, auch wenn er nicht darüber spricht. Er ist unruhig, die Augenbrauen sind hochgezogen, die Hände zittern leicht. Was er jetzt bräuchte: ein behutsames Ansprechen der Angst, Informationen, persönliche Zuwendung. Doch die Bettenstation ist voll belegt, mehrere Ruflampen leuchten. Die Pflegefachfrau muss den Entscheid treffen, Herrn Y. jetzt mit seiner Angst alleinzulassen. Sie eilt aus dem Zimmer und denkt: «Das ist nicht richtig so.» Auch Pflegefachmann Reto Z. gerät ins Dilemma. Die betagte Patientin Frau W. mit der Oberschenkelhals-Fraktur sollte alle zwei bis drei Stunden im Bett umgelagert werden, damit kein Wundliegen entsteht. Auch nachts. Doch Reto Z. ist voll beschäftigt mit Frischoperierten, die eng überwacht werden müssen. Es reicht nicht für alles. Das zwingt den Pflegefachmann zu einer schwierigen Ad-hoc-Entscheidung: Frau W. muss warten. Die Folge: Das Risiko steigt, dass die nicht mehr so mobile Patientin ein Druckgeschwür bekommt. Die sogenannten Dekubiti sind schmerzhaft und heilen gerade bei älteren Menschen schlecht. Die beiden Beispiele sind verkürzt und fiktiv, stehen aber exemplarisch für ein Phänomen, das die Wissenschaft «implizite Pflegerationierung» nennt. Was bedeutet der sperrige Begriff? Maria Schubert , Co-Leiterin der Forschungsstelle Pflegewissenschaft und des Masterstudiengangs Pflege an der ZHAW, erklärt: «Gemeint ist, dass es keine offiziellen, gesetzlichen Regulierungen gibt, wie in so einem Fall vorgegangen werden muss.» Die Rationierung geschehe verdeckt: «Es sind die Pflegenden selber, die in der Situation entscheiden müssen, wie sie die Ressourcen verteilen und wem sie etwas vorenthalten.» Der Grund dafür sei «ein Mangel an Ressourcen» in Pflegeteams: zeitlich, fachlich, personell. Die ZHAW-Forscherin führt seit vielen Jahren Studien zur Thematik durch und ist international vernetzt. Daher weiss sie auch: Verglichen mit anderen Ländern, gebe es in der Schweiz «immer noch einige Spitäler mit sehr guten Arbeitsbedingungen für die Pflege». Beim Personalschlüssel liegt die Schweiz im europäischen Mittelfeld, wie die 2014 publizierten Ergebnisse der «Registered-Nurse-Forecasting»-Studie zeigen. Eine Pflegefachperson in der Schweiz betreut durchschnittlich acht Patienten. Zum Vergleich: In Deutschland sind es dreizehn Patienten, in Norwegen fünf. Neuere Forschung bestätige den Wert für die Schweiz, weiss Schubert. «Doch auch in den Schweizer Spitälern ist der Kostendruck zunehmend spürbar», stellt sie fest. Die Spitallandschaft ist in Bewegung. Die Spitäler müssen ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und die Effizienz steigern: «Wird beim Personal gespart, ist die Pflege als grösste Gruppe überproportional betroffen», sagt die Forscherin. Die Pflege macht über vierzig Prozent des gesamten Spitalpersonals in der Schweiz aus. Für den Schweizer Teil der gross angelegten «Registered-Nurse-Forecasting»-Studie befragten Schubert und Mitforschende über 1600 Pflegefachpersonen aus 35 Akutspitälern. Ergebnis: Fast alle, nämlich 98 Prozent, gaben an, dass sie in den letzten sieben Arbeitstagen mindestens eine notwendige pflegerische Massnahme weglassen mussten. Gespräche mit Patienten, praktische Anleitungen von Patienten und präventives Umlagern entfielen dabei häufiger als Patientenüberwachung und die rechtzeitige Abgabe von Medikamenten. Pflegende geben unter Zeitdruck also Massnahmen Priorität, die sich ganz direkt auf die Sicherheit der Patienten auswirken. Und sie lassen laut Schubert solche weg, «deren Wirkung nicht so unmittelbar ist, die aber zu den Kernaufgaben der Pflege gehören». Für ältere Menschen und chronisch Kranke sei es beispielsweise wichtig, dass sie im Umgang mit ihrer Erkrankung angeleitet würden. Das ermögliche ihnen, nach dem Spitalaustritt wieder selbstständig zuhause zu leben. So seien weniger Wiedereintritte ins Spital nötig. Werde Pflege im Verborgenen rationiert, könne dies nicht nur für die Patienten Folgen haben, sondern auch für das Pflegepersonal, stellt Schubert fest. Ethische Fragen stellten sich, die Arbeitszufriedenheit nehme ab, das professionelle Verständnis sei tangiert. Deshalb sei die implizite Rationierung auch innerhalb der Pflege ein Tabuthema. Das Phänomen müsse im Auge behalten werden, damit sich der Fachkräftemangel in der Pflege nicht noch verstärke, fordert die Forscherin. Auch brauche es Gegenmassnahmen. Doch welche? Die Kostensteigerung im Gesundheitswesen ist eine Realität, die Mittel sind nun mal begrenzt. Schubert zieht zur Antwort wiederum die Forschungsresultate heran: «Bei stimmiger Arbeitsumgebung werden weniger häufig Pflegemassnahmen weggelassen.» Offen über das Thema reden, den Personalbestand dem Pflegebedarf anpassen, gute Führung und Teamorganisation: Das seien erwiesenermassen wirksame Faktoren. Beim Verband der Schweizer Spitäler H+ stellt man keine Pflegerationierung fest. «Wir bewegen uns in der Schweiz bezüglich Pflege in den Spitälern und Kliniken auf hohem Niveau», schreibt ein Sprecher auf Anfrage. Immer mehr Pflegepersonal auf allen Ausbildungsstufen werde ausgebildet und angestellt. Für Forscherin Schubert kommt es auf den richtigen Mix im Pflegeteam an. Es brauche genügend Fachpersonal. Werde dieses aus Kostengründen durch Hilfspersonal ersetzt, könne das Rationierung begünstigen. Ein Beispiel: Zwar könne auch die Pflegehilfe eine Inkontinenzeinlage wechseln, doch eine höher qualifizierte Pflegefachperson beurteile dabei den Patienten gesamtheitlich: «Sie spricht mit ihm, beurteilt den Zustand der Haut. Dadurch erhält sie Hinweise auf erforderliche Massnahmen.» Heute sind über alle Spitäler gesehen dreissig Prozent des Pflegepersonals Fachpersonen Gesundheit (FaGe), Pflegeassistenzen und -hilfen. Das Spitalmanagement sollte die Pflege bei Veränderungsprozessen immer einbeziehen, empfiehlt Schubert: «So können Mängel bei den Ressourcen frühzeitig erkannt werden.» Competence Network Health Workforce , ein Netzwerk von fünf Fachhochschulen, darunter auch die ZHAW, gegen den Fachkräftemangel Susanne Wenger

Professionelle Pflege: Damit Alltag gelingt

Die junge Akademikerin und Mutter, die unerwartet eine Multiple-Sklerose-Diagnose erhält. Der ältere Witwer, der stürzt und mit Verletzungen ins Spital muss. Die alkoholabhängige Coiffeuse, die daheim zu verwahrlosen droht. Der Lehrling, wie gelähmt durch Depression und Antriebslosigkeit. Die Rentnerin, die erfährt, dass sie an einer Herzschwäche leidet. Oder der Mittfünfziger mit chronischer Lungenkrankheit. Sie alle haben etwas gemeinsam: Auf einmal ist vieles nicht mehr so wie vorher. «Krankheiten bedeuten Einschnitte, ja Brüche im Leben», sagt die promovierte Pflegewissenschaftlerin Katharina Fierz , Leiterin des Instituts für Pflege der ZHAW. Das gelte sowohl für akute wie auch für chronische Leiden, für körperliche genauso wie für psychische Erkrankungen. Manchmal sind die Veränderungen offensichtlich, etwa wenn ein Diabetiker regelmässig Insulin spritzen muss. In anderen Fällen seien die Folgen weniger augenfällig, weiss die Wissenschaftlerin. Manche Menschen entwickelten beispielsweise nach Operationen am Kopf eine posttraumatische Belastungsstörung, auch wenn der Eingriff erfolgreich war. Oder jemand kehre nach einer wahnhaften Störung aus der Klinik nach Hause zurück, sei soweit stabil – doch die Erschütterung darüber, dass einem die Wirklichkeit abhandengekommen war, halte an. Und beim alten Menschen, der das Spital mit geflicktem Oberschenkelhals verlässt, setze sich eventuell das Sturzrisiko wegen Stolperfallen in der Wohnung fort. Solchen Unterstützungsbedarf zu erkennen, zu erfassen und – in Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen – die nötigen Interventionen einzuleiten, sei eine grundlegende Aufgabe professioneller Pflege, unterstreicht Katharina Fierz . Sie sagt: «Pflege hilft den Menschen über das akute Ereignis hinaus, mit einer Erkrankung und deren Auswirkungen zurechtzukommen.» Denn Pflegefachpersonen würden nicht nur für die Pflege am Krankenbett ausgebildet, sie nähmen eine Gesamtsicht ein. Pflege betrachte den ganzen Menschen, die Gefühle, das Umfeld, den Alltag. Sie sei bestrebt, Gesundheit aufrechtzuerhalten und Schäden vorzubeugen. «Pflege hilft den Menschen über das akute Ereignis hinaus, mit einer Erkrankung und deren Auswirkungen zurechtzukommen.» Katharina Fierz, Leiterin des ZHAW-Instituts für Pflege Oft gehe es darum, Menschen zu befähigen, mit krankheitsbedingten Einschränkungen leben zu lernen, so die ZHAW-Institutsleiterin. Pflegefachpersonen schulten Betroffene darin. Um verstanden zu werden, wüssten sie ihre Ausdrucksweise dem Gegenüber anzupassen. Dem Rheuma-Patienten etwa wird der Gebrauch eines Hilfsmittels gezeigt. Und die Patientin mit Herzinsuffizienz erfährt, dass sie auf Alarmzeichen achten kann, indem sie eine Gewichtskontrolle führt. Solche Massnahmen trügen dazu bei, Rehospitalisierungen und damit Mehrkosten zu verhindern, hält die Pflegewissenschaftlerin fest. Was alltagsbezogene pflegerische Unterstützung in der Grundversorgung bedeutet, weiss Esther Indermaur von der Fachstelle für psychosoziale Pflege und Betreuung bei Spitex Zürich Limmat. Die Pflegeexpertin APN (Advanced Practice Nurse) geht zu Leuten nach Hause, für die der ganz normale Alltag schier unüberwindlich geworden ist. Die Fachstelle betreut jährlich rund 900 Personen in Situationen, die sich nachweislich durch psychiatrische Pflege beeinflussen lassen. «Zu unseren Klientinnen und Klienten gehören Menschen, die einsam sind, weil sie es nicht schaffen, soziale Kontakte aufzubauen», führt die Fachfrau aus, «oder auch Menschen ohne Tagesstruktur, die sich zu nichts mehr aufraffen können und denen es nicht mehr gelingt, den Alltag subjektiv sinnhaft zu gestalten.» Bei der Hälfte sei eine psychische Erkrankung diagnostiziert, andere hätten psychische Probleme wegen einer körperlichen Krankheit oder seien durch ein Lebensereignis aus der Bahn geworfen worden. Esther Indermaur sagt: «Wir lernen die Menschen vor Ort in ihrer Lebenswelt kennen und eruieren gemeinsam mit ihnen, wo genau die Probleme im Alltag liegen, wie sie sich angehen lassen, aber auch, was gut läuft und worauf wir aufbauen können.» Dabei lässt die Pflegeexpertin die zum Teil perspektivlosen Menschen auch mal von ihren Zukunftsträumen erzählen. Gemeinsam würden Ziele gesetzt, dann werde geschaut, wie sich diese – meist in kleinen Schritten – erreichen lassen. Zentral sei die vertrauensvolle Beziehung. Und: «Unsere Ohren zum Zuhören und unser Mund für Gespräche sind weitere Hauptinstrumente der Psychiatriepflege.» «Wenn mir jemand sagt, er fühle sich im Chaos wohl, kann ich das gut stehen lassen, solange es wenig Auswirkungen hat.» Esther Indermaur, Spitex-Pflegefachfrau Die Betreuung dauert unterschiedlich lange, zwischen einigen Wochen und mehreren Jahren. Die Menschen sollen einen möglichst selbstbestimmten Alltag zurückgewinnen, deshalb fördert die Pflegeexpertin ihr Selbstmanagement. Das ist mitunter vertrackt, besonders wenn jemand objektiv Unterstützung braucht, dies selber aber nicht so sieht. Indermaur nennt das Beispiel eines häuslich sehr desorganisierten Klienten, umgangssprachlich «Messie» genannt: «Wenn er mir sagt, er fühle sich wohl so, kann ich das gut stehen lassen, solange es wenig Auswirkungen hat.» Führe die Unordnung jedoch zu Stürzen oder gefährde die Verunreinigung die Gesundheit, sei es Zeit, das Thema anzugehen. In einigen Fällen arbeitet Indermaur mit dem stadtärztlichen Dienst oder der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB zusammen. Denn manchmal sei bei Klienten die Krankheitslast zu gross, um Hilfe annehmen zu können. Fest steht: Vorstellungen von Normalität können differieren, doch gut ausgebildete und zufriedene Pflegefachpersonen wüssten damit umzugehen, sagt die Spitex-Pflegefachfrau. Das Spannungsfeld zwischen Fürsorge und Autonomie werde im Team diskutiert. Auch Pflegewissenschaftlerin Katharina Fierz betont: «Normalität ist nicht normativ zu verstehen. Sie ist individuell und kann sich verändern.» Wenn krankheitsbedingte Verlusterfahrungen im Widerspruch zu gesellschaftlich positiv besetzter Leistungsfähigkeit und Fitness stünden, sei das oft nicht einfach zu akzeptieren. Professionelle Pflege motiviere Betroffene, den Blick nicht nur auf die Defizite, sondern auch auf die vorhandenen Ressourcen zu richten. «Eine eigenverantwortliche Pflege hätte der Gesellschaft sehr viel zu bieten.» Katharina Fierz, Leiterin des ZHAW-Instituts für Pflege Dass Pflegefachpersonen Spezialistinnen und Spezialisten für den Alltag mit und trotz Krankheit sind, komme im Schweizer Gesundheitswesen nicht genug zum Tragen, stellt Fierz fest. Sie weist auf die Rolle der Pflegeexpertinnen APN hin, der Pflegefachpersonen mit Masterabschluss also. Diese können als sogenannte «Nurse Practitioners» chronisch Kranke eigenständig beraten und kontinuierlich betreuen. Alles im Rahmen eines Handlungsspielraumes, der mit der ärztlichen Kollegin, dem ärztlichen Kollegen festgelegt wird. Das innovative Modell wird in der Schweiz erst an wenigen Orten umgesetzt, auch weil die Pflege von Gesetzes wegen immer noch eine ärztliche Anordnung braucht. Dabei wachse die Zahl der Älteren, und chronische Erkrankungen nähmen zu, sagt die Wissenschaftlerin: «Eine eigenverantwortliche Pflege hätte der Gesellschaft sehr viel zu bieten.» Susanne Wenger

Robotik in Pflege und Therapie: Der neue Stationskollege kennt keinen Stress

Pflegehilfe Jenny holt einen Becher Wasser vom Spender und spricht eine Heimbewohnerin freundlich an. «Sie möchten bestimmt etwas trinken, Frau Schmitt.» Diese antwortet belustigt: «Da hast du recht.» Später werden gemeinsam Schlager gesungen. «Junge, komm bald wieder», tönt es vielstimmig durch den Aufenthaltsraum. Die Pflegehilfe ist auch eine Jukebox, die auf Wunsch Musik abspielt. Denn bei «Jenny» handelt es sich um einen in Deutschland erfundenen Assistenzroboter mit Greifarm, Tablet, Laser-Scanner und Kamera. Er absolvierte bisher erst zu Forschungszwecken ein Praktikum im Pflegeheim. Auch in Japan und in den USA entwickelte Blechgesellen, die Patienten hochheben, ihnen Essen eingeben und sie waschen können, sind erst Prototypen, weit weg von serieller Produktion und noch nicht im Pflegealltag angekommen. Anders sieht es bei Sozialrobotern wie Paro aus, einer kleinen Kuscheltier-Robbe aus Japan, die auch in Schweizer Pflegeheimen schon in die Betreuung von Menschen mit Demenz integriert wird. Das mit Sensoren ausgestattete Wesen fiept wohlig, wenn es Streicheleinheiten erhält. Sozialroboter wie die Robbe Paro seien «recht gut einsetzbar», sagt Maria Schubert, Professorin und Co-Leiterin der Forschungsstelle Pflegewissenschaft an der ZHAW: «Sie erzielen bei manchen Menschen eine beruhigende Wirkung.» Getestet würden auch Roboter wie der japanische Pepper. Er kann kommunizieren und, so das Versprechen der Hersteller, Emotionen anhand von Mimik, Gestik und Stimmlage interpretieren. Denkbar wäre er etwa bei Spitalpatienten mit Delir, also Verwirrtheitszuständen. Doch ist es aus pflegerischer Sicht nicht problematisch, Menschen mit kognitiven Einschränkungen Roboter vorzusetzen? Kommt drauf an, antwortet die Wissenschaftlerin: «Wenn für den verwirrten Patienten sonst die Fixierung am Bett die Alternative ist, ist der Roboter angenehmer.» Schubert ist derzeit an einem Forschungsprojekt mehrerer Schweizer Hochschulen beteiligt, das Chancen und Risiken von Sozialrobotik untersucht. Sie wirft einen nüchternen Blick auf das kontrovers diskutierte Thema. Pflegerobotik weckt Befürchtungen, die Pflege werde entmenschlicht und künftig würden aus Spargründen Maschinen das Personal ersetzen. Doch gezielt eingesetzt, könnten Roboter das Personal unterstützen und entlasten, stellt die Forscherin fest, besonders bei einfachen und wiederkehrenden Tätigkeiten: «Der Roboter gerät nicht in Stress, wenn er etwas zwanzig Mal erklären muss.» Das Personal gewinne Zeit, was angesichts knapper Ressourcen ein Vorteil sei. In Alterseinrichtungen könne Robotik für Abwechslung und Unterhaltung sorgen und so die Betreuungsmöglichkeiten erweitern. Maria Schubert nimmt in jüngster Zeit eine wachsende Offenheit beim Pflegepersonal wahr. Sie betont: «Aktuell müssen wir uns keine Sorgen machen, dass Roboter Pflegefachpersonen ersetzen.» Aus dem einfachen Grund, weil Roboter gar nicht alleine pflegen und lediglich Teilaufgaben übernehmen können. Keine Maschine reiche an das Fachwissen und die Empathie des Pflegepersonals heran. Roboter scheiterten heute ja noch an den einfachsten Dingen: Teppichen, Schiebetüren. Auch zahlenmässig habe ihr Einsatz Grenzen. In einem Spital könnten nicht Hunderte Roboter herumschwirren. Damit es gut kommt mit der Robotik, müssen aus Sicht der Pflegewissenschaftlerin Voraussetzungen erfüllt sein. Erstens gelte es genau zu definieren, wo Roboter von Nutzen seien. Dabei müsse das Pflegepersonal mitreden können. Zweitens seien offene Fragen zu klären, punkto Haftung, Datenschutz und Ethik. Schubert nennt eine ganze Reihe solcher Fragen, darunter: Wer haftet, wenn der Roboter einen Fehler macht? Welche Daten erfasst er? Darf ein Roboter mit einer deliranten Patientin allein gelassen werden? Ist es zulässig, ihm die Stimme der Tochter zu geben, wenn er einem Heimbewohner mit Demenz vorliest? Anders als bei der Pflege sind in der Gesundheitstherapie Roboter seit einigen Jahren Standard. «Robotikgestützte Technologie wird in vielen Schweizer Reha-Kliniken eingesetzt», weiss Verena Klamroth. Die Neurologin und Dozentin am ZHAW-Institut für Ergotherapie forscht schon länger zum Thema. Was ein Reha-Roboter draufhat, erläutert sie am Beispiel des Schlaganfalls. Das häufige Krankheitsbild kann halbseitige Lähmungen zur Folge haben. Vereinfacht gesagt muss das Hirn wieder lernen, einen Arm zu bewegen, etwa um eine Tasse zu greifen. Der Lerneffekt stellt sich auch dann ein, wenn der Arm passiv bewegt wird. Wichtig sei, dies intensiv zu wiederholen, sagt die Medizinerin: «Da schafft der Roboter eine Häufung, die der Therapeut in einer Stunde nie erreichen wird.» Zu schwer sei der Arm des Patienten. Der nimmermüde Trainingsroboter erkennt dank Künstlicher Intelligenz auch, wann der Patient die Bewegung selbstständig auszuführen beginnt, und nimmt sich zurück. Damit die Armbewegung nicht monoton ausfällt, ist der Roboter mit virtueller Realität verbunden: Der Patient macht auf dem Monitor ein Ballspiel oder führt einfache Aufgaben in der Küche aus. Studien zum Therapieerfolg zeigen: Die Roboter machen ihre Sache prima, sogar leicht besser als der Therapeut. Dennoch werde der Roboter nie den Therapeuten ersetzen, ist auch diese ZHAW-Expertin überzeugt. Der Roboter kriege zwar das rein motorische Training gut hin, doch höhere Therapieziele wie Aktivität oder Teilhabe im Leben seien ihm zu komplex. Da brauche es immer noch die fachliche Expertise. «Robotik ist nur ein Werkzeug», unterstreicht Klamroth. Das Berufsbild der Ergo- und Physiotherapie werde sich aber insofern verändern, als es in bestimmten Bereichen künftig eine Zusatzausbildung brauche, um mit der Technologie umzugehen. Denn diese entwickelt sich rasch weiter. Robotik wird nicht mehr nur bei neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall oder Parkinson eingesetzt, sondern immer mehr auch in der Orthopädie. Für vielversprechend hält die Forscherin Assistenzsysteme wie die intelligente, im 3-D-Drucker hergestellte Handprothese: «Es gibt inzwischen Prothesen mit Gefühlen.» Diese Roboterhände wüssten sogar mit einem rohen Ei umzugehen. Die Gesundheitskosten in der Schweiz steigen Jahr für Jahr, so auch die Krankenkassenprämien. Ist Robotik-Technologie ein Mittel dagegen? Wenn ja, mit welchen Folgen? «Ich bin vorsichtig optimistisch, dass der Einsatz von Robotik und anderen Digital-Health-Lösungen ein guter Beitrag sein kann, um sowohl die Qualität der Gesundheitsleistungen zu erhöhen als auch die Kosten zu dämpfen», sagt der Gesundheitsökonom Alfred Angerer, Professor an der ZHAW. Ein Roboter sei pro Stunde Einsatz in der Regel günstiger als ein Mensch, die Preise für Anschaffung und Wartung der Robotik dürften in einem Hochlohnland wie der Schweiz relativ rasch amortisiert sein. Studien dazu fehlten aber noch, so Angerer. Und Technologie allein reiche nicht aus, um aus der Kostenspirale rauszukommen, relativiert er. Auch müsse das Personal nicht bangen, bald überflüssig zu werden. Die Entwicklung von Robotik werde derzeit nicht aus Kostensicht vorangetrieben, im Vordergrund stünden Fortschritte bei der Qualität und die Entlastung des Gesundheitspersonals: «Der Fachkräftemangel ist so gross, dass jede technische Hilfe willkommen ist.» Susanne Wenger

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