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Vom Wunsch, kinderlos zu bleiben, von einer SAC-Hütte und Zwangsarbeit

Jemand kann seine Adresse nicht angeben, ist nicht krankenversichert und wird stets begleitet: Dies können Hinweise auf Menschenhandel und Zwangsarbeit sein. Betroffene sind oft extremen Formen von körperlicher, sexueller sowie physischer Ausbeutung ausgesetzt und werden von der Aussenwelt abgeschottet. Sich zu wehren oder Hilfe zu holen, fällt ihnen schwer. Entscheidend seien Drittpersonen, die ihre Situation erkennen, stellen Angèle Lavignac und Sahar Ana Richter fest. «Gesundheitsfachpersonen könnten eine grössere Rolle beim Erkennen von Menschenhandel spielen», sagen sie. Ärztinnen, Ärzte, Pflegende und Hebammen zählten zu den wenigen Berufsgruppen, die mit Betroffenen direkt in Kontakt kommen. «Damit sie adäquat reagieren können, müssen sie sensibilisiert und geschult werden.» Die Autorinnen lis­ten Merkmale für eine mögliche Ausbeutung auf. Dazu zählen Sprachbarrieren, fehlende Ausweisdokumente, Drogenkonsum und auffällige Begleitpersonen. Betroffene nehmen eher spät medizinische Hilfe in Anspruch. Sie leiden häufig unter nicht unfallbedingten Verletzungen und gynäkologischen Beschwerden. «Es braucht ein geschultes Auge, um Menschenrechtsverletzungen zu erkennen», sagt Angèle Lavignac. Betroffene seien im Sexhandel, aber ebenso auf Baustellen oder in Haushalten zu finden. Bei einem Verdacht sollten Hebammen sensibel nachfragen und über Unterstützungs­angebote informieren, sagt Sahar Ana Richter. «Dafür sollten sie mit der Person allein sein.» Die Konkordiahütte liegt auf einem Felsen hoch über dem Aletschgletscher. Zu erreichen ist sie über das Eis und steile Metalltreppen. SAC-Hütten seien zugleich «Betroffene» wie auch «Mitverantwortliche» der Umweltproblematik, stellt Lara Bieler fest, die am Departement für Life Sciences und Facility Management studiert hat. «Einerseits sind sie stark von den klimatischen Veränderungen betroffen, da Gletscherschmelze und sinkende Wasserreserven ihre Versorgungssicherheit und Infrastruktur erheblich belasten. Andererseits tragen sie durch ihren Betrieb auch selbst zur Umweltbelastung bei.» Ein grosser Teil der CO₂-Emissionen ist auf Transporte per Helikopter zurückzuführen. Bieler zeigt auf, dass sich diese durch eine optimierte Logistik deutlich senken lassen. Schmelzwasser könnte nicht nur für Heissgetränke, sondern auch als Trinkwasserquelle genutzt werden, damit weniger PET-Flaschen angeliefert werden müssen. Die Toilettenabfälle liessen sich durch eine Wurmkompostierung verringern. Handlungsbedarf sieht die Autorin zudem bei den Abwasserströmen. Sie schlägt eine stromlose Klein-Kläranlage vor, um stark verschmutztes Wasser aus der Küche aufzubereiten, bevor es in die Umwelt gelangt. Mit einer Recycling-Station könnte leicht verschmutztes Wasser aus Duschen und Lavabos für die Textilwaschmaschine wiederverwendet werden. Das Energiesystem liesse sich mit einer Wärmepumpe und einer erweiterten Photovoltaikanlage optimieren. «Schon einfache Massnahmen, die ressourcenarm umzusetzen sind, würden viel bewirken.» Zwischen Selbstbestimmung und Vorurteilen: So umschreibt Jacqueline Wechsler, was junge Menschen erleben, die keine Kinder bekommen und sich sterilisieren lassen möchten. In ihrem Podcast zeigt sie anhand von vier Personen auf, wie unterschiedlich der Weg zum operativen Eingriff sein kann. «Er ist in manchen Fällen schwierig, aber durchaus möglich», sagt sie. Kaum negative Erfahrungen machte eine heute 57-jährige Frau, die sich 1996 ihre Eileiter veröden liess. Gesetzliche Bestimmungen spezifisch zur Sterilisation gab es damals noch nicht. Erst 2005 wurde etwa festgelegt, dass Patientinnen oder Patienten volljährig und urteilsfähig sein müssen. «Es hat mich überrascht, wie reibungslos sich diese Gesprächspartnerin sterilisieren lassen konnte», sagt Wechsler, die am Departement Angewandte Linguistik studiert hat. Deren Gynäkologin habe die Operation bereits nach einem Gespräch aufgegleist. «Das ist auch heute noch nicht selbstverständlich.» Eine andere Frau berichtet, dass sie sich von Ärztinnen und Ärzten zu wenig ernst genommen fühlte. Als sie sich mit 21 Jahren für den Eingriff anmelden wollte, hiess es, sie sei viel zu jung dafür. Sie wurde immer wieder zu Besprechungen aufgeboten und unter anderem gefragt, was ihr Partner von ihren Plänen halte. «Sie wollten mich einfach nicht verstehen», kritisiert die Frau. «Das war frustrierend.» Erst nach einem psychologischen Gutachten wurde sie schliesslich operiert. Mit deutlich weniger Aufwand gelangte der einzige männliche Protagonist des Audio­stücks ans Ziel. Er wurde mit 24 Jahren unmittelbar nach dem Vorgespräch unterbunden. Er vergleicht seine Vasektomie mit einem «aufgeschobenen Zahnarztbesuch, den man endlich gemacht hat.» Eveline Rutz

Vom Schulschwänzen, Palmöl und von smarter Navigation

Palmöl herzustellen, belastet die Umwelt. Nicht nur, weil für Plantagen Regenwald gerodet wird. Sondern auch, weil beim Pressen der Früchte Reststoffe zurückbleiben. In Ölmühlen fallen unter anderem leere Fruchtstände sowie Prozessabwasser an. «Werden diese Rückstände unkontrolliert gelagert, können sie erhebliche Umweltprobleme verursachen», sagt Marion Seger, die am Departement Life Sciences und Facility Management studiert hat. Aus logistischen und finanziellen Gründen bleibt das überwiegend organische Material meist in der Nähe der Mühlen liegen. Feste Pflanzenreste werden in Haufen aufgeschichtet oder verbrannt, flüssige Nebenprodukte werden in offenen Becken gesammelt. Diese Methoden führen zu anaeroben Verhältnissen und somit dazu, dass viel Methan entweicht. «Kompostieren ist eine der vielversprechendsten Strategien, um dem entgegenzuwirken», betont die Bachelorabsolventin. Sie sei wirkungsvoll und lasse sich relativ einfach umsetzen. Wie Kompostmieten aus leeren Fruchtständen und Prozessabwasser optimalerweise angelegt, bewässert und gewendet werden, hat Seger in der Elfenbeinküste untersucht. Sie ist dabei vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und einem lokalen Team unterstützt worden. Ihre Messungen, Laboranalysen und Pflanzentests dokumentieren, dass die Abfälle von Palmölmühlen nachhaltig verwertet werden und klimaschädlichen Importdünger ersetzen könnten. Die Produzierenden würden von einer günstigeren Alternative, fruchtbareren Böden und besseren Ernten profitieren. Vor Ort würden zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Zudem lasse sich Biogas daraus gewinnen. «Das wäre ein weiterer wichtiger Baustein für eine nachhaltige Produktion.» Bis in einer Schule auffällt, dass ein Kind übermässig schwänzt, kann es dauern. «Schulabsentismus zu erkennen, ist häufig sehr schwierig», sagt Anna Borghetti, die an der ZHAW Soziale Arbeit studiert hat. Lehrpersonen seien mit grossen Klassen konfrontiert und müssten vielfältigen Anforderungen gerecht werden. Schulmeidendes Verhalten entwickle sich zudem meist schleichend. Es beginne etwa mit einer passiven Haltung im Unterricht und gelegentlichem Fernbleiben, bis sich die Absenzen häuften. «Die Problematik wird oft unterschätzt und hauptsächlich als administrative Herausforderung betrachtet.» Dadurch kann wertvolle Zeit verstreichen, in der sich Betroffene von der Schule entfremden und das Risiko negativer Folgen für ihre weitere Entwicklung steigt. «Es ist entscheidend, frühzeitig, geschlossen und interprofessionell aktiv zu werden», sagt die Autorin. Schulabsentismus sei nicht als individuelles Fehlverhalten, sondern als Ausdruck ineinandergreifender Belastungsfaktoren zu verstehen. Das Konzept der «Neuen Autorität» bietet Orientierung für ein gemeinsames Verständnis und ein handlungsleitendes Vorgehen, etwa durch wachsame Präsenz, gewaltfreie Kommunikation und den Aufbau eines unterstützenden Netzwerks. Schulsozialarbeitende verfügen über Ressourcen und Kompetenzen, um dabei eine vermittelnde Rolle zu übernehmen. Sie können dazu beitragen, Ursachen und Dynamiken zu verstehen, und die Rückkehr in den Schulalltag begleiten und dabei das betroffene Kind, dessen Eltern, Lehrpersonen sowie externe Fachkräfte einbinden. «Ziel ist es, Überforderung zu vermeiden, Selbstwirksamkeit zu stärken und Vertrauen aufzubauen», sagt Borghetti, die für die Reintegration einen praxisnahen Handlungsplan vorlegt. Weniger Unfälle, Stau und Umweltbelastungen: Autonomes Fahren soll den Verkehr positiv verändern. «Die Technologie ist vielversprechend und entwickelt sich rasant», sagt Sandro Bachmann, der an der School of Engineering Systemtechnik studiert hat. Bis sich Fahrzeuge selbstständig und sicher in komplexen, sich dynamisch verändernden Umgebungen bewegen, müssen die Navigationssysteme allerdings noch verbessert und intensiv trainiert werden. Neben realen bieten sich dafür virtuelle Testflächen an. «Man kann beliebige Szenarien simulieren und ein Modell rund um die Uhr kostengünstig und sicher vorantreiben», erklärt Bachmann. Zusammen mit Batuhan Ayfer hat er im Open-Source-Framework CARLA ein Simulationsgebiet gestaltet, mit dem sich die autonome Steuerung des Elektromobils «Nina» weiterentwickeln lässt. Das Gefährt stammt aus der Entwicklungsabteilung von KYBURZ Switzerland, wo Ayfer arbeitet. Es wird an der ZHAW für Forschungszwecke eingesetzt und ist erstmals für eine Bachelorarbeit genutzt worden. «Nina» ist mit mehreren Sensoren ausgestattet, die unter anderem mittels Laserimpulsen Entfernungen messen und bisher die Basisdaten für das autonome Fahren lieferten. «Wir nutzen nun zusätzlich die Frontkamera», sagt Batuhan Ayfer. Sie liefert weitere Informationen über eine Verkehrssituation, welche mit KI ausgewertet werden. Neu muss das Elektromobil eine Strecke nicht mehr kennen, damit es sie autonom zurücklegen kann. Ein von den ZHAW-Absolventen entwickelter Algorithmus berechnet zwischen Start- und Zielpunkt kontinuierlich die anzufahrenden Wegpunkte, die sich dynamisch an die Umgebung anpassen. Er leitet aus den Kameradaten also direkt ab, wie «Nina» navigieren soll. Darauf können künftige Forschungsarbeiten und reale Anwendungen aufbauen. Eveline Rutz

Training für alle Sinne 

Wer sich am Knie verletzt hat, braucht Geduld. Neun bis zwölf Monate dauert etwa nach einem Kreuzbandriss die Rehabilitation, bei der Betroffene einzelne Bewegungen immer wieder üben müssen. Das Risiko, sich erneut zu verletzten, ist hoch. In eine virtuelle Welt einzutauchen, kann da hilfreich sein. «Exergames können langwierige Therapien optimal ergänzen», sagt Eveline Graf , Leiterin des Bewegungslabors am Institut für Physiotherapie (IPT). Exergames seien nicht nur unterhaltsam und motivierend, sondern ermöglichten es zudem, verschiedene Fähigkeiten gleichzeitig zu trainieren. Nutzer:innen würden körperlich und kognitiv herausgefordert: Sie müssten beispielsweise auf gewisse Reize reagieren und andere ignorieren. So trainierten sie Aufmerksamkeit und Reaktion. In einem herkömmlichen Setting sei es schwieriger, zusätzliche Aufgaben zu stellen, sagt Graf. «Die klassische Physiotherapie fokussiert stark auf physische Abläufe.» Exergames können gerade in einer fortgeschrittenen Phase der Rehabilitation sinnvoll sein. Sie fordern Nutzer:innen heraus, physiotherapeutische Übungen korrekt auszuführen, auch wenn Unerwartetes geschieht. Sie kreieren Situationen und provozieren Bewegungen, die nah am Alltag sind. Damit können die Games die Rückkehr in den Sport erleichtern und möglicherweise die Gefahr erneuter Verletzungen reduzieren. «Sie bereiten Patient:innen auf diesen so wichtigen Übergang vor», sagt Eveline Graf. Die ZHAW-Professorin und ihr Team haben ein Spiel für die Rehabilitation nach einem Kreuzbandriss mit entwickelt. Für «The Dome» haben sie mit dem Departement für Design der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und der Sphery AG zusammengearbeitet. Von der Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen (DIZH) sind sie finanziell unterstützt worden. «Kreuzbandrisse kommen häufig vor, sind schwer und erfordern mehrere Monate Physiotherapie», sagt Graf. Entsprechend gross sei das Bedürfnis, in der Behandlung dieser Verletzung über ein zusätzliches Werkzeug zu verfügen. «Games können die Rückkehr in den Sport erleichtern und die Gefahr erneuter Verletzungen reduzieren» Eveline Graf, Institut für Physiotherapie «The Dome» lässt einen virtuell in eine Stadt eintauchen. In steigendem Tempo geht es an modernen Häuserfronten vorbei. Mal steht man auf einem, mal auf zwei Beinen, mal muss man sich ducken, mal in die Höhe springen. Gleichzeitig gilt es, vorbeiziehende Punkte anzutippen, und schliesslich wechselnde Farbflächen zu erwischen. Die Anforderungen nehmen laufend zu – das spornt an und bringt ins Schwitzen. «Die Therapeut:innen bestimmen, wie anspruchsvoll und intensiv trainiert wird», betont Eveline Graf. Sie evaluierten, ob sich ein Game für eine Person eignet, passten die Einstellungen individuell an und überwachen das Training. «Das überlässt man nicht der Maschine.» Trainiert wird in einem so genannten Exercube. Die Athlet:innen positionieren sich in der Mitte des würfelartigen Trainingsgeräts. Sie sind nun auf drei Seiten von hohen Wänden umgeben, auf die das Videospiel projiziert wird. Damit Kameras und Sensoren ihre Bewegungen erfassen können, tragen sie Tracker an den Hand- und Fussgelenken. Wie gut Nutzer:innen einzelne Übungen meistern, erfahren sie dank akustischen und optischen Signalen unmittelbar. Am Ende des Spiels zeigt ihnen der Exercube eine Zusammenfassung der erbrachten Leistung an. Anhand der Daten können Anpassungen vorgenommen und der Verlauf einer Therapie kann über einen längeren Zeitraum nachvollzogen werden. Wie Graf betont, werden auf dem Gerät keine sensiblen Informationen gespeichert. «Man kann anonym trainieren.» Um «The Dome» zu entwickeln, sind im Bewegungslabor der ZHAW zahlreiche Messungen vorgenommen worden. Wie solche anonymisierten Bewegungsdaten als Open Research Data öffentlich zugänglich gemacht werden können, wird im Projekt «MoveD» untersucht. Im Rahmen des laufenden Projekts haben sich Forschende des IPT gemeinsam mit dem Team von «ZHAW Services Forschungsdaten» sowie Schweizer Bewegungslaboren unter anderem mit Fragen des Datenschutzes und technischen Aspekten befasst und entsprechende Guidelines erarbeitet. «Dank den Leitlinien sollen Labormessungen zugänglicher werden», sagt Projektleiterin Graf. Grosse, anonymisierte Datensätze ermöglichten es, neuen Fragestellungen nachzugehen. «The Dome» kann in einzelnen Kliniken, Praxen und beim Hersteller des Exercubes bereits genutzt werden. Der Kreis der Anwendenden ist allerdings noch überschaubar. Dies nicht zuletzt, weil dafür gewisse finanzielle Investitionen anfallen. «Günstigere Lösungen, die sich schneller verbreiten, wären sicher wünschenswert», räumt Graf ein. Einige Produkte seien auch als mobile Varianten erhältlich, die zu Hause eingesetzt werden könnten. «Exergames haben in der Sportrehabilitation enormes Potenzial, das bei Weitem noch nicht ausgeschöpft wird.» Es fehle sowohl im Gesundheitswesen als auch in der Bevölkerung an Know-how. Um dies zu ändern, haben Mitarbeitende der ZHAW und der ZHdK eine Website erstellt, die aktuelle Informationen bereit stellt und allgemein über die digitale Therapieform informiert. Das Projektteam konzipiert des Weiteren spezifische Workshops für einzelne Zielgruppen aus dem Gesundheitswesen und dem Bildungsbereich. Ausserdem tritt es auf Messen sowie Kongressen auf. All diese Massnahmen sollen Interessierten die Möglichkeit geben, Exergames niederschwellig kennenzulernen und auszuprobieren. «Fachleute und Patient:innen sollten wissen, wie Exergaming wirkt und eingesetzt wird», sagt Eveline Graf. Sie sollten sich der Vorteile des video-unterstützten Trainierens bewusster werden. «The Dome» löse überwiegend positive Reaktionen aus, sagt die Bewegungswissenschaftlerin zufrieden. Das spielerische und unterhaltsame Training mache Spass. Es müsse allerdings professionell begleitet werden. «In der Rehabilitation gehören Exergames in die Hände von Fachleuten.» (Bilder: Conradin Frei) Eveline Rutz

Von der Energiewende und Alzheimer-Diagnosen per App

Wer in die Schweiz einwandert, soll sich integrieren. So sieht es die Gesetzgebung vor. Um ausländerrechtliche Bewilligungen zu erlangen, müssen Migrantinnen und Migranten daher gewisse Anforderungen erfüllen. Sie erleben allerdings häufig Diskriminierungen, die ihnen dies erschweren. «Sie befinden sich in einem Spannungsfeld», sagt Anja Herrli. Die ZHAW-Absolventin hat im Rahmen eines Praktikums zugewanderte Jugendliche betreut. «Sie sollen eine Ausbildung machen, werden aber benachteiligt, wenn sie nur schon einen Platz für eine Schnupperlehre suchen.» Wie Herrli in ihrer Abschlussarbeit aufzeigt, ist die Situation für vorläufig aufgenommene Personen besonders schwierig. Dabei handelt es sich um Menschen, die kein Asyl erhalten, jedoch nicht zurückgewiesen werden können. Etwa weil ihnen in ihrer Heimat Krieg, Verfolgung oder eine medizinische Notlage droht. «Ihr Alltag ist häufig von Verboten und Einschränkungen geprägt», so die Autorin. Vorläufig Aufgenommene müssen beispielsweise ein Gesuch stellen, wenn sie den Kanton wechseln möchten. Sie erhalten tendenziell weniger Sozialhilfe und haben geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. «Um sie zu unterstützen, sollten sich Sozialarbeitende mit deren Lebenswelt auseinandersetzen», sagt Herrli und streicht die Bedeutung interkultureller Kompetenzen hervor. Angebote sollten einfach zugänglich sein und Partizipationsmöglichkeiten bieten. Mit sozialer Arbeit sollte Diskriminierungen präventiv entgegengewirkt werden und auf politischer Ebene für Verbesserungen gesorgt werden. Lithium spielt eine zentrale Rolle, wenn fossile Brennstoffe ersetzt werden sollen. Das Leichtmetall wird unter anderem in Akkus eingesetzt, wie sie in E-Bikes, E-Autos und zur Speicherung von Energie aus erneuerbaren Quellen verwendet werden. «Lithium wird für die Energiewende entscheidend sein», sagt Nicolas Müller, der an der School of Management and Law studiert hat. Die Nachfrage nach dem Metall werde in den nächsten Jahren stark zunehmen. 2030 dürften 300’000 Tonnen Lithium fehlen, wenn der Abbau nicht intensiviert werde. «Es braucht zusätzliche Anstrengungen und Investitionen», sagt Müller. Grosses Potenzial sieht der ZHAW-Absolvent dafür in Südamerika. Argentinien, Chile und Bolivien verfügen zusammen über Lithium-Reserven von 50 bis 55 Millionen Tonnen. Aktuell produzieren sie rund 54 000 Tonnen pro Jahr. Allerdings belasten herkömmliche Abbauverfahren die Umwelt erheblich. Sie verbrauchen und verunreinigen grosse Mengen an Wasser und Land. Zudem benötigen sie viel Energie, verursachen CO₂-Emissionen, schaden der Biodiversität und können Konflikte mit der lokalen Bevölkerung auslösen. «Investierende sollten auf nachhaltigere Technologien setzen», sagt Müller und nennt als Beispiel die Methode DLE (Direct Lithium Extraction). Er hat ein Excel-Tool programmiert, welches hilft, Projekte in Bezug auf ihre ökologischen und sozialen Folgen zu bewerten. Dieses soll Investmentfirmen helfen, Entscheidungen zu treffen. «So haben sie die Chance, Nachhaltigkeit stärker zu gewichten.» Erkrankungen beeinflussen, wie jemand aussieht, auftritt und wirkt. Alzheimer und Parkinson verändern unter anderem die Mimik, das Sprachverhalten und den Puls eines Menschen. Intelligente digitale Lösungen helfen dabei, solche Hinweise frühzeitig zu erkennen und Betroffene optimal zu behandeln. «Das Potenzial für medizinische Anwendungen ist gross», sagt Pascal Eberhard. Zusammen mit Nicola Kreis hat er eine iOS-Anwendung entwickelt, die Fachleute bei der Diagnose der beiden neurodegenerativen Krankheiten unterstützen kann. Während kognitiver Tests nutzt die App das integrierte Mikrofon sowie die Kameras des iPhones, um Gesichtsausdrücke und die Stimme einer Person aufzuzeichnen. Über einen externen Sensor – einen Pulsmesser – misst sie zudem deren Herzfrequenz. Die gesammelten Daten stellt sie in Echtzeit auf dem Bildschirm dar und bereitet sie für die weitere Analyse auf. Dank künstlicher Intelligenz soll die Anwendung dereinst objektive Informationen dazu liefern, ob jemand an Alzheimer oder Parkinson erkrankt ist oder nicht. «Das Tool muss jetzt noch breiter trainiert und medizinisch überprüft werden», sagen die ZHAW-Absolventen, die sich an einem internationalen Projekt beteiligt haben. Ihre App soll nun von Forschenden der Seoul National University of Science and Technology klinisch getestet und weiterentwickelt werden. Um ihre Anwendung zu demonstrieren, haben Eberhard und Kreis zudem ein Autorenn-Game programmiert. Nutzende steuern darin einen Rennwagen – nicht mit Tasten oder einem Joystick, sondern mit Gesichtsausdrücken. Eveline Rutz

Praxisnahes Lernen im Global Classroom

In Arztpraxen, Apotheken und Spitälern, wo besonders strenge Anforderungen an Hygiene und Sicherheit gelten, fällt viel Abfall an. Weggeworfen werden etwa abgelaufene Medikamente, Einweg-Spritzen und medizinische Instrumente aus den Operationssälen. Systematisch sortiert und wiederverwertet werden sie bislang kaum – obwohl sich darunter wertvolle Materialen, aber auch Stoffe mit bekannten Umweltrisiken befinden. Woran liegt das? Und: Wie lässt sich die Pharmaindustrie zu mehr Nachhaltigkeit bewegen? Solchen Fragen gehen Masterstudierende des International Management Institute in internationalen interdisziplinären Forschungs- und Entwicklungsprojekten nach. Sie kommen dabei nicht nur in ihrem Fachbereich weiter, sondern eignen sich zusätzlich überfachliche Kompetenzen an, die sie in ihrem späteren Berufsalltag brauchen werden. «Die Businesswelt ist komplexer geworden», sagt Albena Björck , welche die Kooperationen aufgebaut hat und leitet. Es gebe heute in der Schweiz kaum eine Unternehmenstätigkeit, die nicht eine internationale Komponente habe. Führungskräfte seien gefordert, mehrere Anspruchsgruppen in unterschiedlich regulierten Umfeldern zu verstehen und zu navigieren. Sie arbeiteten vermehrt in hybriden Teams mit Fachleuten aus mehreren Disziplinen und Ländern zusammen. «Was die studentischen Teams jeweils an Ideen, Konzepten und Maschinen entwickeln, ist beeindruckend.» Albena Björck, Dozentin und Forscherin am International Management Institute «Auf diese realen Herausforderungen bereiten wir unsere Studierenden vor», betont die ZHAW-Dozentin. Klassische Lehr- und Lernformate, herkömmliche Austauschprogramme oder interkulturelle Trainings genügten dafür allerdings nicht. Um Schlüsselkompetenzen wie Ambiguitätstoleranz oder agiles Denken zu vermitteln, brauche es andere Ansätze. Studierende müssten mit offenen Aufgaben, volatilen Rahmenbedingungen und wenig strukturierten Unterrichtsformen konfrontiert werden. «Sie sollen etwas Neues lernen und befähigt werden, Veränderungen anzustossen», sagt Albena Björck und verweist auf die strategischen Ziele der ZHAW , die dazu ausbilden, international, unternehmerisch und transformativ tätig zu sein. Um dem gerecht zu werden, setzt die frühere Managerin seit einigen Jahren verstärkt auf interdisziplinäre und internationale Kooperationen. Ausgangspunkt sind dabei Themen aus der Praxis. Global tätige Firmen wirken als Auftraggeber und Sponsoren mit. Mit der Pharmabranche sowie den Universitäten Stanford (USA) und Chalmers (Schweden) hat Björck eine enge Form der Zusammenarbeit gefunden und etabliert. Während mehrerer Monate gehen Business-, Economics-, Engineering-, Entrepreneurship- und Design-Studierende gemeinsam aktuelle Herausforderungen an. Im Global Classroom wirken jeweils acht bis zwölf Teilnehmende mit. Sie arbeiten online und an mindestens einem der Standorte zusammen. Wenn sie sich gegenseitig besuchen, erhalten sie auch einen Einblick in die Geschäftsbereiche der Businesspartner. Sie tauschen sich mit weiteren Expert:innen, Coaches und Alumni aus. Die Kooperationen folgten keinem starren Konzept oder fixen Abläufen, betont Björck. «Das verlangt von allen Beteiligten Offenheit, Flexibilität und den Willen, zu gestalten.» Das Studienformat hat sich bislang mit medizinischen und pharmazeutischen Abfällen befasst. Bei der ersten Durchführung untersuchten Masterstudierende aus der Schweiz und den USA, was es braucht, damit abgelaufene und ungenutzte Tabletten vermehrt zurückgeführt werden. Sie evaluierten bestehende Hürden, erstellten Marktanalysen und zeigten mögliche Rücknahmesysteme auf. Sie entwickelten zudem innovative Vertriebs- und Verpackungsmodelle, die weniger Abfall erzeugen, und bauten einen Prototyp. «Gerade in der heutigen KI-Zeit ist die Businesspraxis auf Fachleute angewiesen, die Brücken bauen können.» Albena Björck, Dozentin und Forscherin am International Management Institute Die Pharmaindustrie habe erkannt, dass sie kreislauffähiger werden müsse, sagt Björck. Sie habe grosses Potenzial, Ressourcen zu schonen sowie Abfälle, Emissionen und Kosten zu reduzieren. Kreislaufwirtschaft bedinge jedoch, dass international und interdisziplinär vorangegangen werde. Für die Kollaborationen sei das Thema daher geradezu prädestiniert. In einem anderen Durchgang arbeiteten studentische Teams an Innovationen für Nachhaltigkeit in den Operationssälen. Medizinische OP-Instrumente werden häufig verbrannt, was mit Zeitdruck, engen Räumlichkeiten und der Priorisierung der Patientensicherheit zu tun hat. In der Kollaboration, an der sich auch die Universität Chalmers beteiligte, entstanden ein datengestütztes, kontaktfreies Sortiersystem sowie service- und technologiegetriebene Geschäftsmodelle. Alle drei Projekte sind finanziell ausschliesslich von Pharmafirmen und interdisziplinären Konsortien wie Be Circular ermöglicht worden. «Was die studentischen Teams jeweils an Ideen, Konzepten und Maschinen entwickeln, ist beeindruckend», sagt Albena Björck. Sie gelangten zu greifbaren und marktfähigen Ergebnissen, die in der Praxis weiterverfolgt und umgesetzt würden. Mit Kommiliton:innen renommierter Universitäten zusammenzuarbeiten, spornt die Teilnehmenden an. «Sie wollen zeigen, was sie können – und erreichen ein hohes Niveau.» Die Masterstudierenden eignen sich fachliches Wissen aus den anderen Berufsfeldern an. Jene der ZHAW lernen etwa, wie man Maschinen entwirft und baut. Die Design- und Engineering-Studierenden erfahren wiederum, wie Projektmanagement und der Verkauf von Produkten gelingen. «Alle sind gefordert, mit Risiken umzugehen und selbst zu gestalten», sagt Björck. Sie legten an Selbstbewusstsein und Führungsqualitäten zu. «Das macht sie für den Arbeitsmarkt attraktiv.» Die Businesspartner profitieren nicht nur von Analysen und konkreten Entwicklungen. Sie erhalten zusätzlich eine Aussensicht auf Themen, die sie beschäftigen. «Sie interessieren sich explizit für die Meinung der jungen Generation», sagt Björck. Sie selbst erlebt den Austausch ebenfalls als bereichernd. «Er hat auch mich in meiner Lehr- und Forschungstätigkeit weitergebracht.» Damit die Zusammenarbeit gelingt, müssen aber alle bereit sind, «die Extrameile zu gehen». Sie sind gefordert, mit unterschiedlichen Zeitzonen, Curricula, Ferien und Prüfungsphasen umzugehen. Sie werden mit anderen Mentalitäten und Mindsets konfrontiert. Das macht Koordination und Kommunikation herausfordernd: «Einige erwarten schnell eine Antwort, andere lassen sich mehr Zeit.» Arbeitsweisen, Motivationen und Erwartungen unterscheiden sich. «In unseren Breitengraden neigt man dazu, alles viel zu schnell und zu stark zu strukturieren», sagt Albena Björck. Um komplexe Probleme zu lösen, lohne es sich jedoch, Innovationsprozesse lange offen zu halten. Gerade in Phasen der Unsicherheit könnten einzelne Persönlichkeiten – «wie im realen Geschäftsleben» – aneinandergeraten. Um die Motivation hochzuhalten, planen die Projektleitenden regelmässig Höhepunkte ein. Dazu zählen auch Ausflüge und Aktivitäten, die dem persönlichen Austausch dienen. «Aus dem Programm sind schon einige Freundschaften entstanden», erzählt Albena Björck. Die Herausforderungen unserer Zeit könne man nur interdisziplinär anpacken, betont sie abschliessend. Das gelte auch, wenn Medikamente oder OP-Instrumente nachhaltiger entsorgt werden sollten. Das neue Studienformat vermittle die dafür nötigen Kompetenzen: «Gerade in der heutigen KI-Zeit ist die Businesspraxis auf Fachleute angewiesen, die Brücken bauen können.» Eveline Rutz

Vorurteile können fatale Folgen haben

Dicke Menschen gelten als undiszipliniert. Zugewanderte werden als krimineller eingeschätzt als Einheimische. Männer werden eher in der Chefrolle gesehen als Frauen. Das menschliche Hirn assoziiert blitzschnell. Manche Zuschreibungen geschehen bewusst, andere unbewusst. «Solche tief verwurzelte Denkmuster beeinflussen unser Verhalten», sagt Ursula Meidert vom Institut für Public Health . Im Gesundheitswesen können Vorurteile fatale Folgen haben. So kommt es vor, dass Patientinnen und Patienten – je nach physischen Merkmalen oder Eigenschaften – unterschiedlich behandelt werden und gesundheitliche Nachteile erleiden. «Das widerspricht dem Grundsatz, dass Personen bei gleichen medizinischen Sachverhalten die gleiche Behandlung erfahren sollten.» Die Soziologin hat sich in den letzten zwei Jahren im Rahmen einer 40-Prozent-Forschungsstelle in das Thema vertieft. Sie kommt zum Schluss, dass sogenannte «unconscious biases» im medizinischen Umfeld weit verbreitet sind. Sie lassen sich bei der Ärzteschaft ebenso nachweisen wie beim Pflegepersonal. Andere medizinische Berufsgruppen sind von der Forschung bislang zwar weniger berücksichtigt worden. Doch die vorhandenen Studien dokumentieren voreingenommenes Denken beispielsweise auch bei Fachpersonen aus Ergotherapie, Physiotherapie und bei Hebammen. «Da sind keine Unterschiede auszumachen.» Solche schnellen Kategorisierungen ersparen dem Gehirn bei wiederkehrenden Entscheidungen Arbeit. Sie geben bei Unsicherheiten Orientierung. Sie dienen gewissermassen als Abkürzung. «Diese Fähigkeit ist wahrscheinlich eine evolutionäre Entwicklung, die helfen sollte, das Überleben zu sichern», sagt Ursula Meidert und fährt fort: «Es ist spannend, welche Macht unbewusste Einstellungen haben. Wir denken, dass wir logisch handeln. Doch die Forschung zeigt deutlich, dass das häufig nicht so ist.» «Wir denken, dass wir logisch handeln. Doch die Forschung zeigt deutlich, dass das häufig nicht so ist.» Ursula Meidert, Institut für Public Health am Departement Gesundheit Zuschreibungen ergeben sich in erster Linie daraus, wie eine Person aussieht, auftritt und kommuniziert. Sie basieren auf Merkmalen wie der Hautfarbe, dem Geschlecht, dem Alter, dem Gewicht oder dem sozioökonomischen Status. «Gewisse Stereotype sind universell», hält Meidert fest. Tatsächlich werden Frauen weltweit anders wahrgenommen als Männer. Sie werden vom Gesundheitspersonal beispielsweise als wehleidiger eingestuft. Sie müssen folglich länger warten, bis ihnen Schmerzmittel verschrieben werden, und erhalten weniger starke Medikamente. Frauen werden seltener zu zusätzlichen Abklärungen aufgeboten als Männer mit denselben Beschwerden. Ihre Leiden werden zudem häufiger psychosomatisch erklärt. Auch die Herkunft eines Menschen kann zu Diskriminierungen führen. Gut belegt sind rassenbedingte Vorurteile in den USA. People of Colour werden in den Vereinigten Staaten weniger aufwendig untersucht und behandelt als weisse Menschen. Sie haben ein höheres Risiko für schwere Krankheitsverläufe und sterben früher. Solche Benachteiligungen sind auf historische sowie kulturelle Wertungen zurückzuführen. Sie werden durch Sozialisation erlernt. In anderen Weltregionen lassen sich negative Einstellungen gegenüber anderen ethnischen Minderheiten feststellen. In der Schweiz sind beispielsweise Migrantinnen und Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien davon betroffen. «Das medizinische Personal diskriminiert nicht bewusst», betont Ursula Meidert. Je eindeutiger eine Diagnose sei, desto seltener kämen unbewusste Einstellungen zum Tragen. Gehe es zum Beispiel darum, ein künstliches Kniegelenk einzusetzen, spiele die Herkunft einer Person keine Rolle. Anders sei es, wenn Unsicherheit herrsche und beispielsweise die Ursache von Schmerzen nicht klar ausgemacht werden könne. Dann kämen andere Aspekte der Person, die eigentlich nichts mit der Erkrankung zu tun hätten, wie das Geschlecht oder die Herkunft ins Spiel. «Je entscheidender die Kommunikation ist, desto stärker wirkt sich ‘unconscious bias’ aus.» Studien belegen des Weiteren, dass sich eine hohe kognitive Belastung, Zeitdruck und Müdigkeit auswirken. Sie machen Menschen anfälliger dafür, nach erlernten Kategorisierungen zu handeln. «Sich zu hinterfragen und die eigenen Stereotype zu kennen, ist ein erster Schritt zu weniger Diskriminierung.» Ursula Meidert, Institut für Public Health Wer sich mit den eigenen Denkmustern auseinandersetzen will, kann einen Impliziten Assoziationstest (IAT) machen. Im Internet ist eine breite Palette zu finden, die verschiedene Faktoren berücksichtigt. Den Studierenden des Moduls «Gesundheit und Geschlecht» empfiehlt Meidert jeweils, sich mit Geschlechterstereotypen zu befassen. «Sich zu hinterfragen und die eigenen Stereotype zu kennen, ist ein erster Schritt zu weniger Diskriminierung», so die Dozentin. Gesundheitsfachpersonen sollten sich ihren Ausführungen nach möglichst von Fakten leiten lassen. Sie sollten sich für eine Diagnose Zeit nehmen, sich in die Lage des Gegenübers versetzen und sich bei Unsicherheiten mit einer anderen Fachperson austauschen. «So gelangt man zu besseren Einschätzungen.» Die Wissenschaftlerin plädiert dafür, Teams divers zusammenzusetzen. So seien unterschiedliche Prägungen und Perspektiven vertreten. Mitarbeitende könnten sich mit Menschen aus anderen Lebenswelten austauschen und voneinander lernen. «Es werden bessere Entscheidungen getroffen.» Wichtig sei es zudem, dass sich Institutionen in einem Code of Conduct dazu verpflichteten, alle Patientinnen und Patienten gleich zu behandeln. Dies gebe Orientierung. In der Aus- und Weiterbildung sollte das Thema mehr Raum erhalten und das Personal müsse in der Kommunikation mit vulnerablen Gruppen ‒ wie Minderheiten ‒ geschult werden. In einer nächsten Studie will Ursula Meidert untersuchen, wie verbreitet «unconscious bias» beim Gesundheitspersonal in der Schweiz ist. Am Institut für Public Health hat sie bereits angeregt, dass Leistungsnachweise nicht mehr mit dem Namen der Studierenden, sondern mit deren Matrikelnummer gekennzeichnet werden. An einer internen Veranstaltung im Dezember soll weiter darüber diskutiert werden, wo erlernte Stereotypen im Hochschulalltag vorkommen und was man dagegen tun kann. «Jeder hat unbewusste Vorurteile», sagt sie. Entscheidend sei, sich deren bewusst zu werden und einen guten Umgang damit zu finden.» Eveline Rutz

Von frischem Bier und Ergotherapie bei Krebs

Wie ein Bier aussieht, sagt viel über seine Qualität aus. Je nach Inhaltsstoffen sind Farbe, Trübheit und Fluoreszenz anders ausgeprägt. Ein frisches Bier absorbiert Licht beispielsweise anders als ein abgestandenes. Optische Verfahren eignen sich denn auch dazu, die Qualität eines Getränks festzustellen. «Sie ermöglichen es, schnell und kostengünstig zu einem Resultat zu gelangen», sagen Elias Angehrn und Luca Scheuss, welche einen Multisensor für Bierqualität gebaut haben. Die Elektrotechniker haben ein bestehendes Gerät weiterentwickelt, mit dem sich Merkmale von Wasser erheben lassen, und eine Software programmiert. Ihr Prototyp enthält eine Lichtquelle, eine Linse sowie verschiedene Detektoren. Er strahlt die eingefüllte Flüssigkeit in verschiedenen Wellenlängen an und misst, wie viel Licht hindurchkommt. Aus dem Verhältnis bestimmt er schliesslich den Farbwert und die Trübung einer Probe. Das Messgerät funktioniere gut, sagt Luca Scheuss zufrieden. «Wie sich Photonik praktisch nutzen lässt, ist faszinierend.» Die Bachelorabsolventen sehen Potenzial darin, die Rolle der Fluoreszenz weiter zu erforschen. «Sie könnte zur Qualitätssicherung bei Bieren an Bedeutung gewinnen.» Ihre Entwicklung verstehen sie als Alternative zu den teuren Prüfgeräten, die vor allem in grossen Brauereien eingesetzt werden. «Das praktische Gerät kann gerade für Personen hilfreich sein, die hobbymässig Bier brauen.» Das Facility Management erbringt in Spitälern viele Leistungen und ist für einen Drittel der Kosten verantwortlich. Dennoch wird es kaum einbezogen, wenn es um die digitale Transformation geht. Der Fokus liegt meist auf dem medizinischen, therapeutischen sowie pflegerischen Bereich. «Man ist sich noch zu wenig bewusst, wie stark das Personal entlastet würde, wenn Prozesse des Facility Management digitalisiert würden», sagt Jelena Ašanin. Das sei ­– gerade angesichts des Fachkräftemangels – bedauerlich. Digitalisierungsprojekte seien kostenintensiv, räumt die ZHAW-Absolventin ein. Man müsse Fachleute engagieren und in die Weiterbildung der Mitarbeitenden investieren. Das sei eine Hürde: «Spitäler stehen sowieso schon unter einem hohen finanziellen Druck.» Um digital voranzukommen, ist es gemäss Ašanin entscheidend, dass die Spitalleitung die Transformation fördert und unterstützt. Zudem muss eine geeignete IT-Infrastruktur zur Verfügung stehen, und alle Beteiligten sollten sich der Vorteile der Digitalisierung bewusst sein. Die verschiedenen Berufsgruppen sollten in einer Projektgruppe eingebunden werden. «Derart einschneidende Veränderungen lassen sich in einem Spital nicht von heute auf morgen realisieren. Es braucht eine Vision, der man sich Schritt für Schritt annähern kann.» Nicht notwendig seien hingegen spezielle Anreize oder Entschädigungen. Die befragten ICT-Führungskräfte seien grundsätzlich bereit, im nichtmedizinischen Bereich mehr zu digitalisieren. Sie müssten dafür aber das notwendige Personal und Geld erhalten. Um sie vor Keimen oder einer Infektion zu schützen, werden Menschen mit einer hämatologischen Krebserkrankung phasenweise isoliert. So etwa nach einer Stammzellentransplantation. Die Isolation wirkt sich einerseits auf das Befinden der Betroffenen aus. Viele fühlen sich einsam, eingesperrt sowie in ihrer Lebensqualität eingeschränkt. Gleichzeitig sind sie sich ihres geschwächten Zustands bewusst und schätzen es, speziell geschützt zu werden. Andererseits erschweren die strengen Hygienemassnahmen die Arbeit des Pflegepersonals und verringern die Therapiemöglichkeiten. «Die Schwierigkeiten sind vielfältig», stellen Alice Dumas und Zoë Maradan fest. Welche Unterstützung eine Person brauche, sei entsprechend individuell. Die Bachelorabsolventinnen zeigen anhand von acht Enablement Skills (Adapt, Advocate, Coach, Consult, Design/Build, Educate, Engage und Specialize) auf, wie sich Ergotherapeutinnen und -therapeuten einbringen können. «Betroffene haben viele Ressourcen», betont Alice Dumas. Diese gelte es zu stärken. Die meisten Patientinnen und Patienten sind etwa optimistisch eingestellt und schöpfen Kraft aus dem Kontakt mit Angehörigen. Sie profitieren davon, wenn sie sich auch in der Isolation mit Dingen beschäftigen können, die ihnen Freude bereiten. Die Ergotherapie kann ihnen helfen, ihnen wichtige Beschäftigungen der Situation anzupassen. «Es geht weniger um funktionelle Aktivitäten», betont Zoë Maradan. Mehr Gewicht hätten emotionale Aspekte. Mitarbeitende der verschiedenen Disziplinen seien gefordert, sich gut auszutauschen und zu ergänzen. Eveline Rutz

Mehr Spass beim Üben

Man bewegt sich mitten durch eine Stadt ‒ vorbei an modernen Häuserfronten, über einen der Himmel. Mal muss man sich ducken, mal in die Höhe springen. Mal steht man auf einem Bein, mal gilt es, vorbeiziehende Punkte anzutippen. Die Aufgaben werden anspruchsvoller, der Ehrgeiz erwacht. Spätestens im «Dome», wo man rasch wechselnde Farbflächen «erwischen» muss, gerät man ins Schwitzen. Wer mit «The Dome» in einem ExerCube trainiert, wird herausgefordert. Ein ExerCube ist wie ein grosser Würfel, bei dem Nutzerinnen und Nutzer von drei Video-Wänden umgeben sind und als Hauptfiguren in einem Videospiel agieren und dabei trainieren. «Das Spiel ‘The Dome’ ist kognitiv und körperlich anspruchsvoll», sagt Eveline Graf , Leiterin des Bewegungslabors am ZHAW- Institut für Physiotherapie . «Es motiviert einen spielerisch dazu, einzelne Bewegungen immer wieder zu repetieren.» In der Rehabilitation nach Knieverletzungen, wofür das Game konzipiert ist, kommt man darum nicht herum. «Es motiviert einen spielerisch dazu, einzelne Bewegungen immer wieder zu repetieren.» Eveline Graf, Leiterin des Bewegungslabors an der ZHAW Bevor man in die virtuelle Welt eintaucht, werden an Hand- und Fussgelenken Tracker befestigt. Sie ermöglichen es den Kameras, die Bewegungen einzufangen. Dann positioniert man sich auf einer Markierung zwischen den drei Wänden, streckt die Arme aus und lässt so seine Körpergrösse feststellen. Nun kann das Spiel starten. «Es beinhaltet typische physiotherapeutische Übungen, die nach einem Kreuzbandriss wichtig sind», sagt Michelle Haas , wissenschaftliche Mitarbeiterin. Neben der Stabilität werden Agilität und Tempo trainiert. Wie gut dies gelingt, meldet das Game optisch und akustisch zurück. Abschliessend listet es die erbrachte Leistung detailliert auf. Das Game richtet sich an Menschen, die das Kreuzband verletzt haben und in der Rehabilitation fortgeschritten sind. Das Exergame «The Dome» ist vom ZHAW- Departement Gesundheit zusammen mit dem Departement Design der ZHdK und der Sphery AG entwickelt und von der Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen (DIZH) finanziert worden. Es richtet sich an Menschen, die das Kreuzband verletzt haben und in der Rehabilitation fortgeschritten sind. Sie sind mit den Übungen vertraut und befinden sich in der Phase, bevor sie das ordentliche Training wieder aufnehmen können. «Häufig fehlt ein Trainingsplan für diesen Übergang», sagt Michelle Haas, die ihre Masterarbeit zu dem Projekt geschrieben hat. Entsprechend hoch sei die Gefahr, sich erneut zu verletzen. Dass sich das Spiel Knieverletzungen widmet, hat damit zu tun, dass diese in vielen Sportarten vorkommen und sehr häufig sind. Sie seien einschneidend und erforderten neun bis zwölf Monate Therapie, sagt Projektleiterin Graf. «Viele Sportlerinnen und Sportler erreichen nicht ihr ursprüngliches Niveau.» «The Dome» hilft Betroffenen, an Sicherheit zu gewinnen. Es animiert sie dazu, auch einmal ans Limit zu gehen. Das digitale Tool spricht mehrere Sinne an. Die Trainierenden sind verschiedenen Reizen ausgesetzt und werden abgelenkt, sodass das verletzte Knie vergessen geht. Ihre Bewegungen fallen weniger kontrolliert aus als in einer klassischen Physiotherapiesitzung. Im ExerCube kommen sie realen Situationen etwa auf dem Fussball- oder Tennisplatz nahe. «Das Game schliesst eine Lücke in der Rehabilitation», betont Eveline Graf. Es bereite Menschen auch mental darauf vor, in ihren Sport zurückzukehren. Angesprochen würden nicht nur Profis, sondern auch Breitensportlerinnen und -sportler. «Exergames können eine klassische Physiotherapie ergänzen», fährt die Wissenschaftlerin vor. «Sie können die Intensität des Trainings erhöhen.» Die Aufgabe der Therapeutinnen und Therapeuten sei es, ein Spiel der individuellen Situation angepasst einzusetzen. «The Dome» verfügt aktuell über drei Levels. Dereinst könnte es sich dem Fortschritt der Nutzerinnen und Nutzer laufend anpassen. Die Projektpartner verfolgen ihr 2021 gestartetes Projekt «ExerUP» weiterhin. Sie wollen unter anderem erforschen, wie wirksam und attraktiv das Spiel ist. Und Eveline Graf stellt zufrieden fest: «Wir erhalten begeisterte Reaktionen – das Training macht Spass.» Spielerisch vorankommen sollen ebenso Kinder, die beim Schreiben Schwierigkeiten haben. Sie sollten an sich intensiv üben, fänden dies aber oft langweilig und mühsam, sagt Frank Wieber, stellvertretender Leiter der Forschung am ZHAW- Institut Public Health . «Was sie tun sollten und tatsächlich tun, geht zuweilen weit auseinander.» Ein Serious Game könne sie motivieren, ihre grafomotorischen Fähigkeiten regelmässig zu trainieren. «Auch wenn wir im Alltag immer mehr digital erledigen, bleibt das Schreiben von Hand zentral.» Frank Wieber, ZHAW-Institut Public Health Es lohne sich, Schreibschwierigkeiten früh anzugehen, betont Annina Zysset , wissenschaftliche Mitarbeiterin. Sie zählten zu den häufigsten Lernstörungen. Sie erschwerten es Schulkindern, dem Unterricht zu folgen und sich zu beteiligen. Sie könnten darüber hinaus zu emotionalem Frust und einem geringen Selbstwert führen. «Je früher man sie behandelt, desto besser.» Ein interdisziplinäres Team der ZHAW, der ZHdK und der PH Zürich hat dafür die «Konditorei Kritzel» entwickelt; es ist dabei von der Digitalisierungsinitiative des Kantons DIZH finanziell unterstützt worden. Das Spiel regt dazu an, Schwungübungen möglichst genau, mit passendem Druck und in einer gewissen Zeit auszuführen. Am Tablet gilt es, eine mehrstöckige Torte zu verzieren. Die Muster wechseln von Etage zu Etage, zuweilen kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen. Ist das Werk vollendet, muss es noch ausgeliefert werden. Auf einer Karte ist der Weg zur entsprechenden Adresse einzuzeichnen. Damit die Spielenden dranbleiben, erhalten sie laufend Feedbacks. Für gute Leistungen werden sie belohnt. Sie haben Erfolgserlebnisse und machen die Erfahrung, dass sie weiterkommen. «Auch wenn wir im Alltag immer mehr digital erledigen, bleibt das Schreiben von Hand zentral», sagt Frank Wieber. Es helfe, Wissen zu festigen und wiederzugeben. Dass regelmässiges Training zu Verbesserungen führe, sei wissenschaftlich gut dokumentiert. Ein Game könne zudem dazu beitragen, Schreibschwierigkeiten zu entstigmatisieren. Es sei attraktiv und unterhaltsam: «Alle wollen es spielen – auch Kinder ohne Problem.» «Konditorei Kritzel» sei bewusst niederschwellig konzipiert, ergänzt Annina Zysset. Das Spiel passe sich individuell an und könne von Lehrpersonen ohne weiteren Aufwand eingesetzt werden. Es brauche kaum Instruktionen und funktioniere ohne Internetverbindung oder persönliche Accounts. Das digitale Tool soll zunächst in der Schule zum Einsatz kommen. Es ist zeitlich limitiert; nach 20 Minuten wird ein Level abgeschlossen. «Man muss sich gut überlegen, ob man Kinder an einen Bildschirm bringt», sagt Frank Wieber und räumt ein, dass sich ethische Fragen stellen. Beispielsweise haben Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) ein erhöhtes Risiko, ein Suchtverhalten zu entwickeln. Sie haben überdurchschnittlich häufig Mühe mit Schreiben und zählen zur Zielgruppe des Projekts. «Entscheidend ist, wie man die Chancen von Serious Games nutzt», sagt der Psychologe. Das Spiel selbst, aber auch wie es eingesetzt werde, müsse ethisch vertretbar sein. «Konditorei Kritzel» hole die Nutzerinnen und Nutzer auf mehreren Ebenen ab, berichtet Zysset. «Es ist für jeden etwas dabei: für die Kreativen, die Ehrgeizigen und die Spielvögel.» Die Pilotversuche hätten dies bestätigt. Kinder spielten das Game mit Freude – und verbesserten dabei ihre motorischen Fähigkeiten: «Sie üben, ohne sich dessen bewusst zu sein.» Eveline Rutz

Über intelligente Sonnenschirme und den Tanz der Identitätsfindung

Er fährt an den gewünschten Ort, spannt sich auf und spendet konstant Schatten. «Unser Sonnenschirm richtet sich nach dem Stand der Sonne aus», sagt Léa Eckert, die an der School of Engineering Systemtechnik studiert hat. Zusammen mit Janick Bilang und drei Absolventen aus einem anderen Studiengang hat sie das Konzept für den intelligenten Schattenspender erarbeitet und einen Prototyp gebaut. «Ein vergleichbares Produkt existiert noch nicht», sagt Janick Bilang. Dies habe viel Raum für eigene Ideen gegeben. Die Basis des Sonnenschirms bildet eine fahrbare Plattform, die mit zwei Motoren sowie vier Rädern bestückt ist und an einen Staubsaug-Roboter erinnert. Sie sorgt für den Antrieb und kommt auf ebenen Stein- und Rasenflächen vorwärts. Das rechteckige Sonnensegel ist aus einer leichten Kunststoffplane gefertigt, damit der Schwerpunkt möglichst in Bodennähe bleibt. Es ist so gestaltet, dass es dereinst mit Solarpanels bestückt werden könnte und der Schirm autark funktionieren würde. Léa Eckert und Janick Bilang haben einen Ausfahr- und einen Neigungsmechanismus entwickelt, um den Schatten dorthin zu lenken, wo er benötigt wird. An der Stange haben sie ein Anemometer befestigt, der allfälligen Wind misst. Ab einer Windstärke von 30 Stundenkilometern fährt das Sonnensegel automatisch ein, was verhindert, dass der Schirm kippt. «Der Prototyp kann sich sehen lassen», findet Janick Bilang. Er habe zwar noch einige Schwachstellen, könne aber als Grundlage für weitere Entwicklungen dienen. Der Bachelorabsolvent beschreibt die Zusammenarbeit bei dieser Abschlussarbeit mit Elektrotechnik-Studierenden als spannend. Das interdisziplinäre Vorgehen habe allerdings den Zeitdruck erhöht. «Wir konnten die Mechanik nicht oft testen, es durfte nicht viel schiefgehen», so Bilang. Eine unangemessene Berührung, eine Geste oder ein sexistischer Witz: Viele Pflegende erleben sexuelle Belästigung, wenn sie Patientinnen und Patienten versorgen. «Die meisten sind in ihrem Berufsalltag irgendwann damit konfrontiert», sagt Milena Bruschini. Die körperliche Nähe, welche Pflegeleistungen mit sich bringen, macht das Berufsfeld besonders anfällig dafür. Auch kognitive Beeinträchtigungen der Patientinnen und Patienten können Fehlverhalten begünstigen. Die Zahl der Betroffenen ist hoch. Weltweit erleiden etwa 25 Prozent der Pflegekräfte verbale, nonverbale oder körperliche Übergriffe. Frauen tendenziell häufiger als Männer, jüngere Personen häufiger als ältere. «Betroffene befinden sich in einem Dilemma», sagt Bruschini. «Sie wollen den Patientinnen und Patienten nicht schaden, sich aber selbst schützen.» Die Masterabsolventin hat erstmals Daten für die Schweiz erhoben. Sie hat dafür einen in Deutschland entwickelten standardisierten Fragebogen verwendet. Sie hat den Teilnehmenden zwölf mögliche sexuell belästigende Verhaltensweisen vorgelegt und wollte von ihnen wissen, wie häufig sie solche erlebt haben. «Sie mussten sich nicht selbst überlegen, ob eine Situation unter die Sparte der sexuellen Belästigung fällt», so die Autorin. Gemäss ihrer Auswertung haben 95,6 Prozent der Befragten in den letzten zwölf Monaten mindestens eine Form sexueller Belästigung erfahren. Nur 4,4 Prozent waren nicht betroffen. Lediglich 17,1 Prozent der Teilnehmenden gaben zudem an, sich in ihrer Ausbildung mit der Problematik befasst zu haben. «Junge Pflegepersonen werden zu wenig auf übergriffiges Verhalten vorbreitet», kritisiert Bruschini. Dies erschwere es gerade Einsteigerinnen udn Einsteigern, sich zu wehren. Nicht nur in der Lehre, sondern auch in den Pflegeeinrichtungen sei eine klare Haltung gefragt: «Pflegefachleute sowie Patientinnen und Patienten müssen wissen, dass sexuelle Belästigung nicht toleriert und sanktioniert wird.» Im Jugendalter gilt es, eine gesunde, stabile Identität zu entwickeln. Queere Menschen sind dabei besonders gefordert. Als Minderheit erleben sie zusätzlichen Stress. Sie sind mit heteronormativen Erwartungen konfrontiert, erleben Diskriminierungen und Stigmatisierungen. Sie müssen sich stärker mit geltenden Normen auseinandersetzen als heterosexuelle cis Jugendliche (diese identifizieren sich mit dem von aussen zugeschriebenen Geschlecht) und sich zu diesen positionieren. Was dies für junge lesbische/bi Frauen bedeutet, hat Tobias Kuhnert in seiner Abschlussarbeit untersucht. Er hat neun Frauen zwischen 15 und 25 Jahren befragt. «Sie gehen beeindruckend reflektiert mit den spezifischen Herausforderungen um, die sich ihnen stellen», sagt er. Die Befragten nutzten dabei vielfältige Strategien und seien sich der historischen und politischen Entwicklungen bewusst. Wie Kuhnert ausführt, wägen sie immer wieder ab, wann und wem sie ihre sexuelle Orientierung offenbaren. Indem sie erst einmal allgemein über queere Themen sprechen, sondieren sie etwa, ob ein Coming-out beim Gegenüber auf Wohlwollen stösst. Sie entwickeln ein lesbisches/bi Selbstbewusstsein und finden Halt in queeren Gemeinschaften. Geschützte Räume – etwa in Jugendtreffs – sind für sie besonders wichtig. Identitätsprozesse von lesbischen/bi Frauen verlaufen nicht linear und sind nie abgeschlossen. Der Masterabsolvent stellt sie in einem Modell dar und beschreibt sie als «Tanz zwischen Heteronormativität und lesbischem/bi Selbstbewusstsein». Die Soziale Arbeit müsse sich stärker mit queeren Lebenswelten auseinandersetzen, sagt er. «Damit lesbische/bi Frauen die gleichen Chancen haben wie andere Gruppen, braucht es einen besonderen Effort.» Gefragt seien spezifische Angebote, die «nicht für sie, sondern mit ihnen» erarbeitet würden. Eveline Rutz

Damit der Foodsektor regenerativer wird

Gerade der Foodsektor und die Agrarwirtschaft müssten innovativ sein, sagt Thomas Bratschi, Leiter Geschäftsentwicklung am Departement Life Sciences and Facility Management . Sonst könnten sie die wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit nicht meistern. Lebensmitteltechnologin Maya Ladner pflichtet ihm bei: Um globalen Problemen wie dem Klimawandel, Hunger oder dem Verlust von Biodiversität etwas entgegenzusetzen, seien neue Lösungsansätze gefragt. «Es braucht innovativere und regenerativere Lebensmittelsysteme.» Bratschi und Ladner haben den neuen Masterstudiengang «Preneurship for Regenerative Food Systems» initiiert und aufgebaut. Er soll Personen dazu befähigen, bestehende Geschäftsmodelle zu überdenken und regenerative Lösungen zu finden. «Die Studierenden sollen sich zu vernetzt denkenden und handelnden Preneurinnen und Preneuren entwickeln», sagt Studiengangleiterin Maya Ladner. «Das Chaos zuzulassen, kann wertvoll sein. In diesem Prozess werden neue Ansätze entworfen, diskutiert, weiterverfolgt oder fallen gelassen.» Maya Ladner, Studiengangleiterin MSc Preneurship for Regenerative Food Systems Die Branche zu transformieren, gelinge nur, wenn man die Expertise und die Technologien unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenbringe, betont Thomas Bratschi. Der Master, den die ZHAW seit dem Frühling 2022 anbietet, ist daher interdisziplinär konzipiert. Er vermittelt Wissen aus den Themenfeldern «Wirtschaft & Preneurship», «Lebensmittelsysteme», «Nachhaltigkeit & Regeneration», «Naturwissenschaft», «Innovation» und «Digitalisierung». Zusätzlich schult er die Teilnehmenden in persönlichen und sozialen Kompetenzen. «Diese Fähigkeiten kommen in der Lehre häufig zu kurz und fehlen dann in der Arbeitswelt», stellt Ladner fest. Die Ausbildung zeichnet sich durch ein Open Curriculum aus. Gewisse Inhalte der Pflichtmodule sind nicht von vornherein festgeschrieben und die Auswahl an Wahlpflichtmodulen ist gross. Das Studium kann nach individuellen Bedürfnissen gestaltet werden. Eine solche Flexibilität ist an der ZHAW neu und nach wie vor mit einigen administrativen sowie didaktischen Anpassungen verbunden. Die Studierenden erhalten viel Raum für eigene Ideen. «Das Chaos zuzulassen, kann wertvoll sein», sagt Maya Ladner. In diesem Prozess würden neue Ansätze entworfen, diskutiert, weiterverfolgt oder fallen gelassen. «Prioritäten zu setzen und Neues zu entwickeln, braucht Zeit.» Während der vier Semester treiben die Teilnehmenden eigene Projekte voran. Sie bilden dafür Teams, in denen verschiedene Disziplinen vertreten sind. «Ich bin beeindruckt, wie dynamisch die jungen Leute unterwegs sind.» Thomas Bratschi, Leiter Geschäftsentwicklung Life Sciences and Facility Management «Es gibt schweizweit keinen vergleichbaren Ansatz», sagt Maya Ladner. Der Master wecke denn auch das Interesse anderer Hochschulen. «Wir werden immer wieder eingeladen, um unsere Erfahrungen weiterzugeben.» Diese sind überwiegend positiv. Im Frühjahr ist der zweite Durchgang gestartet. Inzwischen studieren 37 Personen in diesem Format. Die meisten haben einen starken Bezug zum Foodsektor. Sie verfügen über Abschlüsse in Umweltwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften oder Lebensmitteltechnologie. Hinzu kommen einige Quereinsteigerinnen und -einsteiger. Einzelne Teilnehmende brächten bereits zu Beginn relativ konkrete Startup-Ideen ein, berichtet die Studiengangleiterin. Lena Götsch baut mit drei anderen Studierenden einen Verein auf, um Foodfirmen dabei zu unterstützen, nachhaltiger zu werden. «Wir möchten auf Produkteebene ansetzen und Fooddesignerinnen und Fooddesigner bestärken, ihre Kreationen insgesamt umweltbewusster auszurichten», erklärt sie. Die Gruppe will in einer ersten Phase unter anderem Workshops anbieten. Das Thema Nachhaltigkeit sei gerade sehr präsent, man könne dabei aber leicht den Überblick verlieren, sagt die Studentin, die als Food Consultant bei Betty Bossi arbeitet. Lena Götsch erlebt es als bereichernd, sich an der ZHAW mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Berufsfeldern auszutauschen. Sie sagt: «Der interdisziplinäre und regenerative Ansatz des Masters hat mich sofort angesprochen». Zurzeit führt ihr Team Gespräche mit Vertretern aus der Praxis. 2024 will es Pilotprojekte mit Industriepartnern starten. «Der Markt für eine solche Dienstleistung ist sicher da», sagt Studiengangleiterin Maya Ladner. Gesetzliche Anforderungen und der Wunsch der Kundschaft nach nachhaltigen Produkten nähmen kontinuierlich zu. Studiengangleiter Thomas Bratschi erwähnt die grosse Bandbreite an Themen, welche die Teams verfolgen, angefangen bei Vertical Farming über essbare Gärten bis hin zu netto-positivem Fleisch. «Ich bin beeindruckt, wie dynamisch die jungen Leute unterwegs sind», sagt er. Einige hätten bereits einen grossen Teil der Finanzierung geregelt, andere ansehnliche Aufträge erhalten. «Sie bringen die besten Voraussetzungen mit, um in der Praxis zu reüssieren.» Eveline Rutz

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