Ältere Arbeitnehmende

 Ab 55 spielend mit Stress umgehen

20.09.2022
3/2022

Stress bei älteren Arbeitnehmenden kann sich schädlich auf deren Gesundheit und damit auch auf die Produktivität einer Gesellschaft auswirken. Eine digitale Coaching-App soll dies verhindern. Das ZHAW-Institut für Ergotherapie arbeitet mit an dieser Entwicklung. 

Scheinbar abgehärtet durch ein langes Erwerbsleben steht Herr Meier (fiktive Person), wie wir ihn hier nennen, vor der Pensionierung. Dennoch – sobald ihm seine Vorgesetzte neue Arbeiten überträgt, während sich unerledigte Aufgaben häufen und er zudem angehalten wurde, keine Überstunden zu leisten, reagiert er gestresst. Dies bestätigt ihm auch ein Gerät in der Grösse einer Aufbewahrungsbox für Kontaktlinsen, auf das er seine Daumen presst und so seine Herzfrequenz-Variabilität und damit seinen Stresshormonspiegel misst. Das Gerät bestätigt den starken Stress.

Entspannungsübung mit einem Tintenfisch

Eine damit verbundene App auf dem Smartphone macht Herrn Meier Vorschläge, wie er sich unmittelbar entspannen kann. Er entscheidet sich für ein sogenanntes Serious Game, also ein Spiel mit ernsthaftem Lerninhalt, in diesem Fall zur Stressbewältigung. «Dieses kann diskret am Arbeitsplatz gespielt werden», sagt Verena Klamroth-Marganska, Leiterin des mHealthINX-Teilprojekts an der ZHAW. Herr Meier sieht einen kleinen Tintenfisch, der ihn dazu auffordert, gleichmässig ein- und auszuatmen.

«Oft sind es simple Spiele, die helfen. Und diese machen dann Sinn, wenn weder eine richtige Pause noch ein kurzer Spaziergang eingelegt werden kann», so die Professorin für Ergotherapie. Nach dem Spiel misst Herr Meier seinen Stresslevel erneut. Nach Feierabend führt er das Anti-Stress-Programm zu Hause fort, dann zieht sich Herr Meier eine Virtual-Reality-Brille an, taucht ein in eine traumhaft schöne Naturlandschaft, pflückt dort Früchte, erhält Anleitungen zur Stressbewältigung und schaut sich danach seine Werte der vergangenen Wochen an. «So sollen eine längerfristige Verhaltensänderung und ein besserer Umgang mit Stress erreicht werden.»

Stress ist ungesund und teuer 

«Studien zeigen, dass ältere Arbeitnehmende dank ihrer Erfahrung zwar gut mit Belastungen umgehen können, sie erholen sich aber weniger schnell von Stress», sagt Klamroth-Marganska, stellvertretende Leiterin der Forschungsstelle für Ergotherapie. Stress führt bei Personen über 55 Jahren häufiger zu Folgekrankheiten wie Depressionen, Angstzuständen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und dies wiederum verursacht hohe Kosten: in Europa allein durch arbeitsbedingte Depressionen geschätzte 620 Milliarden Euro jährlich. 

«Die existierenden Apps mit Entspannungsmethoden genügen oft den wissenschaftlichen Standards nicht.»

Verena Klamroth-Marganska, Leiterin des mHealthINX-Teilprojekts an der ZHAW

An der Lösung dieses Problems arbeitet seit März 2020, unter der Leitung des Austrian Institute of Technology, ein Konsortium von zehn Organisationen mit Sitz in drei europäischen Ländern, darunter das Institut für Ergotherapie der ZHAW. Ziel ist es, mit dem digitalen Coach namens mHealthINX eine benutzerfreundliche Lösung zu entwickeln, um ältere Arbeitnehmende bei der Förderung und Stärkung ihrer psychischen Gesundheit zu unterstützen. Die Forschungsstelle Ergotherapie stellt dabei sicher, dass in jeder Phase des Projekts die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer einbezogen wird. Testende waren Erwerbstätige über 55 Jahren aus verschiedenen Branchen in der Schweiz und in den Niederlanden. Das Projekt läuft noch bis März 2023. Bis dann wird eine klinische Studie zur Usability und zum Nutzungsverhalten durchgeführt.

Einzigartiges Projekt

Obwohl bereits zahlreiche Apps mit entspannenden Games existieren und auch Smart Watches den Stresslevel anzeigen, ist das Projekt einzigartig: «Der nutzerzentrierte und wissenschaftsbasierte Ansatz macht es aus, denn die existierenden Apps mit Entspannungsmethoden genügen oft den wissenschaftlichen Standards nicht.» Zudem umfasse mHealthINX verschiedene Komponenten: So können Arbeitnehmende mittels objektiver Sensoren wie auch subjektiver Instrumente, wie Selbstbeurteilung und Fragebögen, ihr Stressniveau messen, bewerten und verbessern. Eine Funktion, die «Betreuer» genannt wird, überwache den Gesamtfortschritt der Benutzenden bei der Stressbewältigung und zeige das kritische Stressniveau an. Eine andere Funktion, «Berater» genannt, unterstütze bei der Bewältigung akuter Stresssituationen und schlage personalisierte und kontextsensitive Interventionen vor.

Virtual Reality, 2D- und 3D-basierte Interventionen

Ausserdem nutze das System Synergien verschiedener Technologien. In öffentlichen Umgebungen kommen unaufdringliche, GUI- (mit grafischer Benutzeroberfläche) und 2D-basierte Interventionen auf dem Mobiltelefon zum Einsatz. In sehr belastenden Situationen und eher privaten Umgebungen bietet mHealthINX innovative Virtual-Reality- und 3D-basierte Interventionen und Trainings zur stressfreien Bewältigung der täglichen Arbeit an.

Nach Ablauf des Projekts soll der digitale Coach marktreif gemacht werden. «Drei Jahre sind für eine Entwicklung eine begrenzte Zeit und ein paar Baustellen sind noch offen», sagt Klamroth-Marganska. Wie bei vergleichbaren Produkten rechnet sie mit einer Entwicklungszeit von mehreren Jahren von der Idee bis zur Marktreife. 

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