«Der Weg ist weit und hart, wenn man helfen will»

21.03.2023
1/2023

Winterthur–Antigua: Michelle Sutter, die Angewandte Sprachen studiert, verbrachte fünf Monate in Guatemala, wo sie sich neben einem Praktikum auch intensiv um ihre eigene Hilfsorganisation kümmerte.

Als ich Guatemala 2018 zum ersten Mal besuchte, war es bald um mich geschehen. Die Menschen sind so liebenswert, das Lebensgefühl extrem entspannt, und die Avocados direkt vom Baum gepflückt ein Traum. So kam ich immer wieder zurück und schloss viele Freundschaften. Auch als die Pandemie ausbrach, war ich in Antigua. Dieser Tag hat mich geprägt: Innert weniger Stunden war die Stadt – die vom Tourismus lebt – wie leer gefegt und die Supermärkte geplündert. Auch ich reiste nach Hause, geplagt vom schlechten Gewissen, dass ich mich in Sicherheit bringen konnte, während mein Umfeld dort vor dem Nichts stand. Für viele brach nach wenigen Tagen der Hunger aus und die Kriminalität stieg massiv. Ich begann, Spenden zu sammeln. Das lief bald so gut, dass ich «The M Story» gründete, eine Hilfsorganisation, die bedürftige Familien mit Lebensmitteln unterstützt. Das Team vor Ort sorgt dafür, dass die Spenden ankommen.

Aktive Vulkane vor der Stadt

Im August 2022 kehrte ich im Rahmen meines Auslandsemesters nach Guatemala zurück. Ich machte ein Marketing-Praktikum bei einer Non-Profit-Organisation. Diese verkauft Schmuck und Accessoires, die von indigenen Frauen hergestellt werden. Ich verfasste Texte aller Art und dolmetschte bei Events zwischen den Einheimischen und den meist englischsprachigen Sponsoren. Das Praktikum bestätigte mir, dass ich mich in Guatemala auch wohlfühle, wenn ich einen Arbeitsalltag habe. In der Freizeit wanderte ich viel – sogar auf aktive Vulkane. Neben Antigua liegt der Vulkan Fuego, der bricht etwa alle 30 Minuten aus. Ich konnte ihn auch von meiner Terrasse aus beobachten – extrem faszinierend. 

Prägende Erlebnisse

Michelle Sutter gründete die Hilfsorganisation «The M Story», die bedürftige Familien in Guatemala unterstützt.

Nebenbei arbeitete ich für meine Hilfsorganisation, die inzwischen auch Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung verschafft. Mittlerweile habe ich das Vertrauen der Einheimischen gewonnen. Ich hätte nie gedacht, dass der Weg so steinig sein könnte, wenn man einfach nur helfen will. Seit der Pandemie ist das Misstrauen untereinander generell gestiegen, weil alle für sich selbst sorgen mussten. Der Staat bietet nicht einmal eine grundlegende Gesundheitsversorgung. Während meines Aufenthalts wurde ein Mädchen, das von uns unterstützt wird, angeschossen. Ihre Familie rief mich an und sagte, das Spital weigerte sich, sie zu behandeln, wenn nicht im Voraus bezahlt werde. Ich eilte los und kam für die Kosten auf, sodass das Mädchen nicht weiter in Lebensgefahr schwebte. Viele andere sterben, weil sie nicht mal für die banalsten Eingriffe Geld haben. Solche Erlebnisse machen mich sehr nachdenklich. Aber sie zeigen mir auch, dass sich unsere Arbeit lohnt.

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