Eine Strasse wird betoniert. Der Beton wird von einer Person mit einer Schaufel verteilt.

«Mein Job ist nicht in Beton gegossen, ich kann ihn mitgestalten»

25.11.2025
2/2025

Job Crafting kann die Zufriedenheit im Berufsalltag erhöhen. Wie das funktioniert, erklärt Organisationspsychologe Urs Blum im Interview.

Urs Blum, mit Job Crafting können wir unsere berufliche Rolle aktiv mitgestalten und dadurch mehr Erfüllung im Job finden. Wie funktioniert das genau?

Das Modell Job Crafting beinhaltet drei Wege, um zum Ziel zu kommen: Task Crafting, Relational Crafting und Cognitive Crafting. Der naheliegendste Weg ist das Task Crafting. Da geht es im Kern darum, sich seine aktuellen Aufgaben anzuschauen und sich zu überlegen, was davon man gerne macht, wo man Wirkung erzielen kann, wo weniger und wie man gewisse Tasks verändern, ergänzen oder gar weglassen könnte.

Der zweite Weg ist Relational Crafting.

Genau, und da geht es um Beziehungen: Ich überlege mir, welche Beziehungen mir dabei helfen könnten, im Job wirkungsvoll zu sein. Gibt es zum Beispiel Leute mit viel Erfahrung, von denen ich lernen könnte? Oder kann ich mich mit gewissen Schnittstellen und Stakeholdern besser vernetzen, um meine Aufgaben danach effizienter auszuführen? An einer Hochschule etwa kann es helfen, herauszufinden, wer an ähnlichen Themen arbeitet und mit diesen Personen in Kontakt zu treten.

Der letzte Teil schliesslich nennt sich Cognitive Crafting. Was beinhaltet dieser?

Da geht es darum, sich klar zu werden, was man in seinem Beruf bewirkt. Dieser Teil wird meist unterschätzt, dabei ist er genauso wichtig. Und er ist einfacher anzugehen, denn dafür benötige ich keinerlei Unterstützung von aussen, kein Budget, keine Bewilligung – es geht einzig um mich selbst und meine Wahrnehmung.

In der Theorie klingt das alles toll, aber wie einfach lässt sich Job Crafting in der Realität tatsächlich anwenden? Ich kann ja nicht von heute auf morgen beschliessen, gewisse Aufgaben nicht mehr zu erledigen, nur weil sie mir nicht so liegen.

Natürlich ist Job Crafting einfacher anzuwenden, wenn man mehr Handlungsspielraum hat. Dennoch ist es grundsätzlich in jedem Job möglich, wie eine Vielzahl von Studien zeigt. Man trifft tagtäglich unzählige Entscheidungen und hat entsprechend viele Möglichkeiten, etwas zu beeinflussen.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel erläutern?

Das Job Crafting geht auf eine berühmte Studie mit Reinigungskräften eines Spitals zurück, durchgeführt von Jane E. Dutton und Amy Wrzesniewski. Sie konnten zeigen, dass sich die Angestellten in zwei Gruppen unterteilen liessen: Eine arbeitete strikt nach Vorschrift und empfand ihre Arbeit als eintönig. Die andere Gruppe hingegen beurteilte ihre Rolle als bedeutungsvoll und war entsprechend zufriedener im Job. Sie sahen sich nicht als blosse Reinigungskräfte, sondern als Botschafter des Spitals, die durch ihre Arbeit zur Genesung der Patient:innen beitrugen. Oft übernahmen sie auch zusätzliche Aufgaben, indem sie zum Beispiel Beobachtungen aus den Patient:innenzimmern weiterleiteten.

Sie wendeten also unbewusst Cognitive Crafting und auch Task Crafting an. Nun ist es beim Task Crafting vermutlich einfacher, zusätzliche Aufgaben anzunehmen, als welche abzugeben.

Das ist tendenziell korrekt, mir selbst geht es auch so. Und natürlich besteht irgendwann die Gefahr, dass man plötzlich zu viele Aufgaben hat, wenn man seine berufliche Rolle dadurch erweitert. Aber vielleicht gibt es gleichzeitig Dinge, die man aus Gewohnheit erledigt, obwohl sie eigentlich nichts bewirken. Es lohnt sich deshalb, sich seine Aufgaben zwischendurch genauer anzuschauen und zu überlegen, ob es das überhaupt noch alles braucht.

«Job Crafting ist keine Persönlichkeitsfrage, sondern eine Kompetenz, die man erlernen kann.»

Urs Blum, Leiter Zentrum Human Resources & Corporate Learning am Institut für Angewandte Psychologie

Wie gehe ich als Angestellte idealerweise vor, wenn ich eine Aufgabe als nutzlos bewerte und sie gerne abgeben möchte?

Früher oder später muss man natürlich in den Austausch gehen mit den Vorgesetzten, weil man ja nicht alleine auf der grünen Wiese arbeitet, sondern Veränderungen auch einen Einfluss auf andere haben können. Dann ist es wichtig, nicht einfach zu sagen, dass man diese eine Aufgabe nicht mehr machen will, sondern zu erklären, dass man in seinem Beruf möglichst viel Wirkung erzielen möchte und dieser eine Task nichts dazu beiträgt. Ich empfehle auch gerne, das Job Crafting gleich von Beginn weg mit dem ganzen Team zu machen. So kann man sich als Team fragen: Was erledigen und verantworten wir eigentlich alles? Wer macht was und ist alles richtig verteilt? Oder gibt es Leute, die in gewissen Bereichen eine Stärke haben, die noch nicht genutzt wird?

Damit man bestimmte Aufgaben vielleicht an eine andere Person abgeben kann?

Möglich wäre das. Oder man findet gemeinsam neue Wege, ungeliebte Aufgaben effizienter zu erledigen. Bei uns im Zentrum entscheiden wir manchmal auch, gewisse Dinge probeweise ganz wegzulassen und zu schauen, was passiert. Dadurch konnten wir schon einiges an historisch gewachsener Komplexität abbauen.

Kommen wir nochmals auf den zweiten Weg zu sprechen, das Relational Crafting. Es gibt Menschen, die verschlossener sind und Mühe haben, aktiv auf andere zuzugehen. Für sie dürfte Relational Crafting herausfordernd sein.

Klar fällt das Networking gewissen Personen leichter als anderen. Aber ich möchte betonen, dass Job Crafting keine Persönlichkeitsfrage ist, sondern eine Kompetenz, die man erlernen kann. Und man muss auch nicht zwingend alle drei Teilaspekte anwenden, sondern kann sich auch bloss auf einen oder zwei davon fokussieren.

Man könnte also auch erst einmal mit Cognitive Crafting beginnen. Hier geht es darum, wie man über die eigene Rolle denkt. Belügt man sich nicht selbst, wenn man sich einen langweiligen Job schönredet?

Es geht nicht darum, sich selbst zu belügen im Sinne von «fake it till you make it». Die Idee ist vielmehr, die Perspektive zu wechseln. Arbeite ich zum Beispiel in der Administration für einen Weiterbildungskurs, bekomme ich nicht direkt mit, wieviel Positives der Kurs bei den Teilnehmenden bewirkt. Wenn ich es aber schaffe, zu verstehen, dass ich ein wichtiger Teil dieses Kursangebotes bin und mir womöglich auch noch die Feedbacks der Teilnehmenden durchlese, kann das einen grossen Unterschied machen. Wir sollten nicht unterschätzen, was wir bewirken, indem wir einfach unsere Arbeit gut machen.

Setze ich mich so intensiv mit der eigenen beruflichen Rolle auseinander, kann es vermutlich auch passieren, dass ich zum Schluss komme, dass der Job nicht mehr passt.

Das ist so. Wenn Entwicklung und Lernen stattfinden, gibt es keine Garantie dafür, was passieren wird. Andererseits kann Job Crafting Organisationen auch helfen, ihre Mitarbeitenden zu halten, weil ein Verständnis dafür entsteht, dass man seine Rolle mitentwickeln kann. Job Crafting ist eigentlich eine Haltung: Mein Job ist nicht in Beton gegossen, ich muss mich nicht hineinzwängen, sondern kann ihn mitgestalten und darin wachsen.

Mehr zum Thema Job Crafting

 Im Podcast «Psychologie konkret» erläutert Urs Blum ausführlich, wie man den eigenen Job passend macht. Im Weiterbildungskurs Job Crafting wird das Modell noch detaillierter erläutert und die Teilnehmenden können gleich konkrete Schritte zur Umsetzung in der Praxis einleiten.

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