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Die Digitalisierung kann Medizin menschlicher machen

Eveline Graf: Ja, aber nur in der Interaktion mit Menschen. Denn der Roboter weiss nicht, wie es mir gerade geht. Ein Mensch kann das sehr schnell erfassen und den Roboter richtig einsetzen, damit ich meine Therapie dann bekomme, wenn sie nötig ist, und nicht, wenn die Therapeutin gerade Zeit hat. Sven Hirsch : Vor allem in der Mikrochirurgie bieten assistierende Roboter grosse Vorteile: Wenn eine Bewegung eines Arztes auf Geräte übertragen wird, kann Zittern ausgeschaltet werden. Er kann dann millimetergenau hantieren. Ich würde das bei einer allfälligen OP begrüssen. Alfred Angerer: Wenn es Studien gibt, die zeigen, in wie vielen Fällen diese Behandlungsmethode schon erfolgreich angewandt wurde – dann ja. «Wenn die Digitalisierung des Gesundheitswesens richtig umgesetzt wird, bietet sie die Chance auf bessere Qualität zu niedrigen Kosten.» Alfred Angerer, so steht es in Ihrem vierten Digital Health Report Schweiz, der im Herbst erscheint. Sind das mehr als schöne Worte? Alfred Angerer: Auf jeden Fall. Beim Thema Qualität kann man beliebig viele Studien heranziehen, die zeigen, dass Digitalisierung zu einer besseren Gesundheitsversorgung und zu besserer Prozessqualität führt. Künstliche Intelligenz erzielt zum Beispiel bessere Ergebnisse als eine Ärztin oder ein Arzt mit durchschnittlichen Fähigkeiten. All das ist unbestritten. Angerer: Bei den Kosten ist das Bild etwas schwieriger zu fassen. Man kann zwar die gleiche Leistung zu niedrigeren Kosten erbringen. Die Prämien werden aber nicht schon übermorgen sinken. Die Einsparungen werden durch ein Mengenwachstum zunichtegemacht. Angerer: Ich mag einfache Definitionen, deshalb lautet unsere: Das ist der Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologie im Gesundheitswesen mit dem Ziel, höhere Qualität zu niedrigeren Kosten und mehr Patientenzentrierung zu erreichen. Hirsch: Mir gefällt an dem Begriff Digital Health, dass die digitale Transformation drinsteckt, und diese ist ein gesellschaftliches Projekt – Mensch und Technik spielen eine Rolle. Graf: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist nicht einfach nur ein IT-Projekt. Das verstehen aber noch nicht alle so. Angerer: Zu den Kernelementen der richtigen Umsetzung gehört ein vertieftes Verständnis für Anwenderinnen und Anwender und ihre Bedürfnisse – man muss die Menschen mitnehmen, die von den neuen Lösungen profitieren können. Des Weiteren braucht es Daten und Kenntnisse über den jeweiligen Gesundheitsbereich sowie robuste und sichere disruptive Technologien. Die Organisationen müssen vorbereitet, Abläufe und Prozesse angepasst werden. Und nicht zuletzt braucht es gute Rahmenbedingungen für ein Ökosystem mit nachhaltigen Geschäftsmodellen. Das ist das Geheimnis einer erfolgreichen Digitalisierung. Angerer: Wir haben in einem Projekt mit Hausarztpraxen untersucht, wie man sogenannte Patient-reported outcome measures – kurz PROMs – sinnvoll integrieren könnte. PROMs sind Fragebögen, die Patientinnen und Patienten ausfüllen, um über ihre Symptome, ihre Lebensqualität sowie andere Aspekte ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens zu berichten. Das sind wichtige Daten für eine Behandlung. In unserem Fall waren es digitale Fragebögen. Die Technik war dabei nicht das Problem: Patientinnen und Patienten kamen in die Praxis, erhielten als erstes ein Tablet in die Hand gedrückt, auf dem sie Fragen beantworten sollten – so etwas kann man im Design einfach gestalten. Die Informationen wurden dann an einen Computer der Ärztin oder des Arztes übertragen. An sich ist das ein einfacher Prozess. Aber wenn sich niemand damit befasst, wie dieser Prozess in den stressigen Ablauf eines Praxisalltags passt, wie der Fragebogen und die Nutzeroberfläche gestaltet sein sollen, wie viel Zeit es für den gesamten Vorgang braucht, welche Personen involviert sind – dann ist die Innovation tot, weil sie niemand nutzt. Kompliziertes passt nicht in einen vollen Praxisalltag. Hirsch: Genau das ist die Rolle der ZHAW. In der angewandten Forschung bringen wir die verschiedenen Sichtweisen zusammen. So auch in dem von Alfred Angerer und mir geleiteten Innosuisse-Projekt SHIFT zum Spital der Zukunft. In meinem Teilprojekt geht es konkret um den Einsatz von Wearables, also kleinen tragbaren Minicomputern, die unter anderem Vitaldaten messen wie Blutdruck, Sauerstoffsättigung des Blutes etc. Dabei stellen sich viele Fragen: Wo legt man die Wearables an? Welche Fachperson macht das? Welche Geräte eignen sich für welche Personen? Viele kleine Details müssen berücksichtigt werden, die entscheidend sind, soll diese Lösung für alle funktionieren. Die gleiche Thematik haben wir in unserem Projekt Digital Health Zurich, einem Praxislabor für patientenzentrierte klinische Innovation. Als Kernprojekt entwickeln wir eine PROM-Plattform. Auch hier stellt sich die Frage, wo die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten eigentlich erhoben werden, welche Fachperson dafür verantwortlich ist. Gibt es dazu eine Sprechstunde? Man muss stets die Sicht der Nutzerinnen und Nutzer berücksichtigen. Das ist entscheidend für den Erfolg der Digitalisierung. Die Technik ist nur die Grundvoraussetzung. Angerer: Wir haben in unserem Digital Health Report fünf potenziell disruptive Technologien identifiziert: Künstliche Intelligenz, das Internet der medizinischen Dinge, Robotik, Virtual, Augmented und Mixed Reality sowie Blockchains. Vor allem die Lösungen mit Künstlicher Intelligenz sind ein wesentlicher Wachstums- und Hoffnungsmarkt. Deren Umsatz wird 2022 auf 7 Milliarden Dollar geschätzt, und er soll bis ins Jahr 2027 auf rund 67 Milliarden Dollar ansteigen. Da KI sehr vielfältige Methoden bietet und sich als Querschnittstechnologie mit den weiteren Technologiegruppen auch sehr gut kombinieren lässt, ist das Potenzial enorm. «Man muss stets die Sicht der Nutzerinnen und Nutzer berücksichtigen. Das ist entscheidend für den Erfolg der Digitalisierung. Die Technik ist nur die Grundvoraussetzung.» Sven Hirsch, Leiter ZHAW Digital Health Lab Hirsch: Notwendig ist hier noch Methoden der sogenannten Explanatory Artificial Intelligence – auf Deutsch Erklärbare Künstliche Intelligenz –, bei der man nachvollziehen kann, auf welchen Daten und Kriterien eine Diagnose oder Behandlungsempfehlung beruht. Derzeit ist KI noch eine Blackbox, man weiss nicht, wie das Ergebnis von maschinellem Lernen zustande kommt. Angerer: Eineinhalb Jahre haben wir hinter uns. Technisch ist schon vieles ausprobiert und wir sind gut unterwegs. Die nächste grosse Herausforderung, der wir uns gerade stellen, ist die Frage, wie wir all die Ergebnisse zusammenfassen und so etwas wie einen Masterplan erstellen können. Mit einer solchen Blaupause der Transformation soll eine Spitaldirektorin nachvollziehen können, wie ihr Spital «smart» und «liquid» werden kann. Zusammen mit den Spitälern entwickeln wir gerade eine Roadmap hierfür. Hier leisten wir zusammen mit den Forschungs- und Praxispartnern wirklich Pionierarbeit. Denn bisher gibt es keine Daten und Konzepte, wie man ein Spital transformiert. Hirsch: Ein weiteres Beispiel ist das chirurgische Forschungs- und Lehrzentrum OR-X – ein Operationssaal der Zukunft für Orthopädie der Universitätsklinik Balgrist. Da sind wir willkommene Partner, um Lösungen zu entwickeln, die ein OP-Team braucht, um für die Realität zu trainieren. Wir entwickeln Teaching Tools, Demonstratoren, Datenbanken und Machine-Learning-Algorithmen. Das ist angewandte Forschung, und da haben wir als ZHAW eine absolute Exzellenz. Graf: Technologien für das Wohnen im Alter war das Thema eines Workshops, den wir vom Kompetenzzentrum GEKONT im Sommer mit älteren und sogar sehr alten Menschen und deren Angehörigen durchgeführt haben. Im Fokus standen Technologien, die das Leben zu Hause einfacher gestalten sollen, wie elektronische Tablettendosen, elektrische Aufstehhilfen für die Toilettenbenutzung, automatische Glasöffner oder intelligente Notknöpfe. Wir wollten ihre Meinung dazu hören und die Probleme der Teilnehmenden im Alltag kennenlernen, um zu verstehen, was sie noch brauchen könnten für ein längeres selbstbestimmtes Leben zu Hause. Sie sollten aber auch ihre Ängste formulieren können hinsichtlich neuer Technologien. Bisher gibt es dazu kaum Daten. Der gesellschaftliche Diskurs muss endlich angestossen werden. Angerer: Wir können diesbezüglich ganz entspannt sein: Erstens zeigt ein Blick in die Geschichte, wie sich die Bevölkerung ganz gut an neue Entwicklungen anpassen kann. Ein Paradebeispiel ist das E-Banking. Inzwischen sind es – je nach Land – 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung, die E-Banking ganz selbstverständlich nutzen. Oder ein anderes Beispiel aus einem unserer Projekte, wo wir Praxen in Deutschland bei der Digitalisierung und Optimierung unterstützen. Anfangs war die Befürchtung gross, dass die Terminvereinbarung per Internet für viele Menschen ein Unding sein könnte, vor allem für ältere Personen. Dies hat sich nicht bewahrheitet. Den älteren Menschen, die das nicht selbst erledigen konnten, halfen die Enkel. «Entwicklerinnen und Entwickler haben oftmals wenig bis kein Verständnis dafür, wie es in der Praxis aussieht. Sie gehen davon aus, die Praxis müsse jetzt halt lernen, wie diese Geräte zu nutzen seien.» Eveline Graf, Leiterin des Kompetenzzentrums GEKONT der ZHAW Graf: Dass ältere Personen weniger technikaffin sind, das ist ein Stück weit Mythos. Klar gibt es Leute, die das nicht möchten, aber die gibt es auch bei den jungen. Trotzdem ist wichtig, dass die Personen, die wenig direkten Zugang zu solchen Lösungen haben, unterstützt werden. Aktuell ist aber unklar, wer dafür zuständig ist und auch die nötigen Kompetenzen hat, um so etwas zu vermitteln. Oftmals sind es eben die Enkel oder die Angehörigen, die helfen. Oder auch Organisationen wie Pro Senectute, die Schulungen anbieten. Wichtig ist bei der Implementierung solcher Lösungen, dass Überlegungen angestellt werden, wie sichergestellt wird, dass alle, die diese Angebote nutzen wollen, es auch können – auch wenn sie hierfür vielleicht nicht ideale Rahmenbedingungen haben. Hirsch: Auch dort gibt es einen enormen Bedarf an Weiterbildung. In Arztpraxen sind kaum Kompetenzen vorhanden, wie eine Digitalisierung genau durchgeführt werden muss. Da Praxen eigenständige ökonomische Einheiten sind, wäre es sinnvoll, wenn in diesen Bereichen Standards eingeführt würden, damit sie auf Bewährtes zurückgreifen können. «Wir könnten mit der Digitalisierung die Demokratisierung der Medizin erreichen.» Alfred Angerer, Leitung Management im Gesundheitswesen der ZHAW Graf: Einen Grund für diesen Gap sehe ich darin, dass all die technologischen und digitalen Lösungen aus den Entwicklungsabteilungen von Technologieunternehmen stammen. Diese Experten und Expertinnen haben oftmals wenig bis kein Verständnis dafür, wie es in der Praxis aussieht. Man geht davon aus, die Praxis müsse jetzt halt lernen, wie diese Geräte zu nutzen seien, und dann gehe das schon. Vielleicht sollten Entwicklerinnen und Entwickler aber auch ein besseres Verständnis dafür haben, wie der Alltag von Anwenderinnen und Anwendern aussieht? Hier können interdisziplinäre Ausbildungsmöglichkeiten und Studiengänge helfen, die es ja auch immer mehr gibt – auch an der ZHAW. Hier werden Schnittstellenpersonen ausgebildet, die dringend gebraucht werden. Angerer: Das ist schon beschämend. In einer Studie der Bertelsmann Stiftung von 2018 landete die Schweiz auf Platz 14 von 17. Wenn man nach den Gründen schaut, weshalb sich eine Innovation durchsetzt oder nicht, gibt es vor allem drei Komponenten, die ich mit «können, wollen, dürfen» umschreibe. Am «Können» liegt es bei Digital Health nicht. Im Bereich Technologie sind wir richtig gut. Das «Dürfen», also die Gesetzgebung, die ist halbwegs schuld. Man darf zwar vieles, aber es werden wenig Anreize gesetzt, das auch zu tun. Das grösste Hindernis ist das mangelnde «Wollen». Es ist noch nicht angekommen bei den Leuten, dass die Digitalisierung eine ganz grosse Chance für das Gesundheitswesen ist. Da ist zu wenig Drive dahinter – bei Bürgerinnen und Bürgern, aber auch bei den Leistungserbringenden und bei der Politik. Dabei könnten wir mit der Digitalisierung die Demokratisierung der Medizin erreichen. Angerer: Wir betrachten das Thema gerne aus unserer westlichen und privilegierten Sicht. Ich möchte mal den Blick aufs grosse Ganze lenken: Für afrikanische Länder würde dadurch der Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen möglich. In unserem Report schreiben wir, dass 47 afrikanische Länder dreimal so viele Ärztinnen und Ärzte bräuchten, wie sie heute haben. Mit digitalisierten Gesundheitsangeboten könnten wir dazu beitragen, die Lücke zu schliessen. Hirsch: Wir arbeiten an einem Projekt in Simbabwe mit schwangeren Frauen. Bei ihnen wird zum Beispiel der Blutdruck nicht regelmässig überwacht. Das heisst, Komplikationen werden nicht gesehen. Bei uns ist das etwas ganz Selbstverständliches. Aber wenn man 100 Kilometer zurücklegen muss zum nächsten Spital, dann stellt sich die Situation anders dar. Für Prävention begibt sich niemand einen Tag auf den Weg hin und einen Tag wieder zurück. Digital Health wäre hier eine grosse Chance. Wie eine gute Lösung aussehen könnte, testen wir dort gerade. «Wenn die Verbreitung so linear weitergeht, brauchen wir noch 6500 Jahre, bis in der Schweiz alle ein EPD haben.» Alfred Angerer, Leitung Management im Gesundheitswesen der ZHAW Angerer: Auf das elektronische Patientendossier – kurz EPD – warten wir in der Schweiz bereits seit 13 Jahren. 0,2 Prozent der Menschen haben hierzulande ein solches EPD. Wenn die Verbreitung so linear weitergeht, brauchen wir noch 6500 Jahre, bis alle ein EPD haben. Wenn ich hingegen auf mein Amazon-Konto gehe, kann ich sehen, welches Buch ich 2001 gekauft habe – also vor 22 Jahren, als ich mit meinem Studium fertig war. Ich habe aber keine Ahnung mehr, was mir der Arzt damals beim Allergietest erzählt hat. Wir sind da also mindestens 20 Jahre hinterher. Graf: Die Corona-Pandemie hat ja gezeigt, dass alles viel schneller gehen kann, wenn der Druck da ist. Das galt nur leider nicht für das Gesundheitswesen. Da ist noch zu wenig Druck vorhanden. Wir leisten uns noch dieses nicht mehr ganz zeitgemässe System. Angerer: Ich habe keines, denn ich hätte damals von Winterthur nach Aarau reisen müssen, um es persönlich zu beantragen. Das war mir zu aufwendig. Inzwischen ist das einfacher geworden. Graf: Ich habe selbst auch noch keines. Von einer Kollegin weiss ich aber, dass sich ein Arzt geweigert hat, ein Formular auszufüllen, als sie ein EPD eröffnen wollte. So macht das auch keinen Sinn. Hirsch: Ich lebe in Deutschland und der Schweiz und grenzübergreifend funktioniert das nicht. Ich wäre aber froh darüber, wenn ich nicht mehr CDs zu den Ärzten tragen müsste. «Ich glaube, das Thema Datenschutz ist teilweise nur vorgeschoben. Aus technologischer Sicht kann man sichere Systeme designen.» Sven Hirscher, Leitung Forschungsschwerpunkt Computational Health der ZHAW Hirsch: Ich glaube, das Thema Datenschutz ist teilweise nur vorgeschoben. Aus technologischer Sicht kann man by design sichere Systeme schaffen. Und bei Studien mit digitalen Gesundheitsdaten wird das Thema Ethik beachtet. Da wird nichts geklaut. Das Problem ist eher, dass der Datenschutz in der Schweiz eine kantonale Angelegenheit ist. Deshalb gibt es sehr viele verschiedene Regelungen. Das Beste, was man tun kann, ist aber, dass man gute und einfache Sicherheitsstandards anbietet für die Organisationen. Wenn ich als Staat die Player gut unterstütze und sage, das sind die Hilfsmittel, die ihr habt, und das sind die Regeln, an die ihr euch halten müsst, dann ist Datenschutz nicht das Problem. Angerer: Wenn es weiter so schleppend vorangeht mit der Digitalisierung, dann werden jetzige Anbieter in diesem Bereich vom Markt verschwinden und es bleiben am Ende die Googles und Facebooks dieser Welt übrig. Denen möchte ich meine Daten auch nicht anvertrauen. Graf: Ich denke, die Leute sind durchaus bereit, ihre Daten über Facebook und Co. zu verbreiten, und sie sind sich vielleicht nicht bewusst, dass sie möglicherweise schon heute Gesundheitsinformationen teilen. Ich bin überzeugt, dass sich die Datenschutzdebatte bald erübrigen wird, wenn die Leute den tatsächlichen Nutzen von Digital Health sehen. Angerer: So ticken Gesundheitsversicherungen im Moment nicht. Und wir als Gesellschaft haben gesagt: Wir wollen eine Grundversicherung: Jeder ist obligatorisch versichert und kriegt eine gute Versorgung. Das sind die Spielregeln heute. Hirsch: Das ist keine Frage der Digitalisierung. Da geht es um die Frage, wollen wir solidarisch gesamtgesellschaftlich haften – ja oder nein. Graf: Meine Erfahrung mit Krankenkassen ist bis jetzt, dass sie daran interessiert sind, dass ihre Kundinnen und Kunden eine gute und effiziente Behandlung erhalten. Das heutige Gesundheitswesen ist aber nicht effizient: Personen mit komplexeren Gesundheitsproblemen – etwa nach einem Schlaganfall – müssen zur Physiotherapie, zur Ergotherapie, vielleicht auch noch zu einer neurologischen und einer weiteren hausärztlichen Behandlung. Dort müssen sie immer die gleichen Fragen über sich ergehen lassen. Das alleine kostet ja schon Zeit und Geld. Das könnte man einmal zentral erfassen und mit allen teilen und Kosten sparen. «Repetitive Aufgaben können Maschinen übernehmen. Dann bleibt mehr Zeit für den menschlichen Austausch.» Eveline Graf, Leiterin des Bewegungslabors der ZHAW Graf: Technologie und Digitalisierung, sorgen dafür, dass das Gesundheitspersonal repetitive Aufgaben abgeben kann. Medikamente verteilen, das könnte auch eine Maschine. Vielleicht wird das Personal auch bei Entscheidungen entlastet, die aufgrund von Analysen vieler Daten getroffen werden müssen. Die gewonnene Zeit könnte eingesetzt werden für den menschlichen Austausch, wo dann vielleicht weitere Informationen zutage kommen, die für die Behandlung wichtig sind. Aus diesem Grund sehe ich auch keine Gefahr, dass es weniger Pflegepersonen braucht. Die menschliche Kompetenz ist essenziell. Angerer: Pflegefachkräfte in einem Spital sind nur zu 30 Prozent ihrer Zeit mit den Patientinnen und Patienten beschäftigt. Man glaubt gar nicht, wie viel Administration wir unseren Fachkräften zumuten, und da kann Digitalisierung Abhilfe schaffen. Graf: Gesundheitsfachpersonen werden nicht komplett durch Roboter ersetzt werden, da sehe ich kein Risiko. Der Eins-zu-eins-Austausch zwischen Menschen ist höchst relevant. Die Technologie, die einen Menschen so schnell und gesamthaft erfassen kann, wird es nie geben – und selbst wenn, dann sicher nicht in 20 Jahren. Hirsch: Mir gefällt der Gedanke des «Liquiden», was wir sehr stark auch in dem SHIFT-Projekt thematisieren: Die physischen Grenzen der Institutionen werden durchlässiger. Das bedeutet, die Patientin ist den Gesundheitsfachpersonen im Spital bereits vor dem Eintritt bekannt, weil sie auch von zu Hause aus direkt mit der Spitalärztin kommunizieren kann. Sie wird dann optimal auf den Aufenthalt vorbereitet, und auch die Nachsorge gestaltet sich einfacher. Das wäre eine gelungene integrierte Versorgung oder ein Hospital at Home – in 20 Jahren wird das Realität sein. Angerer: Meine Vision ist ganz konkret: Gehe ich heute mit Migräne zum Arzt, macht der vielleicht ein MRI und sieht nichts: Er weiss nicht, was die Ursache ist. Ich wünsche mir, dass der Arzt in 20 Jahren aus der Kombination so vieler verschiedener Datenquellen weiss, wie es mir geht. Er weiss dann, dass ich schlecht geschlafen habe, Stress habe, meine Ernährung nicht gut ist, ich zu wenig Sport treibe usw. Und er wird mir den Grund sagen können, weshalb es mir schlecht geht. Oder noch idealer, er sagt mir, was ich tun muss, damit es mir besser geht. So ein Gesundheitssystem wünsche ich mir.

Sein Startup hilft mit Künstlicher Intelligenz Wachstum zu optimieren

Die Idee für sein Startup kam Patrick Albrecht während seines Weiterbildungsmasters im Bereich Data Science an der ZHAW School of Engineering: «Mein fehlender grüner Daumen hatte mich dazu veranlasst, ein automatisiertes System zu entwickeln, um Kräuter und Salat zu Hause im Keller zu züchten. «Mir hat jedoch ein Modell gefehlt, welches mich auf Fehler hinweist und mir Vorschläge macht, wie das Wachstum optimiert werden kann», erinnert sich Patrick Albrecht. So war die Idee geboren, die Optimierung des Wachstums systematisch anzugehen. «Ich habe damals im Bereich Advanced Analytics bei einer Schweizer Grossbank gearbeitet», erzählt der aus Zürich stammende Gründer. Heute konzentriert sich Patrick Albrecht mit seiner eigenen Firma Fruitful auf die Verbesserung von Wachstumsprozessen in der Landwirtschaft, der modernen Lebensmittelproduktion und der Biotechnologie. Durch den Einsatz von Computer Vision und Data Science konzipiert Fruitful neuartige Lösungen, die es Indoor-Landwirtschafts- und Laborbetrieben ermöglichen, effizienter zu werden. Bakterien, Zellen, Pflanzen, alle haben eines gemeinsam: Je nach Bedingungen in der Umgebung wird das Wachstum beschleunigt, werden mehr Früchte produziert oder wird der Geschmack verändert. Bewässerung, Temperatur, Besonnung oder Düngung sind alles wichtige Einflussfaktoren. Nur wenn alle aufeinander abgestimmt sind, kann sich eine Pflanze optimal entfalten. «Meine Neugier erachte ich als eine der wichtigsten Eigenschaften als Unternehmer.» Patrik Albrecht, Fruitful-Mitgründer In professionellen Landwirtschaftsbetrieben werden die anfallenden Daten schnell komplex und unübersichtlich: «Die Herausforderung besteht darin, die kausalen Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Parametern und dem eigentlichen Wachstum zu identfizieren und zu quantifizieren», erklärt Fruitful-CEO Patrick Albrecht. Das Konzept hinter Fruitful besteht darin, die komplexen Zusammenhänge zu verstehen und sie in einer Software zusammenzufassen. Diese Software kombiniert Daten aus der Wachstumsumgebung mit Computer Vision, um aufzuzeigen, wie sich Veränderungen schlussendlich auf das Produkt auswirken. Computer Vision ist ein Feld innerhalb der Künstlichen Intelligenz, das hilft, aus visuellen Quellen wie Bildern oder Videos Informationen zu gewinnen. So haben Kundinnen und Kunden Möglichkeiten zu experimentieren. Die Technologie unterstützt sie bei der Entscheidungsfindung. Fruitful ist ein aufstrebendes Unternehmen mit Kunden aus der Landwirtschaft und der modernen Nahrungsmittelproduktion. Für Patrick Albrecht ist es kein Zufall: «Meine Neugier erachte ich als eine der wichtigsten Eigenschaften als Unternehmer. Ich bin offen für Ideen, kann mich in die Situation anderer hineinversetzen und sauge ständig neues Wissen auf, um daraus mit meinem fantastischen Team ein Produkt mit Mehrwert zu schaffen.» Jonas Urscheler

Gründerin mit spiritueller Ader

Schon als Kind war es für Birgitta Borghoff selbstverständlich, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ihr Vater führte in Deutschland eine Mühle, und all ihre Geschwister arbeiten heute auf selbstständiger Basis. «Unternehmertum ist eines der Themen, für die ich auf die Welt gekommen bin», sagt die Dozentin an den Departementen Linguistik und Wirtschaft. Zudem ist sie Coach, derzeit Growth Coach bei der Innovation Challenge von ZHAW entrepreneurship, und Jurymitglied an der jährlichen ZHAW Startup Challenge. In diesen Funktionen vermittelt sie den Studierenden, wie sie ihre Geschäftsidee wirkungsvoll hinüberbringen können. «Viele gute Ansätze scheitern an der Kommunikation», stellt Borghoff immer wieder fest. Mit überladenen Präsentationen und abstrakten Fachbegriffen sei es schwierig, Investierende oder Partnerinnen und Partner zu gewinnen. «Man muss eine Geschichte erzählen, authentisch und anschaulich.» «Unternehmertum ist eines der Themen, für die ich auf die Welt gekommen bin.» Birgitta Borghoff In die Schweiz kam die Diplom-Betriebswirtin vor gut 20 Jahren durch eine Anstellung bei der Swissair. Die Marketing-Managerin erkannte, dass die vom Terroranschlag 9/11 gebeutelte Flugbranche von einem kulturellen Repräsentations-Instrument profitieren würde, und gründete das Orchester Flughafen Zürich. «Es war mir stets wichtig, Wirtschaft und Kultur zu verbinden», erklärt die 49-Jährige. Sie sehe ihre Rolle meist am Rand von Teams. Von dort halte sie Ausschau nach neuen Möglichkeiten und baue Brücken zwischen unterschiedlichsten Bereichen. Nachdem Birgitta Borghoff an der ZHAW einen Master in Kulturmanagement erworben hatte, wechselte sie zum Lucerne Festival und baute dort die zeitgenössische Akademie mit auf. 2007 kam sie ans Zentrum für Kulturmanagement der School of Management and Law, wo sie selber studiert hatte. Sie entwickelte das Fachgebiet Cultural Entrepreneurship, aus dem später ein CAS hervorging. «Damals war Entrepreneurship noch nicht einmal am Wirtschaftsdepartement ein Thema», wundert sie sich. Auch für Kunstschaffende seien unternehmerische Fähigkeiten jedoch essenziell. Wer zum Beispiel eine Galerie eröffnen wolle, müsse sich genau überlegen, wie diese im bestehenden Angebot positioniert sein soll. Die Kommunikation sollte Entrepreneurial Storytelling mit dem Geschäftsmodell verknüpfen. « Wenn Logik und Intuition in dir verschmelzen,wirst du Wunder wälzen.» Birgitta Borghoff, ZHAW-Dozentin Der passionierten Dozentin und Forscherin geht es jedoch nicht nur darum, dass möglichst viele neue Firmen entstehen. «Auch wer in einem bestehenden Betrieb angestellt ist, sollte unternehmerisch denken und handeln.» Generell gebe es heute immer noch zu wenig Eigeninitiative und zu viel Dienst nach Vorschrift. Besonders wichtig seien Kreativität und Innovation im Hinblick auf alternative Arbeitsformen und spezielle Lebenssituationen. Diese Mentalität fördert Borghoff auch mit ihrer eigenen Firma namens brückenwege , die sie 2013 gegründet hat. Neben ihren vielfältigen Rollen an der ZHAW coacht sie Menschen, die beruflich neue Wege gehen wollen. In diesem Prozess stelle sie vor allem Fragen und nehme die Rolle der Sparring-Partnerin ein, erklärt sie. «Ich rege meine Klientel zum Reflektieren an und ermutige zum Ausprobieren neuer Dinge.» Dabei gehe sie oft intuitiv vor. Die Winterthurerin hat nämlich auch eine sehr gefühlvolle Seite und eine feine Wahrnehmung. Sie ist überzeugt, dass es neben der materiellen Welt auch eine nicht greifbare, spirituelle Dimension gibt. Gern beschäftigt sie sich mit philosophischen Fragen und trifft sich in ihrer Freizeit zu Gesprächsrunden mit Freundinnen und Freunden. Oft ist sie auch schweigend und lauschend in der Natur unterwegs oder schreibt poetische Texte, die ihr spontan in den Sinn kommen. Diese lässt sie auch in ihre Arbeit und den Unterricht einfliessen. Es brauche Mut, sich mit dieser Eigenschaft im rational geprägten Umfeld der Hochschule zu zeigen, sagt Birgitta Borghoff. Einen Widerspruch zwischen den beiden Bereichen sieht sie aber nicht: «Intuition und Logik sind für mich zwei Seiten derselben Medaille.» Andrea Söldi

Die Entrepreneurial University zum Fliegen bringen

Wo können sich Gleichgesinnte mit innovativen Ideen physisch an der Hochschule treffen, kennenlernen und austauschen? Welche konkreten Angebote und Hilfe zum Thema Entrepreneurship gibt es an der ZHAW? Oder wie navigiert man sich mit unternehmerischen Anliegen am besten durch den Bürokratiedschungel? Verschiedene Teams widmen sich im Rahmen der ersten Innovation Challenge solchen Fragestellungen. Denn die ZHAW soll als Entrepreneurial University zu einem Ort werden, an dem sich unternehmerisch denkende und handelnde Menschen treffen und an Herausforderungen wachsen. Bei diesem von der strategischen Initiative ZHAW entrepreneurship lancierten Innovationsprozess steht die Entwicklung neuartiger Projekte von der Teambildung über die Ideenfindung bis hin zur Implementierung im Vordergrund. «Wir möchten, dass möglichst viele Studierende, Mitarbeitende sowie Externe an diesem offenen Innovationsprozess mitwirken», so Anita Buchli, Co-Leiterin ZHAW entrepreneurship. Einen Treffpunkt ohne interdisziplinäre Grenzen möchte beispielsweise das Team rund um Zifei Wang-Speiser mit ihrer Idee schaffen. «Wir wollen ein Erlebnis schaffen, bei dem Studierende und Mitarbeitende aus allen Abteilungen der ZHAW kollaborativ ein Gewächshaus bauen, in dem wir gemeinsam pflanzen, ernten, kochen und essen. Dabei können alle mitmachen, denn es werden keine spezifischen Kompetenzen vorausgesetzt», so die wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZHAW-Institut für Facility Management. Diese Erfahrung ermögliche nicht nur den transdisziplinären Austausch von Wissen und Fähigkeiten. «Während wir gemeinsam an diesem greifbaren Projekt arbeiten, ermöglicht diese Veranstaltung spontane Begegnungen und die Entstehung unerwarteter Ideen.» «Denn in Zukunft werden auf die ZHAW immer mehr Fragestellungen und Herausforderungen zukommen, die ein rasches Handeln erfordern und die in den gewohnten Prozessen mit den etablierten Methoden nicht ideal bearbeitet werden können.» Anita Buchli, Co-Leitung ZHAW entrepreneurship Für eine bessere Orientierung zu den Themen Innovation und Entrepreneurship an der ZHAW sorgen sich zum Beispiel Raphael Wolfensberger und sein Team. «Wir haben festgestellt, dass Innovationsförderung an der Hochschule teilweise parallel verläuft. Um diese Synergien besser zu nutzen, wäre eine zentrale Anlaufstelle sinnvoll.» Als Idee schwebt ihnen eine Online-Plattform vor, welche die bestehenden Angebote vereint, Coachings anbietet und einen Marktplatz für zu lösende Probleme. Dies soll zu mehr Transparenz und einem regeren Austausch zwischen den Departementen führen und letztlich Innovation zusätzlich begünstigen. Die verschiedenen Teams mussten sich bei einem Bootcamp zum Start der ersten Innovation Challenge der ZHAW zuerst finden, dann zusammen Ideen entwickeln und sich gegenseitig davon überzeugen. An sogenannten Deep Dive Events treffen sich die Teilnehmenden seither regelmässig, werden durch erfahrene Growth Coaches begleitet und durch Inputreferate von erfolgreichen Entrepreneurinnen und Entrepreneuren inspiriert. «Wir haben diese Innovation Challenge lanciert, weil wir ein Entrepreneurial Mindset fördern wollen bei Studierenden und Mitarbeitenden der ZHAW.» Hanna Brahme, Co-Leitung ZHAW entrepreneurship Bei diesem iterativen Prozess experimentieren und testen die Teams ihre Projektideen. «So gehen wir schrittweise vor und entwickeln dadurch Dinge, die neuartig sind und an die wir vielleicht noch gar nicht gedacht haben», erläutert Anita Buchli, Co-Leitung ZHAW entrepreneurship. «Denn in Zukunft werden auf die ZHAW immer mehr Fragestellungen, Herausforderungen und Initiativen zukommen, die ein rasches Handeln erfordern und die in den gewohnten Prozessen und Abläufen und mit den etablierten Methoden nicht ideal bearbeitet werden können.» «Wir haben diese Innovation Challenge lanciert, weil wir ein Entrepreneurial Mindset fördern wollen bei Studierenden und Mitarbeitenden der ZHAW», so Hanna Brahme, Co-Leiterin von ZHAW entrepreneurship. «Aber wir haben uns nicht auf eine spezifische Idee festgelegt, sondern suchen engagierte Teams, welche begeistert sind von ihren Ideen und diese in der Realität testen wollen.» Die am Bootcamp der Innovation Challenge gebildeten Teams arbeiten während des gesamten Jahres als sogenannte «Innovators» an den ausgewählten Ideen und Lösungen. Beim Pitching Event Mitte November werden sie sich der Kritik einer Jury stellen müssen und diese vom Mehrwert, der für die Studierenden und Mitarbeitenden generiert wird, und von der Umsetzbarkeit der Idee überzeugen müssen. Danach werden die Gewinnerteams ihre innovativen Projekte umsetzen und in der Realität testen – und somit die ZHAW auf dem Weg zu einer führenden Entrepreneurial University wieder ein Stück näher ans Ziel bringen. Manuel Martin

Das Gesundheitswesen mit KI schlauer machen

Es ist das Jahr 2050 und die Toiletten in den meisten Schweizer Haushalten sind vernetzt – mit dem Internet of Medical Things (IoMT). Sensoren in den Schüsseln analysieren Urin und Stuhlgang und schicken eine Meldung an die Smartwatch, falls gewisse Werte auffällig sind. Daten erfasst auch das smarte Pflaster – es schlägt Alarm, wenn Stoffwechselwerte anormal sind. Die Vitalwerte werden von Wearables und implantierten Mikrochips erfasst und an eine App gesendet, in der alle Gesundheitsdaten einer Person gesammelt werden. Die App wiederum vereinbart wenn gewünscht gleich einen Termin bei einer Spezialistin. In den Spitälern übernehmen Künstliche Intelligenzen (KI) einen Grossteil der Datenanalyse und sind auch in der Diagnostik und als Unterstützung im Operationssaal nicht mehr wegzudenken. Diese Vision ist keine Utopie, sondern eine realistische Prognose des künftigen Gesundheitswesens in der Schweiz. Skizziert wird sie von Fachleuten aus dem Gesundheitswesen im 4. Digital Health Report (DHR) der ZHAW, der im Herbst erscheint. Der DHR beschreibt Nutzen und Risiken von Digital Health, aber auch die Treiber und Hürden. Die Autorinnen und Autoren haben dabei fünf Technologiegruppen mit «disruptivem Innovationspotenzial» identifiziert: Das IoMT, Robotik, Virtual/Augmented Reality (VR/AR), Blockchain und Künstliche Intelligenz (KI). Letztere wird dabei «als Schlüssel zum Brückenschlag über verschiedene Technologien hinweg» bezeichnet. «KI ist eine Querschnitttechnologie», sagt Christian Russ , Experte für Strategisches IT-Management und Digitale Technologien an der ZHAW School of Management and Law . Der Mitautor des DHR sieht «spannende Kombinationen von KI, etwa mit Robotik oder AR und VR». KI mache andere Technologien anwendbarer und schlauer. «Sie ist immens wichtig für die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens.» «Im Gesundheitswesen ist KI in spezifischen Bereichen schon weit verbreitet und akzeptiert, etwa bei der Sprach-, Text- und Bilderkennung in der Administration.» Christian Russ, School of Management and Law Und entwickeln muss sich das Schweizer Gesundheitswesen angesichts steigender Kosten, des demografischen Wandels, des Personalmangels und nicht zuletzt vieler offener medizinischer Fragen. Technologien alleine können diese Probleme zwar nicht lösen, sagt Russ. Doch: «Sie steigern massiv die Effizienz. KI-Anwendungen etwa können redundante Aufgaben übernehmen, Datenfehler vermeiden und das Personal spürbar entlasten.» Eine der Grundvoraussetzungen, damit sich KI und andere Technologien im Gesundheitswesen umfassender einsetzen lassen, ist deren gesellschaftliche Akzeptanz. Diese wird im Bericht als «Wollen» bezeichnet, neben dem technologischen «Können» und dem regulatorischen «Dürfen». Beim «Können» seien der Fantasie kaum Grenzen gesetzt, so Russ. «Die Frage ist mehr, wie weit wir finanzieren können. » Beim «Wollen» zeigt sich gemäss DHR in der Schweizer Bevölkerung eine grosse Offenheit gegenüber der Digitalisierung. Und: «Im Gesundheitswesen ist KI in spezifischen Bereichen schon weit verbreitet und akzeptiert, etwa bei der Sprach-, Text- und Bilderkennung in der Administration», sagt Russ und verweist auf eine repräsentative Umfrage bei Spitälern, die im Rahmen einer von ihm betreuten Weiterbildungsmasterarbeit durchgeführt wurde. Ernüchternder ist die Situation dagegen beim «Dürfen». «Da stecken wir hierzulande noch in den Kinderschuhen», sagt Russ. Es gebe zwar Bemühungen einzelner Akteurinnen und Akteure, «aber keine umfassende nationale Stossrichtung». Gut möglich, dass sich die Schweiz an der EU orientiere und deren Regelungen im autonomen Gesetzesnachvollzug übernehme. «Die EU arbeitet schon länger an gesetzlichen und ethischen Rahmenbedingungen für den Einsatz von KI im Gesundheitswesen.» Was die gesetzlichen Grenzen dieses Einsatzes angehe, müsse zwischen der Regulierung und der Wettbewerbsfähigkeit abgewogen werden, sagt Russ und nennt als Beispiel die Europäische Medizinprodukteverordnung, die auch für medizinische Softw-are gilt. «Die Verordnung ist notwendig. Sie stellt aber eine hohe Hürde insbesondere für Startups dar.» So sei die Zertifizierung und Qualitätssicherung medizinischer Software sehr kostspielig. Bei KI-Anwendungen komme hinzu, dass der Nachweis der Funktionsweise oft schwierig sei. «KI in Form von Machine Learning gleicht häufig einer Black Box.» «Wie Wasser seinen Weg findet, so wird KI ihren Weg ins Gesundheitswesen finden. Die Frage ist, wie wir das Wasser leiten wollen.» Christian Russ, School of Management and Law Für Russ ist das Risiko einer nicht mehr kontrollierbaren Superintelligenz in ferner Zukunft deshalb nicht komplett abwegig. Damit die Vision nicht zum Schreckensszenario wird, brauche es neben dem gesetzlichen Rahmen sowie der gesellschaftlichen Debatte viel Aufklärungsarbeit über Potenzial und Risiken von KI. Und der Entscheid, was KI dürfe und was nicht, müsse fortlaufend von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik diskutiert werden. Wie Wasser seinen Weg findet, so werde KI ihren Weg ins Gesundheitswesen finden. «Die Frage ist, wie wir das Wasser leiten wollen.» Tobias Hänni

Mehr Spass beim Üben

Man bewegt sich mitten durch eine Stadt ‒ vorbei an modernen Häuserfronten, über einen der Himmel. Mal muss man sich ducken, mal in die Höhe springen. Mal steht man auf einem Bein, mal gilt es, vorbeiziehende Punkte anzutippen. Die Aufgaben werden anspruchsvoller, der Ehrgeiz erwacht. Spätestens im «Dome», wo man rasch wechselnde Farbflächen «erwischen» muss, gerät man ins Schwitzen. Wer mit «The Dome» in einem ExerCube trainiert, wird herausgefordert. Ein ExerCube ist wie ein grosser Würfel, bei dem Nutzerinnen und Nutzer von drei Video-Wänden umgeben sind und als Hauptfiguren in einem Videospiel agieren und dabei trainieren. «Das Spiel ‘The Dome’ ist kognitiv und körperlich anspruchsvoll», sagt Eveline Graf , Leiterin des Bewegungslabors am ZHAW- Institut für Physiotherapie . «Es motiviert einen spielerisch dazu, einzelne Bewegungen immer wieder zu repetieren.» In der Rehabilitation nach Knieverletzungen, wofür das Game konzipiert ist, kommt man darum nicht herum. «Es motiviert einen spielerisch dazu, einzelne Bewegungen immer wieder zu repetieren.» Eveline Graf, Leiterin des Bewegungslabors an der ZHAW Bevor man in die virtuelle Welt eintaucht, werden an Hand- und Fussgelenken Tracker befestigt. Sie ermöglichen es den Kameras, die Bewegungen einzufangen. Dann positioniert man sich auf einer Markierung zwischen den drei Wänden, streckt die Arme aus und lässt so seine Körpergrösse feststellen. Nun kann das Spiel starten. «Es beinhaltet typische physiotherapeutische Übungen, die nach einem Kreuzbandriss wichtig sind», sagt Michelle Haas , wissenschaftliche Mitarbeiterin. Neben der Stabilität werden Agilität und Tempo trainiert. Wie gut dies gelingt, meldet das Game optisch und akustisch zurück. Abschliessend listet es die erbrachte Leistung detailliert auf. Das Game richtet sich an Menschen, die das Kreuzband verletzt haben und in der Rehabilitation fortgeschritten sind. Das Exergame «The Dome» ist vom ZHAW- Departement Gesundheit zusammen mit dem Departement Design der ZHdK und der Sphery AG entwickelt und von der Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen (DIZH) finanziert worden. Es richtet sich an Menschen, die das Kreuzband verletzt haben und in der Rehabilitation fortgeschritten sind. Sie sind mit den Übungen vertraut und befinden sich in der Phase, bevor sie das ordentliche Training wieder aufnehmen können. «Häufig fehlt ein Trainingsplan für diesen Übergang», sagt Michelle Haas, die ihre Masterarbeit zu dem Projekt geschrieben hat. Entsprechend hoch sei die Gefahr, sich erneut zu verletzen. Dass sich das Spiel Knieverletzungen widmet, hat damit zu tun, dass diese in vielen Sportarten vorkommen und sehr häufig sind. Sie seien einschneidend und erforderten neun bis zwölf Monate Therapie, sagt Projektleiterin Graf. «Viele Sportlerinnen und Sportler erreichen nicht ihr ursprüngliches Niveau.» «The Dome» hilft Betroffenen, an Sicherheit zu gewinnen. Es animiert sie dazu, auch einmal ans Limit zu gehen. Das digitale Tool spricht mehrere Sinne an. Die Trainierenden sind verschiedenen Reizen ausgesetzt und werden abgelenkt, sodass das verletzte Knie vergessen geht. Ihre Bewegungen fallen weniger kontrolliert aus als in einer klassischen Physiotherapiesitzung. Im ExerCube kommen sie realen Situationen etwa auf dem Fussball- oder Tennisplatz nahe. «Das Game schliesst eine Lücke in der Rehabilitation», betont Eveline Graf. Es bereite Menschen auch mental darauf vor, in ihren Sport zurückzukehren. Angesprochen würden nicht nur Profis, sondern auch Breitensportlerinnen und -sportler. «Exergames können eine klassische Physiotherapie ergänzen», fährt die Wissenschaftlerin vor. «Sie können die Intensität des Trainings erhöhen.» Die Aufgabe der Therapeutinnen und Therapeuten sei es, ein Spiel der individuellen Situation angepasst einzusetzen. «The Dome» verfügt aktuell über drei Levels. Dereinst könnte es sich dem Fortschritt der Nutzerinnen und Nutzer laufend anpassen. Die Projektpartner verfolgen ihr 2021 gestartetes Projekt «ExerUP» weiterhin. Sie wollen unter anderem erforschen, wie wirksam und attraktiv das Spiel ist. Und Eveline Graf stellt zufrieden fest: «Wir erhalten begeisterte Reaktionen – das Training macht Spass.» Spielerisch vorankommen sollen ebenso Kinder, die beim Schreiben Schwierigkeiten haben. Sie sollten an sich intensiv üben, fänden dies aber oft langweilig und mühsam, sagt Frank Wieber, stellvertretender Leiter der Forschung am ZHAW- Institut Public Health . «Was sie tun sollten und tatsächlich tun, geht zuweilen weit auseinander.» Ein Serious Game könne sie motivieren, ihre grafomotorischen Fähigkeiten regelmässig zu trainieren. «Auch wenn wir im Alltag immer mehr digital erledigen, bleibt das Schreiben von Hand zentral.» Frank Wieber, ZHAW-Institut Public Health Es lohne sich, Schreibschwierigkeiten früh anzugehen, betont Annina Zysset , wissenschaftliche Mitarbeiterin. Sie zählten zu den häufigsten Lernstörungen. Sie erschwerten es Schulkindern, dem Unterricht zu folgen und sich zu beteiligen. Sie könnten darüber hinaus zu emotionalem Frust und einem geringen Selbstwert führen. «Je früher man sie behandelt, desto besser.» Ein interdisziplinäres Team der ZHAW, der ZHdK und der PH Zürich hat dafür die «Konditorei Kritzel» entwickelt; es ist dabei von der Digitalisierungsinitiative des Kantons DIZH finanziell unterstützt worden. Das Spiel regt dazu an, Schwungübungen möglichst genau, mit passendem Druck und in einer gewissen Zeit auszuführen. Am Tablet gilt es, eine mehrstöckige Torte zu verzieren. Die Muster wechseln von Etage zu Etage, zuweilen kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen. Ist das Werk vollendet, muss es noch ausgeliefert werden. Auf einer Karte ist der Weg zur entsprechenden Adresse einzuzeichnen. Damit die Spielenden dranbleiben, erhalten sie laufend Feedbacks. Für gute Leistungen werden sie belohnt. Sie haben Erfolgserlebnisse und machen die Erfahrung, dass sie weiterkommen. «Auch wenn wir im Alltag immer mehr digital erledigen, bleibt das Schreiben von Hand zentral», sagt Frank Wieber. Es helfe, Wissen zu festigen und wiederzugeben. Dass regelmässiges Training zu Verbesserungen führe, sei wissenschaftlich gut dokumentiert. Ein Game könne zudem dazu beitragen, Schreibschwierigkeiten zu entstigmatisieren. Es sei attraktiv und unterhaltsam: «Alle wollen es spielen – auch Kinder ohne Problem.» «Konditorei Kritzel» sei bewusst niederschwellig konzipiert, ergänzt Annina Zysset. Das Spiel passe sich individuell an und könne von Lehrpersonen ohne weiteren Aufwand eingesetzt werden. Es brauche kaum Instruktionen und funktioniere ohne Internetverbindung oder persönliche Accounts. Das digitale Tool soll zunächst in der Schule zum Einsatz kommen. Es ist zeitlich limitiert; nach 20 Minuten wird ein Level abgeschlossen. «Man muss sich gut überlegen, ob man Kinder an einen Bildschirm bringt», sagt Frank Wieber und räumt ein, dass sich ethische Fragen stellen. Beispielsweise haben Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) ein erhöhtes Risiko, ein Suchtverhalten zu entwickeln. Sie haben überdurchschnittlich häufig Mühe mit Schreiben und zählen zur Zielgruppe des Projekts. «Entscheidend ist, wie man die Chancen von Serious Games nutzt», sagt der Psychologe. Das Spiel selbst, aber auch wie es eingesetzt werde, müsse ethisch vertretbar sein. «Konditorei Kritzel» hole die Nutzerinnen und Nutzer auf mehreren Ebenen ab, berichtet Zysset. «Es ist für jeden etwas dabei: für die Kreativen, die Ehrgeizigen und die Spielvögel.» Die Pilotversuche hätten dies bestätigt. Kinder spielten das Game mit Freude – und verbesserten dabei ihre motorischen Fähigkeiten: «Sie üben, ohne sich dessen bewusst zu sein.» Eveline Rutz

Veganes Ei für die Industrie

Käseküchlein, Schoggi-Mousse, Meringues – viele Leckereien gibt es heute auch vegan. Dies auch dank dem 2022 gegründeten Startup EggField , das der Lebensmittelindustrie eine Ei-Alternative auf Basis von Hülsenfrüchten bietet. Die Idee hatte einer der drei Co-Gründer, Silvan Leibacher, der für seine Biber-Manufaktur einen Ei-Ersatz suchte. Ende 2019 lernten sich Silvan Leibacher und David Ebneter über gemeinsame Freunde kennen. «Wir kamen ins Gespräch und Silvan erzählte mir, dass er auf der Suche nach einem pflanzlichen Ei-Ersatz für seine Backwaren war», sagt Ebneter, der zu diesem Zeitpunkt sein Studium beendet hatte und nach ersten Arbeitserfahrungen an der ZHAW im Industriebereich arbeitete. «Fast noch wichtiger als das praxisnahe Studium aber war das Umfeld: An der ZHAW lernte ich Leute kennen, die eigene Ideen umgesetzt haben.» David Ebneter, ZHAW-Absolvent «Mich interessierte diese Herausforderung, und kurzerhand entwickelte ich einen ersten flüssigen Prototyp», sagt Ebneter, der an der ZHAW einen Bachelor in Lebensmitteltechnologie und einen Master in Food and Beverage Innovation absolviert hat. Das praxisnahe Studium habe ihm für diesen Entwicklungsprozess viel gebracht. «Fast noch wichtiger aber war das Umfeld: An der ZHAW lernte ich Leute kennen, die eigene Ideen umgesetzt haben.» EggField mit Sitz in Illnau und drei Mitarbeitenden setzt auf einen stark wachsenden Markt. «Unsere Hauptkonkurrentin ist die riesige, subventionierte Ei-Industrie.» Im Gegensatz dazu kann EggField die Produkte nicht einfach in ein Regal stellen, denn das Unternehmen produziert aktuell ausschliesslich für die professionelle Gastronomie sowie für die Lebensmittelindustrie. Grund dafür ist die Intention des Unternehmens: Sie wollen den auf dem Schweizer Markt relativ hohen Anteil an «guten» Label-Eiern nicht ersetzen, sondern diejenigen Eier, die aus ethisch und ökologisch fragwürdigen Quellen stammen – diese kommen zu einem höheren Anteil in verarbeiteten Produkten zum Einsatz. «Wir begleiten unsere Kunden bei ihren Produktinnovationen und geben unser Know-how weiter.» So könne es bis zu einem Jahr dauern, bis ein neues Produkt entstehe. «Unsere Hauptkonkurrentin ist die riesige, subventionierte Ei-Industrie.» David Ebneter, Co-Gründer und Chief Technical Officer von EggField In Sachen Wachstum verfolgt EggField einen KMU- und keinen klassischen Startup-Ansatz. «Wir wollen uns Zeit nehmen und nachhaltig wachsen, wollen zufriedene Mitarbeitende und zufriedene Kundinnen und Kunden.» Diesen Anspruch ebenso wie eine grosse Leidenschaft erachtet Ebneter als wichtig für Entrepreneurinnen und Entrepreneure: «Es braucht Risikobereitschaft und Beharrlichkeit, um Gegenwind und Rückschläge auszuhalten und zu überwinden.» Kathrin Reimann

«Was zeichnet eine Entrepreneurin und einen Entrepreneur aus?»

Aufgezeichnet von Manuel Martin

Die Kunst relevanter Bildung

Alessandro Maranta: Wer nicht bereit ist, ein Leben lang immer wieder Neues zu lernen und auszuprobieren, wird nicht unternehmerisch denken können. Unternehmerisches Denken ist die Kunst, Altes und Neues geschickt zu kombinieren. Es ist mit einer Stadt vergleichbar, in der einiges beständig ist, wie Strassen oder historische Viertel, und anderes nach wenigen Jahren nicht wiederzuerkennen ist, weil Gebäude abgerissen und Pärke umgebaut wurden. Eine Stadt verändert sich ständig und schafft neue Zusammenhänge. Es braucht eine lebenslange Bereitschaft, solche Zusammenhänge verstehen und gestalten zu wollen und darin die Chancen und Risiken zu erkennen. Das Beispiel veranschaulicht für mich, wie man nachhaltig unternehmerisch und innovativ denken und handeln soll. Einmal gut ausgebildet bedeutet nicht, dass man für immer gut ausgebildet ist. Zum einen verändern sich Wissen sowie Kompetenzen, sie haben unterschiedliche Halbwertszeiten. Zum anderen können wir die individuellen Berufskarrieren und unternehmerischen Herausforderungen nicht im Einzelnen vorhersehen. Curriculum-Entwicklung ist daher die Kunst, die unterschiedlichen Entwicklungen von Wissenschaft, Praxis, Trends und individuellen Bildungsverläufen aufeinander abzustimmen. Wir stimmen in unseren Bildungsangeboten die Lebenszyklen relevanter Kompetenzen und die Halbwertszeit von Wissen mit der Lebensdauer von Ausbildungen und den Bildungsbiografien von Einzelnen ab. Mit unseren Bachelor- und Masterstudiengängen sowie Weiterbildungen realisieren wir Bildungsangebote, die nahe an den Menschen sind und ihren vielfältigen Lebens- und Berufsphasen gerecht werden. «Didaktisch gab es in den letzten Jahrzehnten einen Perspektivenwechsel, den sogenannten shift from teaching to learning, also hin zur Kompetenzorientierung.» Alessandro Maranta, ZHAW-Ressort Bildung Didaktisch gab es in den letzten Jahrzehnten einen Perspektivenwechsel, den sogenannten «shift from teaching to learning», also hin zur Kompetenzorientierung. Politisch gesehen haben die Förderung der Berufs- und Anwendungsorientierung sowie der Bedarf von Fachkräften mit Hochschulbildung den Fachhochschulen einen riesigen Aufschwung ermöglicht. Zudem befinden sich Arbeitswelten und Karrieremodelle im Wandel, worauf wir unsere Bildungsangebote ausrichten. Vor diesem Hintergrund erhalten Bildungsangebote einen neuen Stellenwert, denn gut ausgebildete Fachkräfte sind ein kostbares Gut. Es sind vor allem die Studiengangleitungen und Dozierenden, die mit ihrem Qualitätsbewusstsein und ihrer Nähe zum Themengebiet dafür sorgen, dass ihr Bildungsangebot aktuell bleibt. Sie beurteilen regelmässig, wie sich ihr Umfeld verändert und welche Kompetenzen relevant sind. «Doch nicht nur aktuell nachgefragte Fachkompetenzen sind relevant, es braucht auch überfachliche Kompetenzen, sogenannte Future Skills.» Alessandro Maranta, ZHAW-Ressort Bildung Doch nicht nur aktuell nachgefragte Fachkompetenzen sind relevant, es braucht auch überfachliche Kompetenzen, wie den Umgang mit unterschiedlichen Kommunikations- und Medienformen oder Projektmanagement. Solche Kompetenzen werden auch unter dem Begriff Future Skills zusammengefasst. Mit diesem Kompetenzmix fördern wir nachhaltig unternehmerisches und innovatives Denken sowie Handeln. Dazu gehört auch ein interdisziplinärer Austausch. Wir wollen unseren Studierenden individuelle Freiräume ermöglichen, sie aber gleichzeitig nicht allein lassen und sichergehen, dass sie die nötigen Kompetenzen erhalten. Im Ressort Bildung stärken wir kontinuierlich die Grundlagen, um vermehrt interdepartementale Module und Studiengänge zu ermöglichen. Dabei legen wir unseren Fokus auf die Organisation von Bildungsmanagement über verschiedene Abteilungen, Institute oder Zentren hinweg und beseitigen organisationale Hürden. Mit guten Rahmenbedingungen wollen wir die Offenheit in der Bildung gewährleisten und einer fachlichen Zementierung von Wissen entgegenwirken. Die demografische Entwicklung, die anhaltende Migration, der Klimawandel oder das Wiedererstarken von Autokratien, aber auch die Digitalisierung unterstreichen die Notwendigkeit, für gut ausgebildete Fachpersonen zu sorgen und zu einer aufgeschlossenen Gesellschaft beizutragen. Global bedeutet das, demokratisch und mit liberaler Offenheit in stetig lernenden Gesellschaften diese Herausforderungen anzugehen. Die ZHAW leistet zu dieser unabdingbaren weltumspannenden Kooperation ihren Teil. Wir zeigen unseren Angehörigen, dass Offenheit die partnerschaftliche fachübergreifende Kooperation unterstützt und innovatives Denken und Handeln stärkt. Selbst etwas dazu beizutragen, erfüllt mich mit Freude und Genugtuung. Interview Thomas Schläpfer

Entrepreneurial University: «Alle Studierenden sollen bei uns Unternehmergeist erleben»

Jean-Marc Piveteau: Wenn ich mich auf drei fokussieren soll, dann wären das Enthusiasmus, Risikobereitschaft und Durchhaltevermögen. Enthusiasmus ist sehr wichtig, um sich selbst und andere zu motivieren und zu überzeugen. Risikobereitschaft, weil man bereit sein muss, etwas auszuprobieren, was bisher vielleicht noch niemand gemacht hat. Und nicht zuletzt braucht es Durchhaltevermögen, denn sicher bleiben Rückschläge oder gar Misserfolge nicht aus. Wo kann man dies im Alltag besser leben als an einer Hochschule, einem Ort, an dem immer Neues entwickelt wird? In inspirierenden Begegnungen mit Forschenden, Dozierenden, Studierenden, Absolventinnen und Absolventen spürt man den Mut und die Begeisterung, etwas Neues erarbeiten oder Startups gründen zu wollen. Der Funke springt über. «Wir als Hochschule wollen verstärkt Menschen anziehen, die wachsen wollen an komplexen und schwierigen Herausforderungen.» Rektor Jean-Marc Piveteau Unternehmergeist, wie ich ihn mir für die ZHAW wünsche, ist eine Frage der Haltung. Wir als Hochschule wollen verstärkt Menschen anziehen, die wachsen wollen an komplexen und schwierigen Herausforderungen. Die Hochschule soll Eigeninitiative fördern, auf nachhaltige Wertschöpfung zielen und offen machen für die Zusammenarbeit über interdisziplinäre Grenzen hinweg. In der EU und in der angelsächsischen Welt gibt es bereits Hochschulen, die sich «Entrepreneurial Universities» nennen. Mir ist es aber sehr wichtig, dass wir als ZHAW unser ganz eigenständiges Profil entwickeln. Für unsere Fachhochschule, die in der Schweizer Bildungslandschaft verankert ist, ist mein Hauptanliegen – und das sehe ich als unseren Bildungsauftrag: Alle Studierenden sollen bei uns während des Studiums unternehmerisches Denken erleben und leben. Künftig sollen Studierende mehr Eigenverantwortung für ihre Bildungsreise an der ZHAW übernehmen können. Auch ausserhalb der Curricula soll es Aktivitäten geben wie Summer oder Winter Schools, zu denen sich Studierende verschiedener Fachrichtungen treffen und wo sie gemeinsam unternehmerische Fähigkeiten und eine unternehmerische Haltung entwickeln können. In Werkstätten und Laboren sollen Studierende verstärkt experimentieren, Prototypen herstellen und aus Fehlern lernen können. Und es soll Orte geben, an denen sie die Projekte, für die sie brennen, präsentieren können. Die Projekt- und Abschlussarbeiten sind bereits heute sehr praxisorientiert. Wir wollen künftig vermehrt auch offene Diskussionen und Co-Creation-Formate mit der Industrie und der Gesellschaft fördern. Unternehmerisches Denken nur mit Firmengründung oder technischer Innovation in Verbindung zu bringen, ist zu eng gedacht. Es muss in allen Studiengängen erlebt und vermittelt werden. Spannend ist zum Beispiel am Departement Soziale Arbeit das neue Social Entrepreneurship Lab. Hier stehen nicht IT, Künstliche Intelligenz oder Technik im Vordergrund, sondern Fortschritt, der das gesellschaftliche Zusammenleben weiterbringen soll. Unternehmerisches Denken zu fördern, ist nichts Neues an der ZHAW. Das machen wir bereits seit Jahren. An der School of Management and Law gibt es zum Beispiel das Institut für Innovation und Entrepreneurship, das seit Jahren in den thematischen Schwerpunkten Business Innovation und Entrepreneurship forscht, lehrt und berät und darin führend ist. Im Master of Business Administration wurde der Schwerpunkt Innovation and Entrepreneurship etabliert. Und seit 2015 gibt es jedes Jahr eine ZHAW Startup Challenge für Studierende. Auch die School of Engineering fördert mit einer Entrepreneur-Initiative Studierende, die ein Startup gründen wollen, vermittelt ihnen Mentorinnen und Mentoren oder leistet Brückenfinanzierung. Erwähnt sei ebenso der neue Master of Science in Preneurship for Regenerative Food Systems am Departement Life Sciences und Facility Management, bei dem Studierende sehr selbstbestimmt ihre Bildungsinhalte zusammenstellen können. Nicht zuletzt werden mit dem Sustainability Booster vor allem Businessideen von Studierenden gefördert, die einen positiven Impact auf die Umwelt haben. Ich könnte hier noch vieles aufzählen. «Die neue Initiative ZHAW entrepreneurship soll eine zusätzliche Dynamik in die schon existierenden Bestrebungen bringen. Wir schalten jetzt einen Gang höher.» Rektor Jean-Marc Piveteau Die Initiative soll eine zusätzliche Dynamik in die schon existierenden Bestrebungen bringen. Wir schalten jetzt einen Gang höher. Wichtig ist das gute Zusammenspiel zwischen allen bereits existierenden Initiativen. Bei ZHAW entrepreneurship mit Anita Buchli und Hanna Brahme als Co-Leitung setzen wir derzeit auf zwei Handlungsfelder: Zum einen wollen wir an der ZHAW eine Community von Entrepreneurinnen und Entrepreneuren ins Leben rufen. Das ist die Idee hinter der Initiative ZHAW Visioneur. Zum anderen soll ein hochschulweiter Innovationsprozess etabliert werden. Auch wir als Hochschule müssen Strukturen und Arbeitsweisen überdenken und transformieren. In der derzeitigen Pilotphase prüfen wir, mit welchen Aktivitäten und Formaten die Kultur des Austausches sowie Enthusiasmus und Risikobereitschaft innerhalb der Hochschule gefördert werden können. Bei der der derzeitigen Innovation Challenge sollen sich neue Ideen herauskristallisieren. Der Wandel, der sich in vielen Branchen, Unternehmen und Bildungseinrichtungen, aber auch in der Gesellschaft insgesamt vollzieht, erfordert Mitarbeitende mit unternehmerischen Fähigkeiten und Denkweisen. Diese wollen wir aus- und weiterbilden, damit unsere Absolventinnen und Absolventen noch attraktiver für den Arbeitsmarkt werden. Sie sollen mutig die Herausforderungen der Zukunft angehen können. Bei den Spin-offs – also den Unternehmensgründungen mit Innovationen aus der ZHAW heraus – sind es fünf oder sechs und einige sind noch in der Pipeline. Die Startups zu zählen, ist etwas schwierig. Wir erfahren nicht immer von den Firmengründungen. Da dürfte die Anzahl aber um ein Vielfaches höher liegen als bei den Spin-offs. Acht Jungunternehmen sind allein aus den Gewinnerinnen und Gewinnern der jährlichen ZHAW Startup Challenge hervorgegangen, und an der School of Engineering sind es seit 2013 über 40 Neugründungen gewesen. Die Mehrheit unserer Studierenden wird nach dem Studium jedoch in bereits bestehenden Organisationen und in mittelgrossen oder grossen Unternehmen arbeiten. Aber auch dort wird selbstverständlich unternehmerisches Denken erwartet angesichts der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen, vor denen wir alle stehen. «Unternehmerisches Denken nur mit Firmengründung oder technischer Innovation in Verbindung zu bringen, ist zu eng gedacht.» Rektor Jean-Marc Piveteau Um ehrlich zu sein, nein. Ich bin kein Entrepreneur, ich bin ein Intrapreneur. Vor meiner Tätigkeit an der ZHAW war ich bei Ascom, einem börsennotierten Schweizer Unternehmen für Telekommunikation und Services, tätig. Als Forschungsingenieur musste ich dort Kundinnen und Kunden akquirieren sowie Produkte verkaufen. Auch später bei der UBS in der IT-Abteilung wurde unternehmerisches Denken erwartet. Aus diesem Grund bin ich überzeugt, dass man Entrepreneurship breiter denken muss als im Zusammenhang mit Unternehmensgründungen. Jede Absolventin und jeder Absolvent soll sagen können: Ich habe an einer Hochschule studiert, an der unternehmerisches Denken etwas sehr Wichtiges ist. Wir haben dieses unternehmerische Denken wirklich erlebt und gelebt. In der Community Visioneur wird man sich zu Innovationen austauschen, und die Zahl der Startups und Spin-offs aus dem ZHAW-Umfeld wird steigen. Die ZHAW wird dann ein Ort sein, an dem sich unternehmerisch denkende und handelnde Menschen treffen und gemeinsam an Herausforderungen wachsen und die Zukunft kreativ mitgestalten. Interview Patricia Faller

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