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Wird unsere Gesellschaft immer radikaler?

Vorfälle mit Linksautonomen an Demos. Strassenblockaden von Klimaaktivisten. Treffen von Rechtsextremen. Jihad-Reisende. Christliche Fundis. Gewalt von Hooligans. Angriffe auf Blaulichtorganisationen. Hass im Internet. Und politische Polarisierung. Alle diese Phänomene gibt es auch in der Schweiz. So verschieden sie sind, könnten sie doch eines gemeinsam haben: die Tendenz zur Radikalisierung. Stimmt der Eindruck? Radikalisiert sich unsere Gesellschaft? «Mit einer solchen Diagnose bin ich höchst vorsichtig», antwortet Dirk Baier. Der Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW sitzt am Bürotisch, vor sich den Laptop und wissenschaftliche Studien mit gesicherten Erkenntnissen. «Unsere Ansprüche an korrektes Verhalten haben sich erhöht: Deshalb reagieren wir sensibler, wenn jemand das friedliche Zusammenleben stört.» «Man kann nicht pauschal sagen, dass sich die Gesellschaft radikalisiert», stellt er dann fest. Auch bei der Kriminalität hätten viele den Eindruck, sie nehme zu. Das belege die Statistik aber keineswegs. Die Jugendgewalt etwa sei zurückgegangen. Wenn schon, trifft laut Baier der gegenteilige Befund zu. Über einen längeren Zeitraum gesehen, sei die Welt friedlicher geworden, die Gesellschaft zivilisierter. Aggressionen und Gewalt würden stärker kontrolliert. Dass Radikalität auffällt, kann für den Forscher ein Ausdruck zivilisatorischen Fortschritts sein. Unsere Ansprüche an korrektes Verhalten hätten sich erhöht: «Deshalb reagieren wir sensibler, wenn jemand das friedliche Zusammenleben stört.» «Alles, was irgendwo passiert, ist ganz schnell ganz nah bei uns.» Noch vor zwanzig Jahren, sagt Baier, wäre es beispielsweise kaum einem Polizisten in den Sinn gekommen, von Jugendlichen im Ausgang Respekt einzufordern. Heute werde deren Verhalten viel schneller als respektlos eingestuft. In der Schweiz wirke zudem das politische System «befriedend». In der direkten Demokratie kann man seine Anliegen einbringen und allfälligen Unmut an der Urne kundtun. Der aus Sachsen (D) stammende Baier sieht hier einen wichtigen Unterschied zu Deutschland, wo dies weniger möglich sei und sich deshalb mittlerweile verschiedene politische Milieus feindlich gegenüberstünden. Dass trotzdem auch in der Schweiz viele das Gefühl hätten, Entwicklungen liefen aus dem Ruder, hat laut Baier mit der Mediengesellschaft zu tun: «Alles, was irgendwo passiert, ist ganz schnell ganz nah bei uns.» Aus weit entfernten Ereignissen würden persönliche Probleme. Und der Eindruck wachse, da müsse man doch etwas dagegen unternehmen. Baier nennt das Beispiel des islamistischen Terrors. Obwohl es in der Schweiz – «Holz anrühren!» – nie zu einem Anschlag kam, gaben in einer Umfrage acht von zehn Personen an, sich stark davor zu ängstigen: «Dabei war die Sicherheit objektiv stets gegeben.» Der Forscher mahnt zur Differenzierung. Für ihn fängt das schon bei den Begriffen an: «Radikal heisst noch nicht extremistisch.» Historisch gesehen brauche es manchmal Radikalität: «Die 68er hatten radikale Gedanken und machten unsere Gesellschaft offener.» Radikalität werde erst in Verbindung mit bestimmten Methoden zum Problem. Dann spreche die Wissenschaft nicht mehr nur von radikal, sondern von extremistisch. Baier hat dies bei 17- und 18-jährigen Jugendlichen in der Schweiz untersucht. Er fand eine gewisse Zustimmung zu radikalen bis extremen Positionen links und rechts. Dabei kamen Sympathien für linksradikale, antikapitalistische, anarchistische Ideen häufiger vor als solche für rechte, fremdenfeindliche, autoritäre Haltungen. Muslimische Jugendliche äusserten überdies breite Zustimmung zu antiwestlichen Einstellungen. Als die Jugendlichen allerdings gefragt wurden, ob sie bereit wären, zur Durchsetzung der Ideologien Gewalt anzuwenden, sanken die Ja-Raten bei allen sehr stark. Bei den muslimischen Jugendlichen lag die Zustimmung zu islamistischem Extremismus letztlich unter drei Prozent. «Doch dieses Ergebnis der Studie interessierte die Öffentlichkeit dann deutlich weniger», so Baier trocken. Eine Entwicklung bereitet auch dem nüchtern analysierenden Forscher Sorgen: die Schattenseiten des Internets und der neuen sozialen Medien: «Dadurch gibt es seit etwa zehn Jahren massiv erweiterte Möglichkeiten, sich auszutoben.» Noch fehle es an verbindlichen Spielregeln und Umgangsformen für die digitalen Plattformen, so Baier. Negative Folgen lassen sich zum Teil empirisch nachweisen. Cybermobbing, also Bedrohungen und Beschimpfungen im Internet, hat bei Schweizer Jugendlichen leicht zugenommen. Auch extremistische Radikalisierung vollzieht sich mehr und mehr unter dem Einfluss des Internets. Jugendliche sind dafür besonders empfänglich. Baier fand heraus: «Der häufige Konsum extremistischer Medien hat bei ihnen den stärksten Einfluss auf extremistische Radikalisierung.» Nebst den Inhalten spielen Social-Media-typische Mechanismen eine Rolle. Aufmerksamkeit erhält, wer laut und extrem ist, wer starke Thesen postet. Auch Feindbilder ziehen immer im Netz. Baier verweist auf das Beispiel von US-Präsident Trump, der vormache, wie sich die virtuelle Aufmerksamkeitslogik nutzen lässt. Nicht einmal vor Desinformation scheue dieser zurück. Verheerenderweise wüssten auch Terrororganisationen wie der «Islamische Staat» ihre gewaltverherrlichenden Botschaften professionell audiovisuell zu verpacken: «Sie sprechen vor allem junge Männer an», sagt der Forscher. Damit radikale Ansichten von Jugendlichen nicht in Gewalt umschlagen, sollte Prävention laut Baier im Internet ansetzen. Er begleitete vier Online-Pilotprojekte in der Schweiz, die den Extremismus mit positiven Inhalten und erhärteten Fakten zu bekämpfen versuchen. Die Videoclips und Blogbeiträge wurden von Jugendlichen mitproduziert, ansprechend gestaltet und auf sozialen Netzwerken wie Youtube, Instagram und Facebook geteilt. Sie wenden sich gegen Gewalt, Rassismus, Verschwörungstheorien und werben für Toleranz und Demokratie. Das Projekt « SwissMuslimStories » etwa porträtiert zehn gut integrierte junge Muslime. «Wir sollten dem Müll im Netz mehr Gutes entgegensetzen.» Auch wenn die Resonanz noch gesteigert werden könnte, sind solche Initiativen für Baier ein vielversprechender Anfang. Bisher dominiere der Müll im Netz, «wir sollten ihm mehr Gutes entgegensetzen.» Was Baier damit meint: sachliche Informationen, positive Botschaften, das reale Leben. Das Internet brauche mehr «Gegennarrative» zu Extremismus, Fake-News und Hate-Speech, sagt er. Auch die Jugendarbeit werde sich in Zukunft wohl vermehrt digital betätigen. Der Forscher kennt Beispiele aufsuchender Jugendarbeit im Netz, bei der Sozialarbeitende Jugendliche, die sich extremistisch äussern, online ins Gespräch ziehen. Youtube-Filmchen allein genügen aber nicht, um extremistischer Radikalisierung vorzubeugen. Sie sind für Baier nur Bausteine einer grösseren Strategie, die auch die gesellschaftlichen Ursachen angehe. Nicht zuletzt appelliert der Forscher an die Verantwortung der Erwachsenen zum konstruktiven Diskurs. Erwachsene seien selber zwar weniger anfällig für extremistische Radikalisierung: «In der Regel haben sie mehr zu verlieren als die Jungen, deshalb gehen sie nicht hin und zünden etwas an.» Erwachsene mit radikalen Einstellungen – «zum Teil noch radikaler als bei den Jungen» – könnten jedoch ein Meinungsklima erzeugen, das Jugendliche zur extremistischen Aktion ermutige. Das betreffe Eltern genauso wie Politikerinnen und Politiker. Ganz aktuell rät der Experte zum «klugen Umgang» mit den Jugendlichen, die seit mehr als einem Jahr für Massnahmen gegen die Klimaerwärmung demonstrieren. Wenn die Politik deren Ziele und Ideen jetzt nicht höre und zu kanalisieren versuche, «werden sich einige von ihnen radikalisieren», warnt Baier. Denn fehlende echte Partizipation sei erwiesenermassen ein Risikofaktor dafür. In einer Allianz mit linksextremen Strukturen könnte dann auch Gewalt zum Thema werden. «Warum nicht Jugendliche aus der Gemeinde einladen, einen Zehn-Punkte-Plan zu formulieren, und die Anliegen dann mit ihnen diskutieren?», schlägt Baier den Lokalpolitikern im Land vor. Demokratie live: beste Extremismusprävention für junge Leute. Susanne Wenger

Die Klimarebellin

«Es sind drastische Massnahmen erforderlich, aber selbst wir Aktiven sind oft nicht so konsequent, wie es nötig wäre.» Bereits seit zehn Jahren ist die Chemikerin Christina Marchand im Klimaschutz aktiv, aber heute ist es ihr ernster denn je. Diese absolute Lebensbedrohlichkeit des Klimawandels lasse sich leicht verdrängen, weil man sie hier wenig spüre. Deshalb engagiert sich die 50-Jährige seit knapp einem Jahr auch bei Extinction Rebellion. Die in Grossbritannien gegründete Bewegung hat in den grösseren Schweizer Städten Ableger und will die Gesellschaft mit Protestaktionen aufrütteln. Zum Beispiel im September 2019, als die Gruppierung in einer aufsehenerregenden Aktion in der Zürcher Innenstadt die Limmat giftgrün färbte, um auf die Dringlichkeit der Klimakrise aufmerksam zu machen. Damals stand Christina Marchand am Limmatufer, verteilte Flyer und informierte die Bevölkerung. Die Klimarebellen fordern in erster Linie, dass die Klimakrise als dringliches Problem anerkannt wird und auf gesellschaftlicher und nicht privater Ebene gelöst werden muss. Sie schlagen vor, der Politik ein Zusatzgremium in Form einer Bürgerversammlung zur Seite zu stellen. Das dritte Ziel ist netto null Treibhausgasemissionen bis 2030. «Wir sollten alle innehalten und das Maximale für die Lösung des Problems beitragen. Ich finde es seltsam, dass angesichts der Dringlichkeit alle einfach so weitermachen wie bisher», sagt sie und lacht ein wenig ungläubig. «Viele Organisationen und Menschen versuchen seit Jahren, den Klimawandel mit Worten und gutem Beispiel zu erklären und sind damit gescheitert.» Statt andere zu verurteilen, findet es Christina Marchand wichtig, mit gutem Beispiel voranzugehen , sei es als Privatperson oder als ganze Nation. Als Geschäftsleiterin und Gründerin der Stromvergleichsplattform mynewenergy.ch und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ZHAW am Institut für Innovation und Entrepreneurship kennt sie das Potenzial von neuen Technologien. Gleichzeitig gibt sie mit ihrer ruhigen, sachlichen Stimme zu bedenken, dass es Zeit braucht, bis die älteren, umweltschädlichen Energieproduktionsmethoden wie etwa Kohle verschwinden werden. An der ZHAW forscht und lehrt Christina Marchand zum Thema Startups im Energie- und Umweltbereich . Am liebsten würde sie jedoch noch mehr dazu beitragen, die Studierenden für gesellschaftliche Herausforderungen in dem Mass zu sensibilisieren, wie es die Klimakrise erfordert. An Protestaktionen von Extinction Rebelion nimmt sie als Privatperson teil. Ihr Hintergrund als Wissenschaftlerin hilft ihr, die Fakten fundierter zu erklären. Wie weit jede und jeder bei den Aktionen gehen möchte, ist den Einzelnen selbst überlassen. Bis jetzt ist Christina Marchand noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und hat es im Moment auch nicht vor – auch weil sie Kinder im Teenageralter hat. Mit ihnen und ihrem Ehemann pflegt sie einen klimafreundlichen Lebensstil: «Wir lieben es, andere Reisen zu planen als mit dem Flugzeug und Second Hand einzukaufen. Wir tun in allen Bereich das Möglichste und geniessen trotzdem unser Leben.» Denn sie möchte heute und in Zukunft nicht zu jenen gehören, die nichts getan und die Warnsignale übersehen haben. https://www.journal21.ch/corona-gegen-greta Susanne Wagner

Wie reagieren Sie auf radikale Kommentare?

Aufgezeichnet von Ursula Schöni

Auch winzige Arsendosen töten irgendwann

«Worte können sein wie winzige Arsendosen, und nach einiger Zeit ist die Wirkung da», habe Viktor Klemperer einst über die Sprache der Nationalsozialisten gesagt. Philipp Dreesen, Sprachwissenschaftler an der ZHAW, zitiert den deutschen Philologen nicht ohne Grund: Gemeinsam mit der Linguistin Julia Krasselt ist Dreesen in den vergangenen Jahren der Frage nachgegangen, woran sich politische Radikalität im Wortschatz eigentlich festmacht – gerade auch dort, wo sie auf den ersten Blick nicht unbedingt ersichtlich ist. Die beiden Forscher des Departements Angewandte Linguistik haben dazu den Wortschatz von Spiegel, Bild und Zeit mit demjenigen der rechtspopulistischen Plattformen PI-News und Compact verglichen. «Eigentlich taten wir nichts anderes als Wörter auszuzählen», erzählt Krasselt schmunzelnd. «Allerdings braucht es einen sehr grossen Datensatz, um aussagekräftige Informationen zu erhalten.» Mehr als 600’000 redaktionelle Beiträge haben die zwei Wissenschaftler analysiert, alles Texte, die zwischen 2008 und 2018 online erschienen sind. Die Grundidee: Die Bedeutung eines Wortes ist nicht einfach gegeben, sondern erschliesst sich oft erst aus dem Kontext, in den es eingebettet ist. Deshalb untersuchten Krasselt und Dreesen nicht nur, welche Begriffe je nach Medienangebot wie oft vorkamen – sondern auch, welche Wörter sich in deren unmittelbarer Nachbarschaft häuften. Wie sich zeigte, gibt es einen Wortschatz, den die beiden Forscher nur in den rechtspopulistischen Medien antreffen: Mainstreampresse, Lügenmedien oder Asylforderer gehören etwa zu diesem – Signalwörter, aus denen deutlich eine rechtspopulistische beziehungsweise radikalisierte Haltung spricht. «Begriffe des Alltags wie Espresso oder Knoblauch, die in etablierten Medien häufig vorkommen, sucht man hingegen vergeblich», sagt Dreesen. Das liegt vor allem daran, dass PI-News und Compact fast ausschliesslich über Politik berichten würden und die Berichterstattung zudem auf Themen wie Islam, Migration und Medienkritik einengten, sagen die beiden. Was die beiden Wissenschaftler an ihren Forschungsergebnissen aber besonders erstaunt: Selbst dort, wo rechtspopulistische News-Plattformen dieselben Begriffe verwenden wie die sogenannten Orientierungsmedien, haben sie häufig nicht die gleiche Bedeutung. So engen PI-News oder Compact den Bedeutungshorizont von eigentlich neutralen Worten wie Verhältnis, Leistung oder Industrie so stark ein, dass mit der Zeit nur noch eine politische und negativ konnotierte Lesart möglich ist. Ein Wort wie Figur wird in den rechtspopulistischen Portalen beispielsweise ausschliesslich zur Beschreibung der physischen Statur in einem Fahndungsprofil eingesetzt – also etwa um zu sagen, dass ein gesuchter Täter eine kräftige Figur habe. Die etablierten Medienhäuser hingegen verwenden das Wort viel breiter. Irgendwann lassen sich solche Begriffe selbst in anderen Kontexten nicht mehr unvoreingenommen lesen, sind sich Dreesen und Krasselt einig. Diese Worte durchlaufen im wahrsten Sinne eine Radikalisierung: Sie verwandeln sich von unverfänglichen Begriffen zu Ausdrücken mit politischer Sprengkraft. Es sind ausserdem Wortkonstruktionen wie «Gedenkindustrie», die ironischerweise genau das verhindern, was sich rechtspopulistische Medienangebote so gross auf die Fahne schreiben: Die Möglichkeit, sich frei eine Meinung zu bilden. Plattformen wie PI-News oder Compact begründen die Notwendigkeit ihrer Existenz damit, dass die etablierten Medienhäuser einseitig berichten und keine anderen Ansichten zulassen würden. «Ein Begriff wie Gedenkindustrie lässt allerdings keinerlei Raum für differenzierte und demokratische Diskussionen», sagt Dreesen. Er stellt lediglich vor die Wahl, der darin enthaltenen Weltsicht zuzustimmen oder Position dagegen zu beziehen – in diesem Fall gegen die Behauptung, dass die Erinnerung an den Holocaust ein gross angelegtes Geschäftsmodell sei und vornehmlich aufrechterhalten werde, um Profit daraus zu schlagen. Der mühsam errungene Konsens, dass das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus ein Staatsauftrag ist, wird immer mehr aufgeweicht, sind die beiden Wissenschaftler überzeugt. «Solche Worte können Schleusen öffnen.» Auch Aleksandra Gnach, Professorin für Medienlinguistik an der ZHAW, beschäftigt sich mit der Radikalisierung von Sprache. Sie richtet ihr Augenmerk vor allem auf die sozialen Medien. «Auf Facebook und Co. wird heute abgehandelt, was früher am Stammtisch besprochen wurde – allerdings mit weiterreichenden Konsequenzen», sagt die Sprach- und Medienwissenschaftlerin. Kommunikation mit derartiger Reichweite sei früher vorwiegend Journalistinnen und Journalisten vorbehalten gewesen. Diese orientieren sich in ihren Beiträgen stark an einer schriftlichen Sprache und haben diverse rechtliche und ethische Vorgaben einzuhalten, etwa die Verpflichtung zu einer ausgewogenen Berichterstattung. Was veröffentlicht wird, wurde reflektiert, redigiert, gegengelesen. «In den sozialen Medien ist der Austausch unmittelbarer und ähnelt mehr der mündlichen Kommunikation.» 29 Prozent der 11- bis 16-jährigen Mädchen und Jungen haben hasserfüllte oder erniedrigende Kommentare gegen Menschen oder bestimmte Gruppen gesehen. EU Kids Online: Schweiz, 2019 Es wird in den sozialen Medien also spontaner , vielleicht auch unüberlegter kommuniziert. Das alleine erklärt aber noch nicht, warum sich Sprache gerade dort häufig so leicht radikalisiert. Gnach macht zudem Gründe sozialer wie technologischer Natur aus: So liege es in der Natur des Menschen, nach Gleichgesinnten zu suchen, und diese Suche gestalte sich gerade in den sozialen Medien vielfach leicht. In jeder Gemeinschaft gelten eigene Regeln, Werte und Normen, auch, was die Sprache betrifft: Wo jemand aber etwa für die Aussage, dass alle Muslime zu deportieren seien, nicht mit Missbilligung noch sozialen Sanktionen rechnen muss, sondern ungeteilten Zuspruch erhält, wird irgendwann eine Wortwahl normal, die anderswo undenkbar wäre. Die Folge: Man empfindet immer radikalere Ansichten für zulässig und äussert sie mit zunehmender Selbstverständlichkeit. Hinzu kommt: Kommunikation ist in den sozialen Medien anonymer als im realen Leben. Man bekommt wenig mit von der Wirkung, die ein Posting für die betroffene Person hat. Es fällt relativ leicht, das Gegenüber zu abstrahieren, im schlimmsten Fall sogar, sein Menschsein zu negieren. 24 Prozent der 9- bis 16-Jährigen in der Schweiz wurden online schon einmal diskriminiert. EU Kids Online: Schweiz, 2019 Die Algorithmen hinter Social-Media-Plattformen verstärken all diese Tendenzen zusätzlich: Was einem an neuen Beiträgen vorgeschlagen wird, orientiert sich in der Regel am bisherigen Suchverlauf – und so findet sich jeder je länger, je mehr in einer Blase wieder, die ausschliesslich die eigenen Interessen und Haltungen widerspiegelt. Dabei werden beispielsweise bei Youtube automatisch immer extremere Beispiele ins Blickfeld gespült – Inhalte, die viel Beachtung finden, verbreiten sich extrem schnell. Irgendwann stösst man so kaum mehr zufällig auf andere Themen oder abweichende Ansichten, so wie es etwa beim Durchblättern einer Zeitung noch vorkommt. 5 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben selbst Hassinhalte an andere geschickt. EU Kids Online: Schweiz, 2019 Von pauschalen Verboten oder einem Verteufeln der sozialen Medien hält Gnach trotzdem wenig. Die Forscherin fordert dazu auf, die klassische Medienberichterstattung kritisch zu reflektieren: Qualitätsmedien würden sich vorwiegend an ein gebildetes und urbanes Publikum wenden und deren Lebenswelt abbilden. Viele Menschen fänden sich darin aber nicht wieder und sähen ihre Sorgen und Ängste zu wenig wahrgenommen. Die Wissenschaftlerin ist überzeugt: Wenn es den grossen Medienhäusern gelänge, diesen Teil der Bevölkerung zurück in den öffentlichen Diskurs zu holen, wäre auch für sie selbst viel gewonnen. «Sie wären wieder für viel mehr Menschen relevant.» Stereotype sind oft die Basis von radikalisierten, z. B. frauenfeindlichen oder antisemitischen Aussagen. Sie sind aber zugleich ein Bestandteil unseres Denkens. Sie vereinfachen uns das Leben, sie reduzieren die Komplexität unseres Alltags. «Selbst Tiere verfügen über Stereotypen, Feind- und Beuteschemata etwa», sagt Christiane Hohenstein, Professorin für Interkulturalität und Sprachdiversität an der ZHAW. Dies entbindet uns jedoch nicht von Verantwortung, gesellschaftliche Stereotype zu reflektieren und zu hinterfragen. «Wir müssen Vorurteilen nicht willenlos erliegen.» Grenzen wir bestimmte Bevölkerungsgruppen mit sprachlichen Mitteln aus, z. B. Homosexuelle, Frauen oder Menschen jüdischen Glaubens, wird damit schleichend der Boden für noch schlimmere Taten bereitet. «Physischer Gewalt geht stets radikale Sprache voraus», sagt Hohenstein. «Sie legitimiert Gewalt.» Gefährlich ist insbesondere, wenn Politiker und Politikerinnen die Grenzen des Sagbaren stetig erweitern und immer radikalere Ansichten salonfähig machen. «So wie sich Donald Trump heute äussert – das wäre für jemanden mit seiner Verantwortung vor kurzem noch undenkbar gewesen.» Deshalb seien die Politik, aber auch die Medien in der Pflicht, wieder wachsamer zu werden und auch sprachlich entschieden für demokratische Prinzipien einzutreten – eine Verantwortung, der viele in den vergangenen Jahren viel zu wenig nachgekommen seien. So seien rechtsextrem geprägte Argumentationen und entmenschlichende Metaphern wie «Flüchtlingsflut» in den vergangenen Jahren manchmal zu wenig reflektiert aufgenommen worden, kritisiert Hohenstein. «Es ist eine Illusion zu glauben, dass einmal erreichte demokratische Prinzipien nicht mehr verteidigt werden müssen», sagt Hohenstein. Der Kampf gegen den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen durch Sprache sei nie ein für alle Mal gewonnen. Vieles, was in der Vergangenheit an Rechten für Frauen, Homosexuelle oder ethnische Minderheiten erreicht worden ist, liesse sich erschreckend leicht wieder rückgängig machen. «Es bleibt ein permanentes Seilziehen.» Ümit Yoker

«Offen sein für andere Kulturen ist entscheidend»

Daniel Perrin: Das Thema ist sehr komplex. Ob die Vor- oder die Nachteile überwiegen werden, muss sich zeigen. Dieses Jahr bleibt erst einmal alles wie bisher. Am Tag des Brexits unterzeichneten der Dachverband der Schweizer Hochschulen swissuniversities und 35 europäische und britische universitäre Institutionen eine gemeinsame Absichtserklärung, auch künftig kooperieren zu wollen. Sie unterstrichen die Bedeutung der Beziehungen für die akademische und wissenschaftliche Zusammenarbeit. Wie dies dann konkret aussehen wird, bleibt abzuwarten. Die Konsequenzen des Brexits für die nächsten EU-Rahmenprogramme Horizon Europe und Erasmus + sind offen. Aus EU-Perspektive sind zwei Szenarien möglich: Eines besagt, dass jetzt, da auch Grossbritannien nicht mehr Mitglied ist, sondern – wie die Schweiz – vermutlich als Drittstaat gelten wird, eine gute Lösung gefunden werden muss, wie mit Drittstaaten effizient und wirksam kooperiert werden kann zum Vorteil aller. Und die andere Denkrichtung ist: Bei einem kleinen Player wie der Schweiz konnte die EU tolerant sein. Mit Grossbritannien als grossem Player könnte sie versucht sein, das deutliche Zeichen zu setzen, dass eine Nichtmitgliedschaft mit Nachteilen verbunden ist. Je weiter die ZHAW das globale Netz spannt, desto mehr kann Unvorhergesehenes Auswirkungen auf unsere Arbeit haben. Dafür müssen wir bereit sein. Indem man gute Beziehungen pflegt und gute Informationskanäle hat. Auch Best-Practice-Lösungen für Situationen, die sich wiederholen könnten, wie zum Beispiel bei einem Pandemie-Verdacht, müssen ausgebaut oder eingeführt werden. Nicht zuletzt ist die beste Vorbereitung jene, unser Engagement zu skalieren. Das bedeutet, dass wir in Asien zum Beispiel nicht nur einen Partner haben und uns nicht nur auf die Region Asien als wichtigen Wirtschaftsraum fokussieren, sondern in verschiedenen Grössenordnungen denken und handeln – ausgehend von Winterthur, Wädenswil und Zürich über die Schweiz, den deutschen Sprachraum, Europa und die ganze Welt. Unvorhergesehene Ereignisse können so besser aufgefangen werden. Tätigkeiten, die an einem Ort zurückgefahren werden müssen oder ganz brachliegen, könnten dann in einer anderen Region fortgesetzt oder verstärkt werden. Ja, aus verschiedenen Gründen. Betroffene werden von den involvierten Hochschulen und vom Bund benachrichtigt und prüfen dann, wie die Rückkehr organisiert werden kann. Da haben aber andere Stellen mehr Expertise wie beispielsweise Botschaften. Für uns ist die Prävention wichtig, das heisst, dass wir die Leute vor dem Auslandsaufenthalt über Risiken informieren. Zum Beispiel darüber, dass in einem Konfliktfall der Umgang mit den Menschenrechten oder der Wert eines Individuums in Asien oder Afrika ein anderer ist als in Deutschland oder Liechtenstein. «Zwischen gar nicht mehr reisen und bewusst und nachhaltig reisen geht vieles.» Für eine lebendige Beziehung braucht es Enthusiasmus, Zuverlässigkeit, gemeinsame Ideen und ab und zu Besuche. Die kann man aber bündeln, indem man bei einem Besuch mehrere Projekte weiterbringt. Man kann etwa mit einem Besuch in Asien oder Lateinamerika gleich mehrere Destinationen und Vorhaben abdecken. Zwischen gar nicht mehr reisen und bewusst und nachhaltig reisen gibt es viele Möglichkeiten. Am Anfang einer Beziehung oder in heiklen Momenten braucht es sicher das persönliche Treffen. Dabei bekommt man das Atmosphärische besser mit. Für die Nachhaltigkeit ist es wichtig, dass man strategische Partnerschaften auf mehreren Ebenen pflegt, also sowohl beim Austausch der Dozierenden und Studierenden kooperiert als auch bei gemeinsamen Projekten in Forschung und Hochschulentwicklung. Dann kann man mit einer einzigen Reise ganz viel bewegen. Zwischendurch bearbeitet jeder seinen Part des Projekts, und falls nötig, trifft man sich virtuell. Die ZHAW-Strategie International 2025 setzt auf strategische Partnerschaften und ist in diesem Punkt der Nachhaltigkeit förderlich. Unsere Absolventinnen und Absolventen müssen fit sein für die Arbeits- und Forschungsmärkte in der ganzen Welt. Das kann man nicht nur dadurch erreichen, dass man Studierende möglichst viel und weit reisen lässt. Die Strategie stärkt deshalb die Interkulturalität «at home» – interkulturelles Kommunizieren und Handeln lässt sich auch hier üben. Wir haben uns als ZHAW auf eine gemeinsame Vorstellung geeinigt, wie internationale Studienprofile aussehen sollen. Jetzt entwickeln wir die entsprechenden Ausbildungsmodule. Das wird zu unserer internationalen Attraktivität beitragen. Unsere acht Departemente sind da noch unterschiedlich weit. Aber wir werden nächstes Jahr starten können mit dem ZHAW International Profile, bei dem es am Ende auch ein ZHAW-Zertifikat als Leistungsnachweis geben wird. Die Strategie geht von drei Räumen aus, in denen die ZHAW strategische Partnerschaften aufbauen will: im deutschen Sprachraum, in Europa und weltweit. Zurzeit hat die ZHAW mit INUAS – dem Verbund mit der FH Campus Wien und der Hochschule München – nur im deutschsprachigen Raum strategische Partnerschaften. Wir spannen also jetzt das Netz weiter, und zwar mit Taten, mit denen wir uns sehen lassen können. Eine Partnerschaft ist dann strategisch, wenn sie den gesamten Leistungsauftrag der Fachhochschulen abdeckt: Forschung, Ausbildung, Weiterbildung und Dienstleistung. Zudem sind an strategischen Partnerschaften immer mehrere Departemente beteiligt. Aus solchen Partnerschaften baut die ZHAW nun Hubs in Europa und der Welt. Mit Hub meinen wir ein intensives Zusammenspiel von drei oder vier Hochschulen, die sehr gut zusammenpassen und die in ihrem Bereich exzellent sind. Je nach Projekt, kann dieser Hub dann Praxispartner aus den beteiligten Ländern und Regionen einbeziehen. «Wir wollen den Erfolg einer Hochschulpartnerschaft nicht mehr nur in Flugkilometern oder Fördermillionen messen.» Ein bis zwei pro Raum – deutscher Sprachraum, Europa, Welt – sind ideal. Das zeigen Vergleiche mit anderen führenden Hochschulen. Mehr Kooperationen kann man gar nicht seriös pflegen. Mit diesen ausgewählten Partnern werden wir Themen angehen, die für die gesamte Hochschule interessant sind, wie etwa jene unserer strategischen Forschungsschwerpunkte, Energie und Gesellschaftliche Integration. INUAS zum Beispiel soll als Hochschulverbund mit Expertise im Bereich Lebensqualität in urbanen Räumen wahrgenommen werden. Die Partnersuche bringt uns auch als ZHAW näher zusammen; die Verbindung nach aussen stärkt die Verbindung nach innen. Bis jetzt vor allem vom Prinzip, dass Partnerschaften von unten her entstehen. Es ist eine Stärke, dass einzelne Mitarbeitende und Organisationseinheiten in ihren Arbeitsbereichen, Zentren, Instituten und in ihren Departementen Partnerschaften aufbauen und pflegen können, die intrinsisch von den Leuten getragen werden, die sie initiiert haben. Davon profitieren wir als ZHAW. Aber die hochschulübergreifenden Partnerschaften der ZHAW als Ganzes haben wir bisher vernachlässigt. Das soll sich ändern. Wir haben mit der neuen Strategie entschieden, dass man den Erfolg solcher Partnerschaften nicht mehr nur in Flugmeilen oder Fördermillionen messen will. Neu soll auch gemessen werden, wie sich unsere internationale Präsenz im öffentlichen Diskurs spiegelt: Wie und von wem werden wir wahrgenommen als international aktive und attraktive Hochschule? Wir müssen noch mehr unternehmen und dafür sorgen, dass unsere Hochschule im internationalen Vergleich als interessanter Ort wahrgenommen wird. Wo wir kein Problem haben, ist beim Austausch von Dozierenden. Das liegt vor allem an den Löhnen. Das hilft. Wir werden diesbezüglich regelrecht überrannt. Damit aber auch mehr Menschen aus anderen Gegenden der Welt bei uns studieren wollen, müssen wir unser Profil schärfen und die Vorteile, die wir als Schweizer Fachhochschule am Wirtschaftsstandort Zürich international bieten können, verstärken und verstärkt mitteilen. Unsere ersten Massnahmen diesbezüglich haben gute Ergebnisse gezeigt: Das Departement Angewandte Linguistik hat zum Beispiel Videos mit Incomings gedreht, die an der ZHAW studiert haben. Sie geben dabei sehr persönlich und nahbar Einblick, warum sie begeistert sind davon, in Winterthur, Wädenswil oder Zürich zu studieren. «Interkulturelle Awareness bedeutet auch, dass man es als Chance sieht, wenn der andere anders tickt.» Unternehmen, Institutionen und Organisationen suchen Leute, die international aufgestellt sind. Und wir als ZHAW fördern den Austausch von Studierenden und Mitarbeitenden . Heutzutage ist es nichts Exotisches mehr, im Ausland zu studieren oder zu forschen. Es ist für viele Branchen bereits ein Muss. Indem wir die interkulturelle Awareness fördern: das Bewusstsein und die Offenheit dafür, dass Menschen anders ticken. Wir wollen die Freude und das Interesse wecken, zu beobachten, wie wir Menschen mit anderem kulturellem Hintergrund erreichen können. Das bedeutet, dazuzulernen und zu erkennen, dass nicht die eigenen Gewohnheiten als Massstab für die ganze Welt gelten. Das ist etwas vom Wichtigsten: die Fähigkeit, sich in eine andere Kultur einzufühlen, einzudenken und sich darauf einzulassen. Dies wollen wir vermitteln. Den Fokus auf nur eine Kultur zu legen und dort starre Verhaltensregeln zu vermitteln, würde zu kurz greifen. Man kann nicht davon ausgehen, dass, wenn man Verhaltensregeln auswendig lernt, auch alles funktioniert. Deshalb wollen wir die Offenheit für das Unvorbereitete und das Unerwartete fördern – also die Fähigkeit überhaupt, sich auf andere einzulassen und mit ihnen zusammen zu wirken. «Man sollte sich einfach natürlich verhalten – aber wach sein fürs Unerwartete.» Beides ist wichtig. Ich muss schauen, wo die anderen durch ihre Kultur andere Lösungen entwickelt haben, wie sie diese begründen – und was uns das nutzen könnte. Interkulturelle Awareness bedeutet auch, dass man es als Chance sieht, wenn der andere anders tickt. Ich muss das Visitenkärtchen in Japan oder China nicht so übergeben, wie die das dort machen. Die wissen ja, dass ich ein Fremder bin. Kulturelles Imitieren muss scheitern. Japanische Höflichkeit zum Beispiel bringe ich nie hin. Das wirkt bei mir immer aufgesetzt und lächerlich. Darum erwarte ich von den Leuten, die hierherkommen, auch nicht, dass sie genau so sind wie wir. Übrigens: Andere Kulturen sind oft viel selbstbewusster, wenn sie hier auftreten. Sie übergeben die Geschenke in indischer Manier und bewegen sich hier entsprechend ihrer Verhaltensmuster. Von unserer Seite erwarten sie ein gewisses Entgegenkommen und Verständnis. Das dürfen wir auch für uns in Anspruch nehmen, wenn wir in ihrem Land sind. Man sollte sich einfach natürlich verhalten – aber sensibel. Das finde ich wichtig. Letzten Herbst bin ich über Peking geflogen für die Veranstaltung «Zürich meets Seoul». Auch wenn man dort nur umsteigt, muss man das ganze Ein- und Ausreise-Prozedere über sich ergehen lassen. Da wird man gefilzt in einer Art, die man bei uns als Schikane bezeichnen würde. Aber dort entspricht es den Sicherheitsbestimmungen. Konkret hatte ich Tropfen gegen Stirnhöhlenentzündung dabei. Beim Sicherheitscheck wurden diese in meinem Handgepäck entdeckt. Danach wurde mir der Pass weggenommen. Man wollte wissen, was das für Tropfen sind. Keiner der Sicherheitsleute sprach Englisch. Ich habe es dennoch versucht mit «Doctor», «Medicine», «Headache», «Aua» und an meinen Kopf gedeutet. Dann hat die Sicherheitsbeamtin irgendwie verstanden, was ich meinte, und hat begonnen, mit der Zunge an der Flasche zu lecken. Dann hat sie gelacht, mir die Flasche wieder überreicht und ebenso den Pass. Das braucht dann eine ziemliche Toleranz und Offenheit für das Unerwartete. Das Medikament war mit dem Ablecken der Flasche unbrauchbar geworden. Würde mir das in der Schweiz passieren, würde ich mich in aller Form beschweren. Aber mir war klar, das läuft dort offensichtlich so, und die Beamtin war bemüht, ihre Aufgabe wirklich gründlich zu erledigen. Interview Patricia Faller und Kathrin Reimann

«Verschwörungstheorien sind Trigger für Radikalisierung»

Mirjam Eser Davolio: Wir müssen verhindern, dass die Polarisierung der Gesellschaft weiter zunimmt. Die Dschihadisten – aber auch gewisse rechtsextremistische Kreise – hätten ja am liebsten bürgerkriegsähnliche Zustände in Europa ausgelöst mit ihrem Terror. Das haben sie nicht erreicht. Die westlichen Gesellschaften – und da ist der Grossteil der muslimischen Bevölkerung eingeschlossen – verurteilen die Gewalt. Khaldoun Dia-Eddine: Der Dialog zwischen den Religionen und Kulturen muss fortgeführt werden. Das sehe ich auch so. Ich möchte aber zu bedenken geben, dass man den Fokus hier nicht allein auf Dschihadisten richten darf. Man darf die grosse Gefahr und den Einfluss der Rechtsextremisten nicht ausblenden. Sonst erreichen diese am Ende ihr erklärtes Ziel, hier in Europa bürgerkriegsähnliche Zustände auszulösen. Dia-Eddine: Ein Albtraum wäre, wenn es Dschihadisten und Rechtsextremen gelingen würde, die Gesellschaft zu destabilisieren. Dass sich Extreme finden, ist nichts Neues. Das hat man im Zweiten Weltkrieg beim Pakt zwischen Hitler und Stalin gesehen. Eser Davolio: Ich sehe das Risiko nicht so sehr darin, dass sie sich verbünden: Rechtsextreme sind islamfeindlich eingestellt, wenn auch beide Gruppierungen wiederum Gemeinsamkeiten ausweisen, wie etwa Antisemitismus. Vielmehr sehe ich aber eine grosse Gefahr darin, dass die Gewaltspirale weiter angetrieben wird, wenn solche Terrorakte wie in der Moschee in Neuseeland oder in den Shisha-Cafés in Hanau zunehmen. Bisher haben die Gesellschaften in den meisten europäischen Staaten besonnen auf das Phänomen Dschihadismus reagiert . Dem Terror – ob religiös, politisch oder rassistisch motiviert – wurden Werte wie Toleranz, Solidarität mit Minderheiten, Respekt oder die Akzeptanz anderer Meinungen entgegengesetzt. Das ist wichtig. Dia-Eddine: Alle gesellschaftlichen Protagonisten müssen zusammenarbeiten, damit die Radikalisierung, die in vielen Bereichen der Gesellschaft beobachtbar ist, nicht weiter zunimmt. Nicht nur die Verantwortlichen in Politik, Behörden, Sicherheitsapparaten, Sozialarbeit etc. sind gefordert, sondern auch die Zivilgesellschaft muss sich einbringen. Eser Davolio: Anfälligkeit entsteht meist aufgrund äusserer Einflüsse. Oft sind es Problembelastungen, die zu dieser Verletzbarkeit führen. Das können private Verlusterfahrungen sein, wie etwa der Tod eines Elternteils oder Arbeitslosigkeit und der damit verbundene soziale Abstieg. Andere suchen in der Hinwendung zu Religion oder rechtsextremen Gesinnungen einen Ausweg aus Kriminalität und Drogensucht. Nicht zuletzt spielt bei jungen Erwachsenen auch die Gruppendynamik in den Peergroups eine Rolle – also im Freundeskreis oder im Kreis anderer Menschen, die wichtig sind im Leben der Betroffenen. Rekruteure suchen sich ganz gezielt solche vulnerablen Menschen aus. Extremismus ist aber nicht nur ein Jugendphänomen Dia-Eddine: Auch ich sehe eher sozioökonomische als kulturelle oder religiöse Ursachen für die Radikalisierung: berufliche oder schulische Misserfolge, Beziehungsprobleme oder dass diese Menschen eben keine Beziehungen haben etc. Eser Davolio: Rund 40 Prozent der radikalisierten Personen in der Schweiz erhalten staatliche Unterstützungsleistungen wie Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe, wie unsere Studie gezeigt hat. Das heisst, entweder lebten die Dschihadisten bereits am Rand der Gesellschaft, bevor sie sich radikalisierten. Oder es kann die Konsequenz einer Radikalisierung sein, dass jemand, der gut integriert war, aus seinen sozialen Netzen fällt und sich von der Gesellschaft distanziert. Diese Distanzierung von der Gesellschaft erschwert in beiden Fällen die Reintegration. Dia-Eddine: Für mich ist das Phänomen Radikalisierung deshalb auch vergleichbar mit dem Phänomen Suizid. Bei den Auslösern und den Denkprozessen erkenne ich Ähnlichkeiten. Deshalb müsste man auch hier nach den Einfallstüren für Prävention suchen, nach den Momenten Ausschau halten, in denen Veränderungen noch möglich sind – wie man dies bei Suizidgefährdeten tut. Eser Davolio: Verschwörungstheorien sind Trigger für Radikalisierung und Extremismus . Marginalisierte Menschen fühlen sich von einem politischen oder gesellschaftlichen System nicht repräsentiert und gehen davon aus, dass dieses System von bestimmten bedrohlichen Mächten gesteuert wird. Sie entwickeln Feindbilder. Daraus kann sich eine Opfermentalität entwickeln, welche die eigene Gewaltakzeptanz unterstützt: Gewalt wird legitim, weil man sich gegen das System wehren muss. Dia-Eddine: Der Einstieg in Verschwörungstheorien erfolgt nicht immer gleich auf der politischen Ebene. Das ist ein langer Prozess. Das kann mit Geschichten beginnen wie dem Coronavirus heute. Hier kursieren so viele gefälschte Nachrichten und extreme Meinungen – manche unter dem Deckmantel der Wissenschaft. Viele Jugendliche fühlen sich davon angezogen. Via Soziale Medien gelangen sie in Kontakt mit immer mehr und anderen Verschwörungstheorien, bis es allmählich zu einer Radikalisierung kommen kann. Erst recht, wenn der Einfluss von Freunden oder anderen Influencern entsprechend ist. «Integration bedeutet auch gesellschaftliche Anerkennung – nicht zwingend eine öffentlich-rechtliche. Ich denke an Islamunterricht in Schulen unter Aufsicht der Behörden.» Khaldoun Dia-Eddine Eser Davolio: Für solche Verschwörungstheorien sind Jugendliche besonders offen, da sie auf der Suche nach eigenen Lebensentwürfen sind. Alle Verschwörungstheorien bauen ja darauf auf, dass dunkle Mächte im Hintergrund wirken. Es gibt kaum zu durchschauende Verstrickungen. Für junge Menschen ist es da schwer zu beurteilen, was richtig oder falsch ist. Eser Davolio: Es gibt keine Blitzradikalisierung. Eine Person verändert ihre Einstellungen und Werte allmählich, wird immer intoleranter und unflexibler. Über die fortschreitende Ideologisierung wird Gewalt ein legitimes Mittel zum Zweck. Meist kontaktieren diese Personen reale Gruppen oder virtuelle Netzwerke, die Gewaltanwendung befürworten. Wobei das Internet nur unterstützend wirkt, denn Radikalisierung erfolgt in der Regel durch reale physische Begegnungen. Radikalisierung bedeutet aber nicht zwingend, dass jemand auch den letzten Schritt vollzieht und gewalttätig wird. «Endlich wird der Islam auch mal positiv thematisiert, waren die Reaktionen auf alternative Narrative. Das ist ganz wichtig.» Mirjam Eser Davolio Eser Davolio: Hier bräuchte es ein Korrektiv. Jemand, der zum Beispiel vor gewissen Predigern oder Hetzern und deren gefährlichen Ideen warnt. Der dann auf Alternativangebote verweisen kann, bei denen Suchende auch Gemeinschaft erleben und Orientierung finden können. Sehr wichtig sind Gegen- und alternative Narrative im Internet, also Botschaften, die Gegenargumente oder andere Lebensentwürfe aufzeigen. Wir haben vier Pilotprojekte zu Gegen- und Alternativ-Narrativen evaluiert . Vor allem Video-Clips, die in Schulen oder in der Jugendarbeit – auch der muslimischen – gezeigt wurden, lösten offene und konstruktive Diskussionen aus. Sie zeigten unter anderem, wie Muslime heute in einer westlichen Gesellschaft ihren Glauben leben und ein Teil dieser Gesellschaft sein können, wie sie individuelle Lebensformen entwickeln können, ohne ihre Identität zu verlieren. Die Reaktion der Jugendlichen darauf war sehr häufig: «Endlich wird der Islam auch mal positiv thematisiert.» Eser Davolio: Als Muslima und Muslim ist man immer wieder mit diesen Negativbotschaften und Stigmatisierungen konfrontiert, erfährt, wie islamfeindlich die Gesellschaft ist – in Medienberichten oder konkret auch bei der Stellensuche. Wenn man einen arabisch klingenden Namen hat, kann sich das sehr nachteilig auswirken. Für manche Secondos ist das so belastend, dass sie versuchen, eine Namensänderung zu erwirken, weil sie sich und ihren Kindern diese Erfahrung ersparen wollen. Das zeigt, wie stark sich Diskriminierung auf die Persönlichkeit und die Identität dieser Menschen auswirken kann. Die grösste religiöse Minderheit in der Schweiz ist nicht öffentlich-rechtlich anerkannt. Ich denke, das ist auch ein grosses Handicap unserer Gesellschaft. Es bräuchte eine interkulturelle Öffnung auch auf institutioneller Ebene. Dia-Eddine: Integration bedeutet auch eine gesellschaftliche Anerkennung – nicht zwingend eine öffentlich-rechtliche. Ich denke zum Beispiel an Islamunterricht in den Schulen unter Aufsicht der Behörden. In einigen Kantonen hat man hier schon jahrelange Erfahrungen mit positiven Resultaten gemacht. Anerkennung, Wertschätzung und Inklusion wären die beste Prävention gegen Radikalisierung. Dia-Eddine: Bei denen, die sie gesehen haben, sehr positiv. Das ist für mich eine Motivation, jetzt an der dritten Folge zu arbeiten. Das Problem sind die Finanzierung und die Distribution. Denn bisher ist das mein privates Engagement. Die Muslime in der Schweiz haben das Potenzial der Alternativ-Narrative erkannt und verbreiten diese Materialien auch in Zusammenarbeit mit den Behörden. Wir fördern aber darüber hinaus die Kontakte zwischen den Jugendgruppen verschiedener Konfessionen. Ein weiterer Beitrag gegen Radikalisierung und für gesellschaftliche Anerkennung ist zum Beispiel auch das Engagement für eine spezifische Imam-Ausbildung in Zusammenarbeit mit anerkannten Universitäten in der Schweiz wie dem Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg . Unserer Ansicht nach müssen die Imame nicht zwingend hier ihre Grundausbildung erhalten. Dazu wäre auch der Bedarf viel zu klein. Die Imame brauchen jedoch gute Sprachkenntnisse . Und es ist wichtig, dass sie Kenntnisse über Politik und Geschichte haben und die Gesellschaft der Schweiz verstehen. Ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg. Der Dialog zwischen Behörden, Sicherheitskräften, Parlamentariern und den islamischen Gemeinden findet statt. Es gibt viele gemeinsame Aktivitäten speziell mit den Präsidenten der Vereine oder den Imamen in den Moscheen. Die richtigen Ansprechpartner zu finden für eine wirkungsvolle Zusammenarbeit, ist heute für die Schweizer Seite viel einfacher, weil die Vertretungen der Muslime mittlerweile den hiesigen föderalistischen Strukturen entsprechen. Das heisst, es gibt Vereine auf der Ebene der Gemeinden, Dachverbände auf der Ebene der Kantone und einen Dachverband auf der Ebene des Bundes. Eser Davolio: Die Sicherheitsbehörden gehen aber nicht von einer Abnahme des Sicherheitsrisikos aus, auch wenn das in der öffentlichen Wahrnehmung so erscheint. Eser Davolio: Die völkerrechtlichen Grundlagen sind eigentlich klar: Ein Land muss die eigenen Leute zurücknehmen. Wie die meisten europäischen Länder versucht die Schweiz hier eine Verzögerungstaktik zu fahren. So oder so kommen die Rückkehrwilligen früher oder später zurück, weil die Lage in den Flüchtlingscamps und den Gefängnissen sehr instabil ist. Was ist also besser? Wenn die Rückkehr geordnet oder auf irgendwelchen anderen undurchsichtigen Wegen geschieht? Erste Erfahrungen mit Rückkehrerinnen und Rückkehrern haben übrigens Kosovo und Bosnien-Herzegowina gemacht. Die Länder haben spezielle Programme, wie sie diese Leute begleiten, auch im Strafvollzug. Auf ihren Erfahrungen könnte die Schweiz aufbauen. «Bedarf für Veränderungen sehe ich für die Zeit danach, wenn Rückkehrer ihre Strafe abgesessen haben.» Khaldoun Dia-Eddine Dia-Eddine: Zumindest was die erste Zeit nach der Rückkehr anbelangt, sind Justizsystem und gesetzliche Grundlagen ausreichend. Wo ich Bedarf für Veränderungen sehe, ist die Zeit danach, wenn jemand sein Strafmass abgesessen hat. Was geschieht dann mit diesen Leuten? Eser Davolio: Die Mütter sind in der Regel nicht im Strafvollzug, sondern werden mit ihren Kindern von Fachleuten begleitet, auch psychologisch. Einige leben wieder bei ihren Familien. Dort verlaufen zum Teil Konfliktlinien. Diese Rückkehrerinnen sind in der Regel stark stigmatisiert, stossen auf Ablehnung. Es zeigt sich aber, dass die Frauen sehr, sehr dankbar sind, dass man sie zurückgeholt hat, weil sie in Syrien unter sehr prekären Umständen lebten. Dia-Eddine: Man muss aber auch bedenken, dass ein Kosovare oder ein Bosnier in eine islamische Umgebung zurückkehrt. Das ist eine andere Dimension, als wenn ein Dschihadreisender in die Schweiz zurückkehrt. Deshalb können wir die Erfahrungen dieser Länder nicht eins zu eins übertragen, sondern müssen sie für unsere Gegebenheiten adaptieren. Eser Davolio: Ein grosser Unterschied ist auch die Medienberichterstattung. In Kosovo und Bosnien liest man kaum etwas darüber, weil es viele andere Themen gibt, die wichtig sind für die Menschen dort. Bei uns ist die Medienaufmerksamkeit gross: Wo sind diese Rückkehrer, wann sind sie gelandet, wo sind sie jetzt genau ...? Und auch das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung ist hier sensibler. Dia-Eddine: Wir haben aber in der Schweiz auch weniger Rückkehrerinnen und Rückkehrer, und nur drei waren Kinder. Das vereinfacht den Umgang mit ihnen. In Frankreich oder anderen Ländern sind das schon sehr viel mehr. Eser Davolio: Der Nationale Aktionsplan zur Verhinderung und Bekämpfung von Radikalisierung und gewalttätigem Extremismus gibt auch Empfehlungen, wie man mit Kindern umgehen soll. Je nach Alter ist da die Jugendforensik gefordert, zum Beispiel wenn die Jugendlichen als 11- oder 12-Jährige bereits indoktriniert und als Kindersoldaten eingesetzt wurden. Eser Davolio: Es geht da um Öffnungsprozesse, die offene Diskussionen ermöglichen. Dia-Eddine: Um mit Radikalen in einen Dialog treten zu können, braucht man einen gut gefüllten Rucksack an Wissen über Religion, Politik und Gesellschaft. «Man muss argumentative Dissonanzen erzeugen. Solche Dissonanzen sind wie kleine Risse. Je mehr es gibt – irgendwann fällt das Gedankengebäude in sich zusammen.» Mirjam Eser Davolio Dia-Eddine: Meine Erfahrung ist: Ja, sie sind es. Die ganze Rhetorik dschihadistisch Radikalisierter beruht auf den Aussagen: «Das steht im Koran. Das steht beim Propheten.» Das sind aus dem Kontext herausgenommene Referenzen. Diese Verweise sind statisch. Es ist nicht möglich, ihren Wortlaut zu ändern. Aber man kann den Kontext aufzeigen, in welchem dieser Satz steht, wodurch er vielleicht in einem anderen Licht erscheint. Oder man führt andere Interpretationen an. Wenn sich jemand auf den Koran beruft, kann sein Gegenüber das nicht einfach abtun. Als Muslim muss er es in Betracht ziehen. Nicht-Muslime kennen die Finessen in der Regel zu wenig. Hier könnte eine positive Zusammenarbeit zwischen Muslimen, Behörden und Institutionen möglich sein – aber ohne Garantie auf Erfolg: Wir haben es hier mit Menschen zu tun! Dia-Eddine: Das kann ich nicht ausschliessen. Deshalb braucht es auch ein gewisses Fingerspitzengefühl sowie eine gute Vorbereitung und einen multidisziplinären Ansatz. Eser Davolio: Aus der Perspektive der Sozialpsychologie betrachtet, ist es ganz wichtig, solche Dissonanzen zu erzeugen. Der Radikalisierte muss erkennen, dass da Diskrepanzen entstehen, die er nicht so einfach argumentativ wieder füllen kann. Man darf aber nicht erwarten, dass jemand gleich von heute auf morgen bekehrt wird. Solche Dissonanzen sind wie kleine Risse. Und je mehr kleine Risse es gibt – irgendwann fällt das Gedankengebäude in sich zusammen. Es braucht ein gewisse Zeit und Auseinandersetzungen von verschiedenen Seiten. Dia-Eddine: Überzeugen kann man aber nicht nur mit Argumenten, genauso wichtig sind zum Beispiel die Reintegration ins Arbeitsleben und die Einbindung in Alltagsstrukturen. Interview Patricia Faller

ZHAW International

Die ZHAW fördert den Austausch mit internationalen Partnerhochschulen in Lehre, Weiterbildung, Forschung, Entwicklung und Dienstleistung. Sie arbeitet mit mehr als 400 Hochschulen, Unternehmen, Behörden und Non-Profit-Organisationen rund um den Globus zusammen.

An bestehendem Wissen andocken – ganz konkret

Im Unterricht von Stefan Jan wird zwar Grundlagenwissen vermittelt, doch im Zentrum steht das ganzheitliche Denken. Wer als Physiotherapeutin oder Physiotherapeut arbeiten will, braucht neben dem physiotherapeutischen Fachwissen fundierte Kenntnisse in Anatomie, Pathologie, Biomechanik oder Physiologie, doch erst wenn dieses Wissen mit unterschiedlichen Aspekten verknüpft wird, können Patientinnen und Patientenprobleme ganzheitlich analysiert und entsprechend behandelt werden. Seit 25 Jahren beschäftigt sich Jan mit der Frage, wie eine gute Physiotherapeutin oder ein guter Physiotherapeut handeln udn behandeln muss und wie er Studierenden nicht nur Wissen, sondern auch die dahinterstehenden Denkprozesse vermitteln kann. Deshalb ging er in den 90er Jahren nach Australien, wo Physiotherapie schon damals ein akademischer Beruf war. Ein ganzes Team und jahrzehntelange Erfahrung aus Theorie und Praxis steht hinter dem Lehrkonzept der Module «Assessment und Intervention Muskuloskelettal», für welches Stefan Jan nun den ZHAW-Lehrpreis 2019 erhalten hat. Mit der Vergabe des Lehrpreises honoriert die Hochschule jedes Jahr besondere Lehrkonzepte. Rund 2000 Studierende hat er in seiner Zeit an der ZHAW unterrichtet. «Theoretisches Wissen kann nur aufgenommen werden, wenn es an bestehendem Wissen andocken kann», erklärt Jan. Bestehendes Wissen beruhe meist auf persönlichen Erfahrungen und diese Erfahrungen bindet er in seinen Unterricht ein. Auf dem Unterrichtsplan steht beispielsweise die Brustwirbelsäule. Die Studierenden lernen sogenannte klinische Muster kennen, das sind archetypische Probleme, die in diesem Bereich auftreten können, wie eine blockierte Rippe. Jan zeigt auf, welche Charakteristika blockierte Rippen aufweisen oder wie sich die damit verbundenen Schmerzen äussern können. Um das klinische Muster besser zu veranschaulichen, bindet er nicht nur Erfahrungen aus der Praxis ein, sondern fragt auch die Studierenden nach ihren Erlebnissen. «Einer der häufigsten Gründe, Physiotherapie zu studieren ist die Freude an Bewegung und eigene Erfahrungen mit Verletzungen. Diese Motivation für den Beruf machen wir uns zunutze.» Denn intrinsische Motivation erleichtert das Lernen. Der Unterricht ist aufgebaut wie der physiotherapeutische Problemlösungsprozess, der auch in der Praxis angewendet wird: Nach der Erfassung des Ist-Zustands wird ein Soll-Zustand definiert und festgelegt, wie dieser erreicht werden soll. Die Aufgabenstellungen werden im Verlauf der Module fachlich immer komplexer. Je weiter fortgeschritten die Studierenden sind, desto vielschichtiger die Patientenbeispiele und klinischen Muster. Bereits Gelerntes wird mit neuem verbunden. Um ein Problem ganzheitlich zu erfassen, müssen die Studierenden somit immer mehr Aspekte berücksichtigen. Damit die gelernten klinischen Muster nicht nur Theorie auf einer Powerpoint-Folie bleiben, erfolgt der Unterricht immer auch ganz praktisch in den Räumen der Hochschule. Hier können die Studierenden ganz konkret sehen und spüren, wie sich die Patientenbeispiele äussern würden. Mitten unter ihnen steht Stefan Jan, der auch gerne mal mit viel Humor auf eigene Verletzungen oder Haltungsprobleme hinweist. Es sind die Studierenden, die Jan und sein Team für den Lehrpreis nominiert hatten. Die Begründung: «Er schafft es, uns das Wissen praxisorientiert, vernetzt und unglaublich spannend beizubringen. Immer ist ein passendes Patientenbeispiel aus seiner Erfahrung vorhanden, mit welchem wir den aktuellen Lehrstoff verbinden können.» Dieses Feedback freut Jan besonders: «Genau das war es, was wir mit unserem Konzept erreichen wollten.» Lara Attinger

Sie machen Labore fit für die Zukunft

Auf einem Transportwagen liegen Fleischstücke bereit. Die Lehrlinge der Micarna in Bazenheid haben gerade geschlachtet. Durch grosse Glasscheiben kann man sie nun beim Putzen beobachten. Im Labor am Ende des Gangs steht Alban Muret. Der Umweltingenieur und ZHAW-Absolvent trägt einen roten Labormantel, seine Schuhe stecken in blauen Plastiküberzügen. Vor ihm auf dem Tisch liegen kleine Glasbehälter mit Fleischproben, wie hier jährlich über 15’000 Stück untersucht werden. Muret zeigt auf den aufgeklebten QR-Code. «Vom Messgerät direkt in eine Cloud – das ist in der Lebensmittelbranche noch selten.» Philipp Osterwalder «Alle Daten werden nun digital erfasst», sagt er. Vom Messgerät gingen sie direkt in eine Cloud. «In der Lebensmittelbranche ist dies noch selten», ergänzt sein einstiger Kommilitone Philipp Osterwalder, der an der ZHAW im letzten Jahr Umweltingenieurwesen studiert. Der gelernte Chemielaborant Osterwalder ist mit der Qualitätssicherung von Produkten bestens vertraut. Er hat bei verschiedenen Arbeitgebern erlebt, wie Messdaten im Labor erhoben, manuell auf Papier festgehalten und dann im Büro in eine Excelliste übertragen werden. «Das ist aufwendig und fehleranfällig», sagt er. Mit der Idee, die Dokumentation zu digitalisieren, gründeten die Studienfreunde Muret und Osterwalder vor zwei Jahren 1LIMS . Sie holten dafür die ZHAW-Absolventen Jonas Greminger und Samuel Schmid ins Boot, die sich mit Modeso, einer Technologie-Agentur, bereits 2013 selbstständig gemacht hatten. Die vier, alle Anfang dreissig, kannten sich aus dem Freundeskreis, zwei hatten als Jugendliche zusammen Fussball gespielt. «Wir haben das Rad nicht neu erfunden», sagt Muret. Im Hochpreissegment werden bereits entsprechende IT-Systeme verkauft. Sie bieten allerdings viel mehr Funktionen an, als sie der einzelne Anwender nutzt, und sie lassen sich kaum anpassen. «Unsere Software ist spezifischer», erklärt Samuel Schmid, der an der ZHAW School of Engineering in Systeminformatik abgeschlossen hat und für die technische Entwicklung zuständig ist. «Wir stellen eine Basis zur Verfügung, die individuell und ohne Programmierkenntnisse konfiguriert werden kann. Unsere Kunden sind nicht von uns abhängig.» «Der ganze Prozess ist einfacher, schneller und fast papierlos geworden.» Stefania Cesarano, Micarna Die vier Jungunternehmer sind mit einem Prototyp relativ früh auf potenzielle Interessenten zugegangen. Sie hatten ursprünglich vor allem kleine und mittlere Unternehmen im Visier. Als eines der ersten zeigte sich jedoch Micarna, einer der grössten Fleischverarbeiter der Schweiz, an einer Zusammenarbeit interessiert. «Das bestätigte uns, dass ein Marktbedarf da ist», erzählt Muret. Das 1LIMS-Team entwickelte sein Produkt darauf im engen Austausch mit Mitarbeitenden der Migros-Tochter weiter. Stefania Cesarano, Leiterin des Zentrallabors in Bazenheid, ist vom Resultat begeistert. «Wir haben bezüglich Sicherheit gewonnen», sagt sie. Es gebe weniger Fehlerquellen. Da die Messresultate nicht mehr von Hand notiert würden, komme es beispielsweise nicht mehr vor, dass einzelne Zahlen verdreht würden. «Der ganze Prozess ist einfacher, schneller und fast papierlos geworden», sagt sie. Für 80 Proben brauche ihr Team heute etwa drei Stunden weniger lang als früher. Pro Tag könne es nun bis zu 130 Proben verarbeiten. Das Prüfverfahren sei darüber hinaus transparenter geworden. Die über 20 Produktionsstandorte sind mit QR-Drucken ausgestattet worden. Sie kennzeichnen ihre Proben vor dem Versand mit einem eindeutigen QR-Code und haben danach stets Zugang zu deren Status und Ergebnissen. Stefania Cesarano spricht von einem «grossen Mehrwert». «Ich kann jetzt beruhigt in die Ferien fahren.» Für die 1LIMS-Gründer ist die Kooperation ein Glücksfall. Sie konnten ihre Software am praktischen Beispiel optimieren und profitieren nun von der Referenz des etablierten Partners. Dieser ermöglicht es ihnen zudem, ihre Entwicklung in Bazenheid möglichen Neukunden zu demonstrieren. «Wir sind organisch gewachsen», sagt Alban Muret, der den Bereich Marketing und Sales verantwortet. Es habe schwierige Phasen gegeben. «Wir wussten nicht, was auf uns zukommt.» Immer wieder sei es darum gegangen, klare Ziele zu definieren und die knappen Ressourcen richtig einzusetzen. Dass zwei der vier Firmengründer zu Beginn noch mitten im Bachelorstudium waren, machte den Geschäftsaufbau nicht einfacher. «Ich musste ein paar Mal zwischen meinen persönlichen Prioritäten und jener der Firma abwägen», erinnert sich Muret. «Wir haben eine gute Konfliktkultur: Wir reden offen miteinander.» Jonas Greminger «Wir ergänzen uns ideal», sagt Geschäftsleiter Jonas Greminger, der an der School of Management and Law Betriebswirtschaft studiert hat. «Wir haben eine gute Konfliktkultur: Wir reden offen miteinander.» Die vier sind sich einig: Um mit einem Startup Fuss zu fassen, braucht es einen starken Durchhaltewillen, Geduld, Hartnäckigkeit und Vertrauen in sich selbst. Man schwanke zwischen Hochs und Tiefs; davon dürfe man sich nicht zu stark beeinflussen lassen. Dass sie nie von einem Investor abhängig waren, habe sich als Vorteil erwiesen. «So standen wir nie unter Druck und konnten uns die Zeit nehmen, die wir benötigten.» Das grosse Engagement, der Verzicht auf Ferien und Freizeit machen sich langsam bezahlt. 1LIMS betreut zurzeit rund zwanzig Kunden und führt vielversprechende Verkaufsgespräche. «Wir wollen jetzt schnell weiterwachsen», sagt Muret, auf die nächsten Ziele angesprochen. Die Labor-Software ist branchenneutral. Sie lässt sich überall dort einsetzen, wo Qualitätskontrollen durchgeführt werden. Dazu zählt neben der Lebensmittelbranche die produzierende und verarbeitende Industrie von Kosmetik-, Kunststoff-, Chemie- sowie Pharmaprodukten. Hinzu kommen Auftragslabore beispielsweise aus der Umweltanalytik. Dass 1LIMS für den Thurgauer Jungunternehmerpreis «START award» (siehe Box) nominiert ist, dürfte der Verkaufsoffensive nützen. Die Auszeichnung vergibt das Startnetzwerk als Initiative der Industrie- und Handelskammer Thurgau alle zwei Jahre. «Sie erhöht unsere Bekanntheit», freut sich Samuel Schmid, der in Wigoltingen wohnt. Er werde häufig darauf angesprochen. «Es ist schön, in der Heimat Anerkennung zu erfahren», sagt er weiter und spricht damit auch für Osterwalder und Greminger, die ebenfalls Thurgauer sind. Die Ausbildung an der ZHAW habe ihnen Türen geöffnet, erzählen die Entrepreneure. Die Hochschule stehe für Qualität. Auf sie zu verweisen, helfe bei der Akquisition. Sie profitierten vom Netzwerk, das sie sich im Studium aufgebaut haben, und hätten gelernt, aus vielen Informationen das Wesentliche herauszulesen. «Ich habe wertvolle mentale Werkzeuge erhalten», sagt Produktentwickler Philipp Osterwalder, der kurz vor dem Abschluss steht. Er könne Wissenslücken nun eigenständig füllen. In Bazenheid werden die vier auch künftig hin und wieder anzutreffen sein. Zusammen mit der Micarna sind sie daran, eine Integrationsplattform zu entwickeln, welche in der Lage sein soll, alle Laborgeräte einfach und schnell ins interne Software-Netzwerk zu integrieren. An den IT-Lösungen arbeiten sie in einem Co-Working-Space in Zürich, wo noch andere Jungunternehmer eingemietet sind. Die Begegnungen am Arbeitsplatz seien inspirierend, berichten sie. «Jedes Startup hat seine Stärken und Schwächen. Wir unterstützen uns gegenseitig.» Eveline Rutz

Gesucht: ein Putzmittel gegen Radioaktivität

Man stelle sich vor: Ein Terrorist zündet am Zürcher Hauptbahnhof eine Bombe. In den Sprengstoff hat er eine Ampulle mit hoher Konzentration an radioaktivem Cäsium-137 eingebettet. Durch die Wucht der Explosion wird das Cäsium verdampft und mit dem Wind in den angrenzenden Quartieren verteilt. Man spricht von einer «schmutzigen Bombe» («dirty bomb»): Das radioaktive Material ist an der eigentlichen Explosion nicht beteiligt, führt aber auf ein paar Quadratkilometern Fläche zu einer Verstrahlung. Diese ist allerdings viel geringer als bei einer echten Atombombe oder einem schweren AKW-Unfall. «Die Schweiz ist für solche Fälle gut vorbereitet», sagt Mario Burger, der als Chef des Fachbereichs Nuklearchemie am Labor Spiez arbeitet, das zum Bundesamt für Bevölkerungsschutz gehört. «Vorbereitet» bedeutet: Man hat Szenarien studiert und Pläne erarbeitet zum Vorgehen nach einer allfälligen Explosion einer schmutzigen Bombe. «Sobald Radioaktivität im Spiel ist, ist der Bund zuständig», sagt Burger. Die Bundesexperten würden Messungen vor Ort durchführen und anhand der Strahlungsintensität Zonen definieren, die gesperrt oder gar evakuiert werden müssten. Nach allen realistischen Szenarien wird dabei die radioaktive Strahlung nicht so hoch sein, dass sie bei den betroffenen Menschen unmittelbare gesundheitliche Schäden verursachen könnte, ausser in der Kernzone der Explosion. «Wichtig ist es, zuhause zu bleiben und die Fenster zu schliessen, das reduziert die Strahlung schon enorm», sagt Burger. Wer dennoch in intensiveren Kontakt mit dem Cäsium gekommen ist, etwa Feuerwehrleute, sollte gründlich duschen und die Kleider wechseln: «So bringt man den allergrössten Teil der Strahlenbelastung weg.» Doch selbst wenn alle richtig reagierten, blieben je nach Cäsium-Menge vermutlich ganze Quartiere derart verstrahlt, dass sie wegen des Krebsrisikos auf Jahre hinaus nicht mehr bewohnbar wären. Erstaunlicherweise hat sich die Forschung bisher noch kaum vertieft mit der Frage auseinandergesetzt, wie man Häuser und Strassen effizient und gründlich von Radioaktivität befreien kann. Privatfirmen bieten teure Spezialreinigungsmittel an, deren Wirkung aber niemand unabhängig überprüft hat. In Japan hat man nach dem Reaktorunfall von Fukushima 2011 für Dutzende von Milliarden Dollar Fassaden gereinigt und Erde abgetragen – mit letztlich enttäuschendem Ergebnis. «Auch in der Schweiz würde der auf diese Weise realisierbare Grad der Dekontamination wohl nicht ausreichen, da würde niemand in die Häuser zurückkehren», sagt Mario Burger. Einer der wenigen wirklichen Experten für die Dekontamination von Gebäuden ist der ZHAW-Chemiker Thomas Hofmann vom Departement Life Sciences und Facility Management in Wädenswil. «Es gibt weltweit etwa fünf Wissenschaftler, die auf diesem Gebiet arbeiten», sagt er. «In der Schweiz bin ich der einzige.» Die anderen forschen an der Universität Hertfordshire (GB) und am Argonne National Laboratory (USA). «Wir pflegen einen intensiven Austausch und treffen uns regelmässig.» Im Auftrag des Bundesamts für Bevölkerungsschutz hat Hofmann in den letzten sechs Jahren nach einer effizienten Dekontaminationsmethode nach radiologischen Ereignissen in urbanem Gebiet geforscht. Das war mit einem enormen Aufwand verbunden: Hofmann hat in einem Forschungs-Sprengbunker der Schweizer Armee echte Bomben zur Explosion gebracht, er hat im Labor Spiez Cäsium auf verschiedene Oberflächen gesprüht und gemessen, wie tief die Radioaktivität ins Material eindringt und wie sie sich am besten entfernen lässt. Dabei interessierte er sich für Beton, aber auch für Sandstein, aus dem in Schweizer Städten viele historische Gebäude bestehen, etwa das Bundeshaus in Bern oder Teile des Zürcher Hauptbahnhofs. Es gibt Überlegungen, wonach eine schmutzige Bombe am ehesten an einem solch prominenten Ort gezündet würde. Die Resultate des Forschungsprojekts sind nicht eindeutig. Die gute Nachricht ist, dass das radioaktive Material auch über längere Zeit nicht tief in Sandstein eindringt. Das bedeutet, dass die Zeit kein zentraler Faktor für erfolgreiches Dekontaminieren ist. «Das Cäsium bleibt nahe der Oberfläche und baut sich dort in die Gesteinsstruktur ein», sagt Hofmann. «Auch Regen kann ihm nicht viel anhaben.» Das ist ebenfalls erfreulich, denn so verbreitet sich die Radioaktivität nicht noch zusätzlich. Bei Beton sind die Resultate ähnlich. Die Kehrseite davon ist, und das ist die schlechte Nachricht, dass man das Cäsium kaum mehr wegbekommt. «Wir haben kein Wundermittel gefunden», sagt Hofmann. Er hat zahlreiche Spezialreinigungsmittel getestet, so auch Sprühgels, die man auf Fassaden anbringen, einwirken lassen und wieder abziehen kann. «Keines dieser Mittel reinigt besser als normales Leitungswasser», so Hofmann. Und: «Man kann damit maximal fünfzig Prozent der Radioaktivität entfernen.» Viel zu wenig, um ein Gebäude wieder ohne Einschränkungen benutzbar zu machen. Vorderhand besteht darum eine gewisse Ratlosigkeit. «Bei verstrahlten Bürogebäuden wäre es wohl die günstigste Variante, sie abzureissen», sagt Thomas Hofmann. «Mit der Berner Altstadt wird man das aber kaum tun wollen.» Bei historisch wertvollen Gebäude bliebe nur die Variante, die oberste Schicht Sandstein oder Beton abzuschleifen. Für ganze Quartiere wäre das äusserst aufwendig. Burger und Hofmann haben die Hoffnung auf ein effizientes Dekontaminationsmittel aber noch nicht aufgegeben. Sie sehen die Möglichkeit, in der internationalen Zusammenarbeit auf neue Ideen zu kommen und gegebenenfalls dereinst ein neues Projekt zu definieren. Aktuell ist zudem angedacht, das Problem der Kläranlagen mit einem Projekt anzupacken. Das Wasser der Feuerwehr, die ja bei ihrem Einsatz direkt nach der Bombenexplosion noch nicht weiss, dass sie es mit Radioaktivität zu tun hat, wird ungehindert in die Kanalisation fliessen. Auch Regenwasser oder Wasser aus der Dekontamination, falls nicht aufgefangen, bringt Radioaktivität in die Kläranlage. «Man müsste das radioaktiv verseuchte Wasser dort in Rückhaltebecken leiten und dekontaminieren», sagt Hofmann. Er hat schon vor Jahren einen Filter entwickelt, der sich dafür eignen könnte. Auch spezielle Mineralien kämen in Frage. Diese Ansätze würde er gerne mit der Unterstützung des Labors Spiez vorantreiben. Unabhängig von der Dekontaminierungsmethode sind die Kosten, die eine schmutzige Bombe verursachen kann, immens. Für das eingangs geschilderte Szenario an einem Bahnhof wie Zürich HB rechnen Experten des Bundes mit direkten Schäden in einer Grössenordnung von fünf Milliarden Franken. Das umfasst vor allem Beeinträchtigungen von Gebäuden und Infrastruktur. Noch grösser, nämlich etwa acht Milliarden Franken, wären die indirekten Verluste in der Wirtschaft. Hier spielen Verkehrsunterbrüche, Produktionsausfälle und ausbleibende Touristen die Hauptrolle. Weitere gravierende, aber nicht bezifferbare Folgen sind der Verlust des Vertrauens in die Behörden oder posttraumatische Belastungsstörungen bei Betroffenen und Einsatzkräften. Angesichts dieser gewaltigen Auswirkungen bei verhältnismässig geringem Aufwand stellt sich die Frage, warum weltweit noch nie eine schmutzige Bombe gezündet wurde. «Darüber haben wir lange diskutiert», sagt Mario Burger. «Wahrscheinlich liegt es vor allem an der Schwierigkeit, an radioaktives Material zu gelangen.» Zumindest in der westlichen Welt sind die Kontrollen rigide an Orten, wo es entsprechendes Material gibt, und der Schmuggel wird effizient unterbunden. Die zentrale Aufgabe der nationalen Sicherheitsbehörden ist es, den Zugang zu radioaktivem Material streng und möglichst lückenlos zu kontrollieren. In der Schweiz, versichert Burger, werde dies erfolgreich gemacht. Mathias Plüss

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