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Wird unsere Gesellschaft immer radikaler?

Vorfälle mit Linksautonomen an Demos. Strassenblockaden von Klimaaktivisten. Treffen von Rechtsextremen. Jihad-Reisende. Christliche Fundis. Gewalt von Hooligans. Angriffe auf Blaulichtorganisationen. Hass im Internet. Und politische Polarisierung. Alle diese Phänomene gibt es auch in der Schweiz. So verschieden sie sind, könnten sie doch eines gemeinsam haben: die Tendenz zur Radikalisierung. Stimmt der Eindruck? Radikalisiert sich unsere Gesellschaft? «Mit einer solchen Diagnose bin ich höchst vorsichtig», antwortet Dirk Baier. Der Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW sitzt am Bürotisch, vor sich den Laptop und wissenschaftliche Studien mit gesicherten Erkenntnissen. «Unsere Ansprüche an korrektes Verhalten haben sich erhöht: Deshalb reagieren wir sensibler, wenn jemand das friedliche Zusammenleben stört.» «Man kann nicht pauschal sagen, dass sich die Gesellschaft radikalisiert», stellt er dann fest. Auch bei der Kriminalität hätten viele den Eindruck, sie nehme zu. Das belege die Statistik aber keineswegs. Die Jugendgewalt etwa sei zurückgegangen. Wenn schon, trifft laut Baier der gegenteilige Befund zu. Über einen längeren Zeitraum gesehen, sei die Welt friedlicher geworden, die Gesellschaft zivilisierter. Aggressionen und Gewalt würden stärker kontrolliert. Dass Radikalität auffällt, kann für den Forscher ein Ausdruck zivilisatorischen Fortschritts sein. Unsere Ansprüche an korrektes Verhalten hätten sich erhöht: «Deshalb reagieren wir sensibler, wenn jemand das friedliche Zusammenleben stört.» «Alles, was irgendwo passiert, ist ganz schnell ganz nah bei uns.» Noch vor zwanzig Jahren, sagt Baier, wäre es beispielsweise kaum einem Polizisten in den Sinn gekommen, von Jugendlichen im Ausgang Respekt einzufordern. Heute werde deren Verhalten viel schneller als respektlos eingestuft. In der Schweiz wirke zudem das politische System «befriedend». In der direkten Demokratie kann man seine Anliegen einbringen und allfälligen Unmut an der Urne kundtun. Der aus Sachsen (D) stammende Baier sieht hier einen wichtigen Unterschied zu Deutschland, wo dies weniger möglich sei und sich deshalb mittlerweile verschiedene politische Milieus feindlich gegenüberstünden. Dass trotzdem auch in der Schweiz viele das Gefühl hätten, Entwicklungen liefen aus dem Ruder, hat laut Baier mit der Mediengesellschaft zu tun: «Alles, was irgendwo passiert, ist ganz schnell ganz nah bei uns.» Aus weit entfernten Ereignissen würden persönliche Probleme. Und der Eindruck wachse, da müsse man doch etwas dagegen unternehmen. Baier nennt das Beispiel des islamistischen Terrors. Obwohl es in der Schweiz – «Holz anrühren!» – nie zu einem Anschlag kam, gaben in einer Umfrage acht von zehn Personen an, sich stark davor zu ängstigen: «Dabei war die Sicherheit objektiv stets gegeben.» Der Forscher mahnt zur Differenzierung. Für ihn fängt das schon bei den Begriffen an: «Radikal heisst noch nicht extremistisch.» Historisch gesehen brauche es manchmal Radikalität: «Die 68er hatten radikale Gedanken und machten unsere Gesellschaft offener.» Radikalität werde erst in Verbindung mit bestimmten Methoden zum Problem. Dann spreche die Wissenschaft nicht mehr nur von radikal, sondern von extremistisch. Baier hat dies bei 17- und 18-jährigen Jugendlichen in der Schweiz untersucht. Er fand eine gewisse Zustimmung zu radikalen bis extremen Positionen links und rechts. Dabei kamen Sympathien für linksradikale, antikapitalistische, anarchistische Ideen häufiger vor als solche für rechte, fremdenfeindliche, autoritäre Haltungen. Muslimische Jugendliche äusserten überdies breite Zustimmung zu antiwestlichen Einstellungen. Als die Jugendlichen allerdings gefragt wurden, ob sie bereit wären, zur Durchsetzung der Ideologien Gewalt anzuwenden, sanken die Ja-Raten bei allen sehr stark. Bei den muslimischen Jugendlichen lag die Zustimmung zu islamistischem Extremismus letztlich unter drei Prozent. «Doch dieses Ergebnis der Studie interessierte die Öffentlichkeit dann deutlich weniger», so Baier trocken. Eine Entwicklung bereitet auch dem nüchtern analysierenden Forscher Sorgen: die Schattenseiten des Internets und der neuen sozialen Medien: «Dadurch gibt es seit etwa zehn Jahren massiv erweiterte Möglichkeiten, sich auszutoben.» Noch fehle es an verbindlichen Spielregeln und Umgangsformen für die digitalen Plattformen, so Baier. Negative Folgen lassen sich zum Teil empirisch nachweisen. Cybermobbing, also Bedrohungen und Beschimpfungen im Internet, hat bei Schweizer Jugendlichen leicht zugenommen. Auch extremistische Radikalisierung vollzieht sich mehr und mehr unter dem Einfluss des Internets. Jugendliche sind dafür besonders empfänglich. Baier fand heraus: «Der häufige Konsum extremistischer Medien hat bei ihnen den stärksten Einfluss auf extremistische Radikalisierung.» Nebst den Inhalten spielen Social-Media-typische Mechanismen eine Rolle. Aufmerksamkeit erhält, wer laut und extrem ist, wer starke Thesen postet. Auch Feindbilder ziehen immer im Netz. Baier verweist auf das Beispiel von US-Präsident Trump, der vormache, wie sich die virtuelle Aufmerksamkeitslogik nutzen lässt. Nicht einmal vor Desinformation scheue dieser zurück. Verheerenderweise wüssten auch Terrororganisationen wie der «Islamische Staat» ihre gewaltverherrlichenden Botschaften professionell audiovisuell zu verpacken: «Sie sprechen vor allem junge Männer an», sagt der Forscher. Damit radikale Ansichten von Jugendlichen nicht in Gewalt umschlagen, sollte Prävention laut Baier im Internet ansetzen. Er begleitete vier Online-Pilotprojekte in der Schweiz, die den Extremismus mit positiven Inhalten und erhärteten Fakten zu bekämpfen versuchen. Die Videoclips und Blogbeiträge wurden von Jugendlichen mitproduziert, ansprechend gestaltet und auf sozialen Netzwerken wie Youtube, Instagram und Facebook geteilt. Sie wenden sich gegen Gewalt, Rassismus, Verschwörungstheorien und werben für Toleranz und Demokratie. Das Projekt « SwissMuslimStories » etwa porträtiert zehn gut integrierte junge Muslime. «Wir sollten dem Müll im Netz mehr Gutes entgegensetzen.» Auch wenn die Resonanz noch gesteigert werden könnte, sind solche Initiativen für Baier ein vielversprechender Anfang. Bisher dominiere der Müll im Netz, «wir sollten ihm mehr Gutes entgegensetzen.» Was Baier damit meint: sachliche Informationen, positive Botschaften, das reale Leben. Das Internet brauche mehr «Gegennarrative» zu Extremismus, Fake-News und Hate-Speech, sagt er. Auch die Jugendarbeit werde sich in Zukunft wohl vermehrt digital betätigen. Der Forscher kennt Beispiele aufsuchender Jugendarbeit im Netz, bei der Sozialarbeitende Jugendliche, die sich extremistisch äussern, online ins Gespräch ziehen. Youtube-Filmchen allein genügen aber nicht, um extremistischer Radikalisierung vorzubeugen. Sie sind für Baier nur Bausteine einer grösseren Strategie, die auch die gesellschaftlichen Ursachen angehe. Nicht zuletzt appelliert der Forscher an die Verantwortung der Erwachsenen zum konstruktiven Diskurs. Erwachsene seien selber zwar weniger anfällig für extremistische Radikalisierung: «In der Regel haben sie mehr zu verlieren als die Jungen, deshalb gehen sie nicht hin und zünden etwas an.» Erwachsene mit radikalen Einstellungen – «zum Teil noch radikaler als bei den Jungen» – könnten jedoch ein Meinungsklima erzeugen, das Jugendliche zur extremistischen Aktion ermutige. Das betreffe Eltern genauso wie Politikerinnen und Politiker. Ganz aktuell rät der Experte zum «klugen Umgang» mit den Jugendlichen, die seit mehr als einem Jahr für Massnahmen gegen die Klimaerwärmung demonstrieren. Wenn die Politik deren Ziele und Ideen jetzt nicht höre und zu kanalisieren versuche, «werden sich einige von ihnen radikalisieren», warnt Baier. Denn fehlende echte Partizipation sei erwiesenermassen ein Risikofaktor dafür. In einer Allianz mit linksextremen Strukturen könnte dann auch Gewalt zum Thema werden. «Warum nicht Jugendliche aus der Gemeinde einladen, einen Zehn-Punkte-Plan zu formulieren, und die Anliegen dann mit ihnen diskutieren?», schlägt Baier den Lokalpolitikern im Land vor. Demokratie live: beste Extremismusprävention für junge Leute. Susanne Wenger

Die Klimarebellin

«Es sind drastische Massnahmen erforderlich, aber selbst wir Aktiven sind oft nicht so konsequent, wie es nötig wäre.» Bereits seit zehn Jahren ist die Chemikerin Christina Marchand im Klimaschutz aktiv, aber heute ist es ihr ernster denn je. Diese absolute Lebensbedrohlichkeit des Klimawandels lasse sich leicht verdrängen, weil man sie hier wenig spüre. Deshalb engagiert sich die 50-Jährige seit knapp einem Jahr auch bei Extinction Rebellion. Die in Grossbritannien gegründete Bewegung hat in den grösseren Schweizer Städten Ableger und will die Gesellschaft mit Protestaktionen aufrütteln. Zum Beispiel im September 2019, als die Gruppierung in einer aufsehenerregenden Aktion in der Zürcher Innenstadt die Limmat giftgrün färbte, um auf die Dringlichkeit der Klimakrise aufmerksam zu machen. Damals stand Christina Marchand am Limmatufer, verteilte Flyer und informierte die Bevölkerung. Die Klimarebellen fordern in erster Linie, dass die Klimakrise als dringliches Problem anerkannt wird und auf gesellschaftlicher und nicht privater Ebene gelöst werden muss. Sie schlagen vor, der Politik ein Zusatzgremium in Form einer Bürgerversammlung zur Seite zu stellen. Das dritte Ziel ist netto null Treibhausgasemissionen bis 2030. «Wir sollten alle innehalten und das Maximale für die Lösung des Problems beitragen. Ich finde es seltsam, dass angesichts der Dringlichkeit alle einfach so weitermachen wie bisher», sagt sie und lacht ein wenig ungläubig. «Viele Organisationen und Menschen versuchen seit Jahren, den Klimawandel mit Worten und gutem Beispiel zu erklären und sind damit gescheitert.» Statt andere zu verurteilen, findet es Christina Marchand wichtig, mit gutem Beispiel voranzugehen , sei es als Privatperson oder als ganze Nation. Als Geschäftsleiterin und Gründerin der Stromvergleichsplattform mynewenergy.ch und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ZHAW am Institut für Innovation und Entrepreneurship kennt sie das Potenzial von neuen Technologien. Gleichzeitig gibt sie mit ihrer ruhigen, sachlichen Stimme zu bedenken, dass es Zeit braucht, bis die älteren, umweltschädlichen Energieproduktionsmethoden wie etwa Kohle verschwinden werden. An der ZHAW forscht und lehrt Christina Marchand zum Thema Startups im Energie- und Umweltbereich . Am liebsten würde sie jedoch noch mehr dazu beitragen, die Studierenden für gesellschaftliche Herausforderungen in dem Mass zu sensibilisieren, wie es die Klimakrise erfordert. An Protestaktionen von Extinction Rebelion nimmt sie als Privatperson teil. Ihr Hintergrund als Wissenschaftlerin hilft ihr, die Fakten fundierter zu erklären. Wie weit jede und jeder bei den Aktionen gehen möchte, ist den Einzelnen selbst überlassen. Bis jetzt ist Christina Marchand noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen und hat es im Moment auch nicht vor – auch weil sie Kinder im Teenageralter hat. Mit ihnen und ihrem Ehemann pflegt sie einen klimafreundlichen Lebensstil: «Wir lieben es, andere Reisen zu planen als mit dem Flugzeug und Second Hand einzukaufen. Wir tun in allen Bereich das Möglichste und geniessen trotzdem unser Leben.» Denn sie möchte heute und in Zukunft nicht zu jenen gehören, die nichts getan und die Warnsignale übersehen haben. https://www.journal21.ch/corona-gegen-greta Susanne Wagner

Auch winzige Arsendosen töten irgendwann

«Worte können sein wie winzige Arsendosen, und nach einiger Zeit ist die Wirkung da», habe Viktor Klemperer einst über die Sprache der Nationalsozialisten gesagt. Philipp Dreesen, Sprachwissenschaftler an der ZHAW, zitiert den deutschen Philologen nicht ohne Grund: Gemeinsam mit der Linguistin Julia Krasselt ist Dreesen in den vergangenen Jahren der Frage nachgegangen, woran sich politische Radikalität im Wortschatz eigentlich festmacht – gerade auch dort, wo sie auf den ersten Blick nicht unbedingt ersichtlich ist. Die beiden Forscher des Departements Angewandte Linguistik haben dazu den Wortschatz von Spiegel, Bild und Zeit mit demjenigen der rechtspopulistischen Plattformen PI-News und Compact verglichen. «Eigentlich taten wir nichts anderes als Wörter auszuzählen», erzählt Krasselt schmunzelnd. «Allerdings braucht es einen sehr grossen Datensatz, um aussagekräftige Informationen zu erhalten.» Mehr als 600’000 redaktionelle Beiträge haben die zwei Wissenschaftler analysiert, alles Texte, die zwischen 2008 und 2018 online erschienen sind. Die Grundidee: Die Bedeutung eines Wortes ist nicht einfach gegeben, sondern erschliesst sich oft erst aus dem Kontext, in den es eingebettet ist. Deshalb untersuchten Krasselt und Dreesen nicht nur, welche Begriffe je nach Medienangebot wie oft vorkamen – sondern auch, welche Wörter sich in deren unmittelbarer Nachbarschaft häuften. Wie sich zeigte, gibt es einen Wortschatz, den die beiden Forscher nur in den rechtspopulistischen Medien antreffen: Mainstreampresse, Lügenmedien oder Asylforderer gehören etwa zu diesem – Signalwörter, aus denen deutlich eine rechtspopulistische beziehungsweise radikalisierte Haltung spricht. «Begriffe des Alltags wie Espresso oder Knoblauch, die in etablierten Medien häufig vorkommen, sucht man hingegen vergeblich», sagt Dreesen. Das liegt vor allem daran, dass PI-News und Compact fast ausschliesslich über Politik berichten würden und die Berichterstattung zudem auf Themen wie Islam, Migration und Medienkritik einengten, sagen die beiden. Was die beiden Wissenschaftler an ihren Forschungsergebnissen aber besonders erstaunt: Selbst dort, wo rechtspopulistische News-Plattformen dieselben Begriffe verwenden wie die sogenannten Orientierungsmedien, haben sie häufig nicht die gleiche Bedeutung. So engen PI-News oder Compact den Bedeutungshorizont von eigentlich neutralen Worten wie Verhältnis, Leistung oder Industrie so stark ein, dass mit der Zeit nur noch eine politische und negativ konnotierte Lesart möglich ist. Ein Wort wie Figur wird in den rechtspopulistischen Portalen beispielsweise ausschliesslich zur Beschreibung der physischen Statur in einem Fahndungsprofil eingesetzt – also etwa um zu sagen, dass ein gesuchter Täter eine kräftige Figur habe. Die etablierten Medienhäuser hingegen verwenden das Wort viel breiter. Irgendwann lassen sich solche Begriffe selbst in anderen Kontexten nicht mehr unvoreingenommen lesen, sind sich Dreesen und Krasselt einig. Diese Worte durchlaufen im wahrsten Sinne eine Radikalisierung: Sie verwandeln sich von unverfänglichen Begriffen zu Ausdrücken mit politischer Sprengkraft. Es sind ausserdem Wortkonstruktionen wie «Gedenkindustrie», die ironischerweise genau das verhindern, was sich rechtspopulistische Medienangebote so gross auf die Fahne schreiben: Die Möglichkeit, sich frei eine Meinung zu bilden. Plattformen wie PI-News oder Compact begründen die Notwendigkeit ihrer Existenz damit, dass die etablierten Medienhäuser einseitig berichten und keine anderen Ansichten zulassen würden. «Ein Begriff wie Gedenkindustrie lässt allerdings keinerlei Raum für differenzierte und demokratische Diskussionen», sagt Dreesen. Er stellt lediglich vor die Wahl, der darin enthaltenen Weltsicht zuzustimmen oder Position dagegen zu beziehen – in diesem Fall gegen die Behauptung, dass die Erinnerung an den Holocaust ein gross angelegtes Geschäftsmodell sei und vornehmlich aufrechterhalten werde, um Profit daraus zu schlagen. Der mühsam errungene Konsens, dass das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus ein Staatsauftrag ist, wird immer mehr aufgeweicht, sind die beiden Wissenschaftler überzeugt. «Solche Worte können Schleusen öffnen.» Auch Aleksandra Gnach, Professorin für Medienlinguistik an der ZHAW, beschäftigt sich mit der Radikalisierung von Sprache. Sie richtet ihr Augenmerk vor allem auf die sozialen Medien. «Auf Facebook und Co. wird heute abgehandelt, was früher am Stammtisch besprochen wurde – allerdings mit weiterreichenden Konsequenzen», sagt die Sprach- und Medienwissenschaftlerin. Kommunikation mit derartiger Reichweite sei früher vorwiegend Journalistinnen und Journalisten vorbehalten gewesen. Diese orientieren sich in ihren Beiträgen stark an einer schriftlichen Sprache und haben diverse rechtliche und ethische Vorgaben einzuhalten, etwa die Verpflichtung zu einer ausgewogenen Berichterstattung. Was veröffentlicht wird, wurde reflektiert, redigiert, gegengelesen. «In den sozialen Medien ist der Austausch unmittelbarer und ähnelt mehr der mündlichen Kommunikation.» 29 Prozent der 11- bis 16-jährigen Mädchen und Jungen haben hasserfüllte oder erniedrigende Kommentare gegen Menschen oder bestimmte Gruppen gesehen. EU Kids Online: Schweiz, 2019 Es wird in den sozialen Medien also spontaner , vielleicht auch unüberlegter kommuniziert. Das alleine erklärt aber noch nicht, warum sich Sprache gerade dort häufig so leicht radikalisiert. Gnach macht zudem Gründe sozialer wie technologischer Natur aus: So liege es in der Natur des Menschen, nach Gleichgesinnten zu suchen, und diese Suche gestalte sich gerade in den sozialen Medien vielfach leicht. In jeder Gemeinschaft gelten eigene Regeln, Werte und Normen, auch, was die Sprache betrifft: Wo jemand aber etwa für die Aussage, dass alle Muslime zu deportieren seien, nicht mit Missbilligung noch sozialen Sanktionen rechnen muss, sondern ungeteilten Zuspruch erhält, wird irgendwann eine Wortwahl normal, die anderswo undenkbar wäre. Die Folge: Man empfindet immer radikalere Ansichten für zulässig und äussert sie mit zunehmender Selbstverständlichkeit. Hinzu kommt: Kommunikation ist in den sozialen Medien anonymer als im realen Leben. Man bekommt wenig mit von der Wirkung, die ein Posting für die betroffene Person hat. Es fällt relativ leicht, das Gegenüber zu abstrahieren, im schlimmsten Fall sogar, sein Menschsein zu negieren. 24 Prozent der 9- bis 16-Jährigen in der Schweiz wurden online schon einmal diskriminiert. EU Kids Online: Schweiz, 2019 Die Algorithmen hinter Social-Media-Plattformen verstärken all diese Tendenzen zusätzlich: Was einem an neuen Beiträgen vorgeschlagen wird, orientiert sich in der Regel am bisherigen Suchverlauf – und so findet sich jeder je länger, je mehr in einer Blase wieder, die ausschliesslich die eigenen Interessen und Haltungen widerspiegelt. Dabei werden beispielsweise bei Youtube automatisch immer extremere Beispiele ins Blickfeld gespült – Inhalte, die viel Beachtung finden, verbreiten sich extrem schnell. Irgendwann stösst man so kaum mehr zufällig auf andere Themen oder abweichende Ansichten, so wie es etwa beim Durchblättern einer Zeitung noch vorkommt. 5 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben selbst Hassinhalte an andere geschickt. EU Kids Online: Schweiz, 2019 Von pauschalen Verboten oder einem Verteufeln der sozialen Medien hält Gnach trotzdem wenig. Die Forscherin fordert dazu auf, die klassische Medienberichterstattung kritisch zu reflektieren: Qualitätsmedien würden sich vorwiegend an ein gebildetes und urbanes Publikum wenden und deren Lebenswelt abbilden. Viele Menschen fänden sich darin aber nicht wieder und sähen ihre Sorgen und Ängste zu wenig wahrgenommen. Die Wissenschaftlerin ist überzeugt: Wenn es den grossen Medienhäusern gelänge, diesen Teil der Bevölkerung zurück in den öffentlichen Diskurs zu holen, wäre auch für sie selbst viel gewonnen. «Sie wären wieder für viel mehr Menschen relevant.» Stereotype sind oft die Basis von radikalisierten, z. B. frauenfeindlichen oder antisemitischen Aussagen. Sie sind aber zugleich ein Bestandteil unseres Denkens. Sie vereinfachen uns das Leben, sie reduzieren die Komplexität unseres Alltags. «Selbst Tiere verfügen über Stereotypen, Feind- und Beuteschemata etwa», sagt Christiane Hohenstein, Professorin für Interkulturalität und Sprachdiversität an der ZHAW. Dies entbindet uns jedoch nicht von Verantwortung, gesellschaftliche Stereotype zu reflektieren und zu hinterfragen. «Wir müssen Vorurteilen nicht willenlos erliegen.» Grenzen wir bestimmte Bevölkerungsgruppen mit sprachlichen Mitteln aus, z. B. Homosexuelle, Frauen oder Menschen jüdischen Glaubens, wird damit schleichend der Boden für noch schlimmere Taten bereitet. «Physischer Gewalt geht stets radikale Sprache voraus», sagt Hohenstein. «Sie legitimiert Gewalt.» Gefährlich ist insbesondere, wenn Politiker und Politikerinnen die Grenzen des Sagbaren stetig erweitern und immer radikalere Ansichten salonfähig machen. «So wie sich Donald Trump heute äussert – das wäre für jemanden mit seiner Verantwortung vor kurzem noch undenkbar gewesen.» Deshalb seien die Politik, aber auch die Medien in der Pflicht, wieder wachsamer zu werden und auch sprachlich entschieden für demokratische Prinzipien einzutreten – eine Verantwortung, der viele in den vergangenen Jahren viel zu wenig nachgekommen seien. So seien rechtsextrem geprägte Argumentationen und entmenschlichende Metaphern wie «Flüchtlingsflut» in den vergangenen Jahren manchmal zu wenig reflektiert aufgenommen worden, kritisiert Hohenstein. «Es ist eine Illusion zu glauben, dass einmal erreichte demokratische Prinzipien nicht mehr verteidigt werden müssen», sagt Hohenstein. Der Kampf gegen den Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen durch Sprache sei nie ein für alle Mal gewonnen. Vieles, was in der Vergangenheit an Rechten für Frauen, Homosexuelle oder ethnische Minderheiten erreicht worden ist, liesse sich erschreckend leicht wieder rückgängig machen. «Es bleibt ein permanentes Seilziehen.» Ümit Yoker

«Verschwörungstheorien sind Trigger für Radikalisierung»

Mirjam Eser Davolio: Wir müssen verhindern, dass die Polarisierung der Gesellschaft weiter zunimmt. Die Dschihadisten – aber auch gewisse rechtsextremistische Kreise – hätten ja am liebsten bürgerkriegsähnliche Zustände in Europa ausgelöst mit ihrem Terror. Das haben sie nicht erreicht. Die westlichen Gesellschaften – und da ist der Grossteil der muslimischen Bevölkerung eingeschlossen – verurteilen die Gewalt. Khaldoun Dia-Eddine: Der Dialog zwischen den Religionen und Kulturen muss fortgeführt werden. Das sehe ich auch so. Ich möchte aber zu bedenken geben, dass man den Fokus hier nicht allein auf Dschihadisten richten darf. Man darf die grosse Gefahr und den Einfluss der Rechtsextremisten nicht ausblenden. Sonst erreichen diese am Ende ihr erklärtes Ziel, hier in Europa bürgerkriegsähnliche Zustände auszulösen. Dia-Eddine: Ein Albtraum wäre, wenn es Dschihadisten und Rechtsextremen gelingen würde, die Gesellschaft zu destabilisieren. Dass sich Extreme finden, ist nichts Neues. Das hat man im Zweiten Weltkrieg beim Pakt zwischen Hitler und Stalin gesehen. Eser Davolio: Ich sehe das Risiko nicht so sehr darin, dass sie sich verbünden: Rechtsextreme sind islamfeindlich eingestellt, wenn auch beide Gruppierungen wiederum Gemeinsamkeiten ausweisen, wie etwa Antisemitismus. Vielmehr sehe ich aber eine grosse Gefahr darin, dass die Gewaltspirale weiter angetrieben wird, wenn solche Terrorakte wie in der Moschee in Neuseeland oder in den Shisha-Cafés in Hanau zunehmen. Bisher haben die Gesellschaften in den meisten europäischen Staaten besonnen auf das Phänomen Dschihadismus reagiert . Dem Terror – ob religiös, politisch oder rassistisch motiviert – wurden Werte wie Toleranz, Solidarität mit Minderheiten, Respekt oder die Akzeptanz anderer Meinungen entgegengesetzt. Das ist wichtig. Dia-Eddine: Alle gesellschaftlichen Protagonisten müssen zusammenarbeiten, damit die Radikalisierung, die in vielen Bereichen der Gesellschaft beobachtbar ist, nicht weiter zunimmt. Nicht nur die Verantwortlichen in Politik, Behörden, Sicherheitsapparaten, Sozialarbeit etc. sind gefordert, sondern auch die Zivilgesellschaft muss sich einbringen. Eser Davolio: Anfälligkeit entsteht meist aufgrund äusserer Einflüsse. Oft sind es Problembelastungen, die zu dieser Verletzbarkeit führen. Das können private Verlusterfahrungen sein, wie etwa der Tod eines Elternteils oder Arbeitslosigkeit und der damit verbundene soziale Abstieg. Andere suchen in der Hinwendung zu Religion oder rechtsextremen Gesinnungen einen Ausweg aus Kriminalität und Drogensucht. Nicht zuletzt spielt bei jungen Erwachsenen auch die Gruppendynamik in den Peergroups eine Rolle – also im Freundeskreis oder im Kreis anderer Menschen, die wichtig sind im Leben der Betroffenen. Rekruteure suchen sich ganz gezielt solche vulnerablen Menschen aus. Extremismus ist aber nicht nur ein Jugendphänomen Dia-Eddine: Auch ich sehe eher sozioökonomische als kulturelle oder religiöse Ursachen für die Radikalisierung: berufliche oder schulische Misserfolge, Beziehungsprobleme oder dass diese Menschen eben keine Beziehungen haben etc. Eser Davolio: Rund 40 Prozent der radikalisierten Personen in der Schweiz erhalten staatliche Unterstützungsleistungen wie Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe, wie unsere Studie gezeigt hat. Das heisst, entweder lebten die Dschihadisten bereits am Rand der Gesellschaft, bevor sie sich radikalisierten. Oder es kann die Konsequenz einer Radikalisierung sein, dass jemand, der gut integriert war, aus seinen sozialen Netzen fällt und sich von der Gesellschaft distanziert. Diese Distanzierung von der Gesellschaft erschwert in beiden Fällen die Reintegration. Dia-Eddine: Für mich ist das Phänomen Radikalisierung deshalb auch vergleichbar mit dem Phänomen Suizid. Bei den Auslösern und den Denkprozessen erkenne ich Ähnlichkeiten. Deshalb müsste man auch hier nach den Einfallstüren für Prävention suchen, nach den Momenten Ausschau halten, in denen Veränderungen noch möglich sind – wie man dies bei Suizidgefährdeten tut. Eser Davolio: Verschwörungstheorien sind Trigger für Radikalisierung und Extremismus . Marginalisierte Menschen fühlen sich von einem politischen oder gesellschaftlichen System nicht repräsentiert und gehen davon aus, dass dieses System von bestimmten bedrohlichen Mächten gesteuert wird. Sie entwickeln Feindbilder. Daraus kann sich eine Opfermentalität entwickeln, welche die eigene Gewaltakzeptanz unterstützt: Gewalt wird legitim, weil man sich gegen das System wehren muss. Dia-Eddine: Der Einstieg in Verschwörungstheorien erfolgt nicht immer gleich auf der politischen Ebene. Das ist ein langer Prozess. Das kann mit Geschichten beginnen wie dem Coronavirus heute. Hier kursieren so viele gefälschte Nachrichten und extreme Meinungen – manche unter dem Deckmantel der Wissenschaft. Viele Jugendliche fühlen sich davon angezogen. Via Soziale Medien gelangen sie in Kontakt mit immer mehr und anderen Verschwörungstheorien, bis es allmählich zu einer Radikalisierung kommen kann. Erst recht, wenn der Einfluss von Freunden oder anderen Influencern entsprechend ist. «Integration bedeutet auch gesellschaftliche Anerkennung – nicht zwingend eine öffentlich-rechtliche. Ich denke an Islamunterricht in Schulen unter Aufsicht der Behörden.» Khaldoun Dia-Eddine Eser Davolio: Für solche Verschwörungstheorien sind Jugendliche besonders offen, da sie auf der Suche nach eigenen Lebensentwürfen sind. Alle Verschwörungstheorien bauen ja darauf auf, dass dunkle Mächte im Hintergrund wirken. Es gibt kaum zu durchschauende Verstrickungen. Für junge Menschen ist es da schwer zu beurteilen, was richtig oder falsch ist. Eser Davolio: Es gibt keine Blitzradikalisierung. Eine Person verändert ihre Einstellungen und Werte allmählich, wird immer intoleranter und unflexibler. Über die fortschreitende Ideologisierung wird Gewalt ein legitimes Mittel zum Zweck. Meist kontaktieren diese Personen reale Gruppen oder virtuelle Netzwerke, die Gewaltanwendung befürworten. Wobei das Internet nur unterstützend wirkt, denn Radikalisierung erfolgt in der Regel durch reale physische Begegnungen. Radikalisierung bedeutet aber nicht zwingend, dass jemand auch den letzten Schritt vollzieht und gewalttätig wird. «Endlich wird der Islam auch mal positiv thematisiert, waren die Reaktionen auf alternative Narrative. Das ist ganz wichtig.» Mirjam Eser Davolio Eser Davolio: Hier bräuchte es ein Korrektiv. Jemand, der zum Beispiel vor gewissen Predigern oder Hetzern und deren gefährlichen Ideen warnt. Der dann auf Alternativangebote verweisen kann, bei denen Suchende auch Gemeinschaft erleben und Orientierung finden können. Sehr wichtig sind Gegen- und alternative Narrative im Internet, also Botschaften, die Gegenargumente oder andere Lebensentwürfe aufzeigen. Wir haben vier Pilotprojekte zu Gegen- und Alternativ-Narrativen evaluiert . Vor allem Video-Clips, die in Schulen oder in der Jugendarbeit – auch der muslimischen – gezeigt wurden, lösten offene und konstruktive Diskussionen aus. Sie zeigten unter anderem, wie Muslime heute in einer westlichen Gesellschaft ihren Glauben leben und ein Teil dieser Gesellschaft sein können, wie sie individuelle Lebensformen entwickeln können, ohne ihre Identität zu verlieren. Die Reaktion der Jugendlichen darauf war sehr häufig: «Endlich wird der Islam auch mal positiv thematisiert.» Eser Davolio: Als Muslima und Muslim ist man immer wieder mit diesen Negativbotschaften und Stigmatisierungen konfrontiert, erfährt, wie islamfeindlich die Gesellschaft ist – in Medienberichten oder konkret auch bei der Stellensuche. Wenn man einen arabisch klingenden Namen hat, kann sich das sehr nachteilig auswirken. Für manche Secondos ist das so belastend, dass sie versuchen, eine Namensänderung zu erwirken, weil sie sich und ihren Kindern diese Erfahrung ersparen wollen. Das zeigt, wie stark sich Diskriminierung auf die Persönlichkeit und die Identität dieser Menschen auswirken kann. Die grösste religiöse Minderheit in der Schweiz ist nicht öffentlich-rechtlich anerkannt. Ich denke, das ist auch ein grosses Handicap unserer Gesellschaft. Es bräuchte eine interkulturelle Öffnung auch auf institutioneller Ebene. Dia-Eddine: Integration bedeutet auch eine gesellschaftliche Anerkennung – nicht zwingend eine öffentlich-rechtliche. Ich denke zum Beispiel an Islamunterricht in den Schulen unter Aufsicht der Behörden. In einigen Kantonen hat man hier schon jahrelange Erfahrungen mit positiven Resultaten gemacht. Anerkennung, Wertschätzung und Inklusion wären die beste Prävention gegen Radikalisierung. Dia-Eddine: Bei denen, die sie gesehen haben, sehr positiv. Das ist für mich eine Motivation, jetzt an der dritten Folge zu arbeiten. Das Problem sind die Finanzierung und die Distribution. Denn bisher ist das mein privates Engagement. Die Muslime in der Schweiz haben das Potenzial der Alternativ-Narrative erkannt und verbreiten diese Materialien auch in Zusammenarbeit mit den Behörden. Wir fördern aber darüber hinaus die Kontakte zwischen den Jugendgruppen verschiedener Konfessionen. Ein weiterer Beitrag gegen Radikalisierung und für gesellschaftliche Anerkennung ist zum Beispiel auch das Engagement für eine spezifische Imam-Ausbildung in Zusammenarbeit mit anerkannten Universitäten in der Schweiz wie dem Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg . Unserer Ansicht nach müssen die Imame nicht zwingend hier ihre Grundausbildung erhalten. Dazu wäre auch der Bedarf viel zu klein. Die Imame brauchen jedoch gute Sprachkenntnisse . Und es ist wichtig, dass sie Kenntnisse über Politik und Geschichte haben und die Gesellschaft der Schweiz verstehen. Ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg. Der Dialog zwischen Behörden, Sicherheitskräften, Parlamentariern und den islamischen Gemeinden findet statt. Es gibt viele gemeinsame Aktivitäten speziell mit den Präsidenten der Vereine oder den Imamen in den Moscheen. Die richtigen Ansprechpartner zu finden für eine wirkungsvolle Zusammenarbeit, ist heute für die Schweizer Seite viel einfacher, weil die Vertretungen der Muslime mittlerweile den hiesigen föderalistischen Strukturen entsprechen. Das heisst, es gibt Vereine auf der Ebene der Gemeinden, Dachverbände auf der Ebene der Kantone und einen Dachverband auf der Ebene des Bundes. Eser Davolio: Die Sicherheitsbehörden gehen aber nicht von einer Abnahme des Sicherheitsrisikos aus, auch wenn das in der öffentlichen Wahrnehmung so erscheint. Eser Davolio: Die völkerrechtlichen Grundlagen sind eigentlich klar: Ein Land muss die eigenen Leute zurücknehmen. Wie die meisten europäischen Länder versucht die Schweiz hier eine Verzögerungstaktik zu fahren. So oder so kommen die Rückkehrwilligen früher oder später zurück, weil die Lage in den Flüchtlingscamps und den Gefängnissen sehr instabil ist. Was ist also besser? Wenn die Rückkehr geordnet oder auf irgendwelchen anderen undurchsichtigen Wegen geschieht? Erste Erfahrungen mit Rückkehrerinnen und Rückkehrern haben übrigens Kosovo und Bosnien-Herzegowina gemacht. Die Länder haben spezielle Programme, wie sie diese Leute begleiten, auch im Strafvollzug. Auf ihren Erfahrungen könnte die Schweiz aufbauen. «Bedarf für Veränderungen sehe ich für die Zeit danach, wenn Rückkehrer ihre Strafe abgesessen haben.» Khaldoun Dia-Eddine Dia-Eddine: Zumindest was die erste Zeit nach der Rückkehr anbelangt, sind Justizsystem und gesetzliche Grundlagen ausreichend. Wo ich Bedarf für Veränderungen sehe, ist die Zeit danach, wenn jemand sein Strafmass abgesessen hat. Was geschieht dann mit diesen Leuten? Eser Davolio: Die Mütter sind in der Regel nicht im Strafvollzug, sondern werden mit ihren Kindern von Fachleuten begleitet, auch psychologisch. Einige leben wieder bei ihren Familien. Dort verlaufen zum Teil Konfliktlinien. Diese Rückkehrerinnen sind in der Regel stark stigmatisiert, stossen auf Ablehnung. Es zeigt sich aber, dass die Frauen sehr, sehr dankbar sind, dass man sie zurückgeholt hat, weil sie in Syrien unter sehr prekären Umständen lebten. Dia-Eddine: Man muss aber auch bedenken, dass ein Kosovare oder ein Bosnier in eine islamische Umgebung zurückkehrt. Das ist eine andere Dimension, als wenn ein Dschihadreisender in die Schweiz zurückkehrt. Deshalb können wir die Erfahrungen dieser Länder nicht eins zu eins übertragen, sondern müssen sie für unsere Gegebenheiten adaptieren. Eser Davolio: Ein grosser Unterschied ist auch die Medienberichterstattung. In Kosovo und Bosnien liest man kaum etwas darüber, weil es viele andere Themen gibt, die wichtig sind für die Menschen dort. Bei uns ist die Medienaufmerksamkeit gross: Wo sind diese Rückkehrer, wann sind sie gelandet, wo sind sie jetzt genau ...? Und auch das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung ist hier sensibler. Dia-Eddine: Wir haben aber in der Schweiz auch weniger Rückkehrerinnen und Rückkehrer, und nur drei waren Kinder. Das vereinfacht den Umgang mit ihnen. In Frankreich oder anderen Ländern sind das schon sehr viel mehr. Eser Davolio: Der Nationale Aktionsplan zur Verhinderung und Bekämpfung von Radikalisierung und gewalttätigem Extremismus gibt auch Empfehlungen, wie man mit Kindern umgehen soll. Je nach Alter ist da die Jugendforensik gefordert, zum Beispiel wenn die Jugendlichen als 11- oder 12-Jährige bereits indoktriniert und als Kindersoldaten eingesetzt wurden. Eser Davolio: Es geht da um Öffnungsprozesse, die offene Diskussionen ermöglichen. Dia-Eddine: Um mit Radikalen in einen Dialog treten zu können, braucht man einen gut gefüllten Rucksack an Wissen über Religion, Politik und Gesellschaft. «Man muss argumentative Dissonanzen erzeugen. Solche Dissonanzen sind wie kleine Risse. Je mehr es gibt – irgendwann fällt das Gedankengebäude in sich zusammen.» Mirjam Eser Davolio Dia-Eddine: Meine Erfahrung ist: Ja, sie sind es. Die ganze Rhetorik dschihadistisch Radikalisierter beruht auf den Aussagen: «Das steht im Koran. Das steht beim Propheten.» Das sind aus dem Kontext herausgenommene Referenzen. Diese Verweise sind statisch. Es ist nicht möglich, ihren Wortlaut zu ändern. Aber man kann den Kontext aufzeigen, in welchem dieser Satz steht, wodurch er vielleicht in einem anderen Licht erscheint. Oder man führt andere Interpretationen an. Wenn sich jemand auf den Koran beruft, kann sein Gegenüber das nicht einfach abtun. Als Muslim muss er es in Betracht ziehen. Nicht-Muslime kennen die Finessen in der Regel zu wenig. Hier könnte eine positive Zusammenarbeit zwischen Muslimen, Behörden und Institutionen möglich sein – aber ohne Garantie auf Erfolg: Wir haben es hier mit Menschen zu tun! Dia-Eddine: Das kann ich nicht ausschliessen. Deshalb braucht es auch ein gewisses Fingerspitzengefühl sowie eine gute Vorbereitung und einen multidisziplinären Ansatz. Eser Davolio: Aus der Perspektive der Sozialpsychologie betrachtet, ist es ganz wichtig, solche Dissonanzen zu erzeugen. Der Radikalisierte muss erkennen, dass da Diskrepanzen entstehen, die er nicht so einfach argumentativ wieder füllen kann. Man darf aber nicht erwarten, dass jemand gleich von heute auf morgen bekehrt wird. Solche Dissonanzen sind wie kleine Risse. Und je mehr kleine Risse es gibt – irgendwann fällt das Gedankengebäude in sich zusammen. Es braucht ein gewisse Zeit und Auseinandersetzungen von verschiedenen Seiten. Dia-Eddine: Überzeugen kann man aber nicht nur mit Argumenten, genauso wichtig sind zum Beispiel die Reintegration ins Arbeitsleben und die Einbindung in Alltagsstrukturen. Interview Patricia Faller

Gesucht: ein Putzmittel gegen Radioaktivität

Man stelle sich vor: Ein Terrorist zündet am Zürcher Hauptbahnhof eine Bombe. In den Sprengstoff hat er eine Ampulle mit hoher Konzentration an radioaktivem Cäsium-137 eingebettet. Durch die Wucht der Explosion wird das Cäsium verdampft und mit dem Wind in den angrenzenden Quartieren verteilt. Man spricht von einer «schmutzigen Bombe» («dirty bomb»): Das radioaktive Material ist an der eigentlichen Explosion nicht beteiligt, führt aber auf ein paar Quadratkilometern Fläche zu einer Verstrahlung. Diese ist allerdings viel geringer als bei einer echten Atombombe oder einem schweren AKW-Unfall. «Die Schweiz ist für solche Fälle gut vorbereitet», sagt Mario Burger, der als Chef des Fachbereichs Nuklearchemie am Labor Spiez arbeitet, das zum Bundesamt für Bevölkerungsschutz gehört. «Vorbereitet» bedeutet: Man hat Szenarien studiert und Pläne erarbeitet zum Vorgehen nach einer allfälligen Explosion einer schmutzigen Bombe. «Sobald Radioaktivität im Spiel ist, ist der Bund zuständig», sagt Burger. Die Bundesexperten würden Messungen vor Ort durchführen und anhand der Strahlungsintensität Zonen definieren, die gesperrt oder gar evakuiert werden müssten. Nach allen realistischen Szenarien wird dabei die radioaktive Strahlung nicht so hoch sein, dass sie bei den betroffenen Menschen unmittelbare gesundheitliche Schäden verursachen könnte, ausser in der Kernzone der Explosion. «Wichtig ist es, zuhause zu bleiben und die Fenster zu schliessen, das reduziert die Strahlung schon enorm», sagt Burger. Wer dennoch in intensiveren Kontakt mit dem Cäsium gekommen ist, etwa Feuerwehrleute, sollte gründlich duschen und die Kleider wechseln: «So bringt man den allergrössten Teil der Strahlenbelastung weg.» Doch selbst wenn alle richtig reagierten, blieben je nach Cäsium-Menge vermutlich ganze Quartiere derart verstrahlt, dass sie wegen des Krebsrisikos auf Jahre hinaus nicht mehr bewohnbar wären. Erstaunlicherweise hat sich die Forschung bisher noch kaum vertieft mit der Frage auseinandergesetzt, wie man Häuser und Strassen effizient und gründlich von Radioaktivität befreien kann. Privatfirmen bieten teure Spezialreinigungsmittel an, deren Wirkung aber niemand unabhängig überprüft hat. In Japan hat man nach dem Reaktorunfall von Fukushima 2011 für Dutzende von Milliarden Dollar Fassaden gereinigt und Erde abgetragen – mit letztlich enttäuschendem Ergebnis. «Auch in der Schweiz würde der auf diese Weise realisierbare Grad der Dekontamination wohl nicht ausreichen, da würde niemand in die Häuser zurückkehren», sagt Mario Burger. Einer der wenigen wirklichen Experten für die Dekontamination von Gebäuden ist der ZHAW-Chemiker Thomas Hofmann vom Departement Life Sciences und Facility Management in Wädenswil. «Es gibt weltweit etwa fünf Wissenschaftler, die auf diesem Gebiet arbeiten», sagt er. «In der Schweiz bin ich der einzige.» Die anderen forschen an der Universität Hertfordshire (GB) und am Argonne National Laboratory (USA). «Wir pflegen einen intensiven Austausch und treffen uns regelmässig.» Im Auftrag des Bundesamts für Bevölkerungsschutz hat Hofmann in den letzten sechs Jahren nach einer effizienten Dekontaminationsmethode nach radiologischen Ereignissen in urbanem Gebiet geforscht. Das war mit einem enormen Aufwand verbunden: Hofmann hat in einem Forschungs-Sprengbunker der Schweizer Armee echte Bomben zur Explosion gebracht, er hat im Labor Spiez Cäsium auf verschiedene Oberflächen gesprüht und gemessen, wie tief die Radioaktivität ins Material eindringt und wie sie sich am besten entfernen lässt. Dabei interessierte er sich für Beton, aber auch für Sandstein, aus dem in Schweizer Städten viele historische Gebäude bestehen, etwa das Bundeshaus in Bern oder Teile des Zürcher Hauptbahnhofs. Es gibt Überlegungen, wonach eine schmutzige Bombe am ehesten an einem solch prominenten Ort gezündet würde. Die Resultate des Forschungsprojekts sind nicht eindeutig. Die gute Nachricht ist, dass das radioaktive Material auch über längere Zeit nicht tief in Sandstein eindringt. Das bedeutet, dass die Zeit kein zentraler Faktor für erfolgreiches Dekontaminieren ist. «Das Cäsium bleibt nahe der Oberfläche und baut sich dort in die Gesteinsstruktur ein», sagt Hofmann. «Auch Regen kann ihm nicht viel anhaben.» Das ist ebenfalls erfreulich, denn so verbreitet sich die Radioaktivität nicht noch zusätzlich. Bei Beton sind die Resultate ähnlich. Die Kehrseite davon ist, und das ist die schlechte Nachricht, dass man das Cäsium kaum mehr wegbekommt. «Wir haben kein Wundermittel gefunden», sagt Hofmann. Er hat zahlreiche Spezialreinigungsmittel getestet, so auch Sprühgels, die man auf Fassaden anbringen, einwirken lassen und wieder abziehen kann. «Keines dieser Mittel reinigt besser als normales Leitungswasser», so Hofmann. Und: «Man kann damit maximal fünfzig Prozent der Radioaktivität entfernen.» Viel zu wenig, um ein Gebäude wieder ohne Einschränkungen benutzbar zu machen. Vorderhand besteht darum eine gewisse Ratlosigkeit. «Bei verstrahlten Bürogebäuden wäre es wohl die günstigste Variante, sie abzureissen», sagt Thomas Hofmann. «Mit der Berner Altstadt wird man das aber kaum tun wollen.» Bei historisch wertvollen Gebäude bliebe nur die Variante, die oberste Schicht Sandstein oder Beton abzuschleifen. Für ganze Quartiere wäre das äusserst aufwendig. Burger und Hofmann haben die Hoffnung auf ein effizientes Dekontaminationsmittel aber noch nicht aufgegeben. Sie sehen die Möglichkeit, in der internationalen Zusammenarbeit auf neue Ideen zu kommen und gegebenenfalls dereinst ein neues Projekt zu definieren. Aktuell ist zudem angedacht, das Problem der Kläranlagen mit einem Projekt anzupacken. Das Wasser der Feuerwehr, die ja bei ihrem Einsatz direkt nach der Bombenexplosion noch nicht weiss, dass sie es mit Radioaktivität zu tun hat, wird ungehindert in die Kanalisation fliessen. Auch Regenwasser oder Wasser aus der Dekontamination, falls nicht aufgefangen, bringt Radioaktivität in die Kläranlage. «Man müsste das radioaktiv verseuchte Wasser dort in Rückhaltebecken leiten und dekontaminieren», sagt Hofmann. Er hat schon vor Jahren einen Filter entwickelt, der sich dafür eignen könnte. Auch spezielle Mineralien kämen in Frage. Diese Ansätze würde er gerne mit der Unterstützung des Labors Spiez vorantreiben. Unabhängig von der Dekontaminierungsmethode sind die Kosten, die eine schmutzige Bombe verursachen kann, immens. Für das eingangs geschilderte Szenario an einem Bahnhof wie Zürich HB rechnen Experten des Bundes mit direkten Schäden in einer Grössenordnung von fünf Milliarden Franken. Das umfasst vor allem Beeinträchtigungen von Gebäuden und Infrastruktur. Noch grösser, nämlich etwa acht Milliarden Franken, wären die indirekten Verluste in der Wirtschaft. Hier spielen Verkehrsunterbrüche, Produktionsausfälle und ausbleibende Touristen die Hauptrolle. Weitere gravierende, aber nicht bezifferbare Folgen sind der Verlust des Vertrauens in die Behörden oder posttraumatische Belastungsstörungen bei Betroffenen und Einsatzkräften. Angesichts dieser gewaltigen Auswirkungen bei verhältnismässig geringem Aufwand stellt sich die Frage, warum weltweit noch nie eine schmutzige Bombe gezündet wurde. «Darüber haben wir lange diskutiert», sagt Mario Burger. «Wahrscheinlich liegt es vor allem an der Schwierigkeit, an radioaktives Material zu gelangen.» Zumindest in der westlichen Welt sind die Kontrollen rigide an Orten, wo es entsprechendes Material gibt, und der Schmuggel wird effizient unterbunden. Die zentrale Aufgabe der nationalen Sicherheitsbehörden ist es, den Zugang zu radioaktivem Material streng und möglichst lückenlos zu kontrollieren. In der Schweiz, versichert Burger, werde dies erfolgreich gemacht. Mathias Plüss

Das Gespenst der Disruption

Wie «eine grosse Angstschweiss-Wolke» hänge der Begriff Disruption über allen Vorträgen auf Business-Konferenzen, schreibt Zukunftsforscher Matthias Horx auf der Webseite seines Instituts. Es gehe ein Gespenst um in Europa – in der Ökonomie, der Politik, ganz besonders aber auf Wirtschaftskongressen. Sein Name: Disruption. Und damit die Angst vor der Ungewissheit: Nichts ist mehr sicher, alles ist der Zerstörung, dem Untergang geweiht – denn das ist der Ursprung des Begriffs disruptiv: störend und zerstörend, unterbrechend und zerreissend. Als «Guru der disruptiven Innovation» gilt der im Januar verstorbene Harvard-Professor Clayton M. Christensen. Er hatte diesen Begriff Ende der neunziger Jahre in seinem Buch «The Innovator’s Dilemma» geprägt. Vor dem Hintergrund von Shareholder Value und internetgetriebenem Technologieboom setzte er den Rahmen für eine disruptive Innovation sehr eng: Ein Unternehmen biete einfachere Produkte zu einem geringeren Preis an, die Kunden nehmen nach und nach die neuen Angebote an. Das bisherige Konkurrenzprodukt wird ersetzt oder vollständig vom Markt verdrängt – «und damit passiert Disruption», so Christensen in einem Interview im Jahr 2016 gegenüber haufe.de. Oder alternativ schaffen disruptive Unternehmen neue Märkte und Kundensegmente, die es vorher noch nicht gab. Mit dem PC und dem Laptop sei beispielsweise ein neuer Markt entstanden, so Christensen – auch das eine disruptive Innova­tion. Der nächste Schritt sei dann das Smartphone gewesen. «Eine Innovation zerstört per se etwas Altes – das kennzeichnet eine Innovation.» Mathias Schüz Mathias Schüz, Professor für Responsible Leadership und Unter­nehmensethik an der School of Management and Law und promovierter Physiker und Philosoph, sieht diese Diskussion gelassener: «Eine Innovation zerstört per se etwas Altes – das kennzeichnet geradezu eine Innovation», sagt er im Gespräch. Insofern sei der Begriff disruptive Innovation eine Tauto­logie. Und betreffe nicht nur Nischen der Ökonomie. «Das Zerstören ist ein Prinzip im Leben», verdeutlicht er. «Deshalb gefällt mir Schumpeters Begriff der schöpferischen Zerstörung besser», so Schüz. Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter hat den Begriff der schöpferischen Zerstörung im Jahr 1942 in seinem Werk «Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie» geprägt. Neue Produktionsfaktoren, die sich erfolgreich durchsetzen, verdrängen und zerstören alte – die Zerstörung ist notwendig, um Neues zu schaffen. Die Erfindung der Eisenbahn war für Schumpeter ein Beispiel dafür: Die Betreiber von Postkutschen gerieten in Bedrängnis, doch längerfristig bot die Bahn schnellere, komfortablere und güns­tigere Transporte. Wirtschaftsethiker Schüz geht noch einen Schritt weiter: Eine technologische Neuerung werde dann erst zur Innovation, wenn sie menschliche Verhaltensmuster verändere. Die Eisenbahn leitete im 19. Jahrhundert eine neue Ära des Transports ein, und in jüngster Vergangenheit haben Personal Computer und Internet Verhaltensmuster des Menschen radikal verändert. Oder der Mobilfunk: Telefonkabinen, die eine gewisse Privatsphäre beim Telefonieren gewährten, sind aus dem Ortsbild verschwunden. Übers Handy ist das Telefonieren öffentlich geworden. Mit dem iPhone hat Apple dann den Mobilfunk mit dem Internet kombiniert und damit den Menschen digital mobil gemacht. Anbieter wie Blackberry oder Microsoft hatten lange das Potenzial dieser neuen Technologie ignoriert. Doch «disruptive Technologien zwingen die Konkurrenz, sich anzupassen», so Schüz. «Wenn sie nicht aufspringt, ist der Zug abgefahren.» «Innovationen können ganze Gesellschaftsformen zunichtemachen.» Mathias Schüz Innovationen können weit tiefgreifender wirken: «Sie können ganze Gesellschaftsformen zunichtemachen», sagt Schüz. Die Entwicklung der Dampfmaschine Ende des 18. Jahrhunderts steht als Symbol für den Beginn der Industrialisierung und das Ende der Agrargesellschaft. Das Paradebeispiel für eine radikale Veränderung der Gesellschaft ist aber die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg um das Jahr 1450. «Der Buchdruck leitete eine ganz neue Epoche ein», so Schüz. Die Schwarze Kunst begrub das Mittelalter und war der Start von Neuzeit und Reformation. Das Wissen war nicht länger das Monopol der katholischen Kirche, sondern für eine breite Gesellschaftsschicht zugänglich. Alphabetisierung und Bildung wurden dadurch erst möglich und führten schliesslich zum Zeitalter der Aufklärung: «Die Freiheit des Menschen fängt mit dem Buchdruck an», so Schüz. Und heute sieht der Wirtschafts­ethiker diese Freiheit und die Autonomie des Menschen wieder in Gefahr: Die Kombination von Künstlicher Intelligenz (KI) und Big Data werde wiederum tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen bewirken. Die Versprechungen der Künstlichen Intelligenz, so Schüz, zielten darauf ab, menschliches Versagen zu mindern und das Wohlverhalten in der Gesellschaft zu fördern. Die EU hat dies in ihrem im Februar publizierten «Weissbuch zur Künstlichen Intelligenz» ausgeführt: KI könnte zu einer verbesserten Gesundheitsvorsorge, mehr Effizienz in Landwirtschaft und Produktion führen oder zum Klimaschutz beitragen, heisst es dort. «Dann droht die beste Errungenschaft der Aufklärung zerstört zu werden, nämlich die Würde des Menschen, die sich in seiner Autonomie zeigt.» Mathias Schüz Wenn diese Innovationen zu neuen Freiräumen für Kreativität und Selbstverwirklichung führten, dürfte diese Entwicklung durchaus begrüssenswert sein, so Schüz. Doch wenn nicht? «Dann droht die beste Errungenschaft der Aufklärung zerstört zu werden, nämlich die Würde des Menschen, die sich in seiner Autonomie zeigt.» Diesen potenziellen Gefahren von KI sind sich auch die Weissbuch-Autoren der EU bewusst: Undurchsichtige Entscheidungsprozesse, Diskriminierungen, Eingriffe ins Privatleben oder Missbrauch zu kriminellen Zwecken werden aufgeführt. «Angesichts der erheblichen Auswirkungen, die KI auf unsere Gesellschaft und die notwendige Vertrauensbildung haben kann, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die europäische KI auf unseren Werten und Grundrechten wie Menschenwürde und Schutz der Privatsphäre fusst», so das Weissbuch. Wie weit diese im «Zeitalter des Überwachungskapitalismus» bereits mehr als gefährdet sind, zeigt die Philosophin und Sozialpsychologin Shoshana Zuboff, emeritierte Professorin an der Harvard Business School, in ihrem gleichnamigen Buch auf. Menschen werden zu Lieferanten von Verhaltensdaten, einem kostenlosen Rohstoff für die Tech-Giganten im Silicon Valley. Über Verhaltens-Tracking durch KI werden sie dann in ein wirtschaftlich gewünschtes Verhalten gelenkt. Das führt zum Verlust des selbstbestimmten, menschenwürdigen Lebens, so Schüz: «Der Mensch wird auf eine Maschine reduziert, die nur noch blind auf äussere und innere Reize reagiert.» Nach der Vermessung der Welt nun die Vermessung des Menschen. Der Mensch laufe Gefahr, seine Autonomie an digitale Geräte und Technologien abzugeben: «Er gerät damit wieder in diese selbstverschuldete Unmündigkeit, aus welcher der Aufklärer Immanuel Kant vor knapp 240 Jahren den Menschen befreien wollte», so Schüz. Eine radikale Wende. Die Disruption der menschlichen Autonomie könnte eine Wirkung der digitalen Innovationen sein. Eine weitere Gefahr sieht Schüz auf dem Arbeitsmarkt: «Es wird Verlierer geben», sagt er. Und damit soziale Verwerfungen und politische Umbrüche, falls diese Verlierer der Digitalisierung vergessen gehen. Technologische Innovationen können positive wie negative Verhaltensänderungen bewirken. Im Moment befinde man sich an einem Scheideweg, so Schüz: Wird KI eingesetzt, um Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zu beseitigen – oder um sie zu verschärfen? Die Therapie des Wirtschaftsethikers: Vorsichtig und skeptisch sein bezüglich der disruptiven Kraft von paradiesischen Versprechungen und die Verantwortung des Menschen nicht auf Maschinen abschieben. Sibylle Veigl

Für die Revolution auf dem Teller

Wie wir essen und wie wir unsere Lebensmittel produzieren, stellt uns vor grosse Herausforderungen. Die Agro-Food-Branche trägt massgeblich zur Umweltproblematik bei, kann Erkrankungen begünstigen und führt in unseren Breitengraden zu Foodwaste, während es in anderen Teilen der Erde den Menschen an Lebensmitteln mangelt oder immer mehr Menschen hungern müssen. Es braucht eine radikale Transformation, welche die ZHAW am Departement Life Sciences und Facility Management in Wädenswil in Angriff genommen hat. «Nur so ist es möglich, die Probleme an der Wurzel zu packen und die für einen effektiven Wandel notwendigen andersartigen Lösungen zu kreieren.» Maya Wiestner Bei der Entwicklung eines neuen Bachelor- und eines neuen Masterstudiengangs mit Fokus auf ein nachhaltiges und starkes (resilientes) Agro-Food-Business hat das Kernteam ungewohnte Wege ausprobiert: Es wurden alle, die ein Interesse an der Branche und deren Veränderungen haben, zur Mitwirkung eingeladen. Auf einen Kick-off Workshop 2018 folgten eine Online-Umfrage, zwei Dutzend Experteninterviews und noch einmal zwei Co-Creation Workshops im vergangenen Jahr. Insgesamt haben über 400 Leute beim Kreieren der neuen Studiengänge mitgeholfen. Projektmanagerin Maya Wiestner erklärt: «Wir haben bestehende Strukturen bewusst vorerst nicht miteinbezogen. Nur so ist es möglich, die Probleme an der Wurzel zu packen und die für einen effektiven Wandel notwendigen andersartigen Lösungen zu kreieren.» Zentrale Ausgangslage war, dass die herkömmliche Wertschöpfungskette der involvierten Akteure der Lebensmittelherstellung nicht zukunftsfähig ist. «Die Kette bewirkt, dass für den einzelnen Akteur nur die vor- oder nachgelagerte Partei von Bedeutung ist», sagt Maya Wiestner, «aber eigentlich beeinflussen sich alle gegenseitig.» Stattdessen braucht es ein globales Netzwerk, bei dem alle Mitglieder zusammenarbeiten, ist Maya Wiestner überzeugt. Oder anders ausgedrückt: «Wenn wir in der Schweiz einen Kaffee trinken, müssen wir auch für die Kaffeeproduzierenden und die Plantagen in Südamerika Verantwortung übernehmen.» Die künftigen Studierenden sollen lernen, wie so ein Netzwerk funktioniert und welche Auswirkungen gezielte Eingriffe an einer Stelle auf das ganze System haben. Aufbauend auf diesem fachlichen, ganzheitlichen Verständnis, können Menschen mit Wissen bezüglich Wirtschaft und Unternehmertum ausgebildet werden. Sie sollen Freude an der Gestaltung des Wandels entwickeln. Im Kern geht es darum, die Agro-Food-Branche in ökologischer, sozialer wie auch wirtschaftlicher Hinsicht zu gestalten. «Wir möchten die Studierenden zu einem Systemwechsel befähigen und es ihnen ermöglichen, die dazu notwendigen Kompetenzen zu entwickeln.» Der geplante Bachelor- und Masterstudiengang ist deshalb so ausgerichtet, dass die Studierenden Erfahrungen machen, scheitern dürfen und mit Dozierenden auf Augenhöhe nach Lösungen suchen können. Es gibt nicht die eine Antwort auf die Frage nach einer perfekten Agro-Food-Branche, die an einer Prüfung abgefragt werden könnte. Vielmehr sind die Inhalte und das Ergebnis auch während des Studiums offen; die Studierenden sind ein Teil des Lösungswegs, der in enger Kooperation mit Organisationen aus der Praxis erst erarbeitet werden muss. Open Curriculum nennt man diese Art des Lernens, wenn nicht das Wissen an sich, sondern die zu erwerbenden Kompetenzen im Zentrum stehen. Nun gilt es, die entstandenen Ideen in ein für die ZHAW passendes Konzept umzuformulieren. An diesem Balanceakt arbeitet das institutsübergreifende Kernteam im Moment, weiterhin breit abgestützt durch den Einbezug der interessierten Community. Wenn alles rund läuft, soll der erste Studiengang innerhalb der nächsten zwei Jahre starten. Rahel Lüönd

Das Revival der Post-it-Zettel

Wer durch die Stadt schlendert und auf die schicken Glasfassaden von Bürogebäuden blickt, stösst immer mal wieder auf einen Anachronismus: Post-it-Zettel hängen am Fenster, manchmal in grosser Zahl. Das Revival der gelben Zettelchen, die in den fernen 1970er Jahren die Bürowelt erobert hatten, zeugt von einer Modewelle in der Unternehmenswelt: der Agilität. Agilität ist das neue Mantra der Manager. Er habe 2019 keinen Betrieb kennengelernt, bei dem in den Chefetagen nicht beständig von Agilität die Rede gewesen sei, sagt Uwe Neumann, Experte für Change Management und Leadership im Institut für Angewandte Psychologie am Departement Angewandte Psychologie der ZHAW: «Zugleich war diese Vokabel in tieferen Chargen bereits verbrannt, die Leute konnten sie schon nicht mehr hören.» «Agilität passiert radikal von heute auf morgen, sozusagen mit der Brechstange.» Neumann hofft, dass der Hype seinen Zenit überschritten hat. Nicht, weil er Agilität schlecht fände. Die Grundidee – Wege suchen, damit das Unternehmen mit den Veränderungen am Markt mithält und die Bedürfnisse seiner Kunden möglichst gut abdeckt – findet auch Neumann absolut notwendig. In der Praxis beobachtet er aber etwas anderes, vor allem bei den grossen Unternehmen in der Schweiz. Angetrieben von überhöhten Versprechen der Beratungsindustrie pilgern Schweizer Manager ins Silicon Valley, kehren staunend zurück und übertragen die Organisationsformen der dortigen grossen IT-Unternehmen nahezu unverändert auf den eigenen Betrieb. «Und das passiert nicht allmählich, sondern völlig radikal von heute auf morgen, sozusagen mit der Brechstange», konstatiert Neumann. Dabei kommen jeweils ganz bestimmte Elemente zur Anwendung, sogenannte «agile Methoden und Tools». An die Stelle fixer Abteilungen treten Projektteams in stets neuer Zusammensetzung. Selbstorganisation ist angesagt, ein «product owner» soll die Fäden zusammenhalten, als eine Art Coach fungieren «scrum masters». Projekte bestehen aus mehreren ein- oder mehrwöchigen «sprints». Nach jedem liegt ein genau definiertes Ergebnis vor, das man mit dem Kunden bespricht, der Änderungswünsche anbringen kann. Zweierbüros weichen dem Grossraum ohne fixe Arbeitsplätze. Und statt in Sitzungen Zeit zu vertrödeln, trifft man sich im Stehen zu kurzen «daily stand-ups». Wer sich mit solchen englischen Begriffen auskennt, gehört zu den Eingeweihten. «Ein überholtes Glaubenssystem wird einfach durch ein neues Glaubenssystem ersetzt», konstatiert der Organisationsberater. Auf die straffen Hierarchien folgt die Selbstorganisation, genauso wie zuvor auf die Zentralisierung eine Dezentralisierungswelle folgte. Das Pendel schwenkt von einem Extrem ins andere. Manche Schweizer Konzerne hätten Agilitätsprojekte, die nicht auf Anhieb klappten, auch schon wieder abgebrochen. Was solche radikalen Richtungswechsel im Unternehmen und vor allem bei den Mitarbeitenden anrichten, gehe dabei meist vergessen. Uwe Neumann will «agiles» Vorgehen in keiner Weise verwerfen. Die Visualisierung von Arbeitsprozessen an «stand-ups» zum Beispiel ist häufig hilfreich. Das funktioniert ganz simpel mit drei Feldern: links für Aufgaben, die anstehen. In der Mitte für Aufgaben, die in Arbeit sind. Und ins dritte Feld rechts wandert eine Aufgabe, sobald sie erledigt ist. Jede Aufgabe wird auf ein Post-it geschrieben. Wer sie übernimmt, schreibt den eigenen Namen drauf und schiebt den Zettel ein Feld weiter. Das Tool schafft so auch Erfolgsmomente. Wer eine Aufgabe erledigt hat, kann stolz sein, alle anderen sehen es. Das motiviert, positiver Gruppendruck entsteht. Als Allheilmittel eignet sich aber auch die Post-it-Visualisierung nicht. «Im Silicon Valley haben wir es mit ganz anderen Organisationsformen zu tun, anderen Menschen mit anderen Werthaltungen und anderen beruflichen Biografien», sagt der Experte für Change Management. Starre Vorgaben verunmöglichen laut Neumann adäquate Lösungen. Wie eine Organisation innovativer, schneller und kundenfokussierter wird, ist abhängig von den Menschen, die dort arbeiten. Essenziell ist psychologische Sicherheit, also das Gefühl, dass man mal etwas ausprobieren kann und bei einem Fehler nicht gleich zur Schnecke gemacht wird. Natürlich ist ein Gespür für die Bedürfnisse der Kundschaft wichtig. «Viele inhabergeführte kleine und mittlere Unternehmen sind in dieser Hinsicht ausgezeichnet aufgestellt», beobachtet Neumann in der Praxis. Solchen Unternehmern rät er, sich von Hochglanzbroschüren und globalen Modetrends nicht verrückt machen zu lassen. Sondern weiterhin den eigenen Markt eng im Auge zu behalten und nicht nur den Kunden, sondern auch den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Wertschätzung und auf Augenhöhe zu begegnen. «Basics eigentlich», räumt Neumann ein, «und doch sollte man sie sich ständig in Erinnerung rufen.» Thomas Müller

Geflüchtete Lebensretterin

Das Fliegen hatte Safoura Bazrafshan bereits als Kind fasziniert. «Eigentlich wollte ich Pilotin werden», erzählt die 38-Jährige. Doch im Iran kam der Beruf für eine Frau nicht infrage. Also entschied sie sich für ein technisches Studium. Am Flughafen in Teheran arbeitete sie danach als Technikerin; sie testete und reparierte die Instrumente in den Cockpits. Doch als sie vor vier Jahren in die Schweiz kam, wurde ihre Ausbildung nicht anerkannt. Deshalb begann sie 2018 mit dem Bachelorstudium Aviatik an der ZHAW. «Vieles ist neu für mich. Und die Technologie hat sich seit meiner Ausbildung weiterentwickelt», sagt Bazrafshan. Zudem sei sie stark gefordert mit der Sprache, obwohl sie in der kurzen Zeit gut Deutsch gelernt hat. Nun hat sie aber bereits die ersten drei Semester erfolgreich abgeschlossen. Die junge Frau kommt in eng anliegenden Jeans, modischem Pullover und wallenden Haaren zum Gespräch. Im Iran konnte sie sich so nicht auf die Strasse wagen. Die Kleidervorschriften seien aber nicht das Schlimmste gewesen, blickt Bazrafshan zurück. Viel stärker litt sie unter der eingeschränkten Meinungsfreiheit und den starren sozialen Regeln. «Es fühlte sich an, wie ein Kleben und Haften an den Händen.» Weil sich die kurdischstämmige Iranerin für Frauenrechte einsetzte und sich gegen das Regime auflehnte, entstanden ihr Probleme. 2011 flüchtete sie auf einem beschwerlichen Weg über die Grenze und gelangte über die Türkei und Griechenland schliesslich in die Schweiz. Details über diese Reise möchte sie nicht erzählen. Es ist deutlich zu spüren, dass sie sich nicht gerne daran erinnert. Bei ihrer Flucht musste Bazrafshan Familie, Freunde und sämtliche persönlichen Dinge hinter sich lassen und von Grund auf neu beginnen. Unterdessen hat sie eine Aufenthaltsbewilligung erhalten. Zusammen mit ihrem Freund und drei Frauen – alle ursprünglich aus dem Iran – engagiert sie sich nun wieder für Menschen in ihrem Herkunftsland. Die Gruppe sammelt Geld, um Frauen aus Gefängnissen freizukaufen. «Wenn sich Frauen bei einer Vergewaltigung oder anderer Gewalt zur Wehr setzen und den Mann tötlich verletzen, droht ihnen, gehängt zu werden», erzählt Bazrafshan. Sie können der Todesstrafe nur entrinnen, wenn sie der Familie des Mannes ein sogenanntes Blutgeld bezahlen – in der Regel mindestens 30’000 Franken. Die Gruppe arbeitet mit einer Organisation im Iran zusammen, die ebenfalls versucht, Geld aufzutreiben. Bazrafshan ist bewusst, dass mit diesen Zahlungen ein System gestützt wird, das sie eiegntlich ablehnt. «Doch es gibt keine andere Möglichkeit, den Frauen ihr Leben zurückzugeben.» Die Gruppe organisiert Anlässe, an denen sie über die Missstände informiert, und verbreitet die tragischen Geschichten über Mails. Zudem pflegt sie Verbindungen zu Frauen- und Menschenrechtsorganisationen. Gemeinsam mit einer Freundin will Bazrafshan demnächst einen regulären Verein gründen, um die Hilfe zu verstärken. Der Aviatik-Studentin bleibt neben diesem Engagement und dem Lernen nur wenig Freizeit. Ist aber wieder mal eine Prüfung geschafft, feiert sie dies gern mit ihren jungen Studienkollegen bei einem Bier oder gar einem Wochenende in den Bergen. Andrea Söldi

Warum so grob, lieber Leser?

Der Umgangston in den Kommentarspalten von Newsportalen lässt einen manchmal sprachlos zurück. Warum wird gerade dort so heftig ausgeteilt, und zu welchen Zeitungsthemen findet man am meisten böse Kommentare? Der ZHAW-Absolvent Luca Passerini hat sich in seiner Bachelorarbeit «Hass im Netz – Eine Analyse von Online-Kommentaren zu News-Artikeln» im Studiengang Kommunikation mit diesen Fragen auseinandergesetzt und stiess auf überraschende Antworten. Ursprünglich ging er von folgenden Hypothesen aus: Erstens, zu Zeitungsbeiträgen über Migration gibt es viel mehr Hasskommentare, als wenn es etwa um Gesundheitskosten, Klimawandel oder Altersvorsorge geht. Dies liegt, zweitens, vor allem daran, dass Leserinnen und Leser die Folgen der Migrationspolitik als besonders schwerwiegend einstufen. Für seine Studie zählt Passerini zur sogenannten Hate Speech nicht nur Kommentare, in denen Menschen ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung wegen diskriminiert werden – sondern auch Postings, in denen eine Person aufgrund individueller Merkmale beschimpft wird. Als Datengrundlage hat der 25-Jährige vergangenen Frühling drei Tage lang Zeitungsartikel und Leserkommentare zu aktuellen Politthemen in der Schweiz zusammengetragen. Die knapp 40 online publizierten Zeitungsbeiträge beziehungsweise mehr als 3300 Kommentare aus verschiedenen nationalen und regionalen Newsportalen förderten Erstaunliches zutage: So traf Passerini nicht etwa bei den Migrationsthemen am häufigsten auf Hasskommentare – sondern in der Kategorie «Politiker als Personen», zu der neben Interviews mit Politikern auch Artikel über neu besetzte politische Ämter gehörten. Wurde bei den Beiträgen über Migration und Asyl jeweils in einem von fünf Kommentaren wüst ausgeteilt, war es bei den Artikeln zu Politikern jedes vierte Posting. Die Aussagekraft des Ergebnisses wird jedoch etwas eingeschränkt dadurch, dass letztere Kategorie lediglich drei Beiträge beziehungsweise 70 Kommentare umfasste. Mit der zweiten Hypothese scheint Passerini dennoch richtig zu liegen: Wenn es um Migration geht, werden die Folgen politischer Entscheidungen als besonders gravierend betrachtet, wie eine anschliessende Befragung mehrerer Kommentarschreibender zeigte. Doch noch etwas überraschte den Kommunikationsfachmann, dessen Studie als beste Bachelorarbeit im Bereich Journalismus ausgezeichnet wurde: Zwar scheint das Thema ausschlaggebend dafür zu sein, wie häufig ein Zeitungsartikel ganz grundsätzlich kommentiert wird. Wie häufig es in Kommentaren aber zu Beschimpfungen, Beleidigungen oder gar Drohungen kommt, hängt vor allem von den Meinungen und Ansichten anderer Kommentarschreibender ab. Leser wettern also in erster Linie – übereinander. Ümit Yoker

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