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Digitalisierung gedruckter Musiknoten

Wenn professionelle Musizierende von gedruckten auf digitale Noten umsteigen wollen, hilft ihnen dabei die Optical Music Recognition (OMR). Diese Technologie überführt gedruckte Partituren automatisch in maschinenlesbare Noten und interpretiert sie. Um diesen Vorgang zu optimieren, haben Forschende der ZHAW School of Engineering eine neue Methode entwickelt. Mit dem sogenannten Deep Watershed Detector scannen sie die Noten viel genauer als es bei der bisher erforschten computergestützten Bild- oder Texterkennung der Fall war. «Das Notenblatt wird als Ganzes anstatt in kleinen Teilen analysiert und Notenobjekte werden so in ihrem Kontext erkannt. Durch ein neuronales Netz mit dreifacher Ausgabe kann schliesslich jeder Bildpunkt einem bestimmten Objekt zugeordnet werden», erklärt ZHAW-Forscher und Projektleiter Thilo Stadelmann . «Mit dieser Methode ist unsere Trefferquote beim Notenscannen mehr als doppelt so hoch wie bisher.» Während Texte bereits sehr gut maschinell gelesen werden können, hatte die Forschung beim Scannen und Interpretieren von Noten bisher keine adäquaten Ergebnisse erzielt. «Text enthält typischerweise nur eine kleine Anzahl von Symbolen, während Musik aus Komposita besteht. Denn Notensymbole können nicht nur horizontal, sondern auch vertikal kombiniert werden», so Stadelmann. «Im Prinzip kann durch das Zusammensetzen von Subsymbolen eine unbegrenzte Menge an Symbolen erzeugt werden – etwa Akkorde aus Einzelnoten, Notenhälsen und Fahnen.» Um die neue Methode zu entwickeln, haben Stadelmann und sein Team rund 300'000 Seiten Noten analysiert. Damit haben die ZHAW-Forschenden den weltweit grössten vollständig annotierten Datensatz im Bereich der computergestützten Objekterkennung erzeugt – und ihn öffentlich und frei zugänglich gemacht für weitere Forschung. So kann das an der ZHAW entwickelte neue Verfahren auch auf andere Fragestellungen in der computergestützten Objekterkennung übertragen werden. Über Monate haben die Forschenden ihr System mit digitalen und gedruckten Noten getestet und während dieser Zeit immer weiter verbessert. Die von Innosuisse finanziell geförderte Entwicklung wird künftig in einem konkreten Produkt zum Einsatz kommen. Das Schweizer Start-up ScorePad bietet ein digitales Notenpult für Tablets an. Gedruckte Noten werden dort eingelesen. Die App erlaubt die individuelle Bearbeitung der digitalisierten Noten. Dazu gehören beliebiges Zoomen, Transponieren in andere Tonarten und Auswählen der gewünschten Instrumente. Auch das Musizieren ist mit der App einfacher. Von Hand blättern ist nicht mehr nötig, da die Software die gespielten Töne über das eingebaute Mikrofon des Tablets automatisch erkennt und weiterscrollt.

Handy, Games und Angst vor Harry Potter

Drinnen oder draussen spielen und Sportarten wie Fussball, Fahrradfahren und Schwimmen sind die beliebtesten nichtmedialen Freizeitbeschäftigungen von Primarschulkindern in der Schweiz. Das war zumindest vor der Corona-Pandemie so. Verglichen mit früheren Erhebungen hat sich dies kaum verändert. Auffällig ist aber die Abnahme beim Musikmachen (–27 Prozent) und beim Besuch von Kinder- und Jugend-Gruppen (–19 Prozent). «Im neuen Lehrplan 21 sind in den meisten Kantonen mehr Wochenlektionen enthalten, was zu weniger Freizeit führt», sagt ZHAW-Forscher und Co-Projektleiter Gregor Waller, der die MIKE-Studie mit dem Co-Leiter der Fachgruppe Medienpsychologie und Professor für Medienpsychologie Daniel Süss und seinem Team durchgeführt hat. Für aufwendige Hobbys, wie Musizieren oder die Teilnahme an einer Freizeitgruppe, wie Pfadi oder Jungwacht, fehle deshalb oft die Zeit. MIKE steht für Medien, Interaktion, Kinder, Eltern. Die Studie beleuchtet das Mediennutzungsverhalten von Kindern in der Schweiz und ist somit quasi «der kleine Bruder» der ebenfalls von der ZHAW durchgeführten JAMES-Studie, die auf den Medienumgang von Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren fokussiert. Für die aktuelle MIKE-Studie hat die Fachgruppe Medienpsychologie zum dritten Mal über 1000 Primarschulkinder im Alter von 6 bis 13 Jahren zu ihren Medien- und Freizeitaktivitäten befragt. In der medial geprägten Freizeit schauen die meisten Kinder ein- oder mehrmals pro Woche fern (81 Prozent), hören Musik (76 Prozent) oder Gamen (68 Prozent). Während sich das Benutzen von digitalen Geräten zu Beginn der Primarschulzeit noch in Grenzen hält, steigt es bis zum Ende kontinuierlich an. Das Handy steht dabei weit oben auf der Rangliste. Fast die Hälfte der Kinder gibt an, es mindestens einmal pro Woche zu nutzen oder ein eigenes zu besitzen. Allerdings ist der Begriff «eigenes» mit Vorsicht zu betrachten. Gemäss den Angaben der Eltern besitzt nur etwa jedes dritte Kind ein Handy. Eine Vermutung der Forschenden ist, dass es sich zum Teil um ein «Familienhandy» handelt, das mit Geschwistern geteilt wird und nur punktuell zum Einsatz kommt. Bei den benutzten Apps gibt es einen klaren Favoriten: Rund zwei Drittel der Kinder (59 Prozent der Mädchen, 73 Prozent der Jungen) in der Schweiz nutzen mindestens einmal pro Woche die Video-Plattform YouTube. Ebenfalls beliebt sind WhatsApp, Snapchat, Instagram und TikTok. Rund drei Fünftel der Mädchen und vier Fünftel der Jungen spielen mindestens einmal pro Woche Games. Fortnite steht dabei neu ganz hoch in der Gunst der Kinder. Kritisch zu betrachten ist hier laut Gregor Waller, dass der sogenannte Survival-Shooter erst ab 12 Jahren freigegeben ist und offenbar trotzdem von deutlich jüngeren Kindern gespielt wird. «Die Kinder verstehen die Gewaltszenen nicht als schädlich, sie orientieren sich an ihren Kolleginnen und Kollegen und wissen vielleicht gar nicht, dass dieses Spiel nicht für ihre Altersklasse freigegeben ist.» Zum ersten Mal wurden die Kinder in der aktuellen Studie gefragt, welche Inhalte sie verängstigen. Rund 60 Prozent der Kinder gaben beispielsweise an, dass ihnen im Fernsehen schon einmal etwas Angst gemacht hat. Genannt wurden dabei insbesondere Mord oder Tod, Gewaltszenen, Monster oder angsteinflössende Tiere. Neben der allgemeinen Nennung von Horrorszenen war der meist genannte angsteinflössende Filmtitel «Harry Potter». Dies ist gemäss Daniel Süss umso erstaunlicher, als es sich auch um den beliebtesten Film handelt. «Man sollte aber im Hinterkopf behalten, dass viele Kinder ängstigende Inhalte nicht absichtlich anschauen», so der Medienpsychologe. «Sie schnappen sie auf, wenn sie mit den Eltern oder grösseren Geschwistern fernsehen oder wenn sie in der Nacht aufstehen und etwas mitbekommen, was nicht für sie gedacht ist.» Erleben Kinder beim Fernsehen Angst, wählen sie gemäss eigenen Angaben folgende Bewältigungsstrategien: Über die Hälfte der Kinder lenkt sich ab, rund zwei Fünftel sprechen mit den Eltern darüber, knapp ein Drittel macht gar nichts und ein Viertel der Kinder spricht mit Freunden darüber. Aufgrund dieser Ergebnisse schliessen die Forschenden, dass die Eltern als Ansprechpersonen noch Potenzial haben. Sie sollten noch mehr um das Vertrauen ihrer Kinder bemüht sein, und sich als eine Ansprechperson erweisen, bei der man mit seinen Ängsten und Sorgen gut aufgehoben ist. Eltern und Erziehungsberechtigte sind gemäss den Forschenden verpflichtet, für das Wohl ihrer Kinder zu sorgen. Dazu zählen sie auch, dass Kinder vor angsteinflössenden Inhalten möglichst geschützt werden. Für Kinder, die trotzdem in Kontakt mit verstörenden Szenen geraten und mit Angst darauf reagieren, müssen Eltern jederzeit ein offenes Ohr haben. Die Forschenden raten zu Gesprächen. Diese bieten eine Möglichkeit, Einblicke in die kindliche Mediennutzung zu gewinnen und dem Kind dabei zu helfen, Ängste abzubauen und verstörende Medieninhalte einzuordnen und zu verarbeiten. Die Mehrheit der Eltern ist sich der Verantwortung hinsichtlich des Medienkonsums ihrer Kinder bewusst. Um die Mediennutzung zu kontrollieren, ist das Aufstellen von Regeln die beliebteste Strategie. Geregelt wird etwa, wie lange Medien genutzt werden dürfen und welche Inhalte erlaubt oder verboten sind. Viele Eltern betonen unter anderem die Wichtigkeit von Gesprächen mit ihrem Kind über dessen Mediennutzung sowie das Aufzeigen von Alternativen zum digitalen Medienkonsum. Die Elternbefragung ist jedoch – im Gegensatz zur Kinderbefragung – nicht repräsentativ, da nur etwa die Hälfte, sowie vor allem Frauen und Personen mit höherem Bildungsstand, den Fragebogen ausgefüllt haben. «Die Corona-Krise hat vermutlich auch Auswirkungen auf den Medienkonsum und stellt viele Eltern vor Herausforderungen», erklärt Süss. Familien verbringen viel Zeit zuhause und digitale Medien sind ständig verfügbar. «Eltern sollten auch in dieser Situation auf zeitlich begrenzte Fernseh- oder Handy-Zeiten achten. Es empfiehlt sich aber, gerade im Primarschulalter, «Krisen-Regeln» zu vereinbaren, die auch lockerer sein dürfen als normal.» Wenn wieder Normalität eintritt, wird entweder neu verhandelt oder man kehrt zu den alten Regeln zurück. Wichtig ist auch, den Kindern Offline-Aktivitäten anzubieten.

Wie Energiezukunft in der Öffentlichkeit entsteht

Die Schweizer Energiepolitik und -versorgung sind im Umbruch. Angesichts der Unsicherheit über die künftigen Entwicklungen und des Wandels in Politik, Wirtschaft und Technologie steigt die Abhängigkeit der Akteure von Wissen, das in öffentlichen Diskursen geteilt wird. Deshalb haben sich ZHAW-Forschende der Frage gewidmet, wie solche Diskurse modelliert, wie sie analysiert und wie Ergebnisse für die Kommunikationspraxis nutzbar gemacht werden können. Damit hat die ZHAW in den letzten drei Jahren wissenschaftliche Grundlagen gelegt, mit denen Kommunikationsakteure ihre Aufgaben in der energiepolitischen Transformation künftig besser erfüllen können. « Erste Erkenntnisse zeigen, dass sich die Energiediskurse in den Schweizer Landessprachen Deutsch, Französisch und Italienisch nicht nur voneinander unterscheiden, sondern auch wechselseitig beeinflussen», sagt ZHAW-Forscher Peter Stücheli-Herlach vom Departement Angewandte Linguistik. Die jeweiligen Diskurse orientieren sich durch die Verwendung von Ortsbezeichnungen deutlich an der jeweils eigenen Sprachregion und am jeweiligen Nachbarland Deutschland, Frankreich oder Italien. Erneuerbare Energien spielen in deutschsprachigen Diskursen inzwischen eine fast gleich grosse Rolle wie nichterneuerbare. Die französische Schweiz braucht den Ausdruck «fossile Energien» hingegen häufiger als die Deutschschweiz. Allerdings nimmt die Bedeutung erneuerbarer Energien unter dem Einfluss deutschsprachiger Textproduktion zum Beispiel durch Übersetzungen auch in französisch- und italienischsprachigen Diskursen zu. Dies ist ein Indiz, dass sich diese schweizerischen Landessprachen gegenseitig beeinflussen. Insgesamt erhält die Wasserkraft gegenüber der Sonnen- und Windenergie in den Schweizer Energiediskursen ein grösseres Gewicht. Das kann als eine Schweizer Besonderheit in der europäischen Energiewende gelten. Gefördert wurde das Projekt «Energiediskurse in der Schweiz» durch das Programm «Energie – Wirtschaft – Gesellschaft (EWG)» des Bundesamtes für Energie (BFE). Erstellt und untersucht wurde eine der grössten Textsammlungen ihrer Art, die insgesamt rund 1,2 Milliarden Wörter umfasst. Die auswertbaren Daten reichen bis ins Jahr 2010 zurück. Die Basis für das Korpus bilden frei zugängliche Textquellen im Internet: beispielsweise sämtliche Inhalte der Webseiten von Bundesbehörden, energiepolitisch aktiven Interessensverbänden und politischen Parteien sowie vieler Tages-, Wochen- und Fachmedien – dies jeweils in deutscher, französischer, italienischer und englischer Sprache. Diese Daten wurden systematisch selektioniert und linguistisch annotiert und stehen Interessierten für künftige Projekte der energiepolitischen Umfeldanalyse zur Verfügung. Diskurse entstehen aus Sicht der Angewandten Linguistik, wenn der Gebrauch von Sprachen bestimmte Muster – wie typische Themen, Begriffe oder Wortkombinationen – ausprägt, die sich bei verschiedenen Kommunikationsakteuren finden und sich über längere Zeit beobachten lassen. Dabei handelt es sich um die sprachliche Form des kollektiv geteilten Wissens, welches eine unabdingbare Voraussetzung für den demokratischen Dialog und für erfolgreiche Innovationen darstellt. «In öffentlichen Diskursen entwickelt sich ein ‘common ground’, auf den Akteure setzen müssen, wenn sie verstanden werden wollen», erläutert Peter Stücheli-Herlach. Das Projekt zeigt deshalb Wege auf, wie sich Akteure der energiepolitischen Transformation und anderer, verwandter Politikbereiche in den grossen Datenmengen öffentlicher Diskurse orientieren und für sie relevante Analysen durchführen können. Mit softwaregestützten Methoden ist es möglich, in grossen Datenmengen Muster des öffentlichen Sprachgebrauchs zu messen und dann systematisch zu interpretieren. Solche Erkenntnisse sind eine Grundlage für eine anschlussfähige und damit dialog- und zielgruppenorientierte Kommunikation in kontroversen Umfeldern der Demokratie und der interdisziplinären Innovation.

Spielend neue Energie gewinnen

Wie kann man auf umweltgerechte Weise Energie gewinnen? Diese Frage treibt nicht nur Experten um. Immer mehr Kinder und Jugendliche setzen sich für eine nachhaltige Zukunft ein. Sie wollen lernen, mit welchen Mitteln die Energiewende zu bewältigen ist. Eine Möglichkeit dabei ist die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie. Für Lehrkräfte sind diese Themen aber nicht leicht zu vermitteln. «Oftmals haben Lehrer und Lehrerinnen in der Primarschule keine vertiefte Ausbildung in Physik und daher Bedenken, diese Technologien falsch zu erklären», sagt Elisabeth Dumont, Physikdozentin an der ZHAW School of Engineering. Genau da setzt das Programm «FCHgo!» an. Im Rahmen des europäischen Forschungsprogramms Horizon 2020 engagieren sich Partner aus fünf europäischen Ländern in dem Projekt. Ziel ist, Kindern die Grundlagen der Energiegewinnung mit Wasserstoff näherzubringen. In internationalen Co-Creation-Workshops haben die Projektteilnehmenden mit Lehrern, Pädagoginnen und Brennstoffzellenexperten die Methoden und Unterrichtsmaterialien entworfen. Die ZHAW School of Engineering hat dazu ein Video sowie ein Buch beigesteuert. Beide wurden von Hans Fuchs entwickelt, der über 30 Jahre Professor für Physik an der Fachhochschule war. «Uns war der narrative Aspekt bei der Vermittlung sehr wichtig», betont Elisabeth Dumont. «Die Kinder sollen ja das Prinzip verstehen, anstatt nur die Fachbegriffe zu beherrschen.» Neben weiteren Unterrichtsmaterialien wurde zusätzlich eine Reihe von Toolkits entwickelt, die vielfältige Experimente mit Wasserstoff und Brennstoffzellen ermöglichen. Das Gesamtprojekt richtet sich an Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren. An der ZHAW School of Engineering ist «FCHgo!» auf Primarschulklassen zugeschnitten . Je nach Klasse ist das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler unterschiedlich. «Da sind wir auf die Lehrpersonen angewiesen», sagt Elisabeth Dumont. «Ihr Input ist wichtig, damit wir die Lektionen verständlich gestalten können.» Nach den Workshops werden die Lehrerinnen und Lehrer wiederum um Feedback gebeten und das Unterrichtsmaterial sowie die Experimentierangebote falls nötig angepasst. «FCHgo!» wird an der School of Engineering spielerisch umgesetzt, wenn die Schulklassen einen Vormittag das Kinderlabor besuchen, das am Departement für Schulklassen, die an Naturwissenschaften interessiert sind, zur Verfügung steht. Nach einer kurzen Einführung anhand des speziell dafür gedrehten Videos können die Schulkinder direkt mit dem Experimentieren loslegen. Was haben Kartoffeln mit Elektrizität zu tun? Mit dem Bau einer Kartoffelbatterie erfahren die Kinder, wie elektrischer Strom entsteht und wie man damit LEDs zum Leuchten bringt. Weiter geht es mit einem der «FCHgo!-Toolkits». Mit den Kits können die Kinder einen Propeller antreiben – nur mittels Wasser und Licht. Und schliesslich lernen die Schülerinnen und Schüler auch, dass mit Wasserstoff und einer Brennstoffzelle Autos angetrieben werden können. Der Clou: Das einzige Abfallprodukt dieser Art von Energiegewinnung ist Wasser. Somit ist die Wasserstofftechnologie eine zukunftsweisende und klimafreundliche Alternative zur herkömmlichen Stromproduktion. Julia Obst

Ein flexibles Rentenalter ist kein ­Allheilmittel

In vielen OECD-Ländern wurde in den vergangenen Jahren das Rentenalter erhöht. In der Schweiz wird eine Erhöhung zwar diskutiert, doch gab es in den letzten 15 Jahren keine Anpassungen mehr. Dennoch stieg die Arbeitsmarktbeteiligung der über 65-Jährigen kontinuierlich an. Wie die Arbeitsmarktpartizipation älterer Arbeitnehmender im Zusammenhang mit deren Gesundheit steht, wird in einem vierjährigen Forschungsprojekt mit dem Titel «Gesundheitliche Ungleichheit im Kontext ­einer Verlängerung des Arbeitslebens» untersucht. In diesem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt interessieren sich Forschende am ZHAW- Departement Gesundheit insbesondere für Unterschiede zwischen verschiedenen so­zioökonomischen Gruppen wie etwa Berufen. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit Universitäten in der Schweiz, Schweden, den USA und Chile durchgeführt. In einem ersten Teilprojekt untersuchte die Projektleiterin Isabel Baumann in Zusammenarbeit mit Ignacio Madero-Cabib von der Katholischen Universität Chile Rentenübergänge in Ländern mit einem flexiblen Rentensystem. Flexible Rentensysteme kombinieren ein flexibles Rentenalter mit der Möglichkeit von Teilzeitarbeit oder Teilrentenbezug. In der Schweiz wird die Flexibilisierung des Übergangs vom Arbeitsleben ins Rentner­dasein vom Bundesrat in der Reformvorlage AHV 21 momentan als Anreiz zum längeren Verbleib im Arbeitsprozess gehandelt. Doch laut Baumann gibt ihre Studie Hinweise darauf, dass dieser Mechanismus nicht wie vom Bundesrat erwartet spielt. Die Studie «Rentenverläufe in Ländern mit flexibler Rentenpolitik, aber unterschiedlichen Wohlfahrtssystemen» zeigt, dass auch in Ländern mit einem flexiblen Rentensystem die Frühpensionierung das mit Abstand am weitesten verbreitete Übergangsmuster der untersuchten Bevölkerungsgruppen ist. Die Studie förderte Unterschiede zwischen den untersuchten Ländern Chile, USA, Dänemark und Schweden zutage – abhängig von der Ausprägung des Vorsorgesystems. In den liberal orientierten Ländern USA und Chile mit verhältnismässig tiefen Rentenleistungen findet der Altersrücktritt tendenziell später statt als in den skandinavischen Staaten mit grosszügigen und umfassenden Leistungen. Länder mit tiefen Leistungen der sozialen Sicherheit scheinen also insgesamt stärkere Anreize für eine Verlängerung des Arbeitslebens zu setzen. Eine Ausnahme bilden Personen mit chronischen Erkrankungen. Diese gehen in den liberalen Staaten häufiger frühzeitig in Rente als gesunde ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dieser Unterschied im Pensionierungsverhalten zwischen Personen mit und solchen ohne gesundheitliche Probleme konnte nur in den USA und in Chile beobachtet werden, nicht aber in Dänemark und Schweden. Damit scheinen weder eine Flexibilisierung des Rentenalters allein noch in Kombination mit finan­ziellen Anreizen auszureichen, um Beschäftigte länger im Arbeitsleben zu integrieren. Welche alternativen Ansätze entsprechend wirken könnten, untersucht die Studie nicht. Denkbar sind laut Baumann aber Massnahmen, die die gesundheitlich belastenden Aspekte der Arbeit reduzieren und den Verbleib in der Arbeitswelt für ältere Arbeitnehmende attraktiver machen. Baumann gibt zu bedenken, dass die vom Bundesrat vorgeschlagene Flexibilisierung zwar eventuell nicht der richtige Weg für die finanzielle Stabilisierung der AHV sei, aber dafür andere Vorteile biete. «Sie gibt den Menschen mehr Handlungsspielraum.» Und das sei ein Vorteil, da die Situation der älteren Arbeitnehmenden sehr heterogen sei, zum Beispiel in Bezug auf ihre Gesundheit oder die Pflege und Betreuung von Eltern oder Grosskindern. «Diesen Bedürfnissen und Möglichkeiten würde eine Flexibilisierung gerechter werden.» In einem NZZ-Artikel erörtern Baumann und die Rechtswissenschaftlerin Sabine Steiger-Sackmann von der ZHAW School of Management and Law konkrete mögliche Massnahmen, wie die Gesundheit älterer Arbeitnehmender im Arbeitsprozess besser erhalten und gefördert werden könnte. Dazu gehören laut den Forschenden die Einhaltung der Vorschriften zum Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. Wie heute bereits in vielen Unternehmen und Organisationen – wie zum Beispiel der ZHAW – implementiert, könnten die Ferien- und Ruhezeiten mit zunehmendem Alter kontinuierlich steigen. Zudem wären laut Baumann und Steiger-Sackmann die in der Schweiz im internationalen Vergleich hohen Wochen­arbeitszeiten grundsätzlich zu überdenken. Auch ein Anspruch aller Arbeit­nehmenden auf Teilzeitarbeit – sofern betrieblich machbar –, wie ihn zum Beispiel Deutschland oder die Niederlande kennen, könnte ein Beitrag zu einem besseren Erhalt der Gesundheit sein. In ihrer Forschung gehen die ZHAW-Wissenschaftlerinnen neue Wege, indem sie mit Innovage zusammenarbeiten, einem Netzwerk von freiwillig tätigen Seniorinnen und Senioren. Diese sind nicht lediglich Forschungsobjekt, sondern forschen zum Teil selbst mit. Diese Art des Vorgehens nennt sich «partizipative Forschung» (siehe Kas­ten). In der Zusammenarbeit mit Innovage wurde beispielsweise deutlich, dass aus Sicht der Seniorinnen und Senioren der Übergang vom Berufsleben in die Rente frühzeitig geplant werden sollte – inklusive Einsatz von geeigneten Weiterbildungen und Umschulungen. «Die befragten Personen sehen eine Chance darin, dass ältere Arbeitnehmende gegen Ende des Arbeitslebens eine neue Rolle im Betrieb übernehmen könnten, etwa als Coach, Mentorin oder strategischer Berater», erklärt Baumann. Abraham Gillis

Nicht anstecken! Ein Covid-19-Game

«Sie sind krank! Sie müssen Menschen im öffentlichen Raum ausweichen, damit Sie diese nicht anstecken.» Das sind die Regeln des Games «Dichtestress». Ein Spiel aus der Ego-Perspektive , das sich mit der Pandemie in verschiedenen Stadträumen auseinandersetzt. Die Idee dazu hatte Andri Gerber. Der 46-Jährige ist Dozent am Institut Urban Landscape des ZHAW-Departements Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen. Sein Game «Dichtestress» soll mehr als ein Spiel zum Zeitvertreib sein. «Das Spiel ist sehr politisch und will die jetzige Kritik an der Verdichtung von Städten hinterfragen. Bisher hiess es, dass eine dichte Besiedelung vorteilhaft ist, aus ökologischer wie auch aus sozialer Sicht. Mit der Pandemie werden die Vorteile der Dichte plötzlich in Frage gestellt.» Die sechs Level haben fünf von Gerbers Studenten programmiert. Andri Gerber, Dozent für Städtebaugeschichte, erzählt im Video die Entstehungsgeschichte und das Ziel des Spiels. Frank Richter

Studierende sind ängstlicher

Als der Bundesrat am 13. März vor die Medien trat und der Schweiz den Stillstand verordnete, veränderte sich auch für zahlreiche Studentinnen und Studenten der Alltag quasi über Nacht. Hörsäle wurden geschlossen, Präsenzunterricht wurde gestrichen, Begegnungen auf dem Campus waren nicht mehr möglich. Doch welche psychischen Auswirkungen hatte der Lockdown auf die Studierenden der ZHAW ? Wie bewältigten sie diese neue Situation? Diesen Fragen geht ein Forschungsteam unter der Leitung von Julia Dratva , Leiterin Forschungsstelle Gesundheitswissenschaften an der ZHAW Gesundheit , in zwei Studien nach. In der dritten Woche des Lockdowns schrieben die Forschenden alle Studierenden der ZHAW an, rund 20 Prozent erklärten sich zur Teilnahme bereit. «Mit diesem Rücklauf sind wir sehr zufrieden», sagt Dratva. «Schliesslich wurde nur ein unpersönliches Massenmail verschickt.» Befragt wurden die Teilnehmenden unter anderem dazu, ob und wie sie die Empfehlungen der Behörden umgesetzt haben, aber auch, welche Auswirkungen die Pandemie auf ihr Befinden hat und wie sie die einzelnen Institutionen – darunter nebst dem Bundesrat auch die ZHAW – wahrgenommen haben. Noch sind längst nicht alle Daten ausgewertet, und in den nächsten Monaten werden weitere Befragungen stattfinden. Doch bereits die Zwischenresultate lassen aufhorchen. «Ich war positiv überrascht, wie hoch die Bereitschaft der Befragten ist, die empfohlenen Massnahmen umzusetzen. Das widerspricht dem negativen Bild, das teilweise in den Medien von Jugendlichen gezeigt wurde», sagt Studienleiterin Dratva. Bei den meisten Massnahmen – also Social Distancing, Hygienevorschriften etc. – gaben mehr als 90 Prozent an, dass sie sie befolgen würden. Nur die Empfehlung, zuhause zu bleiben, wurde offensichtlich weniger ernst genommen. «Natürlich können wir nicht überprüfen, ob die Befragten auch tatsächlich so handeln, wie sie angeben», sagt Dratva. «Aber die Tatsache, dass es innerhalb der einzelnen Massnahmen Differenzen bei den Antworten gibt, deutet darauf hin, dass sie ehrlich waren.» «Frauen waren eher bereit, sich ins Private zurückzuziehen, während Männer öfter Langeweile empfunden haben.» Gerade bei der Disziplin lässt sich eine Geschlechterdifferenz beobachten: Frauen waren offenbar eher bereit, sich ins Private zurückzuziehen, und gaben auch häufiger an, die Zeit mit der Familie zu geniessen, während Männer öfter Langeweile empfunden hätten. «Das entsprich einem Genderklischee», sagt Dratva. «Aber wir wissen aus anderen Studien, dass Frauen andere Antwortmuster zeigen, im Positiven wie aber auch im Negativen, beispielsweise wenn es um Krankheiten oder Konflikte geht.» Einen Fokus legte das Forschungsteam auf das psychische Befinden der Befragten. «Unsere Studie zeigt deutlich, dass im Lockdown die Ängstlichkeit gestiegen ist», sagt Dratva. Um das Angstlevel zu bestimmen, haben die Forscherinnen auf etablierte Instrumente aus der medizinischen Forschung zurückgegriffen, sodass ein Vergleich mit dem «Normalzustand» gezogen werden kann. «Dieser Befund sollte nachdenklich stimmen – gerade auch im Hinblick darauf, dass weltweit schon in normalen Zeiten circa ein Fünftel der jungen Menschen von psychischen Belastungen oder Erkrankungen betroffen sind.» Durch den Lockdown sind viele Studierende aufgrund fehlender Verdienstmöglichkeiten auch finanziell in eine prekäre Situation geraten. Im weiteren Verlauf der Untersuchungen wollen die Forscherinnen denn auch spezifisch abfragen, ob die Beratungsangebote der ZHAW in Anspruch genommen wurden. Aufgefallen ist aber auch noch etwas anderes: Manchen Befragten, die sich vor dem Lockdown nicht so gut fühlten, hat die Ausnahmesituation offenbar gut getan – sie gaben an, dass sich ihr Befinden verbessert habe. Das könnte daran liegen, dass manche Stressfaktoren weggefallen sind, der Schulweg beispielsweise oder die Schwierigkeiten im Studienalltag, Ausbildung und Familienverpflichtungen zu vereinbaren. Astrid Tomczak-Plewka

  Alle Mitarbeitenden übernehmen Kommunikationsfunktionen

Die digitale Transformation verändert die interne Kommunikation rasant und stellt sie vor Herausforderungen. Am Forschungs- und Arbeitsbereich «Organisationskommunikation und Management» am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft haben Katharina Krämer , Nicole Rosenberger und Markus Niederhäuser die Ergebnisse einer qualitativen Studie zur internen Kommunikation von mittelgrossen Unternehmen in der Schweiz in einem Working Paper veröffentlicht. Der Fokus der Forschenden des Departements Angewandte Linguistik lag dabei auf den drei Funktionen der internen Kommunikation: der Information, der Kommunikation und der Kollaboration – sowie auf dem damit verbundenen Einsatz des Intranets. Die Erkenntnisse aus Theorie und Befragung wurden zu 15 Handlungsempfehlungen in den vier Dimensionen Strategie, Organisation, Kultur und Technologie kondensiert. Dabei zeigte sich, dass der Spielraum des internen Kommunikationsmanagements gross ist, die digitale Transformation im Zusammenspiel mit der Unternehmensführung voranzutreiben. Die wichtigsten Handlungsempfehlungen zusammengefasst: Die interne Kommunikation muss sich strategisch in die Entwicklung und Kommunikation des digitalen Arbeitsplatzes einbringen und eine einfache, das heisst nutzerorientierte Kanal-Strategie erarbeiten. Dafür sind zuerst die kommunikativen Bedürfnisse der Mitarbeitenden systematisch zu erfassen und in die weiteren Entwicklungsprozesse einzubringen. Das Intranet sollte als dynamische Interaktionsplattform etabliert werden, in der Informations-, Kommunikations- und Kollaborationstools integriert sind. Bei den Mitarbeitenden sollte Akzeptanz für den digitalen Arbeitsplatz und die digitale Transformation geschaffen und Orientierungssicherheit im Wandel gegeben werden. Die interne Kommunikation muss sich organisatorisch von einer Funktion in der Kommunikationsabteilung heraus zu einem «Netzwerk» innerhalb der Organisation weiterentwickeln. Denn: Das Social Intranet, der digital Workplace und Kollaborationstools verschieben die traditionelle «one-to-many-» auch intern zu einer «many-to-many»-Kommunikation. Damit übernimmt jede/r Mitarbeitende Kommunikations-Funktionen. Kulturell bedeutet diese «Netzwerkaufgabe» einen Wandel der internen Kommunikation von Information und Kommunikation zu Wissensaustausch und Dialog. Für diesen Wandel müssen Mitarbeitende befähigt werden. Eine Kultur des Dialogs zu etablieren, gelingt vor allem dann, wenn die Führungskräfte zu kommunikativen Vorbildern gemacht werden. Mittels elaborierter Analyse-Technologien kann die interne Kommunikation ihre Kanäle und Angebote bedarfsgerecht weiterentwickeln. Nicht zuletzt gilt es, die Akzeptanz neuer Technologien bei den Mitarbeitenden über transparente Kommunikation sicherzustellen. Die wichtigsten Ergebnisse auf dem Blog «Language Matters» Mehr Informationen zum CAS Digitale Transformation und Kommunikation

eServices trotz Sicherheitsbedenken bevorzugt

Die sogenannten eServices geniessen trotz Sorgen um Datenschutz und Datensicherheit eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung, wie eine aktuelle Studie der ZHAW School of Management and Law zusammen mit dem Verein Zürcher Gemeindeschreiber und Verwaltungsfachleute (VZGV) und der Staatskanzlei des Kantons Zürich zeigt. Bei den eServices liegt die Schweiz im internationalen Vergleich aber immer noch weit zurück und muss stark aufholen, wenn sie ihren Standortfaktor stärken will. Laut der Studie zieht die befragte Zürcher Bevölkerung eServices grundsätzlich analogen Dienstleis­tungen vor. Die Präferenz für eServices nimmt jedoch ab, sobald es um persönliche Daten geht. «Datensicherheit und Datenschutz spielen eine zentrale Rolle für die Nutzenden von eServices», erklärt ZHAW-Studienleiter Alexander Mertes. Gleichzeitig zeigt die Umfrage, dass analoge Dienstleis­tungen für die Bevölkerung weiterhin sicherzustellen sind. Dass sich die Mehrheit der 987 Befragten grosse Sorgen hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit macht – etwa Identitäts- und Datendiebstahl befürchtet – widerspiegelte sich auch in den vertiefenden Workshops. So ­haben Datenschutz und Datensicherheit bei einer Steuererklärung für die Nutzerinnen und Nutzer eine wichtigere Bedeutung als bei «Jokertagen», bei denen Eltern einen freien Schultag für ihre Kinder beantragen. Die Ergebnisse deuten aber auch darauf hin, dass die Mehrheit trotz dieser Sicherheitsbedenken digitale Angebote präferiert. So würden die meisten Befragten aus der Gruppe «Steuer­erklärung» selbst bei geringerem Datenschutz und niedrigerer Datensicherheit die Möglichkeit der digitalen Steuererklärung einer analogen vorziehen. Das in der öffentlichen Debatte oftmals aufgeführte Argument, digitale Dienstleistungen führten zu kürzeren Abwicklungsprozessen seitens der Behörden, stellte sich in der Befragung als von marginaler Bedeutung heraus. Caroline Brüesch, Leiterin Institut für Verwaltungs-­Management der ZHAW School of Management and Law und Co-Leiterin der Studie, erklärt hierzu: «Ob eServices zu einer Verringerung oder gar zur Verlängerung des Zeitaufwandes auf Behördenseite zum Beispiel für die Bearbeitung einer Steuererklärung führen, hat kaum einen Einfluss auf die Beurteilung durch die Nutzerinnen und Nutzer digitaler Dienstleistungen». Anders verhält es sich, wenn es um das Leistungsmerkmal Preis geht. Die Aussicht, dass eServices mit möglichen zusätzlichen Kosten für die Nutzenden verbunden sein könnten, scheint neben Datenschutz und Datensicherheit das zweite zentrale Kriterium für die Beurteilung digitaler Angebote.

Kommunizieren im digitalen Wandel

Airbnb statt Hotellerie, Uber statt Taxi und Amazon statt Kaufhäuser: Durch die Digitalisierung entstehen neue Geschäftsmodelle. «Die Unternehmen brauchen neue Strategien, um bestehen zu können. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Kommunikation», sagt Markus Niederhäuser, Leiter Weiterbildung am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW. Niederhäuser ist Co-Autor der aktuellen Studie «Kommunikation in der digitalen Transformation» , zusammen mit Nicole Rosenberger, Professorin für Organisationskommunikation und Management am IAM. Die Studie untersucht, welche Veränderungen, Rollen und Aufgaben auf die Kommunikationsabteilungen zukommen. «Lange ging es bei der Digitalisierung nur darum, wie Unternehmen Social-Media-Kanäle wie Twitter, Facebook und Instagram nutzen sollen», sagt Niederhäuser. «Mittlerweile haben die Kommunikationschefs aber gemerkt, dass es mehr braucht, damit die digitale Transformation gelingt.» Immer wichtiger werden für Unternehmen beispielsweise die Mitarbeitenden als Botschafter. Noch bis vor wenigen Jahren war es in vielen Unternehmen verboten, auf Social Media Inhalte über den Arbeitgeber zu veröffentlichen. Heute hingegen sollen die Mitarbeitenden in den sozialen Netzwerken aktiv sein. «Überraschend viele Unternehmen ermuntern ihre Mitarbeitenden aktiv, online über die Firma zu reden. Sie sollen als Influencer gegen innen und nach aussen wirken», sagt Co-Autorin Rosenberger: Die Mitarbeitenden fit zu machen für die digitale Kommunikation, wurde von den befragten Kommunikationsverantwortlichen folgerichtig als wichtigste Herausforderung in den nächsten drei Jahren bezeichnet. «Überraschend viele Unternehmen ermuntern ihre Mitarbeitenden aktiv, online über die Firma zu reden. Sie sollen als Influencer wirken.» Nicole Rosenberger Die Studienergebnisse basieren auf Experteninterviews, auf einer Online-Befragung von Kommunikationschefs grosser privater und öffentlicher Unternehmen, aber auch von Verwaltungen und Non-Profit-Organisation in der Deutschschweiz sowie auf Fokusgruppen-Gesprächen mit Kommunikationsverantwortlichen. Dabei haben sich weitere wichtige Entwicklungen herauskristallisiert: Die Kommunikationsverantwortlichen sehen ihre eigene Abteilung auf dem Weg der digitalen Transformation etwas weiter fortgeschritten als das ganze Unternehmen. Zudem ist in vielen Unternehmen das Issue Monitoring noch zu wenig auf Digitalisierungsthemen ausgerichtet. Das Issue Monitoring analysiert gesellschaftliche Veränderungen frühzeitig. So soll es beispielsweise beschreiben, welche Rolle den Mitarbeitenden in der digitalen Transformation zukommt, wie sicher ihr Arbeitsplatz ist und welche Digitalstrategien das Unternehmen verfolgt. Die Kommunikationsverantwortlichen brauchen also neue Kompetenzen: Die Schnittstellen zu Marketing, Personalabteilungen und Informatik werden wichtiger. «Bislang waren in den Kommunikationsabteilungen Sprachverständnis sowie vernetztes und kritisches Denken gefragt», sagt Niederhäuser. «Erforderlich wird nun aber beispielsweise auch Technologie-Kompetenz.» Aus den Ergebnissen der Studie haben die Forscher eine Zehn-Punkte-Agenda erarbeitet (siehe Infobox). Sie beschreibt die zentralen Handlungsfelder für die Weiterentwicklung der Kommunikation in der digitalen Transformation. «Erforderlich wird für Kommunikationsabteilungen nun beispielsweise auch Technologie-Kompetenz.» Markus Niederhäuser Die Studie wurde unterstützt vom HarbourClub (Vereinigung der Kommunikationschefs) und vom Forschungszentrum IBM Research. «Die Fragen, welche die digitale Transformation mit sich bringt, interessieren sowohl die Forschung als auch die Unternehmen», sagt Niederhäuser. Gleichzeitig mit der Studie sei daher ein Weiterbildungsangebot in Form des CAS Digitale Transformation und Kommunikation aufgebaut worden. Es gebe zwar bereits viele Studien und auch Weiterbildungen zur Digitalisierung. Diese seien aber eher punktuell angelegt und legten den Fokus beispielsweise auf Social Media. «Wir wollten das Thema der digitalen Transformation hingegen breiter angehen und den Schwerpunkt auf die Sicht der Kommunikationsabteilungen legen.» Dabei wurde die Rolle der Kommunikation auf drei Ebenen untersucht: Die Mikroebene bilden die Kommunikationsabteilungen. Sie ermöglichen die digitale Kommunikation und Transformation überhaupt erst. Auf der Mesoebene wird die Rolle für das ganze Unternehmen betrachtet. Zentrale Ansatzpunkte sind hier die Beratung der Führungskräfte sowie die kommunikative Befähigung aller Mitarbeitenden. Auf der Makroebene geht es um das Schaffen von gesellschaftlicher Akzeptanz für die digitale Transformation. Das Unternehmen muss seine Digitalstrategie erklären und seine Verantwortung sichtbar machen. Rosenberger sagt: «Zur Verantwortung gehört auch die Datensicherheit. Sie wird zu einem Kernthema für fast alle Unternehmen und ihre Kommunikationsabteilungen werden. Das Krisenpotenzial ist beträchtlich.» Die folgende Agenda gibt Orientierung, wie Kommunikationsverantwortliche die Unternehmenskommunikation ausrichten und weiterentwickeln sollen. 1. Digitalisierung der Kommunikation und Kommunikation der Digitalisierung. 2. Höhere Integration der Kommunikationsfunktionen: Position des Chief Communication Officer (CCO) muss neu definiert werden. 3. Neue Schnittstellen für den CCO, etwa zum Chief Digital Officer. Schnittstellen zu Marketing, HR und IT bleiben wichtig. 4. CCO als Head der Botschaften wird zudem auch Head der Daten. Technologie ist eine neue Schlüsselkompetenz. 5. Technologischer Quantensprung: Durch künstliche Intelligenz unterstützte Applikationen werden sowohl Analyse, Messaging wie Design verändern. 6. Drei Ansprüche an die Organisation: strategisches Themenmanagement, Themen multimodal und crossmedial spielen, «time to market» verkürzen. 7. Die Kommunikationsbefähigung der Mitarbeitenden ist eines der wichtigsten Aufgabenfelder. 8. Influencer in das Kommunikationsmanagement einbinden. 9. Das Monitoring verstärkt auf Themen der Digitalisierung ausrichten. 10. Die Datensicherheit zum Kernthema machen. Nina Rudnicki

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