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Künstliche Pflanzen haben positive Wirkung 

In einer Befragung untersuchten vier Studierende des Bachelorstudiengangs Facility Management , wie sich natürliche und künstliche Pflanzen auf die Wahrnehmung der Raumqualität, das Wohlbefinden und die ästhetische Anziehungskraft eines Raums auswirken. «Natürliche Pflanzen werden im Vergleich zu künstlichen als deutlich ästhetischer wahrgenommen, aber 68 Prozent der Befragten fanden auch künstliche Pflanzen ansprechend oder sogar sehr ansprechend», berichtet Lukas Windlinger Inversini , Betreuer der Arbeit und Leiter der Kompetenzgruppe Betriebsökonomie/Human Resources am Institut für Facility Management . Ausserdem konnten viele Teilnehmende auf Bildern künstliche und natürliche Pflanzen nicht voneinander unterscheiden. «Diese Erkenntnisse sind spannend», so Windlinger Inversini. «Wir führen in unserem Biophilia Living Lab in Wädenswil viele Führungen durch. Das Lab kommt enorm gut an. Doch viel Menschen scheinen eine Abneigung gegen künstliche Pflanzen zu haben. Unser Ziel ist es, zu ermitteln, woran das liegt.» Das Biophilia Living Lab dient der Untersuchung der Auswirkungen von Pflanzen in Lern- und Arbeitsumgebungen. Es beherbergt verschiedene Pflanzen, sowohl natürliche als auch künstliche, Wandapplikationen, eine Mooswand sowie eine 20 Quadratmeter grosse Vertikalbegrünung. «Neben dem Einfluss von Pflanzen möchten wir dort in Zukunft auch weitere Kriterien für das menschliche Wohlbefinden in Räumen untersuchen, zum Beispiel Licht und Temperatur», erzählt Windlinger Inversini. (Bild: Frank Brüderli) Sara Blaser

Jobwechsel? Noch so gerne!

Im Jahr 2022 wechselten 14,7 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz ihre Stelle – etwas mehr als der Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Ein Drittel wagte mit dem Wechsel auch den Schritt auf berufliches Neuland. Insbesondere junge Menschen wechseln häufiger den Arbeitsplatz: Bei den 15- bis 24-Jährigen war es fast jede vierte Person. Eltern von kleinen Kindern scheinen sich hingegen Beständigkeit zu wünschen. 50 Prozent der Personen, die 2022 arbeitslos gemeldet waren, waren 2023 wieder berufstätig. Bei Personen, die krankheitsbedingt ausfielen, lag der Anteil um einiges tiefer. Erwerbstätige in der Deutschschweiz wechselten etwas häufiger als in der Romandie und im Tessin. Bei den Stellenwechseln, die freiwillig stattfanden, wurden die meisten mit unbefriedigenden Arbeitsbedingungen oder einem wunsch nach Veränderung begründet. Geld scheint aber auch eine bedeutende Rolle zu spielen: Bei 38,1 Prozent derer, die ihren Job wechselten, nahm der Lohn bei gleichem Pensum um mindestens 10 Prozent zu. Die Verweildauer an einem Arbeitsplatz hat innert 20 Jahren bei allen Altersgruppen abgenommen, im Schnitt um 1,3 Jahre. Eine Mehrheit der Arbeitskräfte in der Schweiz ist unzufrieden mit ihrem Job, aber nur mässig engagiert, etwas daran zu ändern. Insgesamt ist in Europa die Zufriedenheit am Arbeitsplatz tief: Nur 13 Prozent der Erwerbstätigen bezeichnen sich als engagiert und mit ihrem Unternehmen verbunden. 73 Prozent geben an, nur Dienst nach Vorschrift zu machen, und 15 Prozent sagten gar, innerlich gekündigt zu haben. Die Schweiz gehört sowohl regional als auch global zu den Schlusslichtern in Bezug aufs Engagement. Quellen: Schweizerische Arbeitskräfteerhebung , Gallup Report 2025 Sara Blaser

Heizen im Winter, kühlen im Sommer

Dicke Rauchwolken, die gemächlich aus Kaminen puffen, waren früher ein Symbol von Winteridylle. Heute stellt man sich vor allem die Frage, wie man von ihnen wegkommt. Fossile Heizungen machen in der Schweiz etwa 40 Prozent der klimaschädlichen CO 2 -Emissionen aus. Wer auf ein Heizsystem umstellt, das auf erneuerbaren Energiequellen basiert, leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. «Wärmepumpen bieten ein enormes Potenzial, um die allseits angestrebte Dekarbonisierung voranzutreiben», bestätigt Frank Tillenkamp , Leiter des Instituts für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE). «Man nehme drei Teile Umweltenergie aus Luft, Wasser oder Erdwärme und einen Teil elektrische Energie und erhält vier Teile Heizenergie – genial, oder? Wird eine Wärmepumpe mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben, ist ihr Betrieb quasi CO 2 -neutral.» «Wärme ist wertvoll. Man sollte immer nur mit der Temperatur arbeiten, die wirklich benötigt wird.» Frank Tillenkamp, Leiter des Instituts für Energiesysteme und Fluid-Engineering Zudem sei die bestechende Eigenschaft von Wärmepumpen, dass man die Temperatur auf ein klar definiertes Niveau bringen kann, ergänzt Tillenkamp. «Diesen Grundsatz vermitteln wir unseren Studierenden am IEFE von Anfang an: Wärme ist wertvoll. Man sollte immer nur mit der Temperatur arbeiten, die wirklich benötigt wird.» Während die Verbrennung von Öl, Holz oder Gas Temperaturen von bis zu 2000 Grad in der Flamme erreichen kann, sind für das Heizen mit einer Bodenheizung gerade mal 35 Grad Wassertemperatur und bei Radiatoren 55 Grad nötig. «Beide Systeme eignen sich sehr gut für eine Umstellung auf eine Wärmepumpe», beteuert Tillenkamp. Eine Wärmepumpe funktioniert nach demselben Prinzip wie ein Kühlschrank, nur umgekehrt. Sie kann sowohl heizen als auch kühlen. «Man geht davon aus, dass in Zukunft der Energiebedarf für das Kühlen von Gebäuden sehr stark zunehmen wird», erklärt Christian Stahel , wissenschaftlicher Mitarbeiter am IEFE. «Bei grossen Gewerbegebäuden sind Wärmepumpen deshalb ideal, weil sie sowohl den Wärmeenergiebedarf im Winter als auch im Sommer umweltfreundlich bereitstellen können.» «Wie schnell sich eine Wärmepumpe amortisiert, hängt aber in erster Linie von den Energiekosten ab.» Christian Stahel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering Die Energie, die dabei zum Einsatz kommt, kann aus unterschiedlichen Quellen gewonnen werden: Eine Luft-Wasser-Wärmepumpe bezieht die Energie aus der Umgebungsluft. Mit 73 Prozent Anteil an den Verkäufen 2021 ist sie der beliebteste Typ in der Schweiz. Als Nachteile gelten vor alle Lärmemissionen, die durch den Kompressor und die Ventilatoren entstehen. Sole-Wasser-Wärmepumpen bedienen sich mit einer Erdsonde der Erdwärme. Diese Geräte haben einen Marktanteil von rund 25 Prozent. Ihr Nachteil sind vor allem die hohen Kosten für die Erdsondenbohrung. Zudem muss das Grundstück für die Bohrung und die dafür notwendigen Bauarbeiten geeignet sein. Wasser-Wasser-Wärmepumpen beziehen die Energie aus dem Grundwasser oder aus Seen. Diese Nutzung ist stark reglementiert. In der Regel sind es kommunale Verbünde, denen man sich als Privatpersonen anschliessen kann, wenn man im entsprechenden Einzugsgebiet lebt. So überzeugend die Vorteile einer Wärmepumpe sind, die Kosten haben oftmals noch eine abschreckende Wirkung: Die Anschaffung einer Wärmepumpe kann je nach Ausführung (Erdsonde usw.) einiges teurer sein als die einer Öl- oder Gasheizung. Die Betriebskosten sind jedoch entscheidend für einen Schritt zur Dekarbonisierung der Wärmeerzeugung – und da führt die Wärmepumpe. «Wie schnell sich eine Wärmepumpe amortisiert, hängt aber in erster Linie von den Energiekosten ab», erzählt Stahel. Und diese sind bekanntlich enorm gestiegen in der letzten Zeit. Eine Prognose für die längerfristige Entwicklung der Öl-, Gas- und Strompreise ist derzeit jedoch nicht möglich. «Bei einer Luft-Wasser-Wärmepumpe hängt die Effizienz stark von der Umgebungstemperatur ab: Je tiefer, umso weniger effizient ist sie.» Christian Stahel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering Tillenkamp wünscht sich, dass bei einer Kaufentscheidung nicht die kurzfristige finanzielle Rechnung im Vordergrund steht: «Man muss sich bewusst sein, dass eine Heizung etwa 20 Jahre im Einsatz ist. Wenn wir etwas bewegen wollen, dann müssen wir besser heute als morgen auf eine erneuerbare Wärmeerzeugung umstellen.» Mit fossilem Heizen ist aber zumindest im Kanton Zürich sowieso bald Schluss. Das neue Energiegesetz verbietet den Einbau von neuen Öl- und Gasheizungen weitgehend. Neben den Kosten ist der Standort ein wichtiger Faktor bei der Wahl einer Wärmepumpe. Die geografischen Gegebenheiten haben einen grossen Einfluss. «Die Effizienz einer Erdsonden-Wärmepumpe ist über ein ganzes Jahr betrachtet mehr oder weniger konstant», erklärt Stahel. «Bei einer Luft-Wasser-Wärmepumpe hingegen hängt die Effizienz stark von der Umgebungstemperatur ab: Je tiefer diese ist, umso weniger effizient ist die Pumpe, weil mehr elektrische Energie benötigt wird, um das Wasser auf die gewünschte Temperatur zu erwärmen.» Aus diesem Grund setzt man in St. Moritz, mit einem langen Winter, nicht unbedingt auf dasselbe Modell wie etwa in Basel. Es ist aber zu berücksichtigen, wie wenige Stunden im Jahr mit einer sehr schlechten Effizienz anfallen. Wer Geräte vergleichen möchte, soll sich deshalb am SCOP orientieren, der Kennzahl für die saisonale Effizienz, die bei jedem Gerät ausgewiesen wird, ergänzt der Forscher: «Früher hat man bei der Effizienzberechnung nur den Gesamtnutzen mit dem Gesamtaufwand verglichen. Heute weiss man, dass man die Effizienz über eine ganze Heizperiode betrachten muss.» Das IEFE verhalf erst kürzlich einer neuen Wärmepumpe zur Marktreife , die sich durch ein natürliches Kältemittel auszeichnet und eine besonders hohe saisonale Effizienz aufweist. Das Team um Tillenkamp und Stahel optimierte dazu einen Prototyp und untersuchte das Verhalten mit Simulationen, die sowohl standortabhängige Wetterdaten als auch typische Verbrauchsprofile von Anwendern miteinbeziehen. Ihre Forschungsgruppe bildet ein Kompetenzzentrum für Kälteanwendungen und ist verantwortlich für zahlreiche Untersuchungen rund um die Anwendung von Wärmepumpen und Kältemaschinen – unter anderem auch für das Bundesamt für Energie. «Ich erachte es aber auch als zentral, dass wir mit Europa zusammenspielen und uns mit Wind-, Wasser- und Solarenergie gegenseitig aushelfen. Nur so steuern wir in eine sichere Zukunft.» Frank Tillenkamp, Leiter des Instituts für Energiesysteme und Fluid-Engineering In erster Linie gilt jedoch zu prüfen, welche Art von Wärmepumpe am eigenen Wohnort überhaupt realisierbar ist. Je nach Standort unterliegen sie einer Baubewilligung und zusätzlichen Auflagen. In Städten mit einem Fernwärmenetz, in dem die Abwärme von Kehrichtverbrennungsanlagen grossflächig zum Heizen genutzt wird, kann die Stadt sogar verbieten, eine Erdsonde zu bohren, und einen zum Anschluss an das Fernwärmenetz verpflichten. Dies ist etwa in Winterthur der Fall. In ländlicheren Gegenden hingegen werde derzeit viel gebohrt, sagt Tillenkamp: «Im Idealfall schliesst man sich mit benachbarten Grundstücken zusammen, damit nicht in jedem Vorgarten eine Erdsonde vergraben wird.» Für Tillenkamp ist die Wärmepumpe die Heizung der Zukunft. Für eine erfolgreiche Wärmewende, betont er, müssen jedoch noch wichtige Strukturen geschaffen werden: «Bei immer mehr Wärmepumpen und Elektroautos ist auch immer mehr elektrische Energie gefragt. Die Produktion aus Photovoltaik ausbauen und mit geeignete Batteriespeichern einen Puffer bilden, der für die Netzstabilität sorgt, wenn die Atomenergie wegfällt, sind zwei wichtige Aufgaben der Gegenwart. Derzeit tut sich viel in diesem Bereich. Ich erachte es aber auch als zentral, dass wir mit Europa zusammenspielen und uns mit Wind-, Wasser- und Solarenergie gegenseitig aushelfen. Nur so steuern wir in eine sichere Zukunft.» Sara Blaser

Aus Alt mach Neu

Konnte man früher Eisblumen an den Fenstern bestaunen, sorgen moderne Fenster dafür, dass sich weder Hitze noch Kälte in die Gebäude einnisten. Durch die Verschärfung der gesetzlichen Vorgaben für die Wärmedämmung ist damit zu rechnen, dass bis 2050 alle Fenster, die vor dem Jahr 2000 eingebaut wurden, ersetzt werden. Was aus energetischer Sicht sinnvoll sein kann, ist aus der Sicht der Abfallströme jedoch ein Problem: Die Produktion von mehrfachverglasten Fenstern ist sehr ressourcenintensiv und es gibt bisher keinen Recyclingprozess für Fensterglas. «Es ist leider günstiger, Flachglas auf der Deponie zu entsorgen, als den Aufwand zu bezahlen, alte Fenster vom Rahmen zu trennen und wieder aufzubereiten. Aktuell enden 82 Prozent des Flachglases auf der Deponie, 18 Prozent werden zusammen mit Flaschenglas eingeschmolzen – was aber einem Downcycling entspricht. Obwohl sehr viel graue Energie in Fenstern steckt, gibt es bisher keine Recyclingpflicht», erklärt Michelle Schneider vom Institut für Konstruktives Entwerfen. «Es ist günstiger, Flachglas auf der Deponie zu entsorgen, als den Aufwand zu bezahlen, alte Fenster vom Rahmen zu trennen und wieder aufzubereiten.» Michelle Schneider, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Konstruktives Entwerfen Schneider forscht seit drei Jahren daran, wie man Fenster wiederverwenden oder zumindest recyceln kann, zuerst im Rahmen ihrer Abschlussarbeit im Masterstudiengang Architektur, heute als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Als sie von einem Ersatzneubauprojekt ganz in der Nähe des Departements Architektur und Bauingenieurwesen erfuhr, witterte sie ihre Chance und gleiste mit mehreren Industriepartnern ein Pilotprojekt auf. Sämtliche 375 Fensterflügel des Abbruchgebäudes wurden ausgehängt und sorgfältig von den PVC-Rahmen getrennt. Das Recyclingunternehmen Sibelco prüfte, ob sich das Glas für die Produktion von neuem Fensterglas eignet. «Die Herausforderung war, dass 50-jährige Fenster die hohen Anforderungen an die Reinheit erfüllen, denn auf Fenstern befinden sich oft Putz, Klebstoffe oder andere Mineralstoffe. Ausserdem besteht die Gefahr, dass die Fenster auf Abbruchbaustellen oder beim Transport mit anderen Stoffen verunreinigt werden, etwa mit Teer», erläutert Schneider. Erster Meilenstein im Projekt: Die Fenster haben die Reinheitsanforderungen erfüllt. Sie wurden eingeschmolzen und werden jetzt zu neuen Fenstern verarbeitet, die einst den Ersatzneubau zieren könnten. Ganz ohne zusätzliche Ressourcen kommt das Vorhaben nicht aus, denn das neue Gebäude wird mehr Fenster haben als das alte und Dreifach- statt Zweifachverglasungen. «Die Kosten unseres Verfahrens sind zwar noch immer höher als für die Deponie, aber wir stehen auch erst am Anfang. Wenn sich Unternehmen auf die Wiederverwertung von Fenstern spezialisieren, lassen sich die Prozesse optimieren und die Kosten deutlich senken. Das Wichtigste ist aber vorerst, aufzuzeigen, dass Flachglasrecycling mit etwas Mehraufwand machbar ist. Dies könnte die Tür für eine Recyclingpflicht öffnen», sagt Schneider. Das hätte eine grosse Hebelwirkung: «Würden alle Fenster, die jährlich in der Schweiz ausgebaut werden, wieder eingeschmolzen und wiederverwendet, liessen sich 350 Mio. Kilogramm CO2 einsparen im Vergleich zu Fenstern aus Primärrohstoffen. Das sind etwa so viele Emissionen, wie wenn die gesamte Basler Bevölkerung nach New York fliegen würde.» Sara Blaser

Forschungsansätze im Vergleich

Bei der multidisziplinären Zusammenarbeit arbeiten mehrere Disziplinen parallel an einem gemeinsamen Thema, aber jede bleibt in ihren eigenen Denkrahmen. keine echte Integration der Methoden oder Theorien Ergebnisse ergänzen sich, werden aber nicht unbedingt verschmolzen Disziplinen bleiben tendenziell getrennt Beleuchtung eines Problems aus verschiedenen fachlichen Perspektiven. Obwohl sich inter- und transdisziplinäre Ansätze immer grösserer Beliebtheit erfreuen, hat der multidisziplinäre Ansatz auch weiterhin klare Stärken: Effizienz fachliche Tiefe ideal in frühen Forschungsphasen oder wenn Integration keinen Mehrwert bringt Bei interdisziplinären Projekten arbeiten Disziplinen integriert zusammen, um eine gemeinsame Forschungsfrage zu lösen. Gemeinsame Problembearbeitung Aktive Verknüpfung von Methoden, Daten und Theorien Ergebnise bietet einen Mehrwert im Vergleich zur Summe der Einzelbeiträge Die Integration schafft neue Erkenntnisse oder sogar neue Fachgebiete Ganzheitliches Verständnis komplexer Fragestellungen Interdisziplinäre Forschung wird erweitert durch die Einbindung von Akteur:innen ausserhalb der Wissenschaft. Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft Co-Produktion von Wissen Fokus auf reale gesellschaftliche Probleme Wissen entsteht nicht nur im akademishcen Umfeld, sondern im Austausch mit der Praxis Entwicklung praktisch umsetzbarer und gesellschaftlich relevanter Lösungen Sara Blaser

Die Zukunft der KI fliegt in Winterthur

Im Grossraum Zürich hat sich in den letzten Jahren ein florierendes Ökosystem für Drohnen und Robotik entwickelt. Die Hochschulen treiben mit Forschung die Weiterentwicklung der Technologien voran, bringen Spin-offs hervor und versorgen die ansässigen Tech-Unternehmen mit Fachleuten. Ein Problem besteht jedoch: «Viele Systeme sind unter Laborbedingungen top – doch wir sind noch weit davon entfernt, autonome Drohnen operativ im Luftraum einzusetzen», erklärt Michel Guillaume , Leiter des Zentrums für Aviatik (ZAV) der School of Engineering . Drohnen kommen heute zwar schon in vielen Branchen zum Einsatz, sei es für die Vermessung, in der Landwirtschaft oder bei Blaulichtorganisationen. Mit Physical AI entsteht jedoch eine neue Generation von künstlicher Intelligenz: Systeme, die ihre Umgebung wahrnehmen, Entscheidungen treffen und in der realen Welt handeln. Diese Systeme stellen uns vor neue Herausforderungen, denn wichtige Fragen sind noch ungeklärt: Wie kann sichergestellt werden, dass sie sich in jeder Situation zuverlässig und erklärbar verhalten? Wie testet man dies sicher und reproduzierbar? Wie validiert man KI-basierte Systeme im realen Einsatz und wie zertifiziert man sie? «Wir benötigen effiziente Prozesse, um Systeme schneller unter realen Bedingungen zu testen und zur Marktreife zu bringen» Michel Guillaume, Leiter des Zentrums für Aviatik der ZHAW School of Engineering «In der Luftfahrt gilt: safety first. Bis ein neuer Verkehrsflugzeug-Typ zugelassen wird, der für eine Airline im Einsatz ist, vergehen zehn bis fünfzehn Jahre», gibt Martin Jajcay vom ZAV zu bedenken. «Autonome Systeme wie Drohnen bieten spannende Einsatzmöglichkeiten, etwa in der Katastrophenhilfe oder bei der Logistik zu abgelegenen Orten, aber für solche Einsätze fehlen noch die operativen Konzepte und zum Teil auch die gesellschaftliche Akzeptanz.» Eine Herausforderung sei etwa das Verkehrsmanagement im Luftraum, das um ein Vielfaches komplexer werde, wenn neben Flugzeugen auch unbemannte autonome Flugobjekte unterwegs sind. «Wir wissen schlichtweg noch zu wenig darüber, wie Systeme, die auf Wahrscheinlichkeitsberechnungen basieren, sich in extremen Situationen verhalten», sagt Hella Bolck , Dozentin am Center for Artificial Intelligence (CAI) der School of Engineering. «Die Systeme müssen so optimiert werden, dass sie bei Wind und Wetter und neben anderen Luftraumteilnehmenden funktionieren.» Wichtige Voraussetzung dafür: testen, testen, testen. Das Zentrum für Aviatik und das Center for Artificial Intelligence haben deshalb gemeinsam mit der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste das Projekt LINA (Large scale Infrastructure for safe Testing and Development of Autonomous Systems) ins Leben gerufen. Das Ziel ist der Aufbau einer vielseitigen Forschungs- und Testinfrastruktur für autonome Systeme und Physical AI, insbesondere an der Schnittstelle von Aviatik und KI. Gefördert wird das Unterfangen von der Digitalisierungsinitiative des Kantons Zürich (DIZH), Industriepartner wie Skyguide und Matternet bringen ihre Erfahrung ein. Der erste Standort ist bereits weit entwickelt: Auf dem Segelflugplatz Hegmatten in Winterthur können autonome Systeme jeden Reifegrades auf einer Fläche von 700 mal 30 Metern getestet werden. Für Guillaume ist die Testfläche ein längst überfälliges Angebot an die dazu forschenden akademischen Gruppen in der Schweiz und die Hersteller von autonomen Systemen. «Es ist zentral, sämtliche Kompetenzen für die Entwicklung, Erprobung und Zulassung der Systeme in Europa zu vereinen. Ohne Testinfrastruktur in der Nähe besteht ausserdem die Gefahr, dass die Unternehmen abwandern, etwa in die USA oder Kanada.» «Testen ausserhalb der Sichtweite ist zentral für autonome Drohnen. Dazu benötigen wir grössere Testflächen.» Hella Bolck, Dozentin am Centre for Artificial Intelligence der School of Engineering Für die Weiterentwicklung der Systeme spielen nicht nur technologische Fragen eine Rolle, sondern auch regulatorische. Die Testfläche sei auch als wissenschaftliches Instrument zu verstehen, das systematisch das Fachwissen generiert, das für die Gestaltung von neuen Regularien nötig ist. «Wir benötigen die Expertise von Fachleuten für KI und Aviatik, um allen Gegebenheiten rund um die Integration von KI Rechnung zu tragen», sagt Guillaume. «Dank ihrer breiten interdisziplinären Aufstellung ist die ZHAW für diese Aufgabe prädestiniert.» Eigene Drohnen zu entwickeln ist kein Ziel des Projekts. Vielmehr positioniert sich LINA als nationale Anlaufstelle für das Testen und sämtliche Fragen rund um die Entwicklung von Physical AI und robotischen Systemen. Damit ein System operativ werden kann, braucht es viel: Neben einer einwandfreien Konstruktion, funktionierenden KI-Komponenten und Flugtests gehören dazu zum Beispiel auch Lärmtests, Umweltversuche und die Integration mit anderen Systemen im Luft- und Bodenbetrieb. «Wir benötigen effiziente Prozesse, die von den Behörden akzeptiert werden, um Systeme schneller unter realen Bedingungen zu testen und damit auch zur Marktreife zu bringen», fasst Guillaume den Zweck von LINA zusammen. Um zum Kompetenzzentrum für sämtliche Fragen rund um autonome Systeme zu werden, arbeiten die Projektverantwortlichen eng mit Herstellern, anderen Hochschulen und Behörden zusammen und leisten Öffentlichkeitsarbeit. Die gesellschaftliche Akzeptanz sei nicht zu unterschätzen, betont Guillaume. Auch die beste Technik nütze nichts, wenn Drohnen etwa so laut sind, dass es zu Lärmklagen komme. Ausserdem pflegen die Verantwortlichen ein internationales Netzwerk, denn ein Testzentrum mitten in Europa biete grosses Potenzial, auch Forschende und Hersteller aus anderen Ländern anzuziehen. Für das Projektteam ist die Teststrecke in Winterthur Hegmatten erst der Anfang. Für Tests ausserhalb der Sichtweite eigne sie sich sowieso nur für Drohnen unter 25 Kilogramm, sagt Bolck. «Testen ausserhalb der Sichtweite ist jedoch zentral für autonome Drohnen. Sie müssen zum Beispiel sicher landen können, wenn die Verbindung gekappt oder das GPS-Signal ausfällt. Dazu benötigen wir grössere Testflächen.» Gemeinsam mit der Universität Zürich und der EMPA plant die ZHAW ein schweizweites Netzwerk mit Testflächen von mindestens 10 Quadratkilometern. Der Antrag dafür ist bereits eingereicht, der Bedarf unbestritten – Anfragen von Test-Interessierten gehen fast täglich ein. Guillaume ist überzeugt: «LINA leistet einen entscheidenden Beitrag zur nächsten Entwicklungsstufe von KI: Systeme, die nicht nur Daten verarbeiten, sondern in der realen Welt robust und zuverlässig handeln. Das ist angewandte Forschung at its best, genau unsere Stärke.» Sara Blaser

«Vorerst steht für uns der soziale Impact im Vordergrund»

Kutane Leishmaniose ist in unseren Breitengraden wohl den wenigsten ein Begriff. Im Äquatorialgebiet sei die Krankheit jedoch stark verbreitet, erzählt Ian Häusler, Mitgründer von DermatoTherma. Derzeit gebe es mindestens 12 Millionen Betroffene. Ausgelöst durch den Stich der Sandmücke, nistet sich der Parasit in den unteren Hautschichten ein und bildet geschwürartige Wunden. «Bisher wird die Krankheit mit einem Medikamentencocktail behandelt, der einer Chemotherapie gleicht», sagt Mitgründer Davide Paparo. «Das einzige bisher zugelassene Gerät ist sehr teuer, schwer und kann zu Verbrennungen zweiten Grades führen.» Davide Paparo, Mitgründer DermatoTherma Mit dem Hyperthermiegerät von DermatoTherma hingegen werden die betroffenen Körperstellen 30 Sekunden lang auf 50 Grad erwärmt, sodass der Parasit abstirbt. Dass eine Hyperthermiebehandlung dieser Krankheit möglich ist, war bereits bekannt. Kutane Leishmaniose ist jedoch eine sogenannte vernachlässigte Krankheit: Wegen geringer Profitaussichten wird ihr von der medizinischen Forschung und der Pharmabranche wenig Beachtung geschenkt. «Das einzige bisher zugelassene Gerät ist sehr teuer, schwer und kann zu Verbrennungen zweiten Grades führen», erklärt Paparo. Im Auftrag der Non-Profit-Organisation DNDi (Drugs for Neglected Diseases initiative) stellten sich die beiden Systemtechnikstudenten der Herausforderung, im Rahmen ihrer Bachelorarbeit ein sicheres und erschwingliches Gerät zu entwickeln. Dazu optimierten sie die Hardware und fanden eine Methode, um die Temperatur konstant zu halten und Verbrennungen zu verhindern. Das Ergebnis überzeugt: Mit ihrem Businessplan sicherten sie sich bereits Fördergelder von der Gebert Rüf Stiftung (siehe Box) und von BRIDGE , einem Programm des Schweizerischen Nationalfonds und von Innosuisse, sowie Unterstützung vom ZHAW Sustainability Booster , einem Programm für nachhaltige Startup-Gründungen. «Hoch dekorierte Fachleute von renommierten Institutionen um Geld zu bitten, machte uns sehr nervös», gesteht Paparo, «aber der Gewinn dieser Wettbewerbe ist natürlich die beste Bestätigung für unsere Arbeit.» Mit den Geldern will das Team bis im Sommer das finale Gerät fertigstellen und dann die medizinische Zertifizierung durch die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA erreichen. Bis Februar 2024 sei das Ziel, weitere 1,8 Mio. Franken zu akquirieren, um die ersten Geräte herzustellen und zusätzliche Mitarbeitende einzustellen. Venturekapital versuchen die beiden jedoch möglichst zu umgehen. «Wir befürchten, dass Venturekapitalisten uns drängen würden, allzu schnell auf profitablere Märkte umzusteigen», erklärt Paparo. Das Hyperthermieverfahren wird auch in anderen Bereichen eingesetzt, etwa als Anti-Falten-Therapie. «Längerfristig planen wir tatsächlich auch, in weitere Märkte zu diversifizieren, aber vorerst steht für uns der soziale Impact im Vordergrund.» «Unser Tipp für andere Gründungswillige: Einfach machen.» Ian Häusler, Mitgründer DermatoTherma Ihren Erfolg verdanken sie gemäss Häusler vor allem ihrer Motivation und ihrem Engagement: «Wir haben ein Ziel vor Augen und arbeiten unermüdlich darauf hin.» Paparo räumt ein, dass sie dank den Fördergeldern auf keine Brötchenjobs angewiesen sind. Während Häusler neben DermatoTherma den Masterstudiengang Medizinaltechnik absolviert, widmet sich Paparo ausschliesslich dem Jungunternehmen. «Die Non-Profit-Organisation DNDi ist ein renommierter Partner und hilft uns, Kontakte zu knüpfen. Und an der ZHAW haben wir Arbeits- und Laborplätze sowie Ansprechpersonen fachlicher wie unternehmerischer Art.» Nichtsdestotrotz sei ein überzeugendes Produkt aber das A und O. Ihr Tipp an andere? «Einfach machen!», rät Häusler. In den vergangenen Monaten haben die beiden mehrere Kurse für Jungunternehmende besucht und enorm davon profitiert. «Wer hätte gedacht, dass wir bereits vor Markteintritt von interessierten Unternehmen kontaktiert würden?», sagt Paparo. So haben die beiden alle Hände voll zu tun. 2024 ist der Markteintritt geplant. 2026 soll DermatoTherma profitabel sein. Weitere Projekte, wie etwa Daten über Hauteigenschaften sammeln, sind bereits angedacht. Zunächst soll aber das Gerät in einem der betroffenen Gebiete an Menschen getestet werden. Organisiert wird diese Studie von DNDi, die beiden Gründer wollen sich diese Eindrücke aber nicht entgehen lassen. «Wir gehen mit als technischer Dienst», schmunzelt Häusler. «… und nehmen ganz viel Mückenspray mit», ergänzt Paparo. Sara Blaser

Wenn aus Molchen Schweine werden

«Molche sind bekannt für ihre Fähigkeit, verschiedene Organe wie ihre Extremitäten, den Schwanz oder Teile des Herzens regenerieren zu können.» Diesen Satz übersetzte Google Translate praktisch einwandfrei auf Englisch – nur die Molche wurden zu Schweinen. «Ein seltsamer Übersetzungsfehler, aber ein gutes Beispiel dafür, dass die Schwächen der Künstlichen Intelligenz unvorhersehbar sind», erklärt Alice Delorme Benites. Die Sprachwissenschaftlerin hat im Rahmen einer Pilotstudie die Übersetzungssoftwares GoogleTranslate und DeepL ausgiebig getestet. Dazu hat sie Abstracts von deutschsprachigen Dissertationen mit den beiden Tools ins Englische übersetzt und die Übersetzungen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die beiden Übersetzungssoftwares wirklich nicht von schlechten Eltern sind. «Viele Forschende und Studierende nutzen solche Dienste, geben es aber nicht gerne zu. Ich finde es legitim, sie zu verwenden. Man muss sich nur bewusst sein, dass sie noch nicht perfekt sind und dass die Daten weiterverwendet werden», so Delorme Benites. An automatischen Übersetzungslösungen wird schon lange gearbeitet. Einen deutlichen Qualitätssprung habe es 2016 gegeben, als erstmals Neuronalmaschinen zum Einsatz kamen, erzählt Delorme Benites. Diese lernen selbstständig dazu, je mehr sie mit Daten gefüttert werden. Wie bei anderen vermeintlich kostenlosen Onlinediensten bezahlt man sie mit seinen Daten: «Alle Texte werden in der Datenbank gespeichert. Vertrauliche Daten sollte man darum nicht übersetzen lassen», rät Delorme Benites. Viele Unternehmen arbeiten mittlerweile an eigenen Übersetzungstools, um den Datenschutz zu gewährleisten. Die Linguistin möchte mit ihrer Forschung aufzeigen, wo die Stärken und Schwächen von automatischen Übersetzungssystemen liegen: «Das Grundproblem ist: Die Maschinen produzieren Texte, die so natürlich klingen, dass man Fehler schnell übersieht.» Die Grammatik sei in der Regel tadellos. Ebenso die Idiomatik und der Satzbau. Von Wort-für-Wort-Übersetzungen seien die Maschinen schon weit entfernt. Dass sie aber auch über die Satzebene hinaus richtig funktionieren, sei nicht selbstverständlich. «Bereits bei einem «Sie gehen» ist die Maschine zeitweise verwirrt, ob es eine Höflichkeitsform oder eine Mehrzahlform ist.» Bei längeren Texten sollte man darum prüfen, ob die Zusammenhänge korrekt wiedergegeben sind und einheitliche Begriffe verwendet werden. «Manchmal wird ein Begriff fünf Mal gleich übersetzt und beim sechsten Mal plötzlich anders», erzählt Delorme Benites. Häufig sei zudem «sollen» falsch übersetzt worden. Dieses Verb wird in Abstracts oft verwendet, um ein Vorhaben der Forschenden aufzuzeigen: «Im zweiten Teil soll überprüft werden ...». Solche Sätze wurden häufig mit «should» übersetzt. Dadurch wird der Sinn verfälscht, denn es macht den Satz zu einer Anweisung. Ausserdem sei es wichtig, die Vollständigkeit zu überprüfen, denn manchmal fehle in der Übersetzung auch plötzlich Text – oder werde hinzugedichtet. Um die bekannten Stolpersteine zu umgehen, empfiehlt die Sprachwissenschaftlerin zudem, lange Sätze in zwei kürzere aufzuteilen, keine komplizierten Nebensatzstrukturen zu verwenden und lieber bekannte Wendungen zu wählen als kreative. «Man kann den Text auch speziell für die Übersetzungsmaschine noch etwas anpassen, etwa klare Verbindungswörter wie ‘deshalb’ einfügen oder zusammengesetzte Substantive vermeiden.» Ganz ohne menschliches Zutun kommen die Übersetzungstools also noch nicht aus. Sie entwickeln sich aber laufend weiter. Bereits heute werden die Molche im erwähnten Beispielsatz korrekt übersetzt. «Es ist und bleibt zentral, die Künstliche Intelligenz reflektiert einzusetzen und ihr nicht blind zu vertrauen», sagt Delorme Benites. Sara Blaser

«Meine Methode ist unerbittliche Neugier»

Er ist ein Problemlöser par excellence. Mit Herz und Verstand analysiert er komplexe Situationen und sucht ganzheitliche Lösungen – Christian Liesen , seit 2017 am Institut für Sozialmanagement (ISM) am ZHAW-Departement Soziale Arbeit tätig. Dieses noch junge Institut beschäftigt sich mit Organisationen im Gesundheits-, Bildungs-, und Sozialbereich. «Es geht darum, mit diesen Organisationen die Herausforderungen im Handlungsfeld anzugehen, ob Rentabilität, Arbeitsorganisation oder Professionalität. Um Perspektive reinzubringen, sind wir transdisziplinär aufgestellt. Unsere Mitarbeitenden kommen aus der Sozialen Arbeit, Pädagogik, Politologie, Psychologie und Betriebswirtschaft», erklärt Liesen, der von Haus aus Sonderpädagoge ist, aber schon seit Jahren systemische Fragen im Sozialwesen erforscht. «Ohne die Sicht auf das grosse Ganze sehen viele Beteiligte nur die kurzfristigen Kosten und gehen in Abwehrhaltung. » Feuer und Flamme ist er für Beratungsmandate. Auftraggeber kommen auf das ISM zu, wenn zum Beispiel die Finanzen nicht stimmen. So hatte etwa die Stadt Winterthur 2013 ein Konzept eingeführt, mit dem die Kosten für sonderpädagogische Massnahmen an Schulen gesenkt werden sollten. Doch danach setzte sich der Kostenanstieg unvermindert fort. Das ISM evaluierte die Situation und erarbeitete einen Vorschlag, wie sich die Stadt organisieren müsste, um die Kosten unter Kontrolle zu bekommen. Das von der Stadt erarbeitete Konzept habe zwar auf einer guten Grundidee beruht, jedoch wichtige Verflechtungen nicht berücksichtigt. Dazu Liesen: «So etwas passiert. Es braucht Aussenstehende, um die blinden Flecken auszuleuchten.» Mittlerweile habe die Stadt ein eigenes neues System entwickelt, von dem Liesen sehr überzeugt ist. «Das ist der Idealfall: Kunden zuzuarbeiten, damit sie sich selbst besser organisieren können.» Manchmal geht es aber auch nicht darum, die Kohlen aus dem Feuer zu holen, sondern gesetzliche Bestimmungen mitzuprägen. So sollte etwa im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) evaluiert werden, ob intensive Interventionsmethoden bei frühkindlichem Autismus wirksam sind. In einem Pilotprojekt werden betroffene Kinder mit einer in der Schweiz noch nicht anerkannten Methode behandelt. Sollte sie sich bewähren, würden die Kosten dafür künftig von der öffentlichen Hand übernommen. Das ISM und die weiteren Forschungspartner kamen zum Schluss, dass die Methode wirksam ist. Darauf entwickelten sie einen Vorschlag für ein Kosten- und ein Wirkungsmodell. Weil davon sowohl die IV als auch die Schulen betroffen sind, musste nicht nur das BSV, sondern auch die Kantone überzeugt werden. Dazu musste das Team von Liesen die Tragweite der Therapie deutlich machen. «Ohne die Sicht auf das grosse Ganze sehen viele Beteiligte nur die kurzfristigen Kosten und gehen in Abwehrhaltung. Wir haben deshalb aufgezeigt, wie sich eine frühe Investition in späteren Jahren auszahlt.» Das Pilotprojekt wurde daraufhin verlängert, eine definitive Entscheidung, ob die Therapie anerkannt wird, steht noch aus. «Wenn es bei einer Lösung keinen Zielkonflikt zu geben scheint, sollte man misstrauisch werden.» So unterschiedlich solche Mandate von aussen scheinen – der Problemlösung liegt immer dasselbe Muster zugrunde. «Bei Ressourcen gibt es immer Zielkonflikte. Diese gilt es zu eruieren und bewusst zu gestalten. Wenn es bei einer Lösung keinen Zielkonflikt zu geben scheint, sollte man misstrauisch werden», meint Liesen. Eine Organisation sollte sich darauf besinnen, wofür sie steht, und ihre Mittel so einsetzen, dass ihre Klientinnen und Klienten den grösstmöglichen Nutzen haben. Denn gerade im Sozialbereich sei die Gefahr gross, dass eine Organisation sich mehr auf ihre wirtschaftlichen Indikatoren konzentriere als auf die Bedürfnisse ihrer Klienten – weil diese einfacher zu steuern sind. «Man kühlt das Fieberthermometer, statt das Fieber zu senken», sagt Liesen schmunzelnd. Das ISM analysiert deshalb zusammen mit seinen Auftraggebern, wo der Schuh drückt, und erarbeitet weitsichtige Lösungsvorschläge. Dabei sei die transdisziplinäre Zusammensetzung des Projektteams der Schlüssel zum Erfolg. «Es ist schlichtweg nicht möglich, dass eine oder zwei Personen ein komplexes Anliegen von allen Seiten richtig durchdenken. Breit gefächertes Know-how ist gefragt.» «Ich will verstehen, was mein Gegenüber sagt, aber auch die noch unformulierten Spielräume aufstöbern.» Die Auseinandersetzung mit allen Beteiligten erfordere zudem Sensibilität und Sozialkompetenz. «Was mir dabei hilft, ist meine unerbittliche Neugier», sagt Liesen. «Ich will verstehen, was mein Gegenüber sagt, aber auch die noch unformulierten Spielräume aufstöbern.» Die Kooperation sei meist sehr gut, weil die Beteiligten merken, dass er ein ehrliches Interesse daran hat, eine ganzheitliche Lösung zu finden. Dass er seine Arbeit liebt, hört man aus seinen Erzählungen heraus. Und er bestätigt: «Ich kann mir keinen besseren Job vorstellen. Zu wissen, dass ich mit meiner Arbeit, wenn sie gelingt, das Leben von Menschen massgeblich verbessern kann, motiviert mich ungemein.» Sara Blaser

Die Macht der Worte

«Sind die Terroristen bereits hier?» «Droht uns bald die Scharia?» Wenn Zeitungen mit solchen Überschriften Migrationszahlen kommentieren, sorgen sie damit für hohe Klickraten, aber auch für Unmut. Carmen Koch vom IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW hat bis in die späten 1990er Jahre zurückverfolgt, wie Medien über Religionsgemeinschaften berichten : «Seit 9/11 hat die Berichterstattung über Muslime stark zugenommen.» Inhaltsanalysen zeigen, dass dabei hauptsächlich über Radikalisierung und Terror geschrieben wird, während Themen wie «gelingende Integration» oder «Alltag» kaum vorkommen. Vinzenz Wyss , Leiter der Professur für Journalistik am IAM, ergänzt: «Medien fahren auf alles Radikale ab.» Eigentlich verständlich: Das Medieninteresse wird erst geweckt, wenn etwas vom Gewohnten abweicht. «Medien haben jedoch auch die Verantwortung, Religionsgruppen nicht durch stereotype Inszenierungen zu diskriminieren. Nicht nur der Islam, sondern alle Religionsgemeinschaften haben in der Medienöffentlichkeit einen schweren Stand», beobachtet Wyss. Oft wird das Kuriose betont und belächelt. Deshalb sind einige Religionsvertreter auch skeptisch, sich überhaupt in öffentliche Debatten einzubringen. Fast jeden Monat gehen beim IAM Anfragen zum Thema Religion und Öffentlichkeit ein. Diese stammen meist von Glaubensgemeinschaften, die sich Kommunikationsberatung wünschen. Es kommt aber auch vor, dass Medienunternehmen ermitteln lassen wollen, wie ihre Berichterstattung von betroffenen Minderheiten beurteilt wird. Koch und Wyss leiten aktuell eine Studie über die Integrationsleistung von Medien in Bezug auf religiöse Gemeinschaften. Dazu haben sie mit Gruppen von Gläubigen des Christentums, des Islams und des Judentums eine Reihe an Medienbeiträgen über die jeweils eigene Religionsgemeinschaft analysiert und diskutiert. «Mehr Wissen über die Religionsgemeinschaften würde helfen, stereotypisierte Darstellungen zu vermeiden.» Vinzenz Wyss Das Ergebnis: Alle Gruppen fühlten sich stereotypisiert dargestellt. Abgesehen von den gängigen Klischees, die immer wieder bedient werden – der terroristische Muslim, der lebensferne Priester oder der geldgierige Jude –, seien es oft auch subtile Aspekte, die bei den Gläubigen Unbehagen auslösen. Koch erzählt: «Ein TV-Beitrag thematisierte eine jüdische Versammlung. Dabei blieb die Kamera lange auf einer goldenen Armbanduhr stehen. Mir fiel das zuerst gar nicht auf. Die Jüdinnen und Juden haben im Gespräch aber sofort signalisiert, dass sie sich damit einmal mehr in ein Klischee gepresst fühlten.» Insbesondere die muslimischen Diskussionsteilnehmenden kritisierten die mangelnde Vielfalt an Meinungen, denen in den Medien eine Stimme gegeben wird. Suchen Medienschaffende ein Statement der Religionsgemeinschaft, werde meist eines der beiden Extreme gewählt: der Islamische Zentralrat oder Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Man müsse dabei jedoch bedenken, dass Personen mit gemässigten Positionen oft nicht in der Öffentlichkeit auftreten wollen, sagt Koch. Vertreter von radikalen Standpunkten seien meist eine dankbarere Anlaufstelle für Medienschaffende. Die befragten Musliminnen und Muslime identifizieren sich jedenfalls mit keinem der beiden Extreme. Ausserdem haben sie oft das Gefühl, man erwarte eine öffentliche Distanzierung von ihnen, wenn etwa ein Terroranschlag verübt wurde. Die Vertreter des Christentums gaben an, sie fühlten sich altmodisch und rückständig dargestellt. Vieles hänge aber auch vom Autor des journalistischen Beitrags ab, sind sich die Teilnehmenden des jüdischen und christlichen Glaubens einig. Was können Medienschaffende verbessern? Koch glaubt, dass bereits eine stärkere Kontextualisierung und eine bewusstere Wort- und Bildwahl viel an der Wahrnehmung ändern könnten. Es sei wichtig, auch mal positive Beispiele zu zeigen, ohne sie als Ausnahme darzustellen. Manchmal versuchen Medienschaffende nämlich auch, etwas Positives zu schreiben, durch eine falsche Einbettung werde es dann aber negativ empfunden. Sätze wie «Die Muslimin liess sich von ihrer Religion nicht einschüchtern und bestand auf der Scheidung» können in der muslimischen Glaubensgemeinschaft sauer aufstossen, denn eine Scheidung ist im Islam keineswegs verboten. Wyss: «Medien bilden nie einfach ab, sie inszenieren immer. Bei der Inszenierung spielt natürlich der persönliche Hintergrund eine Rolle. Mehr Wissen über die Religionsgemeinschaften würde helfen, stereotypisierte Darstellungen zu vermeiden.» Sara Blaser

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