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«Die Begrifflichkeiten der Arbeitswelt 4.0 verstehen»

«Das ist doch gar kein Deutschkurs!», lautete anfangs die Rückmeldung der teilnehmenden Stellensuchenden. Die Abteilung für arbeitsmarktliche Massnahmen des Kantons St. Gallen hatte ein neues Angebot eingeführt: einen 14-wöchigen Deutschkurs, verbunden mit einem Computertraining. «Das ist etwas ganz Neues», sagt Maja Pagelli, die Leiterin der Abteilung. Die Sprache wird dabei im Kontext mit der Arbeit am Computer und den Themen Bewerbung und Arbeitsmarkt vermittelt, vieles davon auf Lernplattformen. «Reine Computerkurse oder reine Deutschkurse sind kontextlos, darum sind wir davon abgekommen», sagt Pagelli. Seit drei Jahren leitet sie die Abteilung, die arbeitsmarktliche Massnahmen für die Stellen­suchenden der RAV im Kanton St. Gallen bereitstellt. Ziel ist, Stellensuchende bei der Integration in den ersten Arbeitsmarkt zu unterstützen. Die 50-Jährige ist strategisch, fachlich und personell für die Abteilung verantwortlich. Maja Pagellis Laufbahn war keine klassische. «Es gab viele Brüche», findet sie. Die gelernte Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin holte die Matura nach und begann ein Studium der Politikwissenschaft. Doch bald kam sie zur Erkenntnis: Wenn ich damit fertig bin, fange ich beruflich wieder von vorne an. Dank ihrer Berufserfahrung fand sie eine Stelle bei der Arbeitsintegration. Anschliessend gab sie beim Kanton St. Gallen Bildungs- und Coaching-Kurse, dies in einem Bereich, der ihr jetzt unterstellt ist. Sie wurde Leiterin des Bereichs Bildungsangebote des Kantons St. Gallen und absolvierte in dieser Zeit den MAS Berufs- und Erwachsenenbildung. Vor drei Jahren schliesslich übernahm sie die Leitung der ganzen Abteilung. Die Arbeitswelt 4.0 und die digitale Transformation beschäftigen Pagelli bei der Ausgestaltung der Angebote – und auch in der eigenen Abteilung. Wie verändert sich die Arbeitswelt? Wie gehen wir mit diesen Veränderungen um, und welchen Einfluss haben sie auf die Stellensuchenden? «Viele Begrifflichkeiten schwirren umher», sagt Pagelli. Diese zu verstehen, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die im Arbeitsalltag keinen Platz haben: Das waren wichtige Gründe, warum sie sich zur Teilnahme am CAS «Culture Change – Mindset für neue Arbeitswelten» des Departements Soziale Arbeit entschied. Gereizt habe sie zudem, dass der CAS zum ersten Mal stattfand: «Ich wollte etwas Neues miterleben, denn so geht es uns ja auch, wenn wir neue Angebote kreieren.» Wie würde ich es machen, wenn ich alle Optionen offen hätte? Dieser Ansatz faszinierte Pagelli, so einfach er zunächst auch klinge, sagt sie. Bei der Lösungssuche gehe es darum, sich in die Rolle und die Funktion des Gegenübers zu versetzen, dabei die eigene Rolle zu überprüfen und auch die Einstellung zur digitalen Arbeitswelt zu hinterfragen. Ihr Fazit: «Wir müssen uns noch mehr auf den Markt und die Kunden ausrichten.»

Das Spiel des Lernens

Mal geht es aufwärts, mal seitwärts, mal abwärts, mal gibt es Hindernisse, die ein Fortkommen verunmöglichen. In solchen Fällen verhelfen Joker zum Vorwärtskommen, zu mehr Cleverness und neuen Erkenntnissen. Nehmen Sie Ihr Lernen selbst in die Hand. Entdecken Sie mit der Spielfigur die vielen Facetten des lebenslangen Lernens auf unserem interaktiven Spielfeld. Das Spiel des Lernens ist angelehnt an die Realität. Jede Ähnlichkeit mit bestehenden Institutionen ist rein zufällig. Das Spiel soll neugierig machen – eine ideale Eigenschaft fürs lebenslange Lernen. Viel Spass!

Wettbewerb: Wünsch dir was

Zu einem Jubiläum gehören Geschenke. Deshalb dürfen Sie sich eine Geschichte aussuchen. Zwei Themen stehen zur Auswahl. Dasjenige mit den meisten Stimmen realisieren wir und publizieren es in der Dezember-Ausgabe. Unter allen Teilnehmenden an unserer «Wünsch dir was»-Aktion verlosen wir als Dankeschön Preise. Falls es Sie interessiert, wie das «Impact» früher aussah und welche Themen uns von den Anfängen bis heute beschäftigten, dann können Sie hier in unserem PDF-Archiv stöbern oder den Beitrag «Aus Hauszeitung wird Forschungsmagazin» lesen. Viel Spass! Erster Preis ist eine Übernachtung im Hotel Restaurant Capricorns in Wergenstein (Graubünden), wo sich eine Aussenstelle der ZHAW befindet. Zweiter und dritter Preis sind je eine Flasche ZHAW-Wein – der Wein, der Wissen schafft. Hier geht’s zum Wettbewerb: Viel Glück! Teilnahmeschluss ist der 9. Oktober. Lesen Sie auch den Beitrag: Von der Hauszeitung zum Forschungsmagazin

Von der Hauszeitung zum Forschungsmagazin

Die ZHAW verändert sich und mit ihr das Magazin «Impact». So wie die Hochschule in den letzten zwölf Jahren gewachsen und zu einer Institution geworden ist, hat sich das Heft entwickelt und profiliert. Die ersten Ausgaben des «Tech-Info», eines der Vorgängermagazine des «Impact», habe er noch mit Schreibmaschine getippt und mit dem Matrizendrucker hergestellt, erinnert sich der ehemalige Chefredaktor Armin Züger. Er erledigte die Redaktionsarbeit noch nebenher, hauptamtlich war er Dozent und leitete das Ressort Lehre der Vorgängerinstitution ZHW. Das Magazin «Impact» wurde 2008 lanciert. «Damals wusste niemand, was die ZHAW überhaupt ist», erzählt Markus Gisler, Chefredaktor der ersten fünf Ausgaben. Um dies zu ändern, setzte man auf prominente Köpfe: Auf der Titelseite der Erstausgabe prangte Bundesrätin Doris Leuthard. Gisler verfügte als ehemaliger Chef der Wirtschaftszeitung «Cash» über ein weit verzweigtes Netzwerk. Die Taktik ging auf: «Dass sich Top Shots von einem Schulmagazin interviewen liessen, sorgte für viel Aufmerksamkeit», blickt Gisler zurück. Bald gewann das «Impact» auch intern an Renommee. «Zu Beginn musste man die Forschenden zu einem Interview überreden», erzählt Züger, der von 2009 bis 2011 die Chefredaktion innehatte. «Nach kurzem wurden uns die Themen zugetragen.» Die ZHAW war die erste Fachhochschule, die ein so anspruchsvolles Magazin herausgab. «Andere haben uns danach kopiert – aber natürlich nie erreicht», sagt Züger schmunzelnd. Früher wurden Texte oft ungekürzt abgedruckt. «Wenn jemand viel zu viel geschrieben hatte, machten wir halt das Bild kleiner», erzählt Züger. Mit der Zeit galten zunehmend publizistische Regeln, und es schrieben vermehrt professionelle Journalisten. 2012 übernahm Patricia Faller, zuvor als Wirtschaftsredaktorin und in der Unternehmenskommunikation von Roche tätig, die Chefredaktion und trieb die Professionalisierung weiter voran. Optisch entwickelte das «Impact» eine eigene Sprache. Von Beginn weg war ZHdK-Absolvent Conradin Frei für die Fotografien verantwortlich und prägte mit seinen Bildstrecken das Blatt. Seit Ausgabe 36 sind auch die Titelseiten mit den Visualisierungen von Grafiker Till Martin ein unverkennbares Markenzeichen. Das «Impact» lancierte bald auch einen digitalen Auftritt, das Interesse an der Papierversion mit heute 27'000 gedruckten Exemplaren ist jedoch ungebrochen. Ging es in der Gründungszeit in erster Linie darum, eine Visitenkarte für die ZHAW zu sein, sieht die jetzige Chefredaktorin das «Impact» nicht nur als PR-Plattform: «Wie betrifft die Forschung mich als Menschen? Wo kann die ZHAW Lösungen zu aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen bieten? Dies sind die Fragen, die ich im Magazin beantworten will», sagt Patricia Faller. Für die Zukunft des Magazins wünscht sie sich, dass mehr Forscherinnen und Forscher in öffentlichen Diskussionen Position beziehen: «Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten auch engagierte Bürgerinnen und Bürger sein.» Auch Gisler wünscht sich mehr Engagement: «Das ‹Impact› berichtet gar nicht über Bildungspolitik. Dabei müssten die Fachhochschulen in diesem Bereich unbedingt aktiver werden.» Und Züger sieht eines der Ziele aus der Gründungszeit noch nicht erreicht: «Das ‹Impact› soll weiter dazu beitragen, dass die Departemente zu einer Hochschule zusammenwachsen.» Hier geht’s zum Jubiläumswettbewerb Hier geht es zum Impact-Archiv Jakob Bächtold

ZHAW-Lifelong-Learning-Strategie: Mehr als nur Weiterbildung

Elena Wilhelm: Das ist richtig. Der Club of Rome hat schon 1979 erkannt, dass es angesichts rapider Veränderungen und zunehmender Komplexität nicht sinnvoll ist, die Ausbildung auf die ersten 18 bis 20 Lebensjahre zu beschränken. Neu ist aber bei unserer Life­long-Learning-Strategie, dass sie Implikationen auf alle Bildungs­stufen und alle Bildungsformate der ZHAW hat. Wir verstehen lebenslanges Lernen nicht nur als Weiterbildung. Das ist im schweizerischen Kontext aussergewöhnlich, wenn nicht sogar einzigartig. Daniel Baumann: Wir stehen zunehmend vor der Herausforderung, dass wir Leute ausbilden sollen für Stellenprofile oder sogar für Jobs, die es heute noch gar nicht gibt. Als Hochschule müssen wir uns überlegen, wie wir diese Aufgabe erfüllen können. Auch die Tatsache, dass viele Menschen ihren Job häufig wechseln oder mehrere Jobs gleichzeitig haben, erhöht ihren Bildungsbedarf. Diese Entwicklung wird sich noch verstärken. Im Gegensatz dazu ist das Bildungswesen noch ziemlich konservativ: standardisierte Curricula, klar interpretierbare Qualifikationsnachweise, messbare Kompetenzen. Das eine passt immer weniger zum anderen. Das könnte sich angesichts der momentanen Dynamik, die wir auch losgelöst von der Corona-Krise erleben, ändern: Durch die digitale Transformation wird vieles obsolet, gleichzeitig wird vieles andere durch sie überhaupt erst möglich. Elena Wilhelm: Das war sicher ein wichtiger Motor für die Entwicklung der Lifelong-Learning-Strategie – zu schauen, welche Implikationen der rasche Wandel des Wissens auf Bildung und Lernen haben könnte und wie sich die ZHAW aufstellen muss. Neuartige Institutionen wie die CODE University in Berlin oder die Ecole 42 in Paris, für die keine Curricula existieren und in denen Studierende weitgehend selbstbestimmt und von den Dozierenden begleitet in Projekten lernen, findet man vor allem in der Informatik­ausbildung. Das ist kein Zufall. In diesem Fachgebiet hat Wissen eine besonders kurze Halbwertzeit. Elena Wilhelm: Wir wollen einen Beitrag zu einer gesellschaftlichen Kultur des lebenslangen Lernens leisten. Für die Studierenden wollen wir ein innovatives, vielfältiges und kreatives Lernumfeld bieten. Wichtig ist auch die intensivierte Vermittlung von Wissens- und Lernkompetenzen sowie von Unternehmenskompetenzen – also Entre- und Intrapreneurship – als Voraussetzung für das lebenslange Lernen. Die Studierenden sollen sich persönlich entfalten und die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft aktiv mitgestalten können. Unsere Angebote sollen sie dabei unterstützen, in einem national und international sehr kompetitiven Umfeld arbeitsmarktfähig zu bleiben. Mit der Strategie soll nicht zuletzt die Bildungschancengleichheit erhöht und die gesellschaftliche Inklusion gefördert werden. Daniel Baumann: Die ZHAW soll auch in fünf und in zehn Jahren noch eine zeitgemässe Hochschule sein. Wir befinden uns im Wettbewerb mit allen Schweizer Hochschulen. Wer die Nachfrage besser abdeckt, wird sich im Markt behaupten können. Eine Fachhochschule ohne Lifelong-Learning-Strategie hat das Profil, welches eine Fachhochschule auszeichnet, nämlich die Praxis­nähe und Anwendungsorientierung in Forschung und Bildung, meiner Meinung nach nicht ganz erreicht. Die Anwendungsorientierung und Praxisnähe sind die Stärken von Fachhochschulen im Vergleich zu universitären Hochschulen. Wir wollen Menschen in die Arbeitswelt entlassen, die dort gleich eingesetzt werden können. Also müssen wir eine Vorstellung davon haben, welches Wissen und welche Kompetenzen wir den Studierenden auf welche Weise am bes­ten vermitteln, sodass sie sich im Unternehmen weiterentwickeln und Verantwortung für Arbeitgeber und Gesellschaft übernehmen können. Und wir müssen uns überlegen, welche unserer Leistungen ihnen dann noch einen Mehrwert bieten können, wenn die Absolventinnen und Absolventen einmal im Arbeitsleben stehen. Elena Wilhelm: Die ZHAW muss als Bildungs- und Forschungsinstitution sowohl den sich rasch ändernden Erfordernissen des Arbeitsmarktes als auch den individuellen Bildungsinteressen noch besser gerecht werden – immer unter der Voraussetzung der Aufrechterhaltung einer qualitativ hochwertigen Hochschulbildung. In der Lifelong-Learning-Strategie haben wir festgeschrieben, dass wir zu diesem Zweck die Synergien zwischen Forschung, Studium, Weiterbildung, Dienstleistung und Innovation stärken. Die Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen und den Partnern in Wirtschaft und Gesellschaft im Sinne eines praxisbasierten und lebenslangen Lernens wird nochmals intensiviert. Daniel Baumann: ZHAW digital und die Hochschulentwicklung der ZHAW arbeiten an einem spezifischen Kompetenzentwicklungsmodell. Daniel Baumann: Nehmen wir an, es kommt eine Person – nennen wir sie Anna M. – mit einem spezifischen Bildungs­ziel zu uns an die Hochschule. Vielleicht hat sie ein Zertifikat, aus dem wir ablesen können, was Anna M. kann. Oder sie hat einen informellen Bildungshintergrund, das heisst, dass sie ausserhalb von Bildungseinrichtungen Wissen und Kompetenzen erworben hat. Wenn wir festgestellt haben, über welche Fähigkeiten und Fertigkeiten Anna M. verfügt, könnten wir aus allen ZHAW-Angeboten – Präsenzkurse, Onlinekurse, Coaching oder On-the-Job-Training – ein individuelles Studienprogramm zusammenstellen, damit sie ihr Ziel erreicht. Denkbar wäre auch, dass wir ihr einen persönlichen Trainer an die Seite stellen, der sie durch ihr ganzes Studium begleitet. Und nicht nur das. Aus der Perspektive des lebenslangen Lernens würde Anna M. diesen persönlichen Trainer an unserer Hochschule immer wieder konsultieren, wenn sie sich weiterentwickeln möchte, sei es aufgrund veränderter Interessen oder weil sie Führungsaufgaben übernehmen will oder bei einem Stellenwechsel noch andere Kompetenzen braucht. «Wir stellen ein individuelles Studienprogramm zusammen und sorgen dafür, dass die Kompetenzen am Ende nachweisbar sind.» Daniel Baumann Daniel Baumann: Ich gehe davon aus, dass die Mehrheit der Studierenden an der School of Management and Law auch weiterhin zum Beispiel Betriebswirtschaftslehre im klassischen Sinn studieren wird. Es kann aber durchaus sein, dass Anna M. allenfalls aus der Chemie kommt und jetzt spezifisches betriebswirtschaftliches Know-how braucht, weil sie eine Führungsposition übernehmen soll. Wir würden dann ein massgeschneidertes Programm für sie zusammenstellen und dafür sorgen, dass sie am Ende ihre Kompetenzen nachweisen kann. «Der Bereich Weiterbildung sollte noch stärker als bisher auf den spezifischen Kompetenzen der Teilnehmenden aufbauen.» Elena Wilhelm Elena Wilhelm: Für eine individuellere Begleitung durch das Studium sind verschiedene Massnahmen vorgesehen. Eine ist beispielsweise das Senior-Mentoring-Programm. Gestandene Berufsleute aus der Praxis, die sich mit der ZHAW identifizieren, erhalten eine Weiterbildung zur Mentorin oder zum Mentor und können Studierende und Weiterbildungsteilnehmende individueller begleiten, indem sie ihr Wissen und ihre Erfahrung weitergeben. Elena Wilhelm: Dieses Anliegen war mir bei der Entwicklung der Strategie sehr wichtig. Denn im Bereich der Weiterbildung sollte noch stärker als bisher auf den spezifischen Kompetenzen der Teilnehmenden aufgebaut werden, damit sie einen möglichst grossen Benefit haben. Ich habe zum Beispiel vor zwei Jahren an der Universität Zürich einen EMBA absolviert. Die Teilnehmenden hatten vollkommen unterschiedliche Vorbildungen. Einige besuchten dabei zum vierten Mal in ihrer Bildungslaufbahn ein Modul in Mikroökonomie, ich besuchte es zum ersten Mal. Eine gewisse Wahlfreiheit wäre diesbezüglich sehr sinnvoll. Elena Wilhelm: Nein. Weiterbildungen à la carte sind eben individuell. Wichtig ist letztlich ja nur, dass das erworbene Wissen und die entwickelten Kompetenzen nachgewiesen werden können. Daniel Baumann: Vielleicht ist die Vergleichbarkeit auch künftig nicht mehr so wichtig. Der Arbeitsmarkt sucht mehr und mehr die richtige Person für einen Job und keine Bildungsstandards. Google hat beispielsweise eine ganz spannende Rekrutierungsstrategie: Die holen sich gute Leute ins Unternehmen, ohne bereits an einen speziellen Job zu denken, schauen dann, was sie oder er kann, und wählen eine entsprechende Stelle aus. Elena Wilhelm: Es braucht ein elektronisches Kompetenzportfolio, das die Kompetenzen abbildet, die man erworben hat. In anderen Ländern wird hierfür etwa die Blockchain-Technologie eingesetzt. Statt Krypto­währungen dienen Kompetenzen als Währungen – wie eine Art Bildungskapital. Arbeitgeber machen auch zunehmend ihre eigenen Assessments. Daniel Baumann: Ohne die Möglichkeiten der Digitalisierung wären die Ziele der Lifelong-Learning-Strategie kaum erreichbar. Die Individualisierung wird durch sie erst möglich und kostengünstiger. Wir können nicht alle Fachgebiete in Eigenregie anbieten. Deshalb sind wir dabei, an der ZHAW einen digitalen Campus zusammen mit anderen Hochschulen aufzubauen. Wir sind die erste Fachhochschule überhaupt, die Partner der weltweiten Online-Bildungsplattform edX ist, die von der Harvard University und dem Massachusetts Institute of Technology gegründet wurde. Damit können wir Anna M. einen geeigneten Online-Kurs bei der Harvard University empfehlen, deren Zertifikat sich in ihrer Bildungsbiografie gut machen würde. Elena Wilhelm: Wir wollen noch viel gezielter die Vorteile des jeweiligen Formats nutzen. Reine Wissensvermittlung kann man online durchführen. Dadurch gewinnt man für eine individuellere Betreuung und individuelles Feedback mehr Zeit. «Im Präsenzunterricht müssen wir Studierenden ein Erlebnis bieten. Sie sollen sagen können: Super, dass ich da gewesen bin.» Daniel Baumann Daniel Baumann: Das kann ich nur unterstreichen. Wir brauchen Vorstellungen davon, was wir den Studierenden qualitativ Gutes zu bieten haben, wenn sie den Aufwand betreiben, um zur Hochschule anzureisen: Wir müssen ihnen ein Erlebnis bieten, sei es im Labor oder in einer Lerngruppe. Sonst können sie nämlich auch zuhause lernen. Sie sollen am Ende des Tages sagen können: Super, dass ich da gewesen bin. Bei der Weiterbildung ist dies noch viel wichtiger. Elena Wilhelm: Die Corona-Krise hat gezeigt, dass wir viel stärker als bisher angenommen auch online miteinander lernen und kommunizieren können. Die Qualität dieses Lernens muss nun ausgewertet und darauf aufbauend müssen entsprechende Konzepte entwickelt und die notwendigen Infrastrukturen aufgebaut werden. «Die bestehenden Bildungs- und Weiterbildungsformate bleiben zentral. Sie werden ergänzt durch neuartige Formate und Abschlüsse.» Elena Wilhelm Daniel Baumann: Mit den Mitteln der Zürcher Digitalisierungsinitiative wurden für die Zürcher Hochschulen sehr gute Rahmenbedingungen geschaffen, das heisst, wir sind da im Gesamtumfeld gut unterwegs, in einigen Themen sogar führend wie im Bereich der Open Education Ressources – also Bildungsmaterial, das für alle öffentlich zugänglich ist –, bei elektronischen Prüfungen oder eben dem «ZHAW digital campus». Elena Wilhelm: Die Strategie bewirkt eine Evolution und keine Revolution. Deshalb wird sich nicht alles ändern. Die bestehenden Bildungs- und Weiterbildungsformate bleiben die zentralen Angebote. Im Zuge des lebenslangen Lernens werden aber neuartige Formate und Abschlüsse eingeführt und erprobt werden. Daniel Baumann: Wir werden auch dann noch eine Präsenzhochschule sein, ergänzt durch einen starken digitalen Campus – gut vernetzt mit dem Arbeitsmarkt für On-the-Job-Training. Studierende werden zu uns kommen, weil wir auf individuelle Bedürfnisse eingehen können und weil bei uns Studieren ein Erlebnis sein wird – etwas, das einen das Leben lang begleitet. Weil das so sein wird, kommen die Studierenden immer wieder, um sich weiterzubilden – lebenslang. Patricia Faller, Sandra Hürlimann

Von Fussballern, Bürogestaltung und Vorurteilen

Wie ein Büro eingerichtet ist, ob man einander sieht und sich zufällig trifft, wirkt sich auf die Arbeitskultur einer Firma aus. «Die Gestaltung beeinflusst das Wohlbefinden der einzelnen Mitarbeitenden», sagt Alyssa Riebli, die am Departement für Life Sciences und Facility Management studiert hat. Sie hat den Einfluss dreier Design Features auf die Clan-Arbeitskultur untersucht und validiert. «Diese Kultur ist am zukunftweisendsten. Viele Firmen streben einen teamorientierten Umgang an, bei dem die Mitarbeiterentwicklung im Vordergrund steht.» Anhand von Interviews weist Riebli nach, dass Mitarbeitende, die einen visuellen Zugang zueinander haben, mehr miteinander kommunizieren. Sie müssen weniger Aufwand betreiben, um Projekte zu koordinieren und zu planen. Sie lenken einander aber auch ab, was zu Konflikten führen kann. «Change Management ist ein wichtiger Faktor», so die Autorin. Werden Mitarbeitende frühzeitig in eine Umstrukturierung oder in einen Umbau einbezogen, sind sie den Veränderungen gegenüber positiver eingestellt. Räumliche Nähe führt zu zufälligen Treffen und mehr Face-to-Face-Kommunikation. Die sozialen Beziehungen intensivieren sich und dehnen sich auf andere Abteilungen aus. Wird Home-Office betrieben, fällt dieser Vorteil allerdings weg. «Wegen Corona arbeiten gerade viele von zu Hause aus», sagt Alyssa Riebli. «Es wäre interessant, zu untersuchen, was sich bei den drei Design Features dadurch verändert.» Auch Arbeitsplatzgleichheit wird positiv wahrgenommen. Sind alle Arbeitsplätze hierarchieunabhängig identisch möbliert, kommen sich Mitarbeitende weniger als Bittsteller vor. Durch die Kooperation steigen der Zusammenhalt und die Transparenz. Jeder Spieler trägt einen Tracker auf sich. Beschleunigungs- und GPS-Sensoren zeichnen seine Leistung auf. «Die Analyse persönlicher Daten gewinnt im Sport zunehmend an Bedeutung», sagt Micha Ruff, der an der ZHAW Wirtschaftsingenieurwesen studiert hat. Teams, aber auch Einzelsportler erhoffen sich davon kompetitive Vorteile. Sie nutzen die Erkenntnisse, um gezielter zu trainieren und Strategien für die Wettkämpfe zu entwickeln. Micha Ruff hat zehn Spiele einer Zweitliga-Mannschaft daraufhin analysiert, wie rasch und wie stark die Halbprofis ermüden. Die Daten hat er von der Firma Tracktics erhalten. «Sie aufzubereiten und mit dem Spielgeschehen in Verbindung zu bringen, war sehr aufwendig», berichtet er. Ein Fussballer ruft seine Leistung nicht gleichmässig ab; er ist immer wieder intervallmässig gefordert. Dies führt in den Erhebungen zu grossen Schwankungen. Der Bachelorabsolvent hat Funktionen entwickelt, um die Daten in unterschiedlichen Zeitschritten mit verschiedenen Quantilen zu visualisieren. Er kommt zum Schluss, dass es am aussagekräftigsten ist, die Mediane in Intervallen von 10 Minuten zu betrachten. Dabei wird deutlich, dass ein Fussballer gegen Ende eines Spiels nicht mehr so stark beschleunigt. An seiner Geschwindigkeit lässt sich hingegen keine Ermüdung ablesen. «Er braucht einfach länger, bis er diese erreicht – er ist weniger agil.» In einer Fallstudie hat Ruff zudem die zusammengefassten Leistungen der Mannschaft in den einzelnen Spielen analysiert und mit drei weiteren Matches verglichen. Er stellte fest, dass die Werte in den ersten 20 Minuten abnehmen, dann jedoch mehrheitlich konstant bleiben. «Die Spieler scheinen gut trainiert zu sein», sagt er. Prüfende Blicke, verletzende Bemerkungen und Freunde, die den Kontakt abbrechen: Das erleben Menschen, die sich nicht jenem Geschlecht zugehörig fühlen, mit dem sie geboren wurden. «Transmenschen bekommen in ihrem Alltag immer wieder zu spüren, dass sie von der gesellschaftlichen Norm abweichen», sagt Özlem Balci, die für ihre Abschlussarbeit mit vier Betroffenen gesprochen hat. Diese fühlen sich an gewissen Orten ausgeschlossen. Aus Scham meiden sie beispielsweise Schwimmbäder, Saunen oder WC-Anlagen. Sie fühlen sich bei der Stellensuche, aber auch auf politischer Ebene diskriminiert. So ist es in der Schweiz in der Regel nicht möglich, sich auf offiziellen Dokumenten keinem oder einem dritten Geschlecht zuzuordnen. Wer einen bestehenden Geschlechtseintrag ändern möchte, muss nachweisen, dass die körperliche Angleichung begonnen hat. Dass Transgender zurzeit noch als psychische Störung klassifiziert wird, empfinden die Befragten als diskriminierend. Erst ab 2022 wird es für ihr Erleben eine eigene Diagnose geben. Sie wird Gender Incongruence (Geschlechtsinkongruenz) lauten. «Transmenschen möchten – wie wir alle – akzeptiert und wertgeschätzt werden», sagt Özlem Balci, die den Studiengang «Gesundheitsförderung und Prävention» abgeschlossen hat. Das soziale Umfeld spiele dabei eine entscheidende Rolle; es wirke sich auf die psychische Gesundheit aus. Obwohl die Gesellschaft insgesamt offener geworden sei, brauche es weitere Sensibilisierungsmassnahmen, sagt die Autorin. Gerade das Gesundheitspersonal müsse in der Thematik besser geschult werden. Präventionskampagnen müssten Transmenschen stärker einbeziehen. Eveline Rutz

Die Socialpreneure

«Ich träumte von einem Bungalow am Meer, weissen Stränden und perfekten Wellen zum Surfen», erinnert sich Khalil Radi, Absolvent des ZHAW-Studiengangs International Management . Die Semesterferien während seines Auslandsjahrs in Kolumbien wollte er in Nicaragua verbringen. Die Realität, die er dort antraf, war eine ganz andere: Radi erlebte mit, wie das Land auf einen neuen Bürgerkrieg zusteuerte und die Tourismus-Industrie zusammenbrach. Er sah wie Unmengen an Plastik herumlagen. Umweltorganisationen schätzen, dass 86 Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren schwimmen, und jeden Tag werden es 25'000 Tonnen mehr. «Es sind schier unvorstellbar grosse Mengen.» Doch wer wie Radi selbst einmal einen Fuss auf einen von Plastik übersäten Strand gesetzt hat, kann das Ausmass der Verschmutzung besser begreifen: «All das hat mich erschüttert.» Khalil Radi selbst war in der Schweiz in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, seine Mutter alleinerziehend. Mit 16 entschied er sich für eine Lehre bei der Bank: «Ich glaubte, dass ich durch Materialismus glücklich werde.» Er verdiente gutes Geld, hatte bald eine eigene Wohnung und ein Auto. Doch die erhofften Glücksgefühle blieben aus. Im Jahr 2016 begann er ein Studium an der ZHAW im Bereich International Management. Bereits vor seinem Auslandsjahr hatte er entschieden, dass er seinem Leben eine neue Richtung geben wollte. Er kündigte seinen Job bei der Bank und die Wohnung und verkaufte sein Auto. «Als ich in Nicaragua war, die Armut und die Umweltverschmutzung sah, wollte ich etwas tun.» Kurz entschlossen organisierte Radi einen Event, bei dem Einheimische gegen die Abgabe von Plastikflaschen eine warme Mahlzeit erhielten. Seine Idee: Verhindern, dass noch mehr Plastik ins Meer gelangt, die Ernährungssituation verbessern und die Bevölkerung sensibilisieren. Das Projekt «Buy Food with Plastic» war geboren. Auf einem Sportplatz spannte Radi grosse Moskitonetze auf, die als Sammelbehälter für das Plastik dienten. Dort konnten die Menschen zum Beispiel Flaschen abgeben, die sie gesammelt hatten, und ein paar Meter weiter das Essen beziehen. Nach dem Sonnenuntergang zeigte der damalige ZHAW-Student auf einer Leinwand einen Film über Umweltverschmutzung durch Plastik. Bereits der erste Event war ein Erfolg: Rund 200 Einheimische, darunter viele Kinder, kamen und lieferten über 1800 Flaschen ab. «Mir wurde rasch klar, dass ich dieses Projekt fortsetzen möchte», sagt Radi. «Denn jeder Tag, an welchem wir der Umwelt und Menschen in Not helfen können, ist ein Gewinn.» Khalil Radi Über die sozialen Medien sahen Freunde und Bekannte aus der Schweiz Bilder und Videos von den Veranstaltungen in Nicaragua. Bald schon erhielt Khalil Radi Nachrichten von Menschen, die ihn unterstützen wollten. Als er drei Monate später nach Zürich zurückkehrte, erwartete ihn dort ein kleines Unterstützerteam. Inzwischen besteht «Buy Food with Plastic» aus einer fünfköpfigen Geschäftsleitung, nebst Khalil Radi sind mit Xenia Meier und Lena Götsch zwei weitere Absolventinnen der ZHAW involviert. Beide haben wie Khalil Radi International Management studiert und bei Finanzdienstleistern gearbeitet. «Für mich war schnell klar, dass mich das Bankenumfeld nicht glücklich macht», sagt Lena Götsch. Themen wie nachhaltige Ernährung und soziale Ungerechtigkeit waren ihr bereits früh wichtig, weshalb sie hauptberuflich bei einem Grossverteiler im Bereich Nachhaltigkeit tätig ist. Bisher leisteten die fünf Geschäftsleitungsmitglieder mehr als 10'000 unbezahlte Arbeitsstunden für die Initiative. Seit vergangenem Juli ist Khalil Radi Vollzeit als Geschäftsführer beim Social Venture angestellt. Die Zuständigkeiten innerhalb des Teams sind klar verteilt. Lena Götsch ist verantwortlich für die Nachhaltigkeit, Xenia Meier kümmert sich um Spezialprojekte und die Operationen im Ausland. Längst beschränkt «Buy Food with Plastic» die Aktivitäten nicht mehr auf Nicaragua. Das Team realisiert in Indien und Ghana das gleiche Konzept. Eine Frage steht dabei im Zentrum, sagt Xenia Meier: «Wie können wir das gesammelte Plastik sinnvoll wiederverwenden?» Jene Flaschen, die beim ersten Event in Nicaragua gesammelt worden sind, dienen heute als Mauerwerk für ein Haus. Darin wohnt eine Mutter mit ihren vier Kindern, die ihr altes Zuhause bei einem Sturm verloren hat. «Eine Bekannte der Familie kam mit dieser Idee auf mich zu», sagt Khalil Radi. Beispiele für den Hausbau aus Plastikflaschen gibt es weltweit. Dafür werden diese mit weiterem Abfall, Sand und Schlamm gefüllt und aufeinandergestapelt. Schliesslich kommt Zement hinzu, der die Flaschen miteinander verbindet. Doch der Hausbau ist für den Einsatz von Plastikflaschen in grossem Stil nicht geeignet. Es brauche sehr viel spezifisches Know-how und Zeit, um die Flaschen zu füllen. Deshalb denkt das Team nun in eine andere Richtung, wie Xenia Meier berichet: «Wir arbeiten mit einem Maschinenbauspezialisten der ETH und einer Produktdesignerin zusammen und wollen mit ihnen und einem lokalen Architekten das Konzept von Precious Plastic, einem Open-Source-Hardware-Kunststoff-Recycling-Projekt, in Nicaragua umsetzen.» Die Idee ist, dass das gesammelte Plastik direkt vor Ort verarbeitet wird und hochwertige Produkte daraus entstehen können. «So können wir den Kreislauf schliessen.» Die Maschinen sollen zum Beispiel in Nicaragua von der lokalen Bevölkerung bedient werden. Dafür bildet das Team einen lokalen Manager aus, der sein Wissen an die Bevölkerung weitergeben kann. Ob Stühle, Tische oder Teller – alle Produkte, die aus Plastik gegossen werden können, sind denkbar. «Unser Ziel ist es, dass die Fabrik kommenden Frühling in Betrieb geht», sagt Xenia Meier. Dabei ist Nicaragua erst der Anfang. «In den nächsten zwei Jahren wollen wir dieses Modell in die Welt hinaustragen, in so viele Kommunen wie möglich», sagt Radi. Auch in Ghana und Indien hat das Team bereits je einen Manager angestellt. Wenn die Upcycling-Fabriken in Zukunft Gewinn erwirtschaften, soll dieser zurück in die lokalen Kommunen fliessen. Dividenden will das Team sich keine ausschütten. «Stattdessen soll der Gewinn neue Projekte finanzieren und vor Ort die Bildung und Ernährung verbessern», sagt Radi. Xenia Meier, Lena Götsch und Khalil Radi gehen damit einen anderen Weg als viele ihrer Mitstudierenden an der ZHAW School of Management and Law . Die beiden Frauen arbeiten Teilzeit, damit sie nebenbei ausreichend Zeit haben für ihr Projekt. Khalil Radi könnte bei einer Bank ein Vielfaches seines jetzigen Gehalts verdienen. Auch wenn die drei nicht klassisch Karriere machen, sind sie dankbar dafür, was sie im Studium gelernt haben. «Für meine Aufgaben als Gründer und Geschäftsführer war das die perfekte Vorbereitung», sagt Radi. Das breit gefächerte Studium habe ihm Wissen in den verschiedensten Bereichen ermöglicht, von Buchhaltung über Organisationsentwicklung bis E-Commerce. Noch arbeiten Khalil Radi und sein Team mit einem sehr schmalen Budget. Mittel kommen von privaten Geldgebern. Dazu erhalten sie Unterstützung von Partnerfirmen, zu denen auch Aldi Suisse gehört. «Damit wir weiterwachsen können, sind wir auf zusätzliche Mittel angewiesen», sagt Radi. Er ist jedoch zuversichtlich, dass «Buy Food with Plastic» demnächst auch finanziell auf festem Boden stehen wird. «Es kommen immer mehr Menschen auf uns zu und wollen Teil der Organisation werden.» Materiell betrachtet hat sich das Leben von Khalil Radi deutlich reduziert. Anstatt in der früheren Wohnung lebt er in einem WG-Zimmer, fährt Fahrrad statt Auto und muss schauen, dass am Ende des Monats genügend Geld für seine Rechnungen übrig bleibt. «Und dennoch fühle er sich heute reicher als zuvor, sagt Khalil Radi. «Denn jeder Tag, an welchem wir der Umwelt und Menschen in Not helfen können, ist ein Gewinn.» Simon Jäggi

Wie halten Sie es mit dem lebenslangen Lernen?

Aufgezeichnet von Ursula Schöni

Massgeschneidert: Hochschulbildung on the Job

Mit einer ganzen Wagenladung voller Muster an Emulsionen und Gels reise sie jeweils an, sagt Petra Huber . «Atelier sensoriel» heisst ihr Kurs, den Kosmetikunternehmen halb- oder ganztags buchen können. Den Firmen vermittelt sie Fachwissen in der Beurteilung von Sensorik und Haptik von Kosmetika. Den Begriff «angewandt» nimmt sie dabei fast wörtlich: Die Eigenschaften von Crèmes, Gels oder Lotionen liessen sich letztlich nur durch Riechen oder Spüren erfahren und testen, sagt sie – auch wenn chemische Verfahren hier unterstützen können. Sie gebe eigentlich einen «sensorischen Sprachkurs», sagt die Dozentin für Kosmetik und Toxikologie am ILGI Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation des Departements Life Sciences und Facility Management . Denn jede Nase nimmt einen Duftstoff anders wahr, jeder Finger empfindet die Geschmeidigkeit einer Crème anders. Wenn das Marketing eine «geschmeidigere Crème» empfehle, wisse die Dame in der Entwicklung damit noch nicht, was sie an der Rezeptur genau verändern müsse. Es geht deshalb darum, die Attribute zu definieren und die Sprache, die sprachliche Charakterisierung einer Crème, zu vereinheitlichen – zu standardisieren. Dahinter stehen aber handfeste betriebswirtschaftliche Erfordernisse: Mit der Standardisierung werden Schnittstellenprobleme beseitigt oder reduziert und dadurch die Effizienz im Unternehmen erhöht. Das Bedürfnis steigt: Huber registriert eine steigende Nachfrage von Firmen, aus der Schweiz und dem nahen Ausland. Sogenannte massgeschneiderte Weiterbildungen wie das «Atelier sensoriel» des Departements Life Sciences und Facility Management sind ein wichtiger Pfeiler der ZHAW-Strategie zum lebenslangen Lernen . Unter dem Zeichen der Durchlässigkeit der Bildung bieten die Departemente der ZHAW Weiterbildungen an, die grösstenteils im Unternehmen selbst durchgeführt und spezifisch an die Bedürfnisse von Unternehmen und Verbänden angepasst werden. Denn Hochschulbildung soll in unterschiedlichen Kontexten stattfinden: «on Campus, online, on the Job», formuliert dies die Strategie. Sie antwortet damit aber auch auf Bestrebungen der Unternehmen, das betriebliche Lernen zunehmend in den Arbeitsalltag zu integrieren (vgl. Box). Das IAP Institut für Angewandte Psychologie arbeitet beispielsweise schon seit Jahren mit dem Telekomunternehmen Swisscom in der internen Weiterbildung der Führungskräfte zusammen. Trainerinnen und Trainer aus Hochschule und dem Unternehmen entwickeln die Führungsausbildung und bilden Führungspersonen aus. Mit Methoden des Blended Learning und Flipped Classroom werden psychologische Grundlagen der Führung und wichtige Führungsthemen der Swisscom vermittelt, in webbasierten Trainings wie in aktiven Übungen. «Ein enger Austausch zwischen den Teilnehmenden erlaubt es ihnen, sich als Führungspersonen in ihren spezifischen Rollen weiterzuentwickeln», schreibt das IAP in seinem Praxisbuch «Psychologie hilft» vom April 2020. Für vorwiegend ältere, erfahrene Kadermitarbeitende der Post-Briefzentren in Zürich-Mülligen und Härkingen entwickelte die School of Management and Law (SML) vor einigen Jahren eine interne Weiterbildung zum Thema Produktion und Logistik. Ziel der Weiterbildung für die Post war – neben der Vermittlung neuer Fachkenntnisse – der Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit. Deshalb sollte der Lehrgang durch ein offiziell anerkanntes Zertifikat abgeschlossen werden: Die 17 Teilnehmenden durchliefen zwei Certificates of Advanced Studies (CAS) und eine Abschlussarbeit zu einem Diploma of Advanced Studies, entwickelt von der SML. Älteren Mitarbeitenden gebe das gewohnte Umfeld Sicherheit, was den Lernerfolg fördere, wird der damalige Leiter des Briefzentrums Zürich-Mülligen, Robert Imholz, im SML-Blog zitiert. Zudem bilde die Klasse eine «Schicksalsgemeinschaft»; das fördere den Teamgeist und diene der Teamentwicklung. Eine exklusive Lernkooperation ist die Nestlé-Tochter Nespresso mit dem ICBT Institut für Chemie und Biotechnologie des Departements Life Sciences und Facility Management eingegangen. «CAS in Coffee Expertise» nennt sich die interne Weiterbildung, die Nespresso ausgewählten Mitarbeitenden anbietet und die nach einem Jahr zu einem Zertifikatsabschluss auf CAS-Stufe führt. Das sei quasi «die Sahnehaube» der internen Schulungen und Trainings für die Mitarbeitenden, sagt Sabine de Castelberg , Verantwortliche Weiterbildung in der Fachgruppe Kompetenzzentrum Kaffee und Analytische Technologien am Institut. Bei der Konzeption vor vier Jahren habe Nespresso explizit einen externen Hochschulpartner gesucht, um eine Aussensicht in die Schulungen einzubringen. «Sie wollten aus der Nespresso-Bubble rauskommen», umschreibt es de Castelberg. Das Programm wurde von den Experten bei Nespresso und der ZHAW gemeinsam entwickelt, und auch bei den Fachreferaten teilen sich Hochschule und Unternehmen auf. Als Basis diente der hochschuleigene CAS-Lehrgang The Science and Art of Coffee , der die ganze Wertschöpfungskette des Kaffees behandelt, von der Pflanze bis zur Tasse. Er wurde dann auf die speziellen Anforderungen von Nespresso angepasst. So werden die betriebseigenen Nachhaltigkeitsprogramme mit anderen Standards der Branche verglichen, um eine gesamtheitliche Sicht zu erhalten. Wichtig sei auch die Frage, wie das neue Wissen ins Unternehmen eingebracht und an andere Mitarbeitende weitergegeben werden könne. Der einjährige Lehrgang wird im Blended Learning durchgeführt: Die Weiterbildung startet mit einem zehntägigen Workshop, der in Wädenswil bei der ZHAW und am «Coffee Campus» des Nespresso-Produktionszentrums in Romont FR stattfindet. Dort treffen sich die gut 15 ausgewählten Teilnehmenden, die aus der ganzen Welt anreisen: Nespresso mit Hauptsitz in Lausanne beschäftigt in über 60 Ländern der Welt über 12’000 Angestellte. So können sich die Teilnehmenden kennenlernen, was das folgende Online-Learning erleichtert, das unter anderem auch aus mehreren fest terminierten Virtual Classrooms besteht. Die ZHAW-Strategie sieht die Vorteile der massgeschneiderten Weiterbildung für die Unternehmen auf verschiedenen Ebenen: «Sie fördert nicht nur die Wissens- und Kompetenzentwicklung in einer Organisation, sondern auch den firmeninternen Zusammenhalt und den Lernerfolg», heisst es in der Strategie. Doch auch für die ZHAW sind solche Kooperationen gewinnbringend: Der direkte Kontakt mit Experten aus der Praxis sei wichtig und lehrreich, und allenfalls entstünden aus einer solchen Zusammenarbeit auch Forschungsprojekte , sagt de Castelberg. Sibylle Veigl

Den Weg für ein technisches Studium ebnen

Nach der Gymi-Matur wusste Laurent Lüthi nicht so recht, in welche Richtung es gehen sollte. Informatik interessierte ihn, aber ein entsprechendes Studium traute er sich ohne fachliche Vorkenntnisse nicht wirklich zu. Deshalb entschied er sich vor drei Jahren ziemlich spontan für ein zweimonatiges Vorpraktikum an der ZHAW. Das Angebot heisst heute Youth2Engineers und richtet sich an Absolventen einer gymnasialen Matur oder einer nicht-technischen Berufsmatur. «Ich wollte herausfinden, ob Informatik etwas für mich ist», sagt der 24-Jährige, der unterdessen bereits zwei Jahre Studium hinter sich hat. Das Vorpraktikum sei eine Art Crashkurs gewesen, in dem sehr kompakt alle Grundlagen vermittelt wurden, fasst Lüthi zusammen. «Ich habe extrem viel gelernt.» Im Unterricht schraubte Lüthi Computer auseinander, um mit der Hardware vertraut zu werden, lernte löten und programmierte schliesslich eine ganze Wetterstation mit Sensoren, die Informationen an eine Datenbank schicken. Der Vorkurs öffnete ihm die Türen zu einem zehnmonatigen Praktikum bei einer Firma, die Vorlagen für einfache Webseiten zum Selberkonstruieren entwickelt. «Nach diesen Vorerfahrungen kann ich dem Unterricht im Studium gut folgen», sagt der angehende Informatiker. Youth2Engineers ist Teil des Angebots, das die School of Engineering (SoE) als Vorbereitung auf ein technisches Studium zusammengestellt hat. Seit einem Jahr laufen alle Kurse unter dem Namen Pre-College . Bei den meisten davon handelt es sich um reine Wissensvermittlung im Präsenzunterricht. Während Gymi-Absolventinnen und Absolventen oder Personen mit einer nicht-technischen Berufsmatur im Hinblick auf ein Informatikstudium vom Programmierkurs profitieren, setzen sich angehende Maschinentechnik-Studierende zuerst mit technischem Zeichnen und CAD auseinander. Derweil stopfen Berufsmatur-Absolventen häufig Lücken in Mathematik und Physik oder peppen ihr Englisch auf. «Wir stellen hohe Anforderungen im Bereich der naturwissenschaftlichen Grundlagen.» Markus Kunz «An der SoE stellen wir hohe Anforderungen im Bereich der naturwissenschaftlichen Grundlagen», sagt Markus Kunz, Professor an der Abteilung Lehre und verantwortlich für den gesamten Pre-College-Bereich. «Daher sind diese Kurse sehr gut besucht.» Von den rund 700 Personen, die an der SoE jährlich ein Studium beginnen, machen meist etwa ein Viertel davon Gebrauch. Für eine Aussage über die Wirksamkeit sei es aber noch zu früh, stellt Kunz klar. Bei früheren Kursen, die manchen Angeboten vorausgegangen sind, seien die Rückmeldungen der Dozierenden insgesamt sehr positiv gewesen. Beim Programm Youth2Engineers ist neben der Vermittlung praktischer und theoretischer Grundlagen die Unterstützung bei der Praktikumssuche ein wichtiger Pluspunkt. Denn ohne Vorkenntnisse sei es in manchen Branchen schwierig, einen geeigneten Praktikumsplatz in einer Firma zu finden, weiss Kunz. Deshalb hat das Departement ein breites Netzwerk mit Partnerfirmen aufgebaut. Diverse Vorbereitungskurse bietet auch das Departement Life Sciences and Facility Management (LSFM) in Wädenswil an. Sie richten sich an Studieninteressierte ohne gymnasiale Matur oder naturwissenschaftliche Berufsmaturität und vermitteln Grundlagenwissen in Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Die Kurse finden entweder im Online-Modus statt, bei dem Dozierende teilweise live über einen Videokanal unterrichten und Fragen beantworten, oder als interaktive E-Learning-Einheiten, die Teilnehmende zeitunabhängig belegen können. Angebote wie etwa das Mathe-Fitnessstudio können auch noch während des Studiums zur Repetition genutzt werden. Analog zum Youth2Engineers der SoE findet am Departement LSFM zudem das Laboreinführungspraktikum statt. Es vermittelt während zweier Monate grundlegende Labormethoden aus der Chemie, Biotechnologie und Lebensmitteltechnologie sowie Kenntnisse in Arbeitssicherheit. Anschliessend unterstützt die ZHAW die Teilnehmenden bei der Suche nach einem Praktikum in der Industrie. Ein weiterer Zugang, der Personen mit einer gymnasialen Matur den Weg an die Fachhochschule ebnet, ist das Praxisintegrierte Bachelorstudium (PiBS). Es dauert vier statt drei Jahre, weil die normalerweise verlangte einjährige Arbeitserfahrung im Studium integriert ist. Somit können Gymi-Abgänger direkt mit dem Studium beginnen. «Theorie und Praxis gehen bei diesem Modell Hand in Hand», sagt Ximena Florez, die 2015 den PiBS-Studiengang Verkehrssysteme in Angriff genommen hat. «Das hat mir sehr entsprochen.» «Theorie und Praxis gehen beim Praxisintegrierten Bachelorstudium Hand in Hand.» Ximena Florez Für die Aufteilung von Studium und Praxis gibt es verschiedene Möglichkeiten. Während einige Studierende die ganzen vier Jahre hindurch im Teilzeitpensum arbeiten, wechseln andere phasenweise zwischen Hochschule und Praktikumsplatz ab. Ximena Florez zum Beispiel studierte zuerst zwei Jahre Vollzeit. Danach trat sie ihren Praktikumsplatz bei den SBB an, den sie über das Partnernetzwerk der ZHAW gefunden hatte. Dort arbeitete sie im dritten Jahr Vollzeit und im vierten Jahr Teilzeit, während sie weiterstudierte. Besonders das letzte Jahr mit dem 140-Prozent-Pensum sei streng gewesen, blickt die 27-Jährige zurück, aber auch abwechslungsreich. Weil die SBB extra für PiBS-Studierende einen speziellen Einsatzplan erarbeitet haben, erhielt sie Einblick in verschiedene Betriebsbereiche. «Dabei ergaben sich die Themen für meine Projektarbeit sowie die Bachelorarbeit wie von selbst aus der Arbeitspraxis heraus», sagt die Verkehrsingenieurin, die auch heute noch bei den SBB arbeitet. Die ZHAW bietet das PiBS seit 2015 für zehn Studiengänge an der SoE und am Departement LSFM an. Interessierte müssen einen Ausbildungsvertrag mit einem Partnerunternehmen abschliessen und einen anspruchsvollen Rekrutierungsprozess durchlaufen. Meistens erhalten sie einen Praktikumslohn. Der Bund hat das Modell 2014 im Rahmen der Fachkräfteinitiative als Pilotversuch lanciert. Nachdem eine Evaluation ergeben hat, dass es sich bewährt, hat der Bundesrat im März beschlossen, das Programm einstweilen bis zum Startjahr 2025 zu verlängern. Sowohl an der SoE als auch in Wädenswil sieht man das vierjährige Modell als Erfolg. «Das PiBS wird jedes Jahr beliebter», sagt Christian Hinderling , Leiter des Instituts für Chemie und Biotechnologie. Nach einer gymnasialen Matur sei es eine attraktive Chance. «Das Modell verdient es, an den Gymnasien noch bekannter zu werden.» Andrea Söldi

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