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Daten sammeln für das Kindeswohl

Geht es um Kinder, wird die Diskussion schnell emotional. Erst recht, wenn traurige Ereignisse wie Missbrauch oder Vernachlässigung publik werden. Haben die Behörden zu spät gehandelt und das Wohl des Kindes damit gefährdet? Griffen sie zu früh oder zu rigoros ein und trieben Eltern und Kind in die Verzweiflung oder gar zu fatalen Aktionen? Solche Fragen beschäftigen nicht nur die breite Öffentlichkeit, sondern genauso jene Menschen, die beruflich im Bereich des Kindesschutzes tätig sind. Ihre Aufgabe ist es, die körperliche und seelische Integrität von Kindern und Jugendlichen zu sichern. Dazu müssen sie in komplexen und oftmals auch widersprüchlichen Situationen Abklärungen treffen und Entscheidungen fällen, die nicht nur mit hohen Risiken, sondern auch mit Unsicherheit verbunden sind. «In der Schweiz basierte die Arbeit im Kindesschutz lange Zeit auf einer Kombination von persönlicher Erfahrung und spezifischer Weiterbildung, dazu kam viel Intuition», sagt David Lätsch vom Institut für Kindheit, Jugend und Familie der ZHAW Soziale Arbeit . «Wir haben in den letzten Jahren daran gearbeitet, evidenzbasierte Instrumente in die Praxis einzuführen. Nicht um Intuition und menschliches Ermessen überflüssig zu machen, sondern um es zu unterstützen.» Ein Problem bei diesem Ansatz bleibt jedoch, dass es immer noch zu wenig empirische Forschung im Kindesschutz gibt, speziell in der Schweiz. Das betrifft alle Stufen eines Kindesschutzverfahrens, von der Erkennung einer Gefährdung bis hin zur Entscheidung über die Intervention, im äussersten Fall eine Fremdplatzierung des Kindes. Lätsch will deshalb herausfinden, ob und wie algorithmische Codes diesen Prozess verlässlicher machen könnten. Er bereitet ein Forschungsprojekt vor, mit dem es gelingen soll, verschiedene Interventionsmethoden auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. Predictive Chance Modelling (PCM) nennt sich sein Ansatz. Zunächst müssen systematisch Angaben über die Familien gesammelt werden. Dazu gehören Administrativdaten, beispielsweise Alter, Bildungsgrad oder die familiäre Konstellation von Eltern und Kind, aber auch vorangehende Interventionen oder Sozialleistungen, die allenfalls bereits beansprucht worden sind. Genauso wichtig sind zusätzlich fein aufgelöste Daten zum Familiensystem wie etwa die subjektive Gesundheit und das psychische Befinden von Eltern und Kind oder die Qualität der Eltern-Kind-Interaktion, die im Kontakt mit der Familie erhoben werden, meist durch Sozialarbeitende. Anhand neuerer Ansätze der Datenmodellierung lässt sich dann ermitteln, welche Intervention in einem konkreten Fall die höchste Erfolgswahrscheinlichkeit hat. Das heisst im Regelfall: Wie man die Familie am besten darin unterstützen kann, für das Wohl der Kinder zu sorgen. Um es mit der Medizin zu vergleichen: Werden Medikamente auf ihre Wirksamkeit getestet, erfolgt dies mit randomisierten, kontrollierten Studien, mit zufällig zugeordneten Testgruppen und Scheinbehandlungen mit Placebo. Diese Art von Forschung ist beim Kindesschutz jedoch nahezu inexistent. Einer der Gründe dafür sei der Anspruch auf Rechtsgleichheit, sagt David Lätsch: «Kaum jemand in der Praxis würde dafür plädieren, dass man bei der Wahl der Intervention einen Würfel einsetzt.» «Interventionen finden immer in einem Zwangskontext statt, da möchten viele Familien nicht auch noch Fragebogen ausfüllen.» David Lätsch, Institut für Kindheit, Jugend und Familie Als weiteren Grund für die Probleme herkömmlicher Forschungsdesigns im Kindesschutz nennt der Forscher und Dozent die Hürden bei der Beteiligung der Familien: «Interventionen finden immer in einem gewissen Zwangskontext statt, da möchten viele Familien nicht auch noch alle vier Wochen einen Fragebogen ausfüllen oder für Interviews zur Verfügung stehen.» Den entscheidenden Vorteil des Predictive Chance Modelling sieht Lätsch darin, dass man den «natürlichen Zufall, der im System bei der Entscheidung über Interventionen ohnehin drin ist, für Forschungszwecke nutzen kann. Hat man einen Datensatz von 7000 Familien, kumuliert das enorm viel praktische Erfahrung», sagt der Forscher. So werden in der Praxis für Familien in ähnlichen Situationen oft unterschiedliche Interventionen gewählt – unter anderem eben deshalb, weil es bisher keine unstreitigen Kriterien für die Entscheidung gibt. Bei sehr vielen Fällen lässt sich anhand dieser zufälligen Variation nun mit statistischen Mitteln rekonstruieren, welche Intervention in einer bestimmten Ausgangslage am verlässlichsten für positive Verläufe sorgt. Im angelsächsischen Raum, allen voran in den USA, arbeitet man schon länger mit statistischen Methoden im Kindesschutz. Allerdings ist man dort weitgehend auf Risiken fixiert, auf die Vorhersage von Gefährdungen, nicht von positiven Hilfeverläufen. Auswertungen des sogenannten Predictive Risk Modelling (PRM) zeigen, dass damit mehr Fälle verhütet werden können als unter Anwendung intuitiver Methoden. Allerdings ist dort auch der Ansatz ein anderer: In den USA wartet man eher lange mit Interventionen, reagiert dann aber entschlossen, während man in Europa und auch in der Schweiz eher ein Wohlfahrtssystem pflegen möchte, das möglichst vielen Familien möglichst früh Unterstützung bietet. «Wir sind gut beraten, wenn wir beide Ansätze zusammenbringen», ist David Lätsch überzeugt, «das heisst, wenn wir die Stärken eines empirischen, evidenzbasierten Ansatzes verbinden mit einer Haltung, welche die Familie nicht als Objekt eines staatlichen Eingriffs anschaut, sondern als Partner mit grundsätzlich sehr hohem Interesse an der Entwicklung ihres Kindes.» Er zieht noch einmal den Vergleich zur Medizin, bei der sich weitgehend etabliert hat, den Patienten oder die Patientin in die Entscheidungsfindung miteinzubeziehen: «Im Kindesschutz ist es komplizierter, weil es drei Parteien sind, aber man kann trotzdem relativ weit gehen mit dem Einführen von empirischen Befunden und Evidenzen, soweit man die Autonomie der Eltern und Kinder respektiert.» Aber natürlich gebe es auch Grenzen des Dialogs, sagt David Lätsch: «Liegen schwerwiegende Fälle von Missbrauch oder Misshandlung vor, gibt es nichts mehr zu verhandeln.» Regula Freuler

Von Datensalat und Blattsalat

Rohkost ist gesund, bekommt man schon als Kind gesagt. Vitamine und Ballaststoffe aus Karotten, Gurken, Kräutern oder Salaten gelten als wichtig für eine ausgewogene Ernährung. Dass Rohkost aber auch krank machen kann, wissen vor allem Reisende, die an Orten unterwegs sind, an denen gute Hygienemassnahmen Fehlanzeige sind. Einschlägige Ratgeber empfehlen dort, nur gekochte Speisen zu essen. In Erinnerung geblieben ist ebenso der Sprossenskandal, bei dem in Deutschland, vor einigen Jahren viele Konsumentinnen und Konsumenten an EHEC-Bakterien (Enterohämorrhagischen-Escherichia-coli-Bakterien) erkrankten. «Mittlerweile ist es eine allgemein anerkannte Tatsache, dass Humanpathogene in Pflanzen überleben können», sagt Moritz Kaufmann. Der Doktorand in der Forschungsgruppe Umweltgenomik und Systembiologie der ZHAW in Wädenswil forscht daran, wie man Pflanzen widerstandsfähiger machen kann gegen Keime, die Menschen krank machen können. Er arbeitet dabei nicht etwa auf dem Acker, im Gewächshaus oder im Labor, sondern jongliert am Computer mit Statistikprogrammen und Programmiersprachen. Data Science ist auch bei den Biowissenschaften auf dem Vormarsch. Seine Aufgabe umschreibt der 30-Jährige dabei so: «Bisher weiss man, dass die Anreicherung der Böden mit Chitin gute Wirkung zeigt. Wir wollen jetzt herausfinden, weshalb das so ist und welche Mechanismen da ablaufen.» Chitin ist ein Polysaccharid, das vor allem in Pilzen oder Insektenkörpern vorkommt, und es ist das zweithäufigste Molekül der Erde. Ursprünglich für die Verbesserung der Bodenqualität und des Pflanzenwachstums im Einsatz, zeigte sich, dass die Pflanzen durch die Zugabe von Chitin auch weniger anfällig waren für Keime, die Menschen gefährlich werden können. «Auch bei Life Sciences fallen immer mehr Daten an – ohne Data Science ginge nichts.» Joël Pothier, Forschungsgruppe Umweltgenomik und Systembiologie Die Arbeit des Doktoranden, der bereits in der Industrie als Data Scientist Erfahrungen gesammelt hat, ist Teil eines internationalen, vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekts der Universitäten Zürich und Gent und der ZHAW . Als Untersuchungsobjekt dient Blattsalat, der wegen der günstigen feuchten Bedingungen zwischen den Blättern eine besonders anfällige Kulturpflanze ist. Als Modellkeim wurde angesichts der hohen Zahl von Krankheitsausbrüchen im Zusammenhang mit Frischprodukten Salmonella gewählt. «Bei den Feldversuchen und DNA-Sequenzierungen fallen grosse Datenmengen an», erklärt Kaufmanns Betreuer Joël Pothier , wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe Umweltgenomik und Systembiologie. Kaufmann bringt Ordnung in den Datensalat und überprüft die Versatzstücke anhand verschiedener Hypothesen: «Eine davon ist, dass Chitin von den Bodenbakterien abgebaut wird und die Pflanzen damit mehr Nährstoffe zur Verfügung haben, was sie widerstandsfähiger macht.» «Man könnte dann mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit sagen, wann der Salat für den Verzehr geeignet ist.» Moritz Kaufmann, Doktorand Ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge würde bessere Vorhersagen erlauben, führt Moritz Kaufmann aus. «Man könnte dann zum Beispiel mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit sagen, wann der Salat für den Verzehr geeignet ist.» Dies wäre ein grosser Fortschritt für die Lebensmittelsicherheit, und Rohkost wäre morgen noch gesünder als heute. Patricia Faller

Die (des)informierte Gesellschaft

English Version Karl Steinbuch, ein Vordenker der Digitalisierung, zeichnete 1966 das Bild einer Gesellschaft, in welcher durch Nachrichtentechnik überall erhältliche Informationen Objektivität fördern und in der dadurch rationale Entscheidungen die Handlungen der Menschen bestimmen werden. 1989 sah er diese Vision alles andere als verwirklicht und trat für eine zweite Aufklärung ein. Auch derzeit scheint es so, als stehe das Konzept der informierten Gesellschaft erneut auf der Kippe. Weshalb Datenschutz und Ethik ganz nach oben auf der Agenda einer hypervernetzten Gesellschaft rücken. Der Begriff der Digitalisierung wird kontextuell in verschiedenen Dimensionen strapaziert. Werden wir digitalisiert, digitalisiert es uns, oder führen wir seit Anbeginn der Entwicklung des Menschen Techniken ein, die das Zusammenleben auf dem Planeten und uns als Individuum aus dem Dazwischensein (Technik–Mensch, Online–Offline) verändern? Die Verfügbarkeit des Wissens durch Technik kann als einer der wesentlichen Treiber eines Aufklärungs- und Demokratisierungs-Prozesses gesehen werden, der es ermöglicht, dogmatische Fesseln institutioneller Deutungshoheit zu überwinden. Dies geschieht jedoch nicht ohne Nebenwirkungen und Kollateralschäden. Nicht länger bestimmen wenige Menschen an besonderen Orten, was zu tun ist. Eine wachsende Zahl an Menschen kann sich am Prozess der Wissengenerierung und -analyse sowie der Beschreibung von Zusammenhängen beteiligen. Dieser Prozess bewirkt nicht nur eine Umwälzung bezüglich der Deutungshoheit in Religion, Staat, Wissenschaft und Bildung, sondern auch bezüglich der Gestaltung von Austauschbeziehungen und dem Zusammenleben in der Gesellschaft. Die Verfügbarkeit von Informationen und das Ablegen dogmatischer Fesseln ermöglichen eine zunehmende Individualisierung. Die Bedeutung von Experten geht angesichts der vielfältigen im Netz verfügbaren Erfahrungen verloren. Der Mensch, der fähig ist, Informationspfade anzulegen, aufgefundenen Daten Bedeutung zuzuordnen und Entscheidungen zu treffen, denkt, alles unter Kontrolle zu haben. Begrenzt scheint diese Kontrollmöglichkeit nur durch die Verfügbarkeit seiner eigenen Ressourcen. Diese Verfügbarkeit bleibt vielleicht die einzige Konstante. Nachdem sich zunächst das Weltbild der Zusammenhänge gewandelt hatte – Kopernikanische Wende –, gewann die Art und Weise, wie die Menschen über Zusammenhänge denken und sprechen – sprachliche Wende – an Bedeutung. Das automatisierte Denken mit der damit verbundenen Beschleunigung läutet die digitale Wende zur «Nächsten Gesellschaft» (Baecker 2018) ein, die mehr und mehr von der Auflösung der Informationsasymmetrien geprägt ist. Die zunehmende Verfügbarkeit von Information verändert insbesondere dort das Bewusstsein, wo ein gesichertes Lebensumfeld mit einem gewissen Wohlstand verbunden ist. Die Erinnerung an das Erbe früherer Stammeskulturen Europas hinterlässt uns eine Besonderheit der Art Versammlungen, die meist an ausgewählten und besonderen Orten stattfanden und auf alle Teilnehmenden und Ausgeschlossenen eine besondere Wirkung hatten. Die private Kommunikation fand meistens am Kreis, um den besonderen Ort, peripher zwischen Einzelnen oder mehreren statt – also klar und überschaubar. Wenn jemand Informationen oder Entscheidungen mitteilen oder mit allen herbeiführen wollte, begab er sich ins Zentrum. Einer sprach zu vielen, die dem einen Gehör schenkten und Zustimmung oder Ablehnung signalisierten (Hénaff, 2017). In der «Nächsten Gesellschaft» löst sich das Zentrum auf und die Kommunikation findet potenziell unter allen, dezentral statt. Das Netzwerk stellt in seiner Binnenkomplexität ein Ungewissheitskalkül bereit, innerhalb dessen Akteure permanent Entscheidungen treffen müssen. Beziehungs- und/oder Bedeutungsangebote werden angenommen, zurückgewiesen oder umgedeutet. Hierbei zählt nicht länger nur der Inhalt, sondern der Kontext, in dem interagiert wird.
Im Netzwerk wird die Identität eines Elements – etwa eines Individuums oder eines Bots – nicht substanziell, sondern durch die Beziehung mit anderen Elementen bestimmt, und zwar so stark wie kaum je zuvor. Je nach Grundhaltung der einzelnen Akteure entsteht so ein mehr oder weniger emotionaler/rationaler Relativismus. Diese Ungewissheit begründet sich darin, dass alle Akteure zu jeder Zeit damit rechnen müssen, Attraktivität und/oder Reputation zu verlieren und gegen andere Akteure ausgetauscht zu werden. So veränderte sich die für die Umwelt des Einzelnen existenzielle Bestimmung des besonderen Ortes, der von einem Horizont begrenzt wird. Bewegt sich das Individuum auf den Horizont zu, verschiebt sich die Linie, an der zum Beispiel ein Oben und ein Unten definiert werden können. Durch den Einsatz digitaler Endgeräte, die den Datenaustausch verschiedener Loci und Zeiten überbrücken, entsteht ein Internet der verschiedenen Horizonte. Die Tribalgesellschaft setzt das Individuum durch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe auf einem Territorium mit Grenzen in Raum- und Zeitdimensionen in Szene. Die moderne Gesellschaft entwickelt den Gedanken zur Selbsterkenntnis weiter, um begreifen zu können, was dem Individuum widerfährt und was um es herum passiert. Dies geschieht im Bewusstsein, dass seine Handlungen Spuren hinterlassen. In der «Nächsten Gesellschaft» wird das singuläre Verhalten eines Individuums in wiederkehrenden Mustern massenhaft reproduziert. Der Mensch versucht dies jedoch auszublenden, denn sie/er/es will wie andere auch den Unterschied machen. Privatheit kann als das Fehlen der Vorherbestimmtheit interpretiert werden. Diese von Selbstbestimmung sowie durch andere und gesellschaftliche Zwänge geprägte Unbestimmtheit schafft den Raum für eine aktive Entscheidung zwischen Absenz und Teilnahme. Jemand, der durch moderne Kommunikationsmittel und Vernetzung erreichbar ist, dadurch aber nicht gebunden wird, kann den Spielraum zwischen Absenz und aktiver Partizipation ausnutzen. Um eine Entscheidungsfähigkeit des Individuums aufrechterhalten zu können, muss diese zentrale Errungenschaft der modernen Gesellschaft in Form der Aufrechterhaltung der Privatheit verteidigt werden. Durch die Kalkulierbarkeit potenzieller Handlungen und Wünsche der Individuen in Erlebnisgemeinschaften werden diese bereits offenbar, bevor sie dem Individuum selbst ins Bewusstsein treten. Dieses Konzept wird von Lecinski (2014) im «Zero Moment of Truth" definiert, in dem alle Vorerfahrungen in dem Moment zu wirken beginnen, wo eine potenzielle Entscheidung aktualisiert wird. Vorherige Erfahrungen und Handlungen beeinflussen so Anschlusshandlungen und soziale Kontakte. Die Frage, die hier aufgeworfen wird, ist, was vom Privaten bleibt. Durch jede Vernetzung entsteht das Risiko, die eigene Identität im Netz zu spiegeln oder eben nicht. Nach Baecker (2018) ist Privat in der neuen Gegenwart vielleicht nur noch das, was sich als unkalkulierbare Negation aus dem Erwarteten darstellen lässt. Informationen werden zunehmend zur Ressource der Selbstoptimierung und Selbstausbeutung mit Suchtpotenzial, wo durch Algorithmen und automatisiertes Denken der nächste aufkeimende Wunsch schon kalkuliert und stimuliert werden kann, bevor er dem Individuum selbst bewusst wird. Dies führt fallweise niederschwellig zu einer intermittierenden positiven wie negativen Verstärkung, eröffnet die Möglichkeit zu einer schleichenden Verhaltensbeeinflussung und birgt die grosse Gefahr der individuellen Massenmanipulation. Wenn jeder seine eigene Wahrheit erhält, schrumpft gleichzeitig der Raum für Kompromisse. Automatisiertes, fremdkuratiertes Wohlbefinden und die Valorisierung von Aufmerksamkeit in den (a)sozialen Medien, führt immer mehr zu einem Wettbewerb um Selbstdarstellung zur persönlichen Optimierung, die nicht vor kosmetischen Operationen und Selbstzerstörung halt macht. Das ursprüngliche Geschäftsmodell der Technologieunternehmen in diesem Bereich hat sich vom Verkauf von Software zum Verkauf der Aufmerksamkeit der Benutzer gewandelt. So wird der Mensch selbst zur extrahierten Ressource. Ziele sind hier: Bildschirmzeit verlängern, Netzwerk vergrössern, Werbung konsumieren, Verhalten anpassen. Der damit zunehmende Kontrollüberschuss wird von der Plattformökonomie als eine Art Überwachungs- und Explorationskapitalismus (Zuboff, 2019) ausgebeutet, um Territorialstaaten in Form von Digitalstaaten zu überwinden. Durch das Betreiben von Plattformen entstehen Digitalstaaten, die physische Grenzen überwinden und die an Staaten und Territorien gebundene Gesellschaften mit ihren Regeln nicht nur in der Wertschöpfung in Frage stellen. Automation mit der Vision von vollständiger Transparenz und individualisierten Produkten verändert nicht nur die Arbeitswelt. Dort, wo automatisiertes Denken von Automaten ausgeführt wird, die Menschen programmiert und konstruiert haben, wird der menschliche Zweifel abgeschafft. In dem Moment, wo der Übergang zur «Nächsten Gesellschaft» für viele spürbar wird, entsteht eine Vorstellung davon, welche Chancen und Risiken die veränderten Geschäftsmodelle bieten und wie mit den Themen Datenschutz und digitale Ethik umgegangen werden könnte. Im Rückspiegel der Reflexion gesellschaftlicher Entwicklungen wird klar, dass etwas fortschreitet, was die Welt zunehmend verändert: die Selbstdefinition des Menschen in Gesellschaft durch die Technik und das Netz. Foodward.ch Tilo Hühn

The (dis)informed society

In 1966, Karl Steinbuch, a pioneer of digitization, drew a picture of society that will promote ubiquitous information and objectivity through communications technology, and rational decisions will determine people's actions. He corrected this in 1989 and advocated a second enlightenment. At present, it seems that the Informed Society is once again powerfully on the brink of collapse. Data protection and ethics are moving to the top of the agenda of a hyper-networked society. The concept of digitization is contextually strained in various dimensions. Are we being digitized, is it digitizing us, or have we been introducing techniques since the beginning of human development that change the way we live together on the planet and ourselves from in between? The availability of knowledge through technology can be seen as one of the essential drivers of a process of enlightenment and democratization that makes it possible to overcome dogmatic chains of institutional interpretative sovereignty. However, side effects and collateral damage do occur. No longer do a few people in special places determine what is to be done. A growing number of people can take part in the process of generating knowledge and analyzing and describing relationships. This process is not only a revolution for the sovereignty of interpretation in religion, state, science and education, but also in the shaping of relationships and living together in society. The availability of information and the discarding of dogmatic chains enable an increasing individualization. The importance of experts is being lost in favour of a wide range of experiences available on the Internet. People with the ability to create information paths, to assign meaning to found data and to make decisions feel they have a degree of control that seems to be limited only by the availability of their resources. This availability may remain the only constant. After the world view of contexts had changed – Copernican turn –, the way people think and speak about contexts – linguistic turn – gained in importance. Automated thinking and the associated acceleration heralded the digital turn to the “Next Society”, which is increasingly characterized by the dissolution of information asymmetries. The increasing availability of information is changing consciousness, especially where a secure living environment is associated with a certain level of prosperity. People who have resources and thus prosperity would like to exist as long and as healthy as possible in a largely intact environment. Accordingly, since the 1990s there has been a sensitization regarding the shaped lifestyle, which is increasingly reflected in the mirror of the Nets. Reporting on the effects of anthropogenic activities with regard to climate change is leading to a change in awareness and a beginning change in behaviour, especially in mature economies. This effect is characterized above all by the fact that the standard of living achieved can be maintained as far as possible without sacrifices. Behavioural adjustments can be expected initially in those areas where individual transaction costs remain as low as possible. Individuals increasingly expect other people who provide services for them to behave adequately and appropriately in order to secure the status quo of the planet. Thus, the pressure is growing with regard to a sustainable and transparent approach for which the “Next Society” provides the technological means. Something can happen to an individual and they are able to act. This is due to the fact that it is defined by society. In the early tribal cultures in Europe, private communication took place around the circle – the place peripherally between individuals or groups – during meetings in special places that have a special effect on the participants in their society. If someone wanted to share information or share or make decisions with everyone, they went to the center. One person spoke to the many who listened to and signaled approval or rejection. In the “Next Society”, the center dissolves and communication potentially takes place decentrally among all (Hénaff, 2017). In its internal complexity, the network provides a calculus of uncertainty, within which decisions must be permanently made by the actors. Thus offers of relationships and/or meaning are accepted, rejected or reinterpreted. It is no longer only the content that counts, but the context in which the interaction takes place. The identity of an element in the network is not determined by substance, but rather by its relationship with other elements to an extent never seen before. Depending on the basic attitude of the individual actors, this results in a more or less emotional/rational relativism. This uncertainty is based on the fact that all actors must at all times expect to lose attractiveness and/or reputation and to be replaced by others. This changed the existential determination a particular place, bounded by a horizon, had for the environment of the individual. If the individual moves towards the horizon, the line at the top and bottom shifts, and if a point is determined, a left and right of it can be located. Through the use of digital devices that bridge the data exchange of different loci and times, an Internet of Horizons is created. The tribal society puts the individual in the limelight by belonging to a group on a territory with boundaries of space and time. Modern society develops the idea of self-knowledge further, in order to be able to understand what happens to the individual and what happens around him. This happens in the awareness that his actions leave traces. In the “Next Society”, the singular behaviour of an individual is reproduced en masse in recurring patterns. On the one hand, the individual in this situation tries to overlook this, which he/she gratefully accepts in other situations, because she/he wants to make the difference like others. Privacy can be interpreted as the absence of determination. This indeterminacy, characterized by self-determination as well as by other and social constraints, creates the space for an active decision between absence and participation. Someone who can be reached through modern means of communication and networking, but who is not bound by them, can take advantage of the space between absence and active participation. In order to maintain an individual's ability to make decisions, this central achievement of modern society must be defended in the form of maintaining privacy. Information is increasingly becoming a resource for self-optimization and self-exploitation with addictive potential, where algorithms and automated thinking can calculate and stimulate the next budding desire before the individual himself becomes aware of it. This leads to intermittent positive and negative reinforcement, opens up the possibility of creeping behavioural influence and bears the great danger of individual mass manipulation. If everyone receives his or her own truth, the room for compromise shrinks at the same time. Automated, externally curated well-being and the valorisation of attention in the (a)social media, lead more and more to a competition for self-expression of personal optimization, which does not stop at cosmetic surgery and self-destruction after depression. Through the calculability of potential actions and desires of individuals in experiential communities, these become apparent before they enter the consciousness of the individual. This concept is defined by Lecinski (2014) in "Zero Moment of Truth", in which all previous experiences begin to have an effect the moment a potential decision is updated. Previous experiences and actions thus influence follow-up actions and social contacts. The question that is raised here is: What remains of privacy? Every networking creates the risk of mirroring one's own identity on the net or not. According to Baecker (2018), in the new present, privacy is perhaps the only thing that can be presented as an incalculable negation of the expected. The original business model of technology companies in this field, has changed from selling software to selling the attention of users. Thus, the human being himself becomes an extracted resource. The goals are: Extend screen time, enlarge network, consume advertising, adapt behaviour. The resulting increasing surplus of control is exploited by the platform economy as a kind of surveillance (Zuboff, 2014) and exploration capitalism to overcome territorial states in the form of digital states. Through the operation of platforms, digital states emerge that transcend physical borders and challenge the societies bound to states and territories with their rules not only in terms of value creation. Automation with the vision of complete transparency and individualized products is not only changing the world of work. Wherever automated thinking is performed by machines programmed and constructed by humans, human doubt is abolished. The moment the transition to the "Next Society” becomes palpable to many, there emerges an idea of the opportunities and risks that the changed business models offer and of how the issues of data protection and digital ethics could be dealt with. In the rear-view mirror of reflecting social developments, it becomes clear that something is progressing that is increasingly changing the world. Foodward.ch Tilo Hühn

Unternehmen ohne Chefs

Ein sperriger Begriff: die Dezentralisierte Autonome Organisation, abgekürzt DAO. Aber man sollte ihn sich merken. Denn viele Fachleute sehen in der DAO die kommende Organisationsform unserer zunehmend durchdigitalisierten Welt. Am besten stellt man sich unter einer DAO zunächst eine Blockchain vor (siehe Kasten). Auf dieser Blockchain lassen sich Zahlungen mit einer Digitalwährung tätigen, aber noch viel mehr. Beispielsweise umfasst sie auch digitale, in Programmiersprache verfasste Abmachungen, sogenannte «Smart Contracts», die sich automatisch ausführen lassen, wenn die Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Werden mehrere solcher Smart Contracts verbunden und dezentral durch ihre Teilhaber gesteuert, spricht man von einer DAO. Eine DAO ist also eine Art digitale Firma, die ohne Chefs, ohne Gremien, ohne Sitzungen auskommt. Das ganze Innenleben der Firma ist automatisiert. «Alle Prozesse werden dezentral abgewickelt», sagt Michael Lustenberger , Blockchain-Experte an der ZHAW School of Management and Law. «Im Gegensatz zu klassischen Firmen brauchen DAOs keine hierarchische Struktur mehr.» Nochmals anders gesagt: Blockchains erlauben Transaktionen ohne Vermittler. DAOs ermöglichen Unternehmertum ohne Führungskräfte. Das Gebiet ist jung und in Entwicklung – DAOs in Reinform existieren darum heute noch nicht. Aber es gibt «Blockchains mit DAO-Charakter», wie Florian Spychiger sagt, der ebenfalls an der ZHAW School of Management and Law forscht. Als Beispiel nennt er die Tezos -Stiftung mit Sitz in Zug, die mit ihrer neuartigen Blockchain den Finanzsektor erobern will. Tezos ist eine Plattform für digitale Finanzgeschäfte, die jeweils gleich mit der Blockchain-eigenen Digitalwährung bezahlt werden können. «Die Weiterentwicklung geschieht hier bereits on-chain», sagt Spychiger. «Die ganze Community kann Verbesserungsvorschläge einbringen, über die dann direkt via die Blockchain abgestimmt wird.» Solche Abstimmungsprozesse gehören zum Kern von Dezentralisierten Autonomen Organisationen, denn sie ersetzen hier die Management-Entscheide. Schwierige Fragen sind damit verbunden: Wer hat wie viel Stimmgewicht? Wie verhindert man, dass sich die unterlegene Minderheit nach einer Abstimmung abspaltet? Ist es überhaupt sinnvoll, wenn alle Teilhaber, die sich in der Materie womöglich gar nicht auskennen, bei allen Fragen mitreden? Mancherorts setzt man dann doch wieder auf ein Kernteam, das beispielsweise darüber entscheidet, welche Vorschläge zur Abstimmung kommen. Eine andere offene Frage ist jene nach Schlichtungsgremien ausserhalb der Blockchain. Denn trotz ausgeklügelter Mechanismen wird es immer Streitfälle geben, die in den Smart Contracts nicht vorhergesehen wurden. Restlos alles lässt sich nicht digitalisieren. Trotz solcher ungeklärter Fragen bescheinigen die beiden ZHAW-Forscher den DAOs eine grosse Zukunft. Das Einsatzgebiet gehe weit über den Finanzbereich hinaus. «Sehr geeignet sind DAOs vor allem für Vermittlungsplattformen, etwa für Wohnungen oder Dienstleistungen», sagt Michael Lustenberger. «Ein Fahrdienstvermittler beispielsweise bräuchte eigentlich keine Angestellten.» Es genügt eine digitale Plattform, wo Fahrer und Kunden sich finden können. Bezahlt wird digital über die Plattform-eigene Währung. Die Benutzer wären gleichzeitig Teilhaber und könnten über die Weiterentwicklung der DAO bestimmen. Alles digital, alles dezentral. Technisch wäre das schon heute machbar. Dass noch keine Fahrdienstvermittler-DAO existiert, liegt daran, dass bestehende Anbieter wie Uber oder Lyft kein Interesse daran haben, ihr Unternehmen zu dezentralisieren und demokratisieren. Denn dabei entfiele der Gewinn, den sie heute mit ihren Geschäften machen. Auch ein gewinnorientierter Jungunternehmer wird darum zögern, eine DAO zu gründen. «Am Anfang braucht es sicher viel Idealismus», sagt Michael Lustenberger. «Man muss eine Form finden, um freiwillige Anfangsinvestitionen zu entschädigen. Etwa indem man die Gründer am Erfolg der DAO teilhaben lässt.» DAOs eignen sich aber nicht nur für Plattformen: Sie können auch physische Objekte steuern. Paradebeispiel hierfür ist das sich selbst verwaltende Haus, das niemandem gehört. Es heisst no1s1 (gesprochen: «no one’s one») – angestossen hat das Projekt der Zürcher Thinktank Dezentrum, der sich mit digitalen Zukunftsszenarien auseinandersetzt. Das Haus soll, wenn es denn einmal steht, durch eine Blockchain gesteuert werden und für Veranstaltungen zur Verfügung stehen. Es organisiert sich vollständig selber: schliesst Verträge mit Veranstaltern ab, kassiert dafür Geld, ruft Handwerker und bezahlt sie. So ein Haus ist, wie alle DAOs, auch effizient und kostengünstig, spart man sich doch die Verwaltungskosten. «Ziel dieses Pionier-Projektes ist es, neue Denkanstösse zu geben und herauszufinden, was funktioniert und was nicht», sagt Florian Spychiger. «Die grösste Herausforderung ist derzeit die rechtliche Lage. Die Behörden wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.» Dabei geht es um Fragen wie: Wer haftet für Schäden? Wer ist verantwortlich, wenn es eine illegale Aktion im Haus gibt? Wo können sich Nachbarn über Lärm beschweren? Ein Objekt, das sich selbst gehört und verwaltet, ist in unserem Rechtssystem nicht vorgesehen. Rechtsunsicherheit ist auch mit ein Grund, warum Firmen, die über Lieferketten miteinander verbunden sind, meist keine DAOs gründen. Eigentlich wäre die Organisationsform dafür prädestiniert, den Weg eines Produkts von den Rohstofflieferanten bis zum Endverbraucher zu dokumentieren, die Nachverfolgbarkeit zu verbessern und die Abläufe zu automatisieren. Oft setzen die Beteiligten dabei heute zwar tatsächlich auf eine Blockchain, wählen aber für die Entscheidungsfindung eine klassische Rechtsform. So fühlen sie sich wohler. So auch bei Cardossier , einem Grossprojekt im Automobilbereich: Mehrere Autoimporteure, Versicherer, das Bundesamt für Strassen und das Strassenverkehrsamt des Kantons Aargau haben sich zusammengetan, um den ganzen Lebenszyklus von Autos digital zu dokumentieren und zu vereinfachen. So soll die Zulassung eines Neuwagens, bei der ein Käufer bisher mit einer Versicherung verhandeln und beim Strassenverkehrsamt aufkreuzen muss, künftig automatisch via Smart Contract erfolgen. Dank der gesammelten Daten sind auch neue Geschäftsmodelle denkbar, etwa der Verkauf von garantiert unmanipulierten Gebrauchtwagen-Dossiers an Kaufinteressenten. Für die Weiterentwicklung der Plattform setzen die Beteiligten nicht auf eine DAO: Sie haben dazu einen Verein gegründet. Selbst von der klassischen Blockchain ist man abgekommen, weil in diesem Fall die totale Transparenz, welche diese bietet, gar nicht erwünscht ist. Die nun gewählte Plattform bietet dieselben Vorteile in Sachen Effizienz und Sicherheit, verunmöglicht aber, dass beteiligte Firmen die Daten ihrer Konkurrenten einsehen können. Die Beispiele zeigen es: Die Dezentralisierte Autonome Organisation muss ihre ideale Form und die geeigneten Einsatzfelder noch finden. Michael Lustenberger sieht dabei Möglichkeiten, die weit über das Wirtschaftliche hinausgehen. «Hinter den DAOs steckt auch ein gesellschaftskritischer Gedanke», sagt er. «Sie könnten helfen, das Internet von morgen zu demokratisieren.» Denn beim sich derzeit entwickelnden Internet der Dinge, das Gegenstände und Menschen in einem einzigen grossen Netz miteinander verwebt, besteht die Gefahr, dass einzelne Grossunternehmen wie Amazon oder Google die Steuerung übernehmen. Viel besser wäre laut Lustenberger eine unabhängige Plattform in Form einer DAO, an die sich Anbieter von Dienstleistungen und Produkten zu vernünftigen Konditionen anschliessen könnten. «So liesse sich verhindern, dass ein zentralistischer Konzern alles steuert und mehr über uns weiss, als uns lieb ist.» Da ist die dezentrale Form der DAO, wo der Einzelne idealerweise auch seine Daten selbst verwalten kann, doch viel sympathischer. Mathias Plüss

Data Science: Auf Daten surfen, statt in der Flut unterzugehen

Bei den SBB ist Daniele Mele einer der ersten Data Scientists im Bereich des Sicherheitsmanagements. Bis vor wenigen Jahren gab es Stellen wie seine noch gar nicht. «Im Zuge der Digitalisierung stehen auch im Bahnverkehr immer mehr Daten zur Verfügung, die nur darauf warten, analysiert und ausgewertet zu werden», so Mele. Zusammen mit anderen Data Scientists leistet er mit seiner Arbeit einen wichtigen Beitrag an die Sicherheit und Qualität – und somit zum Wohl der Fahrgäste. Seine Abteilung fungiert dabei als Schnittstelle zwischen IT und Business, wie Mele erklärt: «Wir bereiten die Datensätze inhaltlich und visuell so auf, dass die Entscheidungsträger daraus die richtigen Schlüsse ziehen können.» Dass Daten sogar die Grundlage unternehmerischer Erfolgsgeschichten bilden können, zeigt das Startup Prognolite von Informatik-Absolvent Roman Lickel . Das Unternehmen hat eine Software entwickelt, mit der Gastronomen das zu erwartende Gästeaufkommen voraussagen können. Ziel sind eine effizientere Personalplanung und weniger Food Waste. «Manche Gastronomen sind zunächst skeptisch und halten unsere Berechnungen für wenig erfolgsversprechend», sagt Lickel. «Wir zeigen ihnen dann, was auf Grundlage ihrer Daten alles möglich ist.» Gemeint sind bis zu 1,5 Millionen Kassenbons pro Restaurant, die mit verschiedenen Faktoren wie Wetterdaten, Feiertagen oder Schulferien in Relation gesetzt werden. Die Prognosegenauigkeit liegt derzeit im Durchschnitt bei 90 Prozent für den Folgetag. Die Software wird aber laufend weiterentwickelt, unter anderem auch in ZHAW-Forschungsprojekten. Daniele Mele und Roman Lickel sind nur zwei von vielen ZHAW-Absolventen, die Daten wertschöpfend für Dienstleistungen oder Produkte einzusetzen wissen. Heutige Data Scientists haben in der Regel ein Bachelorstudium in Informatik oder Wirtschaftsingenieurwesen absolviert und sich später im Bereich Data Science weitergebildet. Denn Studienangebote auf Bachelorebene sind in diesem Feld noch neu. Die ZHAW School of Engineering bietet im Herbstsemester 2021 erstmals den Bachelorstudiengang Data Science an. «Wir wissen, dass die Wirtschaft zunehmend nach Fachleuten verlangt, die sowohl Daten erheben, aufbereiten und analysieren als auch sogenannte Data Products umsetzen können», sagt Thomas Järmann , Leiter Lehre an der School of Engineering. Wer den neuen Studiengang absolviert, wird sich deshalb nicht nur Expertenwissen in Grunddisziplinen wie Informatik und Statistik aneignen, sondern auch gezielt interdisziplinäres Domänenwissen aufbauen, um Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. «Data Scientists sollen Innovationen vorantreiben», findet Järmann. Informatik-Dozent Martin Braschler sieht Data Scientists als «neue Berufsgattung, die klassisches Ingenieurwissen mit Fähigkeiten aus den Bereichen Analytik, Unternehmertum und Kommunikation zu einem einzigartigen Mix verbindet». Braschler hat den neuen Studiengang mit aufgebaut. Er ist überzeugt, dass es in Zukunft von zentraler Bedeutung sein wird, wie wir Daten nutzen. «Schon heute müssen Dienstleistungen und Produkte smart sein, um längerfristig Erfolg zu haben», so Braschler. «Und jede Künstliche Intelligenz basiert auf der erfolgreichen Nutzung von Daten.» Deshalb brauche es Data Scientists, die diese Entwicklungen an vorderster Front mitgestalten. «Wir bieten nun einen vollwertigen Studiengang, der auch jene Themen ins Zentrum rückt, welche aus Data Science mehr als die Summe seiner Teile machen», erklärt Braschler. «Dabei wird Data Science als eigenständige Ingenieurdisziplin positioniert, mit einer soliden Grundausbildung, die langfristig wertvoll sein wird in diesem sich rasch wandelnden Umfeld.» Im Zuge der digitalen Transformation ist davon auszugehen, dass den Absolventinnen und Absolventen fast jede Branche offenstehen wird. «Kaum ein Geschäftsfeld wird künftig darauf verzichten können, mittels Daten seine Produkte und Dienstleistungen besser auf die Bedürfnisse der Kunden abzustimmen», schätzt Braschler. Der Bedarf an neuen Fachkräften dafür werde in den kommenden Jahren voraussichtlich gross sein. Data Scientists mit Fachwissen und dem Anwendungsfokus eines Fachhochschulstudiums sieht er dabei in der Poleposition stehen. Doch nicht nur die grossen Unternehmen empfangen Data Scientists mit offenen Armen: «Es entstehen Startups, die neuartige datengetriebene Ideen umsetzen und dabei zum Teil ganze Bereiche unserer Gesellschaft umkrempeln», stellt Braschler in Aussicht. Womit wir wieder bei Prognolite wären: Das Team um Startup-Gründer Roman Lickel hat eben nicht nur eine Software programmiert, sondern eine innovative Anwendung entwickelt, die seine Kunden nicht mehr missen möchten. Sie können ihre Absatzprognosen einfach auf dem Handy abrufen. Auch Daniele Mele hat bewiesen, dass er als Data Scientist die Geschäftsbedürfnisse der SBB versteht. Er hat ein Tool entwickelt, um Textmeldungen des Betriebspersonals automatisiert zu klassifizieren, also je nach Ereignis statistisch einzuordnen. Sein Textklassifikator-Konzept wird nun von den SBB technisch umgesetzt. Mele begleitet diesen Prozess als Product Owner. «Man muss sich als Data Scientist auch verkaufen können», meint Daniele Mele abschliessend, denn viele Unternehmen stünden in der Datennutzung noch am Anfang. Angehenden Data Scientists rät er deshalb, initiativ und offen zu sein für die vielseitigen Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung ergeben. Matthias Kleefoot

Mit Künstlicher Intelligenz Verträge prüfen

Kaum ein Geschäft erfolgt heute ohne schriftliche Vereinbarung. Rechtsabteilungen müssen je nach Unternehmensgrösse Dutzende Verträge gleichzeitig prüfen, verhandeln und zur Unterschrift freigeben. Trotz technologischem Fortschritt und angestrebten Standardisierungen werden Verträge heute immer noch manuell darauf geprüft, ob alle relevanten Klauseln enthalten sind und keine problematischen Inhalte einer Unterschrift im Weg stehen. Für Anwältinnen und Anwälte ist das mehrheitlich eine repetitive und aufwendige Arbeit. Abhilfe schafft das Startup Legartis . Gemeinsam mit der ZHAW hat das Zürcher Unternehmen eine Software entwickelt, die Verträge automatisiert auf Abweichungen von den vordefinierten Unternehmensrichtlinien des jeweiligen Kunden prüft. Das bedeutet, die Inhalte werden automatisch identifiziert und klassifiziert. Die Lösung von Legartis weist dabei auf Risiken hin, erkennt insbesondere fehlende und problematische Klauseln und markiert diese. Technisch möglich ist das dank Künstlicher Intelligenz, konkret: Verfahren aus den Bereichen Natural Language Processing und Deep Learning, wie ZHAW-Forscher Don Tuggener erklärt: «Die Software ‘liest’ die Verträge sozusagen und strukturiert sie thematisch in über 150 sogenannte Labels. Sie erkennt in wenigen Sekunden, ob ein Vertrag nicht den vorgegebenen Guidelines eines Unternehmens entspricht oder unvollständig ist.» Ist das der Fall, weist die Software auf die fehlerhafte Stelle hin. Ein typischer Anwendungsfall für die Software sei das Überprüfen von NDAs, so Legartis-CEO David Alain Bloch. Gemeint sind «Non-Disclosure Agreements», also Geheimhaltungsvereinbarungen. Bei seinen Kunden seien das von ein paar Dutzend bis zu mehreren Tausend NDAs pro Jahr, die es zu überprüfen gilt. Bisher gibt es Software dieser Art vorwiegend für englischsprachige Verträge. Die an der ZHAW entwickelte Legartis-Software versteht hingegen nicht nur Englisch, sondern auch Deutsch – ein Alleinstellungsmerkmal. Von der Konkurrenz abheben will sich Legartis auch dadurch, dass das maschinelle Lernen, also das Antrainieren der Software mit Daten, nicht erst auf Kundenseite, sondern bereits vorab passiert. «Wir trainieren die Lösung heute für jede Vertragsart individuell. Dabei soll die KI Gelerntes auch von einer Vertragsart auf die Nächste übertragen können», sagt Bloch. Das fertige Out-of-the-Box-Produkt können die Kundinnen und Kunden sofort und selbstständig einsetzen. «Unternehmen nutzen diese Lösung, um ihren Fachleuten die Möglichkeit zu geben, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren», so Bloch. Nach dem erfolgreichen Markteintritt Ende 2019 wurde das junge Unternehmen inzwischen als Early Stage Startup of the Year bei den Swiss FinTech Awards ausgezeichnet. Matthias Kleefoot

Verstehen und verschlüsseln

Sprache, Genom, Code of Conduct, Algorithmen ... Codes prägen unsere Welt. Wie gehen wir damit um? Was sind die Herausforderungen? Wie viel Wahrheit liegt im Code? Wie viel Willkür? Wie erfolgt die Übersetzung von einem Code in den anderen? Codes haben auch etwas Geheimnisvolles. Codes will man knacken. Digitalisierung, Energiewende, Gesundheitsförderung oder gesellschaftliche Integration können nur gelingen, wenn die Bevölkerung die Botschaften der Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, Gesundheits- und Sozialwesen sowie Wissenschaft versteht. «Codes» heisst unser aktuelles Dossier. Ein facettenreiches Thema über das Spannungsfeld Mensch, Natur und Digitalisierung. Codes helfen, zu verstehen und zu verschlüsseln. In einer Bildstrecke hat Illustrator Till Martin eine Auswahl aus dem grossen Spektrum zusammengestellt. Sie reicht von Sprachcodes über Programmiercodes bis hin zu sozialen Codes. Lassen Sie sich inspirieren, vielleicht mal wieder einen neuen Code zu lernen. Falls Sie schon immer mal wissen wollten, was Codes auf Mongolisch heisst, dann schauen Sie dort einfach nach. Geknackt sind längst nicht alle Codes. Häufig geben auch Verhaltenscodes aus der Tierwelt Rätsel auf. Falls es Sie interessiert, weshalb Zebras Streifen haben, lautet die Antwort: Das ist nicht restlos geklärt. Fotograf Conradin Frei hat ein besonders schönes Exemplar für unsere Fotostrecke festgehalten sowie viele andere Situationen farbenfroher Kommunikation und Gebärden. Dafür war er im Zoo Zürich unterwegs. Viel Spass beim Entschlüsseln unserer Botschaften! Patricia Faller

Wettbewerb: Die Gewinner sind …

Gross war die Resonanz auf unseren Jubiläumswettbewerb «Wünsch dir was!». 210 Teilnehmende stimmten für ihre Wunschgeschichte und wollten gewinnen. Das Resultat war knapp. Das Rennen machte mit 119 Stimmen das Center da Capricorns in Wergenstein, die Aussenstelle der ZHAW in Graubünden. Lesen Sie also in der Dezember-Ausgabe (erscheint am 2. Dezember), wie die ZHAW Lösungen für nachhaltigen regionalen Tourismus erforscht und umsetzt. Unter allen Einsendungen hat unsere Glücksfee mittels Zufallsgenerator die Gewinner ausgewählt. Den 1. Preis , eine Nacht im Hotel «Capricorns» in Wergenstein, gewinnt Lilian Nutz aus Lippoldswilen . «Das sind ja mal erfreuliche Nachrichten», war ihre Reaktion auf unsere Glückwunsch-Mail. Mit der ZHAW verbindet sie das Interesse an Naturwissenschaften: Sie ist begeisterte Besucherin der «Nacht der Technik», für die sie mit ihrer Familie wenn immer möglich an die ZHAW kommt. Und ihr Sohn ist Mitglied im Mint-Club der ZHAW School of Engineering, der Kindern und Jugendlichen Naturwissenschaften näherbringt. Der 2. Preis , eine Flasche ZHAW-Wein, geht an Viktor Wagner aus Flawil . Auch hier war die Freude gross: «Dass ich Wein gewinne, freut mich natürlich besonders», schrieb uns der «Impact»-Leser. Denn für die offizielle Diplomfeier seines Jahrgangs organisierte der Maschineningenieur-Absolvent der ZHAW (damals noch Technikum Winterthur) den Diplom-Klassenwein. Das war vor über einem Vierteljahrhundert, wie er verrät, und nicht nur das: «Ich habe übrigens noch zwei Flaschen vom damaligen Pinot noir im Keller (Weinjahrgang 1990).» Der 3. Preis war ebenfalls eine Flasche ZHAW-Wein, dessen Gewinner nicht genannt werden möchte. Wir gratulieren herzlich! Und allen nochmals vielen Dank für die rege Teilnahme an unserem Jubiläumswettbewerb in unserer 50. Ausgabe. Patricia Faller

Der Code des Bösen

Eine Stelle als Teamleiter in einem Datencenter war ausgeschrieben gewesen. Seine Bewerbung stiess auf Interesse. Heute soll der erste Teil eines dreistufigen Assessments stattfinden. In seinem privaten E-Mail-Postfach findet er zu diesem Zweck einen Link des IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW, welches ihm im Auftrag des Unternehmens auf den Zahn fühlen soll. Der IT-Spezialist hat sich diesen Vormittag für den Test reserviert. Eine Tasse Kaffee neben dem Computer im ruhigen Homeoffice, dann kann es losgehen. «Ich bin sehr kontaktfreudig», liest er an einer Stelle des Online-Tests. Sieben Antwortmöglichkeiten stehen zur Wahl. Die Skala reicht von «trifft völlig zu» bis «trifft überhaupt nicht zu». Er entscheidet sich für einen Wert leicht über der Mitte. Schliesslich kommt er gut mit andern zurecht, und von einem Teamleiter erwartet man wohl eine gute Portion Kontaktfähigkeit. So klickt er sich weiter, bis der Fragebogen nach einer Dreiviertelstunde abgearbeitet ist. Die Woche darauf folgen die Teile zwei und drei des Assessments. Zuerst soll er in einem Rollenspiel mit einer IAP-Mitarbeiterin ein Gespräch zu einer kniffligen Situation nachstellen. Vorab erhält er die Ausgangslage beschrieben. Dann kommt ein Interview, das sich als angenehmes Gespräch entpuppt. Die beiden Fachleute von der ZHAW zeigen sich nicht nur an seinen Führungsprinzipien und seiner Durchsetzungsfähigkeit interessiert, sondern auch an seiner Person an sich, seinen Interessen und Hobbys. Für den IT-Spezialisten ist es ein ganz gewöhnliches Assessment, wie er schon einige für andere Stellenbewerbungen erlebt hat. Es lotet seine Kompetenzen aus, zum Beispiel seine Analysefähigkeit, Extravertiertheit oder Offenheit für neue Erfahrungen. Und doch ist diesmal eine zusätzliche Komponente im Spiel. Der künftige Arbeitgeber wünschte explizit auch eine sogenannte Risikodiagnostik. Damit will man mögliche «dunkle Seiten» von Menschen aufdecken, wie Simon Carl Hardegger , Leiter des Zentrums Diagnostik, Verkehrs- & Sicherheitspsychologie am IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW erklärt. Dazu zählt er negative Persönlichkeitseigenschaften, die im beruflichen Umfeld mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Schaden verursachen. Das können extrem unangenehme Leute sein, die andere herabwürdigen, unnötig unter Druck setzen und die Bedürfnisse anderer arrogant ignorieren. Mit ihrer destruktiven Art können sie ganze Teams demontieren, was höhere Krankheitsabsenzen und Kosten zur Folge hat, beschreibt der Organisationspsychologe: «Oder man kann davon ausgehen, dass diese Person Regeln missachtet, vielleicht Spesenbelege fälscht, womöglich aber im grossen Stil betrügt, Geschäftsgeheimnisse verrät oder dem Betrieb anders schadet.» «Man kann davon ausgehen, dass diese Person Regeln missachtet, vielleicht Spesenbelege fälscht oder im grossen Stil betrügt, Geschäftsgeheimnisse verrät.» Simon Carl Hardegger Der Stanford-Professor Robert I. Sutton prägte für das Phänomen 2008 den etwas derben Begriff «Arschloch-Faktor». Sein gleichnamiges Buch beschreibt im Untertitel, wen er meint: «Aufschneider, Intriganten und Despoten im Unternehmen.» Dahinter stehen Züge von Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Die Psychologie befasst sich seit rund zwanzig Jahren unter dem Begriff «dunkle Triade» mit den Auswirkungen solcher Persönlichkeitsmerkmale in der Berufswelt. Eine Ableitung davon, die «dunkle Tetrade», umfasst als viertes auch sadistische Persönlichkeitsanteile, was in der Gesamtheit zu einem ausgeprägt destruktiven und ausbeuterischen Charakter führen kann. Die ZHAW ist in der Forschung zum «dunklen Kern» vorne mit dabei. «Der Approach und die Expertise des IAP sind einzigartig», sagt Hardegger. Dazu gehören eine Reihe von dreisprachig verfügbaren Tests und Verfahren, die das IAP speziell für diesen Zweck entwickelt hat. Bewusst habe man sich für einen Multi-Measure-Approach entschieden, erklärt der Organisationspsychologe. So werden sehr unterschiedliche Facetten einbezogen, und die hohe Zahl verschiedener Messpunkte ermöglicht zuverlässige Aussagen. Für besonders heikle Fälle kommen neben Tests auch Interviews und Simulationsverfahren zum Einsatz. Ein Beispiel aus dem Onlinetest: «Wenn mich ein Vorgesetzter schlechter beurteilt, als ich es verdient habe, muss er damit rechnen, dass ich nachher tatsächlich weniger arbeite.» Die Intention hinter dieser Textpassage scheint auf den ersten Blick leicht erkennbar zu sein. Doch im Zusammenspiel der sehr unterschiedlichen Fragestellungen und Messpunkte ist Risikodiagnostik für die Testperson nicht durchschaubar. Hinzu kommt, dass ein Assessment in aller Regel unzählige andere Kompetenzen und Persönlichkeitsmerkmale zugleich prüft. Zum Einsatz kommt Risikodiagnostik oft bei Führungskräften oder in Berufen mit hohem Schadenpotenzial, zum Beispiel bei Kraftwerken, im Datenmanagement oder bei Logistik- und Wertsachentransportunternehmen. Pro Jahr erstellt das IAP-Zentrum Diagnostik insgesamt rund 1300 diagnostische Befunde. «Dabei stossen wir nur auf ganz wenige dunkle Persönlichkeiten», sagt Simon Carl Hardegger. 1 bis 5 Prozent lägen in einem Bereich, wo ein Arbeitgeber genauer hinschauen sollte. Weil solche Diagnosen heikel sind, stellt Hardegger hohe psychometrische Anforderungen an die Verfahren und besteht auf zertifizierter Qualität. Wer Integritätschecks durchführt, benötigt eine spezialisierte Expertise auf diesem Feld, muss Grenzen erkennen und auf dem neusten Stand der Forschung sein. «Wir haben mehrere Sicherheitsbarrieren eingebaut», sagt Hardegger. Ein Befund wird immer nur zu zweit erarbeitet. Es gilt das Motto: Keiner hat recht. Und: Ein Test ist kein Test. Erforderlich ist ein Clusterbefund aus verschiedenen Prüfmethoden, die beiden Fachleute müssen in ihrer Beurteilung annähernd übereinstimmen. Es gehe nicht darum, Menschen einen Stempel aufzudrücken, hält Hardegger fest. Dessen seien sich auch die Auftraggeber bewusst. Das IAP gibt jeweils eine Empfehlung ab. «Entweder ist für uns kein Risiko erkennbar – dann geben wir grünes Licht. Ab und zu leuchtet die Ampel orange, wenn gewisse Anzeichen vorhanden sind, doch das muss nichts Abschliessendes bedeuten.» Rot leuchtet die Ampel nur selten. Zum Beispiel bei einem Bewerber, dessen dunkle Persönlichkeitsanteile mit grossen Auffälligkeiten wie ein roter Faden durchgängig in allen Befunden erkennbar sind und bei dem sich zeigt, dass er mit teuren Hobbys weit über seine Verhältnisse lebt. Thomas Müller

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