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Linsen und Bohnen statt Futtermais 

Auf rund 60 Prozent der Schweizer Ackerflächen wachsen heute Futtermittel für Tiere. Um alle Kühe, Rinder, Schweine und Hühner zu ernähren, müssen zudem Soja und Getreide aus dem Ausland importiert werden. Unsere Vorliebe für Fleisch, Milchprodukte und Eier verursacht grosse Umweltbelastungen wie etwa den Ausstoss von Treibhausgasen, Gewässerverschmutzung, Verlust der Artenvielfalt und der Bodenfruchtbarkeit. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, braucht es dringend eine Umstellung unserer Ernährung sowie der Landwirtschaft. Am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR) werden verschiedenen Aspekten dieser Transformation erforscht. Die Forschungsgruppe Geography of Food hat zum Beispiel im Auftrag des WWF Schweiz 30 sogenannte Future Foods definiert. Darunter finden sich Gemüse wie Federkohl, Catalogna und Schwarzwurzel, aber auch Kohlenhydrat-Lieferanten wie Süsskartoffel und Sorghumhirse oder Hülsenfrüchte wie Soja, Lupine und Ackerbohne. Zu Beginn des Projekts standen über 100 Sorten als mögliche Future Foods zur Auswahl. Bei der Eingrenzung untersuchten Expertinnen und Experten, ob sie sich für hiesige Witterungsbedingungen eignen, wie sich der Anbau auf die Biodiversität und die Böden auswirkt, welche Nährstoffe sie enthalten und wie ihr Marktpotenzial aussieht. Diejenigen mit dem besten Ergebnis fanden Eingang in eine Broschüre sowie eine Website mit detaillierten Angaben zu Nährstoffen und Rezeptideen. Mit diesen Informationsmaterialien hat der WWF letztes Jahr zusammen mit Grossverteilern eine Kampagne durchgeführt. «Die 30 empfohlenen Nahrungsmittel bieten vielfältige Anwendungsmöglichkeiten und können einen wichtigen Beitrag zu einer gesunden und umweltfreundlicheren Ernährung leisten», sagt Projektleiter und IUNR-Dozent Roman Grüter. Ein Ziel der Forschungsgruppe ist auch die sogenannte Proteinwende: Um den täglichen Proteinbedarf zu decken, sollen statt tierischer Produkte vermehrt Hülsenfrüchte, Nüsse und Kerne auf den Teller kommen. Die pflanzlichen Eiweisslieferanten werden jedoch heute vorwiegend aus dem Ausland importiert, während die Schweizer Landwirtschaft stark auf Tierhaltung und Milchwirtschaft setzt. In den Berggebieten, wo Ackerbau schwierig ist, sei dieser Ansatz berechtigt, sagt Grüter. «Doch das Narrativ des Graslandes Schweiz ist nur teilweise stimmig.» Denn auch im Flachland werde auf einem Grossteil der Böden Tierfutter wie Mais, Gerste und Kunstwiese angebaut. Bei Letzterer handelt es sich um eine angesäte Wiese mit verschiedenen Gräsersorten und Klee. Für eine Fruchtfolge, welche den Boden langfristig fruchtbar erhält, sei Kunstwiese zwar wertvoll, räumt Grüter ein. «Doch je nach Standort könnte eine Reduktion des Kunstwiesenanteils viel Fläche freigeben für Kulturen, die der direkten menschlichen Ernährung dienen.» Im Rahmen eines weiteren Projekts, das vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert wird, untersuchen die Forschenden in Wädenswil das Potenzial von Hülsenfrüchten und Ölpflanzen in der Schweiz. Dabei betrachten sie eine breite Palette an Faktoren – vom Anbau, den Umweltauswirkungen, den Verarbeitungsmöglichkeiten über die Akzeptanz der Landwirtschaft, der Vermarktungsorganisationen und der Kundschaft bis zu politisch gesteuerten Lenkungsmassnahmen. «Aktuell wird der Anbau von Proteinpflanzen für die direkte menschliche Ernährung im Vergleich zu tierischen Lebensmitteln nicht stark gefördert», bedauert Grüter. Für die Landwirtschaft lohne sich die Umstellung deshalb kaum. Komme dazu, dass Kulturen wie Linsen, Ackerbohnen, Soja oder Eiweisserbsen stärker von den Wetterbedingungen abhängen als die Fleisch- und Milchwirtschaft. «In einem verregneten Sommer kann es im schlimmsten Fall zu einem totalen Ernteausfall kommen.» «Lebensmittel aus der Nähe stärken unseren Bezug zu den Produkten» Sonja Trachsel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen Wichtig wäre deshalb auch die Intensivierung der Forschung, um Sorten für die hiesigen klimatischen Bedingungen zu züchten, stellt der Umweltwissenschaftler klar. Darum sei zentral, die relevanten Akteurinnen und Akteure des Ernährungssystems in Studien einzubeziehen. Dazu gehören neben den Bauern auch Verarbeitungs- und Transportbetriebe, Händler, Gastronominnen, Konsumenten, Politikerinnen, Behörden sowie Umweltschutz- und Gesundheitsorganisationen. «Der partizipative Ansatz verhilft uns zu Wissen aus der Praxis und ermöglicht uns, anwendungsorientierte Lösungen zu entwickeln», erklärt Grüter. Im Rahmen von Workshops diskutieren die Beteiligten Themen wie Ernährungstrends, Klimawandel und politische Bedingungen aus ihren verschiedenen Perspektiven. Weiter soll die lokale Verankerung gestärkt werden. In den drei Pilotregionen Knonauer Amt, Baselland und Yverdon-les-Bains regen die Forschenden derzeit regionale Netzwerke des Ernährungssystems an. Dabei wollen sie Absatzmärkte für Bioprodukte mit kurzen Wegen schaffen – zum Beispiel Wochenmärkte, Gemüseabonnemente oder kleinere Läden mit lokalen Produkten. In grösseren Städten gebe es derartige Angebote schon länger, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Sonja Trachsel. In ländlichen Regionen dagegen bestehe noch Potenzial. «Lebensmittel aus der Nähe stärken unseren Bezug zu den Produkten», erklärt Trachsel. Damit steige die Bereitschaft, faire Preise zu bezahlen, was den Bäuerinnen und Bauern wiederum ein besseres Einkommen sichere. In Wädenswil ist ein Projekt für die sogenannte regionale Transformation bereits im Gange. Im Rahmen von «Ernährungszukunft Wädenswil» soll eine nachhaltige Land- und Ernährungswirtschaft gefördert werden. Zum Beispiel will man Institutionen dazu anhalten, mehr lokale Produkte zu verwenden, sowie Detailhandel und Gastronomie über die Haltbarkeit von Lebensmitteln aufklären, um Foodwaste zu vermeiden. Angedacht sind auch finanzielle Zustüpfe für Landwirtschaftsbetriebe, die klimafreundlich produzieren. Andrea Söldi

Digitaler Zwilling verbessert Schulterbehandlung

Die Schulter ist ein komplexes Gelenk. Sie erlaubt Armbewegungen in drei verschiedene Richtungen und wird je nach Beruf und Lebensgestaltung stark beansprucht. Für Stabilität sorgt die sogenannte Rotatorenmanschette – eine Gruppe von vier Muskeln, die das Gelenk umgeben und den Oberarmkopf in der Gelenkpfanne halten. Verletzungen und Funktionseinschränkungen an dieser Stelle sind häufig: Etwa jede fünfte Person soll an den Sehnen der Rotatorenmanschetten kleine Risse aufweisen, ab dem 80. Altersjahr sogar jede zweite. Denn mit zunehmendem Alter häufen sich Mikrotraumata und die Blutversorgung nimmt ab. Degenerationen bleiben zwar zunächst oft unbemerkt, doch auf die Dauer treten häufig Beschwerden auf. Da sowohl die Anatomie als auch die Art der Schädigung sehr unterschiedlich sein kann, ist die Wahl der optimalen Behandlung oft komplex. Dies soll das im November 2024 gestartete Projekt InnoTreat des Instituts für Mechanische Systeme (IMES) erleichtern. Dank einer Förderung durch die Digitalisierungsinitiative des Kantons Zürich (DIZH) entwickelt ein Team der School of Engineering mit drei Projektpartnern ein Programm, das digitale Zwillinge von Schultergelenken erstellen kann. Bei einem digitalen Zwilling handelt es sich um ein virtuelles Modell einer Person, das auf medizinischen Daten basiert. Es hilft, Diagnosen zu verbessern, Behandlungsverläufe sicher zu simulieren und personalisierte Behandlungsentscheide zu ermöglichen. «Die Simulation am Computer macht es einfacher, alle relevanten Parameter und deren Zusammenhang zu untersuchen», sagt Projektleiter Jeremy Genter . Anhand von MRI- oder Röntgenbildern ist zum Beispiel ersichtlich, wie weit das sogenannte Schulterdach – ein Knochen oberhalb der Rotatorenmanschette – nach vorne reicht. Aus diesen und anderen Daten soll das Programm berechnen, wie sich die Kräfte bei verschiedenen Bewegungen verteilen, und eine Visualisierung liefern. «Der digitale Zwilling wird es Ärztinnen und Ärzten erlauben, spezifische Anatomien grafisch darzustellen und die Auswirkung einzelner Behandlungsmethoden auf künftige Belastungen vorwegzunehmen», erklärt Genter. Gängige Ansätze sind zum Beispiel physiotherapeutische Verfahren oder Operationen, bei denen Defekte repariert oder Knochenformen verändert werden. Das neue Instrument liefere aufschlussreiche Erkenntnisse, die zu einer patientengerechteren Behandlung beitragen, sagt Jeremy Genter. Der wissenschaftliche Mitarbeiter und biomechanische Ingenieur hat bereits seine Doktorarbeit auf dem Gebiet der Schulterpathologie geschrieben. Dafür hat er mit einem komplexen mechanischen Modell gearbeitet, welches das Schultergelenk anhand von Seilzügen simuliert, die an künstlichen und echten Knochen befestigt sind. Damit hat er Rupturen an der Rotatorenmanschette untersucht. Später entstand die Idee, das Projekt zu einer digitalen Anwendung weiterzuentwickeln. Im Bereich Biomechanik ist neben der ZHAW die Technische Universität im niederländischen Delft beteiligt, während die Universität Zürich mit ihrer Expertise in bildgebenden Verfahren zum Projekt beiträgt. Eine langjährige Zusammenarbeit bestand bereits mit dem Universitätsspital Basel, von wo die Messwerte von realen Patientinnen und Patienten sowie einer gesunden Kontrollgruppe stammen. Hier wird auch die Implementierung in die klinische Praxis erfolgen. Bis im April 2026 werden verschiedene Ärztinnen und Ärzte das Instrument testen und Optimierungsvorschläge einbringen. Bis zur Zulassung in der Praxis könne es jedoch noch eine Weile dauern, stellt der stellvertretende Projektleiter Daniel Baumgartner in Aussicht. Da es sich um ein medizinisches Produkt handelt, seien diverse Tests und schliesslich eine Zertifizierung nötig, erklärt der Professor mit Forschungsschwerpunkt Biomedical Engineering. Das sei aufwendig und werde wohl noch mehr Geld kosten. «Wir müssen zeigen können, dass unsere Innovation den Heilungsverlauf tatsächlich beschleunigt und verbessert.» (Headerbild: Adobestock/nBhutinat) Andrea Söldi

Mehr Teilhabe im öffentlichen Raum 

Den Zebrastreifen beim Bahnhof Bülach kann Fabienne Dütschler nicht benutzen. Die Rampen sind so steil angelegt, dass sie mit ihrem Elektrorollstuhl kippen oder hängen bleiben könnte. Also überquert sie die viel befahrene Strasse einige Meter weiter links davon. Als sie hinter dem wartenden Bus hervorfährt, kommen ihr zwei Autos entgegen – keines hält an. Bei der Praxis für Gefässmedizin dagegen ist zwar ein hindernisfreier Zugang ohne Stufen markiert. Doch die Eingangstür ist so schwer, dass man sie in sitzender Haltung unmöglich öffnen kann. Auf Bitte von Fabienne Dütschler hat die Praxis nun einen Knopf an der Wand montiert. Nach dem Drücken öffnet sich die Tür automatisch, sodass die Rollstuhlfahrerin ihre Termine selbstständig wahrnehmen kann. Die 54-Jährige leidet an einer Muskelkrankheit und hatte vor einigen Jahren zwei Hirnblutungen. Sie ist halbseitig gelähmt und seit 2018 für längere Strecken auf den Rollstuhl angewiesen. Aktuell nimmt sie am Forschungsprojekt «Mobile» teil, welches das ZHAW-Institut für Ergotherapie gemeinsam mit der Haute Ecole spécialisée de Suisse occidentale in Lausanne und weiteren Partnern durchführt. Das Projektteam macht schweizweit 50 qualitative Interviews mit Menschen, die mit verschiedenen Behinderungen leben. Neben körperlichen Beeinträchtigungen wie Geh-, Hör- und Sehbehinderungen werden auch geistige, psychische und kognitive Einschränkungen berücksichtigt. In der zweiten Phase ist eine quantitative Befragung von rund 500 Personen geplant. «Mobilität ist wichtig für die gesellschaftliche Teilhabe», betont Co-Projektleiterin Brigitte Gantschnig , Leiterin Forschung und Entwicklung Ergotherapie. Dabei sein zu können, wirke sich massgeblich auf die Gesundheit und Zufriedenheit aus. Doch für Menschen mit Behinderungen sei es allzu häufig auch heute noch schwierig, sich in der Öffentlichkeit selbstständig zu bewegen. Vielen sei der Zugang zum öffentlichen Verkehr, zu Restaurants, Kulturorten, Sport- und Freizeitanlagen, öffentlichen Gebäuden, Bildungsinstitutionen und Arbeitsorten verwehrt. Dies, obwohl in der Schweiz seit 2004 das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft ist. Eigentlich hätte der öffentliche Verkehr innerhalb von 20 Jahren barrierefrei gestaltet werden sollen. Doch aktuell sind gemäss der Professorin immer noch 40 Prozent der Bahnhöfe und 66 Prozent der Bushaltestellen nicht für alle zugänglich. Mit der neuen Studie, die vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wird, sollen die Mobilität, gesellschaftliche Teilhabe und Zufriedenheit von Menschen mit und ohne Behinderung verglichen werden. Zudem will das Projektteam häufige Hindernisse und Massnahmen zu deren Beseitigung eruieren und politische Handlungsoptionen an den zuständigen Stellen einbringen. Während der gesamten Projektdauer von 2024 bis 2028 ist ein Advisory Board involviert mit Vertreterinnen und Vertretern von Behindertenorganisationen, dem öffentlichen Verkehr, Verwaltungen und Politik. Die Vertreterinnen und Vertreter des öffentlichen Verkehrs und von Fahrdiensten seien sehr interessiert am Thema und offen für neue Erkenntnisse, freut sich Brigitte Gantschnig. Dies, obwohl der öV wegen mangelnder Behindertenfreundlichkeit oft angegriffen werde. «Es ist toll, dass sie trotzdem mitmachen.» «Mobilität ist wichtig für die gesellschaftliche Teilhabe» Brigitte Gantschnig, Leiterin Forschung und Entwicklung Ergotherapie Fabienne Dütschler steht häufig vor Hindernissen. Wenn sie versucht, Verbesserungen anzuregen, stösst sie jedoch oft auf Widerstand. In der Stadthalle Bülach gebe es zum Beispiel eine rollstuhlgängige Toilette, doch auch dort sei die Tür für sie zu schwer. «Ich habe dies bei der Verwaltung gemeldet, doch man sagte mir, man könne nichts machen», erzählt sie mit spürbarer Frustration. Im Sommer habe sie sich im Freibad nach einem Lift erkundigt, der ihr den Einstieg ins Wasser ermöglichen würde. Doch auch hier fand sie kein Gehör. Man habe in der Hochsaison keine Zeit, dieses Hilfsmittel hervorzuholen, beschied man ihr. Diese Antwort kam bei Dütschler schlecht an. «Auch ich gehe gern baden, wenn es heiss ist.» Die Bülacherin gehört zu jenen, die sich nicht so schnell unterkriegen lassen. Wenn sie auf Hindernisse stösst, die ihrer Ansicht nach nicht so schwierig zu beheben wären, wendet sie sich an den Stadtpräsidenten persönlich oder an die Verwaltung. In der Altstadt habe sie kürzlich Unterschriften gesammelt für die eidgenössische Inklusionsinitative, die im September eingereicht wurde, erzählt Fabienne Dütschler. «Ich bin immer und überall am Kämpfen.» Im Rahmen des Projekts «Mobile» bringen die Studienteilnehmenden ihre Perspektive ein, indem sie selbst Fotos von Hindernissen erstellen, die ihnen die gesellschaftliche Teilhabe erschweren oder verunmöglichen – eine wissenschaftliche Methode, die PhotoVoice genannt wird. Mit den Bildern will das Projektteam eine Ausstellung gestalten. «Wir möchten die Öffentlichkeit sowie Verantwortliche von Organisationen sensibilisieren, indem wir die Hindernisse sichtbar machen», erklärt Gantschnig. Häufig wären nämlich schon kleine Verbesserungen hilfreich, die gar nicht so viel Aufwand bedeuten würden – wie etwa im Fall von Fabienne Dütschler eine flachere Rampe beim Zebrastreifen oder ein Türöffner. (Bild: Conradin Frei) Andrea Söldi

Bäume und Photovoltaik für mehr Diversität

Baumreihen mitten in einem Weizenfeld – das war früher ein vertrauter Anblick. Doch mit der heutigen intensiven Landwirtschaft und der maschinellen Bearbeitung mussten die Bäume fast überall weichen. In letzter Zeit erlebt das Anbaumodell, das mittlerweile den Namen Agroforst erhalten hat, aber ein Revival. «Das Interesse wächst stetig, nicht zuletzt wegen der sich verändernden klimatischen Bedingungen», sagt Mareike Jäger , Leiterin der Forschungsgruppe Regenerative Landwirtschaftssysteme am Departement Life Sciences und Facility Management in Wädenswil. Zusammen mit der Interessengruppe Agroforst betreut das Dreierteam Landwirtschaftsbetriebe, die mit dem Modell experimentieren, und sammelt Erfahrungen, die es interessierten Forschenden, Studierenden und Bauern zum Beispiel in einem Podcast zugänglich macht. Zu diesen Tipps gehört etwa, dass die Baumreihen in einem genau berechneten Abstand gepflanzt werden müssen, damit der Landwirt mit dem Mähdrescher zwischendurch fahren kann. Oder, dass mit einem geeigneten Schnitt erreicht werden kann, dass die Bäume mehr in die Höhe wachsen als in die Breite und nicht zu viel Schatten werfen. Denn Agroforst hat diverse Vorteile: Die Bäume halten mehr Feuchtigkeit im Boden und dienen als Windschutz. Nicht zuletzt verändern Bäume das Mikroklima und deren Wurzeln verbessern den Humusaufbau, was die Fruchtbarkeit erhöht und dem Klimaschutz dient. Gleichzeitig fördern Mischkulturen mit den richtigen einheimischen Baumarten die Artenvielfalt. «Durch die häufigeren Hitze- und Trockenperioden sind viele Bauern offen für alternative Ansätze», sagt Jäger. Das Konzept eigne sich zudem für verschiedene Betriebsmodelle und Höhenlagen. So werden in den Berggebieten Hecken rund um die Felder gepflanzt, die Ziegen und Schafen als Futter dienen. «Der landwirtschaftliche Ertrag hat eine höhere Priorität als die Stromproduktion.» Matthias Baumann, Forschungsgruppe Regenerative Landwirtschaft Agroforst ist ein wichtiges Element der Regenerativen Landwirtschaft, deren Ziel ein nachhaltiger, bodenerhaltender Anbau ist. Es sollen nicht mehr Ressourcen verbraucht werden als nachwachsen und darüber hinaus auch neue aufgebaut werden. Um dies zu erreichen, kommt ein bunter Strauss an Massnahmen infrage, darunter etwa der Einsatz von Kompost und Pflanzenkohle anstelle von Mineraldünger, eine schonende Bodenbearbeitung, Alternativen zu Pestiziden, die Reduktion von Kraftfutter in der Tierhaltung sowie Futterzusätze, die den Methanausstoss verringern, oder elektrische Antriebe statt Dieseltraktoren. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt des Teams ist die sogenannte Agri-Photovoltaik. Hoch oben auf dem ZHAW-Campus Grüental in Wädenswil mit Blick auf den Zürichsee wird diesen Sommer ein Versuchsfeld angelegt mit Solarpanels über den Gemüsereihen. In Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe Erneuerbare Energien werden bewegliche Panels aufgestellt, die sich nach dem Sonnenstand ausrichten. Sie können ihre Position auch je nach Witterung oder Reifestadium und Lichtbedarf der Kultur verändern. «Der landwirtschaftliche Ertrag hat höhere Priorität als die Stromproduktion», betont Matthias Baumann , ebenfalls Mitglied der dreiköpfigen Forschungsgruppe Regenerative Landwirtschaft . Mit einer smarten Installation ergebe sich aber sogar ein Zusatznutzen für den Anbau von Lebensmitteln: Die Panels schützen vor Hagel, Regen, Verdunstung und Hitzestress. Lichtdurchlässige Module könnten zudem die Folien ersetzen, die dem Schutz von Gemüse- und Obstkulturen dienen, oder auch auf Treibhäusern zum Einsatz kommen. «Wenn es gelingt, die Landwirtschaft klimafreundlicher zu machen, ist das schon ein grosser Fortschritt.» Mareike Jäger, Leiterin der Forschungsgruppe Regenerative Landwirtschaftssysteme Gemäss einer Machbarkeitsstudie der ZHAW ist das Potenzial der Agri-Photovoltaik in der Schweiz sehr gross. Bei einem prognostizierten künftigen Strombedarf von 80 Terawattstunden pro Jahr könnten dereinst rund 10 Prozent von Äckern, Obstanlagen oder Weinbergen stammen. Die Studie berücksichtigt dabei, dass die Zulassung von Photovoltaikanlagen in geschützten Landschaften nicht zulässig ist und die Distanz zum Stromnetz nicht allzu gross sein darf. Die Forschungsgruppe beteiligt sich zudem zusammen mit anderen Hochschulen aus zwölf Ländern am EU-Projekt Agromix . Mit verschiedenen agrarökologischen Lösungen soll die widerstandsfähige und effiziente Landnutzung in Europa vorangetrieben werden. Agroforstsysteme mit Bäumen oder Hecken spielen dabei ebenso eine Rolle wie neue Technologien – zum Beispiel Jätroboter – oder günstige Fruchtfolgen. Letzteres sei hierzulande zwar seit jeher die Norm, sagt Mareike Jäger, in grossen Agrarstaaten jedoch längst nicht selbstverständlich. Auf den riesigen, einseitig ausgerichteten Betrieben Frankreichs, Deutschlands oder Hollands zum Beispiel bestehe auch oft ein Ungleichgewicht zwischen Ackerbau und Tierhaltung. So muss Dünger über viele Kilometer von einer Schweinezucht oder einem Milchbetrieb in ein Ackerbaugebiet transportiert werden. In der kleinräumigen Schweiz dagegen sind die meisten Höfe diversifizierter. Im Rahmen des Agromix-Projektes, an dem 28 Partner mitarbeiten, hat die ZHAW eine Datenbank erarbeitet. Auf einer interaktiven Karte werden gelungene Agroforst-Projekte dargestellt sowie Beispiele von Mixed Farming – also der Kombination von Ackerbau und Tierhaltung. Darüber hinaus begleitet die ZHAW-Forschungsgruppe das Projekt Klima­neutrale Landwirtschaft Graubünden. Seit 2021 testen 50 Pilot­betriebe noch bis 2025 verschiedene Massnahmen in den Bereichen Tierhaltung, Pflanzenbau, Energieproduktion und -verbrauch. Das Versprechen, in diesem Zusammenhang Klimaneutralität zu erreichen, sei vielleicht etwas hoch gegriffen, räumt Mareike Jäger ein. «Doch wenn es gelingt, die Landwirtschaft klimafreundlicher zu machen, ist das schon ein grosser Fortschritt.» Andrea Söldi

Auftanken und lernen im Garten

Blumen pflanzen, Erde umgraben oder Schmetterlinge beobachten – ein Garten bietet Erholung von unserem digitalisierten Alltag. Diese Erfahrung soll das neue Lernmodul «Lebensraum Garten» Studierenden der Departemente Gesundheit sowie Life Sciences und Facility Management ermöglichen. Die Studierenden aus Winterthur und Wädenswil werden gemeinsam zwei Tage auf dem Gartenareal des ZHAW-Campus in Wädenswil verbringen. Mit dabei sind auch ältere Personen, die ihre Gartenerfahrungen einbringen. So soll ein Austausch unter den verschiedenen Fachrichtungen und Generationen angeregt werden. Die Studierenden werden gemeinsam mit den Seniorinnen und Senioren Kleingruppen bilden und sich für eine Projektarbeit auf ein spezifisches Thema wie etwa Brennnesseln oder Pilze einigen, erklärt Andrea Glässel vom Institut für Public Health , die das Angebot zusammen mit Dorit van Meel vom Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen entwickelt hat. Dabei flossen auch Antworten aus Interviews mit Studierenden und älteren Menschen ein, die im Rahmen einer Masterarbeit geführt wurden. «Ökologie und Natur gehören dauerhaft in die Ausbildung.» Dorit van Meel «Die Teams werden sich mit verschiedenen Aspekten rund um die gewählte Pflanze befassen, zum Beispiel mit der Funktion für das Ökosystem, dem Wachsenlassen, Ernten oder der Weiterverarbeitung», erklärt die Professorin. Danach gelte es, die Ergebnisse interaktiv zu präsentieren. Parallel zu den Gruppenarbeiten werden Themen wie Ökologie und Biodiversität im Rahmen von Online-Lerneinheiten weiter vertieft und die Teilnehmenden zum Reflektieren angeregt – unter anderem mithilfe eines Lernjournals. Das Modul zielt einerseits darauf ab, dass angehende Gesundheitsfachpersonen das erworbene Wissen später in ihrem Beruf anwenden. Zum Beispiel könnten Physiotherapeutinnen ihre Patienten motivieren, mehr nach draussen zu gehen, oder Pflegefachpersonen in einem Alters- oder Rehabilitationszentrum mit den Patientinnen den Garten besuchen, erklärt Glässel. Anderseits sei aber auch die persönliche Erfahrung wichtig. «Bewegung im Grünen reguliert Stress, verbessert die Stimmung und die kognitiven Funktionen.» Die angehenden Umweltingenieurinnen und -ingenieure seien wohl meist schon vertrauter mit Natur- und Umweltthemen als die Studierenden der Gesundheitsberufe, sagt Dorit van Meel. Dennoch könnten auch sie viel vom neuen Modul profitieren: «Im Austausch mit Menschen aus anderen Disziplinen sollen sie eine gemeinsame Sprache finden und lernen, ihr Know-how verständlich zu vermitteln.» Das sei hilfreich, wenn sie später vielleicht mit Nonprofitorganisationen oder Vereinen arbeiten würden, erklärt van Meel. «Biodiversität hat immer auch mit Menschen zu tun.» Im Zentrum der Lehrveranstaltung stehe weniger der reine Output, sondern die Förderung von sogenannten Future Skills wie etwa systemischem Denken und Kooperation. «Bewegung im Grünen reguliert Stress, verbessert die Stimmung und die kognitiven Funktionen.» Andrea Glässel, Professorin am Institut für Public Health Bis die Veranstaltung «Lebensraum Garten» zum ersten Mal durchgeführt werden kann, braucht es jedoch weitere finanzielle Mittel. Pro Durchlauf sollen rund 15 Studierende und etwa 5 ältere Menschen teilnehmen können. Bei Letzteren handelt es sich zumeist um Personen im Ruhestand, die sich im Umfeld der öffentlichen Gartenanlage in Wädenswil bewegen und sich zur Verfügung stellen, ihr Erfahrungswissen einfliessen zu lassen. Später könne man sich vorstellen, das Modul auszubauen und auch für andere Departemente zu öffnen, stellt Dorit van Meel in Aussicht. «Ökologie und die gesundheitsfördernden Effekte der Natur sollten zu einem dauerhaften Teil weiterer Studiengänge werden», findet die Biologin und Dozentin. «Unsere Vision ist ein Campusgarten, in dem sich Generationen begegnen, voneinander lernen und sich miteinander von der Natur inspirieren lassen.» (Aufmacherbild: Adobestock/Magic Moments) Andrea Söldi

Für die Gesellschaft und nicht für die Schublade

Wie eine klimaverträglichere Ernährung aussehen müsste, ist bereits bestens erforscht: weniger tierische Produkte, mehr hochwertige Nahrungsmittel auf Pflanzenbasis. Damit die Bauern ihre Produktion entsprechend umstellen können, müssten sie Kompensationszahlungen erhalten, sagt Christine Brombach , Professorin für Consumer Science am Departement Life Sciences und Facility Management. Als Mitautorin der wissenschaftlichen Publikation «Wege in die Ernährungszukunft der Schweiz» hat sie den Vertretenden der Politik Ideen vorgelegt. Passiert sei aber bislang wenig, bedauert sie. Angesichts der drängenden Zeit, um die Uno-Nachhaltigkeitsziele bis 2030 zu erreichen, findet sie dies frustrierend. Dass wissenschaftliche Erkenntnisse oft nicht oder nur sehr zögerlich zur Umsetzung gelangen, ist ein Thema, das die Dozentin stark umtreibt. «Besonders Fachhochschulen mit ihrem anwendungsbezogenen Ansatz haben einen immensen Auftrag, fundierte Fakten von gesellschaftlicher Relevanz an den richtigen Stellen einzubringen», ist Brombach vehement der Meinung. Doch sie ist sich auch bewusst, dass die Veränderung eingespielter Gewohnheiten Zeit braucht. Gerade das Thema Ernährung sei sehr persönlich und emotional: «Jeder Mensch muss essen und hat das Gefühl, Experte zu sein.» «Für mich ist die Verbreitung von fundiertem und anwendungsbezogenem Wissen eine Herzensangelegenheit.» Christine Brombach, Professorin für Consumer Science Zudem handle es sich um ein komplexes, weitreichend vernetztes System, gibt Brombach zu bedenken. Wie wir uns ernähren, hat Auswirkungen auf zahlreiche Lebens- und Umweltbereiche. Um Forschungsergebnisse in die Gesellschaft einfliessen zu lassen, nutzt die Forscherin diverse Möglichkeiten: Sie ist häufig in den Medien als Auskunftsperson präsent, hält Vorträge an Kongressen und beteiligt sich auch an einem Kochbuch namens «Klimatopf» , mit dem Privathaushalte erreicht werden sollen. «Es braucht sowohl Massnahmen auf individueller als auch auf Verhältnisebene», betont sie. «Für mich ist die Verbreitung von fundiertem und anwendungsbezogenem Wissen eine Herzensangelegenheit, in die ich viel Zeit investiere.» Ein weiteres topaktuelles Thema, zu dem in Wädenswil geforscht wird, sind erneuerbare Energien. Unter dem Stichwort Solarexpress forciert die Schweiz seit Kurzem den Ausbau von Solaranlagen – nicht nur auf Dächern, sondern auch in den Bergen. Mit einer Versuchsinstallation in Davos hat die Forschungsgruppe Erneuerbare Energien in den letzten fünf Jahren nachgewiesen, dass alpine Solaranlagen im Winter bis zu viermal mehr Strom liefern als diejenigen im Flachland. Das Projekt zeigte zudem auf, wie und wo die Anlagen am besten platziert werden. Diese Ergebnisse hat Projektleiter Jürg Rohrer bei Behörden und in der Politik eingebracht und zudem angeregt, auf Bundesebene einen Kriterienkatalog auszuarbeiten, der auch Aspekte wie Biodiversität, Nähe zu bestehender Infrastruktur und visuelle Faktoren enthalten sollte. Doch leider habe er kein Gehör gefunden, sagt der Professor. «Es hiess überall, man wolle jetzt nur aufs Tempo setzen.» «Damit sich etwas ändert, braucht es den steten Tropfen.» Jürg Rohrer, Professor für Erneuerbare Energien Mittlerweile mussten diverse grosse Projekte wie etwa jenes im Walliser Grengiols stark redimensioniert werden. Am Berninapass in Poschiavo stieg das EWZ wegen drohender Einsprachen der Umweltverbände aus. «Hätten wir uns ein, zwei Monate länger Zeit genommen, um das Ganze sorgfältiger aufzugleisen, wären wir jetzt nicht in dieser Situation», stellt Rohrer ernüchtert fest. Um für die dringenden Themen in der Öffentlichkeit die gebührende Aufmerksamkeit zu erhalten, wendet er teilweise auch seine Freizeit auf. Zum Thema alpine Solaranlagen hat er zum Beispiel insgesamt rund 80 Interviews gegeben. Dabei hat er auch immer wieder betont, dass Stromsparmassnahmen ein rund zehnmal grösseres Potenzial haben als Photovoltaik in den Bergen. Dieser Aspekt sei aber in fast keinem der Artikel aufgegriffen worden, bedauert Rohrer. «Die Medien wollen anscheinend vor allem die Empörungskultur bedienen.» Obwohl er sich nicht als grossen «Cüplitrinker» bezeichnet, pflegt Rohrer zahlreiche Kontakte zu Politikerinnen und Politikern sowie Verbänden. Im Umwelt- und Klimabereich könne ein Erfolg nie eindeutig einem Forschungsprojekt zugeordnet werden, ist ihm bewusst. «Damit sich etwas ändert, braucht es den steten Tropfen.» Wie ein politischer Richtungswechsel die intensive Aufbauarbeit für effektiven Klimaschutz kurz vor dem Ziel zunichtemachen kann, erfuhr Regina Betz im Zusammenhang mit einem Auftrag des australischen Staates. Die heutige Leiterin des ZHAW-Zentrums für Energie und Umwelt an der School of Management and Law lebte bis 2010 auf diesem Kontinent und entwickelte ein Instrument, um Emissionsrechte zu versteigern. «Es war alles fertig getestet und die Auktion hätte 2014 eingeführt werden sollen», blickt die Professorin zurück. «Dann wurde eine konservative Regierung gewählt, die alles abblies.» Später kam zwar wieder eine Labour-Regierung ans Ruder, welche das Modell aber nicht wieder aufnahm. «Impact sollte bei der jährlichen Beurteilung von Forschenden eine Rolle spielen.» Regina Betz, Professorin für Energie- und Umweltökonomik Das erworbene Know-how in diesem Themenbereich kam Betz jedoch weiterhin zugute. Letztes Jahr hat sie ein Buch über die Herausforderungen im Emissionshandel herausgegeben und konnte es an der Uno-Klimakonferenz in Glasgow vorstellen. Zudem spricht sie häufig an Konferenzen und vor Politikern. Sie würde es begrüssen, wenn bei den jährlichen Feedback- und Beurteilungsgesprächen, das Thema «welcher Impact erzielt wurde», auch adressiert würde. Auch Mobilitätsforscher Thomas Sauter-Servaes bewegt sich in einem Gebiet von hoher gesellschaftlicher Relevanz. «Es fehlt keineswegs an Erkenntnissen, sondern an der Umsetzung», stellt der Studiengangleiter Mobility Science an der School of Engineering fest. Schon lange sei bekannt, dass der zunehmende motorisierte Individualverkehr Probleme wie Staus und Umweltbelastung stetig verstärkt. «Um Routinen aufzubrechen, braucht es auch kommunikative Tricks.» Thomas Sauter-Servaes, Mobilitätsforscher Für eine Verkehrswende müsse man unter anderem auf Gemeindeebene ansetzen, sagt der Professor. Um die Verantwortlichen zu erreichen, hat er gemeinsam mit Partnerorganisationen das Portal schrittmacher.in entwickelt. Auf der grafisch ansprechenden Website finden Gemeinden praktische Tipps, um die Mobilität nachhaltiger zu gestalten – zum Beispiel das Ausarbeiten eines mutigen, zukunftsfähigen Parkierungskonzepts oder die Förderung der Nicht-Mobilität mit einer guten Nahversorgung in den Quartieren und Co-Working Spaces. «Um Routinen aufzubrechen, braucht es auch kommunikative Tricks», betont der von den Medien gefragte Experte. Dabei müsse man sich auf kurze Darstellungsformen einlassen und Zuspitzungen aushalten. «Wenn man den Fortschritt tatsächlich auf die Strassen bringen möchte, darf man sich als Wissenschaftler nicht zu wichtig nehmen.» Ein weiteres wichtiges Projekt der ZHAW ist das sogenannte KREIS-Haus (Klima- und Ressourcen-Effizientes Suffizienz-Haus) von Devi Bühler . Der Modellbau im zürcherischen Feldbach besteht fast vollständig aus natürlichen, rezyklierten und wiederverwerteten Materialien. Im Betrieb entstehen kaum Abfälle: Mittels einer Trockentoilette werden Fäkalien gesammelt, aufbereitet und im Dachgarten für den Gemüseanbau verwendet. Leicht verschmutztes Abwasser wird direkt im Gebäude gereinigt und für die Bewässerung und die Waschmaschine genutzt. Durch die Rückmeldungen der Gäste, die im Gebäude übernachten, wird das System dauernd optimiert. «Mit einer aktiveren Kommunikation könnte man noch mehr erreichen.» Devi Bühler, Umweltingenieurin Die Informationen sind auf der Website alle frei zugänglich. Zudem gibt es einen Podcast und ein Buch. Initiantin Devi Bühler ist insgesamt zufrieden mit der Resonanz des Projekts. Doch mit einer aktiveren Kommunikation könnte man noch mehr erreichen, ist sich die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen in Wädenswil bewusst. Zurzeit ist sie mit ihrer Doktorarbeit beschäftigt, doch sobald sie wieder mehr Ressourcen zur Verfügung hat, will sie die Erkenntnisse aus dem KREIS-Haus stärker verbreiten. So zum Beispiel, wie die Wasserverschwendung reduziert werden kann. Auch heute noch werde fast überall Trinkwasser für die Toilettenspülung verwendet, stellt die Umweltingenieurin fest. Mit der zunehmenden Wasserknappheit sei dies nicht zukunftsfähig. «Der Baubereich ist noch viel zu wenig nachhaltig.» Andrea Söldi

Medizininformatik: Daten managen für eine bessere Gesundheit

Die Datenflut im Gesundheitsbereich nimmt ständig zu. Die Digitalisierung verspricht ein besseres Verständnis von Krankheiten und somit auch gezieltere Massnahmen zur Prävention, genauere Diagnosen und personalisierte Behandlungen. Um von den riesigen Datenmengen zu profitieren, müssen sie jedoch richtig verstanden und sinnvoll genutzt werden. Dies lernen Studierende in zwei neuen Digital-Health-Studiengängen der School of Engineering sowie des Departements Life Sciences und Facility Management . Diesen Sommer starten rund 60 Personen mit dem neuen Bachelorstudium Medizininformatik an der School of Engineering. Sie eignen sich das Rüstzeug an, um künftig an den Schnittstellen zwischen den Bereichen Medizin und Informatik zu arbeiten – etwa in Spitälern oder bei Krankenkassen. «Unsere Studierenden lernen, beide Welten zu verstehen», erklärt Thomas Järmann , Leiter Lehre am Departement. Sie programmierten in der Regel nicht selber umfangreiche und komplexe Software, passten jedoch diese zum Teil an die spezifischen Verhältnisse an und sorgten dafür, dass die gesammelten Daten von diagnostischen Tests, Medikamenten, Therapien und Operationen übersichtlich und sicher an der richtigen Stelle verfügbar sind. Während der sechs Semester im Vollzeit- beziehungsweise acht Semester im Teilzeitstudium beschäftigen sich die Studierenden unter anderem mit den Grundlagen des Gesundheitssystems und der Medizin, mit Machine Learning in der Diagnostik, Robotik im Rehabilitationsbereich, Bioinformatik und Statistik, aber auch mit Datenschutz und Ethik. Im engen Kontakt mit Branchen des Gesundheitswesens habe sich gezeigt, dass der Bedarf an entsprechenden Fachkräften gross sei, sagt Järmann. «Unsere Studierenden lernen, beide Welten zu verstehen – die der Medizin und jene der Informatik.» Thomas Järmann, Leiter Lehre an der School of Engineering Im interdisziplinären Studiengang der ZHAW unterrichten auch Dozierende der Bereiche Gesundheit, Life Sciences, Gesundheitsökonomie, Wirtschaftsinformatik und Linguistik. Ebenso divers sind die Vorerfahrungen der ersten Studierenden: Während die einen aus der Pflege oder Sozialarbeit kommen, bringen andere einen kaufmännischen Hintergrund mit und einige wenige stammen aus der Informatik. «Die Heterogenität ist eine Herausforderung», sagt Thomas Järmann. «Wir wollen aber alle Interessierten abholen.» Eine gute Vorbereitung seien die mathematischen Vorkurse der School of Engineering. Derweil sind in Wädenswil bereits vor einem Jahr 47 Personen im neuen Bachelorstudiengang Applied Digital Life Sciences gestartet und rund 50 weitere beginnen dieses Jahr. Es handelt sich schweizweit um ein einzigartiges Angebot. Die Studierenden lernen mit Big Data umzugehen, die mitten aus dem Leben stammen – etwa aus den Bereichen Pharmazie, Chemie, Biotechnologie, Landwirtschaft, Umwelt oder Gesundheitswesen. Ab dem vierten Semester tauchen sie in eine von drei Vertiefungsrichtungen ein: Digital Environment (Umweltbereich), Digital Labs and Production (Labore und Produktionsstätten unter anderem der Chemie-, Pharma- und Lebensmittelbranche) oder Digital Health (Bereich Gesundheit). «Der Studiengang ist so interdisziplinär und abwechslungsreich, wie ihr späterer Berufsalltag sein wird.» Céline Reinbold, Studiengangleiterin In der Vertiefung Digital Health werden neben Konzepten für die Datenverarbeitung auch anatomische und physiologische Kenntnisse vermittelt sowie statistische Anwendungen zum Umgang mit Daten aus der Epidemiologie und Genetik. «Informatik und Naturwissenschaften halten sich ungefähr die Waage», sagt Studiengangleiterin Céline Reinbold . Genau dieses Profil sei im Gesundheitswesen vermehrt gefragt, betont die Psychologin und Hirnforscherin. «Es braucht Leute, die zwischen diesen Bereichen vermitteln können und beide Sprachen sprechen.» Typische Einsatzorte sind unter anderem Pharmakonzerne, die individuelle Krebstherapien aufgrund genetischer Profile von Patientinnen und Patienten entwickeln, oder ein Schlaflabor, wo viele medizinische Parameter gemessen und ausgewertet werden. Auch die Tiermedizin kann von Applied-Digital-Life-Sciences-Spezialistinnen und -Spezialisten profitieren: Hier wird zum Beispiel an Sensoren geforscht, welche die Vitalzeichen von Pferden erheben. Lernfähige Algorithmen bestimmen daraus anschliessend die Ovulationsphasen von Stuten. Somit können invasive Untersuchungen vermieden werden. Auch dieser Studiengang baut auf einer Zusammenarbeit mit diversen anderen Instituten der ZHAW sowie mit dem Studiengang Data Science der School of Engineering auf. Dieser Ansatz ermögliche den Studierenden einen Überblick über verschiedene Fachgebiete, erklärt Céline Reinbold. «Der Studiengang ist so interdisziplinär und abwechslungsreich, wie ihr späterer Berufsalltag sein wird.» Andrea Söldi

Gründerin mit spiritueller Ader

Schon als Kind war es für Birgitta Borghoff selbstverständlich, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ihr Vater führte in Deutschland eine Mühle, und all ihre Geschwister arbeiten heute auf selbstständiger Basis. «Unternehmertum ist eines der Themen, für die ich auf die Welt gekommen bin», sagt die Dozentin an den Departementen Linguistik und Wirtschaft. Zudem ist sie Coach, derzeit Growth Coach bei der Innovation Challenge von ZHAW entrepreneurship, und Jurymitglied an der jährlichen ZHAW Startup Challenge. In diesen Funktionen vermittelt sie den Studierenden, wie sie ihre Geschäftsidee wirkungsvoll hinüberbringen können. «Viele gute Ansätze scheitern an der Kommunikation», stellt Borghoff immer wieder fest. Mit überladenen Präsentationen und abstrakten Fachbegriffen sei es schwierig, Investierende oder Partnerinnen und Partner zu gewinnen. «Man muss eine Geschichte erzählen, authentisch und anschaulich.» «Unternehmertum ist eines der Themen, für die ich auf die Welt gekommen bin.» Birgitta Borghoff In die Schweiz kam die Diplom-Betriebswirtin vor gut 20 Jahren durch eine Anstellung bei der Swissair. Die Marketing-Managerin erkannte, dass die vom Terroranschlag 9/11 gebeutelte Flugbranche von einem kulturellen Repräsentations-Instrument profitieren würde, und gründete das Orchester Flughafen Zürich. «Es war mir stets wichtig, Wirtschaft und Kultur zu verbinden», erklärt die 49-Jährige. Sie sehe ihre Rolle meist am Rand von Teams. Von dort halte sie Ausschau nach neuen Möglichkeiten und baue Brücken zwischen unterschiedlichsten Bereichen. Nachdem Birgitta Borghoff an der ZHAW einen Master in Kulturmanagement erworben hatte, wechselte sie zum Lucerne Festival und baute dort die zeitgenössische Akademie mit auf. 2007 kam sie ans Zentrum für Kulturmanagement der School of Management and Law, wo sie selber studiert hatte. Sie entwickelte das Fachgebiet Cultural Entrepreneurship, aus dem später ein CAS hervorging. «Damals war Entrepreneurship noch nicht einmal am Wirtschaftsdepartement ein Thema», wundert sie sich. Auch für Kunstschaffende seien unternehmerische Fähigkeiten jedoch essenziell. Wer zum Beispiel eine Galerie eröffnen wolle, müsse sich genau überlegen, wie diese im bestehenden Angebot positioniert sein soll. Die Kommunikation sollte Entrepreneurial Storytelling mit dem Geschäftsmodell verknüpfen. « Wenn Logik und Intuition in dir verschmelzen,wirst du Wunder wälzen.» Birgitta Borghoff, ZHAW-Dozentin Der passionierten Dozentin und Forscherin geht es jedoch nicht nur darum, dass möglichst viele neue Firmen entstehen. «Auch wer in einem bestehenden Betrieb angestellt ist, sollte unternehmerisch denken und handeln.» Generell gebe es heute immer noch zu wenig Eigeninitiative und zu viel Dienst nach Vorschrift. Besonders wichtig seien Kreativität und Innovation im Hinblick auf alternative Arbeitsformen und spezielle Lebenssituationen. Diese Mentalität fördert Borghoff auch mit ihrer eigenen Firma namens brückenwege , die sie 2013 gegründet hat. Neben ihren vielfältigen Rollen an der ZHAW coacht sie Menschen, die beruflich neue Wege gehen wollen. In diesem Prozess stelle sie vor allem Fragen und nehme die Rolle der Sparring-Partnerin ein, erklärt sie. «Ich rege meine Klientel zum Reflektieren an und ermutige zum Ausprobieren neuer Dinge.» Dabei gehe sie oft intuitiv vor. Die Winterthurerin hat nämlich auch eine sehr gefühlvolle Seite und eine feine Wahrnehmung. Sie ist überzeugt, dass es neben der materiellen Welt auch eine nicht greifbare, spirituelle Dimension gibt. Gern beschäftigt sie sich mit philosophischen Fragen und trifft sich in ihrer Freizeit zu Gesprächsrunden mit Freundinnen und Freunden. Oft ist sie auch schweigend und lauschend in der Natur unterwegs oder schreibt poetische Texte, die ihr spontan in den Sinn kommen. Diese lässt sie auch in ihre Arbeit und den Unterricht einfliessen. Es brauche Mut, sich mit dieser Eigenschaft im rational geprägten Umfeld der Hochschule zu zeigen, sagt Birgitta Borghoff. Einen Widerspruch zwischen den beiden Bereichen sieht sie aber nicht: «Intuition und Logik sind für mich zwei Seiten derselben Medaille.» Andrea Söldi

Ein längeres Leben für Mobiltelefone

Maximal drei Jahre nutzen wir durchschnittlich unser Mobiltelefon. Danach kaufen wir ein neues, obwohl das alte oft noch funktionsfähig oder reparierbar wäre. Dieser Verschleiss führt zu einer hohen Umweltbelastung: Die Produktion von digitalen Geräten benötigt viel Energie und wertvolle Rohstoffe. In jedem elektronischen Gerät sind über 60 verschiedene chemische Elemente des Periodensystems enthalten – darunter seltene Metalle wie Gold, Indium oder Palladium. Der Abbau dieser Materialien hat schwerwiegende Folgen für die Umwelt und die menschliche Gesundheit. Mit dem Forschungsprojekt «Lifesaving – Lebensdauerverlängerung von Mobilgeräten» soll der Fussabdruck von Smartphones und anderen internetfähigen Geräten reduziert werden. Weil die Herstellung weitaus die grösste Belastung verursacht, ist eine möglichst lange Nutzung der wichtigste Ansatzpunkt. Im Projekt, das vom Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Nachhaltige Wirtschaft» (NFP 73) gefördert wird, arbeiten diverse Institute der ZHAW mit dem Institut für Informatik der Universität Zürich zusammen. Nun liegt ein Teilbericht vor. Ende 2020 haben die Forschenden eine Befragung von gut 1400 Personen durchgeführt, um mehr über Verhaltensweisen, die Motivation dahinter und den Wissensstand zu erfahren. Dabei zeigte sich, dass viele Ersatzkäufe nicht zwingend sind. Je rund ein Viertel der Befragten gab an, dass sie ein besseres Modell wünschten oder das alte, defekte Gerät nicht reparieren wollten. «Das Problem liegt bei unserer Konsummentalität», sagt Gregor Waller , Leiter der Teilstudie. Eine höhere Transparenz bezüglich Umweltauswirkungen könnte dieses Verhalten verbessern, glaubt der Co-Leiter der Fachgruppe Medienpsychologie . «Verkäufer sollten CO 2 -Emissionen eines Neukaufs neben dem Preis ausweisen müssen, am besten gekoppelt mit dem Vergleich eines Secondhand-Geräts.» Handlungsbedarf sieht Waller aber auch andernorts: Händler sollten niederschwellig Reparaturen anbieten, auch für weniger verbreitete Marken. Konsterniert ist der Studienleiter zudem über die Entsorgungsgewohnheiten der Befragten. Fast die Hälfte gab nämlich an, dass sie ihr altes Gerät zu Hause aufbewahren. «In Schweizer Haushalten liegt ein riesiger Schatz begraben», stellt Waller fest. Würden die Geräte zurück in den Kreislauf gebracht und aufbereitet, könnten etliche weiterverwendet oder die Rohstoffe zurückgewonnen werden. Rund die Hälfte nannte persönliche Daten als Grund für das Behalten. Anscheinend wissen viele noch nicht, dass bei neueren Geräten die Daten standardmässig verschlüsselt gespeichert werden und so nach dem Zurücksetzen nicht mehr zugänglich sind. Dies müsste verstärkt kommuniziert werden, findet der Forscher. Zudem brauche es Anreize, damit mehr Geräte zurückgegeben werden – entweder mit einem kleinen Entgelt oder einem Rabatt auf den Neukauf. Im Rahmen eines weiteren Teilprojekts der NFP-Studie untersuchte das ZHAW-Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen zudem Kaufentscheidungen mit einem fiktiven Online-Shop für wiederaufbereitete Smartphones. Dieses sollte darüber Aufschluss geben, wie man die Kundschaft am ehesten zum Kauf von gebrauchten Telefonen bringt. Die Befragung von Wallers Team hat nämlich auch gezeigt, dass die überwiegende Mehrheit derjenigen, die Gebrauchtgeräte nutzen, damit zufrieden ist. Verkaufsstellen sollten deshalb motiviert werden, auch Abo-Verträge mit Secondhand-Telefonen anzubieten. Längere Garantien und ausgeweiteter Software-Support würden die Attraktivität der Geräte ebenfalls steigern, ist Gregor Waller überzeugt: «Wenn die Anstrengungen der Anbieter nicht reichen, muss wohl die Politik Vorgaben für die ganze Branche machen.» Andrea Söldi

Umweltfreundlichere Verpackungen

Wer Fleischersatzprodukte kauft, verfügt meist über ein hohes Umweltbewusstsein. Viel Verpackung, und vor allem Plastik, ist bei dieser Kundschaft verpönt. Dessen ist sich auch die Firma Planted bewusst. Das ETH-Spinoff produziert pflanzliche Nahrungsmittel aus Gelberbse, Hafer oder Sonnenblumen, die kaum zu unterscheiden sind von Pouletgeschnetzeltem oder Pulled Pork, und ist damit sehr erfolgreich. Die Portionen für Privathaushalte sind in Schalen aus rezykliertem PET erhältlich. Bei einer Online-Bestellung werden sie in einer Kartonbox mit Kühlelementen und Füllmaterial aus Altpapier geliefert. Nun will die Firma ihre Verpackungen noch umweltfreundlicher gestalten. «Dass verschiedene Fachrichtungen von Anfang an einbezogen werden, ist ein neues Vorgehen. Wir Fachleute sind oft gefangen in unserem Vorwissen.» Selçuk Yildirim, Leiter Forschungsgruppe Lebensmittelverpackung Im Rahmen des Projekts Sustainable Packaging Architecture (Sparc) haben sich Studierende nun Gedanken zu nachhaltigeren Verpackungen gemacht. Am Zurich Knowledge Center for Sustainable Development (ZKSD) diskutierten im letzten Herbst Angehörige des Instituts für Lebensmittel- und Getränkeinnovation, des Instituts für Angewandte Psychologie sowie der Zürcher Hochschule der Künste Vorschläge für zwei Projektpartner. «Dass verschiedene Fachrichtungen von Anfang an einbezogen werden, ist ein neues Vorgehen», sagt Selçuk Yildirim, Leiter der Forschungsgruppe Lebensmittelverpackung und Initiator des Projekts. Der Professor erhofft sich davon neue, unkonventionelle Ansätze. «Wir Fachleute sind oft gefangen in unserem Vorwissen.» In den drei Workshops entstand zum Beispiel die Idee, die Planted-Stücke zu vakuumieren. So würde weniger Kunststoff benötigt – sowohl im Herstellungsprozess als auch in der Endverpackung. Zudem haben die Studierenden ansprechende Kartonschachteln für die Aussenhülle gestaltet. Für den Online-Versand entwarfen sie modische wiederverwendbare Taschen und Rucksäcke aus rezyklierten LKW-Planen. Zudem führten sie Haltbarkeitstests durch. Das zweite Partnerunternehmen war die Firma Yasai , die im sogenannten Vertical-Farming-System Kräuter produziert. Die Pflanzen wachsen platzsparend in Hallen auf Regalen mit Nährlösungen. In den Verkauf gelangen die Küchenkräuter in Kartonpäcklein mit einem Kunststoff-Sichtfenster. Würde man dieses herausreissen, könnte der Karton im Prinzip rezyliert werden, sagt Selçuk Yildirim. Doch den meisten sei das wohl zu mühsam – wie bei den Teigwarenpackungen mit Sichtfenster oder den Yoghurtbechern mit Kartonhülle. «Der Grossteil dieser Verpackungen landet im Abfall.» Im Workshop entwickelten die Studierenden verschiedene Vorschläge für Kartonverpackungen ohne Sichtfenster, dafür mit perforierter, wieder verschliessbarer Öffnung und schönem Design – etwa der Zeichnung einer Rosmarin-Staude. Eine andere Idee war ein Sichtfenster, das beim Öffnen automatisch entfernt wird. Zudem entwarfen die Teilnehmenden schlichte, ästhetische Behälter, in denen die ganzen Pflanzen samt Wurzeln verkauft werden können. Würde man sie mit einer Nährlösung füllen, könnten sie zu Hause sogar weiterwachsen. Die Kundschaft könnte so auch im Winter Basilikum und Pfefferminz aus heimischer Produktion pflücken. Die Projektpartner seien bei der Schlusspräsentation sehr erfreut gewesen, sagt Yildirim. Pfannenfertige Lösungen seien aber nicht entstanden, und das sei auch nicht das Ziel gewesen. «Es ging darum, Wege aufzuzeigen und Denkprozesse anzuregen.» Die Entwicklung von Lebensmittelverpackungen ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Neben der Nachhaltigkeit sind hygienische Standards ein wichtiges Kriterium. Rezyklierter Karton zum Beispiel darf nicht direkt mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, sondern muss mit einer Folie überzogen werden. Eine Verpackung sollte zudem ansprechend gestaltet sein und gut beschriftet werden können. Auch die Vermeidung von Foodwaste ist ein grosses Thema: Dabei helfen zum Beispiel wiederverschliessbare Packungen oder mehrere Abteile, die einzeln geöffnet werden können – wie etwa bei Raclette-Käse. Mit den Bestrebungen, vom Plastik wegzukommen, gewinne Karton zunehmend an Bedeutung, erklärt Yildirim. Die Forschungsgruppe Lebensmittelverpackungen arbeitet deshalb an einer Folie, die zusammen mit dem Karton rezykliert werden kann. Auch Aludosen sollen dereinst ersetzt werden durch mit Folie überzogenem Karton. Wo es nicht ohne Kunststoffe geht, sollen Materialien aus organischen Stoffen zum Einsatz kommen. Andrea Söldi

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