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«Von oben herab forscht man nicht mehr»

Christoph Steinebach: Die grösste Veränderung liegt in den Möglichkeiten durch neu aufgekommene Tools. Beispielsweise kann modernste neurowissenschaftliche Forschung mit psychologischen Fragestellungen verbunden werden. Dank der Digitalisierung werden zunehmend Daten fortlaufend und direkt erhoben, etwa mit einer App, die auf dem Smartphone dreimal pro Tag einen kurzen Fragebogen aufpoppen lässt. Auch forschen wir zunehmend in und mit virtuellen Räumen. So verfügen wir an der ZHAW über einen Fahrradsimulator. Dank «Big Data» verarbeiten wir grössere Mengen an Daten und nutzen die Welt von Google als Plattform. Dabei stellt sich die Frage, wie man alles zusammenbringt. Was dazu geführt hat, dass wir über mehr Metaanalysen verfügen, die im Prinzip über Forschungsprojekte und -ergebnisse forschen. In diesen Metaanalysen geht es beispielsweise darum, diese Ergebnisse statistisch zusammenzufassen, womit sich der Forschungsstand eines Themas bewerten lässt. Grundsätzlich ja. Viele finden unsere Forschungsergebnisse spannend, sie lesen sie, sagen aber auch manchmal: «Kaum zu glauben.» Forschung überrascht zuweilen mit unerwarteten Ergebnissen, was Widerstand auslösen kann. Dass sich viele Resultate psychologischer Studien nicht replizieren lassen, hat dem Fachgebiet einen gewissen Vertrauens­verlust beschert. Aber es gibt auch gute Gründe dafür. Menschen und Einstellungen verändern sich über Generationen hinweg. Vieles von dem, was in den 1950er Jahren erforscht wurde, gilt heute nicht mehr. Oder es bestehen Unterschiede zwischen befragten Gruppen. Aber es braucht Spielregeln, damit es nicht zu Verzerrungen oder zur Beeinflussung von Ergebnissen kommt. «Bei sensiblen Forschungsthemen versuche ich Menschen aus der Zielgruppe in das Projekt einzubeziehen. Das ist auch eine ethische Haltung.» Christoph Steinebach, Direktor des Departements Angewandte Psychologie Klassischerweise ist Forschung objektiv, also nicht ungewollt durch Involvierte beeinflusst; reliabel, was bei wiederholter Durchführung zu zuverlässigen Ergebnissen führt; und valide, was gegeben ist, wenn gemessen wird, was gemessen werden soll. Neu muss auch deutlich sein, wer für den Forschungsprozess verantwortlich ist, wie und welche Daten erhoben wurden und wo sie verfügbar sind, sodass auch Dritte darauf zurückgreifen und nachrechnen oder mit den Daten weiterarbeiten können. Auch muss ausgewiesen werden, welche Entscheidungen in welchen Phasen getroffen wurden. Es herrscht mehr Transparenz, was sicher den Aufwand erhöht. Auch die sicher berechtigte Sorge um den Datenschutz macht es nicht einfacher. Manche Teilnehmenden sind skeptisch und beantworten gewisse Fragen nicht, was das Ergebnis verzerren kann. Transparenz und Konsens – die Beteiligten müssen wissen, was warum gemacht wird. Den zu Befragenden biete ich an, sie über die Ergebnisse zu informieren. Bei sensiblen Forschungsthemen versuche ich, Menschen aus der Zielgruppe in das Projekt einzubeziehen. Wir klären gemeinsam, was gute Fragen sind und mit welchen Ansätzen man dem Thema gerecht wird. Das ist auch eine ethische Haltung. Aus der Distanz und von oben herab forscht man nicht mehr. Auftragsforschung hat den Vorteil, dass sich damit Zielgruppen erschliessen lassen, mit denen man gar nicht in Kontakt kommen würde. Man arbeitet mit Leuten zusammen, die an der Umsetzung interessiert sind. Mit den Daten sind zudem Analysen möglich, die über die Fragestellung des Auftraggebers hinausgehen. Idealerweise kann man eigene Interessen einbringen und die Auftraggebenden davon überzeugen, dass sie zusätzliche Fragestellungen zulassen. Wenn das nicht gelingt, muss man Abstriche machen. «Ich hoffe nicht, dass es in der Schweiz Forschende gibt, die bestimmte Themen nicht anpacken, weil sie die Reaktionen fürchten.» Christoph Steinebach, Professor für Angewandte Entwicklungspsychologie Dank Fördermitteln gibt es viele Möglichkeiten, national und international an spannenden Projekten zu arbeiten. Ich sehe aber ein fachhochschulspezifisches Problem: Viele, die an der ZHAW als Dozierende oder wissenschaftliche Mitarbeitende tätig sind, sind stark in der Lehre engagiert, es bleibt wenig Zeit für Forschung. Oft kann man das nur nebenher machen. Hier existiert Luft nach oben. In der Forschungsförderung hat man Linien, die auf Themenfelder oder gesellschaftliche Fragestellungen zugeschnitten sind – etwa die Förderung von Mental Health. Hier passen viele Themen. Es gibt aber auch solche, bei denen es schwierig ist, Förderung zu erhalten. Wichtige und spannende Fragestellungen liegen im Schatten der Aufmerksamkeit. So etwa fliessen relativ wenig Mittel in die Verkehrs- oder die Sportpsychologie. Ich hoffe nicht, dass es in der Schweiz Forschende gibt, die bestimmte Themen nicht anpacken, weil sie die Reaktionen fürchten. Bei uns sind Forschende diesbezüglich gut geschützt. In anderen Gesellschaften muss man mit gewissen Forschungsgegenständen vorsichtig sein, etwa bei Diversity, Gender oder LGBTQ. Eine Grenze ist die Zeit. Als Direktor eines Departements mit vielfältigen Anliegen und Aufgaben ist es schwer, kontinuierlich in einem Forschungsthema unterwegs zu sein. Gerne hätte ich zur Resilienzförderung über die Lebensspanne hinweg mehr geforscht. Für dieses relevante und attraktive Thema bietet die ZHAW ein gutes Umfeld. Eine wichtige Frage wäre etwa, wie wir Resilienz umfassend im Alltag einer Hochschule fördern können. Interview Kathrin Reimann

«Nachhaltigkeit lässt sich hochschulübergreifend umsetzen»

Thierry Wüthrich: Bildungsinstitutionen kommt bezüglich Nachhaltigkeit eine besondere Verantwortung zu. Mit der Nachhaltigkeitswoche können wir das Thema interdisziplinärer angehen und zudem aufzeigen, dass unsere Forderungen nach hochschulübergreifenden Nachhaltigkeitsbemühungen umsetzbar sind. Nachhaltigkeit geschieht nicht nur top down, sondern gleichzeitig auf politischer, gesellschaftlicher und persönlicher Ebene. Mit unseren Veranstaltungen möchten wir zum Reflektieren, Debattieren und zum konkreten Handeln anregen. Denn wer eine Hochschule besucht, sollte den Status quo kritisch hinterfragen, sich Gedanken zur Gesellschaft machen und für eine Erweiterung des Horizonts offen sein. Nachhaltigkeit ist ein breites Thema mit vielen Aspekten und Ideen. Während dieser Woche entstehen interessante Synergien, die sich irgendwo zwischen Kunst, Lehre, Forschung und Technologie bewegen. Die Transdisziplinarität der Nachhaltigkeitswoche funktioniert erstaunlich gut, wäre aber ohne über 100 freiwillige Studierende nicht möglich. Das macht Mut und motiviert uns, unser Projekt weiterzuführen: Mittlerweile hat die Nachhaltigkeitswoche Nachahmer bekommen und findet auf der ganzen Welt statt. Das diesjährige Motto lautete «Take Action!». Uns ist wichtig, das Thema Nachhaltigkeit jedem Einzelnen zugänglich zu machen: Lösungen und Handlungsoptionen aufzuzeigen sowie die Vielfältigkeit und die Freude dahinter, statt Einschränkung oder Hoffnungslosigkeit zu vermitteln. Nachhaltigkeit geht uns alle an, gemeinsam können wir etwas bewegen – gemeinsam kann es sogar befreiend sein! Veranstaltungen, Diskussionen und Workshops fanden unter anderem zu den Themen Baubiologie, nachhaltige Hochschulen, Ökofeminismus, Fleischverzicht, Do It Yourself, Konsumkritik, Zero Waste oder zur Verantwortung der Schweizer Konzerne statt. Auch eine Velobörse, ein Kleidertausch, gemeinsame Foodwaste-Zmittage und verschiedene Ausstellungen standen auf dem Programm. Interview Kathrin Reimann

Nachhaltigkeit: «Die ZHAW wird zum Real-Labor»

Urs Hilber: Proteste braucht es, damit die Dringlichkeit des Problems ersichtlich wird. An der Hochschule mahlen die Mühlen langsam. Die Entwicklung eines neuen Studiengangs dauert drei Jahre, ein neues Gebäude wird in zehn Jahren gebaut. Es ist nicht zu erwarten, dass wir an der ZHAW rasant vorwärtskommen. Aber es ist zu erwarten, dass unsere Lösungen einen wirksamen Beitrag leisten, weil sie wissenschaftlich fundiert sind. Hilber: Wir haben bereits an allen Departementen viele Projekte, die einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten. Wir müssen sie stärker und zusammenhängend sichtbar machen. Francesco Bortoluzzi: Viele der Forderungen der Klimaaktivisten sind in unserer Nachhaltigkeitsstrategie verankert, etwa ökologisches Reisen, klimafreundliche Energieversorgung und nachhaltiges Essen. Allerdings braucht es Zeit, um in jeder Institution eine andauernde, sprich nachhaltige Transformation durchzuführen. Unter den Bedingungen des Jahres 2020 haben wir mit den Mitteln, die wir aufbringen konnten, viel erreicht. Um effizienter zu sein, brauchen wir Menschen, die sich an unseren Aktivitäten beteiligen, indem sie konkrete Ideen und Aktivitäten auf den Tisch legen. Meine Hoffnung ist, dass Klimaaktivisten Teil der Lösung werden und nicht nur die Alarmglocke läuten. Hilber: Generell nehme ich die Erwartung «Tut endlich etwas» wahr. Aber auch Widerstand ist spürbar, sobald wir etwas tun, was einer individuellen Veränderung bedarf. Die Erhöhung der Parkplatzgebühren ist ein Beispiel. Widerstand ist übrigens einer der Gründe, weshalb unsere Schritte klein sind. Für diese Gangart wurde ich – vor allem von Studierenden – stark kritisiert, aber ich bin ein Freund von kleinen Schritten, nur so geht es nachhaltig vorwärts. Wir bauen auf eine dialogische Basis. Im Nachhaltigkeitsausschuss können wir differenzieren, was möglich und kulturverträglich ist und was zu weit geht. Hilber: Nachhaltige Entwicklung kann ein emotionales Thema sein, rasch wird von Religion, Sektiererei oder Bevormundung gesprochen. Fallstricke, die es zu vermeiden gilt. Deshalb ist es wichtig, dass wir mehrheitsfähig sind. Extrempositionen sind manchmal wissenschaftlich korrekt, aber (noch) nicht mehrheitsfähig, und dann droht die Gefahr, dass nichts passiert, was schlechter ist, als wenn wenig passiert. Der Nachhaltigkeitsausschuss setzt sich deshalb einerseits aus Personen zusammen, die nahe bei ihrer jeweiligen Departementsleitung positioniert sind – sie bringen die Machtlogik ein. Wir haben andererseits auch Fachspezialisten und -spezialistinnen, sie bringen die Sachlogik ein. Bortoluzzi: Und wir haben Studierende, die uns die Sicht unserer wichtigsten Stakeholder einbringen. Die wichtigsten Ziele, die wir mit dem Ausschuss erreichen wollen, sind Transparenz, Inklusion und ein partizipatorischer Ansatz. Er funktioniert als Mikrokosmos der ZHAW. «Ich habe meinen Fleischkonsum um mindestens 90 Prozent gesenkt.» Urs Hilber Hilber: Nicht nur interne Zusammenarbeit ist uns wichtig, wir wollen auch über die ZHAW-Grenzen hinaus kooperieren. Nachhaltigkeit ist aus meiner Sicht zwar eine individuelle Geschichte, aber erst wenn viele Individuen beitragen, nützt es. Gemeinsam mit den Zürcher Hochschulen UZH, PHZH, ZHdK haben wir das Zurich Knowledge Center for Sustainable Development (ZKSD) geschaffen, welches dank der Hamasil Stiftung – die Projekte im Sinne der Agenda 2030 fördert – über eine Location an bester Lage in Zürich verfügt. Wir wollen, dass Angehörige aller beteiligten Hochschulen in diesem Setting gemeinsame Projekte bearbeiten und sich gegenseitig inspirieren. Die Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen – kurz DIZH – verfügt über ein ähnliches Modell. Ich denke, dass die Menschen, die im Bereich Nachhaltigkeit arbeiten, primär die Welt für die Kinder unserer Kinder erhalten wollen und deshalb der Gedanke des Miteinander stark ausgeprägt und ein solches Zentrum wichtig ist. Bortoluzzi: Ein weiteres konkretes Projekt ist die Erarbeitung eines Nachhaltigkeits-Cockpits. Wir haben begonnen, Daten zum Thema Flugreisen zu sammeln. Die Lust, Daten zu erheben, ist aber noch klein und vielerorts wird auch die Einsicht, dass hinsichtlich Flugreisen weniger mehr ist, noch nicht uneingeschränkt geteilt. Mit der Analyse von Cockpitsdaten wollen wir intelligente Hypothesen aufstellen, Massnahmen einführen und letztlich die Hypothese überprüfen und die Resultate sichtbar machen, um die ZHAW in ein Real-Labor für nachhaltige Entwicklung zu transformieren. Hilber: Auch hier bevorzuge ich es, kleine Schritte zu tun. Erst müssen wir in Sachen Nachhaltigkeit etwas Substanzielles vorweisen können. Gemeinsam mit dem ZKSD-Gründungsbeirat möchten wir dann auf die Politik zugehen, wie das auch die DIZH getan hat. Auch in der Post-Corona-Zeit wird Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema bleiben. Hilber : Covid-19 hat vor allem den Umsetzungsprozess des Green Impact Books verzögert. Auch der spontane Austausch kam zu kurz. «Hochschulen sind die besten Orte, um eine nachhaltigere Zukunft zu gestalten.» Francesco Bortoluzzi Bortoluzzi: Der Lockdown hat gezeigt, dass Veränderungen schnell und effektiv umgesetzt werden können. Das ist eine gute Nachricht für die nachhaltige Entwicklung. Vor einem Jahr wären die Änderungen der Homeoffice-Richtlinien, der digitalen Prozesse und Konferenzen und ein kritisches Überdenken der Raumnutzung belächelt worden. Viele dieser Veränderungen waren in der Nachhaltigkeitsstrategie vorgesehen, da sie die ZHAW ökologischer, ökonomischer und sozial nachhaltiger machen können. Aber: Wie bauen wir eine nachhaltige Zukunft auf, auch ohne dass externe Faktoren uns zu radikalen Entscheidungen zwingen? Hilber: Das Green Impact Book – wie es der Name schon sagt – ist stark auf diese Aspekte ausgerichtet. Das ist aber erst der Anfang. Meines Erachtens müssen die Säulen ökologisch, ökonomisch und sozial letztlich gleichtragend sein. Bortoluzzi: Eines unserer Ziele ist es, die ZHAW zu einem noch besseren Arbeitsort zu machen. Das bedeutet, auch auf Diversität und neue Arbeitsformen zu setzen – der Umwelt und den Menschen zuliebe. Bortoluzzi: Wir wollen die ZHAW als Hochschule profilieren, die viel Expertise im Bereich der nachhaltigen Entwicklung aufzuweisen hat. Wir wollen Kontakte, Wissensaustausch und Zusammenarbeit zwischen den Departementen fördern. Wir wollen alle Studierenden in engen Kontakt mit nachhaltiger Entwicklung bringen. Und wir möchten die Datenerfassung für die Indikatoren des Green Impact Books regeln und Massnahmen einführen, die helfen, Emissionen zu reduzieren. Erstmals soll es auch einen Nachhaltigkeitsbericht für die gesamte ZHAW geben. Dieser soll mehr als nur eine Datenerhebung sein. Er soll die Geschichte unserer Nachhaltigkeitsreise erzählen: Was sind die Prozesse, die Initiativen und vor allem die Menschen, die die ZHAW in ein Real-Labor für angewandte Nachhaltigkeit transformieren? Hilber: Diese Frage höre ich häufig. Wir müssen nicht gleich die ganze Welt retten, aber wir müssen einen kleinen Betrag zur Rettung der Welt liefern. Jeder oder jede weiss doch, wo seine oder ihre Schwachstellen sind. Deshalb ist es wichtig, über das eigene Tun und dessen Sinnhaftigkeit zu reflektieren und dann einen kleinen Schritt in die richtige Richtung zu machen. Bortoluzzi: Und wenn die Leute reflektiert haben und Ideen aufkommen, würden wir uns freuen, wenn sie diese Ideen an uns herantragen. Wir brauchen unsere Kolleginnen und Kollegen, die uns herausfordern und auch ihre Ideen mit uns teilen. Hilber: Bei mir braucht es viel, bis ich zufrieden bin, und im Bereich Nachhaltigkeit sollte man nie zufrieden sein. Ich bin beeindruckt vom Engagement im Bereich der Nachhaltigkeit, das ich überall an der ZHAW spüre. Daneben freue ich mich über das Vertrauen, das die Hochschulleitung in uns hat, über mein Privileg, mit Francesco Bortoluzzi zusammenzuarbeiten, bis hin zur Zusammensetzung des Nachhaltigkeitsausschusses. Hilber: Ich habe meinen persönlichen Fleischkonsum um mindestens 90 Prozent gesenkt. In meiner Arbeit erlebe immer wieder Aha-Momente und lerne dazu, etwa dass zahlreiche Studierende «containern», hat mich bewegt. Bortoluzzi: Ich bin tief beeindruckt von dem Fachwissen und der Leidenschaft der ZHAW-Angehörigen für Nachhaltigkeitsthemen. Ich denke, dass Hochschulen die besten Orte sind, um eine nachhaltigere Zukunft zu gestalten. Das gibt mir viel Hoffnung. Interview Kathrin Reimann

Nachhaltigkeit: «Wir prägen die Generationen von morgen»

Es ist nicht lange her, da löste das Thema Nachhaltigkeit ein müdes Gähnen aus. Woher kommt der derzeitige Hype? Maria Högger: Die Auswirkungen des Klimawandels sind spürbarer. Auch in der Schweiz erleben wir Dürren und Hitzewellen. Greta Thunberg erregt mit ihrer Botschaft Aufsehen. Wir merken, dass es langfristige Lösungen braucht. Jean-Marc Piveteau: Das Thema löste nicht wirklich ein müdes Gähnen aus. Die Notwendigkeit, etwas zu tun, war längst bekannt. Neu ist, dass die Bewegung die Jüngeren mobilisiert und den Diskurs prägt. Maria Högger: Ich denke schon, dass das Thema früher – etwa in der Populärkultur – auch belächelt wurde. Jetzt, da man die Auswirkungen bemerkt und auch viel mehr Forschung in diesem Bereich betrieben wird, nimmt man es ernster. Jean-Marc Piveteau: Es gab und gibt immer Leute, die es nicht ernst genommen haben. Aber schon der Brundtland-Bericht der Uno von 1987 war deutlich. Ich war damals ungefähr so alt wie Sie beide heute. Noch viel früher, Anfang der 1970er Jahre, erschien der Bericht des US-Ökonomen und Wachstumskritikers Dennis L. Meadows . Den diskutierten wir in der Familie. Ich verstand nicht alles, aber es war ein grosses Thema: Das Wachstum wurde in Frage gestellt. Högger: Natürlich werden Nachhaltigkeitsfragen schon lange thematisiert und beforscht. Jedoch, obwohl ich in einer Familie aufwuchs, die sehr ökologisch geprägt war, wusste ich sehr wenig über beispielsweise den Einfluss der Ernährung auf die Umwelt. Dieses Wissen wurde nicht in der Schule vermittelt. Mit dem Internet lässt sich das Wissen heute schneller verbreiten, und die Themen der Nachhaltigkeit sind sicher auch deshalb mehr Mainstream geworden. Nico Frommherz: Ich glaube, die Bewegung wächst noch. Zum Klimastreik kommen immer mehr Organisationen hinzu, welche mit ihren Aktionen den gesellschaftlichen Druck verstärken. Jean-Marc Piveteau, bei Ihnen wurde Nachhaltigkeit in der Familie thematisiert. Seit wann beschäftigen sich die anderen mit dem Thema? Frommherz: Ich habe mich vor zehn Jahren entschieden, kein Fleisch mehr zu essen und gesünder zu leben. Das war ein krasser Cut. Ich hatte zuvor zwei- bis dreimal am Tag Fleisch gegessen. In meinem Umfeld musste ich mir blöde Sprüche anhören. Damit ich gute Antworten darauf hatte, informierte ich mich und kam so mit weiteren Nachhaltigkeitsthemen in Berührung. «Man man kann sich nicht einfach auf andere verlassen, sondern ist mitverantwortlich.» Jean-Marc Piveteau Högger: Ich wurde ebenfalls in der Familie damit sozialisiert, entwickelte mich dann aber in Richtung konsumierende Bürgerin. Ich verdiente früh Geld, weil ich eine Lehre machte. Ich wollte die Welt entdecken und erfüllte mir den Traum einer Weltreise. Aber da merkte ich, dass ich ständig konsumieren musste und keine Aufgabe hatte, was mich nicht befriedigte. Ich kam zurück und änderte meinen Lebensstil. Inwiefern gestalten Sie Ihr Leben nachhaltiger? Högger: Ich wohne ökologisch in einem Neubau mit Regenwasserspülung und Solaranlage. Ich verzichte seit drei Jahren aufs Fliegen. Ich esse vegetarisch und achte darauf, woher tierische Produkte stammen. Und ich kaufe fast keine Kleider mehr, sondern tausche oder gehe ins Brocki. Piveteau: Ich esse zwar ab und zu Fleisch, aber weniger. Ich achte darauf, wie Sachen produziert sind, ebenso auf meinen Energie- und Ressourcenverbrauch. Beim Erwerb unseres Reihenhauses gehörten wir zu den ersten, die sich für Solarwärme entschieden. Finanziell zahlte sich das nicht aus. Ideell aber schon – doch man muss immer aufpassen, dass man sich mit solchen Taten nicht vorschnell zufriedengibt. Das tägliche Verhalten muss laufend hinterfragt und angepasst werden. Inwiefern ist Ihr Alltag an der ZHAW von Nachhaltigkeit geprägt? Frommherz: Als Klassensprecher meines Jahrgangs musste ich oft Nachhaltigkeitsanliegen weitertragen. Etwa wenn es um die Mensa ging. Abgesehen davon dreht sich mein Studium in Umwelt und Natürliche Ressourcen sowieso um Nachhaltigkeit. Nebenbei arbeite ich in der Umweltbildung. Zudem bin ich Mitglied der Nachhaltigkeitskommission der Studierenden und engagiere mich bei der Nachhaltigkeitswoche. Högger: Bei mir hat sich das Thema durchs ganze Studium gezogen, der Höhepunkt dabei war die Gründung der Nachhaltigkeitskommission des Studierendenvereins VSZHAW. Ich bin jetzt im Fachausschuss Nachhaltigkeit der ZHAW, und ich versuche das Thema am Departement Soziale Arbeit weiterzubringen. Piveteau: Als Rektor sehe ich meine Aufgabe im Sicherstellen der Rahmenbedingungen, damit die Hochschule in der Lehre, in der Forschung und im Betrieb ihre Ziele erreicht. Das gilt auch für die Nachhaltigkeit. Im letzten Herbst – also noch vor der medialen Aufmerksamkeit – haben wir beschlossen eine Nachhaltigkeitsstrategie zu erarbeiten. Natürlich haben wir das Thema schon früher diskutiert, etwa im Bereich der Energieversorgung. Nachhaltige Entwicklung ist eine Kultur, die man prägen kann – auch wenn das Wort Nachhaltigkeit nicht in jedem zweiten Satz erscheint. Gibt es Handlungen, auf die Sie gerne verzichten würden? Högger: Wir leben in einer komplexen Welt, und auch wenn wir uns gut auskennen, ist es nicht möglich, total nachhaltig zu leben. Ein Beispiel: Biogemüse in Plastiksäckchen vermittelt ein ungutes Gefühl, obwohl es nachhaltiger als konventionelles Gemüse ist. Frommherz: So lange man nicht als Aussteiger lebt, ist es in der Schweiz unmöglich einen ökologischen Fussabdruck von nur einer Welt zu erreichen. Deshalb finde ich es wichtig, dass man die Strukturen für die Konsumierenden ändert. Damit man sich nicht bei jedem Schritt im Alltag überlegen muss, ob der jetzt gut oder schlecht ist. Piveteau: Genau das erachte ich als Beitrag zur Entwicklung des Nachhaltigkeitsgedankens: dass man sich bei jedem Kauf und jeder Handlung diese Fragen stellen muss. Man kann sich nicht einfach auf andere verlassen, sondern ist mitverantwortlich. Wir können nicht alles bewirken. Ich lebe in einer Welt, in der ich Kompromisse machen muss. Aber die Auseinandersetzung damit ist wichtig. Frommherz: Im Supermarkt sollte man aber keine Ware erhalten, die Menschenleben zerstört. Man sollte nicht die ganze Verantwortung an die Konsumentinnen und Konsumenten übergeben, sondern den Konzernen Bedingungen stellen. Langfristiges Ziel nachhaltiger Entwicklung ist die inter- und intragenerationelle soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit bei Respektierung der ökologischen Grenzen der Nutzung natürlicher Ressourcen. Diese Querschnittsaufgabe erfordert Reflexion, Aushandlung und Kompromissfindung auf allen Entscheidungs- und Handlungsebenen. Partizipation ist daher ein Kernprinzip nachhaltiger Entwicklung an der ZHAW. Piveteau: Wir leben nicht in der idealen Welt. Wir leben mit Rahmenbedingungen und Ansprüchen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in einen moralisierenden Diskurs geraten, bei dem wir genau zu wissen glauben, was gut und böse ist. Darum verwende ich auch nicht den Ausdruck Klimasünde. Wachstum und Prosperität sind nicht a priori falsch. Etwas dürfen wir aber nicht vergessen: Nicht zuletzt wegen der Ausbeutung von Ressourcen in Entwicklungsländern leben wir komfortabel, sind gut ausgebildet und haben das Glück, rational wissenschaftlich denken zu können und auf dieser Basis Entscheidungen zu fällen. Darum haben wir die Verantwortung, in einer globalen Sicht mit Entwicklungsländern zusammenzuarbeiten. Und wie bringen Sie die ZHAW-Angehörigen dazu, diese Verantwortung wahrzunehmen? Piveteau: Es geht nicht darum, den Leuten eine Botschaft aufzudrücken, sondern um die Entwicklung eines Bewusstseins. Es soll eine Diskussion in Gang kommen. In jeder Abteilung, jedem Institut und jedem Departement muss man sich überlegen, wie man sich im Alltag verhält. Und dies nicht nur in der Berufswelt – welche ohnehin immer weniger vom Privatleben getrennt ist. Denken Sie, dass bezüglich Nachhaltigkeit ein Generationenkonflikt existiert? Piveteau: Mein Vater ist 92 Jahre alt, ich weiss, was er denkt, und ich denke genau gleich: Für die Zukunft ist er genauso verantwortlich wie ich und wie meine Kinder. Es gibt Leute mit unterschiedlicher Meinung, aber es gibt keinen Generationenkonflikt. «Ich sehe mich als Macher von heute in der Verantwortung.» Nico Frommherz Frommherz: Ich kann das nicht wissenschaftlich belegen, aber ich merke, dass älteren Personen oft das Interesse fehlt. Aber viel grösser ist der globale Konflikt, nämlich dass die Verursachenden von Klimakrisen, also wir Menschen in den westlichen Ländern, eine Verantwortung haben, die wir nicht wahrnehmen, und gleichzeitig die Menschen im globalen Süden von diesen Entscheidungen betroffen sind. Und vor den Auswirkungen der Klimakrise kann sich nur schützen, wer genug Geld hat. Stehen Junge, als Entscheider von morgen, in einer besonderen Verantwortung? Frommherz: Ich sehe mich als Macher von heute in der Verantwortung. Ich kann mich jetzt engagieren und etwas tun. Und ich will Entscheidungsträger dazu bringen, sich die Zukunft vielleicht auch aus der Perspektive von anderen Menschen anzuschauen. «Ich frage mich immer wieder, ob das, was ich tue, sinnvoll ist.» Maria Högger Högger: Ich frage mich immer wieder, ob das, was ich tue, sinnvoll ist. Deshalb trage ich gerne Verantwortung und möchte mein Engagement auch im beruflichen und persönlichen Alltag integrieren. In meiner utopischen Vorstellung könnte das jeder andere auch so machen. Piveteau: Hier stehen wir als Hochschule in besonderer Verantwortung: Die Lehre und der Bildungsauftrag sind fundamental. Was wir da machen, prägt die Generationen von morgen. Dadurch können wir mitgestalten und Einfluss ausüben. Die ZHAW versucht ihre Verantwortung mit der Nachhaltigkeitsstrategie wahrzunehmen. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen? Högger: Die sehe ich in der Heterogenität der Departemente. Es werden jeweils unterschiedliche Ziele priorisiert, und dabei kann es zu Zielkonflikten kommen. Diese Uneinigkeit und die Schwierigkeit, an der ZHAW als Ganzes zusammenzuarbeiten, das ist herausfordernd. Piveteau: Aber auch eine Chance. Denn die Auseinandersetzung mit anderem Denken ist sehr wichtig. Frommherz: Ich sehe eine weitere Herausforderung in der Emotionalität. Ich war an der Teilstrategie «Bildung und digitale Transformation» beteiligt und ich war erstaunt, wie wenig emotional die Diskussion war. Es drehte sich vorwiegend um Ressourcen. Ich glaube, Nachhaltigkeit ist ein Thema, das die Menschen auch auf persönlicher Ebene berührt und das eigene Leben und das Leben der gesamten Menschheit betrifft. Piveteau: Die Emotionalität ist eine Herausforderung, hat aber auch ihre guten Seiten. Für die digitale Transformation gilt das aber genauso. Zwar verlief die Diskussion an der ZHAW eher sachlich, weil wir dabei nur die Chancen ins Auge fassten. Doch sie kann auch Emotionen auslösen, weil sie mit Rollenangst verbunden ist. Das darf man nicht unterschätzen. Und wir haben als Hochschule auch hier eine Verantwortung: Wir müssen in Bildung und Forschung auf die fundamentale Problematik der digitalen Inklusion reagieren. Im Juli hat die ZHAW ihre Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet. Sie baut auf der Hochschul­strategie sowie den bisherigen Leistungen der ZHAW auf und wurde unter der Federführung von Elena Wilhelm, Leiterin Hochschulentwicklung, und Christian Wassmer, wissenschaftlicher Mitarbeiter Hochschulforschung, sowie dem Fachausschuss Nachhaltige Entwicklung – bestehend aus Mitarbeitenden und Studierenden – erarbeitet. Mit der Strategie übernimmt die ZHAW als Hochschule ihre gesellschaftliche Mitverantwortung für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft und verankert die nachhaltige Entwicklung auf höchster Ebene. Die ZHAW orientiert sich dabei an der Agenda 2030 mit ihren siebzehn «Sustainable Development Goals» (SDGs). Die Strategie bezieht sich auf alle Leis­tungsbereiche und enthält Ziele und Massnahmen für Lehre und Weiterbildung, Forschung, Wissenstransfer, Dienstleistungen, Betrieb sowie Governance. Ein Hochschulleitungsmitglied wird Beauftragte(r) für nachhaltige Entwicklung und leitet mit Unterstützung eines Fachausschusses die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie. Die Hochschulleitung hat auch ein Green Impact Book für den Hochschulbetrieb beschlossen mit Zielen und Massnahmen im Bereich ökologische Nachhaltigkeit. Interview Kathrin Reimann

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