Menü
Logo Logo
  • DE
  • EN
  • Dossier 6
  • Main Topic 2
  • Menschen 1
  • Katrin Oller 6
  • 1/2021 1
  • 1/2022 1
  • 2/2021 1
  • 2/2022 1
  • 3/2023 1
  • 4/2021 1
Aktive Filter: Kategorie: Dossier Autor: Katrin Oller Alle Filter entfernen
Es wurden 6 Ergebnisse in 1 Millisekunden gefunden. Zeige Ergebnisse 1 bis 6 von 6.
  • 1
Ergebnisse pro Seite:

Neue App zur Entlastung betreuender Angehöriger

Vera Bodmer betreut ihren Mann schon lange. Anfangs musste sie ihn nur an Termine erinnern. Unterdessen wäscht sie ihn, beantwortet immer wieder dieselben Fragen und lässt ihn kaum aus den Augen – damit er nicht den Herd anstellt und es gleich wieder vergisst. Vera Bodmer ist selber gestresst, hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie mal wegmuss, und fühlt sich oft einsam mit ihrem dementen Ehemann. Vera Bodmer ist ein fiktives Beispiel, aber ein typisches. Laut einer Studie im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit betreuen 600’000 Menschen in der Schweiz ihre Angehörigen. Oft sind es Frauen. Sind die kranken Personen älter, übernimmt fast immer die Partnerin oder der Partner die Betreuung. Vor allem bei dementen Personen sei es häufig, dass sich Partnerinnen und Partner dies alleine aufbürden, weil sie langsam hineingerutscht seien in diese Aufgabe, sagt Samuel Wehrli vom ZHAW-Institut für Computational Life Sciences, er leitet dort die Fachgruppe Biosignal Analysis and Digital Health : «Statt sich im Rentenalter mehr Ruhe zu gönnen, lernen die Ehepartner quasi einen neuen Beruf, mit allen Belastungen.» Weil die Betreuung ihres Partners etwas sehr Persönliches sei, scheuen sich auch viele davor, Hilfe anzunehmen, obwohl ihnen selbst ein freier Tag wieder einmal guttun würde. Deshalb ist das Risiko pflegender Angehöriger erhöht, selber an einer Depression, einem Burnout oder anderweitig zu erkranken. Hinzu kommt die Gefahr, dass Angehörige aus Überforderung gewalttätig werden gegenüber den Kranken. Hier wollen Samuel Wehrli und sein Team ansetzen. Denn Informationen und Hilfsangebote für betreuende Angehörige gibt es viele, aber sie zu den Betroffenen zu bringen, ist nicht leicht: «Die meisten sind dermassen eingespannt, dass sie nicht dazu kommen, die Webseiten, PDFs und Listen zusammenzusuchen, die verfügbar sind», sagt Wehrli. «You + Care ist eine Art Coach im Handy-Format, schnell, kompakt und leicht zugänglich.» Samuel Wehrli vom ZHAW-Institut für Computational Life Sciences Die Lösung ist eine Handy-Applikation. Sie heisst You + Care und fragt zuerst die Betreuungssituation ab. Darauf schlägt sie Informationen vor, etwa darüber, wie mit man mit einer Person kommunizieren kann, die ständig alles vergisst. Die App gibt auch konkrete Ratschläge. Beispielsweise empfiehlt sie mehr Selbstfürsorge, sich etwa eine Pause zu gönnen, oder gibt Ideen für den Alltag, wie das Zubereiten eines Lieblingsgerichts des Partners von früher. Wie bei einem Online-Filmverleih merke sich die App Präferenzen der Nutzer und welche Lernmodule bereits absolviert wurden, erklärt Samuel Wehrli. «Es ist eine Art Coach im Handy-Format, schnell, kompakt und leicht zugänglich.» Die Entwicklung der App ist eine Kollaboration zwischen der ZHAW und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Neben Samuel Wehrli ist Barbara Baumeister Teil des Projektteams. Sie ist Gerontopsychologin und arbeitet am ZHAW-Departement für Soziale Arbeit. Für die ZHdK sorgen Jürgen Späth und Nadine Cocina als Interaction Designer dafür, dass die App für die Angehörigen bedarfsgerecht gestaltet ist. Schliesslich arbeitet das Projekt für Umsetzung, Betrieb und Verbreitung der App mit We+Tech und Pro Aidants zusammen, einem Verein, der sich für die Anliegen von Betreuenden einsetzt. 2023 endet das Projekt You + Care, das von der Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen (DIZH) finanziert wird. Derzeit testen Wehrli und sein Team mit Betroffenen verschiedene Prototypen der App. Zudem laufen Gespräche, damit die App ab 2024 umgesetzt werden kann. Es sehe gut aus, sagt Samuel Wehrli, dass bald Menschen wie Vera Bodmer zu Unterstützung und Entlastung kommen – unkompliziert und schnell per Handy-App. Katrin Oller

Als freiwilliger Übersetzer heisst er die Geflüchteten erst mal willkommen

Zürich West, im April: Vor dem Bundesasylzentrum stehen weisse Plastikzelte. Menschen mit Koffern und Taschen treten an die Holztische unter den Zelten und erkundigen sich: Wo kann man sich für den Status S registrieren? Wie kommt man zu einer Unterkunft? Wo gibt es eine Apotheke für Blutdruckmedikamente? Frauen und Männer in orangen und blauen Westen empfangen die Geflüchteten aus der Ukraine und geben sich Mühe, alle Fragen zu beantworten. Stephan Hille hat seine blaue Weste gerade ausgezogen. Seine Schicht als freiwilliger Übersetzer ist zu Ende. Jetzt sitzt der 52-Jährige auf einer Bank im Schatten und raucht. «Nach Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine war mir schnell klar, dass ich helfen will. Und was kann ich? Die Sprache.» Hille hat lange als Journalist in Russland gearbeitet und spricht Russisch – was die meisten Ukrainerinnen und Ukrainer verstehen. Wenn Hille sie vor dem Bundesasylzentrum Zürich anspricht, wolle er sie erst mal herzlich willkommen heissen: «Ich sage ihnen, nehmt einen Apfel, hier hat’s Wasser. Und mein Ziel ist es, sie zum Lachen zu bringen.» Das gehe meist leicht, wenn man deren Art Humor kenne, sagt Hille. Hille übersetzt Nach der Begrüssung zeigt er den Menschen aus der Ukraine, wo es weitergeht, welche der Warteschlangen für sie die richtige ist, um den Mitarbeitenden der Asylorganisation Zürich (AOZ) in den orangen Westen ihre Fragen stellen zu können. Hille übersetzt. Viele sind gekommen, um sich für den Status S zu registrieren. «Manche kommen mehrmals vorbei, weil sie nach der Registrierung lange nichts mehr hören», sagt Hille. Häufig gehe es auch um die Unterkunft, etwa weil jemand nur temporär im Hotel untergekommen ist oder weil Probleme aufgetaucht sind. Die freiwilligen Helferinnen und Helfer sollen Mitgefühl zeigen, aber kein Mitleid. So steht es im Codex, den die AOZ die Übersetzerinnen und Übersetzer unterschreiben lässt. Sie sollen ihre Privatnummer nicht herausgeben und nicht versuchen, die Probleme der Geflüchteten auf eigene Faust zu lösen. «Sie sind erstaunlich gelassen» «Ich bleibe relativ distanziert», sagt Hille. Er frage die Leute zwar oft nach ihrem Herkunftsort, stelle aber keine persönlichen Fragen darüber, was passiert sei. Er wolle sie nicht erneut traumatisieren. Die meisten seien erstaunlich gelassen, sagt Hille. «Ich habe mir Kriegsflüchtlinge anders vorgestellt als die Leute, die ich hier treffe.» Man sehe ihnen häufig nicht an, das sie aus einem Kriegsgebiet geflohen seien. Dennoch gebe es Momente, die ihm nahe gehen, sagt Hille. Etwa als ihm zwei geflüchtete Frauen ukrainische Süssigkeiten anboten: «Dass sie bei der Flucht daran dachten, diese einzupacken und sie jetzt mir anbieten – das hat mich echt gerührt.» Als Russlandkorrespondent auf der Krim Hille kennt die Ukraine von seiner Zeit als Russlandkorrespondent gut. Für Schweizer und deutsche Medien hat er die Orange Revolution von 2004 vor Ort miterlebt und war auch auf der Krim. Und er hat auch in Russland noch einige Bekannte. «Ich traue mich aber nicht, sie zu fragen, was sie vom Krieg halten. Nicht, dass sie mir die russische Propaganda nacherzählen.» Sich journalistisch zu betätigen und über den Krieg zu schreiben, das reizt Stephan Hille nicht: «Ich könnte seitenlange Analysen schreiben – aber wozu? Eine Lösung ist trotzdem nicht in Griffweite.» Sowieso bezeichnet sich Hille heute selbstironisch als «Journalist – aber trocken». Er hat vor einigen Jahren entschieden, sich von seinem Traumberuf zu verabschieden. Als freischaffender Journalist zu arbeiten, sei mit der Zeit immer schwieriger geworden und habe sich finanziell nicht mehr gelohnt. Bewährungshilfe als Berufsziel Seit Herbst 2020 ist Hille nun Vollzeitstudent der Sozialen Arbeit an der ZHAW. Er arbeite gerne mit Menschen und habe nach dem Studium einen krisensicheren Job in Aussicht. Der Einstieg ins Studium sei nicht leicht gewesen. Er war bei Weitem der Älteste, habe dadurch aber auch viel gelernt. «Trotzdem habe ich im ersten Semester immer mal wieder gedacht: Was mache ich hier, ich bin doch Journalist.» Doch nun, im vierten Semester, hat er ein Praktikum in der Bewährungshilfe in Aussicht. Er kann sich vorstellen, dass dies sein künftiges Betätigungsfeld werden könnte. In der Zwischenzeit nimmt er sich hin und wieder einige Stunden Zeit, um beim Bundesasylzentrum zu übersetzen – «denn ich glaube, das ist wirklich wichtig.» Katrin Oller

Barrierefreier Tourismus: Damit Ferien nicht zu Hürden werden

Ein älteres Ehepaar möchte ein Wochenende in einem Hotel am Bodensee verbringen. Es ist für sie nicht einfach zu verreisen, denn er sitzt im Rollstuhl und ihr Sehvermögen ist stark beeinträchtigt. Deswegen haben die beiden bei der Buchung viele Fragen: Ist das Zimmer gross genug, um sich mit dem Rollstuhl darin zu bewegen? Erreicht man mit dem Lift alle nötigen Räume? Gibt es barrierefreie Parkplätze? Als die beiden im Hotel ankommen, tauchen neue Hürden auf: Im Lift gibt es nur einen Touchscreen, den Menschen mit schwacher Sehkraft nicht bedienen können. Der Spiegel ist im Badezimmer so hoch, dass sich der Mann im Rollstuhl nicht sieht beim Zähneputzen. Und den geplanten Ausflug müssen die beiden abbrechen – im Postauto hat es schlicht keinen Platz für den Rollstuhl. Das Ehepaar ist ein Beispiel für ältere Personen und Menschen mit einer Beeinträchtigung, die beim Reisen immer wieder auf Hürden stossen. Für das Forschungsprojekt «Barrierefreier Tourismus im Bodenseeraum» haben Forscherinnen und Forscher Personen mit Seh- oder Hörproblemen, im Rollstuhl oder mit kognitiven Einschränkungen befragt. 200 solche Barrieren wurden gesammelt. Das Projekt war Teil des Living Lab für «Active and Assisted Living» der Internationalen Bodensee-Hochschule . Geleitet wurde das Projekt von der ZHAW in Zusammenarbeit mit sieben Partnerinstitutionen. «Im Projekt betrachten wir neben Barrieren auch Pains», sagt Co-Projektleiter und ZHAW-Professor Hans-Peter Hutter . «Denn wenn Pains zu gross werden für die Betroffenen, werden sie zur Barriere. Schon die Angst vor einer Barriere kann dazu führen, dass die Betroffenen die Reise gar nicht erst antreten.» Die Befragung habe gezeigt, dass die meisten Barrieren vermeidbar gewesen wären, sagt Hutter. Sie beruhen oft auf fehlenden, veralteten oder ungenauen Informationen auf der Website der Hotels oder der Buchungsportale. Dies nahm das Forschungsprojekt in einer zweiten Phase in den Fokus. Ein Dutzend Personen mit Beeinträchtigungen verbrachten im Rahmen des Projekts einige Tage in barrierefreien Hotels rund um den Bodensee. Sie erhielten dabei technologische Unterstützung. Es kamen Partnerorganisationen zum Zuge, etwa die Berner Stiftung Claire & George , die eine Plattform betreibt für barrierefreies Reisen. Ebenso wurden die Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer mit einer Notfalluhr ausgerüstet, und ihnen wurden zwei Reiseapps zur Verfügung gestellt. Im Hotelzimmer hatten sie zudem Zugang zu einem von der ZHAW entwickelten Sprachassistenten. «Oftmals fühlt man sich als Tourist mit Beeinträchtigungen in den Hotels nicht willkommen, weil den Angestellten die Sensibilität fehlt.» Alireza Darvishy, Leiter ICT-Accessibility Lab Auch der Co-Projektleiter und ZHAW-Professor Alireza Darvishy nahm selber am Feldversuch teil. Er ist seit seiner Jugend stark sehbehindert. «Ich habe wunderbare Tage in Heiden verbrach», sagt Darvishy. Allerdings stiess auch er auf Hindernisse: «Im Restaurant legte man mir ein Papiermenü hin, das ich nicht lesen kann.» Oftmals fühle man sich als Tourist mit Beeinträchtigungen in den Hotels nicht willkommen, weil den Angestellten die Sensibilität fehle, sagt Darvishy. «Das ist gar kein böser Wille, sondern oft einfach Unwissen.» Ebenso wichtig wie die technologische Unterstützung sei daher, dass die Hotels ihre Mitarbeitenden sensibilisieren. Wie Darvishy waren die meisten Teilnehmenden des Feldversuchs zufrieden. Lediglich ein Rollstuhlfahrer musste den Aufenthalt abbrechen – die Toilettenschüssel war zu hoch, und es gab keine angemessene Alternative. Gelobt wurden die Informationen auf der Buchungsplattform der Stiftung, etwa eine 360-Grad-Sicht des Zimmers, ein Bild des Badezimmers und konkrete Angaben je nach Beeinträchtigung. Die Notfalluhr schätzten diejenigen, die damit mit ihrer Begleitperson kommunizierten. So musste diese nicht vor der Toilette warten, sondern konnte zurückkehren, wenn sie über die Uhr gerufen wurde. Allerdings habe der Sturzalarm oft Fehlalarme ausgelöst und die vier Knöpfe seien nicht für alle leicht zu bedienen, sagen die Projektleiter. Die Reiseapp nutzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kaum, da die meisten per Auto anreisten und mit Google Maps gut bedient waren. Auch die Ginto-App mit Informationen über barrierefreie Ausflugsziele wurde nicht so oft benutzt. Zwar waren dort Informationen über die Ausflugsziele zu finden, aber nichts dazu, ob man dort überhaupt hinkommt. Der Sprachassistent im Zimmer hingegen sei ein Highlight gewesen, sagen die Projektleiter. Viele hätten sich noch detailliertere Informationen gewünscht, etwa zu Abfahrtszeiten von Schiffen. Schnell fanden sie auch heraus, dass der Mini-Computer auf Sprachabruf nicht nur Informationen zeigt, sondern auch zum Spielen und Musikhören taugt. «Wichtig ist, dass der Mensch im Zentrum steht. Anwendungen sollten von Beginn weg nutzerzentriert entwickelt werden und individuell anpassbar sein.» Hans-Peter Hutter, Schwerpunktleiter Human-Information Interaction Es habe sich gezeigt, dass die technologische Unterstützung hilfreich sein könne, sagt Hans-Peter Hutter. Wichtig sei, dass der Mensch im Zentrum stehe. Anwendungen sollten von Beginn weg nutzerzentriert entwickelt werden und individuell anpassbar sein. «Wenn eine Anwendung schwierig zu bedienen ist oder zu wenig adäquate Informationen bietet, wird sie schlicht nicht genutzt.» Es gäbe noch viel zu tun, sagt Alireza Darvishy. Das sei auch den Hotels bewusst, die Personen mit Beeinträchtigungen als Zielgruppen erkannt hätten. Da liege ein grosses Potenzial brach. Aufgrund des Projekts werden die Buchungsplattform und die technischen Hilfsmittel weiterentwickelt. Und auch die ZHAW-Forscher kümmern sich um Folgeprojekte: Hutter und Darvishy nehmen als Nächstes barrierefreie Fusswege unter die Lupe. Damit Menschen mit Beeinträchtigungen nicht nur im Hotel gut aufgehoben sind, sondern auch Spaziergänge unternehmen können. Katrin Oller

Hochdotierte Forschung für bessere Solarzellen

Herkömmliche Photovoltaik-Anlagen bestehen meist aus Silizium-Solarzellen. Diese können gut 20 Prozent der Energie aus dem Sonnenlicht in elektrische Energie umwandeln. Viel mehr liegt nicht drin. Die blaue Silizium-Schicht ist einen halben Millimeter dick – und somit eher teuer. Die Solarzellen brechen leicht und brauchen viel Energie, um hergestellt zu werden. Deswegen setzen Forscherinnen und Forscher heute weltweit auf Perowskit. Auch Wolfgang Tress am Institute of Computational Physics der ZHAW. Obwohl derzeit noch keine Photovoltaik-Anlage mit Perowskit im Einsatz ist, ist der 39-jährige Physiker überzeugt, dass daraus die bessere und günstigere Solarzelle hergestellt werden kann, wie er im Institutslabor erzählt. Der Name Perowskit geht auf ein Mineral zurück, das zuerst im Ural gefunden und nach einem russischen Politiker und Mineralogen benannt wurde. Das Solarzellen-Perowskit wird im Labor aber synthetisch hergestellt. Dort kann es 25 Prozent der Sonnenenergie umwandeln und hat somit einen vergleichbaren Wirkungsgrad wie Silizium. Das verwendete Perowskit ist schwarz, absorbiert viel Licht, lässt sich einfach herstellen und wird nur als dünne Schicht benötigt – lediglich ein Tausendstel Millimeter. Die Studierenden, die die Solarzellen herstellen, mit denen Wolfgang Tress arbeitet, brauchen dafür eine Beschichtungsanlage. In die sogenannte Glovebox steckt man die Arme bis zu den Ellenbogen hinein und arbeitet in einer Stickstoffatmosphäre, da die Luftfeuchtigkeit Perowskit zerstören würde. In der Glovebox mischt man Salze und Lösungsmittel, verarbeitet die Lösung und gibt die hauchdünne Perowskit-Schicht auf ein leitfähiges Glas. Darüber kommt ein winziges Plättchen Gold, eine 100 Nanometer dünne Schicht, die den erzeugten Solarstrom weiterleitet. Danach untersuchen die Forscher mittels Computersimulation – dabei setzen sie auch maschinelles Lernen ein – und experimentell, wie sich das Material bei Kälte, Wärme und anderen Bedingungen verhält. Tress modelliert und beschreibt die Fähigkeiten der Solarzelle. Er berechnet, was noch alles möglich wäre. Etwa die Steigerung des Wirkungsgrads auf 30 oder 40 Prozent, indem man die Perowskit-Schichten übereinander stapelt oder als Tandem mit einer Silizium-Solarzelle kombiniert. Zwar lasse der Wirkungsgrad von Perowskit nach einigen Stunden nach, sagt der Forscher. «Wenn sich die Solarzelle allerdings über Nacht erholen kann, erreicht sie am nächsten Tag wieder die ursprüngliche Leistung.» Weshalb das so ist, will Tress herausfinden. Zum einen interessiert ihn, wie dieser Effekt eliminiert werden kann, damit die Solarzelle ununterbrochen hochwirksam arbeitet. Zum anderen könnte der Effekt aber auch nützlich sein: «Die Zelle hat während dieses Prozesses etwas gelernt und gespeichert. So lässt sich Perowskit künftig vielleicht für Computerspeicherchips verwenden.» Tress’ Forschung ist ausgezeichnet: Er hat für sein Projekt einen Starting Grant des European Research Council (ERC) erhalten – als erster ZHAW-Forscher überhaupt. Der ERC-Grant ist eine prestigeträchtige Auszeichnung, die nur wenige, häufig Angehörige grosser Eliteuniversitäten, erhalten. Die 2 Millionen Euro Fördergelder ermöglichen dem Forscher, sich ein eigenes Team aufzubauen. «Organische Solarzellen können auf biegbare Unterlagen angebracht werden.» Tress hätte sein Projekt an mehreren Universitäten auch im Ausland verwirklichen können. Schliesslich entschied er sich im vergangenen Jahr für Winterthur: «Meine Arbeit passt hier thematisch gut, ich werde unterstützt und habe genügend Freiheiten», sagt Tress. Seine Frau und er bevorzugten aber auch persönlich Winterthur, da es sich in der Schweiz besser leben lasse als andernorts – vor allem als Familie, denn Tress wurde vor Kurzem Vater einer Tochter. Neben seiner Forschung unterrichtet Tress angehende Maschinentechnikerinnen und -techniker in Physik. Ihm gefalle die Kombination aus Grundlagenforschung und Dozieren, sagt Tress. Er hat ursprünglich Elektrotechnik an der Universität Ulm studiert , wo er herstammt. Zur Physik ist er erst gekommen, als er sich während seiner Diplom- und Doktorarbeit mit Photovoltaik beschäftigte: «Mich motivierte, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun», sagt Tress. «Das Spannende an Solarzellen ist, dass es noch viel zu entdecken gibt, das bisher keiner weiss.» Neuartige Solarzellen – damals noch organische – führten ihn auch in die Schweiz. Vor Winterthur arbeitete er mehrere Jahre an der EPFL in Lausanne. Dort sattelte er um auf Perowskit, das Solarmaterial der Zukunft: «Organische Solarzellen können auf biegbare Unterlagen angebracht werden», sagt Tress. Dafür sei deren Wirkungsgrad kleiner. Perowskit kombiniere alle Vorteile: hohen Wirkungsgrad, einfache Herstellung sowie Biegsamkeit. «Künftig könnten die Solarzellen auf Folien gedruckt und flexibel verwendet werden.» Katrin Oller

Vom Rüebli-Retter zum Startup-Gründer

Es sind grosse Themen, die Philipp Osterwalder umtreiben: Natur, Gesundheit, Mensch und Klima. Hier will er etwas bewegen. Er gerät ins Feuer, wenn er von seinen Zielen erzählt in einem Coworking Space an der Zürcher Hardturmstrasse, wo er hauptsächlich arbeitet. Mit Ende zwanzig entschied der gelernte Chemielaborant, sich an der ZHAW zum Umweltingenieur ausbilden zu lassen. Das Studium ermöglichte ihm neue Kontakte und Projekte. Zusammen mit Dominik Waser vom Verein Grassrooted, der mit ihm studierte, rettete er vor ein paar Jahren 30 Tonnen Rüebli vor der Entsorgung. Ein Weinländer Bauer konnte seine Bio-Rüebli nicht wie geplant einem Grossverteiler verkaufen, weil das Gemüse nicht in die vorgesehene Verpackung passte. Osterwalder arbeitet zu der Zeit bei Biotta und fand, die Rüebli sollten zu Saft verarbeitet werden. Ein Wochenende lang rechnete er alles durch. Damit überzeugte er die Verantwortlichen, und die Karotten gelangten als Saft doch noch in die Regale des Grossverteilers. Trotzdem ist Osterwalder nicht ganz zufrieden: «Weil nicht alle Beteiligten auf ihre Margen verzichteten, kostete unser Saft mehr als der gewöhnliche. So liess er sich schlechter verkaufen.» Das ärgert ihn noch heute. Wenn Osterwalder ein Problem sieht, packt er es an. Zusammen mit Mitstudenten und Kollegen einer Digital-Agentur gründete Osterwalder 1LIMS, ein Startup , dessen Geschäftsführer er heute ist. Da Osterwalder Einblick in die Labors vieler Branchen hatte, erkannte er, dass die Qualitätssicherung noch zu verbessern wäre. Statt Proben mit Stift und Papier, Excel-Listen und mühsamen Übertragungen zu erfassen, bietet 1LIMS eine Software, die alle Qualitätsschritte vereint. «Wir helfen Labors und Qualitätskontrollen, Zeit zu gewinnen und Fehler zu vermeiden», sagt Osterwalder. Der Vorteil zu bisherigen Produkten bestehe darin, dass die Kunden die Software selber zusammenstellen und anpassen könnten — ohne teure Unterstützung der Entwickler. «Wir helfen Labors und Qualitätskontrollen, Zeit zu gewinnen und Fehler zu vermeiden.» Philipp Osterwalder Heute hat 1LIMS zehn Mitarbeitende und ist gefragt: «Eigentlich hatten wir kleinere und mittlere Unternehmen im Visier», sagt Osterwalder. «Gemeldet haben sich Grosskunden wie der Fleischverarbeiter Micarna oder die Pommes-Chips-Hersteller Zweifel.» Unterdessen wird die Software für die Qualitätssicherung von unterschiedlichen Produkten verwendet, von Lebensmitteln über Kunststoffe bis zu Hygieneprodukten. Neben Startup und Teilzeitstudium packte Osterwalder noch ein weiteres Projekt an. Eines, das hoch hinauswollte. Für ein internationales Studentenprojekt des Swiss Space Center beschäftigte sich Osterwalder mit der Nahrungsmittelproduktion im All . Dafür entwickelte er mit weiteren Studierenden einen Gemüseautomaten. Im weiss designten Kasten können Kiwis, Reis, Kräuter und Gemüse wachsen — ganz ohne Erde. Im geschlossenen System beziehen die Pflanzen ihre Nährstoffe aus dem Wasser, das von oben nach unten durch den Automaten läuft. Nicht nur Astronauten könnten sich so von frischem Gemüse ernähren. Der Automat eigne sich auch für Restaurants oder Grossküchen, sagt Osterwalder. Wegen Corona fiel die publikumswirksame Präsentation des Automaten 2020 ins Wasser. Heute steht er in Wädenswil an der ZHAW — ausser Betrieb. Osterwalder ist dennoch drangeblieben. Die Leuchten, die für das Projekt entwickelt wurden, stehen im Zentrum des ZHAW-Spin-offs Aurora . Osterwalder ist dort für die Geschäftsentwicklung zuständig. Die Lampen können die Lichtverhältnisse der Herkunftsländer der Pflanzen simulieren und so das Maximum aus ihnen herausholen. Sie sind primär in Forschungsprojekten zur vertikalen Landwirtschaft im Einsatz — auch an der ZHAW, für die Osterwalder als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig ist. Es sei eine Frage der Organisation, all seine Engagements unter einen Hut zu bringen, sagt Philipp Osterwalder. Zu seiner Wochenplanung gehören auch Sport und ein Digital-Detox-Tag, den er oft in der Natur verbringt. Ebenfalls helfe ihm, dass er in Kreuzlingen wohnt, wo er aufgewachsen ist. Der Wechsel aufs Land erde ihn. Eine Vision von Osterwalder ist, die gesamte Lebensmittelproduktion transparenter zu gestalten. Künftig könnte ein QR-Code auf einem Produkt zeigen, woher es stammt und welche Preise effektiv involviert sind. Die Schweiz sieht er prädestiniert als Kompetenzzentrum für neuartige Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit Technologien. Dafür greifen seine verschiedenen Standbeine ineinander, sagt Osterwalder: seine zwei Startups, sein Studium wie auch seine Erfahrung als Laborant. Katrin Oller

Selbstoptimierung: Genormt, getrimmt, geschönt

Sarahs Wecker klingelt. Sie checkt ihre Schlaf-Tracking-App – und ist unzufrieden, sie hatte zu kurze Tiefschlafphasen. Da piepst ihr Smartphone wieder, es ist Zeit zum Joggen. Diesmal will sie eine Extrarunde anhängen, so wie Julia, deren App mit Sarahs verlinkt ist. Nach dem Sport gibt’s einen Fitnessdrink. Dessen Kalorien sind leicht in die App einzutippen. Jetzt hätte Sarah Lust auf einen Kaffee. Aber seit sie ihre Ernährung, ihre Bewegung, ihre Menstruation, ihren Schlaf und ihre Arbeits- und Entspannungszeit misst, hat sie oft ein schlechtes Gewissen. Sie macht sich lieber einen Grüntee – wegen der Antioxidantien. Selbstoptimierung heisst der Trend, dem die fiktive Sarah wie viele jüngere, technikaffine Menschen folgen – und dafür gibt es unzählige Lifestyle-Apps. Medizinische Gesundheits-Apps nutzen auch Ältere, etwa chronisch Kranke mit Diabetes oder Bluthochdruck. Hinter den meisten Applikationen stehen keine Algorithmen, sondern Menschen, sagt Mandy Scheermesser . Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Physiotherapie der ZHAW und hat 2018 eine Studie publiziert zum «Quantified Self» , zu den Chancen und Risiken der digitalen Selbstvermessung. Die Apps basierten laut Scheermesser auf Empfehlungen der WHO oder sogar medizinischen Studien. Wer für die Apps verantwortlich ist, sollte im App-Store ersichtlich sein. Manches sei aber beliebig, etwa die 10’000 Schritte, die Apps als Tagesziel vorgeben. Diese basierten auf einer Empfehlung eines japanischen Arztes aus den 1970er Jahren, sagt Ursula Meidert , Co-Autorin der Studie und Dozentin für Gesundheitsförderung und Prävention. «Diese Empfehlung wurde zur Vermarktung des ersten Schrittzählers verwendet. Korrekterweise müsste man nach Alter und Leistungsfähigkeit differenzieren.» Der Drang, sich selber zu optimieren, sei so alt wie die Menschheit selbst, sagt Petra Huber , ZHAW-Dozentin für Kosmetik und Toxikologie. Attraktive Menschen werden eher angestellt oder befördert, und bereits Babys schauen attraktive Gesichter länger an. Mit den Schönheitsidealen wandelten sich auch die Selbstoptimierungstrends: «Verglichen mit den Korsagen im 17. und 18. Jahrhundert, sind die Fitness-Apps wesentlich gesünder», sagt Huber. Ebenfalls erwiesen ist, dass es dem besser geht, der sich um sein Wohlergehen kümmert. Wichtig sei, die Relationen zu wahren, sagt Huber. Karotinoid führe zu Haut mit weniger rauer Oberfläche, und Antioxidantien helfen, negative Strahlungen abzufangen. Aber alles habe Grenzen: «Gesichtsyoga entspannt die Züge, die Zornesfalte wird man dadurch aber nicht los.» Nütze man die digitalen Helfer zur Prävention und Sensibilisierung, könne man seinen Lebensstil positiv verändern, sagen die Expertinnen. Junge Menschen lassen sich eher vom Nutzen von Sonnencrème überzeugen, wenn sie mit polarisierendem Licht die Pigmentschäden auf ihrer Haut entdecken. Problematisch werde das Messen, wenn es missbraucht werde, sagt Huber. Etwa bei Essstörungen und wenn es dazu führe, dass man durch die Kontrolle eines Parameters das Gefühl für den Rest des Körpers verliere. Dies haben auch Scheermesser und Meidert festgestellt. Hinzu komme die Herausforderung, die richtige App zu finden, sagt Meidert. Der rasant wachsende Markt sei sogar für Expertinnen unüberschaubar. Am meisten verbreitet sind Lifestyle-Apps, wie ein Blick in die App-Stores zeigt. Unter den Gesundheits- und Fitness-Apps des iPhones hatten im September 2020 die Perioden-Tracker und die Running-Apps die meisten täglichen Nutzer, bei Google sind es Schrittzähler sowie die Apps zu Fitnessarmbändern und Smartwatches. Da den meisten Anwendern die Zeit zur Evaluation fehlt, gilt «the winner takes it all» – oft sind das Apps von Technologiekonzernen. «Da muss man aus Datenschutzgründen skeptisch sein», warnt Scheermesser. Wenn die Server in den USA liegen, gelten die europäischen Datenschutzgesetze nicht. Vor allem bei Gratis-Apps sei Vorsicht geboten, da die Daten für personalisierte Werbung verkauft werden. Unter den meistgenutzten Apps sind auch solche von Krankenkassen. Wer sich sportlich betätigt, bekommt Prämien zugesprochen. Theoretisch wäre es den Versicherungen möglich, Druck auszuüben auf Personen, die Normen nicht erreichen können, sagt Meidert. Derzeit verneinten die Krankenkassen eine solche Praxis, aber man wisse zu wenig darüber, wofür die Firmen die Daten nutzen. Meidert hält die Krankenkassen-Apps für Testballone: «Sie wollen erst herausfinden, ob Kunden bereit sind, ihre Daten preiszugeben für 20 Rappen pro 10’000 Schritte.» Besser bezüglich Inhalt und Datenschutz sind medizinische Apps von Universitäten und anderen Institutionen. Diese sind aber kaum verbreitet. «Wenn Apps nicht mehrmals pro Monat neue Features bieten, verlieren die Nutzer das Interesse», sagt Meidert. Für die Aktualisierung fehle den Institutionen aber oft das Geld. Dennoch tue sich in diesem Bereich derzeit am meisten, sagt Scheermesser. «Physiotherapeuten und Ärzte setzen sich mit Apps auseinander und können Auskunft geben, welche Apps nützen.» In Deutschland könne man sich Apps verschreiben lassen, etwa gegen Tinnitus oder zur Sturzprävention. Um den Fachleuten eine Übersicht zu verschaffen, arbeitet die ZHAW derzeit an einer Plattform, die die medizinischen Apps vorselektioniert. Auch eHealth Suisse, die Koordinationsstelle von Bund und Kantonen, hat Empfehlungen für gute Gesundheits-Apps publiziert. Sarah hat vor zwei Monaten mit dem intensiven Tracking begonnen und nervt sich bereits über ihr ständig mahnendes Handy. Laut der ZHAW-Studie steigen die meisten Nutzer nach drei Monaten aus. Das hat sich Sarah auch schon überlegt – oder vielleicht ein Digital Detox? Schliesslich hat ihr die Entspannungs-App weniger Bildschirmzeit empfohlen. Katrin Oller

  • 1
  • Impressum
  • Datenschutzerklärung
  • Netiquette
  • Cookies
© ZHAW
  • Home

  • Rubriken

    • Editorial

      Vorwort der Chefredaktion

    • Alumni

      Was ZHAW-Absolventinnen und -Absolventen heute machen

    • Menschen

      Wir schauen Forschenden und Dozierenden über die Schulter

    • Dossier

      Das Schwerpunktthema jeder Ausgabe

    • Forschung

      Neues aus der ZHAW-Forschung

    • Studium

      Einblick in Studienangebote

    • Interview

      Fachleute diskutieren

    • Spotlight

      Umfragen zu den Schwerpunktthemen

    • Meinung

      Standpunkte von ZHAW-Angehörigen

    • Panorama

      Vermischtes aus dem Campusleben

    • Perspektivenwechsel

      Blick nach aussen und von aussen auf die ZHAW

    • Abschlussarbeiten

      Bachelor- und Masterarbeiten im Kurzporträt

  • Suche

  • Archiv

  • Vorherige Ausgabe

  • Über das ZHAW-Impact und die ZHAW

Schliessen