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Die vielfältige Welt der Labs an der ZHAW

Die ZHAW betreibt viele verschiedene Labs – kleine Think Tanks und Experimentierumgebungen –, die sich durch eine grosse Vielfalt auszeichnen. Mit ihnen sollen Kernkompetenzen in ausgewählten Themengebieten in Projekte mit externen Partnern eingebracht und Dienstleistungen sowie Weiterbildungen für externe und interne Kunden angeboten werden. Zum Teil werden diese Labs in Kooperation mit anderen Hochschulpartnern betrieben. Zwei davon sind interdepartemental ausgerichtet – das ZHAW Datalab und das ZHAW Digital Health Lab. Das ZHAW Digital Health Lab ist eine virtuelle, interdepartementale Organisation der ZHAW, die mehrere Abteilungen und Institute umfasst. Es vereint Expertinnen und Experten aus den Bereichen Biomedizin, Gesundheit, Technologie und Wirtschaft, die zusammen Innovationen für die Digitalisierung im Gesundheitswesen schaffen. Digital Health stellt das Individuum in den Mittelpunkt und möchte die Gesundheitsversorgung präziser, personalisierter und präventiver gestalten. Als Kompetenznetzwerk erarbeitet es gemeinsam mit Partnern Lösungen zu aktuellen Herausforderungen im Gesundheitssektor. Das ZHAW Digital Health Lab wurde 2018 ins Leben gerufen und wird von einem sechsköpfigen Vorstand geleitet. Kontakt Die Forschungsgruppe Service Engineering (SE) beschäftigt sich mit Cloud Computing und Servicesystemen. Die Gruppe bietet ihre Kompetenzen in den Bereichen Cloud Computing (Infrastruktur- und Plattformdienste) sowie Service Prototyping und Engineering an. Das Ziel ist es, Ergebnisse aus der angewandten Forschung in Produktinnovationen zu überführen. Deshalb arbeitet die Gruppe mit vielen Schweizer und auch internationalen Unternehmen zusammen. Die Kenntnisse aus der Forschung sollen aber auch in die Aus- und Weiterbildung übertragen werden. Kontakt Das Digital Mobility Lab (DML) bildet die methodische und technologische Basis für Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Themenbereich der Plattform und in der Lehre des Studiengangs Verkehrssysteme. Forschende und Studierende können dabei gleichermassen die verfügbaren Software-Werkzeuge nutzen. Im Rahmen von Projekten und studentischen Arbeiten wird das DML laufend weiterentwickelt. Kontakt Mobilgeräte wie Smartphones oder Touchpads haben sich in den letzten Jahren rasant ausgebreitet, und immer mehr Software wird speziell für diese Mobilgeräte entwickelt. Da die touch-, gestik- und sprachbasierte Interaktion mit diesen Mobilgeräten grundlegend verschieden ist von der Interaktion mit herkömmlichen Desktop-Computern, gewinnt die Auseinandersetzung nicht nur mit der Technologie, sondern auch mit dem Design und der Usability dieser neuen Interaktionsmöglichkeiten schnell und stark an Bedeutung. Das Mobile Usability Lab des InIT befasst sich mit mobilen Applikationen und Services und bietet seine Kompetenzen unter anderem in den folgenden Bereichen an: Sprachverarbeitung mit Deep-Learning-Ansätzen, Entwicklung von mobilen Applikationen und Services (Android, iOS, HMTL5) und Mobile Usability Engineering & Testing. Das Mobile Usability Lab führt angewandte F&E-Projekte mit Industrie- und Hochschulpartnern durch und bietet weitere Dienstleistungen in diesen Bereichen an. Kontakt Das IAM MediaLab richtet das Augenmerk auf das, was in den nächsten Jahren in den Berufsfeldern Journalismus und Organisationskommunikation relevant werden könnte: auf zukünftige Technologien, gesellschaftliche Trends und neue Ausbildungsformate. Das Lab ist eine partizipative Plattform für die aktive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen, die die digitale Transformation mit sich bringt – zum Beispiel Schlüsselkompetenzen und Skills im Umgang mit neuen Darstellungsformaten in Journalismus und Organisationskommunikation. Das IAM MediaLab ist auch ein Ideen- und Innovationsinkubator. Wir schaffen Experimentierräume für Mitarbeitende, AbsolventInnen, Studierende und Partner. Kontakt Das Service Lab der ZHAW unterstützt Unternehmen bei der Verbesserung der vermittelten Kundenerlebnisse und stellt sicher, dass neue Leistungsangebote konsequent auf Kundenbedürfnisse ausgerichtet sind. Kontakt

Hebammenforschung: Für das Wohl von Mutter und Kind

Eine Geburt kann sich über viele Stunden oder gar Tage hinziehen – besonders beim ersten Kind. Wann aber ist der richtige Zeitpunkt, um ins Spital zu gehen? Bei dieser Entscheidung soll ein neues Instrument helfen, das im Rahmen eines Forschungsprojekts des Instituts für Hebammen entwickelt wird. Es wird 15 bis 20 Fragen enthalten, die Hebammen oder andere Gesundheitsfachpersonen bei der Beratung von Frauen unterstützen. Neben körperlichen Merkmalen wie etwa Stärke und Regelmässigkeit der Wehen sollen auch psychische Aspekte abgedeckt werden. Zum Beispiel, ob die Frau zuversichtlich oder verunsichert ist. «Erstgebärende treten häufig zu früh ins Spital ein», erklärt Projektleiterin Susanne Grylka . In der Folge komme es zu medizinischen Interventionen wie etwa Wehenstimulationen und Kaiserschnitten, die zum Teil nicht nötig wären. Doch auch zu langes Abwarten könne einen ungünstigen Einfluss auf den Geburtsverlauf haben, sagt die promovierte Hebamme – etwa wenn die Frau nervös und ängstlich ist oder bereits stark übermüdet, weil sie wegen der Wehen nicht schlafen kann. Je nach Befinden mache es Sinn, sich bereits in der sogenannten Latenzphase in Betreuung zu begeben, also wenn unregelmässige Wehen auftreten, aber die Eröffnung des Gebärmutterhalses erst langsam voranschreitet. Ob einer Frau zum sofortigen Eintritt oder zum Abwarten geraten wird, sei oft willkürlich, erklärt Grylka. Es hänge von der zuständigen Person oder dem aktuellen Betrieb auf der Geburtenabteilung ab. Das dreijährige Forschungsprojekt, das vom Nationalfonds gefördert wird, ist im Mai gestartet. Nach einer breiten Literaturrecherche sind Interviews mit rund 20 Frauen geplant, die kürzlich geboren haben. Sie werden zu den Symptomen bei Geburtsbeginn sowie zum Erleben der Betreuung in der Latenzphase befragt. Basierend auf diesen Antworten, wird anschliessend ein vorläufiges Instrument entwickelt und an 400 Gebärenden in sechs Schweizer Spitälern angewendet. Nach der Validierung soll eine finale Version erstellt werden. «Alle sechs Spitäler begrüssen und unterstützen die Idee», sagt Grylka. «Die Praxis wartet geradezu auf unser Tool.» Hebammenforschung ist ein noch relativ junges Fachgebiet, zumindest in der Schweiz. Während im angelsächsischen Raum bereits länger geforscht wird, konnte sich die Disziplin hierzulande erst mit der Ansiedlung der Hebammenwissenschaften an den Fachhochschulen etablieren. Die Forschungsstelle an der ZHAW wurde 2008 geschaffen. Seither hat sie bereits zahlreiche Projekte erfolgreich durchgeführt. «Unser höchstes Ziel ist es, die werdenden Eltern zu stärken.» Susanne Grylka, Institut für Hebammen Eine Studie widmet sich zum Beispiel dem Thema sexuelle Lebensqualität nach der Geburt . Es ist ein verbreitetes Problem, dass viele Frauen in den ersten Monaten zu erschöpft sind, um sich ihrem Partner anzunähern, keine Lust verspüren oder Geschlechtsverkehr als schmerzhaft und unangenehm empfinden. Dauert dieser Zustand länger an, kann dies die Partnerschaft stark belasten. Das Forschungsteam hat die Situation in Zusammenarbeit mit iranischen Forscherinnen im Iran und in der Schweiz untersucht. Für den Iran wurde ein Instrument entwickelt, welches die Beurteilung der sexuellen Lebensqualität nach der Geburt erlaubt. In einem Folgeprojekt soll die persische Version auf Deutsch übersetzt werden. «Der Vergleich der beiden verschiedenen Kulturen ermöglicht uns Rückschlüsse auf den Einfluss von Faktoren wie der gesellschaftlichen Rolle der Frau oder der generellen Einstellung gegenüber Sexualität», erklärt Susanne Grylka, die auch dieses Projekt leitet. Die Erkenntnisse sollen helfen, betroffene Paare zu unterstützen. Der Forschungsstelle Hebammenwissenschaft obliegt zudem die Leitung des Projekts Digital Health für Eltern mit Migrationshintergrund , an dem sich alle fünf Institute des Departements Gesundheit beteiligen. Das Teilprojekt der Hebammen untersucht, welche digitalen Angebote dazu beitragen, die Gesundheit und das Wohlergehen von Mutter und Kind zu verbessern. Die Erkenntnisse sollen helfen, geeignete evidenzbasierte Apps für diese Bevölkerungsgruppe zu entwickeln. Die Forschenden erhalten auch regelmässig externe Studienaufträge. So haben sie zum Beispiel evaluiert, ob Hebammen-Netzwerke einen Mehrwert bringen. Sie konnten aufzeigen, dass ein Netzwerk wie Familystart in Zürich vielen fremdsprachigen und psychosozial benachteiligten Familien dabei hilft, eine Wochenbettbetreuung zu organisieren. «So konnte der Nutzen des Angebots gegenüber den Geldgebern belegt werden», erklärt Grylka. Forschungsgelder für Themen rund um die Geburt zu akquirieren, sei häufig schwierig, bedauert die stellvertretende Leiterin der Forschungsstelle. «Unser Bereich ist sehr spezifisch.» Um in die Forschungs-Calls verschiedener Förder-Fonds zu passen, müsse man das Kernthema oft etwas ausweiten. Dennoch sind aktuell zehn Projekte am Laufen, teilweise in Zusammenarbeit mit anderen Fachhochschulen. In der Schweiz forschen neben der ZHAW auch die Fachhochschulen Bern, Lausanne und Genf im Hebammen-Bereich. «Wir Hebammen verstehen die Geburt in erster Linie als natürlichen Vorgang.» Susanne Grylka Hingegen sind gemeinsame Projekte mit ärztlichen Forschungsgruppen selten. Denn dort liege der Fokus stark auf den medizinischen Interventionen, erklärt die Wissenschaftlerin. «Wir Hebammen hingegen verstehen die Geburt in erster Linie als natürlichen Vorgang.» Der Blickwinkel umfasse zudem auch das psychosoziale Umfeld der Gebärenden. Dieses sei für das Wohlergehen von Mutter und Kind ebenso wichtig wie die medizinischen Aspekte. Die beiden Bereiche beeinflussen sich jedoch gegenseitig. Gelinge es zum Beispiel, die Anzahl Kaiserschnitte zu reduzieren, wirke sich das auf die Gesundheit der gesamten Bevölkerung aus: Es gibt Hinweise darauf, dass Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, ein erhöhtes Risiko für Asthma und Übergewicht haben. «Hebammenforschung ist wichtig», betont Susanne Grylka. «Unser höchstes Ziel ist es, die werdenden Eltern zu stärken.» Andrea Söldi

«Gute Forschung kann nicht von oben verordnet werden»

Andreas Gerber-Grote: Grundsätzlich können die Forscherinnen und Forscher selbst bestimmen, was sie forschen wollen. Ein paar Grundsätze gibt es aber schon: Die ZHAW hat in der Strategie festgelegt, dass wir uns «wissensbasiert und kompetenzorientiert», «transformativ» und «europäisch» ausrichten wollen. Wir haben auch eine Forschungspolicy, die besagt, dass wir angewandte Forschung machen wollen und dass unsere Forschung Wirtschaft und Gesellschaft dienen soll. Wenn jemand Cäsars «Bellum Gallicum» neu übersetzten möchte, dann passt das also nicht zu den Zielen der ZHAW. Aber prinzipiell haben wir weitgehende Freiheiten. «Forschung soll thematisch mit der Lehre verknüpft sein.» Dirk Wilhelm Dirk Wilhelm: An der School of Engineering gilt – wie an den anderen Departementen auch – eine übergreifende Strategie. Die Institute orientieren sich daran, sind beim Erstellen ihrer Businesspläne aber weitgehend frei. Wir achten allerdings aus Effizienzgründen darauf, dass sich die Forschungsgebiete nicht zu sehr überschneiden. Zudem soll die Forschung thematisch mit der Lehre verknüpft sein. Suzanne Ziegler: Auch bei uns an der School of Management and Law herrscht Forschungsfreiheit. Je länger, je mehr setzen wir an den Instituten aber Schwerpunkte und fokussieren auf bestimmte Themen. Ich begrüsse eine Mischung aus «top-down» und «bottom-up» für die Forschungsplanung. Was uns etwas Sorgen macht: Wenn immer stärker Forschungsschwerpunkte von der ZHAW vorgegeben werden, wird die Freiheit eingeschränkt. Gute Forschung kann nicht von oben verordnet werden. Monika Götzö: Es gibt komplexe Fragestellungen, die eine Disziplin alleine nicht beantworten kann. Die ZHAW hat ein grosses Potenzial für inter- und transdisziplinäre Herangehensweisen. Daher begrüsse ich übergreifende Forschungsinitiativen. Bei uns am Departement Soziale Arbeit haben wir – im Rahmen unserer Themenstrategie – ebenfalls eine grosse Forschungsfreiheit. Eine Bedingung ist aber auch, dass eine Übertragung in Lehre, Weiterbildung oder in eine Dienstleistung stattfindet. Einen starken Einfluss haben in den Sozial- und Geisteswissenschaften die Ausschreibungen von Bundesstellen, Nationalfonds oder lokalen Initiativen wie der Zürcher Digitalisierungsinitiative DIZH oder Inclusion 2021. Die Drittmittelgeber bestimmen daher schon mit, in welche Richtung geforscht wird. «Die Drittmittelgeber bestimmen daher schon mit, in welche Richtung geforscht wird.» Monika Götzö Ziegler: Auch an unserem Departement verknüpfen wir Lehre und Forschung. Wir versuchen auch studentische Arbeiten gezielt für die Forschung zu nutzen: In allen Abteilungen besteht eine Stelle, die überprüft, ob Bachelor- und Masterarbeiten zu unseren Forschungsschwerpunkten passen. Die Ergebnisse kann man meist nicht direkt für die Forschung nutzen, es sind aber gute Zweitmeinungen oder Hintergrundrecherchen. Ziegler: Nein, bisher nicht. Aber wenn es zu viele Schwerpunkte geben würde, wenn Forschungsthemen zentral gesteuert würden, dann könnte das zu einem Problem werden. Eine gewisse gemeinsame Ausrichtung ist sicher positiv, das sehe ich beispielsweise in den Themen Digitalisierung oder Energie. Auch beim angedachten Schwerpunkt Angewandte Gerontologie könnten wir aus Wirtschaftssicht viel einbringen, denn wir forschen viel zu den Themen Renten und Vorsorge. Götzö: Wenn wir Innovation nicht gleichsetzen mit einem neuen Tool oder anderen technischen Neuerungen, dann tragen Sozial- und Geisteswissenschaften sehr wohl ihren Teil dazu bei. Die Stadt Zürich entwickelt zum Beispiel im Moment auf Basis einer Studie von uns neue wirtschaftliche Unterstützungsmassnahmen. Es geht dabei um durch die Covid-19-Pandemie in Notlage geratene Menschen, die aufgrund ihres rechtlichen Status keinen Anspruch auf staatliche Hilfe haben, obwohl sie diese dringend benötigen würden. So etwas gibt es bisher in der Deutschschweiz noch nicht. Da findet schon Innovation statt, sie wird einfach weniger wahrgenommen. Götzö: Ich denke schon. Bei uns gibt es teilweise einen Habitus, der die reine Wissenschaft vor der Vermarktung schützen will – und dazu gehört auch die offensive Kommunikation. Aber diesbezüglich ändert sich derzeit viel. «Es gibt allerdings in der Forschung heikle Bereiche, etwa das Problem des ‹dual use›, der Verwendbarkeit für zivile und militärische Zwecke.» Andreas Gerber-Grote Gerber-Grote: Wir denken bei Innovationen oft stärker an Produkte als an Prozesse. Dabei können wir beispielsweise im Gesundheitsbereich Versorgungsprozesse von Patientinnen und Patienten neu gestalten und dadurch viel bessere Qualitätsniveaus erreichen. Eine hervorragende Veränderung, aber es wird nicht als grosse Innovation wahrgenommen. Wilhelm: Im Prozessbereich, in Service- oder Businessinnovationen sehe ich ein ganz grosses Potenzial. Das stellen wir in der technischen Forschung immer wieder fest. Die Firmen haben ein riesiges Interesse daran, Abläufe zu optimieren und neue Services anzubieten. Apropos soziale Innovation: Es gibt auch viele technische Entwicklungen, die die Gesellschaft verändern. Nehmen wir das iPhone, das als technisches Gerät eine grosse soziale Innovation ausgelöst hat. Die Verbindung der unterschiedlichen Bereiche ist sehr spannend: Wenn ein Hacker ein neues, hervorragendes Programm entwickelt, die sozialen Komponenten aber nicht sieht, dann bringt das nichts. Solche Potenziale zu erkennen, dafür ist die ZHAW als Mehrsparten-Fachhochschule prädestiniert. «Uns hat ein Auftraggeber mal für ein Projekt für 1 Million Franken eine Zahlung von 1,5 Millionen in Aussicht gestellt – wenn wir eine Kick-back-Lösung akzeptieren. Das haben wir natürlich abgelehnt.» Suzanne Ziegler Ziegler: Die Innovationsleistung unserer Forschung sichtbar zu machen, die ja gerade von Drittmittelgebern wie der Innosuisse immer gefordert wird, ist auch bei uns in Wirtschaftsthemen oder im Finanzbereich eine grosse Herausforderung. Denn gleichzeitig dürfen wir auch nicht in plumpes Forschungsmarketing abrutschen. Götzö: Die Zeit sehe ich als grösstes Problem: Drittmittelgeber bezahlen keine Vorlaufzeit, die aber für innovative Forschung wichtig ist. Grundsätzlich denke ich aber schon, dass ZHAW-Forschende genügend Freiraum haben. Sie dürfen auch scheitern, wenn damit nicht ein komplettes «An-die Wand-Fahren» gemeint ist. Auch aus einem gescheiterten Projekt sollte noch ein Plan B herausschauen. Ziegler: Auch wir lernen immer mehr, mit Scheitern umzugehen. Beispielsweise bei der Eingabe von Forschungsprojekten: Während wir mit der Vergabe bei Innosuisse viel Erfahrung haben, streben wir nun vermehrt Nationalfonds- oder EU-Projekte an. Da ist die Rückweisungsquote höher. Wenn wir dann die Reviews zu unseren Projekten lesen, habe ich manchmal den Eindruck, dass wir als Fachhochschule in diesem Bereich nicht unbedingt erwünscht sind. Denn wir treten da in Konkurrenz zu den Universitäten. Dann machen wir aus einem gescheiterten Nationalfonds-Projekt halt ein erfolgreiches Innosuisse-Projekt. «Die Ergebnisse sind so, wie sie herauskommen, nicht wie sie erwünscht werden.» Suzanne Ziegler, School of Management and Law Wilhelm: Das tönt ein bisschen so, als wären Innosuisse-Projekte zweitrangig. Ziegler: Nein, das sehe ich nicht wertend. Aber die ZHAW empfiehlt neuerdings zwecks Diversifizierung, dass wir uns vermehrt an EU- und Nationalfonds-Projekten beteiligen. Dort sind aber die Vorgaben anders … Wilhelm: Genau, bei der Innosuisse ist eine Beteiligung durch die Industrie vorgegeben. Darum sind wir als Fachhochschulen mit unserer angewandten Forschung und unseren Kontakten zu den Firmen gegenüber universitären Hochschulen im Vorteil. Noch zur Frage der Kreativität: Ich denke schon, dass unsere Leute genug Zeit für Kreativität haben, wobei ich – vielleicht aus Sicht eines Ingenieurs – sage: Für Kreativität ist auch ein gewisser Druck nötig. Sich einfach so hinsetzen und kreativ sein: Das würde bei uns nicht funktionieren. «Forschende dürfen bei uns auch scheitern, wenn damit nicht ein komplettes ‹An-die Wand-Fahren› gemeint ist.» Monika Götzö, Soziale Arbeit Gerber-Grote: Die Rückmeldungen der Forschenden sind sehr unterschiedlich: Die einen sagen, es ist alles wunderbar, wir haben ausreichend Zeit und genügend Geld. Die anderen erklären, unsere Situation sei schlimm und unsere Vorgaben seien unmöglich. Wenn ich uns mit dem Ausland vergleiche, dann liegen wir wahrscheinlich im obersten Promille-Bereich der am besten ausgestatteten Fachhochschulen oder auch Hochschulen der Welt. Darum habe ich meine Zweifel, ob wir uns zu sehr beschweren dürfen. Zur Kreativität hat Katja Becker, die erste Frau als Präsidentin der Deutschen Forschungsgesellschaft, kürzlich gesagt: Für Kreativität brauchen Forschende auch einmal Zeit, um einen halben Tag in den Park gehen zu können. Ich sage darum an unserem Departement immer: In einigen Bereichen müssen wir schnell sein und unternehmerisch handeln, damit dann Zeit bleibt, um alleine in den Park zu gehen oder um sich sonst einmal einfach so mit jemandem zwei Stunden zu unterhalten. Gerber-Grote: Ich denke, dass unsere Forscherinnen und Forscher verantwortungsbewusst sind und wir keine Verbote brauchen. Es gibt allerdings heikle Bereiche, etwa das Problem des «dual use», der Verwendbarkeit für zivile und militärische Zwecke. Eine neu entwickelte Drohne kann beispielsweise Arzneimittel in entlegene Gegenden bringen, was wunderbar ist, sie kann aber auch militärisch gegen die unschuldige Zivilbevölkerung eingesetzt werden. Da gibt es schon Grenzbereiche, über die wir uns vielleicht mehr unterhalten müssten. Wilhelm: «Dual use» ist tatsächlich sehr schwer zu beurteilen. Einen direkten Problemfall an der School of Engineering habe ich allerdings nicht vor Augen. In meiner persönlichen Laufbahn wurde ich einmal für ein Projekt angefragt, in dem die Ausbreitung von extrem starken Druckwellen simuliert werden sollte. Es war klar, dass es da um die Wirksamkeit von Bomben ging, darum habe ich eine Mitarbeit abgelehnt. «In der Angewandten Forschung würde es rasch auffallen, wenn wir Ergebnisse beschönigen würden.» Dirk Wilhelm, School of Engineering Ziegler: Uns hat ein Auftraggeber einmal für ein Projekt für 1 Million Franken eine Zahlung von 1,5 Millionen in Aussicht gestellt – wenn wir dafür hohe Beträge an Person A oder Person B zurückbezahlen würden, also eine Kick-back-Lösung. Das haben wir natürlich abgelehnt. Götzö: Dass wir vor einer ganz konkreten roten Linie gestanden hätten, habe ich noch nie erlebt, weil wir in der Regel die Projekte gemeinsam entwickeln respektive die Fragestellungen klären und gegebenenfalls anpassen. Wenn jemand mit einer Forschungsfrage auf ein bestimmtes Ziel hinwirken will, dann diskutieren wir das, bis eine offene Forschung möglich ist. Gerber-Grote: Grundsätzlich finde ich Ziele in der Forschung wichtiger als Grenzen. Im Gesundheitsbereich sehe ich beispielsweise die Chancengerechtigkeit in der Gesundheitsversorgung als wichtiges Forschungsziel. Wir sollten also keine roten Linien ziehen, sondern uns fragen, in welche Richtung wir vorangehen wollen. Wilhelm: Angewandte Forschung ist sehr anspruchsvoll, weil sie Lösungen finden muss, die in der Praxis auch umsetzbar sind. In der Grundlagenforschung können sich Forscher ein Problem suchen, das wissenschaftlich interessant ist, ohne direkten Bezug zur Umsetzung. Es gibt Forschungsbereiche, in denen Hunderte von Papers publiziert werden, ohne dass dabei ein wesentlicher Fortschritt entsteht. Wilhelm: Die Eigenverantwortung der Forschenden ist da ganz wichtig. In der Angewandten Forschung würde es zudem rasch auffallen, wenn wir Ergebnisse beschönigen würden. Wenn eine Firma Resultate von uns umsetzen will, und es funktioniert nicht, dann forscht dieses Unternehmen in Zukunft nicht mehr mit uns. Auch die Kontrolle durch Reviews in der Community ist hoch. Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Skandale mit gefälschten Forschungsergebnissen, so etwas hatten wir an der ZHAW bisher zum Glück noch nie … Ziegler: Auch die Kommunikation mit den Partnern ist wichtig. Wir stellen immer von Anfang an klar: Die Ergebnisse sind so, wie sie herauskommen, nicht wie sie erwünscht werden. Wenn wir feststellen, dass jemand nicht resultatoffen ist, dann lassen wir uns nicht darauf ein. Gerber-Grote: Da müssen drei Aspekte unterschieden werden: Erstens gibt es konkrete Forschungsprojekte, etwa in der Gesundheitsforschung, die unter ethischen Gesichtspunkten beurteilt werden müssen. Für Projekte im Rahmen des Humanforschungsgesetzes ist eine Ethikabklärung beispielsweise eine Voraussetzung. Zweitens stellen sich Grundsatzfragen, etwa ob sich die ZHAW in Tabak- oder Rüstungsforschung engagieren will, zu denen wir als Hochschule eine Grundhaltung entwickeln und festhalten könnten. Drittens gibt es den vorhin besprochenen Bereich mit der Frage, ob sich unsere Forscherinnen und Forscher an den Wissenschaftskodex halten, keine Plagiate begehen, korrekt forschen, keine Daten fälschen. Insgesamt bestehen doch viele Fragen, die wir grundsätzlich angehen sollten. «Ich denke, dass unsere Forscherinnen und Forscher verantwortungsbewusst sind und wir keine Verbote brauchen.» Andreas Gerber-Grote, Departement Gesundheit Götzö: Ich würde eine Kommission begrüssen, wenn sie etwa Forschende auch bei der Eingabe von Projekten unterstützen könnte. Wichtig finde ich, dass dieser Ethik-Rat dann auch von Drittmittelgebern anerkannt wird. Wilhelm: Die Hochschulleitung hat das Thema auch schon behandelt und lässt nun ein Konzept ausarbeiten, das sowohl einen Ethikausschuss vorsieht, der konkrete Projekte beurteilt, als auch eine Ethikkommission, die grundsätzliche Fragen angehen könnte. Ich bin gespannt, wie dieses Konzept genau aussehen wird. Götzö: Ich würde gerne zu sozialer Nachhaltigkeit forschen: Was genau ist das, woran erkennt man das? Ziegler: Für mich sollte das «perpetuum mobile» erfunden werden, das wäre schön. Wilhelm: Mich würde die Demenzforschung interessieren, da kenne ich mich überhaupt nicht aus, aber ich finde das ein extrem wichtiges Gebiet und es gibt noch wenige Ergebnisse. Gegen Corona haben es die Firmen geschafft, innert eines Jahres mehrere Impfstoffe zu entwickeln. Da frage ich mich, warum das nicht bei anderen Krankheiten auch möglich ist. Ich hoffe, der Fortschritt kann nun genutzt werden, um andere «Probleme der Menschheit» zu lösen. Gerber-Grote: Angesichts von Putin, Trump, Erdogan, Lukaschenko und wie sie alle heissen wünsche ich mir die Erfindung einer Tablette, die diese Herren so weise macht, dass sie bereit sind, auf ihren Thron zu verzichten, damit ihre Länder in Frieden, Nachhaltigkeit und Freiheit leben können. Interview Jakob Bächtold, Patricia Faller

Forschen ohne Grenzen

Eine der Fähigkeiten von Amanda wird sein: den Kohlendioxidanteil in der Luft zu erheben. «Als wir Anfang 2019 mit der Entwicklung unseres Messinstruments begannen, dachten wir an Frühwarnung im Brandfall oder auch einfach an persönlichen Komfort», sagt Marcel Meli , Ingenieur am Institute of Embedded Systems der ZHAW. Dass die Luftqualität in Innenräumen uns bald alle täglich beschäftigen würde, konnte er damals nicht ahnen – die Corona-Krise lag noch in weiter Ferne. Das smarte Gerät soll aber dereinst nicht nur CO2-Konzentrationen erfassen, sondern auch Temperatur, Helligkeit oder Luftfeuchtigkeit – und das alles mit kleinsten Sensoren. «Amanda braucht nicht mehr Platz im Portemonnaie als eine Kreditkarte», so Meli. Die ZHAW forscht vernetzt an Amanda. An ihrer Entwicklung sind auch Forschungszentren und Privatunternehmen aus Grossbritannien und Belgien, aus Kroatien und den Niederlanden beteiligt, die Gesamtkoordination obliegt einem griechischen Forschungszentrum. Das Projekt entsteht im Rahmen des europäischen Förderprogramms Horizon 2020 und wird von der EU mit knapp 4 Millionen Euro finanziert, davon gehen 640’000 Euro an die ZHAW. Meli und sein Team sind dabei an der Optimierung der Energienutzung und der Entwicklung der drahtlosen Kommunikationssysteme beteiligt. Denn Amanda will Umgebungsbedingungen nicht nur erfassen, sondern auch anpassen, also etwa das Licht anmachen oder die Heizung ausschalten – und versorgt sich dafür mittels Solarzellen autonom mit der notwendigen Energie. Horizon 2020 ist bereits das dritte europäische Forschungsrahmenprogramm, an dem die ZHAW teilnimmt – und das erfolgreichste bisher. An mehr als 40 Projekten ist die Fachhochschule derzeit beteiligt. «Dieses Engagement ist vergleichbar mit dem einer kleineren Schweizer Universität», sagt Patrik Ettinger, der an der ZHAW für die Beratung der Forschenden zu europäischen Forschungsförderinstrumenten zuständig ist. Der Weg dorthin verlief nicht einfach geradeaus. «In den Anfängen war die europäische Forschung an der ZHAW stark von einzelnen Personen geprägt», sagt Ettinger, Mitarbeiter der Stabsstelle Forschung und Entwicklung (F&E) der ZHAW. Hätten diese dann irgendwann die Fachhochschule verlassen, hätten sie meist nicht nur das laufende Projekt mitgenommen, sondern auch ihr Netzwerk und die Aussicht auf weitere Forschungsvorhaben. Gerade eine gute Vernetzung ist jedoch zentral für die Fachhochschule. «Die ZHAW tritt normalerweise nicht als Projektkoordinatorin auf, sondern wird von anderen für Kollaborationen angefragt.» Auch die Heterogenität der Fachhochschule spielt eine Rolle. Ganz verschiedene Fachbereiche sind unter einem Dach vereint. Die Departemente bringen auch unterschiedlich viel Forschungserfahrung mit. So kann etwa die School of Engineering als einstiges Technikum Winterthur auf eine lange Tradition in dieser Hinsicht zurückblicken; sie verfügt nicht nur über ein grosses Netzwerk, sondern auch über die notwendigen internen Strukturen. Für andere Departemente ist die EU-Forschung noch Neuland. Das liege auch daran, dass nicht jedes Thema gleich anschlussfähig sei, gibt Ettinger zu bedenken. «Für die Entwicklung einer Batterie spielen kulturelle Differenzen eine weit geringere Rolle, als wenn es darum geht, die Unterstützung von armutsbetroffenen Familien zu erforschen.» «Die transnationale Forschung muss noch viel breiter auf die verschiedenen Departemente und Institute verteilt werden.»» Martin Jaekel, Leiter Stabsstelle Forschung und Entwicklung Das grosse Plus der ZHAW: «Wir sind es gewohnt, nicht nur mit anderen Hochschulen, sondern auch mit Privatunternehmen, NGOs oder öffentlichen Ämtern zusammenzuarbeiten», sagt Ettinger. Die starke Anwendungsorientierung, die regionale Verankerung und die Kooperation mit Industriepartnern sind ein Vorteil der Fachhochschulen gegenüber universitären Hochschulen – gerade beim Programm Horizon 2020, das grossen Wert auf die Vernetzung mit der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft legt. Die europäische Forschung soll auch künftig ein starkes Gewicht an der ZHAW haben, besonders im Hinblick auf Horizon Europe , das Forschungsrahmenprogramm der EU von 2021 bis 2027. Die Fachhochschule hat deshalb ihre bisherige EU-Strategie analysiert und neue Massnahmen ausgearbeitet. «Die transnationale Forschung muss noch viel breiter auf die verschiedenen Departemente und Institute verteilt werden», resümiert Martin Jaekel , Leiter der Stabsstelle F&E, der die Strategie mit ausgearbeitet hat. Obwohl das Ziel grundsätzlich für alle dasselbe ist – mehr transnationale Forschungs- und Entwicklungszusammenarbeit –, muss den Departementen und Instituten bei der Festlegung der einzelnen Schritte grosse Freiheit gelassen werden, wie Jaekel sagt. Schliesslich befänden sie sich auf dem Weg zur europäischen Forschungszusammenarbeit in ganz unterschiedlichen Umfeldern. «Wir verlassen uns hier vor allem auch auf die Kreativität und das Engagement der Institute und Zentren der ZHAW, um geeignete Zwischenziele zu identifizieren», so Jaekel. «Dies möchten wir mit unserer Förderung unterstützen.» Zur Erfahrung mit so grossen Forschungsrahmenprogrammen wie Horizon gehört auch: scheitern lernen. «Die europäische Forschung ist hochkompetitiv», sagt Grants Advisor Patrik Ettinger. Liege die Erfolgsquote für einen Forschungsantrag beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) bei 25 bis 50 Prozent und bei Programmen wie Innosuisse sogar noch höher, komme man bei Horizon gerade einmal auf 10 bis maximal 20 Prozent. Das müsse auch den Vorgesetzten der Forschenden bewusst sein. «Es ist unabdingbar, dass diese mit im Boot sitzen und abgelehnte Projektgesuche nicht einfach für verlorene Zeit halten.» «Wir sind es gewohnt, mit Privatunternehmen, NGOs oder öffentlichen Ämtern zusammenzuarbeiten.» Patrik Ettinger, Grants Advisor Für mehr Forschungsprojekte soll zudem eine weitere Massnahme sorgen. «Es gibt viele erfolgsversprechende Förderinstrumente, die an der ZHAW bisher kaum genutzt wurden, weil sie eine Eigenbeteiligung voraussetzen», erklärt Ettinger. Für solche Programme will die Fachhochschule fortan ebenfalls Mittel zur Verfügung stellen. So übernimmt sie je nachdem bis zu 250’000 Franken Eigenbeteiligung an einem erfolgreich eingereichten Projekt. Eine Million Franken stehen insgesamt pro Jahr bereit dafür. Gestärkt werden soll die Forschungsaktivität darüber hinaus durch gezieltere Unterstützung und Betreuung der Forschenden. Die Partizipation der ZHAW an Horizon Europe hängt jedoch nicht nur von ihrer eigenen Strategie ab – auch die Politik spielt mit. «Obwohl die Verhandlungen zum Forschungsprogramm und zum Rahmenvertrag mit der EU rechtlich nichts miteinander zu tun haben, dürften sie wohl nicht unabhängig voneinander geführt werden», vermutet Ettinger. Es wäre nicht das erste Mal. Schon die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative 2014 hatte zur Folge, dass die Schweiz in den ersten drei Jahren von Horizon 2020 nicht als assoziierter Staat am Programm teilnehmen konnte, sondern als Drittstaat galt. Das bedeutete, dass hiesige Hochschulen wie die ZHAW keine Förderbeiträge direkt von der EU beantragen und in der Regel keine Projektkoordinationen übernehmen konnten. Sorge bereiten Ettinger dabei nicht in erster Linie die Forschungsgelder. Wie schon vor ein paar Jahren dürfte auch dieses Mal das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI einspringen, falls sich die Situation wiederholen sollte, sagt er. «Die Finanzierung ist gesichert.» Es ist vielmehr die Verunsicherung potenzieller Projektpartner in Europa, die Ettinger Kopfzerbrechen bereitet. «Viele dürften sich nun fragen, ob eine Zusammenarbeit mit Schweizer Hochschulen überhaupt möglich sei oder ob Probleme auftreten könnten, etwa bei der Verwertung der Ergebnisse.» Doch von ihrem Engagement auf dem europäischen Parkett lässt sich die ZHAW deshalb nicht abbringen. Ümit Yoker

Gesellschaftliche Integration im öffentlichen Raum

Die Menschen sitzen auf den Holzskulpturen, benützen diese als Tische oder als Liegeflächen. Sie setzen sich auf den Boden, beobachten das Treiben von Treppenstufen aus oder treffen sich in den Nischen des Platzes: Der Lagerplatz in Winterthur wird von der Bevölkerung in der unterschiedlichsten Weise genützt. In den Gebäuden rund um den Platz wird gearbeitet, es gibt Restaurants, Werkstätten, Läden sowie Kultur- und Freizeitanlagen. Ein besonderer Treffpunkt ist die ehemalige Pförtnerloge, die zu einem Café umfunktioniert wurde. «Man weiss wenig darüber, wo sich Menschen heute wirklich aufhalten.» Stefan Kurath, Leiter des ZHAW-Instituts Urban Landscape An einem solchen Platz begegnen sich Menschen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten: Alt und Jung, Einheimische und Fremde, mit unterschiedlichen Interessen und Identitäten, mit unterschiedlichen Motiven, den Platz zu besuchen. Im Idealfall können solche Begegnungen und Kontakte im öffentlichen Raum deshalb auch das Gefühl von Zusammengehörigkeit unter den Bewohnerinnen und Bewohnern und der Zugehörigkeit zum Ort stärken. Anders ausgedrückt: Der öffentliche Raum trägt zur gesellschaftlichen Integration bei. Das ist die Grundannahme eines Forschungsprojektes, das Stefan Kurath , Leiter des Instituts Urban Landscape , zusammen mit dem Dozenten Philippe Koch und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Simon Mühlebach durchgeführt hat. Die Studie mit dem Titel «Figurationen von Öffentlichkeit und ihr Beitrag zur gesellschaftlichen Integration» wurde im Rahmen des Forschungsschwerpunktes Gesellschaftliche Integration von der ZHAW finanziert. «Gesellschaftliche Integration ist ohne Begegnung und Austausch im öffentlich gemachten Raum kaum vorstellbar», schreiben die Autoren im Buch zum Projekt, das im Juni 2021 erscheint (vgl. Buchhinweis am Ende). Zwei Fragen standen bei der Untersuchung im Zentrum: Wie benützt der Mensch einen öffentlichen Raum? Und welchen Einfluss hat die Gestaltung des Raums auf die Benützung? Denn für die Forscher ist die Wechselwirkung zwischen Raum und Mensch entscheidend: «Der Mensch eignet an, der Raum lässt Aneignungen zu», umschreibt dies Kurath. Solche Räume sind nicht per se öffentlich, sondern werden erst durch den Menschen öffentlich gemacht. «Dieser Aspekt ist bisher in der Diskussion um den öffentlichen Raum zu kurz gekommen», so Kurath. Öffentliche Räume seien in den letzten hundert Jahren in der Raumplanung und Raumentwicklung empirisch vernachlässigt worden. «Man weiss wenig darüber, wo sich die Menschen heute wirklich aufhalten.» Architekten und Architektinnen gehen bei der Gestaltung und der Form des Raums oft von einer konkreten Vorstellung davon aus, welche Leute sich wo aufhalten und wie sie sich verhalten, wo sie sitzen, wo sie gehen sollen. Solche überdeterminierten Räume, wie sie insbesondere in Innenstädten vorkommen, werden auch unter dem Begriff «Zombie-Urbanismus» versammelt. Sie richten sich ganz direkt an eine bürgerliche, konsumorientierte Klientel. Da geht es oft auch darum, Aneignungen durch unerwünschte Personen zu verhindern. «Man weiss fast besser, wie durch Gestaltung Öffentlichkeit verhindert denn befördert werden kann», so Kurath. Um zu verstehen, wie Räume öffentlich werden, wurden vier Orte in der Deutschschweiz untersucht: der Lagerplatz in Winterthur, der Richtiplatz in Wallisellen, der Europaplatz in Bern und der Murg-Auen-Park in Frauenfeld. Der Richtiplatz liegt im Zentrum des mit Büros und Wohnungen neu bebauten Areals zwischen Bahnhof Wallisellen und dem Einkaufszentrum Glatt. Der Murg-Auen-Park ist ein eher am Rande von Frauenfeld gelegenes Naherholungsgebiet, und der Europaplatz in Bern ist ein Verkehrsknoten im Stadtteil Holligen. Alle wurden in den letzten Jahren umgestaltet und gelten bei Architekten und Stadtplanerinnen als gelungene öffentliche Räume. Mit unterschiedlichen Methoden, darunter Personenflussmessungen, Messungen der Personendichte mit Telekommunikationsdaten, Fotografie, Social-Media- und Medienanalysen sowie Beobachtungen vor Ort, wurde gemessen, wie die Menschen die Orte benützen: Ob sie gehen oder sitzen, wie lange sie dies tun und zu welcher Tageszeit. Der interdisziplinäre Forschungsansatz vereint Raumtheorien aus Architektur und Soziologie und nimmt ethnografische und politologische Ansätze auf. Während der Richtiplatz vor allem von Berufstätigen am Mittag bevölkert wird und der Murg-Auen-Park mittags und abends, haben der Lagerplatz und der Europaplatz in Bern eine durchgehendere Aneignung gezeigt: Die Plätze werden von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu unterschiedlichen Tageszeiten besucht. Am Europaplatz kreuzen sich Pendler, Skater treffen sich und im Schatten der Säulen sitzen Gruppen und Einzelpersonen. Auch wenn der Platz, über den die Autobahnbrücke führt, wenig einladend wirkt, so wird er doch vielfältig in Anspruch genommen. «Der Platz ist sehr offen gestaltet, er hat viele Spielräume für Aneignungen», sagt Kurath: «Er ist ein Treffpunkt für Jugendliche, ein Ort, wo man wartet und sich über nonverbale Kommunikation integriert, und ein Ort für Manifestationen.» Das Forschungsprojekt wurde vor einem Jahr auch während des Corona-bedingten Lockdowns durchgeführt. Öffentliche Plätze wie Bahnhöfe waren auf einen Schlag menschenleer. Die Menschen wichen in Parks und in Zürich an die Quaianlagen aus, worauf auch diese gesperrt wurden. Die Folge: Die Menschen eigneten sich neue Räume an, sie wichen zum Beispiel in landwirtschaftlich genutzte Gebiete aus. Das erlaubte den Forschern neue Fragen: Welche Orte suchen Menschen auf, wenn die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist und Arbeit und Konsum nicht möglich sind? Die grössten Unterschiede zeigten sich an den Wochenenden: Während der Richtiplatz, wie schon vorher, auch im Lockdown an den Wochenenden wenig besucht wurde, hielten sich im Murg-Auen-Park dagegen an den freien Tagen viel mehr Menschen auf als in der Vergleichsperiode im Jahr 2019. Der Europaplatz, der zu normalen Zeiten auch am Wochenende gut besucht ist, verlor ebenfalls an Bedeutung. Kontinuierlich belebt war hingegen der Lagerplatz. Was zeigt: Orte werden auch von ihren Funktionen bestimmt – fallen diese weg, fehlen auch die Menschen. Das Fazit: Je mehr Möglichkeiten der Einzelne hat, sich in einem öffentlichen Raum aufzuhalten und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, desto mehr sorgt ein Raum auch für die Integration in die Gemeinschaft. Um die gesellschaftliche Integration zu fördern, sollte für Aneignungen und Begegnungen das ganze Potenzial vorhandener Räume wie zentral gelegene Plätze, Parks, Gärten, aber auch Brachen und Siedlungsränder genützt werden. Gerade die Corona-Krise habe klar gezeigt, wie wichtig öffentliche Räume seien: «Der Mensch hat ein Grundbedürfnis, sich ausserhalb seiner Wohnung auf neutralem Raum zu treffen und sich frei zu bewegen», sagt Kurath. Das Projekt wird auch an der ZHAW-Tagung «Flüchtige Zugehörigkeiten – nachhaltige Teilhabe» im September präsentiert (siehe Veranstaltungshinweis Seite 57). Philippe Koch, Stefan Kurath, Simon Mühlebach: Figurationen von Öffentlichkeit ‒ Herausforderungen im Denken und Gestalten von öffentlichen Räumen. Institut Urban Landscape (Hrsg.), Triest Verlag, 2021 Sibylle Veigl

«Wir leben in aufregenden Zeiten»

Ursprünglich wollte Maria Anisimova Mathematiklehrerin werden. Vorübergehend wurde sie das auch. Sie unterrichtete zuerst in Russland an der Pädagogischen Hochschule in Nischni Nowgorodeiner und später in London, wohin sie ihrem Mann folgte, an einem College. Dass sie dort ihre Studierenden zusätzlich in Laufbahnfragen beriet, beeinflusste auch ihre eigene Karriere: Bei Recherchen entdeckte sie einen Bioinformatik-Masterstudiengang. «Bis dahin hatte ich mich vor allem für reine Mathematik interessiert», sagt Anisimova. «Doch mir gefiel die Idee, die Mathematik für etwas anzuwenden.» Sie absolvierte den Masterstudiengang «Modeling Biological Complexity» am University College London. «Zuerst fand ich den Wechsel schwierig», erinnert sie sich. Sie war die klaren Aussagen der Mathematik gewohnt. «Untersucht man biologische Daten, ist nichts sicher: Man hat eine Streuung, da sind immer Ausnahmen», erklärt sie. Dennoch begann ihr die Bioinformatik – die vielen verschiedenen biologischen Fragestellungen, die sich mit Hilfe geeigneter Modelle und Algorithmen beantworten lassen – grossen Spass zu machen. Auf die Ausbildung folgten ein Doktorat und zwei Postdoktorate. Danach forschte sie einige Jahre an der ETH Zürich. «Meine Mitarbeitenden brauchen Skills in Biologie, Chemie und Mathematik. Ausserdem müssen sie programmieren können.» 2014 wechselte Anisimova an die ZHAW. Hier erhielt sie die Gelegenheit, die Forschungsgruppe Applied Computational Genomics aufzubauen. Unterdessen umfasst diese, inklusive Masterstudierende, 14 Forscher und Forscherinnen. Fast alle sind fremdfinanziert. Wer neu dazustösst, muss meist erst einmal viel lernen. «Meine Mitarbeitenden brauchen Skills in Biologie, Chemie und Mathematik. Ausserdem müssen sie programmieren können», führt Anisimova aus. «Und natürlich müssen sie lernen, mit grossen Datenmengen umzugehen.» Denn diese sind in der Bioinformatik heute Alltag. Die Life Sciences produzieren riesige Datenmengen: Ganze Genome, verschiedenste Gene sowie Proteine werden mit Hochdurchsatzmethoden sequenziert, um die Reihenfolge ihrer Bausteine festzustellen. Anisimova und ihr Team analysieren solche Daten. Und sie tragen auch dazu bei, dass diese Datenberge überhaupt nutzbar werden. Mit ihren Modellen und Algorithmen führen sie beispielsweise Datenbanken zusammen, machen sie mittels natürlicher Sprache durchsuchbar oder verknüpfen auch ganz verschiedene Arten von Daten miteinander. Da die Datenberge immer grösser werden, wird auch ihr Handling immer anspruchsvoller. «Allerdings ergeben sich daraus auch immer mehr Möglichkeiten, Fragen zu beantworten», betont Anisimova. «In dieser Hinsicht leben wir in aufregenden Zeiten.» Thematisch liegt der Fokus der Forschungsgruppe auf Fragen der molekularen Evolution, also darauf, welche Veränderungen in der Erbinformation von Lebewesen über die Zeit aufgetreten sind. In einem der vier Schwerpunktthemen geht es beispielsweise um Fragen rund um Verwandtschaften zwischen verschiedenen Arten. «Zum Beispiel was Mensch und Schimpansen unterscheidet», verdeutlicht Anisimova. Und durch welche Mutationen an welchen Stellen des Erbgutes sich diese Unterschiede entwickelt haben. «Mich fasziniert, wie alles mit allem zusammenhängt.» Anisimova und ihre Mitarbeitenden befassen sich aber auch mit Krankheiten: Gemeinsam mit Forschenden von der ETH Zürich, der Universität Bern und IBM versuchen sie beispielsweise, mehr über die genetischen Ursachen von Darmkrebs herauszufinden. Dafür verknüpfen sie unter anderem Informationen zu mutmasslich an der Krankheit beteiligten Mutationen, Genen und Proteinen mit den Bildern von Dünnschnitten betroffener Gewebe, die heute zur Diagnose verwendet werden. Das langfristige Ziel: schnellere, einfachere und präzisere Diagnosen und Prognosen – und letztendlich eine genau auf die einzelnen Patientinnen und Patienten zugeschnittene Behandlung. «Mich fasziniert, wie alles mit allem zusammenhängt», strahlt Anisimova. Arbeitet sie an einem Projekt, überlegt sie sich bereits, wo sie das neu gewonnene Wissen als Nächstes anwenden könnte. Sie ist immer auf der Suche nach neuen Ideen. «Es fühlt sich an, als könnten wir an jedem beliebigen Thema forschen», sagt sie. Daher fällt es ihr manchmal schwer, sich auf ihre Forschungsschwerpunkte zu beschränken. «Man kann nicht überall gut sein», sagt sie. Das ist auch der Grund, warum sie sich beruflich nicht mit Covid-19 beschäftigt. Trotz ihres eher komplizierten und abstrakten Fachgebietes wirkt Maria Anisimova sehr geerdet. In ihrer Freizeit spielt die Mutter dreier Töchter Violine und tanzt gerne Lindy-Hopp. Gar kein Computer-Nerd also. Dazu passt auch, was Anisimova an ihrer beruflichen Tätigkeit besonders begeistert: mit Menschen zusammenarbeiten. Sie ist in der Wissenschafts-Community bestens vernetzt – auch mit Forschenden ausserhalb ihres eigenen Fachgebietes – und legt grossen Wert darauf, mit den Anwenderinnen und Anwendern ihrer Methoden eng zusammenzuarbeiten. Ihr ist auch ganz wichtig, dass es ihren Mitarbeitenden gut geht. Besonders auch während der Pandemie, in der einige von ihren Familien im Ausland abgeschnitten sind. In normalen Zeiten geht die Forschungsgruppe auch gelegentlich zusammen schwimmen, picknicken oder wandern. Ganz besonders gerne arbeitet Maria Anisimova immer noch mit jungen Menschen zusammen. «Sie sind so motiviert und begeistert», schwärmt die Forscherin. Sie hat an der ZHAW innerhalb des Masterstudiengangs Life Sciences die Vertiefungsrichtung Applied Computational Life Sciences initiiert und mitentwickelt. Am liebsten aber arbeitet sie direkt mit den Master- und PhD-Studierenden in ihrer Forschungsgruppe zusammen. «Ich inspiriere sie und sie inspirieren mich», freut sich die ehemalige Mathematiklehrerin. Maja Schaffner

Eine Community gestaltet die digitale Zukunft mit

Mehrere Labs – eine Art kleine Think Tanks – an der ZHAW beschäftigen sich mit der Digitalisierung, wie zum Beispiel das Digital Health Lab mit seinem Schwerpunkt auf dem Gesundheitswesen oder das Datalab im Bereich Data Science. Im Digital Futures Lab (DFL) hingegen steht die bereichs- und disziplinübergreifende Zusammenarbeit im Vordergrund. Die Initiatorinnen und Initiatoren des DFL haben den Begriff «Future» im Namen des Digital Futures Lab bewusst in den Plural gesetzt. «Hier schwingt die Idee mit, dass es unterschiedliche Zukunftspotenziale gibt. Welches davon realisiert wird, bestimmen die Community-Mitglieder mit», sagt Aleksandra Gnach , Leiterin des DFL. Die Community des DFL wurde von ZHAW digital ins Leben gerufen, um Personen an der ZHAW zu vernetzen, die die digitale Transformation mitgestalten wollen. Den Start im Juli 2020 haben über 120 Personen im Livestream verfolgt. Kennenlernen konnten sich einige der über 200 Community-Mitglieder bei einem virtuellen Vernetzungsanlass im Dezember. Wenn sich Studierende oder Mitarbeitende im Rahmen ihrer Arbeit mit der digitalen Transformation befassen und den Austausch zu anderen suchen, sind sie im DFL richtig und können sich bewerben. Personen, die über ein Förderprogramm von ZHAW digital unterstützt werden, wie eine DIZH Fellowship oder den Digital Futures Fund (DFF), werden direkt im DFL aufgenommen. «Besonders eindrücklich finde ich, dass alle Departemente und Mitarbeitendenkategorien sowie Studierende in der Community vertreten sind», sagt Ricardo Fariña, Community Manager des DFL. Die Vielfalt an individuellen Sichtweisen und Wissen sei zentral, damit kreative Ansätze entstehen können. «Im DFL wird sichtbar, welche Forschungsprojekte an der ZHAW einen direkten Anwendungsbezug fürs digitale Lehren und Lernen haben. Dank der Vernetzung können wir das Wissen aus diesen Projekten dann in Beratung, Support und in übergreifende Projekte für die Lehre an der ZHAW einbringen», sagt Lisa Messenzehl-Kölbl , Leiterin der Fachgruppe Blended Learning. Aus den Bewerbungen geht hervor, warum sich die Personen für die Community interessieren. «Der häufigste Wunsch ist, sich im Lab zu vernetzen, um Kompetenzen zu erweitern, Neues zu lernen, oder sich gegenseitig zu unterstützen», sagt Fariña. Expertinnen für Künstliche Intelligenz (KI) suchen zum Beispiel häufig nach Anwendungen für den Einsatz ihrer Technologien, während andere Forschende ein Problem mit KI lösen wollen und dafür eine KI-Expertin suchen. Im DFL sollen diese Personen zueinander finden, ihre Ideen bottom-up einbringen und departementsübergreifend miteinander arbeiten können. Und sie können sich um Fördergelder des Digital Futures Fund bewerben, um ihre innovativen Ideen zu testen. Ein DFF-Projekt der School of Management and Law setzte sich mit Digitalveranstaltungen auseinander, weil wegen Covid-19 viele Fach- und Wissenschaftstagungen abgesagt werden mussten. Community-Mitglied Daniel Hardegger hat in Zusammenarbeit mit dem Departement Angewandte Linguistik Templates erstellt, die die Durchführung von Digitalveranstaltungen vereinfachen. Ausgehend von diesem Projekt prüft er jetzt mit dem IAM MediaLab und dem Startup Eggheads das Potenzial für den Einsatz von Chatbots bei der Organisation von Veranstaltungen im Hochschulumfeld. «Die Freiheit, neue Themen und Ideen zu diskutieren und zu erschliessen, ist das, was mich am DFL fasziniert. Je mehr Leute hier zusammenarbeiten, desto grössere und spannendere Dinge kann man gemeinsam bauen», sagt Hardegger. Langfristig soll das DFL eine Community of Practice werden, deren Mitglieder nicht nur durch ein gemeinsames Interesse verbunden sind, sondern auch durch soziale Beziehungen und gemeinsame Projekte. «Communities of Practice überwinden institutionelle Grenzen und verbinden Personen aus der ganzen Organisation. Die Mitglieder vertiefen im gegenseitigen Austausch ihr Wissen und ihre Kompetenzen und schaffen so eine kollektive Intelligenz und die Basis für Innovation», sagt Gnach. Community-Mitglied Marcela Ruiz von der ZHAW School of Engineering bestätigt das hohe Engagement der Mitglieder: «Wir ziehen alle an einem Strang, um die bestmögliche digitale Zukunft zu gestalten. Dieses Gefühl, einen gemeinsamen Traum zu haben, ermöglicht es den DFL-Mitgliedern auch, begeistert zusammenzuarbeiten», sagt Ruiz. Genau diese Eigeninitiative braucht es, um gemeinsam die digitale Zukunft zu gestalten, an der ZHAW und in der Gesellschaft. Bettina Sackenreuther

Künstliche Intelligenz im Labor

Rainer Riedl , der Leiter der ZHAW-Fachstelle für Pharmazeutische Wirkstoffforschung und Arzneimittelentwicklung , ist ein alter Hase in seinem Fachgebiet. Er hat schon so manchen Trend miterlebt, etwa den Einzug der Roboter ins Labor oder die Digitalisierung unter dem Schlagwort «Computational Chemistry». Dem aktuellen «Hype» um die Künstliche Intelligenz in der Medikamentenentwicklung steht er gelassen gegenüber. «Ich bin neutral und offen», sagt Riedl. «Ich prüfe das Neue kritisch, wie es sich für einen Wissenschaftler gehört. Wenn ich es für gut befinde, binde ich es in meine Arbeit ein.» Die Stärke der Maschinen liegt zweifellos in ihrem mühelosen Umgang mit grossen Datenmengen. «Es gibt in der Chemie etwa 10 40 Moleküle, die als Wirkstoffe in Frage kommen», sagt Riedl. «Da ist viel Platz für die Methoden der Künstlichen Intelligenz.» Mal eben hunderttausend Moleküle auf eine bestimmte Eigenschaft überprüfen: Was für einen Menschen langweilig und mühselig ist, erledigt ein geschickter Algorithmus im Handumdrehen. Die moderne Wirkstoffforschung geschieht heute im Zusammenspiel zwischen Menschen, Robotern und Computern. Wer nach einem geeigneten Wirkstoffkandidaten sucht, überprüft zuerst einmal ein paar hunderttausend bereits bekannte Moleküle auf eine Aktivität im gewünschten Bereich – Laborarbeit für den Roboter. Vielleicht findet man bei fünf Prozent der Moleküle eine gewisse Aktivität, bei den restlichen 95 Prozent keine. Nun sucht der Computer nach Mustern: Was ist jenen fünf Prozent gemein, was die restlichen 95 Prozent nicht haben? Das ist eine typische Aufgabe für maschinelles Lernen. Hat der Computer die entscheidenden Merkmale herausgearbeitet, schlägt er neue Moleküle vor, die noch besser wirken könnten. Diese Moleküle herzustellen, zu überprüfen und zu optimieren, ist dann grösstenteils Laborarbeit für den Menschen, wobei ihn auch hier Computer und Roboter unterstützen. «Wenn eine Maschine wirklich intelligent wäre, könnte sie einen neuen Wirkstoff von A bis Z selber entwickeln.» Rainer Riedl, Pharmazeutische Wirkstoffforschung und Arzneimittelentwicklung Den Ausdruck «Künstliche Intelligenz» betrachtet Riedl mit einer gewissen Skepsis: «Wenn eine Maschine wirklich intelligent wäre, könnte sie einen neuen Wirkstoff von A bis Z selber entwickeln», sagt er. «Davon sind wir weit entfernt. Derzeit sehe ich hier eher Inselbegabungen.» Nach jedem Schritt, den die Maschine tut, müsse ein Mensch darauf schauen, damit es nicht plötzlich in eine komplett falsche Richtung gehe. So komme es etwa vor, dass der Computer Moleküle vorschlage, die zwar theoretisch hochaktiv sein könnten, sich aber praktisch gar nicht synthetisieren lassen. «Die totale Automatisierung wird es meiner Ansicht nach so schnell nicht geben», sagt Riedl. «Wir haben es in der Pharmaforschung schon öfter erlebt, dass alle in die gleiche Richtung rennen. Das droht jetzt auch wieder, falls alle die gleichen Algorithmen benutzen.» Rainer Riedl, Pharmazeutische Wirkstoffforschung und Arzneimittelentwicklung Beispielsweise muss jeder Wirkstoffkandidat klinische Studien durchlaufen – diese lassen sich durch kein Computerprogramm vollständig simulieren. Immerhin darf man erwarten, dass Algorithmen künftig etwa Nebenwirkungen besser vorhersagen können, sodass sich schon vor der klinischen Phase eine bessere Auswahl treffen lässt. Mühe hat Riedl damit, wenn viele Forschungsgruppen auf ähnliche Methoden setzen. «Wir haben es in der Pharmaforschung schon öfter erlebt, dass alle in die gleiche Richtung rennen. Das droht jetzt auch wieder, falls alle die gleichen Algorithmen benutzen.» Es brauche Menschen, die immer wieder schauten, ob man nicht in eine Sackgasse hineinlaufe. Die vordefinierten Wege, die Computerprogramme notwendigerweise beschreiten, würden auch manche Quellen der Kreativität ausschalten, fürchtet Riedl. «Dinge wie der Zufall oder die Inspiration haben in der chemischen Forschung immer wieder eine wichtige Rolle gespielt.» August Kekulé etwa träumte die lang gesuchte Strukturformel von Benzol 1861 im Halbschlaf vor dem Kaminfeuer. «Einem Computer kann man nicht gut sagen, er solle mal ein wenig seine Fantasie schweifen lassen.» Einen letzten Bereich schliesslich würde Rainer Riedl keinesfalls der Künstlichen Intelligenz überlassen: die Auswahl der Krankheit, die bekämpft werden soll. «Ein Algorithmus wird vielleicht darauf kommen, nur noch jene Medikamente zu entwickeln, die möglichst grossen Profit versprechen.» Ethische Argumente wie jenes nach der Verhinderung von Leid kämen dann zu kurz. «Bei solchen entscheidenden Richtungsfragen sollten immer Menschen am Schalthebel sitzen.» Mathias Plüss

Phagen – die «guten» Viren

Einst galten Antibiotika als Wunderwaffe im Kampf gegen schädliche Bakterien. Auch in der Landwirtschaft kommen die Antibiotika bis heute in grossen Mengen zum Einsatz. Doch seit einigen Jahren nimmt die Zahl von antibiotikaresistenten Bakterien explosionsartig zu. Jedes Jahr sterben gemäss WHO mehr als 700‘000 Menschen an resistenten Keimen. In Viehzuchtbetrieben, Abwässern und Krankenhäusern tauchen immer neue resistente Mikroorganismen auf. ForscherInnen weltweit suchen fieberhaft nach neuen Waffen im Kampf gegen Bakterien. Besonders grosse Hoffnung setzen sie auf Viren, sogenannte Bakteriophagen. An der ZHAW leitet Professor Lars Fieseler mehrere Forschungsprojekte zu Bakteriophagen. «Die Zunahme von Resistenzen ist dramatisch», sagt er. Fieseler ist Lebensmittelmikrobiologe. Er leitet an der ZHAW das Zentrum für Lebensmittelsicherheit und Qualitätsmanagement sowie die Forschungsgruppe Lebensmittelmikrobiologie. «Bakteriophagen», sagt Fieseler, «haben ein enormes Potenzial in der Bekämpfung von Bakterien, das bis heute noch kaum zum Einsatz kommt.» Bakteriophagen sind bestimmte Gruppen von Viren, die auf Bakterien als Wirtszellen spezialisiert sind und diese zur eigenen Vermehrung zerstören. Das will sich die Wissenschaft zunutze machen und so neue Mittel im Kampf gegen Bakterien entwickeln. An der ZHAW laufen unter Leitung von Lars Fieseler zurzeit vier Forschungsprojekte zu Bakteriophagen, das grösste trägt den Titel «PhageFire». Im Fokus steht dabei das Bakterium Erwinia amylovora , Erreger des unter Obstbauern gefürchteten Feuerbrands. Die mehrere hundert Jahre alte Pflanzenkrankheit hat sich mit der Globalisierung weltweit ausgebreitet und lässt befallene Pflanzen innerhalb kurzer Zeit vertrocknen. «Bauern setzten dagegen seit vielen Jahre verbreitet Antibiotika ein», sagt Fieseler. «Aufgrund der zunehmenden Resistenzen haben inzwischen zahlreiche Staaten diese Anwendung verboten. Bakteriophagen könnten diese Aufgabe in Zukunft übernehmen.» Das Projekt ist eine Zusammenarbeit eines internationalen Konsortiums von Kernobstproduzenten und Forschungsunternehmen, finanziert wird es durch das EU-Forschungsprogramm Horizon 2020. «Unser Auftrag ist es, bis in zwei Jahren einen Phagen-Cocktail zu entwickeln, den Obstbauern gegen die Feuerbrand-Erreger einsetzen können», sagt Lars Fieseler. Das Potenzial von Phagen entdeckten Forschende bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aufgrund der zeitgleich aufkommenden Antibiotika blieb das Interesse in Westeuropa und den USA klein. Insbesondere in Teilen der Sowjetunion, wo Antibiotika rar waren, wurde später intensiv zu Phagen geforscht. Infolge der zunehmenden Antibiotika-Resistenzen ist seit einigen Jahren in weiten Teilen der Welt ein neues Interesse an Phagen erwacht. Lars Fieseler spricht von einem «Phagen-Boom». Nicht nur die Wissenschaft, auch immer mehr Start-up-Unternehmen widmen sich den kleinen Bakterien-Killern. Bakteriophagen sind kleine Nanokraftwerke, sie gelten als die komplexesten Viren überhaupt. Zur Vermehrung docken sie an den Wirtsbakterien an und durchdringen deren Zellwand. Mittels eines Prozesses, zu dessen genauerem Verständnis die ZHAW ebenfalls forscht, gibt der Phage seine DNA in das Bakterium ab. Dort vermehrt sich der Phage, zerstört dabei das Bakterium und vervielfacht sich um das Fünfzigfache. Dabei sind Bakteriophagen hoch spezifisch, das heisst, ein Phage braucht zur Vermehrung immer eine ganz bestimmte Bakterienart. Im Gegensatz zu Antibiotika können Phagen somit zielgenau zur Bekämpfung von Bakterien eingesetzt werden. «Die Spezifität ist Chance und grosse Herausforderung zugleich», sagt Lars Fieseler. Die Suche und Bestimmung der jeweils passenden Phagen ist für die Wissenschaftler, wie etwa im Fall des Feuerbrand-Erregers, mit grossem Aufwand verbunden. Die Gewinnung der Phagen erfolgt im Feld, dort, wo auch die jeweiligen Wirtbakterien vorhanden sind. MitarbeiterInnen aus dem Team von Lars Fieseler besuchen Kernobstplantagen, in denen der Feuerbrand sich ausbreitet, und entnehmen Bodenproben. Im Labor züchten sie dann Phagenkulturen heran, die sie mit den jeweiligen Bakterien nähren. In verschiedenen Zwischenschritten werden die einzelnen Phagentypen isoliert und schliesslich ihr Genom sequenziert. In weiteren Projekten forscht Fieseler mit seinem zwölfköpfigen Team zu einem Phagen-Puder für den Einsatz in Lebensmitteln und zu Phagen, mit denen das Darmbakterium E. coli bekämpft werden kann. Grundsätzlich einsetzbar sind Phagen überall dort, wo Bakterien die Gesundheit der Menschen gefährden. Im Bereich der Lebensmittel haben die Behörden in den USA bereits verschiedene Phagen zur Anwendung zugelassen. Die Behörden in der EU sind dabei deutlich restriktiver. In der Schweiz ist der Einsatz eines bestimmten Bakteriophagen für die Käseproduktion bewilligt. Grosses Potenzial besteht auch im Bereich der Medizin, wie die Erfahrungen aus Osteuropa zeigen. Etwa bei der Bekämpfung von Lungenkrankheiten, Entzündungen des Knochenmarks oder der Hirnhaut. Auch in der EU und den USA wurde der Einsatz von Phagen in Einzelfällen bereits mit Erfolg bewilligt. Für eine breite medizinische Zulassung sind die Hürden jedoch deutlich höher, wie Sabina Gerber sagt. Sie ist Leiterin der Fachstelle Biochemie und Bioanalytik an der ZHAW und forscht ebenfalls zu Phagen. «Wir wollen die Funktionsweise der Phagen bis ins kleinste Detail verstehen.» In Zusammenarbeit mit Lars Fieseler untersucht sie den molekularen Aufbau und den Infektionsprozess der Phagen. Im Fokus steht dabei der sogenannte Schwanzsporn der Phagen, ein komplexes Konstrukt aus Proteinen, mit denen ein Phage am Bakterium andockt und das der Wissenschaft noch einige Fragen aufgibt. Eine der grössten Herausforderungen für einen verbreiteten Einsatz von Phagen wird es sein, das Vertrauen der Gesellschaft zu gewinnen, sind sich Lars Fieseler und Sabina Gerber einig. Denn momentan haben Viren keinen besonders guten Ruf. Das könnte sich schon bald ändern. Simon Jäggi

Einblicke in die Laborwelt – Eine Bildstrecke

Anbaumethoden der Zukunft, fliegende Roboter, Hautgewebe aus dem 3D-Drucker – in den Laboren an der ZHAW wird vieles entwickelt und getestet. Die Räume müssen funktional und flexibel gestaltbar sein, um immer wieder an neue Projekte angepasst werden zu können. Digitalisierung, Automatisierung und Miniaturisierung sollen Laborarbeit nicht nur schneller und bequemer, sondern auch sicherer machen. Fotos Conradin Frei, Frank Brüderli

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