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«Wir benötigen deutlich mehr Know-why statt nur Know-how»

Geht es bei Ihnen zu Hause auch zu wie in einem Science-Fiction-Film? Roboter saugen Staub, mähen Rasen, servieren Drinks. Der smarte Kühlschrank bestellt Nachschub ... Dirk Wilhelm: Ich weiss zwar nicht, ob das Science Fiction ist (lacht): Wir haben einen Robo-Staubsauger, der taugt aber nichts. Aber der Rasenmäher ist super. Reto Steiner: Smarte Helfer sind bei uns zu Hause viele im Einsatz: Alexa hört auf den Musikwunsch in der Küche, das elektrische Auto manövriert recht selbstständig durch die Strassen und in den Parkplatz, der Bewegungssensor meldet, wenn die Katze in ihrem Kistchen war, und der Rasenmäher schaut zum Rasen. All dies erleichtert den Alltag und – ich geb's zu – dient mir auch als Labor, um diese Technologien zu testen. Wo erhoffen Sie sich persönlich in Zukunft Unterstützung durch smarte Helferlein? Reto Steiner: Persönlich und für möglichst viele Menschen erhoffe ich mir, dass smarte Tools noch mehr Routineaufgaben übernehmen werden. Automatisierungen aller Art haben noch Luft nach oben. Ich wünsche mir, dass die künstliche Intelligenz Platz schafft für die Förderung der Kreativität des Menschen, sie aber möglichst nicht ersetzt. Dirk Wilhelm: Wirklich cool wäre künstliche Intelligenz, die E-Mails automatisch sortiert, kategorisiert und am besten noch beantwortet. Aber das liegt wohl noch in weiter Ferne. Frank Wittmann: Bei einem automatischen E-Mail-Schreibprogramm wäre ich ebenfalls mit dabei. Auch bei einem Ideengenerator, einem Bürokratie-Detektor oder einer Impulsgeberin zur emotionalen Regulation. Wo sehen Sie den Bedarf für Wirtschaft und Gesellschaft? Wilhelm: Im Bereich Banking and Finance wird sich viel tun hinsichtlich Automation. Systeme wie Libra, Facebooks Kryptowährung, sind für Banken eine Herausforderung. Kommen wird auch das autonome Fahren und vielleicht auch das autonome Fliegen, denn bei Sicherheitssystemen ist der Fortschritt enorm. Brauchte man früher drei Piloten bei Langstreckenflügen, wird man bald nur noch einen benötigen und irgendwann vielleicht keinen mehr. Steiner: Gerade in der Förderung von Mitarbeitenden besteht grosses Potenzial, wie verschiedene Projekte zeigen. Es gibt bereits Software, die Wissen im Unternehmen identifiziert und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Spezialkenntnisse Projektteams zusammenstellt. Das ist nicht nur wirtschaftlich, sondern kommt auch der Entwicklung einzelner Personen sehr entgegen. Trotz der Digitalisierung dürfen wir den Faktor Mensch nicht vernachlässigen. «Welches Potenzial hat die Kryptowährung nicht nur für die Transformation des Finanzsystems, sondern auch für unser Verhältnis zu und unseren Umgang mit Geld?» Frank Wittmann Wittmann: Wir stehen nach wie vor am Anfang der Entwicklung, und verständlicherweise stehen heute noch die technologischen Fragen im Vordergrund. Ich bin allerdings überzeugt davon, dass die eigentlichen Herausforderungen im Bereich der gesellschaftlichen Auswirkungen von technologischer Veränderung liegen. Um das Beispiel Libra aufzunehmen: Welches Potenzial hat die Kryptowährung nicht nur für die Transformation des Finanzsystems, sondern auch für unser Verhältnis zu und unseren Umgang mit Geld? Erhalten dadurch mehr Menschen Zugang zu Geld? Entstehen dadurch neue globale Austauschprozesse? Welche ethischen Fragen stellen sich? Auch in der Pflege werden Roboter eingesetzt wie die Robbe Paro oder der humanoide Roboter Pepper. Pepper kann Gefühle erkennen und darauf reagieren. Ist das problematisch, wenn Menschen an dieser Stelle vielleicht getäuscht werden? Wilhelm: Auch ein menschlicher Betreuer könnte Gefühle vortäuschen. Und ins Verhalten von Haustieren wird auch viel hineininterpretiert. Entscheidend ist für mich die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten. Hier können Roboter einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie den menschlichen Betreuerinnen und Betreuern anstrengende, zermürbende Routinetätigkeiten abnehmen und sie so mehr Zeit für wahre menschliche Interaktion haben. Steiner: Die Frage ist, wie man diese «Täuschung» der Roboter interpretiert: Sie wurden ja mit dem Ziel programmiert, das Leben der Nutzenden auf irgendeine Weise zu bereichern und zu erleichtern. Es ist also hoffentlich eine ernst gemeinte soziale Absicht dahinter. Ein Schwarz-Weiss-Denken hilft nicht weiter. Die Erfindung des Fernsehgeräts hat das Sozialleben der Menschen auch bereits verändert – mit Licht- und Schattenseiten. Ethisch problematisch würde es, wenn die künstliche Intelligenz die menschliche Interaktion vollständig ersetzte. Wittmann : Angesichts der demografischen Entwicklung in der Schweiz stellt sich die ungemütliche Frage immer stärker, wie wir den steigenden Pflegebedarf zu decken gedenken. Ein Teil unserer Lösung wird in intelligenten Systemen liegen. Dieses Thema ist aber nicht nur in der Altenpflege virulent, sondern beispielsweise auch in der Kinder- und Jugendhilfe oder im Justizvollzug. Für viele Heime, Kliniken und Psychiatrien ist es bereits heute eine grosse Herausforderung, kompetentes Personal zu finden. Wollen Kunden mit Robotern interagieren? Steiner: Das tun sie schon, zum Beispiel mit Chatbots. Diese beantworten Kundinnen- und Kundenfragen bei Dienstleistungsunternehmen und sind bereits erstaunlich responsiv. Wilhelm: Wir alle nutzen Geldautomaten oder Selfscanning-Kassen im Supermarkt. Bei Routineabläufen gibt es also eine grosse Bereitschaft zur Interaktion von Kunden mit Maschinen. Auch für eher intime Bereiche wie Körperhygiene oder Partnersuche gibt es viele Menschen, die sich lieber einer Maschine oder einem Softwareprogramm einer Partnervermittlung anvertrauen würden, als einem Menschen Einblick in ihre Privatsphäre zu gewähren. Es gibt aber immer noch Teile der Bevölkerung, die nicht so selbstverständlich mit den digitalen Helfern umgehen. Und wenn die Entwicklungen so rasant weitergehen, verlieren wir selbst vielleicht auch einmal den Anschluss. Wilhelm: Das ist garantiert so. Wenn ich da an meinen zwölfjährigen Sohn denke, so sucht er Lösungen für ein Problem immer gleich auf Youtube. Da findet man ja fast zu jedem Thema ein Video. Das machen alle so in seinem Alter. Während ich erst mal in Google, dann in Büchern suche. Als ich so alt war wie mein Sohn heute, da gab es das Internet noch nicht mal. «Wir sind alle herausgefordert, dass durch unsere Gesellschaft keine digitale Kluft geht.» Reto Steiner Wittmann: Zuallererst sind die Schule und alle anderen Bildungsinstitutionen, aber natürlich auch Unternehmen und Stiftungen gefordert, die digitale Kompetenz zu fördern. Steiner: Ja, wir sind alle herausgefordert, dass durch unsere Gesellschaft keine digitale Kluft geht. Hochschulen müssen deshalb den Bildungsauftrag des lebenslangen Lehrens und Lernens ernst nehmen. Zudem ist der intergenerationelle Dialog essenziell. Wenn man die Entwicklung weiterdenkt: Werden Roboter einmal das Kommando übernehmen? Wilhelm: Das glaube ich nicht. «Roboter sind keine intelligenten Systeme und werden es auch nicht werden.» Dirk Wilhelm Steiner : Ich hoffe es nicht – und das formuliere ich bewusst normativ. Wir dürfen vor lauter Euphorie die Risiken für unsere Gesellschaft nicht einfach beiseiteschieben. Die technologische Innovationsrate ist sehr hoch und die künstliche Intelligenz macht bedeutende Fortschritte. Langfristig besteht unter Umständen die Tendenz einer Konvergenz zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz. Werden Roboter und Computerprogramme einmal intelligenter sein als wir? Wilhelm: Roboter sind keine intelligenten Systeme und werden es auch nicht werden. Dann ist «Künstliche Intelligenz» nur ein Schlagwort? Wilhelm: Die KI-Forschung ist derzeit zwar wieder in aller Munde und macht, getrieben von den immer höheren Rechenleistungen, lernenden Algorithmen und neuronalen Netzen, immense Fortschritte. Die Experten sind sich aber sehr uneinig darin, ob überhaupt und wenn ja, wann, Roboter intelligenter als Menschen sein werden. Aber Intelligenz ist viel mehr als schnell rechnen und in nahezu Echtzeit das Internet nach allen möglichen Informationen absuchen zu können. Es gibt zwar keine Menschen, die Schachcomputer schlagen können. Computer haben auch die weltbesten Go-Spieler besiegt. Aber die Computer können dann eben nur Schach oder nur Go. Was können wir Menschen heute noch besser als Maschinen? Wilhelm: Das menschliche Gehirn kann ganz viele Bereiche abdecken. Vor allem kann ein Roboter nicht die menschliche Kreativität erreichen. Diese aber braucht es für Erfindungen oder in der Musik, der Kunst und vielen anderen Bereichen. Wir brauchen also keine Angst vor Künstlicher Intelligenz zu haben? Wilhelm: Man muss sich im Klaren sein, dass die Evolution Jahrmillionen gebraucht hat, um intelligentes Leben hervorzubringen. Die heutigen technischen Systeme befinden sich vielleicht auf dem Intelligenzlevel einer Spitzmaus, was schon immens ist, aber noch weit entfernt von dem, was Menschen zu leisten vermögen. Viele Menschen glauben zwar, dass allein schon die Ähnlichkeit humanoider Roboter mit uns ein Zeichen von Intelligenz ist. Wo sehen Sie die Risiken dieser Entwicklungen? Wilhelm: Die Risiken liegen wie bei allen technischen Entwicklungen darin, was der Mensch damit anstellt. Man kann KI dazu benutzen, dem Menschen zu helfen, indem zum Beispiel industrielle Prozesse sicherer gemacht und automatisiert werden. Man kann die Energienutzung effizienter machen, den Umweltschutz verbessern und den Klimawandel stoppen. Man kann KI aber auch in militärischen Drohnen, Waffensystemen und Spionagesoftware oder im sogenannten Cyberwar verwenden. Grundsätzlich sind dem keine Grenzen gesetzt. Wittmann: Fragen der Verantwortung, der Ethik und des Datenschutzes sind von immenser Bedeutung für uns alle und besonders auch im Hinblick auf vulnerable gesellschaftliche Gruppen. Ich hoffe, dass es unserem Departement für Soziale Arbeit gelingen wird, eine Stimme im öffentlichen Diskurs einzunehmen und so auch Impulse für technologische Weiterentwicklungen zu geben. Steiner: Den technologischen Fortschritt zu verbieten, funktioniert nicht und wäre meines Erachtens auch der falsche Ansatz. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass Technologien in der Geschichte der Menschheit immer wieder missbraucht wurden. Es braucht eine gewisse Regulation und insbesondere einen frühzeitigen Diskurs, wie wir mit künstlicher Intelligenz umgehen, die der menschlichen langfristig immer ähnlicher wird. Der Mensch kann zwischen Gut und Böse unterscheiden. Aber was ist, wenn die Maschine – durch Menschen gezielt programmiert – nur noch das Böse zulässt? An der School of Management and Law sind wir zur Behandlung solcher Themen gut aufgestellt, indem wir die zwei Disziplinen Managementlehre und Recht verknüpfen. Die ZHAW hat grosse Potenziale, wenn sie die Zusammenarbeit zwischen den natur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen bewusst pflegt. Nur gemeinsam finden wir Antworten auf die drängenden Fragen der Menschen. Laut OECD sind 700'000 Stellen mit einem «hohen Automatisierungsrisiko» behaftet. Welche Berufe werden künftig von Maschinen ausgeführt? Wilhelm: Wenn man sich die Entwicklung der Beschäftigungsstruktur in der Schweiz bzw. auch in den Nachbarländern in den vergangenen 200 Jahren anschaut, so ist eindeutig zu erkennen, dass rein physische Fähigkeiten wie Muskelkraft und Ausdauer, welche man in der Zeit der Landwirtschaft und der Massenproduktion noch benötigte, zunehmend in den Hintergrund rücken. Stattdessen nehmen Anforderungen an kognitive und kommunikative Kompetenzen immer mehr zu. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Steiner: Es geht weniger um Berufe als um Jobprofile. Vor allem die Automatisierung von Routine- bzw. Repetitivaufgaben wird viele Stellenprofile bis 2030 nachhaltig verändern. Bessere und spezifischere Qualifikationen mindern zwar das Risiko, dass ein Grossteil des eigenen Aufgabengebiets wegfällt, sind aber dennoch kein Garant für eine gesicherte Stelle. Geht uns irgendwann die Arbeit aus? Wittmann: Wenn man die Frage so zuspitzt, dann lautet die Antwort vermutlich Nein. Für mich ist die Frage interessanter, welche neue Tätigkeitsfelder, Bedürfnisse und Umweltbedingungen entstehen und wie wir mit ihnen künftig umgehen. Wilhelm: Vielleicht erinnern sich einige, als in den 80er Jahren der Begriff des Computer Integrated Manufacturing geprägt wurde. Da kam sehr schnell das Horrorszenario von der menschenleeren Fabrik auf. Heute können wir sagen, dass diese Befürchtungen nicht eingetreten sind. Im Gegenteil: Mit den wichtigen technologischen Entwicklungen ist die Beschäftigung in den Industrieländern sogar angestiegen. Wird das auch in Zukunft so sein? Wilhelm: Mit grosser Sicherheit kann man davon ausgehen, dass sich dies fortsetzen wird. Allerdings wird es eine deutliche Verschiebung geben. In der Produktionshalle der Zukunft wird der Mensch eben nicht mehr der Maschinenbediener sein, sondern er wird seine kognitiven Fähigkeiten einsetzen, um Prozesse zu steuern und um Verantwortung für grössere Zusammenhänge zu übernehmen, er wird Roboter anlernen und bei der Arbeit beaufsichtigen. McKinsey erwartet, dass bis 2030 eine Million Stellen in der Schweiz wegfallen – gleichzeitig sollen dank des Technologieschubs 800'000 neuartige entstehen. Wo werden neue entstehen und welche Kompetenzen braucht es da? Steiner: In so gut wie allen Branchen werden neue Berufsbilder entstehen. Es werden insbesondere erhöhte Kompetenzen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien gefordert sein. Wer in diesen Bereichen fit ist, hat gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig wird der Bedarf an reflexiven und analytischen Skills zunehmen. In Managementpositionen ist zudem ein hohes ethisches Bewusstsein gefordert, das in multirationalen Situationen ein verlässlicher Navigator ist. Wir benötigen deutlich mehr Know-why statt nur Know-how. Kreativität und soziale Intelligenz, Problemsensitivität und Problemlösungsorientierung erhöhen die Berufschancen von Studienabgängerinnen und -abgängern. Dirk Wilhelm Wilhelm: Es ist bereits heute absehbar, dass in der Zukunft Jobs gefragt sind, in denen ausgeprägte mathematische, technische und naturwissenschaftliche Kompetenzen vor allem im Dienstleistungs-, Produktions- und ICT-Bereich erforderlich sind. Auch im Bereich der Ausbildung, Gesundheit und Kommunikation werden neue Stellen entstehen. Generell kann man sagen, dass dort neue Stellen entstehen werden, wo Menschen aufgrund ihrer kognitiven und motorischen Fähigkeiten Vorteile gegenüber Maschinen haben. Das trifft aber nicht nur für Hochschulabgängerinnen und -abgänger zu, sondern auch für Personen mit einem tieferen Bildungsstand, wenn sie über besondere handwerkliche oder anderweitige motorische Fähigkeiten, gepaart mit sozialer Kompetenz, verfügen. Kreativität und soziale Intelligenz, Problemsensitivität und Problemlösungsorientierung erhöhen die Berufschancen von Studienabgängerinnen und -abgängern. Wittmann: Ich unterschreibe diese Einschätzung und möchte noch die konzeptionellen Fähigkeiten hervorheben. Ich glaube allerdings, dass wir soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz ausdifferenzieren und konkretisieren sollten. «Ich finde es faszinierend, zu sehen, dass sich unser Blick auf das menschlich Einzigartige und Wertvolle nun wieder schärft.» Frank Wittmann Weshalb? Wittmann: Viel zu häufig werden soziale Fähigkeiten immer noch als ein Sammelsurium an unterschiedlichen Nice-to-have-Skills betrachtet. Dabei handelt es sich bei der Fähigkeit zur grenzüberschreitenden Kooperation, zum geschickten Navigieren in verschiedenen sozialen Settings und zum Selbstmanagement um ganz verschiedene Ressourcen. Auch wäre es wünschenswert, wenn wir eines Tages über allgemein anerkannte Kriterien für unterschiedliche Niveaus bei den Sozialkompetenzen verfügten. Ist die Soziale Arbeit der Gewinner der Entwicklungen oder sehen Sie da auch bedrohte Tätigkeiten? Wittmann: Der technologische Fortschritt verstärkt die Bedeutung der menschlichen Kernkompetenzen und dazu gehören auch soziale Fähigkeiten. Ich finde es faszinierend, zu sehen, dass sich unser Blick auf das menschlich Einzigartige und Wertvolle nun wieder schärft. Es ist gut für die Sozialwissenschaften im Allgemeinen und die Soziale Arbeit im Besonderen, dass sich neue virulente Fragen stellen. Ich habe allerdings bei der Sozialen Arbeit nicht das Bild eines relativ sicheren Berufhafens im Kopf. «Unternehmen sollten ihre Mitarbeitenden für Weiterbildung sensibilisieren und sie dabei unterstützen.» Dirk Wilhelm Sondern? Wittmann: Sondern dasjenige einer Profession und Disziplin, die nun die Gelegenheit erhält, Antworten auf neue Fragen zu entwickeln. Die brennenden Probleme unserer Zeit lassen sich nur kooperativ, transdiziplinär und interprofessionell lösen. Darin liegt eine einmalige Chance für uns. Dass allerdings manche Berufe – man denke nur an die Kassierinnen und Kassierer in Supermärkten und Warenhäusern – vermutlich verschwinden werden, stellt eine grosse Herausforderung für uns alle dar. Die Arbeitsintegration ist bereits heute mit der Tatsache konfrontiert, dass nicht alle Menschen im arbeitsfähigen Alter einen Platz im ersten Arbeitsmarkt finden, und sie bereitet sich intensiv auf die Situation vor, dass zukünftig ganz neue Berufsgruppen ihre Unterstützung brauchen werden. Eine neue Studie der ETH hat gezeigt, dass es in den vergangenen Jahren nur bei den Gutausgebildeten ein Stellenwachstum gab. Bei den Übrigen sank die Beschäftigung, wobei die Abnahme bei den Mittelqualifizierten doppelt so hoch ausfiel wie bei den Geringqualifizierten. Hier gibt es also ein grosses Potenzial für die ZHAW, aus Berufsleuten mit mittlerer Qualifikation hochqualifizierte Arbeitnehmende zu machen. Wilhelm: Das ist so. An der School of Engineering haben wir auch gezielte Weiterbildungen in Industrie 4.0, in Blockchain oder Data Science – also in diesen ganzen Bereichen, in denen die Fachleute sehr gesucht sind. Allerdings sind wir auch auf die Mitwirkung der Unternehmen angewiesen, welche Mitarbeitende verstärkt für die Weiterbildung sensibilisieren müssen. Und sie müssen ihre Mitarbeitenden auch beim lebenslangen Lernen unterstützen. Nur dadurch wird der Wandel erst möglich und nachhaltig und auch von der Gesellschaft insgesamt akzeptiert und getragen. «Die Schweizer Hochschulen sind führend im Bereich Robotik und Automatisierung. Unternehmen wie Microsoft, Google und Facebook, aber auch Schweizer Firmen streiten sich um unsere besten Absolventen.» Dirk Wilhelm Steiner: Hochschulausbildung wird wohl künftig eher noch anspruchsvoller werden und von den Studierenden hohen Einsatz und ein bewusstes Eintauchen in die Herausforderungen der Menschheit und die Schaffung von Lösungen für die entdeckten Probleme einfordern. Akademisierung ist für mich deshalb kein Schimpfwort, sondern eine Denkhaltung, die von den Studierenden erwartet wird. Denn akademisches Denken schafft die Grundlage für die Lösung gesellschaftlicher Probleme, und an diesem Beitrag werden wir als Hochschule für angewandte Wissenschaften gemessen. Ist die Forschung und Bildung in der Schweiz und insbesondere an der ZHAW gut aufgestellt in den Bereichen der Robotik und Automation sowie im Bereich Interaktion Mensch–Maschine? Wilhelm: Die Schweizer Hochschulen sind führend im Bereich Robotik und Automatisierung. Internationale Unternehmen wie Microsoft, Google und Facebook, aber auch Schweizer Firmen streiten sich mittlerweile um unsere besten Absolventinnen und Absolventen. An der School of Engineering beschäftigen wir uns schon seit mehr als zehn Jahren mit dem Thema Mensch-Roboter-Kollaboration und seit rund fünf Jahren mit den Themen Industrie 4.0 und Digitalisierung. Unser Engagement in nationalen und internationalen Forschungsprojekten hat zu wichtigen Entwicklungen geführt. Das weltweit erste industriell einsetzbare Exoskelett Robo-Mate wurde in einem von der ZHAW koordinierten EU-Projekt entwickelt und wird jetzt von einem Startup-Unternehmen vermarktet und weiterentwickelt. Unsere Industrie-4.0-Lernfabrik ist einzigartig in der Schweiz und wird zurzeit in mehreren nationalen und internationalen Projekten mit Industrieunternehmen für Forschung und Entwicklung genutzt. Auch unsere Weiterbildung ist mit dem CAS Industrie 4.0 bestens aufgestellt. «Studierende können Lehrbücher auch zu Hause lesen, bei uns sollen die Studierenden dabei sein, wenn neue Horizonte entdeckt werden.» Reto Steiner Steiner: Wir forschen zum Beispiel am digitalen Wandel in der Verwaltung und in der Bankenwelt – Stichwort: FinTech –, an der digitalen Transformation in Kunst und Kultur sowie im Bereich Digital Health. Dank der digitalen Transformation entstehen neue Unternehmen, die Produkte und Leistungen anbieten, an welche man bislang noch gar nicht gedacht hat. So hat Airbnb das Konzept des Hotelzimmers komplett neu interpretiert. Der Wandel in der Wirtschaft verändert Strukturen, Prozesse und Arbeitsbeziehungen. Als Kompetenzzentrum für Wirtschaft und Recht richtet die School of Management and Law ihre Lehre darauf aus, Agilität und Flexibilität in allen diesen Bereichen zu diskutieren und künftige Fach- und Führungspersönlichkeiten möglichst optimal auf diese Veränderungsprozesse vorzubereiten. «Wir möchten uns künftig noch viel stärker mit den sozialen Implikationen von technologischen Transformationen beschäftigen.» Frank Wittmann Wittmann: Wir möchten uns künftig noch viel stärker mit den sozialen Implikationen von technologischen Transformationen beschäftigen. Hier bestehen grosse Zusammenarbeitsmöglichkeiten innerhalb der ZHAW, gerade zwischen unseren drei Departementen. In unserem neuen «CAS Culture Change – Mindset für neue Arbeitswelten» gehen wir ansatzweise in diese Richtung. Die ZHAW-Departemente Soziale Arbeit und School of Management and Law und das Departement Design der Zürcher Hochschule der Künste kooperieren hier ganz eng. Wenn es künftig Berufe geben wird, die wir heute noch nicht kennen, wie richten Ihre Departemente ihre Bildungsangebote aus? Wilhelm: Zunächst einmal muss man sagen, dass die ZHAW in allen Departementen grossen Wert legt auf eine gute Grundlagenausbildung. Diese ist auch in künftigen, neuen Berufen immer das beste Fundament. Die physikalischen Gesetze werden sich nicht ändern, genauso wenig wie mathematische und ingenieurwissenschaftliche Grundlagen. Neu hinzukommen werden aber Fähigkeiten, diese Grundlagen verstärkt fächerübergreifend in komplexen technischen Systemen anzuwenden und nicht nur spezialisiert, sondern vor allem auch vernetzt denken zu können. Unseren Absolventen kognitive Kompetenz zusammen mit Fachwissen und kreativer sozialer Kompetenz mitzugeben, wird die Herausforderung der Zukunft für die Fachhochschulen und andere Bildungseinrichtungen sein. Wir arbeiten daran unter anderem mit praxisorientiertem, gleichzeitig aber wissenschaftlich fundiertem Unterricht, neuen Lernmethoden und Digitalisierung. Das lebenslange Lernen durch unsere Weiterbildungen ist die zweite zentrale Säule unserer Ausbildung. «Bereits heute lässt sich beobachten, dass Weiterbildungsteilnehmende an spezifischen Skill-Kombinationen interessiert sind, die sich nicht an disziplinären Grenzen orientieren.» Frank Wittmann Wittmann: Wenn man den Gedanken des lebenslangen Lernens konsequent zu Ende denkt, kommt man zur Einsicht, dass für die Aneignung und Vertiefung von fachlichen, methodischen und sozialen Kompetenzen eine hohe thematische und auch disziplinäre Durchlässigkeit gefragt sein wird. Bereits heute lässt sich beobachten, dass zum Beispiel Weiterbildungsteilnehmende an spezifischen Skill-Kombinationen interessiert sind, die sich nicht an disziplinären Grenzen orientieren. Auch die ZHAW in ihrer aktuellen Organisationsform wird von der grossen Transformation erfasst. Steiner: Wir setzen uns mit der Zukunft auseinander und überarbeiten unsere Studiengänge und Weiterbildungsangebote laufend. Der «MAS in Business Innovation Engineering for Financial Services» ist ein gutes Beispiel dafür. Dabei berücksichtigen wir sowohl die curricularen Inhalte, die eingesetzte Didaktik als auch den Einsatz von Technologien zur Optimierung des Lehrprozesses. Zudem soll unsere Lehre durchwegs forschungsbasiert sein. Studierende können Lehrbücher auch zu Hause lesen, bei uns sollen die Studierenden dabei sein, wenn neue Horizonte entdeckt werden. Was passiert mit den Verlierern? Wittmann: Es gehört zu meiner Grundhaltung, den Fokus bei Transformationsprozessen auf die sich bietenden Chancen zu richten. Ich bin überzeugt davon, dass wir über die Möglichkeiten verfügen, Lösungen für die sich ergebenden Herausforderungen zu finden. Hinsichtlich der kurzfristigen Verlierer der Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt braucht es die Einsicht, dass wir alle einen Preis für zunehmende Ungleichheit zahlen. Anstatt betroffene Menschen und Gruppen alleine zu lassen, ist es gesamtgesellschaftlich sinnvoller, die soziale Innovation und Kohäsion zu fördern. Braucht es einen neuen Arbeitsbegriff, neue Identifikationsmöglichkeiten für Menschen, wenn Maschinen unsere Arbeit immer mehr übernehmen? Wilhelm: Ich denke das ist mehr ein kulturelles Problem, vielleicht auch eine Generationenfrage: Wenn ich unsere Studierenden anschaue, da sind typische Karrierewege nicht mehr so gefragt. «Ich bin überzeugt, der Mensch arbeitet grundsätzlich gerne und hat dies in seiner DNA. Der Sinn der Arbeit ist die notwendige Energiezufuhr!» Reto Steiner Steiner: Wenn wir unser Handeln und damit auch unsere Arbeit rein utilitaristisch verstehen, ganz nach dem Motto: «Hauptsache, es nützt», dann kann dies tatsächlich zu einer Identifikationskrise führen. Ich glaube, dem Sinn von Arbeit muss vermehrt eine zentrale Rolle zukommen. Geld und Lohn sowie Auftragserfüllung sind zentrale Treiber in der Arbeitswelt und das ist auch nicht einfach schlecht. Ein Zug muss das Ziel erreichen und Passagiere von A nach B transportieren. Die Lokomotive benötigt für diese utilitaristische Zielerfüllung aber eine Energiezufuhr. Genauso verhält es sich mit der Arbeit des Menschen. Ich bin überzeugt, der Mensch arbeitet grundsätzlich gerne und hat dies in seiner DNA. Der Sinn der Arbeit ist die notwendige Energiezufuhr! Wir müssen diesen thematisieren. «Der Begriff der «Work-Life-Balance» wird verschwinden, denn Work und Life gehören in der Arbeitswelt 4.0 untrennbar zusammen.» Reto Steiner Wittmann: Auf absehbare Zeit wird es so bleiben, dass Arbeit eines von mehreren sinnstiftenden Elementen ist. Individuen konstruieren Sinn durch individuelle Kombinationen von Überzeugungen, Tätigkeiten und Lebensformen. Neue berufliche Handlungsfelder inklusive Mensch-Maschine-Interaktionen und altbewährte Betätigungsfelder wie ehrenamtliche und zivilgesellschaftliche Engagements werden in diese Kombinationsmuster eingewoben. Welche Kompetenzen und Modelle müssen Organisationen künftig entwickeln, um den Arbeitsplatz der Zukunft produktiv, motivierend und gesund zu gestalten? Steiner: Zum Beispiel das Modell des flexiblen Arbeitsplatzes oder die Schaffung neuer Anreizsysteme – individuelle Boni sind sehr hinderlich in der Zusammenarbeit. Der Begriff der «Work-Life-Balance» wird ausserdem verschwinden, denn Work und Life gehören in der Arbeitswelt 4.0 untrennbar zusammen. Vielmehr sollte sich die Arbeit individuell in Richtung Work-Life-Fit gestalten. Wittmann: Organisationen mit einer hohen Sinnorientierung, einer effektiven Personalentwicklung sowie einer kollaborativen und partizipativen Kultur ziehen gute Mitarbeitende an und vermögen sie an sich zu binden. Sie verfügen über eine gute Grundlage, erfolgreich zu sein. Im Science-Fiction-Film endet die Interaktion von Maschinen und Menschen meist in der Katastrophe. Und in der Realität – wird es ein Happy End geben? Wilhelm: Ich habe null Angst vor intelligenten Robotern. Ich weiss auch nicht, ob es überhaupt ein Ende gibt. Das ist wohl nur im Film so. Steiner: Die Eisenbahn wurde auch einst verteufelt. Die Angst vor neuer Technik ist so alt wie die Menschheit – Fortschritts-Skeptiker bedeuten aber nicht das Ende. Heute profitieren wir von Errungenschaften wie der Eisenbahn. Wir dürfen aber auch nicht blind alles als Fortschritt bejubeln. Es braucht ein differenziertes Einbetten der Technologien in unsere Gesellschaft. Wittmann: Doch, ein Ende wird es schon geben. Aber wir werden es nicht miterleben (lacht). Wie viel Maschine, wie viel Mensch soll es in Zukunft sein? Zum Beispiel im Kundenverkehr mit der Bank oder beim Steuern von Drohnen? Im Rahmen des Städtefestivals «Zürich meets Seoul» treffen Forschende der School of Engineering und der School of Management and Law der ZHAW auf Expertinnen und Experten aus Korea, wo die Digitalisierung weit fortgeschritten ist. Vom 28. September bis zum 5. Oktober 2019 findet das Festival «Zürich meets Seoul» statt. Zürcher und Seouler Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur kommen zusammen, um den Austausch zwischen den beiden Metropolen auszubauen. Seine Hightech-Industrie, sein rasantes Wirtschaftswachstum sowie eine Bevölkerung, die Bildung hoch gewichtet, machen Südkorea und die Metropole Seoul für schweizerische Institutionen zu einem attraktiven Partner. Wie die ETH, die Universität Zürich (UZH) und die Zürcher Hochschule der Künste ZHdK ist die ZHAW am Städtefestival präsent, mit vier innovativen Projekten : Das IAM Medialab entwickelt ein Virtual Reality Game , das Frauen in die Gestaltung von Smart Cities weltweit einbinden soll. Das Coffee Excellence Center der ZHAW veranstaltet ein binationales Coffee Festival , während Forschende der School of Engineering und der School of Management and Law zusammen mit koreanischen ExpertInnen die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine im Kundenverkehr mit der Bank oder beim Steuern von Drohnen erforschen. Der Austausch zwischen schweizerischer und koreanischer Perspektive steht auch im Zentrum des Events zu Modern Public Accounting der Forschenden der School of Management and Law . Interview Patricia Faller

Wenn das Programm übersetzt und der Chatbot berät

«Sie können die Mühle dem gewünschten Mahlgrad Ihres Kaffees stufenlos anpassen.» So übersetzt das automatische Programm den Satz aus der Bedienungsanleitung für eine Kaffeemaschine. Martin Kappus ersetzt Mühle mit Mahlwerk. Ansonsten sei die Übersetzung passend, findet der Dozent für Computerlinguistik am Institut für Übersetzen und Dolmetschen (IUED). Lieferten Google Translate, DeepL und andere Übersetzungsprogramme noch vor kurzem nur Kauderwelsch-Texte, so haben sie in den letzten vier Jahren verblüffende Fortschritte gemacht. Die meisten Anwendungen stehen zudem kostenlos zur Verfügung. Wieso also sollen Firmen noch menschliche Übersetzerinnen und Übersetzer bezahlen? Und wieso bildet die ZHAW weiterhin jedes Jahr rund 320 Personen im Bachelorstudiengang Angewandte Sprachen sowie rund 50 in den Master-Vertiefungen Fachübersetzen und Konferenzdolmetschen aus? «Die Veränderungen in unserem Beruf sind gewaltig», stellt Kappus fest. Während sich die Arbeit des Menschen in Zukunft bei Texten mit vielen wiederkehrenden Begriffen wohl eher auf das Redigieren maschineller Übersetzungen konzentriere, sei in anderen Bereichen noch immer viel spezifisches Wissen gefragt. In der Justiz oder Medizin etwa wären die Folgen von Fehlübersetzungen schwerwiegend. «Steht im Deutschen etwa eine Wurst als Beispiel für Schnellverpflegung so ist die Entsprechung in England Fish and Chips. Das schaffen Übersetzungsprogramme nicht.» Martin Kappus, ZHAW Angewandte Linguistik Angehende Fachpersonen müssten zudem gut vertraut sein mit den regionalen und kulturellen Begebenheiten des Zielpublikums. Kommt in einem deutschen Text etwa eine Wurst als Beispiel für Schnellverpflegung vor, so sei die Entsprechung in England nicht Sausage, sondern Fish and Chips, erklärt Kappus. «Das schaffen Übersetzungsprogramme nicht.» Auch kreative Texte wie etwa Marketing-Botschaften erforderten mehr sprachliches Feingefühl, als es Computer derzeit bieten. Zudem seien Online-Übersetzungen in vielen Unternehmen aus Datenschutzgründen tabu, weiss Kappus. Und auch das Dolmetschen sei bisher kaum betroffen von der Künstlichen Intelligenz – obwohl sich dies mittelfristig ändern könnte. An der ZHAW lehre man die Studierenden deshalb, Übersetzungsprogramme gezielt und sinnvoll zu nutzen, zeige ihnen aber auch deren Grenzen auf, erklärt Martin Kappus. Die Entwicklung biete sogar neue Chancen, ist er überzeugt: Die grössere Produktivität führe dazu, dass Unternehmen mehr Texte in mehr Sprachen übersetzen liessen. «Wir sind sicher, dass es weiterhin Übersetzende mit guter Ausbildung braucht.» Ein Teil der Studierenden Angewandter Sprachen wählt nach dem ersten Jahr die Vertiefung Technikkommunikation. Dieses Fachgebiet verändert sich parallel zur Digitalisierung der Maschinen und technischen Anlagen. «Benutzer-Handbücher, die mehrere Ordner umfassen, sind kaum mehr gefragt», erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter Martin Schuler. Vielmehr müssten Technische Redaktoren heute interaktive Bedienungsanleitungen verfassen können, die je nach Zielgruppe verschiedenen Anforderungsniveaus gerecht werden. Auch Augmented Reality sei geeignet für die Erklärung von komplexen Maschinen. Was das bedeutet, haben seine Studierenden kürzlich an einem praxisnahen Beispiel durchexerziert: Sie verfassten die Dokumentation zur Swiss Digital Learning Factory, einer Industrie-4.0-Anlage, die Studierende und Mitarbeitende am Institut für Mechatronische Systeme entwickelt haben. Sie produziert Kugelschreiber, deren Bestandteile am Bildschirm individuell zusammengestellt werden können – je nach Geschmack mit der passenden Farbe und eingraviertem Text. Auch im Gesundheitswesen hält die Automatisierung immer mehr Einzug. Doch Roboter, die in Spitälern Tee servieren und Haare waschen, seien in der Schweiz bis anhin nicht anzutreffen, stellt Dozentin Ursula Meidert klar. «Der Aufwand für die Anschaffung, Programmierung und Wartung ist viel zu gross.» Entlastung verspricht man sich in der Gesundheitsbranche dagegen von Alarmierungssystemen bei Stürzen, automatisierter Medikamentenabgabe oder Matratzen, welche bettlägrige Patienten regelmässig umlagern, um Wundliegen zu vermeiden. Auf Robotik treffen die angehenden Gesundheitsfachleute derzeit am häufigsten in der Rehabilitation: Da trainieren zum Beispiel Querschnittgelähmte das Gehen an digitalisierten Laufbändern oder mit Exoskeletten. «Die Technologie wird den Therapeuten und Pflegenden standardisierte Arbeiten abnehmen, aber Menschen niemals ersetzen können.» Ursula Meidert, ZHAW Gesundheit Das elektronische Patientendossier, das Patienten ab nächstem Jahr nutzen können, habe das Potenzial, die Zusammenarbeit zwischen den Behandelnden zu verbessern, sagt Meidert. Bis anhin habe die Technik die Ausbildungen an der ZHAW nicht auf den Kopf gestellt, relativiert die Soziologin. Mehr Gewicht soll die Automatisierung aber erhalten, wenn das Gesundheitsdepartement nächstes Jahr sein Curriculum grundlegend revidiert. Meidert ist überzeugt: «Die Technologie wird den Therapeuten und Pflegenden standardisierte Arbeiten abnehmen, aber Menschen niemals ersetzen können.» Etwas anders könnte die Zukunft der Psychologen aussehen. In den nächsten 30 bis 50 Jahren werde wohl ein Grossteil der Beratenden von Chatbots abgelöst, mutmasst Hansjörg Künzli vom Departement Angewandte Psychologie. «Aktuell geben diese automatisierten Gesprächspartner erst sehr standardisierte Antworten. Doch die Weiterentwicklung verläuft rasant.» Einen Chatbot zum Umgang mit Schmerzen haben die Forschenden der ZHAW gemeinsam mit ETH-Fachleuten bereits entwickelt. Er fragt Nutzende nach dem Befinden und schlägt ihnen bei Schmerzsymptomen zum Beispiel Meditationsübungen vor. Weiter gebe es bereits Tausende von Apps für jegliche psychologischen Problematiken und Krankheitsbilder, sagt Künzli. Videos leiten Nutzende bei Atem- und Entspannungsübungen an und Körpersensoren registrieren Veränderungen wie einen Pulsanstieg und empfehlen sogleich beruhigende Übungen. «Solche digitalen Gadgets helfen, die Therapie vermehrt in den Alltag der Ratsuchenden hineinzubringen.» «Da die Nachfrage nach psychologischer Beratung steigt, wird es wohl auch in Zukunft Psychologen brauchen.» Hansjörg Künzli, ZHAW Angewandte Psychologie Ab 2021 sollen Masterstudierende einen Überblick über geprüfte und nützliche Psychologie-Apps erhalten und sich damit auseinandersetzen, wie sie sinnvoll in die Therapie einbezogen werden können. Bereits heute beraten sie Klienten über Online-Kanäle. Und auch die meisten ausgebildeten Psychologinnen und Psychologen nutzen ergänzend zur Beratungsstunde längst auch Telefon, Videokonferenzen, Mails und Chatfunktionen. Da die Nachfrage nach psychologischer Beratung steigt, werde es wohl auch in Zukunft Psychologen brauchen, erklärt Hansjörg Künzli. Doch technische und planerische Tätigkeiten würden wichtiger werden. Am Departement Life Sciences und Facility Management setzen sich Mitarbeitende ebenfalls mit Chancen der Künstlichen Intelligenz auseinander. Analog zur Initiative ZHAW digital der gesamten Hochschule, bei der unter anderem Mitarbeitende Ideen zur Digitalisierung einbringen können, hat man in Wädenswil ein eigenes Projekt gestartet. Aus 21 eingegangenen Ideen hat die Jury 14 ausgewählt. Sie werden mit insgesamt knapp 300 000 Franken gefördert. «Indem Studierende die Konsequenzen der Automation im Laboralltag unmittelbar erfahren, wollen wir auch eine kritische Auseinandersetzung fördern.» Daniela Lozza, ZHAW Life Sciences und Facility Management Im Bereich Facility Management zum Beispiel soll ein didaktisches Konzept entwickelt werden, um Studierenden Kompetenzen im Umgang mit Building Information Modeling zu vermitteln. Dabei handelt es sich um dreidimensionale Abbildungen von Gebäuden, mit denen Vorgänge im Vornherein simuliert werden können. Architekten und Ingenieure nutzen die Programme bereits intensiv bei der Planung von komplexen Gebäuden. Steht ein sogenannter Digital Twin zur Verfügung, können Facility Managerinnen damit zum Beispiel bei einem Wasserschaden Leitungen mit möglichen Lecks erkennen. Ein zweites Projekt, das für förderungswürdig befunden wurde, wird angehenden Biotechnologen zugutekommen. In Labors sind sie immer stärker mit komplexen industriellen Anlagen konfrontiert. Deshalb sollen sie bereits in der Ausbildung lernen, einfachere Roboter zu programmieren, die im Labor zum Beispiel repetitive Pipettier-Aufgaben übernehmen können, erklärt Daniela Lozza die E-Learning-Verantwortliche ZHAW Life Sciences und Facility Management. «Indem Studierende die Konsequenzen der Automation im Laboralltag unmittelbar erfahren, wollen wir auch eine kritische Auseinandersetzung fördern.» Andrea Söldi

Industrie 4.0: Mit dem Roboter auf Tuchfühlung

Roboter sind dazu da, dem Menschen Arbeit abzunehmen. Wirtschaftlich betrachtet sollen sie die Arbeit ausserdem effizienter und günstiger verrichten. Damit sich die Kosten für die Anschaffung und die Programmierung auszahlen, muss ein Industrieroboter für längere Zeit die exakt gleiche Arbeit verrichten, für die er eingerichtet worden ist. Er tut dies abgeschottet vom Menschen in einer Produktionsstrasse. «Je grösser die Stückzahl, desto mehr zahlt sich diese Vollautomatisierung aus», sagt Hans Wernher van de Venn, Leiter des Instituts für Mechatronische Systeme (IMS) an der ZHAW School of Engineering. «Die programmierten Roboter sind einerseits sicher, da sie nicht direkt mit Menschen in Kontakt kommen, andererseits schränkt dies aber auch die Möglichkeiten ein, da die Roboter in diesem Fall nur die programmierte Aufgabe ausführen können.» Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach individualisierten Produkten und flexiblen Einsatzmöglichkeiten für Roboter. Die Aufgaben eines Roboters müssen möglichst einfach angepasst werden können. «Wir wollen erreichen, dass der Roboter als Werkzeug benutzt werden kann, so wie man heute beispielsweise eine Bohrmaschine anwendet.» Wernher van de Venn Die Industrie 4.0 und damit die Digitalisierung stellt die Weichen auf grösstmögliche Flexibilität und Mobilität. «Heute soll der Roboter dieses machen und morgen jenes», so van de Venn. «Das steht im Gegensatz zum klassischen Industrieroboter, der über Wochen oder Monate genau das Gleiche macht, damit sich die teure Programmierung auch gelohnt hat.» Bei sogenannten kollaborativen Robotern versucht man auf das vorgängige Einrichten zu verzichten. Stattdessen kann der Roboter beispielsweise vom Menschen geführt werden oder dessen Handlungsvorgaben einfach imitieren. «Man geht weg von der spezialisierten Programmierung hin zu einer Art Tool», sagt van de Venn. «Wir wollen erreichen, dass der Roboter als Werkzeug benutzt werden kann, so wie man heute beispielsweise eine Bohrmaschine anwendet.» Das ist zum Teil bereits gelungen, aber immer noch Gegenstand von Forschung und Entwicklung. Am IMS hat man in den vergangenen Jahren bereits erfolgreiche Prototypen für die Mensch-Roboter-Kollaboration entwickelt und getestet. Im Rahmen des EU-Forschungsprojekts ECHORD wurde die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Industrieroboter am Beispiel der Montage von Flugzeugteilen untersucht. Der Mensch befindet sich dabei innerhalb des Arbeitsbereichs eines Industrieroboters und kann diesen durch Ziehen und Stossen intuitiv von Hand steuern. Auf diese Weise lassen sich relativ einfach schwere Flugzeugkomponenten greifen und in die Zielposition bringen. «Das System vereint die Kraft und Präzision des Roboters mit der Flexibilität des Menschen», sagt van de Venn. Die gleiche Methode kommt im EU-Projekt ECOSTRIPPAIR zum Einsatz. Auch hier wird der Industrieroboter von Hand geführt – in diesem Fall, um eine Sandstrahldüse präzise über die Flugzeugoberfläche zu führen. Ziel ist hier, dünne Lackschichten exakt zu entfernen, ohne das Flugzeug zu beschädigen. Überwacht wird der Roboter zu jeder Zeit von Menschen. Der Benutzer bringt den Roboterarm mit der aufgesetzten Sandstrahldüse manuell in die Ausgangsposition. Der Roboter regelt sowohl die Ausrichtung als auch den Abstand der Düse zur Oberfläche selbstständig und steuert die Geschwindigkeit präzise. «Bei der Verdrahtung von Schaltschränken kommt der Roboter häufig an seine Grenzen. Da kann der Mensch ihm quasi kurz unter die Arme greifen.» Wernher van de Venn Mit einem Schweizer KMU hat das IMS eine Lösung für die automatisierte Verdrahtung von Schaltschränken entwickelt; laut van de Venn ein Paradebeispiel für die effiziente Mensch-Roboter-Kollaboration: «Hier können mehrere Roboter selbstständig arbeiten und der Mensch überwacht und führt sie zentral. Aufgrund der Individualität der Produkte lohnt sich keine vollautomatische Lösung. Ausserdem gibt es bei der Verdrahtung von Schaltschränken häufig Situationen, in denen der Roboter an seine Grenzen kommt. Da kann der Mensch ihm quasi kurz unter die Arme greifen.» Dieser Prototyp wird nun zu einer industriellen Lösung weiterentwickelt. Noch sind nur wenige dieser Mensch-Roboter-Kollaborationen in der industriellen Umgebung anzutreffen. Neben der Wirtschaftlichkeit bilden derzeit die Sicherheitsvorgaben die grössten Hürden. «Es muss zu 100 Prozent sichergestellt sein, dass der Roboter den Menschen in keiner Weise verletzen kann», so van de Venn. «Vor allem wegen der Unberechenbarkeit des menschlichen Handelns ist das eine schwierige Aufgabe. Menschen sind nun mal naturgemäss unvorsichtig. Der Roboter sieht nichts und hört nichts, aber muss trotzdem derjenige sein, der aufpasst. Also müssen wir ihn mit den fehlenden Sinnen ausstatten.» Kameras und Bewegungssensoren alleine reichen dafür aber nicht aus. «Steht dieser Mensch nur zufällig da oder will er den Roboter anfassen und ihn führen?» Wernher van de Venn Um Kollisionen zu vermeiden, arbeitet man am IMS derzeit an einer sogenannten Human Intention Detection. Roboter sollen dazu fähig sein, menschliche Bewegungen richtig zu interpretieren, um entsprechend darauf reagieren zu können. «Steht dieser Mensch nur zufällig da oder will er den Roboter anfassen und ihn führen? Dies gilt es aus diversen Sensorinformationen innert Sekundenbruchteilen zu erkennen. Dazu braucht es Künstliche Intelligenz im Sinne von selbstlernenden Algorithmen», sagt van de Venn. Roboter sollen also mit jedem Handlungsschritt dazulernen. «Und wenn die Roboter miteinander vernetzt sind wie in unserem Industrie-4.0-Labor, können sie auch voneinander lernen.» Künstliche Intelligenz ist nicht nur der Schlüssel zur Sicherheit, sondern auch zur Wirtschaftlichkeit der Mensch-Roboter-Kollaboration. «Die Fixkosten sind umso tiefer, je weniger programmiert werden muss. Selbstlernende Software senkt somit die Kosten weiter», so van de Venn. Gegenüber der Vollautomation kommt bei der Mensch-Roboter-Kollaboration hingegen der Mensch als Kostenfaktor dazu. Er ist aber auch nach wie vor das flexibelste «System», das man in der Produktion einsetzen kann. Matthias Kleefoot

Sollen Roboter Steuern zahlen?

Der Verband Angestellte Schweiz hat zu seinem 100-Jahr-Jubiläum einen Roboter als Mitglied aufgenommen, um «ein Zeichen» zu setzen. Auch die Gewerkschaft Medien und Kommunikation (Syndicom) sieht die digitale Transformation kritisch. «Roboter und digitalisierte Dienstleistungen bezahlen keine AHV», hielt sie im Manifest «Digitale Arbeitswelt» fest, «eine Steuer auf intelligente Maschinen, digitalisierte Dienstleistungen und Roboter muss das kompensieren.» Microsoft-Gründer Bill Gates hält «eine Art von Robotersteuer» ebenfalls für eine gute Sache. Uwe Koch vom Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe am Departement Soziale Arbeit der ZHAW sieht das anders. «Eine Robotersteuer ist nicht der richtige Ansatz», sagt der Dozent und Experte im Bereich Sozialpolitik und Sozial­versicherungen. Es sei unklar, was als Roboter überhaupt besteuert werden könnte. Bei Self-Scanning-Kassen scheint es noch nachvollziehbar. Aber wie sieht es beim Robo-Advisor der Bank aus? Wird die Rechenleistung besteuert? Das verwaltete Vermögen? Und erhalten «Pflegeroboter» einen Steuerbonus, weil sie den Arbeits­kräftemangel lindern? Eine Robotersteuer wäre innovationsfeindlich, fügt Philipp Egli an, Leiter des Zentrums für Sozialrecht der ZHAW School of Management and Law. Sie bestrafe jene, die effiziente Technologien nutzen, und benachteilige sie gegenüber in- und ausländischer Konkurrenz. Eine solche Abgabe müsste global oder zumindest europaweit gelten. Doch das EU-Parlament lehnte 2017 eine Einführung ab. Dennoch besteht Handlungsbedarf. Der Bundesrat schliesst mittel- und langfristige Risiken wie «zum Beispiel strukturelle Arbeitslosigkeit» nicht aus, wie er im Dezember 2018 festhielt. Erste Anzeichen gibt es schon heute: Einfache, repetitive Arbeiten fallen weg. «Besonders für ältere, niedrig qualifizierte Angestellte ist es schwer, sich nach einem Jobverlust wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren», bestätigt Koch. So ist die Zahl der 55- bis 64-jährigen Sozialhilfebezüger von 2010 bis 2016 um 50 Prozent gestiegen. Ein Vorschlag des Bundesrats will dieser Entwicklung entgegentreten. Ältere Angestellte sollen einen besseren Zugang zu Weiterbildungsmöglichkeiten erhalten, ausgesteuerte Arbeitslose über 60 Jahre in engen finanziellen Verhältnissen eine existenzsichernde Überbrückungsleistung. Sie ist vergleichbar mit den Ergänzungsleistungen zur Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) und der Invalidenversicherung (IV), die dort helfen, wo Renten die minimalen Lebenskosten nicht decken. Die beiden ZHAW-Experten finden den Vorschlag an sich gut. Das Grundproblem löse er aber nicht, so Koch. Wenn etwa bei einem Jobverlust durch Automatisierung zudem gesundheitliche und soziale Gründe mitspielen, scheitere eine Reintegration oft daran, dass zu viel Zeit verstreiche, bis klar sei, welche Behörde zuständig sei. Die IV habe vielfältige Möglichkeiten für massgeschneiderte Lösungen, diese kommen aber insbesondere bei niedrig qualifizierten und älteren Versicherten nur nach strengen Kriterien zum Zug. Bei der Arbeitslosenversicherung seien die Möglichkeiten von Integrationsmassnahmen deutlich geringer und deren Wirkung umstritten. «Die Sozialversicherungen und die Sozialhilfe müssen von ihrem 'Kässelidenken' wegkommen.» Uwe Koch, ZHAW Soziale Arbeit Philipp Egli stellt fest, dass sich die Digitalisierung auch anderweitig auswirken kann: Die IV blendet es bei der Prüfung von Rentenleis­tungen aus, wenn gesundheitlich beeinträchtigte Personen aus strukturell-wirtschaftlichen Gründen geringe oder gar keine Aussichten haben, sich in die Arbeitswelt, die sich durch Digitalisierung schnell und stark verändert, zu (re-)integrieren. Stattdessen wird auf einen fiktiven Arbeitsmarkt abgestellt, in dem ausreichend «Nischenarbeitsplätze» vorhanden sind. «Es ist Zeit, diese Praxis zu überdenken», so Egli. «Wiedereingliederung ist auch angesichts des wachsenden Fachkräftemangels durch die Pensionierung der Babyboomer-Generation sinnvoll.» Philipp Egli, ZHAW School of Management and Law «Die Sozialversicherungen und die Sozialhilfe müssen von ihrem ‹Kässelidenken› wegkommen», fordert Koch. Er schlägt eine sanfte Weiterentwicklung des heutigen Systems vor, um Betroffene für die Digitalisierung fit zu machen: Wer ab 55 Jahren arbeitslos wird, erhält Zugang zu Wiedereingliederungsmöglichkeiten, wie sie die IV heute kennt. Ein Jobcoach unterstützt jede Person individuell dabei, eine ihr entsprechende Tätigkeit bis zur Pensionierung zu finden. Falls nötig, wird eine Umschulung bezahlt. Für die Kosten kommt eine Art Erwerbsausfallversicherung auf, gespeist aus den Töpfen der IV, der Arbeitslosenversicherung und der öffentlichen Hand. Längerfris­tig zahle sich dies aus: «Diese Menschen leisten bald wieder Beiträge an die Sozialversicherungen, sparen Alterskapital an und benötigen später wohl keine Ergänzungsleis­tungen.» Egli ergänzt: Eine solche Wiedereingliederung sei auch angesichts des wachsenden Fachkräfte­mangels durch die Pensionierung der Babyboomer sehr sinnvoll. Falls durch die Digitalisierung aber doch die Lohnbeiträge an die Sozialversicherungen wegbrechen sollten, erwägt der Bundesrat eine Erhöhung der Mehrwertsteuer. Uwe Koch würde eine nationale Erbschaftssteuer bevorzugen. Das wäre sozialpolitisch besser vertretbar, da viel Kapital bei der älteren Generation liege und die Mehrwertsteuer insbesondere Personen mit wenig Einkommen belaste. Thomas Müller

Robotik in Pflege und Therapie: Der neue Stationskollege kennt keinen Stress

Pflegehilfe Jenny holt einen Becher Wasser vom Spender und spricht eine Heimbewohnerin freundlich an. «Sie möchten bestimmt etwas trinken, Frau Schmitt.» Diese antwortet belustigt: «Da hast du recht.» Später werden gemeinsam Schlager gesungen. «Junge, komm bald wieder», tönt es vielstimmig durch den Aufenthaltsraum. Die Pflegehilfe ist auch eine Jukebox, die auf Wunsch Musik abspielt. Denn bei «Jenny» handelt es sich um einen in Deutschland erfundenen Assistenzroboter mit Greifarm, Tablet, Laser-Scanner und Kamera. Er absolvierte bisher erst zu Forschungszwecken ein Praktikum im Pflegeheim. Auch in Japan und in den USA entwickelte Blechgesellen, die Patienten hochheben, ihnen Essen eingeben und sie waschen können, sind erst Prototypen, weit weg von serieller Produktion und noch nicht im Pflegealltag angekommen. Anders sieht es bei Sozialrobotern wie Paro aus, einer kleinen Kuscheltier-Robbe aus Japan, die auch in Schweizer Pflegeheimen schon in die Betreuung von Menschen mit Demenz integriert wird. Das mit Sensoren ausgestattete Wesen fiept wohlig, wenn es Streicheleinheiten erhält. Sozialroboter wie die Robbe Paro seien «recht gut einsetzbar», sagt Maria Schubert, Professorin und Co-Leiterin der Forschungsstelle Pflegewissenschaft an der ZHAW: «Sie erzielen bei manchen Menschen eine beruhigende Wirkung.» Getestet würden auch Roboter wie der japanische Pepper. Er kann kommunizieren und, so das Versprechen der Hersteller, Emotionen anhand von Mimik, Gestik und Stimmlage interpretieren. Denkbar wäre er etwa bei Spitalpatienten mit Delir, also Verwirrtheitszuständen. Doch ist es aus pflegerischer Sicht nicht problematisch, Menschen mit kognitiven Einschränkungen Roboter vorzusetzen? Kommt drauf an, antwortet die Wissenschaftlerin: «Wenn für den verwirrten Patienten sonst die Fixierung am Bett die Alternative ist, ist der Roboter angenehmer.» Schubert ist derzeit an einem Forschungsprojekt mehrerer Schweizer Hochschulen beteiligt, das Chancen und Risiken von Sozialrobotik untersucht. Sie wirft einen nüchternen Blick auf das kontrovers diskutierte Thema. Pflegerobotik weckt Befürchtungen, die Pflege werde entmenschlicht und künftig würden aus Spargründen Maschinen das Personal ersetzen. Doch gezielt eingesetzt, könnten Roboter das Personal unterstützen und entlasten, stellt die Forscherin fest, besonders bei einfachen und wiederkehrenden Tätigkeiten: «Der Roboter gerät nicht in Stress, wenn er etwas zwanzig Mal erklären muss.» Das Personal gewinne Zeit, was angesichts knapper Ressourcen ein Vorteil sei. In Alterseinrichtungen könne Robotik für Abwechslung und Unterhaltung sorgen und so die Betreuungsmöglichkeiten erweitern. Maria Schubert nimmt in jüngster Zeit eine wachsende Offenheit beim Pflegepersonal wahr. Sie betont: «Aktuell müssen wir uns keine Sorgen machen, dass Roboter Pflegefachpersonen ersetzen.» Aus dem einfachen Grund, weil Roboter gar nicht alleine pflegen und lediglich Teilaufgaben übernehmen können. Keine Maschine reiche an das Fachwissen und die Empathie des Pflegepersonals heran. Roboter scheiterten heute ja noch an den einfachsten Dingen: Teppichen, Schiebetüren. Auch zahlenmässig habe ihr Einsatz Grenzen. In einem Spital könnten nicht Hunderte Roboter herumschwirren. Damit es gut kommt mit der Robotik, müssen aus Sicht der Pflegewissenschaftlerin Voraussetzungen erfüllt sein. Erstens gelte es genau zu definieren, wo Roboter von Nutzen seien. Dabei müsse das Pflegepersonal mitreden können. Zweitens seien offene Fragen zu klären, punkto Haftung, Datenschutz und Ethik. Schubert nennt eine ganze Reihe solcher Fragen, darunter: Wer haftet, wenn der Roboter einen Fehler macht? Welche Daten erfasst er? Darf ein Roboter mit einer deliranten Patientin allein gelassen werden? Ist es zulässig, ihm die Stimme der Tochter zu geben, wenn er einem Heimbewohner mit Demenz vorliest? Anders als bei der Pflege sind in der Gesundheitstherapie Roboter seit einigen Jahren Standard. «Robotikgestützte Technologie wird in vielen Schweizer Reha-Kliniken eingesetzt», weiss Verena Klamroth. Die Neurologin und Dozentin am ZHAW-Institut für Ergotherapie forscht schon länger zum Thema. Was ein Reha-Roboter draufhat, erläutert sie am Beispiel des Schlaganfalls. Das häufige Krankheitsbild kann halbseitige Lähmungen zur Folge haben. Vereinfacht gesagt muss das Hirn wieder lernen, einen Arm zu bewegen, etwa um eine Tasse zu greifen. Der Lerneffekt stellt sich auch dann ein, wenn der Arm passiv bewegt wird. Wichtig sei, dies intensiv zu wiederholen, sagt die Medizinerin: «Da schafft der Roboter eine Häufung, die der Therapeut in einer Stunde nie erreichen wird.» Zu schwer sei der Arm des Patienten. Der nimmermüde Trainingsroboter erkennt dank Künstlicher Intelligenz auch, wann der Patient die Bewegung selbstständig auszuführen beginnt, und nimmt sich zurück. Damit die Armbewegung nicht monoton ausfällt, ist der Roboter mit virtueller Realität verbunden: Der Patient macht auf dem Monitor ein Ballspiel oder führt einfache Aufgaben in der Küche aus. Studien zum Therapieerfolg zeigen: Die Roboter machen ihre Sache prima, sogar leicht besser als der Therapeut. Dennoch werde der Roboter nie den Therapeuten ersetzen, ist auch diese ZHAW-Expertin überzeugt. Der Roboter kriege zwar das rein motorische Training gut hin, doch höhere Therapieziele wie Aktivität oder Teilhabe im Leben seien ihm zu komplex. Da brauche es immer noch die fachliche Expertise. «Robotik ist nur ein Werkzeug», unterstreicht Klamroth. Das Berufsbild der Ergo- und Physiotherapie werde sich aber insofern verändern, als es in bestimmten Bereichen künftig eine Zusatzausbildung brauche, um mit der Technologie umzugehen. Denn diese entwickelt sich rasch weiter. Robotik wird nicht mehr nur bei neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall oder Parkinson eingesetzt, sondern immer mehr auch in der Orthopädie. Für vielversprechend hält die Forscherin Assistenzsysteme wie die intelligente, im 3-D-Drucker hergestellte Handprothese: «Es gibt inzwischen Prothesen mit Gefühlen.» Diese Roboterhände wüssten sogar mit einem rohen Ei umzugehen. Die Gesundheitskosten in der Schweiz steigen Jahr für Jahr, so auch die Krankenkassenprämien. Ist Robotik-Technologie ein Mittel dagegen? Wenn ja, mit welchen Folgen? «Ich bin vorsichtig optimistisch, dass der Einsatz von Robotik und anderen Digital-Health-Lösungen ein guter Beitrag sein kann, um sowohl die Qualität der Gesundheitsleistungen zu erhöhen als auch die Kosten zu dämpfen», sagt der Gesundheitsökonom Alfred Angerer, Professor an der ZHAW. Ein Roboter sei pro Stunde Einsatz in der Regel günstiger als ein Mensch, die Preise für Anschaffung und Wartung der Robotik dürften in einem Hochlohnland wie der Schweiz relativ rasch amortisiert sein. Studien dazu fehlten aber noch, so Angerer. Und Technologie allein reiche nicht aus, um aus der Kostenspirale rauszukommen, relativiert er. Auch müsse das Personal nicht bangen, bald überflüssig zu werden. Die Entwicklung von Robotik werde derzeit nicht aus Kostensicht vorangetrieben, im Vordergrund stünden Fortschritte bei der Qualität und die Entlastung des Gesundheitspersonals: «Der Fachkräftemangel ist so gross, dass jede technische Hilfe willkommen ist.» Susanne Wenger

Assistent Pepper fehlt der letzte Schliff

«Hallo Pepper», sagt Daniel von Felten, «how are you today?» Pepper guckt von Felten mit grossen Augen an, blinkt in Rot und Blau, bewegt Kopf und Finger und sagt – nichts. Der Forscher am Institut für Facility Management (IFM) bricht nach einer Weile ab und zuckt etwas enttäuscht mit den Schultern. «Das System ist noch nicht so stabil, wie wir es gerne hätten», erklärt er. Der rund 1,20 Meter grosse Pepper und sein Kollege Nao, der von den Massen her eher mit einer Puppe vergleichbar ist, haben an der ZHAW in Wädenswil ein neues Zuhause gefunden. Daniel von Felten hat mit seinem Team die «Cyber Physical Systems» erforscht – frei übersetzt: die vernetzten Systeme mit einem Körper. Das Team hat untersucht, wie ausgereift die beiden humanoiden Roboter sind und welchen Mehrwert sie im Arbeitsalltag der Facility Manager bieten können. Während Nao und Pepper im Innern – also in Bezug auf die Software – recht ähnlich aufgebaut sind, unterscheiden sich ihre Körper stark. Von Felten sieht eher im grösseren Pepper eine Zukunft im Facility Management. Dieser ist mit einem Sockel anstelle von beweglichen Beinen stabiler. Pepper könnte schon in fünf bis zehn Jahren als menschenähnlicher Assistent im Facility Management zum Einsatz kommen, wenn er zusätzlich mit Greifarmen und Raupensockel (um Schwellen zu überwinden) ausgestattet würde. Weil das System noch zu wenig stabil ist, hat man diese technischen Details aus Sicherheitsgründen noch nicht umgesetzt. Concierge-Service: Pepper könnte am Eingang stehen, Besuchern erste Informationen über ein Gebäude liefern und z.B. Sitzungszimmer buchen. Auch dass er den Besucher in Empfang nimmt und ihn zum gewünschten Ort führt, ist denkbar. Kleine Botengänge: Pepper könnte Kaffee oder ein Tablett mit dem Mittagsmenü bringen, in der Kantine Essen schöpfen oder abends den Müll wegbringen. Rundgänge zur Überwachung eines Gebäudes: Dank Gesichtserkennung wüsste der Roboter, welche Personen in einem Immobilienkomplex üblicherweise anzutreffen sind. Unbekannte Personen könnte er ansprechen, via Kamera und Mikrofon könnte auch eine Telefonverbindung zur Zentrale hergestellt werden. In Japan ist Pepper bereits vielerorts im Einsatz. Das liegt einerseits an der hohen Akzeptanz, andererseits aber auch am ausgereifteren «Service Eco System» für Pepper und Nao. In Japan werden die neuen Applikationen für Pepper ähnlich wie in einem App Store auf dem Smartphone für alle zum Download zur Verfügung gestellt. So gibt es sehr viele Apps für verschiedenste Anwendungen und es kommen laufend neue dazu. «In Europa ist man meist an einen Softwareentwickler gebunden und bezieht alle Anwendungen darüber. Es besteht noch kein offener Austausch», sagt von Felten. Die Forscher kamen zum Schluss, dass die humanoiden Roboter in Europa noch nicht weit genug sind, um in heute bestehende Arbeitsprozesse einbezogen zu werden. Der heutige Mehrwert im Vergleich zu anderen technischen Hilfsmitteln, welche auch in der Lage sind, Sprache zu verstehen und zu kommunizieren (Tablet, PC, Handy), ist, dass humanoide Roboter wie Pepper und Nao menschenähnlich sind und wir sie so sehr schnell ins Herz schliessen: «Pepper schaut einen beim Sprechen mit den grossen Augen an, macht Gesten dazu, das wirkt schon sehr herzlich und süss. So macht die Kommunikation mehr Spass als mit einem Tablet oder Handy», sagt Daniel von Felten. Aus der Forschung weiss man, dass solche emotionalen Erlebnisse wichtige Mehrwerte im Serviceprozess darstellen. «Aber wenn wir es aus der Perspektive der technischen Funktionalität betrachten, wäre es zurzeit zielführender, am Eingang ein Tablet zu platzieren.» Am IFM werden Nao und Pepper in der nächsten Zeit dennoch vor allem in den Seminaren und Vorlesungen eingesetzt: Die Studierenden sollen ein Gefühl dafür bekommen, wie die Zusammenarbeit mit Robotern funktionieren kann, das System im Roboter kennenlernen und versuchen, es nutzbringend einzusetzen. Daniel von Felten versucht derweil, noch einmal mit Pepper in Kontakt zu treten: «Hallo Pepper, how are you?» Jetzt blinken die Augen grün und Pepper sagt mit einer hellen, freundlichen Stimme: «I’m supergood, thank you. You look great today!» Rahel Lüönd

Arbeiten mit 50 Plus: Abstellgleis oder neue Wege?

Vor ihrer akademischen Laufbahn war Claudia Sidler-Brand lange Jahre für einen grossen Finanzdienstleister und in der Beratung tätig. Was die heutige Dozentin und Projektleiterin dort erlebte, hat sie nachhaltig geprägt. Ein jüngerer Arbeitnehmer ersetzte einen älteren. Anstatt dass dieser seine umfangreichen Kompetenzen weiterhin für die Firma nutzen konnte, landete er auf dem Abstellgleis. Er sass fortan in seinem Kämmerchen und las Zeitung – bis zu seiner Pensionierung. Dieses Erlebnis hat die weitere Arbeit der Soziologin und Politikwissenschaftlerin massgeblich geprägt. Heute forscht sie zu Berufskarrieren, die sich im Zuge der Digitalisierung und der Alterung der Bevölkerung stark verändern. Aktuell untersucht sie Hürden neuer Karrieremodelle für älterer Arbeitnehmende im Rahmen des ZHAW-Forschungsschwerpunktes «Gesellschaftliche Integration». Ein Begriff, der im Zusammenhang mit neuen Karrieremodellen für ältere Arbeitnehmende oft fällt, ist «Bogenkarriere». Unter diesen Sammelbegriff fallen verschiedene flexible Karrieremodelle, wie zum Beispiel die Abgabe von Verantwortung und Führungsaufgaben oder der Wechsel zu Projektarbeit. Laut der Studie von Sidler-Brand und ihren Kollegen bieten 60 Prozent der befragten Unternehmen solche Modelle an. «Mich hat das immense Angebot überrascht», sagt Sidler-Brand. Genutzt wird es aber in einem bedeutend geringeren Ausmass (nur von 30 Prozent der Befragten). «Der Grund dafür ist, dass die Arbeitnehmenden die Haltung des Unternehmens hinter diesen Angeboten nicht spüren», erklärt Sidler-Brand. Geht es dem Unternehmen um Kosteneinsparung, Umstrukturierung oder Entlastung der Mitarbeitenden – oder gar darum, sie bis über das Pensionsalter hinaus zu beschäftigen? In den Umfragen kam heraus, dass ältere Arbeitnehmende Bogenkarrieren mehrheitlich mit einem Abstellgleis konnotieren. Sie sehen einen verstecken Kostenabbau dahinter. Es fehle oft ein durchdachtes und transparentes Konzept für ältere Arbeitnehmende, so Sidler-Brand. «Ältere Menschen haben ein unglaubliches Erfahrungswissen, das sich nicht in Zertifikaten wie CAS oder Master widerspiegelt. » Claudia Sidler-Brand Bei der Untersuchung handelt es sich um ein interdisziplinäres Projekt. Beteiligt sind das Zentrum für Sozialrecht, unter der Leitung von Philipp Egli, und das Zentrum für Human Capital Management, wo Claudia Sidler-Brand tätig ist. Die Forschenden haben in einem ersten Schritt branchenübergreifend rund 300 Personalexperten zu Beschäftigungsmodellen für ältere Arbeitnehmende befragt. In einem zweiten Schritt führten sie explorative Interviews durch mit Führungskräften, älteren Mitarbeitenden und Personalexperten. Claudia Sidler-Brand ist überzeugt, dass ein Umdenken stattfinden muss. «Ältere Menschen haben ein unglaubliches Erfahrungswissen, das sich nicht in Zertifikaten wie CAS oder Master widerspiegelt. Gerade in einer so schnelllebigen digitalisierten Welt sollten wir dieses Potenzial nutzen.» Das Tempo und der Arbeitsrhythmus seien nicht gleich wie bei einem 20-Jährigen, sagt Sidler-Brand. Dafür sei aber die Erfahrung umso grösser. Ein weiteres Problem sei, dass der Unterschied zwischen Jung und Alt momentan noch zu stark durch die eigentlich gut gemeinten sozialen Sicherungssysteme zementiert werde. Darum wollen sich die Wissenschaftler rund um Claudia Sidler-Brand im nächsten Teil der Forschung auf den Einfluss der beruflichen Vorsorge auf die Situation der älteren Arbeitnehmenden konzentrieren. Abraham Gillis

Kurzkrimi: Rockerbraut

Das war neu. Nicht, dass ein Mitglied einer berüchtigten Rockergang in der Polizeiwache auftauchte, sondern dass er es freiwillig tat. Vera Brandstetter von der Kripo kannte den Mann, Jackie genannt, Sergeant at Arms, so etwas wie der Kriegsminister. Die beiden hatten ein paar Mal miteinander zu tun gehabt und es gab so etwas wie gegenseitigen Respekt, der manchmal durch eine Andeutung, einen versteckten Hinweis gestärkt wurde. Von beiden Seiten. «Können wir reden?» Der Zürcher Schriftsteller Stephan Pörtner liest hier seinen Kurzkrimi die «Rockerbraut», den er für das ZHAW-Impact geschrieben hat, gleich selbst vor. «Worum geht's?» Brandstetter wies auf den Stuhl gegenüber dem Schreibtisch. «Wir werden angegriffen. Regelrecht dezimiert. Einer nach dem anderen.» «Na und?» Brandstetter gefielen die Geschäfte nicht, in die Mitglieder der Bande verwickelt waren. Revierkämpfe interessierten die Polizei nur dann, wenn sie aus dem Ruder liefen. Solange sich in diesen Branchen Geld verdienen liess, verdiente es jemand. Die Hintermänner zu verhaften, diente nur dazu, das Geschäftsrisiko zu erhöhen. Es durfte nicht zu leicht verdientes Geld sein. Sonst drängten zu viele Anbieter auf den Markt. «Wir wissen nicht, von wem. Schon vier meiner Brüder wurden attackiert. Es gibt weder hier noch im benachbarten Ausland Leute, die sich ohne triftigen Grund mit uns anlegen würden. Wir haben alle, die infrage kommen, abgecheckt. Die Konkurrenz, aufstrebende Jungs, international agierende Clans. Nichts. Der maskierte Angreifer stellt keine Forderungen. Es ist ein absolutes Rätsel. Wir wissen nicht mehr weiter. Der Kerl ist gefährlich. Wer sich mit uns anlegt, ist eine Gefahr für die Allgemeinheit. Von wegen Gewaltmonopol und so.» Brandstetter grinste. «Den besorgten Bürger nehme ich dir nicht ab, Jackie. Aber du hast mich neugierig gemacht. Ich höre mich um, dazu brauche ich die Namen der Opfer.» «Ich habe dich informiert, aber sei um Himmels willen diskret; wenn etwas ist, ruf mich an.» Jackie nannte eine Handynummer. Bestimmt ein Prepaid, das auf einen Asylbewerber oder Junkie registriert war. Die Aussagen der Männer weckten in Brandstetter den Verdacht, dass die Rocker eine neue Droge entwickelt und selbst getestet hatten: Der Angreifer war entweder ein Roboter oder ein Monster. Auf alle Fälle etwas Übermenschliches. Die Attacken verliefen immer genau gleich. Das Wesen war maskiert und trug einen Militärponcho, es war klein und fast so breit wie hoch. Es gab seltsame Geräusche von sich. Es trat vor das Opfer, hob es mit gewaltiger Kraft hoch und schleuderte es zu Boden. Sprang mit einem Riesensatz auf den Mann drauf, drückte ihm den Hals zu. Mit einer eisernen Klaue, bis knapp vor dem Ersticken. Nur die Augen hinter der Maske, einer simplen Sturmhaube, waren blau und kalt, wirkten beunruhigend menschlich. Wahrscheinlich mussten die Männer sich das im Kopf so zurechtlegen, damit sie die Niederlage eingestehen konnten, dachte Brandstetter. Wer oder was immer das Monster war, es war nicht zu finden. Niemand ausser den Opfern hatte es gesehen. Es griff nur Mitglieder des Clubs an. Brandstetter ging alle Anzeigen durch, die gegen die Rocker eingegangen waren. Es gab nur eine Handvoll. Die Männer bemühten sich, in der Öffentlichkeit zivilisiert aufzutreten. Das war wichtig fürs Image des harmlosen Motorradclubs, das sie aufrechterhielten. Das meiste waren Lappalien, Lärm, Verkehrsdelikte, Beleidigung. Eine Anzeige jedoch stach heraus. Eine Frau war vor einem Pub zusammengeschlagen worden. Brandstetter rief sie an, vielleicht hatte sie einen Freund, der gross und stark war. «Interessiert sich die Polizei doch noch für den Fall?», fragte Klara Bär bitter. Sie trafen sich in dem Pub, in dem es passiert war. «Ich weiss, was macht eine Frau wie ich in so einem Laden?», eröffnete Bär das Gespräch. Der Pub hatte keinen guten Ruf, war als Umschlagplatz für weiche Drogen bekannt. «Ich habe in Australien gearbeitet, es ist eines der wenigen Lokale, das mein Lieblingsbier führen.» Sie deutete auf das halbvolle Pint, das vor ihr stand. «Ein junger Mann in einer Lederweste wollte mich unbedingt auf ein Bier einladen. Ich lehnte höflich ab, aber er insistierte. Er hatte schon einiges getrunken und wurde dermassen aufdringlich, dass ich das Lokal verliess. Als ich mein Velo aufschloss, stand er hinter mir, in Begleitung eines etwas älteren Bikers, der eine Weste mit dem Clublogo trug. Der Jüngere wollte wissen, ob ich glaubte, etwas Besseres zu sein, und nannte mich eine alte … » Klara Bär schüttelte den Kopf. «Ich will es nicht wiederholen. Sein Begleiter lachte ihn aus, er schaffe es nicht mal, so einen Trostpreis wie mich aufzureissen. Darauf packte der Jüngere meinen rechten Arm. Auf dem Mäuerchen, an das ich mein Velo gelehnt hatte, stand ein halbvoller Bierbecher. Ich schleuderte ihn und traf den Begleiter an der Brust. Dieser ging sofort auf mich los und schlug mir mehrmals hart in den Bauch und in die Nieren. Er schien Routine darin zu haben, Frauen so zu schlagen, dass es wehtut aber keine Spuren hinterlässt. Ich brach zusammen, sie liessen mich einfach liegen. Ich ging sofort zur Polizei, der Junge hat eine Tätowierung im Gesicht, der andere einen auffälligen Bart. Wie schwer ist es, die zu finden?» «Die Männer haben ein Alibi», erinnerte sich Brandstetter an die Akte. «Sie wollen zur Tatzeit im Clubhaus gewesen sein, dafür gibt es mehrere Zeugen, während sich hier im Pub niemand an die beiden erinnern kann.» Klara Bär schnaubte. «Und das glauben Sie?» «Nein, aber solange wir nichts beweisen können …» «… herrscht das Recht des Stärkeren», unterbrach Bär und trank ihr Bier aus. «Haben Sie sonst noch Fragen?» Sie stand auf, ohne eine Antwort abzuwarten, und verliess das Lokal. Brandstetter dachte nach. Das erste Opfer des Angreifers war ein Anwärter auf die Clubmitgliedschaft, ein sogenannter Prospect , gewesen, der im Gesicht tätowiert war. Das zweite ein Mann mit einem dreifach gezopften Bart. Sie googelte Klara Bär. Die war 35, hatte einen Doktortitel und war so etwas wie eine Koryphäe, eine der wenigen Frauen ganz oben in ihrem Fachgebiet. Und sie arbeitete an einem interessanten Projekt. «Jackie, ich brauche dich als Lockvogel, du zeigst dich in der Stadt und vor allem in dem Pub, wo deine Brüder die Frau zusammengeschlagen haben.» «Wir schlagen keine Frauen.» «Nein, natürlich nicht.» Drei Tage später rief Jackie kurz vor halb zehn Uhr abends an. «Die Zielperson hat das Lokal eben verlassen. Ich mache mich auf den Heimweg.» «Keine Angst, ich passe auf dich auf.» «Ich habe keine Angst!» Brandstetter hörte, dass es gelogen war. Der Angriff erfolgte auf dem Garagenplatz von Jackies biederem Einfamilienhaus im Vorort. Die maskierte Gestalt hob ihn in die Luft. Er war mindestens hundert Kilo schwer. «Loslassen!», rief Brandstetter. Der schwere Mann schlug mit lautem Grunzen auf dem Boden auf. Die Gestalt kam ungelenk auf Brandstetter zu, diese machte einen Ausfallschritt und brachte das Gegenüber mit einem Beinfeger zu Fall. Die Gestalt fiel auf den Rücken und blieb wie ein grosser Käfer liegen. Die Arme und Beine surrten leise, während sie strampelte, um wieder hochzukommen. «Ich helfe Ihnen auf, wenn Sie versprechen, keinen Quatsch zu machen, Frau Doktor Bär.» Für einen Moment hörte das Surren auf, war es ganz still. Klara Bär nahm die Sturmhaube vom Kopf. «Wie sind Sie auf mich gekommen?» «Ihr Projekt, das Exoskelett. Es war die einzige Erklärung.» Brandstetter half ihr auf die Beine, die von Karbonschienen verstärkt waren, ebenso wie die Arme und die Hände, die in einer Art weissen Rüstung steckten. «Das Ding soll eigentlich Menschen helfen, die schwere Lasten tragen müssen, Sie haben es für Ihren Rachefeldzug aufgepimpt.» Dr. Bärs Kollegen hatten Brandstetter erzählt, dass sie seit ein paar Wochen intensiv an einem der Prototypen arbeite, den aber niemand sehen dürfe. «Mit dem Skelett sind Sie stark, aber nicht besonders beweglich. Es ist ziemlich gefährlich, was Sie da machen.» «Wenn Sie, die Polizei, mir geholfen hätten, wäre das alles nicht passiert. Sollten diese Kerle etwa ungeschoren davonkommen?» Brandstetter, die seit ihrem zwölften Lebensjahr Kampfsport betrieb, schwieg. «Und was passiert jetzt? Verhaften Sie mich?», fragte Klara Bär. «Bis jetzt liegt keine Anzeige vor.» «Es wird auch keine geben», brummte Jackie, der sich aufgerappelt hatte. «Von einer Frau verprügelt, wir? Vergiss es. Vergiss die ganze Geschichte. Sie ist nie geschehen.» «Danke, dass Sie die Sache nicht melden. Es würde mich meinen Job kosten», sagte Frau Doktor Bär, nachdem sie das Exoskelett ins Institut zurückgebracht hatten und in dem Pub sassen. «Keine Ursache», grinste Brandstetter. «Ich kann Ihre Methoden zwar nicht gutheissen, aber verstehen.» «Dürfen wir euch zwei Hübschen auf ein Bier einladen?», fragte der bärtige Mann im karierten Hemd, der an ihren Tisch getreten war, hinter ihm stand sein Kumpel. «Macht euch nicht unglücklich», antwortete Brandstetter. Die beiden Frauen mussten fürchterlich lachen. Stephan Pörtner Der 53-Jährige lebt in Zürich, wo seine fünf Krimis mit Köbi Robert, dem Detektiv wider Willen, spielen. Für «Stirb, schöner Engel» erhielt der ZHAW-Absolvent den Zürcher Krimipreis. Die Kurzgeschichten «Schwachkopf» und «Blaue Liebe» wurden 2002 bzw. 2012 für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Kurzkrimi nominiert. 2011 veröffentlichte Stephan Pörtne r als Herausgeber das Buch «Hosenlupf - eine freche Kulturgeschichte des Schwingens». Der Schriftsteller und Übersetzer schreibt zudem eine Kolumne für das Strassenmagazin «Surprise» und für die «Wochenzeitung» Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Mit Beat Schlatter zusammen hat er die Erfolgskomödie «Polizeiruf 117» verfasst. «Rockerbraut» hat er speziell für ZHAW-Impact geschrieben. Ende September erscheint der sechste Kriminalroman mit Köbi Robert unter dem Titel «Pöschwies». Stephan Pörtner

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