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Keine Zeit für ein Gespräch

Pflegefachfrau Sonja X. steht im Zimmer des Patienten Herrn Y., dem tags darauf eine Herzoperation bevorsteht. Sie erkennt mit geschultem Blick: Der Mann hat Angst, auch wenn er nicht darüber spricht. Er ist unruhig, die Augenbrauen sind hochgezogen, die Hände zittern leicht. Was er jetzt bräuchte: ein behutsames Ansprechen der Angst, Informationen, persönliche Zuwendung. Doch die Bettenstation ist voll belegt, mehrere Ruflampen leuchten. Die Pflegefachfrau muss den Entscheid treffen, Herrn Y. jetzt mit seiner Angst alleinzulassen. Sie eilt aus dem Zimmer und denkt: «Das ist nicht richtig so.» Auch Pflegefachmann Reto Z. gerät ins Dilemma. Die betagte Patientin Frau W. mit der Oberschenkelhals-Fraktur sollte alle zwei bis drei Stunden im Bett umgelagert werden, damit kein Wundliegen entsteht. Auch nachts. Doch Reto Z. ist voll beschäftigt mit Frischoperierten, die eng überwacht werden müssen. Es reicht nicht für alles. Das zwingt den Pflegefachmann zu einer schwierigen Ad-hoc-Entscheidung: Frau W. muss warten. Die Folge: Das Risiko steigt, dass die nicht mehr so mobile Patientin ein Druckgeschwür bekommt. Die sogenannten Dekubiti sind schmerzhaft und heilen gerade bei älteren Menschen schlecht. Die beiden Beispiele sind verkürzt und fiktiv, stehen aber exemplarisch für ein Phänomen, das die Wissenschaft «implizite Pflegerationierung» nennt. Was bedeutet der sperrige Begriff? Maria Schubert , Co-Leiterin der Forschungsstelle Pflegewissenschaft und des Masterstudiengangs Pflege an der ZHAW, erklärt: «Gemeint ist, dass es keine offiziellen, gesetzlichen Regulierungen gibt, wie in so einem Fall vorgegangen werden muss.» Die Rationierung geschehe verdeckt: «Es sind die Pflegenden selber, die in der Situation entscheiden müssen, wie sie die Ressourcen verteilen und wem sie etwas vorenthalten.» Der Grund dafür sei «ein Mangel an Ressourcen» in Pflegeteams: zeitlich, fachlich, personell. Die ZHAW-Forscherin führt seit vielen Jahren Studien zur Thematik durch und ist international vernetzt. Daher weiss sie auch: Verglichen mit anderen Ländern, gebe es in der Schweiz «immer noch einige Spitäler mit sehr guten Arbeitsbedingungen für die Pflege». Beim Personalschlüssel liegt die Schweiz im europäischen Mittelfeld, wie die 2014 publizierten Ergebnisse der «Registered-Nurse-Forecasting»-Studie zeigen. Eine Pflegefachperson in der Schweiz betreut durchschnittlich acht Patienten. Zum Vergleich: In Deutschland sind es dreizehn Patienten, in Norwegen fünf. Neuere Forschung bestätige den Wert für die Schweiz, weiss Schubert. «Doch auch in den Schweizer Spitälern ist der Kostendruck zunehmend spürbar», stellt sie fest. Die Spitallandschaft ist in Bewegung. Die Spitäler müssen ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und die Effizienz steigern: «Wird beim Personal gespart, ist die Pflege als grösste Gruppe überproportional betroffen», sagt die Forscherin. Die Pflege macht über vierzig Prozent des gesamten Spitalpersonals in der Schweiz aus. Für den Schweizer Teil der gross angelegten «Registered-Nurse-Forecasting»-Studie befragten Schubert und Mitforschende über 1600 Pflegefachpersonen aus 35 Akutspitälern. Ergebnis: Fast alle, nämlich 98 Prozent, gaben an, dass sie in den letzten sieben Arbeitstagen mindestens eine notwendige pflegerische Massnahme weglassen mussten. Gespräche mit Patienten, praktische Anleitungen von Patienten und präventives Umlagern entfielen dabei häufiger als Patientenüberwachung und die rechtzeitige Abgabe von Medikamenten. Pflegende geben unter Zeitdruck also Massnahmen Priorität, die sich ganz direkt auf die Sicherheit der Patienten auswirken. Und sie lassen laut Schubert solche weg, «deren Wirkung nicht so unmittelbar ist, die aber zu den Kernaufgaben der Pflege gehören». Für ältere Menschen und chronisch Kranke sei es beispielsweise wichtig, dass sie im Umgang mit ihrer Erkrankung angeleitet würden. Das ermögliche ihnen, nach dem Spitalaustritt wieder selbstständig zuhause zu leben. So seien weniger Wiedereintritte ins Spital nötig. Werde Pflege im Verborgenen rationiert, könne dies nicht nur für die Patienten Folgen haben, sondern auch für das Pflegepersonal, stellt Schubert fest. Ethische Fragen stellten sich, die Arbeitszufriedenheit nehme ab, das professionelle Verständnis sei tangiert. Deshalb sei die implizite Rationierung auch innerhalb der Pflege ein Tabuthema. Das Phänomen müsse im Auge behalten werden, damit sich der Fachkräftemangel in der Pflege nicht noch verstärke, fordert die Forscherin. Auch brauche es Gegenmassnahmen. Doch welche? Die Kostensteigerung im Gesundheitswesen ist eine Realität, die Mittel sind nun mal begrenzt. Schubert zieht zur Antwort wiederum die Forschungsresultate heran: «Bei stimmiger Arbeitsumgebung werden weniger häufig Pflegemassnahmen weggelassen.» Offen über das Thema reden, den Personalbestand dem Pflegebedarf anpassen, gute Führung und Teamorganisation: Das seien erwiesenermassen wirksame Faktoren. Beim Verband der Schweizer Spitäler H+ stellt man keine Pflegerationierung fest. «Wir bewegen uns in der Schweiz bezüglich Pflege in den Spitälern und Kliniken auf hohem Niveau», schreibt ein Sprecher auf Anfrage. Immer mehr Pflegepersonal auf allen Ausbildungsstufen werde ausgebildet und angestellt. Für Forscherin Schubert kommt es auf den richtigen Mix im Pflegeteam an. Es brauche genügend Fachpersonal. Werde dieses aus Kostengründen durch Hilfspersonal ersetzt, könne das Rationierung begünstigen. Ein Beispiel: Zwar könne auch die Pflegehilfe eine Inkontinenzeinlage wechseln, doch eine höher qualifizierte Pflegefachperson beurteile dabei den Patienten gesamtheitlich: «Sie spricht mit ihm, beurteilt den Zustand der Haut. Dadurch erhält sie Hinweise auf erforderliche Massnahmen.» Heute sind über alle Spitäler gesehen dreissig Prozent des Pflegepersonals Fachpersonen Gesundheit (FaGe), Pflegeassistenzen und -hilfen. Das Spitalmanagement sollte die Pflege bei Veränderungsprozessen immer einbeziehen, empfiehlt Schubert: «So können Mängel bei den Ressourcen frühzeitig erkannt werden.» Competence Network Health Workforce , ein Netzwerk von fünf Fachhochschulen, darunter auch die ZHAW, gegen den Fachkräftemangel Susanne Wenger

Begegnung auf Augenhöhe

Als Kind träumte Aisha Leuenberger davon, Ärztin zu werden. Als sie acht Jahre alt war, wurden sie und ihre sieben Geschwister Waisen. Ihre Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben. «In Uganda sterben Menschen, da Medikamente und Spitäler fehlen», sagt sie. In ihrer Heimat, wo 38 Millionen Menschen leben, gebe es kaum alte Leute. «Ich möchte möglichst viel über Gesundheit lernen und anderen helfen.» Zurzeit macht die 33-Jährige ein Praktikum im Alters- und Pflegeheim Grossfeld in Kriens. Nach der ersten Woche berichtet sie Emilie Stämpfli bei einem Kaffee von ihren ersten Erfahrungen. Sie sei von allen freundlich aufgenommen worden, erzählt sie gut gelaunt. Einmal habe sie allerdings zwei Bewohnerinnen verwechselt. «Hast Du etwas Schweizerdeutsch gesprochen?», will Emilie Stämpfli wissen. «Ja, das kommt gut an», antwortet Aisha Leuenberger. Die beiden Frauen haben sich über das Mentoring-Programm BEGIN kennengelernt, welche Freiwillige im Pensionsalter und Teilnehmende des Lehrgangs Pflegehelfer/-in des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) zusammenbringt. «Die Idee ist eine Begegnung auf Augenhöhe», sagt eine der Initiantinnen Beate Schwarz, Professorin für Entwicklungs- und Familienpsychologie am Psychologischen Institut der ZHAW. Es gehe um einen intergenerationalen Austausch, von dem beide Seiten profitierten. Der Ansatz ist ein ressourcenorientierter. Der Fokus liegt auf den Stärken, welche die Migrantinnen und Migranten mitbringen. «Sie sind eine gute Basis für die Integration», so Schwarz. Das Programm ist in Kooperation mit der Berner Fachhochschule (Institut Alter), der Hochschule für Technik und Wirtschaft (Institut für Multimedia Production) Chur sowie dem SRK entstanden. Die Gebert Rüf Stiftung unterstützt Entwicklung und Evaluation finanziell. «Es war uns wichtig, auf Erfahrungen aufzubauen», sagt Beate Schwarz. Spezifisch für den Pflegebereich gab es bislang zwar kein vergleichbares Engagement. Die Wissenschaftler befragten jedoch Anbieter von Mentoring-Programmen in anderen Branchen. Sie gingen zudem auf Fachleute der Pflege zu, um nicht an deren Bedürfnissen vorbei zu arbeiten. So kristallisierten sich praxisrelevante Themenfelder heraus. Dazu zählen neben der Sprache kulturelle Unterschiede wie etwa der Umgang mit Zeit. Hinzu kommen schwierige Situationen im Arbeitsalltag, die Rolle der Angehörigen in der Pflege, aber ebenso die Frage, ob man sich als Angestellter abgrenzen darf. Ob man nach zahlreichen Sonntagsdiensten zum Beispiel auf einem freien Wochenende bestehen darf. Zu diesen Themen hat das Projektteam kurze Filme sowie ein Arbeitsheft produziert, welche den Tandems als Anregung dienen. «Sie sind hilfreich, wir haben uns aber nicht immer darangehalten», sagt Emilie Stämpfli. Die ehemalige Primarlehrerin, die nicht zum ersten Mal Freiwilligenarbeit leistet, hat mit Aisha Leuenberger unter anderem Schweizerdeutsch geübt. Mit eigenen Arbeitsblättern hat sie ihr kurze Sätze beigebracht, die das Eis brechen und ein Gespräch eröffnen können. «Hend Sie gued gschlofe?» ist so eine Frage, welche die Pflegehelferin stellen kann, wenn sie am Morgen das Zimmer eines Bewohners betritt. Auch das Essen sorgte für Diskussionsstoff. «Brot und Käse ‒ wie kann man so leben?», fragt Aisha Leuenberger und lacht. Die zurückhaltende Art der Schweizer war für sie anfangs gewöhnungsbedürftig. Dass alte Menschen in einem Heim leben und teilweise kaum Besuch erhalten, schockierte sie. «Ich habe viel von Frau Stämpfli gelernt», sagt die Uganderin, die in ihrer Heimat als Kosmetologin arbeitete, mit einem Schweizer verheiratet war und seit 2012 hier lebt. Auch bei der Bewerbung für ihr Praktikum konnte sie auf die Hilfe ihrer Mentorin zählen. «Ich kann offen mit ihr sprechen, sie gibt mir ein gutes Gefühl». Die Wertschätzung ist gegenseitig. «Ich bewundere ihr positives Wesen, ihre Zielstrebigkeit und dass sie bereit ist, ältere Menschen zu pflegen», sagt Emilie Stämpfli. Sie hat die Begegnungen ebenfalls als Bereicherung erlebt. «Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen», so die 67-Jährige. Ihre gemeinsame Zeit ist offiziell zwar vorbei, seit Aisha Leuenberger die SRK-Ausbildung abgeschlossen hat. Die beiden Frauen treffen sich jedoch weiterhin. Nach dem ersten Durchgang beim SRK Kanton Luzern, wird zurzeit ein zweiter in Bern durchgeführt. Die Mentorinnen – es engagieren sich bislang ausschliesslich Frauen – verfügen in der Regel nicht über spezifische Kenntnisse der Pflege. «Es geht um einen kulturellen Austausch», sagt Belinda Berweger, wissenschaftliche Assistentin am Psychologischen Institut. Viel wichtiger als Fachkenntnisse sei eine Offenheit anderen Kulturen gegenüber. Die Suche nach Freiwilligen, die sich längerfristig engagierten, sei aufwändig, erzählt sie weiter. Die Zahl der interessierten Pflegehelferinnen und -helfer überstieg bislang jene der Mentoren. In Luzern konnten sieben Tandem gebildet werden, in Bern sechs. Die Duos sind in der Regel drei Monate lang zusammen unterwegs, der Lehrgang dauert ein halbes Jahr. Er bietet den Teilnehmenden die Möglichkeit, auf dem hiesigen Arbeitsmarkt Fuss zu fassen ‒ und dies in einem Berufsfeld, in dem ein Fachkräftemangel herrscht. «Sie sind in ihren Heimatländern zum Teil sehr gut qualifiziert, nicht wenige bilden sich danach weiter», sagt Beate Schwarz. Das Psychologische Institut der ZHAW begleitet das Projekt noch bis im Oktober. Nach einem abschliessenden Workshop geht BEGIN dann ganz in die Hände des SRK über. Aisha Leuenberger ist dankbar für die Unterstützung, die sie erhalten hat, und spricht von einem «grossen Geschenk». Neben der Arbeit im Pflegeheim ist sie derzeit daran, ihr Deutsch zu verbessern. «Ich will weiterkommen», sagt sie fröhlich, «ich habe Ziele». Eveline Rutz

Strukturelle Förderung wie bei Wissenschaft und Kunst

Wie war es möglich, dass der «Spiegel»-Journalist Claas Relotius Beiträge ganz oder teilweise erfinden konnte? Vinzenz Wyss: Auch wenn in jeder und jedem von uns ein «kleiner Relotius» steckt – da wir alle ein bisschen an der Grenze zwischen Realem und Fiktionalem spielen –, halte ich den Fall Relotius eher für einen Einzelfall. Einzelfall? Es kommt vielleicht alle zehn Jahre mal vor, dass einem Star-Journalisten so viel Vertrauen geschenkt wird, dass er in diesem Ausmass fälschen kann und das auch tut. Es waren ja wohl letztlich etwa zwölf von 60 Reportagen, bei denen nicht so gründlich geprüft wurde, wie das sonst beim «Spiegel» üblich sein soll. Man sagt dem Nachrichtenmagazin nach, es kontrolliere jeweils, ob der Eiffel-Turm noch steht, wenn dieser in einer Geschichte vorkommt. Hier hat sich eine Organisation – vor allem der «Spiegel» – von perfekt fabrizierten Geschichten blenden lassen. Es braucht aber auch eine entsprechende Persönlichkeitsstruktur des Journalisten, der, angetrieben durch den Irrsinn, dass es keiner merkt, fast süchtig weitermacht. Die Kritiker, die über die «Lügenpresse» schimpfen, sehen sich bestätigt. Das ist natürlich Wasser auf deren Mühlen. Diese Pauschal-Kritiker, die von «Lügenpresse» sprechen, sind jedoch wenigstens hierzulande eine kleine Minderheit. Gemäss Umfragen ist nämlich das Vertrauen in die Medien seit vielen Jahren recht stabil, auch wenn mit 60 Prozent eine gesunde Skepsis immer dabei ist. Wie müssen wir angehende Journalistinnen und Journalisten ausbilden, damit so etwas nicht so schnell wieder passiert? Vor allem vor dem Hintergrund, dass nicht nur Texte, sondern auch Fotos oder Videos gefälscht werden können. Es wäre blauäugig, zu sagen, wir könnten das verhindern, wenn wir in der Ausbildung noch stärker darauf aufmerksam machen, dass man Fakten checken muss und dass Fälschungen überall möglich sind. Das Risiko bleibt bestehen, dass einzelne Personen aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur ganz bewusst fälschen, und letztlich setzt man auch in Redaktionen Vertrauen als Steuerungsmittel ein, ohne das kaum gearbeitet werden kann «Bei einer Geschichte, die fast schon zu schön ist, um wahr zu sein, sollte man besonders vorsichtig und skeptisch sein.» Ist diese Fälschungsgeschichte das Ende des viel gepriesenen Storytellings? Viele sagen: «Jetzt habt ihr den Mist. Dieses Storytelling war schon immer eine Gefahr für den Journalismus, der doch einfach seiner Chronistenpflicht nachkommen und Fakten abbilden soll.» Der Journalismus soll gefälligst seine Hände von diesem literarischen Zugriff lassen, sagen die Kritiker. Dem kann ich nur entgegenhalten: Als ob es möglich wäre, Wahrheiten abzubilden. Journalisten konstruieren immer eine Medienrealität, zum Beispiel wenn sie bestimmen müssen, wie welche Ereignisse und Protagonisten inszeniert werden. Bei einer Geschichte aber, die dadurch verblüfft, dass sie allen Ansprüchen des Storytellings genügt und fast schon zu schön ist, um wahr zu sein, da sollten Redaktionen besonders vorsichtig und skeptisch sein und besser einmal mehr nachprüfen lassen. Jede journalistische Geschichte kann nur so gut sein, wie die Fakten stimmen. Also kein Ende des Storytelling? Das würde bedeuten, das Kind mit dem Bade auszuschütten: Storytelling bleibt ein sehr geeignetes Mittel, um Leserinnen und Leser in ihrer Lebenswelt abzuholen. Erst die Erzählung lässt verstehen. In der Ausbildung machen wir aber auch auf die Schattenseiten des deutungsmächtigen Storytellings aufmerksam. Und der Fall Relotius zeigt: Man muss zuerst einmal die Hausaufgaben des Journalismus gemacht haben, bevor erwartbar «wahre» Geschichten gut erzählt werden können. Storytelling ist eine Königsdisziplin. Wenn man zu dem Schluss kommt, eine Geschichte könne so nicht erzählt werden, weil sich bestimmte Fakten dagegen sperrig verhalten, dann stirbt sie eben oder muss umgeschrieben werden. Es ist eine Todsünde, wenn man relevante Fakten weglässt oder eben eine Geschichte mit Erfundenem anreichert, nur damit diese besser «flutscht», wie das wohl bei den Geschichten von Relotius der Fall war. Sind fehlende Ressourcen Schuld an mangelnder Sorgfalt? Diese Erklärung konnte man im Fall Relotius hören: Es gebe einen steigenden Druck auf die Journalisten, gute, stimmige, beim Publikum eben gut «flutschende» Geschichten anzubieten. Zugleich fehle aber die Zeit, intensiv zu recherchieren. Ich denke, dass dies im Fall Relotius nicht das Hauptproblem war. Aber es besteht unter zunehmend prekären Bedingungen der Medienbranche natürlich generell die Gefahr, dass immer weniger Ressourcen wie Zeit oder Wissen vorhanden sind und dies dazu führt, dass dann einzelne Journalisten ihre Geschichten vielleicht nicht zu Ende recherchieren oder etwas zurechtbiegen und dies in der Redaktion kaum geprüft wird. Wie kann man das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen? Journalismus sollte sich heute viel stärker gegenüber seinem Publikum erklären. Ich nenne das Metakommunikation. Der «Spiegel» hat das jetzt vorbildlich gemacht, indem er den Fall Relotius untersucht und darüber kommuniziert hat. Aber auch in jedem einzelnen wichtigen journalistischen Beitrag sollte Metakommunikation betrieben werden, indem man dem Publikum quasi die Packungsbeilage mitliefert: Weshalb ist man so vorgegangen? Weshalb hat man diese Fragen gestellt und weshalb hat man gewisse Dinge vielleicht bewusst weggelassen? Diese Erklärungen fehlen bisher. Sollte das auf einer Medienseite geschehen? Nein, nicht in einem Ghetto, wo sich vorwiegend Journalisten und Fachleute tummeln. Sondern bei allen wichtigen, oft polarisierenden Geschichten, sei es über die Flüchtlingskrise oder den Klimawandel: Journalismus sollte seine Logik gegenüber dem Publikum erklären; gerade auch um Grenzen zu ziehen beispielsweise zu pseudojournalistischen Kommunikationsangeboten etwa auf Social-Media-Plattformen. Dort simulieren ja auch strategische Kommunikatoren Journalismus. Journalisten sollten in ihren Beiträgen zeigen, wie sie arbeiten und wo etwa die Grenzen und Schwierigkeiten der oft naiv erwarteten Objektivität oder Realitätsabbildung liegen. Wie könnte Journalismus zukunftssicher gemacht werden? Journalistische Logik zu erklären und damit Vertrauen zu schaffen, ist ein wichtiges Element auf dem Weg dahin. Aber der Journalismus hat noch viel grössere Probleme: Mit der Digitalisierung haben wir eine nie da gewesene Konkurrenz zu dem von Medien herausgebrachten Journalismus erhalten. Es wird immer schwieriger, diese Qualität zu finanzieren. Die Werbewirtschaft wendet sich immer mehr von den Medien ab und geht dahin, wo die Menschen zunehmend sind – auf Social-Media-Plattformen. Auch das Nutzungsverhalten ändert sich robust. Man ist nicht mehr ohne weiteres bereit, für News zu bezahlen, weil vieles gratis angeboten wird. Noch viel brutaler ist aber: Der Journalismus kann qualitativ noch so gut sein – wenn er sein Publikum nicht erreicht, dann nützt die Qualität auch nicht. Also muss auch das journalistische Angebot auf Social-Media-Plattformen präsent sein. Herausfordernd ist, dass es dort eben neben ganz vielen – auch pseudojournalistsichen – Angeboten steht und auch dort von Facebook, Google und Co. abhängig ist, ob es gefunden wird oder nicht. Was müsste geschehen, damit guter Journalismus eine Chance hat? Ich sehe zwei Lösungswege. Da der Journalismus unverzichtbar ist für Demokratie und Gesellschaft, muss sich auch die Gesellschaft die Frage stellen, wie Journalismus künftig finanziert werden kann. Ähnlich wie im Bereich Wissenschaft, Bildung oder Kunst kann die Gesellschaft Vorkehrungen treffen, um Journalismus auch strukturell zu fördern. Stichworte wären hier öffentliche Finanzierung, Stiftungsmodelle – also alternative Modelle zu den herkömmlichen werbefinanzierten Modellen. Vielleicht sollte man sich zweitens als Gesellschaft in der Schweiz oder Europa auch Gedanken machen, wie man quasi in Konkurrenz zu den grossen Giganten Facebook und Google eine eigene Medieninfrastruktur bauen könnte. «Ähnlich wie bei unserem Eisenbahnnetz könnten wir eine Infrastruktur bauen, bei der wir als Gesellschaft die Kontrolle darüber haben, wie dort mit Daten umgegangen wird.» Das klingt ein bisschen utopisch. Wird aber durchaus diskutiert – etwa in der Eidgenössischen Medienkommission, die den Bundesrat berät. Ähnlich wie bei unserem Strom- oder Eisenbahnnetz könnten wir eine Infrastruktur bauen, bei der wir als Gesellschaft die Kontrolle selber darüber haben, wie dort mit Daten treuhänderisch umgegangen wird, dass Netzneutralität herrscht oder dass letztlich ausgehandelt wird, welchen transparenten Standards der Qualitätssicherung ein Anbieter genügen muss, um dort von dieser technologisch innovativen Infrastruktur profitieren zu können. Es darf nicht von irgendeinem undurchsichtigen Algorithmus abhängen, ob wir im Netz etwas zu sehen bekommen oder nicht. Facebook, Google und Co. können derzeit einfach die Schrauben anders drehen, was dann dazu führt, dass ein Anbieter von einem Tag auf den anderen nicht mehr gefunden wird. Da braucht es ein Gegenmittel. Interview Patricia Faller

Thesis Writer – Hilfe für die Abschlussarbeit

Das Schreiben einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit ist für Studierende eine grosse Herausforderung, auf die sie in den kurzen Bachelorstudiengängen kaum ausreichend vorbereitet werden können. Als Hilfe wurde an der ZHAW eine Schreibplattform entwickelt – Thesis Writer . Sie führt die Studierenden durch den unübersichtlichen Forschungs- und Schreibprozess. Schreiben müssen sie die Arbeit aber immer noch selbst. Thesis Writer ist eine ZHAW-Eigenentwicklung und eine genuine IT-Neuentwicklung, die zurzeit exklusiv den ZHAW-Studierenden und -Mitarbeitenden zugänglich ist. Aus der anfänglichen Kooperation von Christian Rapp vom Zentrum für Innovative Didaktik und Otto Kruse vom Institute of Language Competence ist mittlerweile eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe entstanden, welche die Komponenten von Thesis Writer entwickelt – angefangen bei linguistischen Tools bis zur Programmierung. Demnächst wird die erweiterte Version Thesis Writer 2.0 lanciert. Thesis Writer bietet zunächst kurze Tutorials, die erklären, was Studierende in den verschiedenen Phasen der Arbeit tun müssen: Wie findet man ein Thema? Wie setzt man den Fokus? «Bei der Entwicklung des Konzepts, lernen die Studierenden dann auch, was Stand der Forschung ist», erklärt Rapp, und Kruse ergänzt: «Da wir wissen, welche Qualen das Formulieren wissenschaftlicher Texte oft bedeutet, haben wir rhetorische Hilfen eingebaut, die zeigen, wie man in den Wissenschaften etwas sagt oder die Relevanz eines Themas begründet.» Hier baut Thesis Writer auf zwei grossen Sammlungen (Korpora) wissenschaftlicher Texte auf, die im Hintergrund wirken und wissenschaftssprachliche Ausdrücke zugänglich machen. «Natürlich findet man dort nie auf Anhieb ‘den einen richtigen’ Ausdruck, sondern Thesis Writer bietet etwa zehn passende zur Auswahl an. «Den richtigen Treffer auswählen muss man also immer noch selbst», so Kruse. Alles funktioniert auf Deutsch und Englisch parallel. Weitere Hilfen sind ein Zitiertool, ein Phrasebook mit Redewendungen, eine Kommentarfunktion und eine Art Zettelkastensystem, mit dem man einzelne Gedanken, Lektürezusammenfassungen, Ergebnisse und vieles mehr eingeben kann, ohne sie schon in den Gesamttext zu integrieren. Thesis Writer unterstützt auch das Schreiben im Team, indem es das Teilen von Dokumenten möglich macht und über eine Kommentarfunktion Feedback zum Text zulässt. Für die Dozierenden soll diese Schreibplattform eine Entlastung von Routine-­Instruktionen sein. Denn können sich die Studierenden das Basis-Know-how zur Anfertigung einer Abschlussarbeit selbst aneignen, bleibt den Dozierenden mehr Zeit für die inhaltliche Betreuung und Unterstützung bei komplexen Fragen. Finanziert wird die Weiterentwicklung von Thesis Writer derzeit im Rahmen des «Seamless Learning Labs» der Bodensee-Hochschule (IBH) aus Mitteln der EU Interreg-Förderung. Das Feedback der Nutzerinnen und Nutzer ist positiv. Einige tausend Studierende haben die erste Version des Tools in den vergangenen vier Jahren bereits benutzt. Ihr Feedback ist positiv.

eServices trotz Sicherheitsbedenken bevorzugt

Die sogenannten eServices geniessen trotz Sorgen um Datenschutz und Datensicherheit eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung, wie eine aktuelle Studie der ZHAW School of Management and Law zusammen mit dem Verein Zürcher Gemeindeschreiber und Verwaltungsfachleute (VZGV) und der Staatskanzlei des Kantons Zürich zeigt. Bei den eServices liegt die Schweiz im internationalen Vergleich aber immer noch weit zurück und muss stark aufholen, wenn sie ihren Standortfaktor stärken will. Laut der Studie zieht die befragte Zürcher Bevölkerung eServices grundsätzlich analogen Dienstleis­tungen vor. Die Präferenz für eServices nimmt jedoch ab, sobald es um persönliche Daten geht. «Datensicherheit und Datenschutz spielen eine zentrale Rolle für die Nutzenden von eServices», erklärt ZHAW-Studienleiter Alexander Mertes. Gleichzeitig zeigt die Umfrage, dass analoge Dienstleis­tungen für die Bevölkerung weiterhin sicherzustellen sind. Dass sich die Mehrheit der 987 Befragten grosse Sorgen hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit macht – etwa Identitäts- und Datendiebstahl befürchtet – widerspiegelte sich auch in den vertiefenden Workshops. So ­haben Datenschutz und Datensicherheit bei einer Steuererklärung für die Nutzerinnen und Nutzer eine wichtigere Bedeutung als bei «Jokertagen», bei denen Eltern einen freien Schultag für ihre Kinder beantragen. Die Ergebnisse deuten aber auch darauf hin, dass die Mehrheit trotz dieser Sicherheitsbedenken digitale Angebote präferiert. So würden die meisten Befragten aus der Gruppe «Steuer­erklärung» selbst bei geringerem Datenschutz und niedrigerer Datensicherheit die Möglichkeit der digitalen Steuererklärung einer analogen vorziehen. Das in der öffentlichen Debatte oftmals aufgeführte Argument, digitale Dienstleistungen führten zu kürzeren Abwicklungsprozessen seitens der Behörden, stellte sich in der Befragung als von marginaler Bedeutung heraus. Caroline Brüesch, Leiterin Institut für Verwaltungs-­Management der ZHAW School of Management and Law und Co-Leiterin der Studie, erklärt hierzu: «Ob eServices zu einer Verringerung oder gar zur Verlängerung des Zeitaufwandes auf Behördenseite zum Beispiel für die Bearbeitung einer Steuererklärung führen, hat kaum einen Einfluss auf die Beurteilung durch die Nutzerinnen und Nutzer digitaler Dienstleistungen». Anders verhält es sich, wenn es um das Leistungsmerkmal Preis geht. Die Aussicht, dass eServices mit möglichen zusätzlichen Kosten für die Nutzenden verbunden sein könnten, scheint neben Datenschutz und Datensicherheit das zweite zentrale Kriterium für die Beurteilung digitaler Angebote.

Der Unternehmer, der keiner ist

Manchmal reicht eine einzige E-Mail aus, um das Leben auf den Kopf zu stellen. Im April 2018 hat Mathias Bonmarin so eine Nachricht in seinem Posteingang vorgefunden. «Es war wie ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk», erinnert sich der ZHAW-Dozent, der zu dem Zeitpunkt gerade mitten im Unterricht steckte. Kurz vor seinem 39. Geburtstag erreichte ihn die Zusage für ein Fulbright-Stipendium und damit der grösste Erfolg seiner bisherigen Forscherkarriere. Das Fulbright-Programm ist eines der prestigeträchtigsten Stipendienprogramme weltweit und fördert durch bilaterale Verträge und Vereinbarungen den akademischen Austausch mit den USA. Für Bonmarin war dies der Startschuss für turbulente Wochen und Monate, an deren Ende er sich samt Frau und Kind in Cincinnati im US-Bundesstaat Ohio wiederfinden sollte. «Die Freude über die Zusage war natürlich riesig, auch wenn sie ein bisschen Stress verursacht hat. Im Januar war ich gerade erst Vater geworden. Im August sollte nun schon mein Gastaufenthalt in den USA beginnen – das waren viele Veränderungen in kurzer Zeit», so Bonmarin rückblickend. Dank des Fulbright-Stipendiums ist Mathias Bonmarin seit letztem Sommer für ein Jahr zu Gast an der University of Cincinnati. Ob er die Schweiz vermisst? «Eigentlich nicht so richtig», meint Bonmarin im Gespräch via Skype etwas verlegen. Er sieht sich als Kosmopolit. Der Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin fühlte sich nie mit nur einem Ort verbunden. Zwar in Bern geboren, wuchs er jedoch in Marseille auf und absolvierte dort schliesslich seinen Master in Biomedical Engineering. Ein Jahr davon verbrachte er in England. Es folgten ein zweites Masterstudium in Optics, Optoelectronics and Microwaves in Grenoble und ein Wirtschaftsstudium in Belgien, bevor es ihn 2006 für sein Doktorat wieder zurück in die Schweiz zog. Und nun also in die USA. «Ich fühle mich überall zuhause, sofern meine kleine Familie dabei ist und ich das tun kann, was ich gerne möchte», so Bonmarin. Was er möchte, ist forschen für die Medizintechnik. An der ZHAW hat er unter anderem die aktive Thermographie – ein bildgebendes Verfahren aus der Werkstoffprüfung – zur Untersuchung von Haut eingesetzt. Daraus entstanden ist ein Diagnosegerät für Dermatologen, das Hautpartien berührungsfrei mit einer Infrarotkamera untersucht und visualisiert. Auch zur Verbesserung der Krebstherapie mit Nanopartikeln hat Bonmarin beigetragen. Mit Kollegen der Uni Fribourg hat er eine Methode entwickelt, um Nanopartikel so präzise zu messen, dass sich diese optimal für das Abtöten von Tumorzellen herstellen und dosieren lassen. «Wenn wir reale Probleme lösen wollen, müssen wir auch die Erwartungen aus der Wirtschaft berücksichtigen.» Aus beiden Forschungsprojekten sind Start-up-Unternehmen entstanden, an denen der ZHAW-Forscher beteiligt ist. Neben dem Forscher Bonmarin gibt es somit auch den Unternehmer Bonmarin, der neben seinen zwei Mastertiteln in Ingenieursdisziplinen sein Masterstudium in Ökonomie mit summa cum laude abgeschlossen hat. «Ich habe wohl irgendwie beides im Blut: Mein Vater war Wissenschaftler an der Uni in Marseille und meine Mutter stammt aus einer Unternehmerfamilie», erklärt Bonmarin. Gleichzeitig betont er, dass ihm persönlich die Forschung wichtiger sei. «Ein guter Wissenschaftler sollte aber beide Welten kennen. Wenn wir reale Probleme lösen wollen, müssen wir auch die Erwartungen aus der Wirtschaft berücksichtigen.» Die Tage in Cincinnati beginnen früh für Bonmarin. Wegen der sechsstündigen Zeitverschiebung hat er nur morgens Gelegenheit, mit der Schweiz zu telefonieren und sich über ZHAW-Projekte auszutauschen. «Das habe ich wohl am meisten unterschätzt an diesem Auslandsaufenthalt: Man ist nicht einfach mal weg, sondern arbeitet quasi an zwei Orten gleichzeitig», sagt Bonmarin. Er sieht den Grund dafür auch bei sich selbst: «Ich will immer das Maximum aus meinen Möglichkeiten herausholen und bin ziemlich ehrgeizig – manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr.» Mit der Geburt seines Sohnes seien die Prioritäten aber etwas verschoben worden. Er habe mehr Ausgleich und Ablenkung durch die Familie. Die Start-ups seien in den Hintergrund gerückt. «Die Forschung empfinde ich nicht einfach nur als Arbeit – sie treibt mich an.» Die Forschung indes geniesse immer noch einen hohen Stellenwert. «Die Forschung empfinde ich nicht einfach nur als Arbeit – sie treibt mich an», so Bonmarin, und mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: «Ausserdem hält mich der Umgang mit den Studierenden jung.» So arbeitet er also früh morgens an einem EU-geförderten Forschungsprojekt der ZHAW im Bereich Thermographie, ehe er sich seinen Aufgaben vor Ort widmet – einem Ort, der unterschiedlicher kaum sein könnte. Rund 45'000 Studierende sind an der University of Cincinnati eingeschrieben. Der Campus verfügt über ein eigenes Busliniennetz. Im campuseigenen Football-Stadion feuern 40'000 Fans die UC Bearcats an. «Auf mich wirkt das alles enorm gross. Für hiesige Verhältnisse ist es aber eher ein kleiner und kompakter Campus», relativiert Bonmarin. Bei der Arbeit geht es für ihn auch hier um Medizintechnik. Er begleitet ein Forschungsprojekt im Bereich «Wearable Sensors», konkret sind es tragbare Sensoren für Hautmessungen. «Wir versuchen verschiedene Parameter der Haut zu messen, beispielsweise auch Schweiss, um so Informationen über die Hydration und den Stoffwechsel zu erfahren», so Bonmarin, der ausserdem auch Studierende im Medtech-Labor betreut. Aber warum Cincinnati? Warum nicht Harvard? «Hier in Cincinnati ist der Hauptsitz von Procter & Gamble – die arbeiten eng mit der Universität zusammen», erklärt Bonmarin. Der Unternehmer in ihm blitzt wieder auf. Für den Konsumgüter-Konzern arbeitet er als wissenschaftlicher Berater im Bereich «Skin Research». Kein Neuland für Bonmarin: An der ZHAW hatte er zusammen mit zwei Absolventen bereits vor zwei Jahren einen Hauttester entwickelt, um die Wirksamkeit von Hautcrèmes zu überprüfen – das dritte Start-up, an dem Bonmarin beteiligt ist. Wenn Mathias Bonmarin von seinem Leben in den USA erzählt, dann klingt es fast so, als wolle er gar nicht mehr zurückkommen. «Nein, ich komme ganz sicher zurück», versichert er. «Ich sehe meine Zukunft an der ZHAW. Ausserdem habe ich es meinen Eltern und Schwiegereltern versprechen müssen.» Mit im Gepäck wird er neue Ideen und Ziele haben. Die Arbeit in den USA sei inspirierend für ihn. «Hier lässt man die Studierenden das Labor organisieren. Das ist für sie ganz normal: Sie putzen, bestellen Material, tragen die Verantwortung für einen reibungslosen Betrieb – obwohl sie nicht als Assistenten angestellt sind», erklärt Bonmarin. Er ist sich bewusst, dass das an der ZHAW nicht genau so umsetzbar ist, findet den Ansatz zu mehr Eigenverantwortung aber prüfenswert. Ausserdem möchte er weiterhin neue Medtech-Innovationen vorantreiben: «In den USA verkauft sich die Forschung besser. Resultate werden offensiv gestreut – da sind wir in der Schweiz viel zurückhaltender, als wir es sein müssten.» Dennoch bevorzuge er die europäische Art des Zusammenarbeitens, wo man auch mal anecken dürfe. Und da fällt ihm ein, dass er die Schweiz vielleicht doch ein wenig vermisst. Matthias Kleefoot

Ressourcen tanken für den Berufsalltag

So klein das oberitalienische Flüsschen Rubikon war: Es war die Grenze zwischen der römischen Provinz Gallia cisalpina und dem eigentlichen Italien vor über 2000 Jahren. Noch heute ist der Ausdruck «den Rubikon überschreiten» eine Metapher dafür, sich auf eine riskante Handlung einzulassen und einen unwiderrufbaren Entscheid zu treffen. Mit Entscheidungen, die Grenz­überschreitungen gleichkommen, sind Fach- und Führungskräfte generell konfrontiert: Bei Umstrukturierungen stehen Führungskräfte vor dem Dilemma, Mitarbeitende entlassen zu müssen, oder es verändern sich Funktion und Tätigkeit. Und die digitale Transformation fordert völlig neue Kompetenzen und Arbeitsweisen im Team und in der Organisation. Deshalb wird Selbstmanagement immer wichtiger: die Fähigkeit, die berufliche und persönliche Entwicklung möglichst selbstbestimmt zu gestalten, Arbeitszufriedenheit und Work-Life-Balance zu verbessern und dabei auch die eigene Person, ihr Verhalten und die Wirkung auf andere zu verstehen. Zum Selbstmanagement gehört, die inneren Ressourcen zu aktivieren, um sich persönliche Ziele zu setzen und zu erreichen. Dafür hat die Psychologie sich der Rubikon-Metapher bedient: Das Rubikon-Modell der Handlungsphasen beschreibt, wie aus einem vagen «ich möchte» ein entschlossenes «ich will» wird. Es ist in das sogenannte Zürcher Ressourcen-Modell eingeflossen, das auch im CAS Selbstmanagement in Non-Profit-Organisationen des Departementes Soziale Arbeit angewandt wird. Entscheidend für diesen Schritt über den Rubikon ist, sich ein motivierendes Ziel zu setzen, das ein positives Gefühl weckt. Im Alltag etwa nicht der Plan «Ich will meine Work-Life-Balance steigern», sondern «Ich gönne mir drei Auszeiten pro Woche». Persönlichen Zielen den nötigen Raum zu geben, ist gerade für Fachkräfte im sozialen Bereich entscheidend, denn sie sind grossen fachlichen und emotionalen Belastungen ausgesetzt. Der Sozialsektor sei ­einer starken Ökonomisierung unterworfen, erklärt Santino Güntert, Studiengangleiter des CAS Selbstmanagement in Non-Profit-Organisationen. Möglichst schnell müsse möglichst viel erledigt und über jeden Aufwand müsse Rechenschaft abgelegt werden. «Doch die Soziale Arbeit hat Klienten in extremen Notlagen – und bei ihnen kann man nicht einfach auf einen Knopf drücken, und die Notlage verschwindet.» Die Spannung zwischen Effizienzforderungen und fachlich sorgfältiger Klientenbetreuung erzeugt einen hohen Druck auf die Fachkräfte. Zudem wird die Tätigkeit komplexer, da mit Forderungen von immer mehr Anspruchsgruppen umgegangen werden muss. «Das war vor zehn oder zwanzig Jahren noch nicht der Fall», sagt Güntert. Die Unterstützung durch Sozialhilfe beispielsweise ist an immer mehr Auflagen gebunden, und den Hilfsbedürftigen müssen bei Verstoss Gelder gekürzt werden. Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb muss – das Kindswohl im Zentrum – oft gegen Eltern handeln und Familien trennen. Die Schulsozialarbeit, die heute bei Konflikten etwa durch verhaltensauffällige Kinder oder bei Mobbing beigezogen wird, muss unterschiedliche Interessen und Forderungen von Lehrkräften, Eltern, Schulverwaltung und den betroffenen Kindern oder Jugendlichen mit ihrer Aufgabe vereinbaren können. Im Bereich der Sozialen Arbeit sei man tagtäglich mit verschiedensten Problem- und Konfliktfeldern konfrontiert, sagt auch ein Teilnehmer des CAS, Patrick Seigerschmidt von der Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime. Es sei also von grossem Nutzen, sich in der Resilienz, der psychischen Widerstandsfähigkeit, wie in der Burnout-Prävention fit zu machen. Nicht nur, um sich selbst zu managen, sondern auch in Führungsrollen müssen eigene Ressourcen aktiviert und Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale verstanden werden. Die Auseinandersetzung mit der Frage «Was macht mich aus und wie wirke ich auf andere?» ist wichtig, um das Führungsleitbild des Arbeitgebers mit den eigenen persönlichen Voraussetzungen abzugleichen. «Führungsrollen sind primär aufgaben- und situationsorientiert, die Rolle zu gestalten heisst immer auch, die Beziehung zu gestalten», erläutert der Einführungstext zum Weiterbildungskurs «Persönlichkeit führt: sich und andere wirksam entwickeln» des Departementes Angewandte Psychologie. Im Kurs wird das psychologische Konzept der «fünf Säulen der Identität» verwendet: Das sind Körper und Seele, soziale Beziehungen, Arbeit und Leistung, materielle Sicherheit sowie die eigenen Werte. Sind alle fünf Säulen stark, so kann von einer ausgewogenen Work-Life-­Balance gesprochen werden. Wird jedoch beispielsweise die Säule Arbeit und Leistung zu dominant und leiden soziale Beziehungen oder das körperliche Wohlbefinden darunter, so gerät das Identitätssystem in Schieflage. Kennt eine Führungskraft also ihre inneren Ressourcen und Kompetenzen, so kann sie diese zur richtigen Gestaltung der Führungsrolle nützen – im Sinn der Organisation und als Beitrag zur Zielerreichung. - CAS Selbstmanagement in Non-Profit-Organisationen - WBK Toolbox Selbst­management - WBK Ressourcentankstelle - WBK Achtsame Selbst­führung - WBK Resilienz und Burnout-Prophylaxe - DAS Ressourcen- & lösungsorientierte Beratung - WBK Persönlichkeit führt – sich und andere wirksam entwickeln - WBK Stress bewältigen – eigene Ressourcen kennen und aktivieren - WBK Emotionale Intelligenz I - MAS in Patienten- und Familienedukation - WBK Patientenedukationsprogramme entwickeln - WBK Gesundheits- und Selbstmanagement­kompetenzen fördern - WBK Selbstmanagement in Pädiatrischer Pflege Sibylle Veigl

Kommunizieren im digitalen Wandel

Airbnb statt Hotellerie, Uber statt Taxi und Amazon statt Kaufhäuser: Durch die Digitalisierung entstehen neue Geschäftsmodelle. «Die Unternehmen brauchen neue Strategien, um bestehen zu können. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Kommunikation», sagt Markus Niederhäuser, Leiter Weiterbildung am Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW. Niederhäuser ist Co-Autor der aktuellen Studie «Kommunikation in der digitalen Transformation» , zusammen mit Nicole Rosenberger, Professorin für Organisationskommunikation und Management am IAM. Die Studie untersucht, welche Veränderungen, Rollen und Aufgaben auf die Kommunikationsabteilungen zukommen. «Lange ging es bei der Digitalisierung nur darum, wie Unternehmen Social-Media-Kanäle wie Twitter, Facebook und Instagram nutzen sollen», sagt Niederhäuser. «Mittlerweile haben die Kommunikationschefs aber gemerkt, dass es mehr braucht, damit die digitale Transformation gelingt.» Immer wichtiger werden für Unternehmen beispielsweise die Mitarbeitenden als Botschafter. Noch bis vor wenigen Jahren war es in vielen Unternehmen verboten, auf Social Media Inhalte über den Arbeitgeber zu veröffentlichen. Heute hingegen sollen die Mitarbeitenden in den sozialen Netzwerken aktiv sein. «Überraschend viele Unternehmen ermuntern ihre Mitarbeitenden aktiv, online über die Firma zu reden. Sie sollen als Influencer gegen innen und nach aussen wirken», sagt Co-Autorin Rosenberger: Die Mitarbeitenden fit zu machen für die digitale Kommunikation, wurde von den befragten Kommunikationsverantwortlichen folgerichtig als wichtigste Herausforderung in den nächsten drei Jahren bezeichnet. «Überraschend viele Unternehmen ermuntern ihre Mitarbeitenden aktiv, online über die Firma zu reden. Sie sollen als Influencer wirken.» Nicole Rosenberger Die Studienergebnisse basieren auf Experteninterviews, auf einer Online-Befragung von Kommunikationschefs grosser privater und öffentlicher Unternehmen, aber auch von Verwaltungen und Non-Profit-Organisation in der Deutschschweiz sowie auf Fokusgruppen-Gesprächen mit Kommunikationsverantwortlichen. Dabei haben sich weitere wichtige Entwicklungen herauskristallisiert: Die Kommunikationsverantwortlichen sehen ihre eigene Abteilung auf dem Weg der digitalen Transformation etwas weiter fortgeschritten als das ganze Unternehmen. Zudem ist in vielen Unternehmen das Issue Monitoring noch zu wenig auf Digitalisierungsthemen ausgerichtet. Das Issue Monitoring analysiert gesellschaftliche Veränderungen frühzeitig. So soll es beispielsweise beschreiben, welche Rolle den Mitarbeitenden in der digitalen Transformation zukommt, wie sicher ihr Arbeitsplatz ist und welche Digitalstrategien das Unternehmen verfolgt. Die Kommunikationsverantwortlichen brauchen also neue Kompetenzen: Die Schnittstellen zu Marketing, Personalabteilungen und Informatik werden wichtiger. «Bislang waren in den Kommunikationsabteilungen Sprachverständnis sowie vernetztes und kritisches Denken gefragt», sagt Niederhäuser. «Erforderlich wird nun aber beispielsweise auch Technologie-Kompetenz.» Aus den Ergebnissen der Studie haben die Forscher eine Zehn-Punkte-Agenda erarbeitet (siehe Infobox). Sie beschreibt die zentralen Handlungsfelder für die Weiterentwicklung der Kommunikation in der digitalen Transformation. «Erforderlich wird für Kommunikationsabteilungen nun beispielsweise auch Technologie-Kompetenz.» Markus Niederhäuser Die Studie wurde unterstützt vom HarbourClub (Vereinigung der Kommunikationschefs) und vom Forschungszentrum IBM Research. «Die Fragen, welche die digitale Transformation mit sich bringt, interessieren sowohl die Forschung als auch die Unternehmen», sagt Niederhäuser. Gleichzeitig mit der Studie sei daher ein Weiterbildungsangebot in Form des CAS Digitale Transformation und Kommunikation aufgebaut worden. Es gebe zwar bereits viele Studien und auch Weiterbildungen zur Digitalisierung. Diese seien aber eher punktuell angelegt und legten den Fokus beispielsweise auf Social Media. «Wir wollten das Thema der digitalen Transformation hingegen breiter angehen und den Schwerpunkt auf die Sicht der Kommunikationsabteilungen legen.» Dabei wurde die Rolle der Kommunikation auf drei Ebenen untersucht: Die Mikroebene bilden die Kommunikationsabteilungen. Sie ermöglichen die digitale Kommunikation und Transformation überhaupt erst. Auf der Mesoebene wird die Rolle für das ganze Unternehmen betrachtet. Zentrale Ansatzpunkte sind hier die Beratung der Führungskräfte sowie die kommunikative Befähigung aller Mitarbeitenden. Auf der Makroebene geht es um das Schaffen von gesellschaftlicher Akzeptanz für die digitale Transformation. Das Unternehmen muss seine Digitalstrategie erklären und seine Verantwortung sichtbar machen. Rosenberger sagt: «Zur Verantwortung gehört auch die Datensicherheit. Sie wird zu einem Kernthema für fast alle Unternehmen und ihre Kommunikationsabteilungen werden. Das Krisenpotenzial ist beträchtlich.» Die folgende Agenda gibt Orientierung, wie Kommunikationsverantwortliche die Unternehmenskommunikation ausrichten und weiterentwickeln sollen. 1. Digitalisierung der Kommunikation und Kommunikation der Digitalisierung. 2. Höhere Integration der Kommunikationsfunktionen: Position des Chief Communication Officer (CCO) muss neu definiert werden. 3. Neue Schnittstellen für den CCO, etwa zum Chief Digital Officer. Schnittstellen zu Marketing, HR und IT bleiben wichtig. 4. CCO als Head der Botschaften wird zudem auch Head der Daten. Technologie ist eine neue Schlüsselkompetenz. 5. Technologischer Quantensprung: Durch künstliche Intelligenz unterstützte Applikationen werden sowohl Analyse, Messaging wie Design verändern. 6. Drei Ansprüche an die Organisation: strategisches Themenmanagement, Themen multimodal und crossmedial spielen, «time to market» verkürzen. 7. Die Kommunikationsbefähigung der Mitarbeitenden ist eines der wichtigsten Aufgabenfelder. 8. Influencer in das Kommunikationsmanagement einbinden. 9. Das Monitoring verstärkt auf Themen der Digitalisierung ausrichten. 10. Die Datensicherheit zum Kernthema machen. Nina Rudnicki

Konsumenten entsorgen am meisten

Wie viel Lebensmittel werfen wir weg, wo passiert am meis­ten Food Waste? Das Bundes­amt für Umwelt (BAFU) hat sich zum Ziel gesetzt, die anfallenden Lebensmittelabfälle in der gesamten Wertschöpfungskette – vom Feld bis auf den Teller – abbilden zu können. Bestehende Datenlücken bei der Landwirtschaft sowie auf Stufe der Konsumentinnen und Konsumenten halfen Forschende des Departements Life Sciences und Facility Management der ZHAW zu schliessen. Sie trugen einerseits bestehende Zahlen zur Landwirtschaft zusammen und erhoben andererseits Primärdaten zum Verhalten der Konsumenten. In der Studie zum Konsumentenverhalten hat Ragini Hüsch von der Fachstelle Umweltbiotechnologie der ZHAW in sechs Gemeinden jeweils zweimal Grüngutproben untersucht. Das Material – insgesamt rund fünf Tonnen Frischsubstanz – wurde nach der kommunalen Grüngutsammeltour bei einer Biogasanlage sortiert und analysiert. Hüsch hat ihr Vorgehen an die Schweizer Kehrichtsackstudie angelehnt, welche alle zehn Jahre den Inhalt der Abfallsäcke unter die Lupe nimmt. Unterstützt wurde sie dabei von Forschenden und Hilfskräften des Instituts für Ecopreneurship der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Man muss sich vorstellen, dass man einen Monat lang einkauft – diese Lebensmittel dann aber nicht essen darf, sondern wegwerfen muss.» Urs Baier Die Ergebnisse waren in vielerlei Hinsicht überraschend: Auf der Stufe der Konsumenten werden, in absoluten Zahlen, am meisten Lebensmittel weggeworfen. Professor Urs Baier, Leiter der Fachstelle Umweltbiotechnologie, macht die Dimensionen deutlich: «Man muss sich vorstellen, dass man einen Monat lang einkauft – diese Lebensmittel dann aber nicht essen darf, sondern wegwerfen muss.» Weiter zeigte die Studie, dass die Schweizerinnen und Schweizer nur ein Viertel der Lebensmittelabfälle übers Grüngut entsorgen, drei Viertel landen nach wie vor im Kehrichtsack. Ragini Hüsch und ihr Team wollten jedoch nicht nur wissen, was auf welche Art entsorgt wird, sondern auch, was im Grüngut vermeidbare oder unvermeidbare Abfälle sind. Als vermeidbar gilt alles, was hätte konsumiert werden können, zum Beispiel ganze Früchte, Nudeln oder Brot. Hüsch fand im Grüngut denn auch ganze Brotlaibe und Käsestücke sowie Früchte. Fleisch und Fisch wurden weniger entsorgt. Den Grossteil der Lebensmittelabfälle im Grüngut machten Rüstabfälle aus, die als unvermeidbar eingestuft wurden. Auffallend war auch, dass im Kehricht doppelt so viele vermeidbare Abfälle zu finden waren als im Grüngut. Die Landwirtschaftsstudie hat hingegen ergeben, dass auf dieser Stufe vergleichsweise wenig Abfälle entstehen. Dazu gehören Gemüse oder Obst, die den Marktvorgaben nicht genügen, oder Ernten, bei denen aus Gründen der Effizienz nicht zwischen verwertbaren und verdorbenen Lebensmitteln unterschieden wird. Urs Baier gibt zudem zu bedenken, dass die Landwirtschaft als erstes Glied in der gesamten Wertschöpfungskette aus energetischer Sicht viel weniger kritisch ist als Konsumenten: «Wenn der Bauer ein Rüebli wegwirft, kommt dieses direkt aus der Erde. Tut dies der Konsument, hat es schon Transportwege zurückgelegt und Verarbeitungsmaschinen passiert.» «Konsumenten müssen mehr Verantwortung übernehmen, damit weniger Lebensmittelabfälle entstehen.» Urs Baier Die Lebensmittelindustrie produziert ähnlich viel Abfall wie Konsumenten, dieser sei aber in den Produktionsprozessen oft unvermeidbar, so Baier. Denn die Produzenten stünden so stark unter Kostendruck, dass sie niemals leichtfertig für den Abfalleimer produzierten. Die grosse Frage, die sich aus den neuen Erkenntnissen ergibt, lautet: Wie kann das Verhalten der Konsumenten beeinflusst werden? Die Studienautoren sehen erste mögliche Ansätze. Damit erst gar nicht so viel Lebensmittel weggeworfen werden, müssten die Konsumenten mehr Verantwortung übernehmen, wie Urs Baier betont. Er ist überzeugt, dass Gastronomie und Detailhandel als Drehscheiben eine Vorbildfunktion wahrnehmen können. Sie können zur Lösung beitragen, indem sie Konsumenten zu mäs­sigem Konsum anregen und mit geschicktem Marketing die Produzenten in den Vordergrund rücken: «Den Käse von Heidi Schöchlin werfen wir nicht so leichtfertig weg wie irgendein Produkt ohne Identität», sagt er. «Die Menschen müssen sich bewusst werden, dass Grüngut, welches in einer Biogasanlage verwertet wird, einen grossen Mehrwert bringt.» Ragini Hüsch Ragini Hüsch sieht zudem Sensibilisierungsbedarf für die richtige Entsorgung und dafür, dass Grüngut dann zur wertvollen Ressource werden kann: «Die Menschen müssen sich bewusst werden, dass Grüngut, welches in einer Biogasanlage verwertet wird, einen grossen Mehrwert bringt. Wird es hingegen im Kehricht verbrannt, können die Nährstoffe daraus und das eigentliche Energiepotenzial nicht genutzt werden.» Die beiden ZHAW-Forschenden sind der Ansicht, dass sich bezüglich Food Waste in den nächsten Jahren viel bewegen wird. In der Industrie sind bereits Bestrebungen in Gang, bei der Herstellung punktuell anfallende Überbleibsel in andere Lebensmittel zu verarbeiten. «Wir glauben aber auch, dass die Gesamtmenge der Lebensmittelab­fälle zurückgehen und das Bewusstsein der Konsumenten für Food Waste steigen wird», sagt Baier. Um die tatsächlichen Entwicklungen in diesen Bereichen weiterhin verfolgen zu können, soll es auch künftig Studien geben, welche die Datenlage über die ganze Wertschöpfungskette hinweg laufend aktualisieren werden. • Clever einkaufen: Planen Sie Ihren Wochenbedarf und kaufen Sie nur das ein, was Sie benötigen. Besser kleine oder unverpackte Portionen anstelle von grossen Aktionspackungen. • Menü anpassen: Gestalten Sie den Menüplan nach den vorhandenen Lebensmitteln, die aufgebraucht werden müssen. Rezepte lassen sich anpassen. • Richtig portionieren: Kleinere Mengen kochen und schöpfen, damit nichts übrig bleibt, was im Abfall landet. • Reste verwerten: Bereits gekochte Lebensmittel wie Nudeln, Gemüse oder Saucen lassen sich in neue Menüs verwandeln. • Eigenen Sinnen trauen: Die Haltbarkeitsangaben auf den Verpackungen haben verschiedene Bedeutungen. Lediglich die Angabe «zu verbrauchen bis» bedeutet, dass ein Produkt nach Ablauf des Datums nicht mehr konsumiert werden sollte. Bei den übrigen Angaben riecht, sieht und schmeckt man, ob die Lebensmittel noch geniessbar sind. Optisch unpassendes und nicht normgerechtes Obst und Gemüse landen oft im Abfall. Eine Gruppe von Studierenden vom Departement Life Sciences und Facility Management der ZHAW hat reagiert. Die Studierenden retten nicht nur Gemüse vor dem sicheren «Tod», sondern wollen auch den Dialog zwischen Konsumenten, Grosshändlern, Bauern und Landwirten mit ihrem Verein Grassrooted ermöglichen. An der ZHAW wurde ein Planungs­tool entwickelt, welches die komplexe Frage nach der richtigen Einkaufsmenge beantwortet. «Prognosix Demand» ist ein Produkt, das am Institut für Angewandte Simulation (IAS) für den Handel entwickelt und mit einem Startup-Unternehmen in den Markt überführt wurde. Kern der Software sind zahlreiche Algorithmen, die Faktoren wie Wetter, Verkaufszahlen oder Aktionen einbeziehen. «Diese Daten helfen dem Planer, eine fundierte Entscheidung über seinen Einkauf zu fällen», sagt Professor Thomas Ott, der die neue Software an der ZHAW mitentwickelt hat. Die Algorithmen helfen laut eigenen Untersuchungen, die Prognosen von namhaften Beschaffungs-Systemanbietern um 30 Prozent zu verbessern. Das führt zu Kostensenkungen von bis zu fünf Prozent des Umsatzes. Ein Detailhändler mit einem Umsatz von einer Million Franken kann also durch die verbesserte Planung jedes Jahr 50'000 Franken einsparen, davon etwa die Hälfte durch die Reduktion von Lebensmittelabfällen. Anders als bei anderen Planungs­tools bleibt bei Prognosix der Mensch ein wichtiger Faktor: Nur das Zusammenspiel zwischen der menschlichen Intelligenz und Erfahrung sowie der Auswertung einer riesigen Datenmenge bringt optimale Ergebnisse, ist Thomas Ott überzeugt. Deshalb lässt sich das System immer wieder anpassen und lernt von den Erfahrungen in der Praxis. Rahel Lüönd

Damit Vegi aus der Exoten-Ecke rauskommt

«Wir wollen Wirkung erzielen», sagen Priska Baur und Jürg Minsch. «Darum haben wir ein Thema aufgegriffen, wo das Potenzial besteht, mit den Ergebnissen etwas auszulösen.» Die Agrarökonomin Baur und der Ökonom Minsch, auch privat ein Paar, leiten zusammen das Projekt «NOVANIMAL – Innovationen in der Ernährung» . Beide forschen und lehren am Institut für Umwelt und natürliche Ressourcen der ZHAW in Wädenswil. Offiziell wurde das Forschungsprojekt Ende 2018 abgeschlossen, die Auswertungsphase läuft aber noch. Es handelt sich um das grösste Projekt des Nationalen Forschungsprogramms NFP 69 («Gesunde Ernährung und nachhaltige Lebensmittelproduktion»), das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert wird. Bei NOVANIMAL geht es um die Frage, wie die negativen Auswirkungen der Produktion und des Konsums von tierischen Nahrungsmitteln reduziert werden können. Eine pflanzen­fokussierte Ernährung belastet die Umwelt weniger als eine mit viel Fleisch und vielen Milchprodukten. NOVANIMAL besteht aus zwölf Teilprojekten, sieben Institutionen sind beteiligt. «Wir haben möglichst viele Akteure integriert, von der Landwirtschaft über die Verarbeitung bis zum Essen im Restaurant», sagt Jürg Minsch. «Entlang der Nahrungsmittelversorgungsketten haben die Forscherinnen und Forscher nach Innovationen gesucht, welche die ökologischen Auswirkungen mindern.» An der ZHAW konzentrierten sich die Wissenschaftler auf den Konsum, und dort wiederum auf die Gastronomie. «Zwar gibt es viel Konsumforschung», sagt Priska Baur. «Aber die Gastronomie ist ein blinder Fleck, es existieren kaum Studien dazu.» Dies ist umso bedauerlicher, als die Ausserhausverpflegung wichtiger wird: Ein durchschnittlicher Schweizer Haushalt verwendet vierzig Prozent der Ernährungs-Ausgaben für Restaurant-, Kantinen- und Take-away-Besuche. Etwa die Hälfte der Hauptmahlzeiten und auch die Hälfte des Fleisches konsumieren wir auswärts, Tendenz steigend. Was braucht es, damit Konsumenten seltener fleischhaltiges Essen wählen? Die Forschenden haben dazu im Herbstsemester 2017 ein dreimonatiges Feldexperiment durchgeführt. In Zusammenarbeit mit dem ZHAW Facility Management und dem Gastronomieunternehmen SV Schweiz vergrösserten sie jeweils für eine Woche das vegetarische Angebot in den Mensen Grüental und Reidbach in Wädenswil. In diesen vegi-lastigen Wochen standen den Mensa-Besuchern je ein ovo-lakto-vegetarisches (Eier- und Milchprodukte sind erlaubt), ein veganes und ein fleischhaltiges Menü zur Auswahl. In den Kontrollwochen waren es hingegen wie üblich zwei Fleischmenüs und bloss ein vegetarisches. Die Wirkung war deutlich: In den vegi-lastigen Wochen ging der Anteil der Fleischmenüs von 60 auf 44 Prozent zurück. Die Zufriedenheit der Besucher nahm dabei nicht ab, wie umfassende Befragungen zeigten. Mehr noch: Es gab keine Reklamationen, ja viele schienen von dem Experiment gar nichts mitbekommen zu haben, obwohl sie per Mail und durch Hinweisschilder an den Kassen informiert worden waren. Der entscheidende Trick hinter dem Erfolg war, die fleischlosen Menüs erstens nicht als «vegetarisch» oder «vegan» anzupreisen – und sie zweitens abwechslungsweise auf allen drei Menülinien anzubieten, auch auf der teuersten. Gibt es nämlich eine Vegi-Linie oder steht über einem Essen «vegan», so schreckt das viele ab. Die ZHAW-Wissenschaftler haben bewusst auf eine explizite Kennzeichnung verzichtet und die pflanzlichen Menüs so für die breite Gästeschar zugänglicher gemacht. «Es gab sogar die lus­tige Situation, dass Befragte angaben, nie vegan zu essen, obwohl sie soeben ein veganes Menü gewählt hatten», sagt Priska Baur. Man darf also vermuten, dass zahlreiche Gäste fleischlos assen, weil es ein Angebot gab, das sie ansprach – und nicht etwa, weil sie Vegetarier wären. Man wolle aus den Menschen keine Vegetarier machen, das funktioniere sowieso nicht und dürfe in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft auch nicht sein, sagen die Forscher. Ziel sei vielmehr, den Fleischverzehr auf lustvolle Weise zu reduzieren, ohne die Souveränität der Konsumenten bei der Essenswahl einzuschränken. Das ist aber schwierig, solange vegetarisches und vor allem veganes Essen als Teil des Lebensstils einer exotischen Minderheit wahrgenommen wird. Die in Wädenswil erprobten Veränderungen könnten helfen, vegetarisches Essen von seinem ideologischen Ballast zu befreien und zu einem Teil des Alltags werden zu ­lassen. Befragungen und die Analyse von Lehrmitteln im Rahmen von NOVANIMAL haben gezeigt, dass viele Köche die Nachfrage nach vegetarischem Essen unterschätzen. «Fleisch ist die Regel – Vegetarisches gilt bei vielen als ungeeignet für normale Gäste. Das hindert sie daran, es vermehrt und vor allem in besserer Qualität anzubieten», sagt Priska Baur. Die Forscher schlagen vor, dem vegetarischen Essen in der Koch-Ausbildung mehr Raum zu geben und die Umweltauswirkungen unseres Fleischkonsums vertieft zu thematisieren. Auch eine breitere Behandlung der Tierhaltung könnte die Köche motivieren, sich vermehrt mit vegetarischen Gerichten auseinanderzusetzen. Die Befragungen haben auch ergeben, dass viele Köche die Nachfrage nach vegetarischen und veganen Gerichten als Störung empfinden: Ihre Zubereitung ist oft aufwendiger und erfordert spezifisches Know-how. Als Gegenstrategie empfehlen die Forscher eine vermehrte Spezialisierung in der Küche. «Wir schlagen vor, eine Lehre für Vegiköche einzuführen oder zumindest eine entsprechende Spezialisierung innerhalb der bestehenden Kochlehre anzubieten», sagt Priska Baur. «So eine Lehre würde vermehrt auch für die Vegi-Küche besonders motivierte Menschen ansprechen.» Heute stehen in vielen Gastronomiebetrieben Männer am Herd. Sie kochen, so die pointierte Hypothese der ZHAW-Forschenden, für ihresgleichen – also Fleisch. Denn Männer wählen häufiger Fleisch als Frauen (vgl. Abbildung). Eine spezifische Lehre könnte auch dazu beitragen, das Vegi-Angebot zu vergrössern und attraktiver zu machen. «Damit auch Fleisch­esser Vegi-Gerichte wählen, müssen diese mit der klassischen Fleischküche mithalten können», sagen Priska Baur und Jürg Minsch. Denn das hat das Feldexperiment auch gezeigt: Nicht nur die Vegetarier sind in der Minderheit, sondern auch diejenigen, die immer Fleisch wählen. Die Forschenden folgern daraus, dass die meisten Gäste offen sind, häufiger vegetarisch zu essen, wenn die Qualität stimmt. Tipps für Gastronomiebetriebe, die den Vegi-Anteil am Absatz erhöhen möchten: • grösseres und attraktiveres Vegi-Angebot, nicht bloss ein Pasta-Gericht • appetitmachende Beschreibungen • Vegi-Gerichte nicht als «vegetarisch» oder «vegan» anpreisen • Keine Unterteilung der Speisekarten in «Fleisch»-, «Fisch»- und «Vegi»-Sektionen, kein spezifisches Vegi-Menü • Vegetarische und vegane Gerichte über die gesamte Speisekarte respektive über alle Menü-Linien verteilen • Vegi-Kompetenz in der Küche gezielt ausbauen Mathias Plüss

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