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Training für alle Sinne 

Wer sich am Knie verletzt hat, braucht Geduld. Neun bis zwölf Monate dauert etwa nach einem Kreuzbandriss die Rehabilitation, bei der Betroffene einzelne Bewegungen immer wieder üben müssen. Das Risiko, sich erneut zu verletzten, ist hoch. In eine virtuelle Welt einzutauchen, kann da hilfreich sein. «Exergames können langwierige Therapien optimal ergänzen», sagt Eveline Graf , Leiterin des Bewegungslabors am Institut für Physiotherapie (IPT). Exergames seien nicht nur unterhaltsam und motivierend, sondern ermöglichten es zudem, verschiedene Fähigkeiten gleichzeitig zu trainieren. Nutzer:innen würden körperlich und kognitiv herausgefordert: Sie müssten beispielsweise auf gewisse Reize reagieren und andere ignorieren. So trainierten sie Aufmerksamkeit und Reaktion. In einem herkömmlichen Setting sei es schwieriger, zusätzliche Aufgaben zu stellen, sagt Graf. «Die klassische Physiotherapie fokussiert stark auf physische Abläufe.» Exergames können gerade in einer fortgeschrittenen Phase der Rehabilitation sinnvoll sein. Sie fordern Nutzer:innen heraus, physiotherapeutische Übungen korrekt auszuführen, auch wenn Unerwartetes geschieht. Sie kreieren Situationen und provozieren Bewegungen, die nah am Alltag sind. Damit können die Games die Rückkehr in den Sport erleichtern und möglicherweise die Gefahr erneuter Verletzungen reduzieren. «Sie bereiten Patient:innen auf diesen so wichtigen Übergang vor», sagt Eveline Graf. Die ZHAW-Professorin und ihr Team haben ein Spiel für die Rehabilitation nach einem Kreuzbandriss mit entwickelt. Für «The Dome» haben sie mit dem Departement für Design der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und der Sphery AG zusammengearbeitet. Von der Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen (DIZH) sind sie finanziell unterstützt worden. «Kreuzbandrisse kommen häufig vor, sind schwer und erfordern mehrere Monate Physiotherapie», sagt Graf. Entsprechend gross sei das Bedürfnis, in der Behandlung dieser Verletzung über ein zusätzliches Werkzeug zu verfügen. «Games können die Rückkehr in den Sport erleichtern und die Gefahr erneuter Verletzungen reduzieren» Eveline Graf, Institut für Physiotherapie «The Dome» lässt einen virtuell in eine Stadt eintauchen. In steigendem Tempo geht es an modernen Häuserfronten vorbei. Mal steht man auf einem, mal auf zwei Beinen, mal muss man sich ducken, mal in die Höhe springen. Gleichzeitig gilt es, vorbeiziehende Punkte anzutippen, und schliesslich wechselnde Farbflächen zu erwischen. Die Anforderungen nehmen laufend zu – das spornt an und bringt ins Schwitzen. «Die Therapeut:innen bestimmen, wie anspruchsvoll und intensiv trainiert wird», betont Eveline Graf. Sie evaluierten, ob sich ein Game für eine Person eignet, passten die Einstellungen individuell an und überwachen das Training. «Das überlässt man nicht der Maschine.» Trainiert wird in einem so genannten Exercube. Die Athlet:innen positionieren sich in der Mitte des würfelartigen Trainingsgeräts. Sie sind nun auf drei Seiten von hohen Wänden umgeben, auf die das Videospiel projiziert wird. Damit Kameras und Sensoren ihre Bewegungen erfassen können, tragen sie Tracker an den Hand- und Fussgelenken. Wie gut Nutzer:innen einzelne Übungen meistern, erfahren sie dank akustischen und optischen Signalen unmittelbar. Am Ende des Spiels zeigt ihnen der Exercube eine Zusammenfassung der erbrachten Leistung an. Anhand der Daten können Anpassungen vorgenommen und der Verlauf einer Therapie kann über einen längeren Zeitraum nachvollzogen werden. Wie Graf betont, werden auf dem Gerät keine sensiblen Informationen gespeichert. «Man kann anonym trainieren.» Um «The Dome» zu entwickeln, sind im Bewegungslabor der ZHAW zahlreiche Messungen vorgenommen worden. Wie solche anonymisierten Bewegungsdaten als Open Research Data öffentlich zugänglich gemacht werden können, wird im Projekt «MoveD» untersucht. Im Rahmen des laufenden Projekts haben sich Forschende des IPT gemeinsam mit dem Team von «ZHAW Services Forschungsdaten» sowie Schweizer Bewegungslaboren unter anderem mit Fragen des Datenschutzes und technischen Aspekten befasst und entsprechende Guidelines erarbeitet. «Dank den Leitlinien sollen Labormessungen zugänglicher werden», sagt Projektleiterin Graf. Grosse, anonymisierte Datensätze ermöglichten es, neuen Fragestellungen nachzugehen. «The Dome» kann in einzelnen Kliniken, Praxen und beim Hersteller des Exercubes bereits genutzt werden. Der Kreis der Anwendenden ist allerdings noch überschaubar. Dies nicht zuletzt, weil dafür gewisse finanzielle Investitionen anfallen. «Günstigere Lösungen, die sich schneller verbreiten, wären sicher wünschenswert», räumt Graf ein. Einige Produkte seien auch als mobile Varianten erhältlich, die zu Hause eingesetzt werden könnten. «Exergames haben in der Sportrehabilitation enormes Potenzial, das bei Weitem noch nicht ausgeschöpft wird.» Es fehle sowohl im Gesundheitswesen als auch in der Bevölkerung an Know-how. Um dies zu ändern, haben Mitarbeitende der ZHAW und der ZHdK eine Website erstellt, die aktuelle Informationen bereit stellt und allgemein über die digitale Therapieform informiert. Das Projektteam konzipiert des Weiteren spezifische Workshops für einzelne Zielgruppen aus dem Gesundheitswesen und dem Bildungsbereich. Ausserdem tritt es auf Messen sowie Kongressen auf. All diese Massnahmen sollen Interessierten die Möglichkeit geben, Exergames niederschwellig kennenzulernen und auszuprobieren. «Fachleute und Patient:innen sollten wissen, wie Exergaming wirkt und eingesetzt wird», sagt Eveline Graf. Sie sollten sich der Vorteile des video-unterstützten Trainierens bewusster werden. «The Dome» löse überwiegend positive Reaktionen aus, sagt die Bewegungswissenschaftlerin zufrieden. Das spielerische und unterhaltsame Training mache Spass. Es müsse allerdings professionell begleitet werden. «In der Rehabilitation gehören Exergames in die Hände von Fachleuten.» (Bilder: Conradin Frei) Eveline Rutz

Praxisnahes Lernen im Global Classroom

In Arztpraxen, Apotheken und Spitälern, wo besonders strenge Anforderungen an Hygiene und Sicherheit gelten, fällt viel Abfall an. Weggeworfen werden etwa abgelaufene Medikamente, Einweg-Spritzen und medizinische Instrumente aus den Operationssälen. Systematisch sortiert und wiederverwertet werden sie bislang kaum – obwohl sich darunter wertvolle Materialen, aber auch Stoffe mit bekannten Umweltrisiken befinden. Woran liegt das? Und: Wie lässt sich die Pharmaindustrie zu mehr Nachhaltigkeit bewegen? Solchen Fragen gehen Masterstudierende des International Management Institute in internationalen interdisziplinären Forschungs- und Entwicklungsprojekten nach. Sie kommen dabei nicht nur in ihrem Fachbereich weiter, sondern eignen sich zusätzlich überfachliche Kompetenzen an, die sie in ihrem späteren Berufsalltag brauchen werden. «Die Businesswelt ist komplexer geworden», sagt Albena Björck , welche die Kooperationen aufgebaut hat und leitet. Es gebe heute in der Schweiz kaum eine Unternehmenstätigkeit, die nicht eine internationale Komponente habe. Führungskräfte seien gefordert, mehrere Anspruchsgruppen in unterschiedlich regulierten Umfeldern zu verstehen und zu navigieren. Sie arbeiteten vermehrt in hybriden Teams mit Fachleuten aus mehreren Disziplinen und Ländern zusammen. «Was die studentischen Teams jeweils an Ideen, Konzepten und Maschinen entwickeln, ist beeindruckend.» Albena Björck, Dozentin und Forscherin am International Management Institute «Auf diese realen Herausforderungen bereiten wir unsere Studierenden vor», betont die ZHAW-Dozentin. Klassische Lehr- und Lernformate, herkömmliche Austauschprogramme oder interkulturelle Trainings genügten dafür allerdings nicht. Um Schlüsselkompetenzen wie Ambiguitätstoleranz oder agiles Denken zu vermitteln, brauche es andere Ansätze. Studierende müssten mit offenen Aufgaben, volatilen Rahmenbedingungen und wenig strukturierten Unterrichtsformen konfrontiert werden. «Sie sollen etwas Neues lernen und befähigt werden, Veränderungen anzustossen», sagt Albena Björck und verweist auf die strategischen Ziele der ZHAW , die dazu ausbilden, international, unternehmerisch und transformativ tätig zu sein. Um dem gerecht zu werden, setzt die frühere Managerin seit einigen Jahren verstärkt auf interdisziplinäre und internationale Kooperationen. Ausgangspunkt sind dabei Themen aus der Praxis. Global tätige Firmen wirken als Auftraggeber und Sponsoren mit. Mit der Pharmabranche sowie den Universitäten Stanford (USA) und Chalmers (Schweden) hat Björck eine enge Form der Zusammenarbeit gefunden und etabliert. Während mehrerer Monate gehen Business-, Economics-, Engineering-, Entrepreneurship- und Design-Studierende gemeinsam aktuelle Herausforderungen an. Im Global Classroom wirken jeweils acht bis zwölf Teilnehmende mit. Sie arbeiten online und an mindestens einem der Standorte zusammen. Wenn sie sich gegenseitig besuchen, erhalten sie auch einen Einblick in die Geschäftsbereiche der Businesspartner. Sie tauschen sich mit weiteren Expert:innen, Coaches und Alumni aus. Die Kooperationen folgten keinem starren Konzept oder fixen Abläufen, betont Björck. «Das verlangt von allen Beteiligten Offenheit, Flexibilität und den Willen, zu gestalten.» Das Studienformat hat sich bislang mit medizinischen und pharmazeutischen Abfällen befasst. Bei der ersten Durchführung untersuchten Masterstudierende aus der Schweiz und den USA, was es braucht, damit abgelaufene und ungenutzte Tabletten vermehrt zurückgeführt werden. Sie evaluierten bestehende Hürden, erstellten Marktanalysen und zeigten mögliche Rücknahmesysteme auf. Sie entwickelten zudem innovative Vertriebs- und Verpackungsmodelle, die weniger Abfall erzeugen, und bauten einen Prototyp. «Gerade in der heutigen KI-Zeit ist die Businesspraxis auf Fachleute angewiesen, die Brücken bauen können.» Albena Björck, Dozentin und Forscherin am International Management Institute Die Pharmaindustrie habe erkannt, dass sie kreislauffähiger werden müsse, sagt Björck. Sie habe grosses Potenzial, Ressourcen zu schonen sowie Abfälle, Emissionen und Kosten zu reduzieren. Kreislaufwirtschaft bedinge jedoch, dass international und interdisziplinär vorangegangen werde. Für die Kollaborationen sei das Thema daher geradezu prädestiniert. In einem anderen Durchgang arbeiteten studentische Teams an Innovationen für Nachhaltigkeit in den Operationssälen. Medizinische OP-Instrumente werden häufig verbrannt, was mit Zeitdruck, engen Räumlichkeiten und der Priorisierung der Patientensicherheit zu tun hat. In der Kollaboration, an der sich auch die Universität Chalmers beteiligte, entstanden ein datengestütztes, kontaktfreies Sortiersystem sowie service- und technologiegetriebene Geschäftsmodelle. Alle drei Projekte sind finanziell ausschliesslich von Pharmafirmen und interdisziplinären Konsortien wie Be Circular ermöglicht worden. «Was die studentischen Teams jeweils an Ideen, Konzepten und Maschinen entwickeln, ist beeindruckend», sagt Albena Björck. Sie gelangten zu greifbaren und marktfähigen Ergebnissen, die in der Praxis weiterverfolgt und umgesetzt würden. Mit Kommiliton:innen renommierter Universitäten zusammenzuarbeiten, spornt die Teilnehmenden an. «Sie wollen zeigen, was sie können – und erreichen ein hohes Niveau.» Die Masterstudierenden eignen sich fachliches Wissen aus den anderen Berufsfeldern an. Jene der ZHAW lernen etwa, wie man Maschinen entwirft und baut. Die Design- und Engineering-Studierenden erfahren wiederum, wie Projektmanagement und der Verkauf von Produkten gelingen. «Alle sind gefordert, mit Risiken umzugehen und selbst zu gestalten», sagt Björck. Sie legten an Selbstbewusstsein und Führungsqualitäten zu. «Das macht sie für den Arbeitsmarkt attraktiv.» Die Businesspartner profitieren nicht nur von Analysen und konkreten Entwicklungen. Sie erhalten zusätzlich eine Aussensicht auf Themen, die sie beschäftigen. «Sie interessieren sich explizit für die Meinung der jungen Generation», sagt Björck. Sie selbst erlebt den Austausch ebenfalls als bereichernd. «Er hat auch mich in meiner Lehr- und Forschungstätigkeit weitergebracht.» Damit die Zusammenarbeit gelingt, müssen aber alle bereit sind, «die Extrameile zu gehen». Sie sind gefordert, mit unterschiedlichen Zeitzonen, Curricula, Ferien und Prüfungsphasen umzugehen. Sie werden mit anderen Mentalitäten und Mindsets konfrontiert. Das macht Koordination und Kommunikation herausfordernd: «Einige erwarten schnell eine Antwort, andere lassen sich mehr Zeit.» Arbeitsweisen, Motivationen und Erwartungen unterscheiden sich. «In unseren Breitengraden neigt man dazu, alles viel zu schnell und zu stark zu strukturieren», sagt Albena Björck. Um komplexe Probleme zu lösen, lohne es sich jedoch, Innovationsprozesse lange offen zu halten. Gerade in Phasen der Unsicherheit könnten einzelne Persönlichkeiten – «wie im realen Geschäftsleben» – aneinandergeraten. Um die Motivation hochzuhalten, planen die Projektleitenden regelmässig Höhepunkte ein. Dazu zählen auch Ausflüge und Aktivitäten, die dem persönlichen Austausch dienen. «Aus dem Programm sind schon einige Freundschaften entstanden», erzählt Albena Björck. Die Herausforderungen unserer Zeit könne man nur interdisziplinär anpacken, betont sie abschliessend. Das gelte auch, wenn Medikamente oder OP-Instrumente nachhaltiger entsorgt werden sollten. Das neue Studienformat vermittle die dafür nötigen Kompetenzen: «Gerade in der heutigen KI-Zeit ist die Businesspraxis auf Fachleute angewiesen, die Brücken bauen können.» Eveline Rutz

Mehr Spass beim Üben

Man bewegt sich mitten durch eine Stadt ‒ vorbei an modernen Häuserfronten, über einen der Himmel. Mal muss man sich ducken, mal in die Höhe springen. Mal steht man auf einem Bein, mal gilt es, vorbeiziehende Punkte anzutippen. Die Aufgaben werden anspruchsvoller, der Ehrgeiz erwacht. Spätestens im «Dome», wo man rasch wechselnde Farbflächen «erwischen» muss, gerät man ins Schwitzen. Wer mit «The Dome» in einem ExerCube trainiert, wird herausgefordert. Ein ExerCube ist wie ein grosser Würfel, bei dem Nutzerinnen und Nutzer von drei Video-Wänden umgeben sind und als Hauptfiguren in einem Videospiel agieren und dabei trainieren. «Das Spiel ‘The Dome’ ist kognitiv und körperlich anspruchsvoll», sagt Eveline Graf , Leiterin des Bewegungslabors am ZHAW- Institut für Physiotherapie . «Es motiviert einen spielerisch dazu, einzelne Bewegungen immer wieder zu repetieren.» In der Rehabilitation nach Knieverletzungen, wofür das Game konzipiert ist, kommt man darum nicht herum. «Es motiviert einen spielerisch dazu, einzelne Bewegungen immer wieder zu repetieren.» Eveline Graf, Leiterin des Bewegungslabors an der ZHAW Bevor man in die virtuelle Welt eintaucht, werden an Hand- und Fussgelenken Tracker befestigt. Sie ermöglichen es den Kameras, die Bewegungen einzufangen. Dann positioniert man sich auf einer Markierung zwischen den drei Wänden, streckt die Arme aus und lässt so seine Körpergrösse feststellen. Nun kann das Spiel starten. «Es beinhaltet typische physiotherapeutische Übungen, die nach einem Kreuzbandriss wichtig sind», sagt Michelle Haas , wissenschaftliche Mitarbeiterin. Neben der Stabilität werden Agilität und Tempo trainiert. Wie gut dies gelingt, meldet das Game optisch und akustisch zurück. Abschliessend listet es die erbrachte Leistung detailliert auf. Das Game richtet sich an Menschen, die das Kreuzband verletzt haben und in der Rehabilitation fortgeschritten sind. Das Exergame «The Dome» ist vom ZHAW- Departement Gesundheit zusammen mit dem Departement Design der ZHdK und der Sphery AG entwickelt und von der Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen (DIZH) finanziert worden. Es richtet sich an Menschen, die das Kreuzband verletzt haben und in der Rehabilitation fortgeschritten sind. Sie sind mit den Übungen vertraut und befinden sich in der Phase, bevor sie das ordentliche Training wieder aufnehmen können. «Häufig fehlt ein Trainingsplan für diesen Übergang», sagt Michelle Haas, die ihre Masterarbeit zu dem Projekt geschrieben hat. Entsprechend hoch sei die Gefahr, sich erneut zu verletzen. Dass sich das Spiel Knieverletzungen widmet, hat damit zu tun, dass diese in vielen Sportarten vorkommen und sehr häufig sind. Sie seien einschneidend und erforderten neun bis zwölf Monate Therapie, sagt Projektleiterin Graf. «Viele Sportlerinnen und Sportler erreichen nicht ihr ursprüngliches Niveau.» «The Dome» hilft Betroffenen, an Sicherheit zu gewinnen. Es animiert sie dazu, auch einmal ans Limit zu gehen. Das digitale Tool spricht mehrere Sinne an. Die Trainierenden sind verschiedenen Reizen ausgesetzt und werden abgelenkt, sodass das verletzte Knie vergessen geht. Ihre Bewegungen fallen weniger kontrolliert aus als in einer klassischen Physiotherapiesitzung. Im ExerCube kommen sie realen Situationen etwa auf dem Fussball- oder Tennisplatz nahe. «Das Game schliesst eine Lücke in der Rehabilitation», betont Eveline Graf. Es bereite Menschen auch mental darauf vor, in ihren Sport zurückzukehren. Angesprochen würden nicht nur Profis, sondern auch Breitensportlerinnen und -sportler. «Exergames können eine klassische Physiotherapie ergänzen», fährt die Wissenschaftlerin vor. «Sie können die Intensität des Trainings erhöhen.» Die Aufgabe der Therapeutinnen und Therapeuten sei es, ein Spiel der individuellen Situation angepasst einzusetzen. «The Dome» verfügt aktuell über drei Levels. Dereinst könnte es sich dem Fortschritt der Nutzerinnen und Nutzer laufend anpassen. Die Projektpartner verfolgen ihr 2021 gestartetes Projekt «ExerUP» weiterhin. Sie wollen unter anderem erforschen, wie wirksam und attraktiv das Spiel ist. Und Eveline Graf stellt zufrieden fest: «Wir erhalten begeisterte Reaktionen – das Training macht Spass.» Spielerisch vorankommen sollen ebenso Kinder, die beim Schreiben Schwierigkeiten haben. Sie sollten an sich intensiv üben, fänden dies aber oft langweilig und mühsam, sagt Frank Wieber, stellvertretender Leiter der Forschung am ZHAW- Institut Public Health . «Was sie tun sollten und tatsächlich tun, geht zuweilen weit auseinander.» Ein Serious Game könne sie motivieren, ihre grafomotorischen Fähigkeiten regelmässig zu trainieren. «Auch wenn wir im Alltag immer mehr digital erledigen, bleibt das Schreiben von Hand zentral.» Frank Wieber, ZHAW-Institut Public Health Es lohne sich, Schreibschwierigkeiten früh anzugehen, betont Annina Zysset , wissenschaftliche Mitarbeiterin. Sie zählten zu den häufigsten Lernstörungen. Sie erschwerten es Schulkindern, dem Unterricht zu folgen und sich zu beteiligen. Sie könnten darüber hinaus zu emotionalem Frust und einem geringen Selbstwert führen. «Je früher man sie behandelt, desto besser.» Ein interdisziplinäres Team der ZHAW, der ZHdK und der PH Zürich hat dafür die «Konditorei Kritzel» entwickelt; es ist dabei von der Digitalisierungsinitiative des Kantons DIZH finanziell unterstützt worden. Das Spiel regt dazu an, Schwungübungen möglichst genau, mit passendem Druck und in einer gewissen Zeit auszuführen. Am Tablet gilt es, eine mehrstöckige Torte zu verzieren. Die Muster wechseln von Etage zu Etage, zuweilen kann man seiner Kreativität freien Lauf lassen. Ist das Werk vollendet, muss es noch ausgeliefert werden. Auf einer Karte ist der Weg zur entsprechenden Adresse einzuzeichnen. Damit die Spielenden dranbleiben, erhalten sie laufend Feedbacks. Für gute Leistungen werden sie belohnt. Sie haben Erfolgserlebnisse und machen die Erfahrung, dass sie weiterkommen. «Auch wenn wir im Alltag immer mehr digital erledigen, bleibt das Schreiben von Hand zentral», sagt Frank Wieber. Es helfe, Wissen zu festigen und wiederzugeben. Dass regelmässiges Training zu Verbesserungen führe, sei wissenschaftlich gut dokumentiert. Ein Game könne zudem dazu beitragen, Schreibschwierigkeiten zu entstigmatisieren. Es sei attraktiv und unterhaltsam: «Alle wollen es spielen – auch Kinder ohne Problem.» «Konditorei Kritzel» sei bewusst niederschwellig konzipiert, ergänzt Annina Zysset. Das Spiel passe sich individuell an und könne von Lehrpersonen ohne weiteren Aufwand eingesetzt werden. Es brauche kaum Instruktionen und funktioniere ohne Internetverbindung oder persönliche Accounts. Das digitale Tool soll zunächst in der Schule zum Einsatz kommen. Es ist zeitlich limitiert; nach 20 Minuten wird ein Level abgeschlossen. «Man muss sich gut überlegen, ob man Kinder an einen Bildschirm bringt», sagt Frank Wieber und räumt ein, dass sich ethische Fragen stellen. Beispielsweise haben Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) ein erhöhtes Risiko, ein Suchtverhalten zu entwickeln. Sie haben überdurchschnittlich häufig Mühe mit Schreiben und zählen zur Zielgruppe des Projekts. «Entscheidend ist, wie man die Chancen von Serious Games nutzt», sagt der Psychologe. Das Spiel selbst, aber auch wie es eingesetzt werde, müsse ethisch vertretbar sein. «Konditorei Kritzel» hole die Nutzerinnen und Nutzer auf mehreren Ebenen ab, berichtet Zysset. «Es ist für jeden etwas dabei: für die Kreativen, die Ehrgeizigen und die Spielvögel.» Die Pilotversuche hätten dies bestätigt. Kinder spielten das Game mit Freude – und verbesserten dabei ihre motorischen Fähigkeiten: «Sie üben, ohne sich dessen bewusst zu sein.» Eveline Rutz

Damit der Foodsektor regenerativer wird

Gerade der Foodsektor und die Agrarwirtschaft müssten innovativ sein, sagt Thomas Bratschi, Leiter Geschäftsentwicklung am Departement Life Sciences and Facility Management . Sonst könnten sie die wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Herausforderungen unserer Zeit nicht meistern. Lebensmitteltechnologin Maya Ladner pflichtet ihm bei: Um globalen Problemen wie dem Klimawandel, Hunger oder dem Verlust von Biodiversität etwas entgegenzusetzen, seien neue Lösungsansätze gefragt. «Es braucht innovativere und regenerativere Lebensmittelsysteme.» Bratschi und Ladner haben den neuen Masterstudiengang «Preneurship for Regenerative Food Systems» initiiert und aufgebaut. Er soll Personen dazu befähigen, bestehende Geschäftsmodelle zu überdenken und regenerative Lösungen zu finden. «Die Studierenden sollen sich zu vernetzt denkenden und handelnden Preneurinnen und Preneuren entwickeln», sagt Studiengangleiterin Maya Ladner. «Das Chaos zuzulassen, kann wertvoll sein. In diesem Prozess werden neue Ansätze entworfen, diskutiert, weiterverfolgt oder fallen gelassen.» Maya Ladner, Studiengangleiterin MSc Preneurship for Regenerative Food Systems Die Branche zu transformieren, gelinge nur, wenn man die Expertise und die Technologien unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenbringe, betont Thomas Bratschi. Der Master, den die ZHAW seit dem Frühling 2022 anbietet, ist daher interdisziplinär konzipiert. Er vermittelt Wissen aus den Themenfeldern «Wirtschaft & Preneurship», «Lebensmittelsysteme», «Nachhaltigkeit & Regeneration», «Naturwissenschaft», «Innovation» und «Digitalisierung». Zusätzlich schult er die Teilnehmenden in persönlichen und sozialen Kompetenzen. «Diese Fähigkeiten kommen in der Lehre häufig zu kurz und fehlen dann in der Arbeitswelt», stellt Ladner fest. Die Ausbildung zeichnet sich durch ein Open Curriculum aus. Gewisse Inhalte der Pflichtmodule sind nicht von vornherein festgeschrieben und die Auswahl an Wahlpflichtmodulen ist gross. Das Studium kann nach individuellen Bedürfnissen gestaltet werden. Eine solche Flexibilität ist an der ZHAW neu und nach wie vor mit einigen administrativen sowie didaktischen Anpassungen verbunden. Die Studierenden erhalten viel Raum für eigene Ideen. «Das Chaos zuzulassen, kann wertvoll sein», sagt Maya Ladner. In diesem Prozess würden neue Ansätze entworfen, diskutiert, weiterverfolgt oder fallen gelassen. «Prioritäten zu setzen und Neues zu entwickeln, braucht Zeit.» Während der vier Semester treiben die Teilnehmenden eigene Projekte voran. Sie bilden dafür Teams, in denen verschiedene Disziplinen vertreten sind. «Ich bin beeindruckt, wie dynamisch die jungen Leute unterwegs sind.» Thomas Bratschi, Leiter Geschäftsentwicklung Life Sciences and Facility Management «Es gibt schweizweit keinen vergleichbaren Ansatz», sagt Maya Ladner. Der Master wecke denn auch das Interesse anderer Hochschulen. «Wir werden immer wieder eingeladen, um unsere Erfahrungen weiterzugeben.» Diese sind überwiegend positiv. Im Frühjahr ist der zweite Durchgang gestartet. Inzwischen studieren 37 Personen in diesem Format. Die meisten haben einen starken Bezug zum Foodsektor. Sie verfügen über Abschlüsse in Umweltwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften oder Lebensmitteltechnologie. Hinzu kommen einige Quereinsteigerinnen und -einsteiger. Einzelne Teilnehmende brächten bereits zu Beginn relativ konkrete Startup-Ideen ein, berichtet die Studiengangleiterin. Lena Götsch baut mit drei anderen Studierenden einen Verein auf, um Foodfirmen dabei zu unterstützen, nachhaltiger zu werden. «Wir möchten auf Produkteebene ansetzen und Fooddesignerinnen und Fooddesigner bestärken, ihre Kreationen insgesamt umweltbewusster auszurichten», erklärt sie. Die Gruppe will in einer ersten Phase unter anderem Workshops anbieten. Das Thema Nachhaltigkeit sei gerade sehr präsent, man könne dabei aber leicht den Überblick verlieren, sagt die Studentin, die als Food Consultant bei Betty Bossi arbeitet. Lena Götsch erlebt es als bereichernd, sich an der ZHAW mit Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Berufsfeldern auszutauschen. Sie sagt: «Der interdisziplinäre und regenerative Ansatz des Masters hat mich sofort angesprochen». Zurzeit führt ihr Team Gespräche mit Vertretern aus der Praxis. 2024 will es Pilotprojekte mit Industriepartnern starten. «Der Markt für eine solche Dienstleistung ist sicher da», sagt Studiengangleiterin Maya Ladner. Gesetzliche Anforderungen und der Wunsch der Kundschaft nach nachhaltigen Produkten nähmen kontinuierlich zu. Studiengangleiter Thomas Bratschi erwähnt die grosse Bandbreite an Themen, welche die Teams verfolgen, angefangen bei Vertical Farming über essbare Gärten bis hin zu netto-positivem Fleisch. «Ich bin beeindruckt, wie dynamisch die jungen Leute unterwegs sind», sagt er. Einige hätten bereits einen grossen Teil der Finanzierung geregelt, andere ansehnliche Aufträge erhalten. «Sie bringen die besten Voraussetzungen mit, um in der Praxis zu reüssieren.» Eveline Rutz

Überzeugende Ideen zum Blühen bringen

Nicht ewig reden, sondern wagen: Das rät Helmut Grabner jungen Menschen, die ein Startup gründen möchten. «Man muss Entscheidungen treffen und kann aus Fehlern lernen.» Der Professor für Data Analysis and Machine Learning hat selbst eine Firma aufgebaut. An der School of Engineering gibt er seine Erkenntnisse weiter. Zusammen mit Philipp Ackermann und Matthias Rosenthal, die ebenfalls langjährige Erfahrungen als Unternehmer mitbringen, leitet er die Entrepreneurship Initiative . Seit einem Jahr unterstützt diese gezielt Studierende sowie Mitarbeitende, die eine innovative Geschäftsidee umsetzen wollen. Sie tut dies nach dem Grundsatz «Lernen von Vorbildern». Die Initiative vermittelt den Teilnehmenden Startup-erfahrene Mentorinnen und Mentoren, schult sie in unternehmerischem Denken und Handeln und leistet Brückenfinanzierungen. Sie vernetzt innovative Personen zudem über die School of Engineering hinaus. Sie schliesst sich dazu auch bestehenden Programmen sowie Veranstaltungen der ZHAW an und engagiert Alumni für das Mentoring-Programm oder als Lehrbeauftragte. «Wir bringen überzeugende Ideen zum Blühen», sagt Grabner. Die drei Dozenten illustrieren ihre Tätigkeit mit dem Bild einer Giesskanne, welche Pflanzen mit Nahrung versorgt. Eine blaue Giesskanne ist nicht nur auf den verschiedenen Unterlagen zu sehen, sondern auch als Giveaway zu haben. Sie ist mit dem Slogan «Machen ist wie wollen, nur krasser» bedruckt. Um ein Unternehmen zu gründen und erfolgreich zu führen, braucht es Leidenschaft und Durchhaltewillen. Man arbeitet viel und hart. «Man muss für seine Idee brennen», sagt Helmut Grabner. Er betont, dass den Studierenden ein realistisches Bild vom Entrepreneur-Dasein vermittelt werde. «Wir spielen mit offenen Karten.» Die Initiative betreut zurzeit sechs Teams. An der jährlichen ZHAW Startup Challenge platzierten sich im Mai Studierende der School of Engineering auf den ersten drei Rängen – zwei davon sind zudem Teil der Entrepreneurship Initiative des Departements. «Das bestärkt uns, das Potenzial, das wir im Bereich Entrepreneurship haben, weiter auszubauen», zeigt sich Helmut Grabner begeistert. «Unternehmerische Fähigkeiten sind nicht nur für ein eigenes Startup wertvoll.» Helmut Grabner, Entrepreneurship-Initiative der School of Engineering Unternehmerisches Denken soll auch in den Studiengängen mehr Gewicht erhalten. «Wir nehmen das Thema in Curricula auf», sagt Grabner. Interessierte können in fächerübergreifenden Modulen zusätzliche Credits erwerben, werden von Mentorinnen und Mentoren betreut und erhalten am Ende des Studiums ein Zertifikat. Ab dem Herbstsemester 2023 ist dies vorerst in den Fachrichtungen Aviatik, Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen möglich. Nach der Pilotphase werden weitere Studienrichtungen hinzukommen. «Unternehmerische Fähigkeiten sind nicht nur für ein eigenes Startup wertvoll», sagt Grabner. Mitarbeitende, die aktiv selbst Verantwortung übernähmen, seien in der Berufswelt insgesamt sehr gefragt. Eveline Rutz

COIL – Aus der eigenen Kultur virtuell ausbrechen

Einige Studierende seien sehr schüchtern, sagt Samantha Shi, die an der Tianjin Normal University (TJNU) in China unterrichtet. «Als wir hier während der Pandemie Online-Unterricht hatten, wollten sich einige nicht vor der Kamera zeigen.» Die Englisch-Dozentin war daher gespannt, ob sie sich in einer virtuellen Zusammenarbeit mit Studierenden der ZHAW aktiv einbringen würden. «Die meisten haben sonst keine Gelegenheit, mit Menschen aus einem anderen Land zu sprechen.» Ein COIL ( Collaborative Online International Learning ) macht genau dies möglich. «Es findet zwischen zwei oder mehreren Hochschulen statt», sagt Daniel von Felten , Koordinator für internationale Beziehungen am Institut für Facility Management (IFM). «Es wird von deren Dozierenden bezüglich Thema, Sprache, Didaktik und Leistungsnachweisen kollaborativ geplant.» Die Teilnehmenden gehen in hochschulgemischten Teams Problemstellungen an, sie müssen Konflikte meistern und gemeinsam Ziele erreichen. Sie erhalten dabei einen Einblick in eine andere Kultur. «Wir nehmen die Dinge immer aus unserem gewohnten soziokulturellen Kontext wahr und agieren entsprechend», sagt von Felten. «In einem COIL erlebt man, dass es viele kleinere und grössere Unterschiede gibt.» Mit verschiedenen «Realitäten» umgehen zu können, sei in der heutigen, global vernetzten Arbeitswelt eine gefragte Kompetenz. Im März und April hat er zusammen mit Claudine Gaibrois von der Fachgruppe Kultur, Gesellschaft und Kommunikation eine Kollaboration mit der TJNU realisiert. Sie war in den Pflichtwahlkurs «Leben und Arbeiten in der multikulturellen Gesellschaft» eingebunden, der von Bachelorstudierenden unterschiedlicher Fachrichtungen am ZHAW-Departement Life Sciences und Facility Management besucht wurde. «Wir haben diskussionsbasierte Aufgaben gestellt», sagt Dozentin Claudine Gaibrois. «Die Teilnehmenden sollten sich offen begegnen und miteinander ins Gespräch kommen.» Ein erster Auftrag bestand darin, sich in einem Video vorzustellen. Die 80 Teilnehmenden lernten sich virtuell kennen, sie tauschten sich über ihren Alltag, ländertypische Gepflogenheiten sowie Vorurteile aus. Auch die Corona-Situation war in einigen Gruppen Gesprächsstoff. «Das war gerade zu Beginn interessant, weil ein Lockdown in der Schweiz damals noch weit weg und überhaupt nicht sicher schien», berichtet Frederik Sommerhalder, der in Wädenswil Chemie studiert. Die Tianjin Normal University hatte den Präsenzunterricht bereits vor Kursbeginn ausgesetzt, die ZHAW folgte Mitte März. «Einige Gruppen haben über sehr private Dinge gesprochen», sagt Kursleiterin Gaibrois. Dabei hätten sie festgestellt, dass sich ihr Lebensstil gar nicht so stark unterscheide. In einem COIL könne man sich – anders als in anderen Unterrichtsformen – nicht verstecken, sagt sie weiter. Dies sei eine grosse Chance. Die Teilnehmenden lernten durch eigene Erfahrungen. «Ich war überrascht, wie stark sie profitiert haben.» Samantha Shi zieht ebenfalls eine positive Bilanz: «Die Studierenden haben ihre Schüchternheit überwunden.» Sie hätten vor allem ihr mündliches Englisch verbessert, viel über die Schweizer Kultur erfahren und verschiedene technische Hilfsmittel kennengelernt. Wirtschaft und Gesellschaft seien heute weltweit verflochten, betont Daniel von Felten. «Wir können unsere Probleme nur im Dialog mit allen Beteiligten lösen. Das zeigt die aktuelle Corona-Situation gerade deutlich.» Dafür biete das Unterrichtsformat eine ideale Trainingsmöglichkeit. Auch in kleinen Firmen träfen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen aufeinander, ergänzt Claudine Gaibrois. Entsprechend wertvoll seien solche Praxiserfahrungen. Ein COIL leiste zudem einen wichtigen Beitrag zur Förderung der «Global Citizenship». «Es war interessant, komplett andere Blickwinkel auf bestimmte gesellschaftliche Vorstellungen kennenzulernen», sagt Chemiestudent Frederik Sommerhalder. Chinesen hätten beispielsweise eine kollektive Wahrnehmung von Besitz. «Das verdiente Geld gehört nicht einer Einzelperson, sondern der Familie.» Sie brächten viel Motivation für Schule und Arbeit auf, stellt Kübra Tezcan fest, die Umweltingenieurwesen studiert. Sie setzten sich teils stark unter Druck, um den eigenen und anderen Erwartungen zu entsprechen. «Sie sind ähnlich wie Schweizer und arbeiten viel.» Sie habe gelernt, dass es immer einen Weg gebe, zusammenzuarbeiten, sagt Velia Roth, die den Studiengang Facility Management absolviert und bereits an einem COIL mit Mexiko teilgenommen hatte. «Es ist wichtig, dass man weiss, wie der andere Dinge erledigt. Dann kann man sich darauf einstellen.» Man müsse Stereotype ablegen und sich auf sein Gegenüber einlassen, sagt Ariane Vogelmann, Studentin Umweltingenieurwesen. «Nimmt man sich diese Zeit, entstehen gute, interessante Gespräche.» Es sei gar nicht so schwierig, in internationalen Teams zusammenzuarbeiten, wie man sich das vielleicht vorstelle. «Letztlich kommt es aber auf die Teammitglieder an, deren Nationalität und Kultur spielen meist eine untergeordnete Rolle.» Als Schwierigkeit erlebten die Schweizer Teilnehmenden die unterschiedlich guten Englischkenntnisse. Hinzu kamen unterschiedliche Zeitzonen sowie technische Probleme. Da die Teilnehmenden der TJNU zu vielen hierzulande gängigen Programmen keinen Zugang hatten, mussten andere Lösungen gefunden werden. Immer wieder erschwerten zudem schlechte Internetverbindungen den Austausch. Trotz dieser Hürden würden alle Befragten das COIL weiterempfehlen. «Es war eine sehr gute Erfahrung, die ich für meine berufliche und private Zukunft gebrauchen kann», sagt Jelena Ašanin, Studentin Facility Management. Das IFM führt regelmässig Kollaborationen mit Hochschulen in Holland und Mexiko durch. Ein grösseres COIL ist mit Beteiligten aus den USA und Japan geplant. Daniel von Felten möchte das Gefäss weiter stärken. «In der Schweiz ist man sich des Mehrwerts von COIL noch zu wenig bewusst», sagt er. An einer Konferenz in Tacoma (USA) 2019 mit über 450 Teilnehmenden aus aller Welt war er der einzige Vertreter aus der Schweiz. In asiatischen Ländern und in der EU wird COIL hingegen strategisch gefördert und es werden Forschungsprogramme dazu durchgeführt. Ginge es nach von Felten, könnte das Lehr- und Lernformat auch an der ZHAW noch häufiger zum Zug kommen. Er verfüge über weitere interessante Kontakte zu ausländischen Hochschulen, sagt der COIL-Pionier. Eine Kollaboration lasse sich mit überschaubarem Aufwand realisieren. «Es reicht, wenn zwei Dozierende entscheiden, das machen wir.» Eveline Rutz

Journalismus von Werbung unterscheiden können

Wer hat eine Meldung verfasst und zu welchem Zweck? Wo erscheint sie und was wird verschwiegen? Solche Fragen helfen dabei, den Wert von Informationen einzuordnen. Media Literacy hat im digitalen Zeitalter an Bedeutung gewonnen. Neue Medienkanäle und -formate haben die öffentlichen Diskurse beschleunigt und komplexer gemacht. Fake News und bezahlte Inhalte lassen sich kaum von seriösem Journalismus unterscheiden. Algorithmen steuern, was wir zu Gesicht bekommen. «Die Anforderungen an die Mediennutzerinnen und -nutzer sind gestiegen», sagt Guido Keel, Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft (IAM). «Wir sind im Alltag alle gefordert und müssen über neue Fähigkeiten verfügen.» Der Medienwissenschaftler ist daran, zu Media Literacy einen eigenen Forschungs- und Arbeitsbereich aufzubauen. Dieser generiert Wissen und soll Kompetenzen zu einem reflektierten Umgang mit Medien vermitteln. Das Publikum soll über den Zugang zu Informationen reflektieren und einschätzen können, wie glaubwürdig diese sind. «Es soll beispielsweise verstehen, dass ein journalistischer Beitrag etwas anderes ist als ein von einem Auftraggeber bezahlter», sagt Keel, der gerade an einer Studie zu Native Advertising arbeitet. Das Publikum soll zudem Wege kennen, wie es sich selbst in eine Debatte einbringen kann. «Das Publikum soll verstehen, dass ein journalistischer Beitrag etwas anderes ist als ein von einem Auftraggeber bezahlter.» Guido Keel, Leiter des IAM Als Native Ads werden Artikel, Tweets, Podcasts und Videos bezeichnet, die wie redaktionelle Produkte daherkommen, aber von Unternehmen bezahlt sind. Diese erhoffen sich, dass ihre Botschaften so möglichst viel beachtet und als verlässlich eingestuft werden. Das Forschungsprojekt des IAM soll nun klären, inwiefern das Publikum Native Ads überhaupt erkennt, woran sie erkannt werden und wie Rezipientinnen und Rezipienten diese Hinweise interpretieren. Es wird vom BAKOM (Bundesamt für Kommunikation) finanziell unterstützt. Paid Content hat es zwar schon gegeben, als die Medien noch als Leuchttürme wirkten – als die Presse und das staatliche Radio und Fernsehen eine starke Orientierungsfunktion hatten. Dank der digitalen Möglichkeiten lässt er sich heute jedoch besser in redaktionelle Angebote einbinden. «Wir nehmen gesponserte Inhalte nicht mehr so klar als Werbung wahr», sagt Guido Keel und verweist auf eine Pilotstudie mit Studierenden des IAM. Bis zu 32 Prozent der Teilnehmenden erkannten die Urheber real publizierter Native Ads nicht. Hinter Schlagzeilen wie «Müssen Nerds anders anlegen als Naturfreunde?» oder «Autoschnäppchen – darauf musst Du achten» vermuteten sie unabhängige Medienschaffende. Dabei stehen dahinter Unternehmen – in den erwähnten Beispielen eine Bank und eine Versicherung –, welche kommerzielle Interessen verfolgen. Aus journalistischer Sicht ist diese Art der Werbung heikel. «Die Medien verlieren einen Teil ihrer Autonomie», gibt Keel zu bedenken. Native Advertising kann dazu führen, dass sie nicht mehr als unabhängig wahrgenommen werden. Es widerspricht zudem dem medienethischen Täuschungsverbot, wie es im Journalistenkodex festgehaltenen ist. Dass sich Verlage dennoch darauf einlassen, hat mit ihrer schlechten finanziellen Situation zu tun. Insbesondere Online-Titel, für die kaum tragfähige Geschäftsmodelle existieren, sind auf die Einnahmen angewiesen. «Die Medienhäuser beissen in den sauren Apfel», sagt der Institutsleiter. Sie seien sich der Risiken durchaus bewusst. Keel hat ein gewisses Verständnis dafür, fände es aber wichtig, dass sich die Verlage auf Rahmenbedingungen einigen würden. So könnte eine einheitliche Deklaration helfen, Native Ads als solche zu identifizieren. Zurzeit stiften variierende Bezeichnungen wie «Sponsored», «Publireportage», «Präsentiert von …» zusätzlich Verwirrung. «Aus journalistischer Sicht sind Native Ads heikel. Die Medien verlieren einen Teil ihrer Autonomie.» Guido Keel, Leiter des IAM Der Presserat erachtet quasiredaktionelle Beiträge als problematisch. Sie zeugten von einem «Mangel an Respekt vor der Leserschaft» und untergrüben die Glaubwürdigkeit des Journalismus , urteilte er in einem konkreten Fall. Laut Umfragen geniessen die Medien zurzeit noch viel Vertrauen. Sie befinden sich aber in einem Konkurrenzkampf; alternative Informationsvermittler buhlen um die Aufmerksamkeit des Publikums. «Sie stehen bereit, um in allfällige Lücken zu springen», sagt Guido Keel. Er will Media Literacy am IAM als Schwerpunkt etablieren. «Wir wollen eine starke konzeptionelle Basis schaffen und das Thema in den verschiedenen Anwendungsbereichen systematisch aufnehmen.» Geplant sind auch Kooperationen mit anderen Departementen. Mit dem Departement Gesundheit könnte beispielsweise untersucht werden, wie die Bevölkerung Beiträge zum Coronavirus rezipiert. Das IAM will sich mit dem neuen Forschungsbereich auch über die ZHAW hinaus positionieren. 2020 hat es die Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (SGKM) zu Media Literacy durchgeführt. Eine Publikation mit Beiträgen zu verschiedenen Aspekten des Themas erscheint in diesem Herbst. Und wie sollen Journalistinnen und Journalisten auf die Veränderungen reagieren, welche die Digitalisierung und Kommerzialisierung mit sich bringen? Um gehört zu werden, sollten sie unter anderem stärker thematisieren, wie ihre Beiträge zustande kommen, sagt Guido Keel. «Mit Metakommunikation könnten sie die Transparenz erhöhen und den Mehrwert von journalistischen Inhalten erklären.» Er räumt allerdings ein, dass sie sich dabei auf eine Gratwanderung begeben. «Sie müssen gute Wege finden, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, sich vor allem mit sich selbst zu befassen.» Eveline Rutz

Wenn Studierende selbstständig Kranke behandeln

«Es rasselt ein bisschen», sagt Medizinstudentin Sophie Strasser zur Patientin im Spitalbett. «Sie haben immer noch ein wenig Wasser auf der Lunge.» Nicht nur die angehende Ärztin, sondern auch ein Pflegestudent und eine zukünftige Physiotherapeutin hören die ältere Frau mit dem Stethoskop ab. Nach der Visite tauschen sie sich auf dem Gang aus. Sophie Strasser legt schliesslich fest, das Medikament gegen Lungenödeme höher zu dosieren. «Schauen wir mal, ob das eine weitere Verbesserung bringt», meint sie. «Wir sind ein motiviertes Team», sagt sie später, als sie im Stationsbüro einen Bericht verfasst. «Wir geben uns gegenseitig unser Wissen weiter.» «Wir arbeiten auf Augenhöhe zusammen und profitieren voneinander.» Lionel Fend, Bachelorstudent Pflege Darauf zielt das Ausbildungsmodell Zürcher interprofessionelle klinische Ausbildungsstation ZIPAS (siehe Box) ab. «Die Teilnehmenden sollen ein besseres Verständnis und eine Offenheit für andere medizinische Berufsgruppen entwickeln», sagt Seraina Beerli, stellvertretende Leiterin Berufsbildung am Kantonsspital Winterthur (KSW). «Sie sollen von- und miteinander lernen.» Am KSW sind Anfang November, als dieser Bericht entstand, sieben Studierende der Medizin, der Pflege und der Physiotherapie für zwei Zimmer auf der allgemeinmedizinischen Abteilung zuständig. Sie organisieren sich selbst und versorgen Patientinnen und Patienten eigenständig. Zur Seite stehen ihnen drei Supervisorinnen, sogenannte Facilitatorinnen. «Wir arbeiten auf Augenhöhe zusammen und profitieren voneinander», sagt Lionel Fend, der an der ZHAW Pflege studiert und sein letztes Praktikum absolviert. Er hat unter anderem an den Röntgenrapporten, die sonst der Ärzteschaft vorbehalten sind, spannende Einblicke erhalten. Im Gegenzug hat er mit den künftigen Ärztinnen geübt, einen Venenkatheter zu legen und Blut abzunehmen. «Die Pflegenden haben darin mehr Routine als wir», sagt Paula von der Lage, die an der Universität Zürich Medizin studiert. An diesem Morgen nun unterstützt sie ihre Kollegin von der Physiotherapie bei einem Gehtraining. Gemeinsam gehen sie mit einer Patientin den langen Korridor entlang und eine Treppe hoch. Auf dem Rückweg übernimmt es Paula von der Lage, die betagte Frau zu sichern. «Wir geben einander bewusst Aufgaben ab», sagt sie. Die gegenseitige Wertschätzung nehme dadurch zu. Die Stichworte «Wertschätzung», «Konfliktfähigkeit» und «Kreativität» sind auch an einer Pinwand im Büro zu lesen. Sie benennen drei interprofessionelle Kompetenzen, die das ZIPAS-Team in dieser Woche besonders stark gewichtet. Am Ende des Durchgangs soll es sich in zwölf interprofessionellen Fähigkeiten verbessert haben. «Die Teilnehmenden ergänzen einander und entwickeln sich zusammen weiter», sagt Seraina Beerli. Sie hat am KSW zwei Testläufe der ZIPAS begleitet und freut sich nun über den Regelbetrieb. Jede Gruppe funktioniere anders, jede gehe ihren eigenen Weg. «Ich präsentiere keine Ideen, sondern stelle Fragen.» Vanessa Vega, Berufsbildnerin Pflege am Kantonsspital Winterthur «Die Lernenden sollen befähigt werden, selbst zu einer Lösung zu gelangen», sagt Facilitatorin Vanessa Vega, die als Berufsbildnerin Pflege am KSW tätig ist. Sie hält sich bewusst im Hintergrund. «Ich präsentiere keine Ideen, sondern stelle Fragen.» Nur wenn es um die Patientensicherheit geht, wird sie von sich aus aktiv. Sie weist etwa darauf hin, dass ein Antibiotikum intravenös abgegeben werden kann, ohne dass dafür zuerst der Katheter gespült werden muss. «Beim Spülen besteht immer ein gewisses Infektionsrisiko», erklärt sie. Die Facilitatoren müssten über ein breites Fachwissen verfügen und den Überblick behalten, sagt Marion Huber vom Departement Gesundheit der ZHAW. Sie müssten kreative Lösungen zulassen. «Die Teilnehmenden lernen, indem sie selbstgesteuert handeln und ihr Handeln reflektieren.» Marion Huber hat im ZIPAS-Projektverbund die Expertengruppe geleitet, welche die Lernziele definiert hat. Sie begleitet ZIPAS zudem wissenschaftlich und berichtet von positiven Effekten. So ist die fachübergreifende Kooperation mit besseren Handlungsabläufen und kürzeren Kommunikationswegen verbunden. Die Bürokratie nimmt ab. Das Personal schätzt den Austausch und ist motiviert. Die Patientinnen werden qualitativ hochstehend versorgt und fühlen sich sicher. Sie bleiben im Durchschnitt weniger lang im Spital, als dies auf vergleichbaren Stationen der Fall ist. Die Kosten nehmen dadurch tendenziell ab. «Die Teilnehmenden lernen, indem sie selbstgesteuert handeln und ihr Handeln reflektieren.» Marion Huber, Departement Gesundheit der ZHAW Seraina Beerli bestätigt diese Befunde aus dem Spitalalltag. «Die Patienten sind froh, wenn sie nicht immer wieder die gleichen Fragen beantworten müssen.» Doppelspurigkeiten kämen seltener vor. Positiv äussern sich auch die Teilnehmenden. «Wir werden diese Sensibilität für andere Berufsgruppen mitnehmen», sagt Lionel Fend. Er fände es gut, wenn alle Pflegestudierenden eine solche Praxiserfahrung machen könnten. «Das gegenseitige Verständnis ist enorm wertvoll», pflichtet ihm Sophie Strasser bei. Sie schätzt es, im Rahmen von ZIPAS selbstständig arbeiten und Verantwortung übernehmen zu können. Sie ist überzeugt, dass die Patienten und das Gesundheitswesen als Ganzes von mehr Vernetzung profitieren würden. Viele Fachleute betonen, dass Interprofessionalität angesichts der steigenden Kosten, der demografischen Entwicklung sowie des Fachkräftemangels gestärkt werden müsse. «Sie kann ein wichtiger Baustein sein, um diese Herausforderungen zu meistern», sagt ZIPAS-Projektleiter Gert Ulrich von Careum. Das KSW will ihr künftig noch mehr Gewicht geben. Das Spital kann sich vorstellen, auf weiteren Abteilungen ZIPAS-Stationen einzurichten. Eveline Rutz

Interkulturalität: Lernen ohne Grenzen

Drei Kontinente, vier Sprachen und unterschiedliche Zeitzonen: Im Kurs Corporate Social Responsibility, Sustainable Development Goals (CSR-SDG-Food) erfahren 25 ZHAW-Studierende gerade, wie es ist, in globalen Teams virtuell zusammenzuarbeiten. Mit Kommilitonen aus den USA, Japan und Holland erörtern sie, wie nachhaltig Lebensmittel bekannter Marken sind und welche Verbesserungen möglich wären. Sie müssen sich in hochschulgemischten Teams organisieren, gemeinsam Aufgaben lösen, Konflikte aus dem Weg räumen und Leistungsnachweise erbringen. «Die Wertschöpfungsketten sind weltweit verflochten», sagt Daniel von Felten , Koordinator für internationale Beziehungen am ZHAW-Institut für Facility Management (IFM). Veränderungen könne man nur anstossen, wenn man mit allen Beteiligten kollaboriere. Dabei helfe es, sich der kulturellen Unterschiede bewusst zu sein. «Wir agieren aus unserem gewohnten sozio-kulturellen Kontext heraus», sagt er. In einem Collaborative Online International Learning (COIL) lerne man, verschiedene «Realitäten» wahrzunehmen und damit umzugehen. «Man trifft auf andere Verhaltensweisen», sagt Daniela Lozza, Verantwortliche Digital Education am Departement Life Sciences und Facility Management . Dabei sei man, anders als während eines Auslandaufenthalts, nicht ganz von der fremden Kultur umgeben. Man begegne sich online in einem neutraleren Raum, der durch die Interaktion zwischen den Kulturen gestaltet werde. Die Teams müssten sich auf Regeln verständigen und würden einen Lernprozess durchlaufen. «Die Studierenden müssen sich in ihr Gegenüber hineinversetzen, aber auch ihr eigenes Verhalten reflektieren.» «Ich möchte lernen, wie ich geschäftlich und privat besser mit anderen Kulturen umgehen kann.» Velia Roth Neben ihren fachlichen, interpersonellen und sprachlichen Kenntnissen erweitern COIL-Teilnehmende ihr digitales Wissen. Sie lernen technische Tools kennen und produktiv einzusetzen. «Gerade in der aktuellen Corona-Situation sehen wir, wie wichtig virtuelles Kollaborieren ist», sagt von Felten. «Ich möchte lernen, wie ich privat und geschäftlich besser mit unterschiedlichen Kulturen umgehen kann», sagt Velia Roth, die in Wädenswil Facility Management studiert. Die Bachelorstudentin hat bereits zwei COILs absolviert. Mit Studierenden aus Mexiko hat sie überlegt, wie man ein Produkt im jeweils anderen Land erfolgreich bewirbt. Mit Studierenden aus China hat sie Fragen zur Interkulturalität diskutiert. Nun beteiligt sie sich am aktuellen Projekt mit Japan, den USA und Holland. «Die Zeitdifferenz ist eine der grössten Herausforderungen», sagt sie. Ihre Erfahrungen aus den ersten beiden Kursen sind positiv. Sie hat nicht nur andere Wertevorstellungen und Traditionen kennengelernt, sondern auch festgestellt, «dass es immer einen Weg gibt, zusammenzuarbeiten.» Entscheidend sei, dass man sich austausche. Wisse man, wie der andere vorgehe, könne man sich darauf einstellen. «Ich habe schon viel für die globale Zusammenarbeit gelernt.» Die Dozierenden profitieren ebenfalls. Sie legen das Thema, die Sprache sowie die Didaktik gemeinsam fest und sind bereits während der Planung mit länderspezifischen Eigenheiten konfrontiert. «Ich lerne mit jedem neuen Partner dazu», sagt Daniel von Felten, der die Unterrichtsmethode 2017 an seinem Institut lanciert hat. Als Beispiel erwähnt er, dass Lehrpersonen in den USA zahlreiche Regulatorien zu beachten haben, welche sich auf den Unterricht auswirken. Sie dürfen ihre Studierenden etwa nicht zu einem gemeinsamen Online-Meeting aufbieten. Für das aktuelle, weltumspannende Projekt fand der COIL-Pionier erstmals Verbündete an einem anderen Departement. Das Departement Soziale Arbeit konnte fünf Teilnehmende dazu einladen. «Wir möchten die interkulturellen Kompetenzen unserer Studierenden stärken», sagt Anne Schillig, Zentrum für Bildung, Entwicklung und Services. Sozialarbeitende seien in einem internationalen, heterogenen Umfeld tätig. Ein COIL gebe ihnen Gelegenheit, von zu Hause aus interkulturelle Erfahrungen zu sammeln. Dies komme gerade jenen entgegen, die wegen familiärer Verpflichtungen oder aus anderen Gründen nicht so mobil seien. «Im Lockdown haben wir gesehen, dass nicht jede Reise nötig ist.» Damit Absolventinnen und Absolventen das Erlernte potenziellen Arbeitgebern gegenüber ausweisen können, führt das Departement Soziale Arbeit im Herbst das Certificate International Profile (CIP) ein. «Sie sollen sich damit von anderen Bewerbern abheben können», sagt Schillig. «Wir haben im Vorjahr gemeinsame ZHAW-Standards für internationale Profile erarbeitet.» Vera Narodnitzkaia Das CIP ist eine Zusatzqualifikation, die das Studium nicht verlängert. «Die ZHAW misst der interkulturellen Bildung einen hohen Stellenwert bei», sagt Vera Narodnitzkaia, Leiterin ZHAW-Stabsstelle Internationales. «Wir haben im Januar 2019 gemeinsame Standards für internationale Profile erarbeitet». Die Hochschule gibt Mindestanforderungen vor. Dazu zählen unter anderem der Nachweis einer Fremdsprache auf Niveau C 1, ein Auslandaufenthalt von mindestens acht Wochen oder 6 ECTS-Punkte und eine Reflexionsarbeit zum interkulturellen Lernprozess. Die einzelnen Departemente definieren zusätzlich fachspezifische Aktivitäten und Leistungen. Einige bereiten ihre Studierenden mit dem Modul «Intercultural Competence for Outgoing Students (ICOS)» auf einen Auslandaufenthalt vor (siehe Box). Das CIP wird bisher von der School of Engineering und dem Departement Gesundheit angeboten. «Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiten heute in internationalen Teams und sind weltweit vernetzt», sagt Wolfgang Kickmaier, Leiter International Relations der School of Engineering. Viele Unternehmen setzten internationale Erfahrungen und interkulturelle Kompetenzen voraus. «Mit dem CIP haben Studierende grössere Chancen, eine Stelle bei ihrem Wunscharbeitgeber zu finden.» Pro Jahrgang nehmen jeweils 20 bis 40 Prozent der Studierenden teil. Auch Stella Krepp, Leiterin Internationale Beziehungen am Departement Gesundheit, betont die zunehmende Interkulturalität. «Unsere Absolventinnen und Absolventen arbeiten in Berufsfeldern, die stark international geprägt sind.» In der Pflege haben 30 Prozent aller Arbeitskräfte einen anderen kulturellen Hintergrund; unter den Patienten sind ebenso zahlreiche Nationalitäten vertreten. «Wer interkulturelle Fähigkeiten erwirbt, soll diese nachweisen können», findet Krepp. COILs sind eine Möglichkeit, solche zu erwerben. Die ZHAW geht diesbezüglich voran. Seit Juni ist sie als erste Schweizer Hochschule Mitglied des SUNY COIL Networks , der ausserhalb der EU weltweit grössten Organisation in diesem Bereich. Die Koordinatoren, Daniel von Felten, Daniela Lozza und Anne Schillig, sind sich einig: «Die Unterrichtsmethode hat grosses Potenzial.» Eveline Rutz

Begegnung auf Augenhöhe

Als Kind träumte Aisha Leuenberger davon, Ärztin zu werden. Als sie acht Jahre alt war, wurden sie und ihre sieben Geschwister Waisen. Ihre Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben. «In Uganda sterben Menschen, da Medikamente und Spitäler fehlen», sagt sie. In ihrer Heimat, wo 38 Millionen Menschen leben, gebe es kaum alte Leute. «Ich möchte möglichst viel über Gesundheit lernen und anderen helfen.» Zurzeit macht die 33-Jährige ein Praktikum im Alters- und Pflegeheim Grossfeld in Kriens. Nach der ersten Woche berichtet sie Emilie Stämpfli bei einem Kaffee von ihren ersten Erfahrungen. Sie sei von allen freundlich aufgenommen worden, erzählt sie gut gelaunt. Einmal habe sie allerdings zwei Bewohnerinnen verwechselt. «Hast Du etwas Schweizerdeutsch gesprochen?», will Emilie Stämpfli wissen. «Ja, das kommt gut an», antwortet Aisha Leuenberger. Die beiden Frauen haben sich über das Mentoring-Programm BEGIN kennengelernt, welche Freiwillige im Pensionsalter und Teilnehmende des Lehrgangs Pflegehelfer/-in des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) zusammenbringt. «Die Idee ist eine Begegnung auf Augenhöhe», sagt eine der Initiantinnen Beate Schwarz, Professorin für Entwicklungs- und Familienpsychologie am Psychologischen Institut der ZHAW. Es gehe um einen intergenerationalen Austausch, von dem beide Seiten profitierten. Der Ansatz ist ein ressourcenorientierter. Der Fokus liegt auf den Stärken, welche die Migrantinnen und Migranten mitbringen. «Sie sind eine gute Basis für die Integration», so Schwarz. Das Programm ist in Kooperation mit der Berner Fachhochschule (Institut Alter), der Hochschule für Technik und Wirtschaft (Institut für Multimedia Production) Chur sowie dem SRK entstanden. Die Gebert Rüf Stiftung unterstützt Entwicklung und Evaluation finanziell. «Es war uns wichtig, auf Erfahrungen aufzubauen», sagt Beate Schwarz. Spezifisch für den Pflegebereich gab es bislang zwar kein vergleichbares Engagement. Die Wissenschaftler befragten jedoch Anbieter von Mentoring-Programmen in anderen Branchen. Sie gingen zudem auf Fachleute der Pflege zu, um nicht an deren Bedürfnissen vorbei zu arbeiten. So kristallisierten sich praxisrelevante Themenfelder heraus. Dazu zählen neben der Sprache kulturelle Unterschiede wie etwa der Umgang mit Zeit. Hinzu kommen schwierige Situationen im Arbeitsalltag, die Rolle der Angehörigen in der Pflege, aber ebenso die Frage, ob man sich als Angestellter abgrenzen darf. Ob man nach zahlreichen Sonntagsdiensten zum Beispiel auf einem freien Wochenende bestehen darf. Zu diesen Themen hat das Projektteam kurze Filme sowie ein Arbeitsheft produziert, welche den Tandems als Anregung dienen. «Sie sind hilfreich, wir haben uns aber nicht immer darangehalten», sagt Emilie Stämpfli. Die ehemalige Primarlehrerin, die nicht zum ersten Mal Freiwilligenarbeit leistet, hat mit Aisha Leuenberger unter anderem Schweizerdeutsch geübt. Mit eigenen Arbeitsblättern hat sie ihr kurze Sätze beigebracht, die das Eis brechen und ein Gespräch eröffnen können. «Hend Sie gued gschlofe?» ist so eine Frage, welche die Pflegehelferin stellen kann, wenn sie am Morgen das Zimmer eines Bewohners betritt. Auch das Essen sorgte für Diskussionsstoff. «Brot und Käse ‒ wie kann man so leben?», fragt Aisha Leuenberger und lacht. Die zurückhaltende Art der Schweizer war für sie anfangs gewöhnungsbedürftig. Dass alte Menschen in einem Heim leben und teilweise kaum Besuch erhalten, schockierte sie. «Ich habe viel von Frau Stämpfli gelernt», sagt die Uganderin, die in ihrer Heimat als Kosmetologin arbeitete, mit einem Schweizer verheiratet war und seit 2012 hier lebt. Auch bei der Bewerbung für ihr Praktikum konnte sie auf die Hilfe ihrer Mentorin zählen. «Ich kann offen mit ihr sprechen, sie gibt mir ein gutes Gefühl». Die Wertschätzung ist gegenseitig. «Ich bewundere ihr positives Wesen, ihre Zielstrebigkeit und dass sie bereit ist, ältere Menschen zu pflegen», sagt Emilie Stämpfli. Sie hat die Begegnungen ebenfalls als Bereicherung erlebt. «Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen», so die 67-Jährige. Ihre gemeinsame Zeit ist offiziell zwar vorbei, seit Aisha Leuenberger die SRK-Ausbildung abgeschlossen hat. Die beiden Frauen treffen sich jedoch weiterhin. Nach dem ersten Durchgang beim SRK Kanton Luzern, wird zurzeit ein zweiter in Bern durchgeführt. Die Mentorinnen – es engagieren sich bislang ausschliesslich Frauen – verfügen in der Regel nicht über spezifische Kenntnisse der Pflege. «Es geht um einen kulturellen Austausch», sagt Belinda Berweger, wissenschaftliche Assistentin am Psychologischen Institut. Viel wichtiger als Fachkenntnisse sei eine Offenheit anderen Kulturen gegenüber. Die Suche nach Freiwilligen, die sich längerfristig engagierten, sei aufwändig, erzählt sie weiter. Die Zahl der interessierten Pflegehelferinnen und -helfer überstieg bislang jene der Mentoren. In Luzern konnten sieben Tandem gebildet werden, in Bern sechs. Die Duos sind in der Regel drei Monate lang zusammen unterwegs, der Lehrgang dauert ein halbes Jahr. Er bietet den Teilnehmenden die Möglichkeit, auf dem hiesigen Arbeitsmarkt Fuss zu fassen ‒ und dies in einem Berufsfeld, in dem ein Fachkräftemangel herrscht. «Sie sind in ihren Heimatländern zum Teil sehr gut qualifiziert, nicht wenige bilden sich danach weiter», sagt Beate Schwarz. Das Psychologische Institut der ZHAW begleitet das Projekt noch bis im Oktober. Nach einem abschliessenden Workshop geht BEGIN dann ganz in die Hände des SRK über. Aisha Leuenberger ist dankbar für die Unterstützung, die sie erhalten hat, und spricht von einem «grossen Geschenk». Neben der Arbeit im Pflegeheim ist sie derzeit daran, ihr Deutsch zu verbessern. «Ich will weiterkommen», sagt sie fröhlich, «ich habe Ziele». Eveline Rutz

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