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Warum KI nach Sprachprofis ruft

Sprache hat etwas Musterhaftes: Auf einen Gruss wie «Hallo, wie geht es Ihnen?» folgt als Antwort wahrscheinlich nicht eine Frage wie «Wo ist das Klavier?», sondern ein Gegengruss wie «Hallo, gut, und Ihnen?». Dieses Musterhafte, Vorhersehbare macht menschlichen Sprachgebrauch oberflächlich leicht imitierbar, für Papageien wie für Maschinen. Sprachmodelle wie ChatGPT fertigen deshalb Texte, die beim schnellen Lesen oft klingen wie echt. Sie können sich scheinbar auch in ihr menschliches Gegenüber einfühlen, also Empathie simulieren. Das Ergebnis: Immer mehr Menschen werden von Robotern gepflegt oder leben, in ihrer Vorstellung, mit einem KI-Partner zusammen. Sogar die Kreativität ist keine rein menschliche Domäne mehr: Sprachmodelle generieren in Sekunden Tausende Versionen eines Gedichts oder einer Rede. Auch wenn sie sich voneinander unterscheiden, bauen sie doch alle auf die Muster, die KI in bestehenden Produkten ausgemacht hat. Aber wie geht es dann weiter mit den Tausenden Gedichten? Ganz einfach: Der Mensch wählt die beste Variante aus. Sinnvoller KI-Einsatz bedingt menschliches Anleiten, Auswählen und Verantworten. Nach diesem Prinzip baut das Unternehmen Autodesk in San Francisco seit 1982 alles, vom Molekül für ein Medikament bis zum Wolkenkratzer in Shanghai oder bis zur nächsten Airbus-Generation. Bei all diesen Vorhaben generiert die künstliche Intelligenz Milliarden von Varianten des Endprodukts und testet sie auf Umweltbedingungen – den Wolkenkratzer etwa auf Wind, Erdbeben, Nutzungserwartungen und mögliche Einsprachen. Wie in der Evolution werden robuste Varianten miteinander kombiniert, schwache ausgeschieden. Die Varianten, die am Ende dieses Prozesses den anderen überlegen sind, schlägt das System menschlichen Fachpersonen zur Prüfung vor. Dabei mag ein Vorschlag unter den einen Bedingungen mehr zu überzeugen, ein anderer unter anderen. Es ist am Menschen, nun die beste Variante auszuwählen sowie die Wahl zu begründen und zu verantworten. Die menschliche Intelligenz müsste sich demnach auch in Sprachberufen besonders in der Fähigkeit zeigen, so mit KI zu kooperieren. In der Praxis bedeutet das: Der Mensch ist geistig fit dafür, klare Anforderungen an Texte festzulegen und die Vorschläge der KI kritisch zu hinterfragen. Dies leisten zu können, ist so anspruchsvoll wie unabdingbar. Studierende, die sich auf Sprachberufe vorbereiten, müssen also lernen, mit KI-Werkzeugen so zu arbeiten, dass sie selbst den Textproduktionsprozess kontrollieren: Sie erteilen der Maschine präzise Aufträge und schätzen das Ergebnis ein. Das bedingt präzise Kenntnis des Gegenstands und des zielgruppengerechten Sprachgebrauchs. Dazu gehören gute Kenntnisse von Textsorten und der sprachlichen Kultur im jeweiligen Fachbereich – auch weil ein gezielter Verstoss gegen Routinen und Erwartungen etwa einem Text eine gewisse Würze und Eigenständigkeit geben kann. Mozart wusste gegen die Gestaltungsregeln seiner Zeit und Kunst zu verstossen, genau wie Picasso. So weit einige Parallelen und Vermutungen zum menschlichen Mehrwert in Sprachberufen. Aber treffen sie zu? Das Laufbahn-Monitoring der Sprach- und Kommunikationsstudiengänge der ZHAW zeigt, dass Hochschulabsolventinnen und -absolventen auch heute die Fähigkeit, gut zu schreiben, als Kernkompetenz im Sprachberuf wahrnehmen. Wo mehr und rascher übersetzt und geschrieben wird, müssen die Profis immer auch wieder selbst Hand anlegen können. Dies zum Beispiel, um mit einer markigen Formulierung aus dem Silbengerassel der Sprache der Maschine auszubrechen, die stets den Durchschnitt alles bisher Gesagten imitiert, wenn sie selbst eine einzige Lösung bringen soll. Die Hauptaufgabe für den Menschen in der Zusammenarbeit mit der Maschine besteht aber im Steuern der Sprachproduktion. Mit zielführendem Prompting kommt ein künstlich erzeugter Kommunikationsbeitrag nahe an einen guten menschlichen heran; ohne diese straffe Führung, über Kontrolle und Justierung, entgleist die Imitation. KI ist also erst mal ein Werkzeug, wie ein Rennrad, das es geschickt zu lenken gilt. Wer das Werkzeug beherrscht, kommt leichter ans Ziel. Einige befürchten nun aber: Simuliert KI das Denken und Fühlen immer besser, nähert sie sich womöglich eigenem Bewusstsein – und damit dem Status einer, so KI-Pionier Mustafa Suleyman, «digitalen Spezies». Diese digitale Spezies, so die Befürchtung, wächst der Menschheit über den Kopf, wie der Besen in Goethes Gedicht vom Zauberlehrling. Die Dystopie: Wir treten mit der KI etwas los, was wir nicht mehr kontrollieren können. Eines Tages könnten die Maschinen beschliessen, dass es die Menschheit nicht mehr braucht. Ist da was dran? Wenn der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard recht hat und auch wir Menschen einander im Leben nur «gegenseitig die Stichwörter geben», um dann immer wieder das Gleiche zu sagen … ja, dann macht KI unser rituelles, vorhersehbares Denken und Reden tatsächlich bald überflüssig. Die perfekte Imitation wäre dann nur eine Frage der Zeit. Wenn es aber einen Unterschied gibt zwischen der simulierten Kommunikation als Wahrscheinlichkeitsrechnung durch KI und einer menschlichen, absichtsvollen Kommunikation, dann ruft KI eben nach Profis, die sie zu lenken wissen. Und dann ruft mehr und bessere KI auch nach mehr und stärkerer sozialer Intelligenz beim strategischen Lenken der KI. Dieses Lenken der KI-Entwicklung reicht dabei weit über das Arbeitsfeld der IT-Fachleute hinaus, die KI-Anwendungen programmieren. Wo Hightech-Oligarchie nicht das Ziel ist, gilt, mit der australischen Expertin für Cyber Security Helen Toner gesprochen: Ethisch-rechtlich müssen wir bestimmen, wie KI reguliert wird, auch wenn es schwer vorherzusehen ist. In allen Berufen, in denen Sprache zählt, bedeutet solche Governance ganz konkret: erstens wach wahrnehmen, was Sache ist, zweitens wissen, was man will – und drittens zur Sprache bringen und umsetzen können, was man meint. Sprach- und Kommunikationskompetenz also, mehr denn je. Hören Sie diesen Beitrag als KI-generierten, aber menschlich präzise geprompteten Podcast (Beitrag auf Englisch, erstellt mit NotebookLM) (Headerbild: Adobestock/Adriana) Daniel Perrin

Die vier Dilemmata der offenen Wissenschaft

Alle wissenschaftlichen Publikationen, die aus öffentlicher Förderung stammen, sollen bis spätestens im Jahr 2024 frei zugänglich sein. Solches Ziel haben sich Schweizer Hochschulen und der Schweizerische Nationalfonds (SNF) in der nationalen Open-Access-Strategie gesetzt. Der freie Zugang zu öffentlich finanzierten Forschungsergebnissen soll die Informationsversorgung der Öffentlichkeit verbessern, die Sichtbarkeit von Publikationen erhöhen und weltweit die interdisziplinäre Zusammenarbeit unterstützen. Doch wie gestaltet sich die Umsetzung von solchen gut gemeinten Vorsätzen in der Praxis und wo zeigen sich Grenzen? In meiner kürzlich abgeschlossenen Dissertation habe ich genau solche Fragen gestellt und sie am Beispiel der Verhandlungen zwischen den niederländischen Universitäten und dem Wissenschaftsverlag Elsevier untersucht. Ähnlich wie in der Schweiz hatte die Niederlande zuvor beschlossen, alle wissenschaftlichen Publikationen und insbesondere Aufsätze in Fachzeitschriften nur noch in Open Access zu publizieren. In meinen Interviews mit den Mitgliedern von Verhandlungsteams wie auch Forschenden kristallisierten sich schnell vier grosse Spannungsfelder heraus. Während die einen diese Zielvorgabe als eine unerwünschte Einmischung empfinden, beurteilten die anderen die neue Strategie weg vom derzeit vorherrschenden restriktiven Subskriptionsmodell bei Büchern hin zum kostenfreien elektronischen Zugang als längst überfällig. Zweitens löste diese Forderung eine grundsätzliche Debatte über die Nützlichkeit bzw. Nutzlosigkeit von freiem Zugang zu internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften aus. Wenn die breitere Öffentlichkeit für ihre Steuergelder tatsächlich eine Gegenleistung von Forschenden erhalten soll, sind für Forschende teure Freikäufe bei kommerziellen Grossverlagen wirklich eine Antwort darauf? Denn beim Open-Access-Modell lassen sich viele Verlage dafür bezahlen, dass die Forschungsergebnisse bei ihnen für das Publikum kostenlos veröffentlicht werden. Oder bedarf es vielmehr anderer Publikationsformen und Formate in für Laien verständlicher Sprache, inklusive Übersetzungen in lokale Sprachen und Fokussierung auf praktische Anwendungen sowie mögliche Problemlösungen? Drittens haben viele Forschende von einem tief empfundenen Dilemma berichtet, sich entweder für mehr Offenheit im Sinne von Open Access und Open Science oder für die Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse in renommierten Zeitschriften entscheiden zu müssen. Solche Zeitschriften verlangen meistens ein kostenpflichtiges Abonnement und sind deshalb in der Regel nur für Angehörige von Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen zugänglich. Gleichzeitig haben einige befragte Forschende mit ihrem eigenen Gegenbeispiel gezeigt, dass sich eine offene(re) Wissenschaft und wissenschaftliche Karriere nicht ausschliessen müssen. So laden sie ihre Publikationen, Forschungsdaten, Software und andere Forschungsergebnisse seit eh und je auf frei zugängliche Repositorien hoch, die in der jeweiligen Fachgemeinschaft gut bekannt und darüber hinaus genutzt werden. Wichtiger noch, auf diese Weise konnten sie ihren ganzen Karriereweg aufbauen und sich erfolgreich als Open Scientists profilieren. Damit zusammenhängend hat sich ein weiteres Spannungsfeld herauskristallisiert: Nämlich einerseits die Idealisierung der angeblich offenen Wissenschaft und andererseits wie weit soll bzw. kann diese Offenheit reichen. Exemplarisch dafür steht die Idee, die Begutachtung neuer wissenschaftlicher Beiträge «offener» zu gestalten und beispielsweise sogar die Namen von Gutachtenden wie die Gutachten selbst öffentlich zu teilen (sog. Open Peer Review). Allerdings bevorzugen die meisten Forschenden das gängige anonymisierte Verfahren, um mögliche Konflikte und allfällige Vergeltungsmassnahmen zu vermeiden. Das Fazit meiner Analysen ist: Open Access und Open Science aktiv zu leben und gleichzeitig eine wissenschaftliche Karriere zu haben muss keine Entweder-oder-Entscheidung sein. Damit eine neue Wissenschaftskultur entsteht, braucht es Initiativen wie die Koalition zur Weiterentwicklung der Forschungsbeurteilung (CoARA), der die ZHAW jüngst beigetreten ist. Die unlängst gegründeten Arbeitsgruppen von CoARA setzen sich dafür ein, solche Spannungsfelder wie die bereits erwähnten zu beseitigen sowie mehr Anerkennung für die Diversität von Forschungsleistungen zu erreichen. Elena Šimukovič

Ist die Flexibilisierung des Rentenalters das Allheilmittel?

Viele Staaten haben ihre Rentensysteme in den letzten Jahren umfassend reformiert. Es zeigt sich, dass automatische Mechanismen, welche die drei Stellschrauben der Vorsorgesysteme – Beitragshöhe, Rentenniveau und Rentenalter – an sich verändernde demografische und ökonomische Rahmenbedingungen (z.B. Lebenserwartung, Bevölkerungsentwicklung usw.) anpassen, erfolgreich sind. Um eine finanzielle Nachhaltigkeit der Vorsorge sicherzustellen, reichen diese Automatismen. Es braucht nicht zwingend politisches Zutun. «Viele Länder haben das Rentenalter angehoben. Inwiefern die Situation in der Schweiz ein Rentenalter 65 rechtfertigt, ist schleierhaft.» Roland Hofmann Zudem sind in vielen Ländern die Rentenalter angehoben worden: Dänemark beispielsweise plant mit Alter 74, Estland und Italien mit 71, die Niederlande mit 69. Inwiefern die Situation in der Schweiz eine andere sein soll, die ein Rentenalter 65 rechtfertigt, bleibt schleierhaft. Mit der generellen Erhöhung geht in diesen Ländern oft eine Flexibilisierung des Rentenalters einher: Wer später geht, erhält eine höhere Rente. Wer früher geht, muss tiefere Renten in Kauf nehmen. Die Schweiz hingegen tut sich schwer mit den Reformen der Altersvorsorgesysteme. Wir sind seit der letzten grossen AHV-Revision 1997 faktisch handlungsunfähig. Die Schweiz fällt im Ranking gegenüber anderen Ländern immer weiter zurück. Ernüchterndes Fazit: Wir leisten uns ein mustergültig reguliertes System, das aber weder nachhaltig finanziert ist noch angemessene Leistungen sicherstellt. Axel Börsch-Supan, der deutsche Experte für Ökonomie und demografischen Wandel, hat sicher recht, wenn er meint, dass nicht die Demografie das Problem der Altersvorsorge sei, sondern die schwierig umzusetzenden Reformen. Er empfiehlt, die Herausforderungen zu separieren. Ich sehe das Problem im «Giesskannen-Prinzip». Weshalb? Die Antwort soll hier anhand von zwei häufig genannten Begründungen illustriert werden, die gegen eine Flexibilisierung des Rentensystems sprechen sollen. Die Frage des Rentenniveaus ist zu trennen von der unbestreitbar wichtigen Frage der Prävention vor Altersarmut. Vielen Pensionierten geht es heute finanziell überdurchschnittlich gut. Von einem nicht nachhaltigen, zu hohen Rentenniveau nach Giesskannen-Prinzip profitieren unnötigerweise auch diejenigen, die es gar nicht nötig haben (die Millionärsdichte unter den Pensionierten ist besonders hoch). Das ist unsolidarisch gegenüber der jüngeren Generation. Für diejenigen, welche finanziell nicht auf Rosen gebettet sind, haben wir mit den Ergänzungsleistungen (die man durchaus ausbauen könnte) ein bewährtes Instrument. Zudem ist die Aussage sinkender Renten falsch: Die Renten steigen heute schon. Denn durch die längere Bezugsdauer infolge der zunehmenden Lebenserwartung steigt die ausbezahlte AHV-Rentensumme pro Rentnerin und Rentner laufend an, notabene bei gleichbleibender Beitragsdauer. Um das Leistungsniveau stabil zu halten, müssten die monatlichen Renten eigentlich sinken. Tatsächlich haben ältere Arbeitslose oft Mühe, wieder eine Stelle zu finden. Und in einigen Berufen ist die körperliche oder mentale Belastung sehr hoch. Auch für diese Herausforderungen ist die unflexible Giesskanne des Rentensystems nicht ideal. Denn die meisten älteren Arbeitnehmenden sind gut im Arbeitsmarkt integriert (deren Arbeitslosenquote ist tiefer als bei den Jungen) und der Fachkräftemangel wird eher zu- als abnehmen. Viele Berufe (man denke zum Beispiel an Hochschuldozierende) und der zunehmend gute Gesundheitszustand der Bevölkerung erlauben es zwar nicht allen, aber doch vielen, länger zu arbeiten als die Generation, die in den 1880er Jahren geboren wurde und nach dem Zweiten Weltkrieg eine erste AHV-Rente erhalten hat (bereits damals war das Rentenalter auf 65 festgelegt). Gesucht sind flexible Lösungen dort, wo es notwendig ist (z.B. Branchenlösungen). «Ein Schuh durchschnittlicher Grösse ist für die eine Hälfte der Bevölkerung zu klein und für die andere Hälfte zu gross.» Roland Hofmann Vorsorgesysteme sind Umverteilungsmaschinen erster Güte, wie Charles Blankart, Schweizer Volkswirt, betont hat. Die unsystematische Giesskannenlösung ist teuer, intransparent und wirkt vielfach nicht zielgerichtet. Zudem wird so der Blick auf die tatsächlichen Probleme verstellt. Ein Schuh durchschnittlicher Grösse ist für die eine Hälfte der Bevölkerung zu klein, für die andere zu gross. Eine Flexibilisierung wirkt zudem gegen eine viel grössere Gefahr für die solidarische Altersvorsorge: den schleichenden Trend hin zur Individualisierung. Seit der Veröffentlichung unserer Studie zu flexiblen Rentensystemen in verschiedenen Ländern vor zwei Jahren hat sich politisch einiges verändert. Das Parlament hat dem Stabilisierungspaket für die AHV zugestimmt. Die Gewerkschaften machen dagegen mobil. Voraussichtlich kommt es im September zu einer Volksabstimmung. Interessanterweise wird in der Öffentlichkeit sehr viel über die Erhöhung des Rentenalters für Frauen und über die höhere Mehrwertsteuer für alle diskutiert. Viel weniger aber über die Flexibilisierung des Rentenübergangs, welche ein flexibles Rentenalter und den Bezug von Teilrenten ermöglichen soll. Unumstritten ist aber auch dieser Aspekt nicht. In der Vorlage ist eine Flexibilisierung des Rentenalters zwischen 63 und 70 Jahren vorgesehen, versehen mit einem finanziellen Anreizsystem. 65 Jahre gilt dann als Referenzalter in der AHV und in der obligatorischen beruflichen Vorsorge. Wer sich vor diesem Referenzalter zur Ruhe setzt, erhält Abzüge bei der Rente. Wer das später tut, erhält Zuschläge. Zudem können Teilrenten bezogen werden, welche einen gleitenderen Übergang vom Berufsleben in die Rente fördern sollen. «Sollen ältere Beschäftigte länger im Arbeitsleben verbleiben, braucht es noch andere spezifische Gesundheitsmassnahmen.» Isabel Baumann Ein Beweggrund für die Einführung von flexiblen Rentensystemen – in der Schweiz und anderen Ländern – ist, einen Anreiz für einen längeren Verbleib im Arbeitsleben zu setzen. Ein weiterer Beweggrund ist, der Gesundheit älterer Arbeitnehmender stärker Rechnung tragen zu können, indem Teilzeitarbeit gefördert wird und der Zeitpunkt des Eintritts in die Rente den individuellen Bedürfnissen angepasst werden kann. Unsere eigene Forschung sowie Studien aus anderen Ländern zeigen jedoch, dass diese Ziele nicht unbedingt erreicht werden. Wir untersuchten in einer Studie über einen längeren Zeitraum Länder, die das flexible Rentenalter schon kennen. Dabei hat sich gezeigt, dass die Flexibilisierung des Rentenalters nicht zwingend dazu führt, dass Menschen länger arbeiten. Diese Erkenntnis deckt sich mit einer Studie von Axel Börsch-Supan und Kollegen von 2018, die in der Zeitschrift «Economic Policy» publiziert wurde. Zudem hat unsere Studie gezeigt, dass nicht unbedingt jene Personen, die gesundheitliche Schwierigkeiten haben, frühzeitig in Rente gehen. Auch diese Erkenntnis deckt sich mit bisherigen Studien. Insgesamt konnten wir zeigen, dass flexible Rentensysteme unterschiedliche Auswirkungen haben können, je nachdem, in welchen wohlfahrtsstaatlichen Kontext sie eingebettet sind. Tendenziell findet in liberalen Wohlfahrtsstaaten wie den USA oder Chile mit verhältnismässig tiefen Rentenleistungen der Rentenübergang später statt als in skandinavischen Wohlfahrtsstaaten mit grosszügigen und umfassenden Leistungen. Im vorliegenden Schweizer Gesetzesentwurf liegt der Fokus einseitig auf dem flexiblen Rentenalter. Bei diesem ist jedoch ungewiss, ob er wirklich den erwünschten Effekt hat. Möchte man erreichen, dass ältere Arbeitnehmende länger im Arbeitsleben verbleiben, dann reicht es möglicherweise nicht aus, ein flexibles Rentenalter einzuführen. Es braucht noch andere Massnahmen, die ganz spezifisch auf die Gesundheit der Menschen abzielen, sei es allgemein oder dort, wo Leute krank werden oder wo sich Unfälle ereignen. Aus diesem Grund könnte der Aspekt der Teilrenten mit der expliziten Möglichkeit zur Teilzeitarbeit ausgeweitet werden. Solche Investitionen können sich für den Einzelnen aber auch für die Gesellschaft als Ganzes lohnen. In der jetzigen Form der Vorlage gibt es zwar Überlegungen dazu, indem betont wird, dass Teilzeitarbeit gefördert werden soll. Allerdings gibt es hierzu keine bindenden Massnahmen. Die wären aus meiner Sicht aber wichtig. Wie eine ZHAW-Studie von Sabine Steiger-Sackmann von 2018 zeigt, gibt es in der Schweiz hinsichtlich Teilzeitarbeit bisher keine gleich langen Spiesse zwischen Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden. Während Arbeitgebende Teilzeit anordnen können, können Arbeitnehmende sie nicht einfordern – im Unterschied zum Beispiel zu den Niederlanden oder Deutschland. «Ein Recht auf Teilzeitarbeit könnte als Ergänzung der AHV 21 in Betracht gezogen werden.» Isabel Baumann Eine Studie von François Höpflinger von 2019 hat gezeigt, dass Personen, die über das Rentenalter hinaus arbeiten, fast immer Teilzeit arbeiten. Das ist ein Hinweis darauf, dass ältere Arbeitnehmende teilweise bereits vor dem Erreichen des Rentenalters das Bedürfnis haben könnten, Teilzeit zu arbeiten. Ein Recht auf Teilzeitarbeit könnte daher als Ergänzung der AHV 21 in Betracht gezogen werden. Allerdings bedeutet ein Recht auf Teilzeitarbeit noch nicht, dass es sich alle leisten können. Hier bräuchte es weitere Massnahmen, z. B. finanzielle Abfederungen in Form von erweiterten Ergänzungsleistungen, insbesondere für Personen mit tiefen Löhnen oder Unterbrüchen in den Karrieren etwa wegen Elternschaft oder Arbeitslosigkeit. Um ältere Arbeitnehmende länger im Arbeitsmarkt zu halten und ihre Gesundheit zu erhalten und zu fördern, braucht es also mehr als die Flexibilisierung des Rentenalters.

Debatte: Ist die Qualität von Forschenden an der Zahl ihrer Publikationen messbar?

Angesichts der beschleunigten Wissensproduktion steigt auch die Zahl der Publikationen exponentiell an. Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl wissenschaftlicher Aufsätze weltweit pro Jahr um 9 Prozent steigt. Angesichts dieser Entwicklung fürchten Kritiker, dass die Qualität der Veröffentlichungen beziehungsweise der Forschung, die ihnen zugrunde liegt, sinkt. Das Problem sehe ich aber nicht in einem zu grossen, sondern eher in einem kleinen Output. Denn mangels Zeit oder finanzieller Mittel kommen Forschende längst nicht dazu, alle Ergebnisse ihrer harten Arbeit zu veröffentlichen, weil sie sich – kaum ist der Abschlussbericht erstellt – bereits um die nächsten Projektfinanzierungen kümmern müssen. Das gilt vor allem für Forschende an Fachhochschulen, die ihre Arbeit weitgehend über projektbezogene Drittmittel finanzieren müssen. «Das bahnbrechendste Ergebnis nützt nichts, wenn es im stillen Kämmerchen bleibt.» Das bahnbrechendste Forschungsergebnis nützt aber nichts, wenn Forschende die Erkenntnisse im stillen Kämmerchen für sich behalten. Das dient weder der eigenen Karriere noch der wissenschaftlichen Gemeinschaft oder der Gesellschaft. Wenn ein Astronom einen neuen Planeten entdeckt, dann muss das die Welt wissen. Erst wenn eine Arbeit publiziert wurde, können andere darauf zugreifen, darüber diskutieren, sie zitieren und die Gedanken in eigenen Forschungen weiterführen. So kann neues Wissen entstehen, sich verbreiten und die Qualität der Forschungsarbeit geprüft werden. Deshalb gehe ich davon aus, dass Forschende auch im eigenen Interesse nur Gehaltvolles veröffentlichen. Grundsätzlich ist ein regelmässiges Publizieren wichtig für eine erfolgreiche akademische Karriere und für die Akquisition von Fördermitteln. «Erst wenn eine Arbeit publiziert wurde, können andere darüber diskutieren und die Gedanken weiterführen.» Bei wissenschaftlichen Erkenntnissen, die von allgemeinem Interesse sind und mit öffentlichen Mitteln gefördert wurden, hat die Gesellschaft auch ein Recht darauf, von diesem Fortschritt zu erfahren. Das allgemeine Interesse an Wissenschaft hat angesichts der Pandemie und des Klimawandels zugenommen. Deshalb sollte das Wissen nicht nur in wissenschaftlichen Fachpublikationen veröffentlicht werden, sondern auch in Tages- und Wochenzeitungen sowie Magazinen. Spätestens seit den öffentlichen Diskussionen um neue Erkenntnisse hinsichtlich Covid-19 ist weiten Teilen der Bevölkerung ins Bewusstsein gerückt, welche Qualitätskriterien an wissenschaftliche Studien angelegt werden müssen. Wichtig ist eben, dass die Erkenntnisse einen Beurteilungsprozess durch andere unabhängige Fachleute durchlaufen, dass Forschungsdesigns, statistische Analysen und Ergebnisse überprüft werden können und Experimente wiederholbar sind. All das dient der Glaubwürdigkeit von Forschung. Wissenschaftliche Glaubwürdigkeit ist in Zeiten von Fake News und Verschwörungsthesen enorm wichtig. Viel publizieren ist also grundsätzlich ein gutes Zeichen für Forschende, sofern die Qualität überprüfbar ist. Ich teile die Meinung, dass man Ergebnisse von Forschung, die aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, öffentlich zugänglich machen sollte, sei es in Fachartikeln oder in populärwissenschaftlichen Artikeln für die Allgemeinheit. Forschung, die keine publizierbaren Ergebnisse liefert, muss sich im Gegenteil der Frage stellen, ob es sich überhaupt um eine Forschungstätigkeit handelt. Aktuell sehe ich aber ein Problem in manchen Verlagen, die das grundsätzlich sehr zu begrüssende Open-Access-Prinzip – also den freien Zugang zu Forschungsergebnissen – zum Geschäftsmodell erhoben haben. Hierbei zahlen die Autorinnen und Autoren für die Veröffentlichung, der Zugriff für die Leserschaft ist offen und kostenlos. Um den Profit zu maximieren, nehmen diese Verlage fast alles an. Es gibt kaum eine fachliche Überprüfung. Veröffentlichungen in solchen sogenannten «Predatory Journals» – auf Deutsch «räuberische Fachzeitschriften» – schaden eher dem Ruf der Forschung beziehungsweise der Autoren. Fragwürdig ist auch eine Mehrfachverwertung, bei der mehrere Artikel mit sich stark überschneidendem Inhalt veröffentlicht werden, um die blosse Zahl der Publikationen zu erhöhen. «Um den Profit zu maximieren, nehmen gewisse Verlage fast alles an. Es gibt kaum eine fachliche Überprüfung.» Die blosse Zahl an Publikationen ist also kein hinreichendes Qualitätskriterium. Es kommt beim Publizieren auf das Wo und Wie an: Ein Fachartikel in einer angesehenen wissenschaftlichen Fachzeitschrift ist ganz anders zu gewichten als ein Artikel zum Beispiel für die Mitgliederzeitschrift eines Branchenverbandes oder ein Preprint (Vorabdruck), der ganz ohne Review durch andere Expertinnen und Experten auf dem Gebiet erscheint. Denn bei seriösen Medien ist ein sogenannter strenger Peer-Review-Prozess selbstverständlich, bei dem möglichst unabhängige Fachleute das Paper oder die Monografie auf wissenschaftliche Güte prüfen. «Ein besserer Indikator für die Bedeutung der Forschung und den «Impact» ist, wie oft ein Artikel zitiert wird.» Ein besserer Indikator für die Bedeutung der Forschung und den «Impact» in der Fachwelt ist vielmehr, wie oft ein Artikel zitiert wird. Hierfür existieren diverse numerische Indikatoren, die die Publikationstätigkeit eines Forschers in einem einzigen numerischen Wert abbilden. Ein populäres Beispiel ist der Hirsch-Index (H-Index), eine Kennzahl für die weltweite Wahrnehmung eines Wissenschaftlers in Fachkreisen. Er misst, wie viele Artikel mit welcher Häufigkeit zitiert wurden. Zum Beispiel bedeutet H=50 , dass ein Forscher Autor von 50 Publikationen ist, die mindestens 50 Mal zitiert wurden. Ganz unproblematisch ist aber auch diese Kennzahl nicht, da es in verschiedenen Disziplinen teilweise unterschiedliche Praktiken gibt, was die (Ko-)Autorschaft und Zitierweise angeht. Für transdiziplinäre Vergleiche sind diese Indikatoren also auch kein sehr verlässlicher Massstab. Oder es kommt vor, dass sich Forschende immer wieder selbst zitieren, was zur Verfälschung beiträgt. Deshalb sollte man bei der Beurteilung von Forschenden und ihrer Leistungen nicht alles auf eine Zahl setzen.

Weshalb Fachhochschulen europäisch forschen sollten – fünf gute Gründe

Forschung lebt vom Austausch und vom Wettstreit um die bessere Erklärung. Sie ist damit schon immer in der Tendenz international, denn die Scientific Community als primärer Resonanzraum von Forschung ist nicht an nationalstaatliche Grenzen gebunden. Selbst wenn ich beispielsweise zu den konkreten Formen der Unterstützung von armutsbetroffenen Familien im Kanton Aargau forsche, so tue ich dies in der Regel mit theoretischen und methodischen Ansätzen, die internationale Standards sind. Zudem kontrastiere ich meine Ergebnisse mit vergleichbaren Studien aus anderen Regionen auch ausserhalb der Schweiz, gerade um die Besonderheiten meines Untersuchungsgegenstandes besser herausarbeiten zu können. Die hier an einem beliebig zu erweiternden Beispiel illustrierte Inter­nationalität von Forschung bedeutet noch nicht, dass diese durch ein europäisches Rahmenprogramm für Forschung und Innovation gefördert werden muss. Im beschriebenen Fall wird die Förderung in der Regel über den Schweizerischen Nationalfonds, eine Stiftung oder ein kantonales Amt erfolgen. Wozu braucht es also ein Rahmenprogramm wie Horizon Europe und was sind die Spezifika, die insbesondere für Forschende aus den Fachhochschulen interessant sind? Hier die markantesten fünf Argumente: Beginnen wir mit dem schnöden Mammon. Horizon Europe ist mit über 90 Milliarden Euro ein sehr hoch dotiertes Forschungsförderungsgefäss. Dies erlaubt gut ausgestattete Projekte. Für die Fachhochschulen besonders interessant ist dabei, dass die Förderkriterien besser auf die Bedürfnisse der Fachhochschulen passen, als dies beispielsweise beim SNF der Fall ist. Auch wenn der Topf sehr gross ist, der Wettbewerb um den Topf ist noch grösser. Um die europäischen Fördermittel bewerben sich hoch qualifizierte Forschende aus ganz Europa. In diesem Wettbewerb zu bestehen, ist nicht einfach. Doch wenn es gelingt, illuminiert dies den Stellenwert der eigenen Forschung und verschafft eine hohe Reputation auch über die Scientific Community hinaus. Dies gilt nicht nur für die ERC Grants, die gemeinhin als die Champions League der Forschung gelten, sondern auch für die sog. kollaborativen Projekte. In diesen kollaborativen Projekten arbeiten Forschende und Akteure aus der Praxis in grösseren Teams eng zusammen, um für ein spezifisches Problem die bestmögliche Lösung zu finden. Dies führt zu befruchtenden Kontakten innerhalb der Disziplinen – denn hier treffe ich auf renommierte Forschende auf meinem Gebiet – und zwischen den Disziplinen sowie den unterschiedlichen Forschungstraditionen. Mit der Ausschreibung von kollaborativen Projekten in sog. Clustern wie «Klima, Energie und Mobilität» oder «Gesundheit» reagiert die EU-Kommission auf spezifische gesellschaftliche und wirtschaftliche Heraus­forderungen wie den Klimawandel, die Digitalisierung oder die Alterung. Das macht sie für die Forschenden aus den Fachhochschulen besonders anschlussfähig, sind sie es doch gewohnt, auf konkrete, praxis­relevante Probleme umsetzbare Lösungen zu erarbeiten. In den kollaborativen Projekten arbeiten Forschende nicht nur mit Forschenden aus Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen zusammen, sondern auch mit Partnern aus der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft oder mit staatlichen Akteuren. Forschende aus den Fachhochschulen sind mit diesen Akteuren in der Regel bestens vernetzt und können diese Netzwerke mit Gewinn in die europäische Forschung einbringen. Es gibt also zumindest fünf gute Gründe, um als Forscherin oder Forscher aus einer Fachhochschule europäisch zu forschen. Der Weg dahin ist nicht einfach, die Rahmenbedingungen sind schwieriger als auch schon – der Ertrag aber ist viele Anstrengungen wert. Patrik Ettinger

Weiterbildung bringt mehr als eine Imam-Ausbildung

Anders als christliche Geistliche können islamische Prediger sich nicht in der Schweiz ausbilden lassen. Dennoch wird seit Jahren immer wieder eine Ausbildung für Imame nach hiesigen Standards gefordert. Genauer gesagt: Meistens dann, wenn es zu negativen Medienberichten kommt wie nach Auftritten sogenannter Hassprediger. Ein bekanntes Beispiel ist der Fall der An’Nur-Moschee in Winterthur, die als Treffpunkt radikaler Islamisten galt. Wäre eine staatliche Imam-Ausbildung ein zweckmässiger Ansatz, um extremistische Prediger und die von ihnen ausgehende Radikalisierung zu verhindern? Das Bundesamt für Justiz und das Staatssekretariat für Migration beauftragten uns – ein Forschungsteam des Instituts für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe – damit, dies herauszufinden. Das Ergebnis unserer Studie in Kürze: Es wäre schlichtweg nicht möglich, hierzulande gute Ausbildungsgänge für Imame anzubieten. Die Nachfrage pro Ausbildungsgang wäre ganz einfach zu gering, weil es zu viele Ausrichtungen innerhalb des Islams gibt. Das sehen wir in Deutschland und Frankreich, wo es solche Angebote gibt. Dazu kommen die vielen verschiedenen Sprachkreise. Für alle etwas anzubieten, ist unmöglich. Radikale Prediger sind zwar ein Problem. Aber weder sind ihre Auftritte repräsentativ für die Situation im ganzen Land, noch sind Moscheen grundsätzlich Horte der Radikalisierung. Die überwiegende Mehrheit der Imame in der Schweiz vertritt einen gemässigten Islam. In Bezug auf die Radikalisierung wird ihre Rolle jedoch überschätzt. Diese kann genauso gut anderswo stattfinden, zum Beispiel im Kampfsportzentrum, im Café und vor allem im Internet. Ausserdem handelte es sich bei Hasspredigern meistens um Wanderprediger, die in die Schweiz einreisen und sich hier nur für kurze Zeit aufhalten. Sie würden sowieso nicht unter eine solche Ausbildungspflicht fallen. Eine Ausbildung ist also nicht die Lösung. Was unsere Untersuchung hingegen klar zeigte: Es mangelt in der Schweiz an muslimischen Betreuungspersonen im Allgemeinen, also etwa in der Seelsorge und anderen Bereichen der Sozialen Arbeit. Das ist insofern ein Problem, als sie hinsichtlich der Radikalisierungsgefahr eine wichtige Präventionsfunktion einnehmen können, gerade in der Jugendarbeit, in Spitälern und im Strafvollzug, aber auch durch Religions- oder Nachhilfeunterricht für Kinder, Integrationsförderung von Frauen und anderen Zielgruppen oder die Einrichtung demokratischer Strukturen und die Administration von Moscheevereinen. Anders als viele Imame sind sie gut integriert. Sie sind potenzielle Ansprech- und Schlüsselpersonen nachhaltiger Integration sowie institutioneller und gesellschaftlicher Öffnung und Weiterentwicklung. Statt auf eine Imam-Ausbildung zu fokussieren, wäre es zielführender, wenn man die Weiterbildungsangebote für solche Betreuungspersonen ausbauen würde. An verschiedenen Orten in der Schweiz ist man daran, das zu tun. Seit 2017 gibt es den CAS «Religious Care im Migrationskontext» an der Universität Bern, seit 2018 den Weiterbildungslehrgang «Muslimische Seelsorge und Beratung im interreligiösen Kontext» an der Universität Fribourg und seit 2019 ein Weiterbildungsangebot für muslimische Betreuungspersonen im Kanton Zürich im Rahmen des Projekts «Zürich-Kompetenz». Hier ist man also auf gutem Weg. Grundsätzlich wären Weiterbildungsangebote bezüglich Religions- und Gemeindepädagogik sowie gesellschaftsbezogene Kompetenzen wie Kenntnisse über Politik, Recht und Institutionen oder Medienarbeit denkbar, damit soziale und religiöse Begleitung in den westlichen Kontext übersetzt werden können. Neben Wissensvermittlung geht es in solchen Weiterbildungskursen um vertiefte Auseinandersetzung und Diskussion, welche gerade auch in gemischten Kursen mit Teilnehmenden anderer Glaubensrichtungen gewinnbringend sind. Es gibt aber nicht nur ein praktisches, sondern auch ein rechtliches Argument gegen eine Imam-Ausbildungspflicht nach Schweizer Standard: Der Bundesrat hat das Postulat mitunter deshalb abgelehnt, weil er es als verfassungswidrig einstufte. Unser Staat ist gemäss Verfassung zu religiöser Neutralität verpflichtet. Das heisst, er darf keine Massnahmen ergreifen oder Vorschriften machen, die eine spezifische Religionsgemeinschaft betreffen. Mirjam Eser Davolio

Wir sind keine Koalas, die nur von Eukalyptus leben, wir müssen essen lernen

Statistisch betrachtet verspeist jede Schweizerin und jeder Schweizer durchschnittlich pro Jahr rund 1,5 Tonnen an Lebensmitteln und Getränken, die unser Körper verstoffwechselt. Immerhin sind das dann annähernd 50 Tonnen feste und 50 Tonnen flüssige Nahrung, die sich ein Mensch bis zum 85. Lebensjahr einverleibt hat. Das ist alles andere als banal; sollte man meinen. Im Alltag benötigen wir Wissen, Erfahrungen, praktische Kompetenzen, um Essen auszuwählen und zuzubereiten sowie anschliessend mögliche Reste einer Weiterverwertung zuzuführen. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden solche Kompetenzen vorwiegend in der Familie erlernt. Durch die veränderten gesellschaftlichen Entwicklungen sind weder Ernährungskompetenzen noch deren Weitergabe heute in Familien selbstverständlich. So wird zunehmend den Schulen die Vermittlung von sogenannter «Nutrition Literacy», also von praktischen und theoretischen Ernährungskompetenzen, zugeschrieben. Doch was passiert, wenn auch in Schulen immer weniger praktisches und theoretisches Wissen über Essen und Lebensmittel gelehrt werden? Essen ist zentral, nicht nur für unser individuelles Überleben, sondern Essen ist mit allen gesellschaftlichen Bereichen verwoben. Es ist das «Food Environment», welches unseren Umgang mit Essen prägt. Doch sowohl wir als Menschen, unsere physiologischen Bedürfnisse wie auch die Umgebung, in der wir leben, verändern sich, damit auch, was und wie viel wir essen. Nutrition Literacy ist damit nicht «fix», sondern muss stetig erweitert werden, Lifelong Learning also. Anhand von zehn Gründen (es gibt noch viele mehr) soll aufgezeigt werden, warum es heute praktische und theoretische Kenntnisse zu den Themen Essen und Ernährung, also Nutrition Literacy, braucht und wie dadurch mehr Eigenverantwortung, Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit und mehr Einfluss auf das Food Environment in einer immer komplexeren Welt genommen werden kann. Schon Hippokrates sagte: «Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein.» Essen hat unmittelbaren Einfluss auf unsere Gesundheit. Weder zu viel noch zu wenig Essen tut uns gut. Doch wir müssen erst lernen, was gesund oder ungesund ist, wir haben keine Instinkte wie Koalas. Wie werden Lebensmittel angebaut, zubereitet, richtig bevorratet? Das Wissen und die praktischen Kenntnisse sind entscheidend für die Qualität und die Inhaltsstoffe der Lebensmittel. Die Auswahl ist heute unüberschaubar, wir müssen lernen zu unterscheiden. Wie können durch Prozesse wie z.B. Kochen, Rösten, Fermentieren, Backen, Braten etc. Lebensmittel verfeinert werden und im Geschmack variieren oder besser haltbar gemacht werden? Dazu braucht es Wissen und Erfahrungen. Unsere Ernährung nimmt unmittelbaren Einfluss auf unsere Umwelt. Der im Jahr 2019 veröffentlichte EAT Lancet Report formulierte sehr prägnant, wie Essen beides ist, Grundlage und Bedrohung für unser Überleben als Menschheit. Doch dazu müssen wir diese Zusammenhänge auch verstehen können. Lebensmittel haben unterschiedlichen Ressourcenverbrauch (z.B. Boden, Energie, Wasser, Stickstoff) und damit Auswirkungen auf die Verfügbarkeit endlicher Ressourcen. Es benötigt praktisches und theoretisches Wissen, diejenigen Lebensmittel zu wählen und zuzubereiten, die die Ressourcen schonen. Durch unsere (Aus-)Wahl an Lebensmitteln nehmen wir Einfluss auf die Lebensbedingungen der Produzierenden, beispielsweise durch faire Preise. Hierzu ist es wichtig, auch zu verstehen, woher Lebensmittel kommen und wie deren Herstellungsbedingungen sind. Die Verschwendung von Lebensmitteln vergeudet nicht nur wertvolle Ressourcen, sondern missachtet auch die Arbeit von vielen Menschen, die die Lebensmittel anbauen, verarbeiten, transportieren und verkaufen. Lebensmittel und deren Herstellungen, Zubereitungen sind Ausdruck von kulturellen Traditionen und Praktiken, die erlernt werden müssen. Brot backen ebenso wie beispielsweise die Herstellung von fermentiertem Gemüse. Dazu braucht es die Weitergabe von praktischen und theoretischen Kenntnissen. Essen hat immer mit einer Haltung der Wertschätzung und des Respekts zu tun (oder deren Mangel, wenn wir Lebensmittel verschwenden). Mehr Wertschätzung entsteht z.B. auch durch mehr Wissen und Kenntnisse über Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln. Wertschätzung muss vermittelt werden. Das gemeinsame Essen ist zentral für unser psychisches und soziales Wohlergehen, auch hier benötigen wir Wissen und Kenntnisse, z.B. wie Menschen in unterschiedlichen Kulturen das gemeinsame Essen gestalten, was sie essen und wie wir andere durch und mit Essen integrieren können. Die Liste an Gründen für die Vermittlung von Nutrition Literacy ist hier bei Weitem nicht erschöpfend, es lassen sich noch mannigfaltige Beispiele finden. Alle weisen jedoch in die gleiche Richtung: Es braucht mehr praktische und theoretische Kompetenzen im Bereich Ernährung! Offen hingegen ist nach wie vor: Wo wird Nutrition Literacy nach der Schulzeit vermittelt? An welcher Stelle könnte die ZHAW hier einen Beitrag leisten? Wäre es nicht denkbar, in Kursen, die offen sind für Studierende und Mitarbeitende, Nutrition Literacy zu vermitteln? Eine Vision, zugegebenermassen, aber es kann ja auch ein Anstoss und Ansporn sein, hier gesellschaftlich relevante Aufgaben zu übernehmen. Ich jedenfalls wäre gerne dabei, und Sie? Christine Brombach

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