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Contact Tracing: Eine Vertrauensfrage

Es war April und die Schweizer Corona-Kurve flachte langsam ab, als die ZHAW School of Management and Law eine Studie zur geplanten SwissCovid-App lancierte. In den Wochen davor wurde in und ausserhalb der Schweiz viel über die sogenannten Tracing-Apps diskutiert. Die Meinungen gingen weit auseinander. Manche warnten vor dem Ausbau eines neuen Überwachungsstaats, andere betonten die Wichtigkeit einer konsequenten Rückverfolgung von Ansteckungsketten. «Uns hat interessiert, wie sehr die Bevölkerung der App vertraut», sagt Nico Ebert, Dozent am Institut für Wirtschaftsinformatik . Er hat die Studie gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Widmer vom Zentrum für Sozialrecht realisiert. «Die SwissCovid-App ist in Sachen Datenschutz gut durchdacht und bietet kaum Angriffsflächen.» Nico Ebert Nico Ebert befasst sich in seiner Arbeit vertieft mit Datenschutz und hatte sich in den Wochen davor das Design der App genau angeschaut. «Die SwissCovid-App ist in Sachen Datenschutz bis ins Detail durchdacht und bietet kaum Angriffsflächen für Missbrauch. Eine hinsichtlich Datenschutz sicherere Lösung kann ich mir kaum vorstellen», sagt Ebert. Er wollte wissen, ob dieses Design das Vertrauen der Bevölkerung stärkt. Grundlage der Befragung war eine App, die keine Standort- und Bewegungsdaten erfasst und bei der alle Daten dezentral gespeichert werden. Eine App, wie sie die ETH Lausanne und die ETH Zürich in den vergangenen Wochen gemeinsam mit dem Unternehmen Ubique entwickelt haben. An der Umfrage beteiligten sich rund 2000 Personen aus allen Landesteilen.Was Nico Ebert und Michael Widmer herausgefunden haben, scheint auf den ersten Blick widersprüchlich: 68 Prozent gaben an, die App auf jeden Fall oder wahrscheinlich zu installieren. Als Gründe nannten die Befragten vor allem das Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Allgemeinheit und den Schutz von Familie und Freunden. Zugleich befürchteten 40 Prozent der Befragten, der Staat könnte die App als Vorwand nutzen, um die Bevölkerung stärker zu überwachen. «Einige formulierten dabei auch ganz grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Staat und den Behörden», so Ebert. 40 Prozent der befragten Personen befürchteten, dass die App nicht richtig funktioniere und beispielsweise Fehlalarme auslöse. Ein knappes Drittel sorgte sich, dass ihr Smartphone leichter gehackt werden könnte. «Trotz der grundsätzlich grossen Akzeptanz gibt es in der Bevölkerung offenbar einige Bedenken. Selbst gegenüber einer App wie dieser, die keine Standort- und Bewegungsdaten erfasst», sagt Nico Ebert. Dieses Resultat habe ihn überrascht. Wenige Wochen zuvor hatte ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Oxford University in mehreren europäischen Staaten eine Studie mit fast identischer Fragestellung durchgeführt und stiess dabei etwa auf dieselben Zustimmungen. Obwohl sich das geplante Design der Apps im Ausland zu jenem Zeitpunkt noch deutlich von der Schweizer Version unterschied. «Das Vertrauen in die App hängt offenbar von verschiedenen Faktoren ab. Das technische Design ist bei der Bewertung nur ein Faktor nebst weiteren.» Er halte es deshalb für zentral, bei der Einführung der App auf die Sorgen in der Bevölkerung einzugehen. «Es braucht Transparenz über die genaue Funktionsweise und über Massnahmen zur Wahrung des Datenschutzes.» Die ETH Lausanne und Zürich haben mit ihrem Protokoll namens DP-3T eine Lösung entwickelt, die mittlerweile von anderen Ländern übernommen wird. Dabei bleiben alle Informationen, welche Personen sich wann und wo getroffen haben, dezentral auf den einzelnen Smartphones gespeichert. Nach zwei Wochen werden alle Kontakte wieder gelöscht. Die App steht in den klassischen App-Stores als Download zur Verfügung. Kurz erklärt, funktioniert die SwissCovid-App so: Befinden sich zwei Smartphones in weniger als zwei Meter Abstand für mehr als 15 Minuten, wird dieser Kontakt auf beiden Geräten anonym gespeichert. Voraussetzung ist, dass beide Geräte die App installiert und Bluetooth aktiviert haben. Die App soll erkennen, wenn beispielsweise eine Wand zwischen den Geräten steht, Plexiglasscheiben hingegen erkennt sie nicht. Nutzer können die App aber jederzeit deaktivieren. Wird nun eine Person positiv auf das Coronavirus getestet, erhält sie vom kantonsärztlichen Dienst einen sogenannten Covid-Code. Diesen kann sie in ihrer App eingeben, worauf ein zentraler Server alle Nutzer benachrichtigt. Die einzelnen Apps gleichen den Code der erkrankten Person nun selbstständig mit den aufgezeichneten Kontakten ab und lösen gegebenenfalls Alarm aus. Nutzerinnen und Nutzer, welche von der SwissCovid App über einen Kontakt mit einer infizierten Person benachrichtigt werden, können selbst entscheiden, wie sie darauf reagieren. Die App zeigt die Telefonnummer einer Infoline an, bei der Betroffene anonym weitere Informationen erhalten. Die Applikation empfiehlt weiterhin, bei Auftreten von Symptomen den Coronavirus-Check im Internet zu machen oder medizinischen Rat einzuholen und sich in freiwillige Quarantäne zu begeben. Wird die Isolation vom Arzt oder durch die kantonalen Behörden angeordnet, ist auch die Lohnfortzahlung gewährleistet. Herausgeber der App ist das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Dieses bemüht sich, die Bevölkerung über die Funktionsweise der App aufzuklären. Anfang Juni lud das BAG zu einem Medien-Hintergrundgespräch ein. Wie der Kommunikationschef Gregor Lüthy sagt, plant der Bund zum Start der App eine breite Informationskampagne, die auch die Sicherheits- und Datenschutzthematiken aufgreift. «Es wird sich zeigen, ob trotz tiefer Fallzahlen ausreichend Personen die App installieren werden.» Marcel Salathé Die App sehen die Verantwortlichen als wichtige Ergänzung zu den kantonsärztlichen Abklärungen und Nachverfolgungen von Infektionsketten, wie sie bereits bisher stattfinden. «Dabei wird sich zeigen, ob trotz tiefer Fallzahlen ausreichend Personen die App installieren werden», sagt Marcel Salathé, Epidemiologe an der ETH Lausanne und Mitglied Science Task Force digitale Epidemiologie, im Rahmen des Hintergrundgesprächs. Ob es dem Bundesamt für Gesundheit gelingt, einen ausreichend grossen Bevölkerungsteil zu überzeugen, zeigt sich in den kommenden Wochen. Es wird zu einer Frage des Vertrauens: in die App und die Behörden. Simon Jäggi

Phagen – die «guten» Viren

Einst galten Antibiotika als Wunderwaffe im Kampf gegen schädliche Bakterien. Auch in der Landwirtschaft kommen die Antibiotika bis heute in grossen Mengen zum Einsatz. Doch seit einigen Jahren nimmt die Zahl von antibiotikaresistenten Bakterien explosionsartig zu. Jedes Jahr sterben gemäss WHO mehr als 700‘000 Menschen an resistenten Keimen. In Viehzuchtbetrieben, Abwässern und Krankenhäusern tauchen immer neue resistente Mikroorganismen auf. ForscherInnen weltweit suchen fieberhaft nach neuen Waffen im Kampf gegen Bakterien. Besonders grosse Hoffnung setzen sie auf Viren, sogenannte Bakteriophagen. An der ZHAW leitet Professor Lars Fieseler mehrere Forschungsprojekte zu Bakteriophagen. «Die Zunahme von Resistenzen ist dramatisch», sagt er. Fieseler ist Lebensmittelmikrobiologe. Er leitet an der ZHAW das Zentrum für Lebensmittelsicherheit und Qualitätsmanagement sowie die Forschungsgruppe Lebensmittelmikrobiologie. «Bakteriophagen», sagt Fieseler, «haben ein enormes Potenzial in der Bekämpfung von Bakterien, das bis heute noch kaum zum Einsatz kommt.» Bakteriophagen sind bestimmte Gruppen von Viren, die auf Bakterien als Wirtszellen spezialisiert sind und diese zur eigenen Vermehrung zerstören. Das will sich die Wissenschaft zunutze machen und so neue Mittel im Kampf gegen Bakterien entwickeln. An der ZHAW laufen unter Leitung von Lars Fieseler zurzeit vier Forschungsprojekte zu Bakteriophagen, das grösste trägt den Titel «PhageFire». Im Fokus steht dabei das Bakterium Erwinia amylovora , Erreger des unter Obstbauern gefürchteten Feuerbrands. Die mehrere hundert Jahre alte Pflanzenkrankheit hat sich mit der Globalisierung weltweit ausgebreitet und lässt befallene Pflanzen innerhalb kurzer Zeit vertrocknen. «Bauern setzten dagegen seit vielen Jahre verbreitet Antibiotika ein», sagt Fieseler. «Aufgrund der zunehmenden Resistenzen haben inzwischen zahlreiche Staaten diese Anwendung verboten. Bakteriophagen könnten diese Aufgabe in Zukunft übernehmen.» Das Projekt ist eine Zusammenarbeit eines internationalen Konsortiums von Kernobstproduzenten und Forschungsunternehmen, finanziert wird es durch das EU-Forschungsprogramm Horizon 2020. «Unser Auftrag ist es, bis in zwei Jahren einen Phagen-Cocktail zu entwickeln, den Obstbauern gegen die Feuerbrand-Erreger einsetzen können», sagt Lars Fieseler. Das Potenzial von Phagen entdeckten Forschende bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aufgrund der zeitgleich aufkommenden Antibiotika blieb das Interesse in Westeuropa und den USA klein. Insbesondere in Teilen der Sowjetunion, wo Antibiotika rar waren, wurde später intensiv zu Phagen geforscht. Infolge der zunehmenden Antibiotika-Resistenzen ist seit einigen Jahren in weiten Teilen der Welt ein neues Interesse an Phagen erwacht. Lars Fieseler spricht von einem «Phagen-Boom». Nicht nur die Wissenschaft, auch immer mehr Start-up-Unternehmen widmen sich den kleinen Bakterien-Killern. Bakteriophagen sind kleine Nanokraftwerke, sie gelten als die komplexesten Viren überhaupt. Zur Vermehrung docken sie an den Wirtsbakterien an und durchdringen deren Zellwand. Mittels eines Prozesses, zu dessen genauerem Verständnis die ZHAW ebenfalls forscht, gibt der Phage seine DNA in das Bakterium ab. Dort vermehrt sich der Phage, zerstört dabei das Bakterium und vervielfacht sich um das Fünfzigfache. Dabei sind Bakteriophagen hoch spezifisch, das heisst, ein Phage braucht zur Vermehrung immer eine ganz bestimmte Bakterienart. Im Gegensatz zu Antibiotika können Phagen somit zielgenau zur Bekämpfung von Bakterien eingesetzt werden. «Die Spezifität ist Chance und grosse Herausforderung zugleich», sagt Lars Fieseler. Die Suche und Bestimmung der jeweils passenden Phagen ist für die Wissenschaftler, wie etwa im Fall des Feuerbrand-Erregers, mit grossem Aufwand verbunden. Die Gewinnung der Phagen erfolgt im Feld, dort, wo auch die jeweiligen Wirtbakterien vorhanden sind. MitarbeiterInnen aus dem Team von Lars Fieseler besuchen Kernobstplantagen, in denen der Feuerbrand sich ausbreitet, und entnehmen Bodenproben. Im Labor züchten sie dann Phagenkulturen heran, die sie mit den jeweiligen Bakterien nähren. In verschiedenen Zwischenschritten werden die einzelnen Phagentypen isoliert und schliesslich ihr Genom sequenziert. In weiteren Projekten forscht Fieseler mit seinem zwölfköpfigen Team zu einem Phagen-Puder für den Einsatz in Lebensmitteln und zu Phagen, mit denen das Darmbakterium E. coli bekämpft werden kann. Grundsätzlich einsetzbar sind Phagen überall dort, wo Bakterien die Gesundheit der Menschen gefährden. Im Bereich der Lebensmittel haben die Behörden in den USA bereits verschiedene Phagen zur Anwendung zugelassen. Die Behörden in der EU sind dabei deutlich restriktiver. In der Schweiz ist der Einsatz eines bestimmten Bakteriophagen für die Käseproduktion bewilligt. Grosses Potenzial besteht auch im Bereich der Medizin, wie die Erfahrungen aus Osteuropa zeigen. Etwa bei der Bekämpfung von Lungenkrankheiten, Entzündungen des Knochenmarks oder der Hirnhaut. Auch in der EU und den USA wurde der Einsatz von Phagen in Einzelfällen bereits mit Erfolg bewilligt. Für eine breite medizinische Zulassung sind die Hürden jedoch deutlich höher, wie Sabina Gerber sagt. Sie ist Leiterin der Fachstelle Biochemie und Bioanalytik an der ZHAW und forscht ebenfalls zu Phagen. «Wir wollen die Funktionsweise der Phagen bis ins kleinste Detail verstehen.» In Zusammenarbeit mit Lars Fieseler untersucht sie den molekularen Aufbau und den Infektionsprozess der Phagen. Im Fokus steht dabei der sogenannte Schwanzsporn der Phagen, ein komplexes Konstrukt aus Proteinen, mit denen ein Phage am Bakterium andockt und das der Wissenschaft noch einige Fragen aufgibt. Eine der grössten Herausforderungen für einen verbreiteten Einsatz von Phagen wird es sein, das Vertrauen der Gesellschaft zu gewinnen, sind sich Lars Fieseler und Sabina Gerber einig. Denn momentan haben Viren keinen besonders guten Ruf. Das könnte sich schon bald ändern. Simon Jäggi

Die Socialpreneure

«Ich träumte von einem Bungalow am Meer, weissen Stränden und perfekten Wellen zum Surfen», erinnert sich Khalil Radi, Absolvent des ZHAW-Studiengangs International Management . Die Semesterferien während seines Auslandsjahrs in Kolumbien wollte er in Nicaragua verbringen. Die Realität, die er dort antraf, war eine ganz andere: Radi erlebte mit, wie das Land auf einen neuen Bürgerkrieg zusteuerte und die Tourismus-Industrie zusammenbrach. Er sah wie Unmengen an Plastik herumlagen. Umweltorganisationen schätzen, dass 86 Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren schwimmen, und jeden Tag werden es 25'000 Tonnen mehr. «Es sind schier unvorstellbar grosse Mengen.» Doch wer wie Radi selbst einmal einen Fuss auf einen von Plastik übersäten Strand gesetzt hat, kann das Ausmass der Verschmutzung besser begreifen: «All das hat mich erschüttert.» Khalil Radi selbst war in der Schweiz in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, seine Mutter alleinerziehend. Mit 16 entschied er sich für eine Lehre bei der Bank: «Ich glaubte, dass ich durch Materialismus glücklich werde.» Er verdiente gutes Geld, hatte bald eine eigene Wohnung und ein Auto. Doch die erhofften Glücksgefühle blieben aus. Im Jahr 2016 begann er ein Studium an der ZHAW im Bereich International Management. Bereits vor seinem Auslandsjahr hatte er entschieden, dass er seinem Leben eine neue Richtung geben wollte. Er kündigte seinen Job bei der Bank und die Wohnung und verkaufte sein Auto. «Als ich in Nicaragua war, die Armut und die Umweltverschmutzung sah, wollte ich etwas tun.» Kurz entschlossen organisierte Radi einen Event, bei dem Einheimische gegen die Abgabe von Plastikflaschen eine warme Mahlzeit erhielten. Seine Idee: Verhindern, dass noch mehr Plastik ins Meer gelangt, die Ernährungssituation verbessern und die Bevölkerung sensibilisieren. Das Projekt «Buy Food with Plastic» war geboren. Auf einem Sportplatz spannte Radi grosse Moskitonetze auf, die als Sammelbehälter für das Plastik dienten. Dort konnten die Menschen zum Beispiel Flaschen abgeben, die sie gesammelt hatten, und ein paar Meter weiter das Essen beziehen. Nach dem Sonnenuntergang zeigte der damalige ZHAW-Student auf einer Leinwand einen Film über Umweltverschmutzung durch Plastik. Bereits der erste Event war ein Erfolg: Rund 200 Einheimische, darunter viele Kinder, kamen und lieferten über 1800 Flaschen ab. «Mir wurde rasch klar, dass ich dieses Projekt fortsetzen möchte», sagt Radi. «Denn jeder Tag, an welchem wir der Umwelt und Menschen in Not helfen können, ist ein Gewinn.» Khalil Radi Über die sozialen Medien sahen Freunde und Bekannte aus der Schweiz Bilder und Videos von den Veranstaltungen in Nicaragua. Bald schon erhielt Khalil Radi Nachrichten von Menschen, die ihn unterstützen wollten. Als er drei Monate später nach Zürich zurückkehrte, erwartete ihn dort ein kleines Unterstützerteam. Inzwischen besteht «Buy Food with Plastic» aus einer fünfköpfigen Geschäftsleitung, nebst Khalil Radi sind mit Xenia Meier und Lena Götsch zwei weitere Absolventinnen der ZHAW involviert. Beide haben wie Khalil Radi International Management studiert und bei Finanzdienstleistern gearbeitet. «Für mich war schnell klar, dass mich das Bankenumfeld nicht glücklich macht», sagt Lena Götsch. Themen wie nachhaltige Ernährung und soziale Ungerechtigkeit waren ihr bereits früh wichtig, weshalb sie hauptberuflich bei einem Grossverteiler im Bereich Nachhaltigkeit tätig ist. Bisher leisteten die fünf Geschäftsleitungsmitglieder mehr als 10'000 unbezahlte Arbeitsstunden für die Initiative. Seit vergangenem Juli ist Khalil Radi Vollzeit als Geschäftsführer beim Social Venture angestellt. Die Zuständigkeiten innerhalb des Teams sind klar verteilt. Lena Götsch ist verantwortlich für die Nachhaltigkeit, Xenia Meier kümmert sich um Spezialprojekte und die Operationen im Ausland. Längst beschränkt «Buy Food with Plastic» die Aktivitäten nicht mehr auf Nicaragua. Das Team realisiert in Indien und Ghana das gleiche Konzept. Eine Frage steht dabei im Zentrum, sagt Xenia Meier: «Wie können wir das gesammelte Plastik sinnvoll wiederverwenden?» Jene Flaschen, die beim ersten Event in Nicaragua gesammelt worden sind, dienen heute als Mauerwerk für ein Haus. Darin wohnt eine Mutter mit ihren vier Kindern, die ihr altes Zuhause bei einem Sturm verloren hat. «Eine Bekannte der Familie kam mit dieser Idee auf mich zu», sagt Khalil Radi. Beispiele für den Hausbau aus Plastikflaschen gibt es weltweit. Dafür werden diese mit weiterem Abfall, Sand und Schlamm gefüllt und aufeinandergestapelt. Schliesslich kommt Zement hinzu, der die Flaschen miteinander verbindet. Doch der Hausbau ist für den Einsatz von Plastikflaschen in grossem Stil nicht geeignet. Es brauche sehr viel spezifisches Know-how und Zeit, um die Flaschen zu füllen. Deshalb denkt das Team nun in eine andere Richtung, wie Xenia Meier berichet: «Wir arbeiten mit einem Maschinenbauspezialisten der ETH und einer Produktdesignerin zusammen und wollen mit ihnen und einem lokalen Architekten das Konzept von Precious Plastic, einem Open-Source-Hardware-Kunststoff-Recycling-Projekt, in Nicaragua umsetzen.» Die Idee ist, dass das gesammelte Plastik direkt vor Ort verarbeitet wird und hochwertige Produkte daraus entstehen können. «So können wir den Kreislauf schliessen.» Die Maschinen sollen zum Beispiel in Nicaragua von der lokalen Bevölkerung bedient werden. Dafür bildet das Team einen lokalen Manager aus, der sein Wissen an die Bevölkerung weitergeben kann. Ob Stühle, Tische oder Teller – alle Produkte, die aus Plastik gegossen werden können, sind denkbar. «Unser Ziel ist es, dass die Fabrik kommenden Frühling in Betrieb geht», sagt Xenia Meier. Dabei ist Nicaragua erst der Anfang. «In den nächsten zwei Jahren wollen wir dieses Modell in die Welt hinaustragen, in so viele Kommunen wie möglich», sagt Radi. Auch in Ghana und Indien hat das Team bereits je einen Manager angestellt. Wenn die Upcycling-Fabriken in Zukunft Gewinn erwirtschaften, soll dieser zurück in die lokalen Kommunen fliessen. Dividenden will das Team sich keine ausschütten. «Stattdessen soll der Gewinn neue Projekte finanzieren und vor Ort die Bildung und Ernährung verbessern», sagt Radi. Xenia Meier, Lena Götsch und Khalil Radi gehen damit einen anderen Weg als viele ihrer Mitstudierenden an der ZHAW School of Management and Law . Die beiden Frauen arbeiten Teilzeit, damit sie nebenbei ausreichend Zeit haben für ihr Projekt. Khalil Radi könnte bei einer Bank ein Vielfaches seines jetzigen Gehalts verdienen. Auch wenn die drei nicht klassisch Karriere machen, sind sie dankbar dafür, was sie im Studium gelernt haben. «Für meine Aufgaben als Gründer und Geschäftsführer war das die perfekte Vorbereitung», sagt Radi. Das breit gefächerte Studium habe ihm Wissen in den verschiedensten Bereichen ermöglicht, von Buchhaltung über Organisationsentwicklung bis E-Commerce. Noch arbeiten Khalil Radi und sein Team mit einem sehr schmalen Budget. Mittel kommen von privaten Geldgebern. Dazu erhalten sie Unterstützung von Partnerfirmen, zu denen auch Aldi Suisse gehört. «Damit wir weiterwachsen können, sind wir auf zusätzliche Mittel angewiesen», sagt Radi. Er ist jedoch zuversichtlich, dass «Buy Food with Plastic» demnächst auch finanziell auf festem Boden stehen wird. «Es kommen immer mehr Menschen auf uns zu und wollen Teil der Organisation werden.» Materiell betrachtet hat sich das Leben von Khalil Radi deutlich reduziert. Anstatt in der früheren Wohnung lebt er in einem WG-Zimmer, fährt Fahrrad statt Auto und muss schauen, dass am Ende des Monats genügend Geld für seine Rechnungen übrig bleibt. «Und dennoch fühle er sich heute reicher als zuvor, sagt Khalil Radi. «Denn jeder Tag, an welchem wir der Umwelt und Menschen in Not helfen können, ist ein Gewinn.» Simon Jäggi

Besser leben an der Strasse

Pizzakurier, Hörzentrum, Zoohandlung reihen sich entlang der Hauptstrasse. Dazwischen ein paar Rabatten, Pflastersteine, Strassenlaternen. Das moderne Stadtzentrum von Bülach sieht aus wie das von vielen weiteren Kleinstädten im Schweizer Mittelland. Dreistöckige Gebäude aus den siebziger Jahren dominieren das Strassenbild, in den Erdgeschossen behaupten sich ein paar Detailhändler und Dienstleister. Der Verkehr rauscht vorbei. Es ist kein Ort, um sich wohlzufühlen. Bülach liegt im unteren Glatttal. Die ältesten Siedlungsspuren stammen aus dem 6. Jahrhundert. Seither hat sich viel verändert. An einer überregionalen Handelsstrasse gelegen, blieb der Ort lange ländlich geprägt. Die Menschen lebten vom Ackerbau und der Weinproduktion. Industrie siedelte sich nur zögerlich an. In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts zählte die Stadt noch 4600 Einwohner, dann nahmen die Einwohnerzahlen und Bautätigkeiten explosionsartig zu. 1963 zählte die Stadt 10'000 Einwohner, seither hat sich deren Zahl nochmals verdoppelt. Bülach und viele weitere Städte stellt das anhaltende Wachstum vor Herausforderungen. Es bedeutet vor allem eines: Die Städte müssen verdichten. Peter Jenni ist Architekt und Dozent am Institut Urban Landscape der ZHAW. Er beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren mit Fragen der Planung und Gestaltung von städtischen Räumen. «Dabei habe ich immer wieder festgestellt, dass die Räume rund um die Hauptverkehrsachsen städtebaulich vernachlässigt werden.» Dabei bestehe rund um die Verkehrsachsen ein grosses Potenzial für eine Verdichtung. Die Räume sind in der Regel sehr gut erschlossen und oft nur unzusammenhängend bebaut. Dort wohnen möchten jedoch nur wenige. «Dabei gäbe es Möglichkeiten, wie diese Gebiete lebenswert gestaltet werden können.» «Wir wollen zusammen mit Studierenden herausfinden, wie sich Wohn- und Lebensqualität entlang von Hauptstrassen auszeichnen und wie diese verbessert werden können.» Peter Jenni, ZHAW-Dozent Wie diese wenig attraktiven Räume aufgewertet werden können? Das will Peter Jenni in einem aktuellen Forschungsprojekt untersuchen. Titel: «Städtebauliche Entwicklung entlang von Hauptstrassen.» Er leitet es gemeinsam mit seiner Kollegin Regula Iseli, Leiterin des Instituts Urban Landscape. «Wir wollen zusammen mit Studierenden herausfinden, wie sich Wohn- und Lebensqualität entlang von Hauptstrassen auszeichnen und wie diese verbessert werden können», sagt Peter Jenni. Dazu arbeitet das Forschungsteam eng mit verschiedenen Gemeinden zusammen, die das Forschungsprojekt auch finanziell unterstützen. Allen voran mit Bülach. In einer ersten Phase haben Architekturstudierende der ZHAW während mehrerer Monate die Situation entlang den viel befahrenen Strassen Zürcher- und Schaffhauserstrasse in Bülach untersucht. Auf ihren Analysen aufbauend, projektierten sie neue Wohn- und Gewerbebauten, die einen Bezug zum öffentlichen Stadtraum herstellen. Sie entwarfen öffentliche Plätze, verbreiterten Trottoirs, setzten Bäume, schufen Freiräume für die Bevölkerung. «Es gibt keine absoluten Grössen und keine einfachen Rezepte», sagt Peter Jenni. Am Beispiel von Bülach konnten die Studierenden jedoch klar aufzeigen, in welche Richtung die Planung gehen könnte: die Aussenbereiche von Gebäuden als Begegnungszonen gestalten, Erdgeschosse so bauen, dass sie für Dienstleister, Geschäfte und Kunden gleichermassen attraktiv sind. Öffentliche Räume werden in einem Zusammenspiel von Alt- und Neubauten räumlich gefasst. Kleinere Wege und Strassen erschliessen das Quartier in der Tiefe und schaffen Zugänge zu Grünflächen und Erholungsräumen. Auch mit der eigentlich grössten Herausforderung im Bereich von Hauptstrassen haben sich die Studierenden auseinandergesetzt: mit dem Verkehrslärm. «Eine mögliche Massnahme besteht darin, dass Schlafzimmer auf den Rückseiten der Gebäude angeordnet werden», sagt Peter Jenni. Auch gezielte Bepflanzungen können zu einer Reduktion des Verkehrslärms beitragen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, direkt bei der Quelle anzusetzen. «Geschwindigkeitsreduzierungen haben einen sehr positiven Einfluss auf den Lärm», sagt Jenni. Auch schallschluckende Beläge und Verbesserungen bei den Fahrzeugen können zu leiseren Strassen beitragen. «Das ist am Ende auch eine politische Aufgabe.» Ganz verschwinden wird der Lärm nicht. Die Frage sei vielmehr, wie er reduziert und ein besserer Umgang damit gefunden werden kann. «Für uns ist das Projekt eine Chance. Die ZHAW hat uns bereits spannende Denkansätze geliefert.» Hanspeter Lienhart, Stadtrat Aufseiten der Gemeinde Bülach stösst die Zusammenarbeit mit der ZHAW auf grosses Interesse. Hanspeter Lienhart ist als Stadtrat verantwortlich für das Ressort Planung und Bau. Er koordiniert die Zusammenarbeit mit der Hochschule. «Für uns ist das Forschungsprojekt eine Chance», sagt Lienhart. Die Stadt müsse in den kommenden Jahren weiteren Wohnraum schaffen. Bauen auf der grünen Wiese sei politisch nicht gewollt und mit dem neuen Raumplanungsgesetz auch gesetzlich kaum noch möglich. «Was bleibt, ist die innere Verdichtung.» Am meisten Potenzial bestehe entlang den Achsen des öffentlichen Verkehrs. «Die ZHAW hat uns bereits spannende Denkansätze geliefert, und wir sind gespannt auf die weiteren Vorschläge.» In den nächsten zwei Jahren wollen Peter Jenni und Regula Iseli das Forschungsprojekt auf zusätzliche Gemeinden ausweiten und mit Studierenden weitere Untersuchungen durchführen. Winterthur hat bereits eine Zusammenarbeit zugesagt. Aufbauend auf diesen Fallstudien, möchte Peter Jenni gemeinsam mit einer Baujuristin und den Partnern innovative Planungsinstrumente und -prozesse entwickeln, mit deren Hilfe die Innenstädte aufgewertet werden können. «Möglicherweise werden dafür auch Anpassungen der Planungsgesetze nötig sein.» Die Erkenntnisse des Projektes wollen die Verantwortlichen nach Abschluss mit Unterstützung von Verbänden in Fachpublikationen öffentlich zugänglich machen. Denn die Frage, wie Strassenräume im Zuge einer baulichen Verdichtung zu Stadt- und Lebensräumen umgestaltet werden können, stellt sich nicht nur in Bülach, sondern in vielen weiteren Kleinstädten und Gemeinden der Schweiz. Immer mehr Menschen ziehen in die Städte. Wohnungen sind ein gefragtes Gut, während der Einzelhandel in den Zentren zunehmend an Bedeutung verliert. Diese Entwicklung sorgt für Herausforderungen. Immer öfter bleiben etwa Erdgeschossflächen ungenutzt, weil die Besitzer keine Mieter finden. Sonja Kubat und Anke Kaschlik wollen das ändern. Beide arbeiten am Departement für Soziale Arbeit und an einem Projektantrag mit dem Titel «Neue Ideen für Stadt- und Ortszentren in der Agglomeration» (NIZA). In Zusammenarbeit mit verschiedenen Gemeinden der Region Zürich möchten sie ausloten, wie diese ihre Stadt- und Ortszentren nachhaltig und bedarfsgerecht gestalten können. «Die Nutzung von Erdgeschossen interessiert uns im Zusammenhang mit den angrenzenden öffentlichen Räumen, also den Strassen und Plätzen.» Diese Flächen bieten für die Quartiere ein grosses Potenzial. «Dort könnten Co-Workingspaces entstehen, Hobbyräume, Gemeinschaftsküchen oder Quartiertreffpunkte. Wir wollen mit den Gemeinden Wege suchen, wie sie die Erdgeschossnutzungen gemeinsam mit den Immobilienbesitzern und der lokalen Bevölkerung entwickeln können.» Die Gemeinde Kloten hat ihre Partnerschaft bereits zugesagt, mit weiteren Städten werden aktuell Gespräche geführt. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Simon Jäggi

Homeoffice: das globale Experiment

«Wenn man im Wort Homeoffice acht Buchstaben verändert, steht da Gin Tonic.» Mit diesem Witz, wirbt zurzeit der Schweizer Coworking-Anbieter Westhive um neue Kunden. Damit spielt das Unternehmen mit einem bekannten Klischee: das Homeoffice als Arbeitsplatz, an dem nicht gearbeitet wird. Doch dieses Vorurteil hat während des vergangenen Jahres viel an Gültigkeit verloren und könnte bald ganz verschwinden. Vor Ausbruch der Corona-Pandemie arbeiteten in der Schweiz rund 14 Prozent aller Arbeitnehmenden regelmässig von zu Hause aus. Während des ersten Shutdowns im Frühling 2020 schnellten die Zahlen auf 51 Prozent hoch, wie eine Umfrage vom Forschungsinstitut Sotomo zeigte. Anfang 2021 arbeiteten immer noch 41 Prozent regelmässig im Homeoffice. «Viele Unternehmen stellten dabei fest, dass ihre Mitarbeitenden zu Hause genau so produktiv sind, wie wenn sie im Büro arbeiten», sagt Nicoline Scheidegger . Sie ist Dozentin für Strategie und Leadership. Die sogenannte Arbeitswelt 4.0 sowie Distant Leadership und Führung in Zeiten von New Work gehören zu ihren Forschungsschwerpunkten. «Die Akzeptanz gegenüber Homeoffice und Remote Work stieg bei vielen Unternehmen enorm.» Nicoline Scheidegger, Dozentin für Strategie und Leadership Das in vielen Ländern verordnete Homeoffice bezeichnet sie als «globales Experiment». Dabei waren die Bedingungen oft alles andere als ideal. Es gab keine freie Wahl, viele Menschen mussten sich nebst der Arbeit um Kinder kümmern oder waren pandemiebedingt mit Verlusten, Leid und Ängsten konfrontiert. Die Pandemie zeige aber, dass Arbeit aus Distanz technologisch möglich ist. «Es gab einen immensen Lernschub durch Corona, der sonst so nie möglich gewesen wäre. Die Akzeptanz gegenüber Homeoffice und Remote Work stieg bei vielen Unternehmen enorm», sagt Scheidegger. Grosse Unternehmen wie Novartis und die Versicherung AXA haben deshalb angekündigt, dass ihre Angestellten auch in Zukunft Arbeitsort- und -zeit weitgehend frei bestimmen können. Einige Unternehmen wollen ihren Angestellten zudem einen Bonus bezahlen, mit dem sie Druckerpatronen oder andere anfallende Kosten berappen können. Denn von vermehrtem Homeoffice profitieren auch die Unternehmen: Sie können Büroflächen reduzieren, ihre Attraktivtät steigern und ihren Personalpool erweitern. Damit beschleunigt sich ein Trend, der bereits vor der Pandemie an Tempo zugenommen hatte: Die Bedeutung des Büros als Arbeitsort nimmt ab. Auch ein grosser Teil der Angestellten möchte nicht mehr zurück in die alte Normalität, sagt die Arbeits- und Organisationspsychologin Birgit Werkmann-Karcher , Co-Leiterin des Zentrums für Human Resources & Corporate Learning und Dozentin für Personalpsychologie mit Schwerpunkt Arbeitswelt 4.0. «Verschiedene Befragungen zeigen, dass sehr viele Menschen in Zukunft hybrid arbeiten möchten. Zu einem Teil im Büro und zu einem Teil aus der Distanz.» Ein wichtiger Faktor sei für viele die gesparte Zeit aufgrund der kürzeren Arbeitswege. Statt zu pendeln, gehen die Angestellten um die Ecke in einen Coworking-Space oder ins Zimmer nebenan. Die Menschen können sich die Arbeitszeit freier einteilen und erlangen mehr Selbstbestimmung. «Der Gewinn an Autonomie und Flexibilität ist das grosse Plus», so Werkmann-Karcher. «Menschen, die remote arbeiten, haben mehr Eigenverantwortung. Es ist deshalb wichtig, dass man die eigenen Bedürfnisse kennt und Grenzen setzt.» Birgit Werkmann-Karcher, Co-Leiterin des Zentrums für Human Resources & Corporate Learning Doch nicht alle Personen können mit Remote Work gleich gut umgehen. Die Arbeitspsychologie unterscheidet zwei Gruppen: die Integrierer und die Segmentierer. Die Ersteren trennen nur wenig zwischen Arbeit und Privatem. Segmentierer hingegen möchten die beiden Bereiche möglichst auseinanderhalten. «Wir vermuten, dass es die Segmentierer auch eher wieder ins Büro zieht», sagt Werkmann-Karcher. Eines ist jedoch für alle Angestellten entscheidend: ein gutes Boundary-Management. «Menschen, die remote arbeiten, haben mehr Eigenverantwortung. Es ist deshalb wichtig, dass man die eigenen Bedürfnisse kennt und Grenzen setzt», so Werkmann-Karcher. Denn flexible Arbeitszeiten und digitale Kommunikationsmittel bergen auch Risiken. Plötzlich ist man immer und überall erreichbar. Welches ist die grosse Herausforderung in einer Arbeitswelt, in der sich immer mehr die räumlichen und zeitlichen Grenzen auflösen? Sich selber abzugrenzen, sagt Werkmann-Karcher. «Pausen und Freiräume braucht jeder Mensch. Sonst nehmen die Arbeits- und Lebenszufriedenheit rasch ab.» Viele Unternehmen die auf Remote Work umsteigen, haben noch einen weiten Weg vor sich, da sind sich Birgit Werkmann-Karcher und Nicoline Scheidegger einig. Unternehmen müssen dafür ihre Kultur weiterentwickeln, die Mitarbeitenden bei der Umstellung unterstützen und mit geeigneten Arbeitsprozessen experimentieren. Im Bereich Führung bietet sich die Chance, für ein «New Normal» die Rollen und Aufgaben von Führungskräften zu überdenken und weiterzuentwickeln», sagt Scheidegger. Sie hat vergangenes Jahr auch eine Studie zu Führen auf Distanz veröffentlicht. «Unternehmen, die diese Aufgabe bereits vor der Pandemie angepackt hatten, tun sich hierbei leichter.» Zum Bespiel Novartis mit dem «Unboss»-Programm oder Microsoft mit dem Ansatz von «Model–Coach–Care», bei dem die Rolle einer Führungskraft umrissen wird mit Vorbildsfunktion, Coaching und Fürsorge. Beide gewähren ihren Mitarbeitenden viel Spielraum und Wahlmöglichkeiten in der «Neuen Normalität». Bei allem Umbruch: Das Büro wird auch in Zukunft existieren. Unternehmen werden sich jedoch genauer überlegen, für welche Tätigkeiten es einen Mehrwert schafft. Als Ort des Zusammenkommens und kreativen Austauschs beispielsweise. Während das Remote Office ganz der konzentrierten Arbeit dient. Simon Jäggi

Plötzlich alleine

Wenige Tage nach ihrem 18. Geburtstag packte Nina G. ihre Taschen und verliess das Haus ihrer Pflegeeltern für immer. Die Beziehung zur Pflegemutter hatte sich über die vergangenen Jahre immer weiter verschlechtert, oft kam es wegen Kleinigkeiten zu Streit. Sie wusste nicht, wohin, und zog zurück zu ihrer Mutter, die mit ihren eigenen Problemen beschäftigt war. Mit einem Mal musste sie sich um alles alleine kümmern. «Nach dem 18. Geburtstag fühlte ich mich zuerst einmal ziemlich alleine», sagt Nina G. In der Schweiz leben gemäss Schätzungen der Anlaufstelle Pflege- und Adoptivkinder Schweiz (PACH) rund 6000 Kinder und Jugendliche vorübergehend oder längerfristig in Pflegefamilien. Bis zum 18. Geburtstag sind die Pflegekinder von Fachpersonen begleitet. Nach Erreichen der Volljährigkeit endet der Pflegevertrag und viele Pflegekinder wollen oder müssen die Pflegefamilie verlassen. Die Behörden stoppen die Zahlungen an die Pflegefamilien, Beistände legen ihre Mandate nieder, Beziehungen zu Bezugspersonen brechen ab. «Viele Jugendliche verlieren mit dem 18. Geburtstag sämtliche Unterstützung. Das schafft eine schwierige Ausgangslage für den Start in die Selbständigkei t», sagt Karin Werner , Professorin am Departement für Soziale Arbeit der ZHAW, die zusammen mit Renate Stohler (Co-Projektleitung) in einem aktuellen Projekt zur Situation von Pflegekindern forscht. Jugendliche, die nach Erreichen der Volljährigkeit die Pflegefamilie oder das Heim verlassen, werden im internationalen Diskurs als Care Leaver bezeichnet. Was für Kinder gilt, die bei ihren Eltern aufwachsen, gilt für sie erst recht: Die wenigsten können mit 18 schon auf eigenen Beinen stehen. Plötzlich sind sie mit existenziellen Fragen konfrontiert: Welche rechtlichen Ansprüche habe ich? Welches Amt unterstützt mich? Wie kann ich Stipendien oder Prämienverbilligungen beantragen? Wie rechne ich mit der Krankenkasse ab? «Die allermeisten von ihnen sind auf Sozialhilfe angewiesen, weil sie für ihren Lebensunterhalt noch nicht aufkommen können, da sie oft noch mitten in der Ausbildung stehen», sagt Karin Werner. Studien aus dem Ausland zeigen, dass junge Erwachsene, die direkt mit dem Erreichen der Volljährigkeit aus der Pflegefamilie austreten, öfter von Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und sozialer Isolation betroffen sind. Die Situation von Care Leavern wird in vielen europäischen Ländern seit längerem erforscht. In der Schweiz rückte das Thema erst in den vergangenen Jahren in den Fokus der Wissenschaft. Dazu hat die Forschung des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie der ZHAW Soziale Arbeit massgeblich beigetragen. Professorin Karin Werner untersucht zusammen mit Kolleginnen in verschiedenen Forschungsprojekten die Situation von Care Leavern in der Schweiz. In Befragungen gaben rund zwei Drittel der Care Leaver an, sie seien zu wenig auf den Schritt in die Selbständigkeit vorbereitet worden und hätten nicht gewusst, wo sie Hilfe holen könnten. Deshalb wollten Karin Werner und Renate Stohler von ehemaligen Pflegekindern genauer erfahren, welche Angebote sie sich gewünscht hätten. Gemeinsam mit Jessica Brahmann als Mitarbeiterin starteten sie 2016 das Forschungsprojekt «Übergang in die Selbständigkeit: Pflegekinder wirken mit! », das von der Stiftung Mercator Schweiz unterstützt wird. Dazu holten sie eine Gruppe von ehemaligen Pflegekindern hinzu, die das Forschungsprojekt von Beginn an begleiteten. In einer ersten Phase befragten die Forscherinnen verschiedene Care Leaver zu ihren Erfahrungen. «Die meisten der ehemaligen Pflegekinder hätten sich rückblickend einen Austausch mit einer Person mit ähnlichem Erfahrungshintergrund gewünscht», so Karin Werner. Ausgehend von dieser Erkenntnis entstand gemeinsam mit der Begleitgruppe das Projekt «Take Off». Die Grundidee: Erwachsene Care Leaver engagieren sich als Mentorinnen und Mentoren und begleiten Pflegekinder beim Übergang in die Selbständigkeit. Die Mentorings dauern ein halbes Jahr und können danach verlängert werden. «Es ist ein Beratungsangebot auf Augenhöhe», sagt Karin Werner. «Ähnliche Projekte zeigen, dass die Hürden für solche Angebote oft weniger hoch sind.» Wenn das Gegenüber ähnliche Erfahrungen gemacht hat, schaffe das ein gewisses Grundvertrauen. Manche Probleme, etwa private Themen und Unsicherheiten, liessen sich so einfacher ansprechen. Das Interesse auf Seiten der Mentorinnen und Mentoren ist gross. Um mehr Pflegekinder zu erreichen, bräuchte es auch die Mitarbeit von Fachleuten wie Beiständinnen und Beistände sowie Familiendiensten, die das Projekt promoten. «Dort stellen wir jedoch manchmal eine gewisse Skepsis fest», sagt Karin Werner. «Dabei soll das Mentoringprojekt keine Fachpersonen konkurrenzieren», betont sie. Es brauche weiterhin professionelle Angebote und Unterstützung. «Das Mentoringprojekt kann dabei eine gute Ergänzung sein.» In enger Zusammenarbeit mit der Begleitgruppe haben die Forscherinnen noch weitere Angebote entwickelt. Es entstand ein Film, der die Anliegen der Care Leaver aus ihrer Perspektive aufzeigt, sowie die Informationsplattform careleaver.ch . Im September 2020 haben sich die Care Leaver der Begleitgruppe nun selbständig gemacht und den Verein Cequality gegründet, der sich für die Anliegen von Care Leavern einsetzt und das Projekt «Take Off» weiterführt. All dies sind Schritte mit einem Ziel: Pflege- und auch Heimkinder sollen beim Schritt in die Selbständigkeit jene Hilfe finden, die sie brauchen. Simon Jäggi

Industrie 4.0: Die Fabrik der Zukunft

Kaum jemand weiss besser Bescheid über den globalen Getreidemarkt als das Unternehmen Bühler aus Uzwil. 66 Prozent der weltweiten Getreidemenge werden durch Bühler-Mühlen zu Mehl. Mega-Mühlen in Nigeria und Indonesien produzieren bis zu 10'000 Tonnen Mehl pro Tag. Die Maschinen reinigen 30 Prozent der weltweiten Reisernte, schälen und schleifen jedes einzelne Reiskorn. Spezialkameras scannen mehrere tausend Körner pro Sekunde. Das Unternehmen erfasst die Qualität und das Gewicht, verfolgt Angebot und Nachfrage. Supercomputer führen die Daten aus den weltweit verteilten Getreidemühlen zusammen. Aus ihren Analysen lassen sich genaue Prognosen erstellen über die Entwicklung des internationalen Marktes. Droht Unterversorgung, steigen die Preise, oder besteht ein Überschuss? Die Firma Bühler weiss es und könnte aus ihren Daten ein neues Geschäftsfeld entwickeln. Sie könnte selber im Getreidehandel spekulieren oder ihre Daten für teures Geld verkaufen, doch das Unternehmen hat sich aus ethischen Gründen dagegen entschieden. Die Firma Bühler ist kein Einzelfall. Die fortschreitende Digitalisierung eröffnet für viele Firmen neue Tätigkeitsbereiche. Grossverteiler könnten anhand von Einkaufsprofilen voraussagen, welche Kunden möglicherweise an Diabetes erkranken. Autohersteller könnten erkennen, wenn das Fahrvermögen eines Lenkers abnimmt. Hersteller von Flugzeugturbinen könnten sehen, ob gewisse Piloten besonders viel Treibstoff verbrauchen, und wissen vor der Landung einer defekten Maschine bereits, was genau nicht mehr funktioniert. «Bei diesem Thema wird mit sehr viel heissem Wasser gekocht. Es stimmt, dass es in gewissen Bereichen zu einer Revolution führen wird. Aber bei weitem nicht in allen.» Peter Qvist-Sørensen «Es gibt eine Reihe von Unternehmen, die mit ihren Daten auf äusserst wertvollen Informationen sitzen», sagt Peter Qvist-Sørensen. Er leitet an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften das Center for International Industrial Solutions (CIIS). Neue Computer, Künstliche Intelligenz und Machine Learning ermöglichen es in völlig neuer Weise, Computer und Daten miteinander zu vernetzen. Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkte kommunizieren und kooperieren in der Industrie 4.0 direkt miteinander. Viele sprechen bereits von der vierten industriellen Revolution – nach der Entdeckung der Dampfkraft, der Elektrifizierung und der Verbreitung des Computers. Peter Qvist-Sørensen ist etwas vorsichtiger. «Bei diesem Thema wird mit sehr viel heissem Wasser gekocht. Es stimmt, dass es in gewissen Bereichen zu einer Revolution führen wird. Aber bei weitem nicht in allen.» Das grösste Potenzial sieht der Ökonom Qvist-Sørensen für jene Firmen, die grosse Datenmengen generieren. Durch neue Möglichkeiten der Datenauswertung erschliessen sich neue Geschäftsfelder. Diese können Unternehmen in einem nächsten Schritt selber ausschöpfen oder die Daten weiter verkaufen, sofern die Kunden damit einverstanden sind. «What business am I in?» Diese Frage, sagt Qvist-Sørensen, müssen sich in Zukunft immer mehr Unternehmen stellen. Seine Forschungsgruppe an der ZHAW berät zurzeit selber ein grösseres Unternehmen, das darüber nachdenkt, Kundendaten für neue Geschäftsfelder zu nutzen. Doch auch in anderen Bereichen wird das sogenannte «Industrial Internet of Things» die Industrie grundlegend verändern. In der Vergangenheit haben Maschinen mehrheitlich repetitive Arbeiten übernommen. In Zukunft werden sie dank maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz immer komplexere Arbeiten übernehmen. In der Fabrik der Zukunft überwachen miteinander vernetzte Roboter selbstständig Produktionsprozesse. Sie kontrollieren, optimieren und führen aus. Bestehende Arbeitsplätze geraten unter Druck. Waren in der Vergangenheit insbesondere Stellen in der Fertigung betroffen, triff es nun jene im Bürobereich. Überall dort, wo viel repetitive Arbeit anfällt, könnten Maschinen die Mitarbeiter ersetzen. Etwa in der Buchhaltung, der Logistik oder Kundenbetreuung. «Es gibt diesen etwas zynischen Witz», sagt Qvist-Sørensen. «Wie viele Mitarbeiter braucht es in der Fabrik der Zukunft? Zwei, einen Mann und einen Hund. Der Mann füttert den Hund und der Hund schaut, dass der Mann die Anlage nicht berührt.» «Es braucht in den Unternehmen zudem mehr Übersetzer. Mitarbeiter, welche die Sprache der Softwareentwickler sprechen und gleichzeitig eine Brücke schlagen können zum Marketing und zu den Kunden.» Peter Qvist-Sørensen Firmen müssen ihre Mitarbeiter weiterbilden und neue Stellen schaffen. Diese werden insbesondere im Bereich von IT und Entwicklung entstehen. «Es braucht in den Unternehmen zudem mehr Übersetzer», sagt Qvist-Sørensen. «Mitarbeiter, welche die Sprache der Softwareentwickler sprechen und gleichzeitig eine Brücke schlagen können zum Marketing und zu den Kunden.» Gewissen Branchen steht eine Revolution bevor, andere müssen sich weiterentwickeln. Insbesondere für die Hersteller von Maschinen ändern sich mit der fortschreitenden Digitalisierung die Voraussetzungen grundlegend. «Dank neuen Sensoren, Machine Learning und Künstlicher Intelligenz können Ingenieure heute ziemlich genau voraussagen, wann eine Maschine repariert werden muss. Noch bevor sie ausfällt.» Die Konsequenz: «Die Hersteller haben zunehmend die Möglichkeit, noch tiefer in der Wertschöpfungskette ihrer Kunden integriert zu werden.» Fluggesellschaften, zum Beispiel, kümmerten sich früher mehrheitlich selber um die Wartung der Triebwerke. Inzwischen übernehmen immer öfter die Hersteller die Unterhaltsarbeiten. «Und das ist erst der Anfang. Bereits heute verzichten viele Unternehmen auf den Kauf von grossen Maschinen und Produktionsanlagen. Stattdessen schliessen sie mit den Herstellern einen Pay-per-Use-Vertrag ab.» Die Maschinen bleiben im Besitz der Hersteller, für diese verändert sich somit ihr Geschäftsfeld fundamental. Neue Technologien bringen immer eine Umwälzung der Gesellschaft mit sich. Zwei Fragen seien entscheidend, sagt Qvist-Sørensen: Mit welcher Geschwindigkeit geschieht die Umwälzung? Und können wir uns rechtzeitig anpassen? Mit der Industrie 4.0 wächst der Druck auf die Industrie. Unternehmen, denen es nicht gelingt, Schritt zu halten, droht das Verschwinden. In der Vernetzung der Anlagen ist die Schweiz international sehr gut aufgestellt, sagt Qvist-Sørensen. «Im Bereich der Künstlichen Intelligenz hinkt die Schweiz, wie das gesamte Europa, den Chinesen und Amerikanern jedoch weit hinterher.» Wenn in den kommenden Jahren nicht grosse Fortschritte passieren, drohe die Schweiz den Anschluss zu verpassen. An der ZHAW arbeitet Qvist-Sørensen daran, dass die Firmen den Handlungsbedarf erkennen. Und wissen, wie sie die neuen Möglichkeiten zu ihrem Vorteil nutzen können. Simon Jäggi

Eintauchen in reale Rechtsfälle

Der Schimmel in der Wohnung trieb Sabrina F. zur Verzweiflung. Trotz mehrmaliger Aufforderung liess der Vermieter die Schimmelpilze nicht entfernen, und auch zu einer Senkung des Mietzinses war er nicht bereit. Statt ihr und ihren Mitbewohnerinnen entgegenzukommen, schickte er eine nachträgliche ­Nebenkostenrechnung von knapp tausend Franken. Das brachte das Fass schliesslich zum Überlaufen. Sabrina F. entschied sich darauf, zu handeln. Das war im Herbst des vergangenen Jahres. Fast zeitgleich startete an der ZHAW die Law Clinic – ein neues Kursangebot für die Studierenden des Bachelorstudiengangs Wirtschaftsrecht. Das Konzept: Rechtsstudierende bieten für andere Studentinnen und Studenten kostenlos Rechtsberatungen an. Das Modell stammt ursprünglich aus den USA, wo bereits seit längerer Zeit solche Angebote existieren. Seit einigen Jahren etablieren sich solche Angebote auch in Europa. Die ZHAW ist eine der ersten Hochschulen, die nun in der Schweiz eine Law Clinic aufgebaut hat. «Es fehlt an innovativen Lernformen, bei denen Rechtsstudenten an die Praxis herangeführt werden.» Fabio Babey Verantwortlich für den Aufbau und die Betreuung ist Fabio Babey, stellvertretender Leiter des Zentrums für Wettbewerbs- und Handelsrecht an der ZHAW. Gemeinsam mit Professor Patrick Krauskopf, dem Leiter des Zentrums, hatte er das Projekt in den vergangenen Jahren entwickelt. Aus Sicht von Babey war ein solches Angebot überfällig. «Es fehlt an den Hochschulen generell an innovativen Lernformen, wo Rechtsstudenten an die Praxis herangeführt werden.» Ein Jurist sei ein Dienstleister, sagt Babey, der auch auf zwischenmenschlicher Ebene viel leisten müsse. Wie bereite ich ein Klientengespräch vor? Wie verhalte ich mich in einer Beratung? Wie gehe ich mit Klienten um, die aufgeregt sind? «Mir ist kein Ausbildungsmodul bekannt, das auf solche Fragen abzielt. Der Sprung vom Studium in die Praxis ist in dieser Hinsicht oft riesig.» Die Law Clinic soll dabei helfen, diese Lücke zu schliessen. Angelaufen ist das Angebot im vergangenen Herbstsemester als integraler Bestandteil des Bachelorstudiengangs Wirtschaftsrecht. Die Nachfrage vonseiten der Rechtsstudenten war von Beginn an gross. Über ein Dutzend Personen hatten sich für die sieben Beratungsplätze beworben, eine davon war Andrea Luginbühl. Die 27-Jährige Bernerin arbeitet auf einem Notariat und schliesst daneben ihr Bachelorstudium ab. «Für mich war sofort klar, dass ich das machen will», sagt sie bei einem Treffen in der Berner Altstadt. «Es gab bisher im Studium keine Möglichkeiten, um das Gelernte in der Praxis anzuwenden.» Wie allen sieben Studierenden wurden Andrea Luginbühl drei Ratsuchende zugeteilt. Eine Frau litt unter ständigen Kontaktaufnahme­versuchen per E-Mail. Ein Student hatte entdeckt, dass sein Fitnessstudio persönliche Daten an Dritte weitergibt. Und Sabrina F. meldete sich aufgrund des Schimmelbefalls in ihrer Wohnung und den damit verbundenen Streitigkeiten mit ihrem Vermieter. «Die Themengebiete waren sehr vielfältig. Dadurch konnte ich auch in Rechtsgebiete eintauchen, die mir noch nicht so gut vertraut waren», sagt Luginbühl. Die Rahmenbedingungen für die Rechtsberatungen sind klar vorgegeben. Die Ratsuchenden haben Anspruch auf ein Beratungsgespräch. Zur Vorbereitung erarbeiteten die Beratenden ein mehrseitiges Rechtsgutachten. Bei jedem Fall werden sie eng durch einen externen Anwalt betreut, der auch beim Beratungsgespräch anwesend ist. Die Beratenden nehmen eine rechtliche Einschätzung vor und geben eine Empfehlung ab. Sie verfassen aber keine Schriftsätze für die Ratsuchenden und erarbeiten auch keine Klagen. «Vor dem Beratungsgespräch war ich schon etwas nervös. Schliesslich wollte ich meine Arbeit gut erledigen», sagt Andrea Luginbühl. Die ratsuchende Sabrina F. traf sie in der Kanzlei des externen Anwalts, der ihr Coach ist, in Zürich. Ein imposantes Gebäude mit einer Empfangstheke aus Marmor und grossen Leuchtern. Mit dem Anwalt und der Klientin setzte sie sich in einem Sitzungszimmer an einen grossen Tisch. «Dabei merkte ich rasch, dass die Studentin viel recherchiert hatte und gut über die rechtlichen Grundlagen informiert war.» Es stellte sich heraus, dass die Miete der Wohnung ausserordentlich günstig war. Aufgrund des Schimmels wäre allenfalls eine Mietzinsreduktion von zehn Prozent in Frage gekommen. «Ich machte ihr bewusst, dass ein Verfahren vor der Schlichtungsbehörde zwar noch kostenfrei, ein allfälliger Gang vor das Mietergericht dann aber mit Kosten und viel Aufwand verbunden ist.» Nach dem Gespräch entliess sie die Studentin mit zwei Ratschlägen: Beim Vermieter eine korrigierte Nebenkostenabrechnung verlangen, da diese einige Ungenauigkeiten beinhaltete. Und ihm eine Frist setzen, bis zu der er den Schimmel beseitigen muss. «Ich habe das ganz anders ernst genommen als etwa eine Vorlesungsprüfung. Ich war da, um dieser Person zu helfen.» Andrea Luginbühl «Für mich war diese Beratung eine Erfahrung, die sich deutlich vom übrigen Studium unterschieden hat», sagt Andrea Luginbühl rückblickend. «Ich habe das ganz anders ernst genommen als etwa eine Vorlesungsprüfung. Es ging nicht mehr darum, dem Dozenten oder mir selber etwas zu beweisen. Ich war da, um dieser Person zu helfen.» Sie hatte mehr als zwanzig Stunden in die Vorbereitung auf das Gespräch investiert. «Ich glaube, ich konnte gut auf die Klientin eingehen, und hatte den Eindruck, sie fühlt sich wohl. Es war mir sehr wichtig, dass sie das Gespräch mit einem guten Gefühl verlässt.» Modulleiter Babey ist nach dem Pilot­semester sehr zufrieden. «Es ist ein Win-win-Modell.» Nicht nur aufseiten der Rechtsstudenten ist die Nachfrage gross. Auch aufseiten der Ratsuchenden stösst die Law Clinic von Beginn an auf viel Interesse. Nachdem die ZHAW das Angebot im vergangenen Herbst auf ihrer Website aufgeschaltet hatte, meldeten sich innerhalb von wenigen Wochen rund 60 Personen. «Wir wurden trotz fehlender Werbung regelrecht überrannt.» Oftmals ging es in den Fällen um Familienrecht, etwa um Unterhaltszahlungen, um Schulden oder Kaufverträge. Am häufigsten aber um mietrechtliche Fragen. Im Februar ist die Law Clinic nun in die zweite Runde gestartet. Mit sieben neuen Studentinnen und Studenten, die Beratungen anbieten. «Wenn das Projekt weiterhin so erfolgreich läuft, werden wir es in Zukunft möglicherweise ausbauen», sagt Babey. Damit der Sprung von der Theorie in die Praxis möglichst vielen Studenten einfacher gelingt. Simon Jäggi

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