Menü
Logo Logo
  • DE
  • EN
  • Dossier 30
  • Main Topic 8
  • Menschen 3
  • Studium 1
  • Ümit Yoker 30
  • 2/2023 5
  • 1/2020 3
  • 3/2022 3
  • 2/2022 2
  • 3/2021 2
  • 4/2022 2
  • 1/2022 1
  • 1/2023 1
  • 1/2025 1
  • 1/2026 1
  • 2/2019 1
  • 2/2020 1
  • 2/2021 1
  • 2/2024 1
  • 2/2025 1
  • 3/2023 1
  • 4/2019 1
  • 4/2020 1
  • 4/2021 1
Aktive Filter: Kategorie: Dossier Autor: Ümit Yoker Alle Filter entfernen
Es wurden 30 Ergebnisse in 2 Millisekunden gefunden. Zeige Ergebnisse 1 bis 10 von 30.
  • 1
  • 2
  • 3
  • »
Ergebnisse pro Seite:

Schwierige Gespräche mit virtuellem Gegenüber trainieren

Ob Kinder immer wieder heftig beschimpft werden, ob ihnen gedroht wird oder die Liebe entzogen: Psychische Gewalt in der Erziehung ist in der Schweiz weit verbreitet. Gemäss einer aktuellen Erhebung von Kinderschutz Schweiz verhält sich fast ein Fünftel der befragen Eltern regelmässig auf solche Weise, gut ein Drittel ab und zu. Doch längst nicht alle Fälle werden erkannt. Emotionale Gewalt an Kindern lässt sich schwer erheben, gerade über Selbstberichte. Joel Gautschi , Forscher und Dozent am Departement Soziale Arbeit , macht zwei Hauptgründe dafür aus: «Zum einen gibt es kein einheitliches Verständnis, was emotionale Kindesmisshandlung eigentlich ist.» Ausserdem fehle es an strukturierten Instrumenten, um Beurteilungsgespräche mit den Eltern zu führen. Die ZHAW hat gemeinsam mit der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) deshalb den Schulungsservice SAM entwickelt. SAM steht für Simulierte Abklärung von Kindesmisshandlung (Simulated Assessment of Child Maltreatment) und richtet sich an Studierende und Fachleute der Sozialen Arbeit. Die von der Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen (DIZH) geförderte Schulungsplattform umfasst mehrere Elemente, sagt Nicole Fölsterl , Dozentin und Forscherin im Studienbereich Interaction Design der ZHdK, die das Projekt zusammen mit Gautschi leitet. Dazu gehören Informationen zu psychischer Gewalt an Kindern und strukturierter Gesprächsführung, ebenso ein standardisierter Interviewleitfaden, der aus zwei US-amerikanischen Instrumenten adaptiert und weiterentwickelt wurde. Um diesen Leitfaden zu üben, wird er als Erstes mit einem Chatbot angewendet. Der nächste Schritt ist eine Gesprächssimulation in einer Virtual-Reality-Umgebung (VR). Die Teilnehmenden können hier aus drei virtuellen Persönlichkeitsprofilen wählen, die je eine individuelle Biografie und einen spezifischen Interaktionsstil haben: kooperativ, passiv-aggressiv oder aggressiv. Für die Entwicklung der Charaktere haben sich Fölsterl und Gautschi mit Fachleuten ausgetauscht und auf anonymisierte Beschreibungen von realen Fällen gestützt. «Die Gesprächserfahrung ist einerseits massgeschneidert, andererseits aber auch flexibel und adaptiv.» Joel Gautschi, Forscher und Dozent am Departement für Soziale Arbeit Dass eine strukturierte Gesprächsführung in realistischen Szenarien trainiert werden kann, ist für die Forschenden unabdingbar: «Solange man den Leitfaden nicht verinnerlicht hat, fällt man gerade in schwierigen Konversationssituationen rasch auf intuitive Muster zurück», sagt Gautschi. Das Üben in der VR-Simulation schult einen darin, auch in solchen Momenten fokussiert zu bleiben, das eigene Verhalten zu reflektieren und Voreingenommenheit zu erkennen. Das immersive und interaktive Setting weist gegenüber analogen Methoden wie dem Rollenspiel den Vorteil auf, dass das Gesprächsszenario beliebig verändert und individuellen Trainingszielen angepasst werden kann. So hat der virtuelle Elternteil vielleicht einmal eine Lernschwierigkeit oder die Abklärung wird etwa vom Büro in ein Wohnzimmer verlegt. Gleichzeitig sind die Antworten des virtuellen Gegenübers nicht von vornherein festgelegt, sondern werden aus dem Moment heraus generiert. «Die Gesprächserfahrung ist einerseits massgeschneidert, andererseits aber auch flexibel und adaptiv», sagt Gautschi. «Das war die grosse Innovation für uns.» Möglich sei dies nur dank Large Language Models gewesen, ergänzt Fölsterl. «Noch vor wenigen Jahren hätten wir viel Zeit und Geld in die Erarbeitung eines interaktiven Drehbuchs und das Charakterdesign investieren müssen.» Der Prototyp des Schulungsservices SAM wird noch bis im Sommer 2025 weiterentwickelt, dann soll er in einer Kontrollstudie auf Wirksamkeit und Marktpotenzial hin evaluiert werden. Im besten Fall kommt das Lernangebot irgendwann über den konkreten Anwendungsfall hinaus zum Einsatz und wird mit neuen Inhalten gefüllt. «Wir haben die Technologie so angelegt, dass sie von allen genutzt werden kann, die mit schwierigen Gesprächssituationen zu tun haben», sagt Fölsterl. «Es ist schliesslich ein breites Feld.» Zum Projekt auf der Website der DIZH Wie fühlt sich ein Gespräch mit SAM an und mit welchen Fragen setzen sich die verschiedenen Beteiligten der ZHAW und der ZhdK auseinander? Das Video bietet Einblick in die Entwicklung der Schulungsplattform. (Headerbild: Adobestock/Drobot Dean) Ümit Yoker

Meine Daten sind deine Daten 

Wenn Forschungsdaten offen zugänglich sind, wird die wissenschaftliche Arbeit nicht nur transparenter, effizienter und wirksamer, sondern lässt sich auch einfacher reproduzieren und verifizieren. So die Idee von Open Research Data . «Schon heute gibt es viele Datensätze, die grundsätzlich frei verfügbar sind», sagt Anna Daudrich , Forschungsdatenspezialistin an der Hochschulbibliothek der ZHAW. «Doch ob sich diese Daten so einfach wiederverwenden lassen, steht auf einem anderen Blatt.» Genau dieser Frage geht die ZHAW im Projekt ROADS derzeit auf den Grund. Der freie Zugriff auf bestehende Forschungsdaten ermögliche nicht nur, neue Fragestellungen anzugehen und stärker interdisziplinär zu arbeiten, sondern spare auch viele personelle und zeitliche Ressourcen, führt Daudrich aus, die das departementübergreifende Projekt leitet. «Zudem fordern heute auch Förderinstitutionen und öffentliche Geldgeber immer häufiger, dass die generierten Daten allen zur Verfügung stehen.» Die Wiederverwendbarkeit von Forschungsdaten ist eines der vier Prinzipen, an denen sich auch der Bund in seiner Nationalen Strategie zu Open Research Data orientiert. Diese sogenannten FAIR-Prinzipien besagen: Forschungsdaten müssen auffindbar, zugänglich, kompatibel und eben wiederverwendbar sein. Erst dann dienen sie auch anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei ihrer Arbeit. Wie aber müssen Daten dazu aufbereitet, dokumentiert und verwaltet werden? Antworten auf diese Fragen erhofft sich Daudrich aus konkreten Anwendungsfällen, das heisst: Studierende und Dozierende der ZHAW suchen nach bestehenden Datensätzen und wenden diese im Rahmen einer Diplom-, Haus- oder Seminararbeit auf eine beispielhafte Forschungsfrage an. Daudrich arbeitet dabei mit ganz verschiedenen Departementen und Disziplinen der ZHAW zusammen: In die Analyse fliessen also Messdaten aus der Physiotherapie ebenso ein wie Umfragen aus der Angewandten Psychologie oder statistische Auswertungen aus der Lebensmittelwissenschaft. Sharun Parayil Shaji und sein Betreuer Wolfgang Tress von der School of Engineering etwa haben sich für ein relativ neues globales Datenarchiv zu sogenannten Perowskit-Solarzellen entschieden. Perowskit ist ein Sammelbegriff für verschiedene Stoffe, deren Kristallstruktur dem natürlichen Mineral mit demselben Namen ähnelt. «Solarzellen aus Perowskit sind effizienter und benötigen bei der Herstellung weniger Energie als andere Materialien», sagt Tress, der am Institute of Computational Physics das Team Neuartige Halbleiterbauelemente leitet. «Für eine kommerzielle Anwendung sind sie aber noch zu wenig robust.» Die beiden Forscher wollten deshalb untersuchen, ob sich aus den bestehenden Daten allfällige Trends in Bezug auf die Stabilität von Perowskit-Solarzellen ablesen und maschinelle Lernmodelle trainieren lassen. «Studierende sollten schon früh auf Open Research Data sensibilisiert werden – lange bevor sie als Forschende tätig sind.» Anna Daudrich, Projekttleiterin ROADS Die Bilanz fällt eher ernüchternd aus: Sie hätten für ihre Analyse weder auf genügend Daten noch ausreichende Kontextinformationen zurückgreifen können, fasst Tress zusammen. Das grösste Problem seien aber die fehlenden Messstandards gewesen: «Es gibt heute keine eindeutigen Vorgaben, wie die Stabilität von Perowskit-Solarzellen erhoben werden soll.» Diese werde je nach Labor unter sehr unterschiedlichen Belastungsbedingungen gemessen: Einmal variiere vielleicht die Temperatur, ein anderes Mal die Lichtintensität. Der Professor kritisiert aber auch, dass das verwendete Datenarchiv seit seiner Erstellung 2021 kaum gepflegt oder aktualisiert worden sei. «Dabei wurde gerade in den letzten Jahren viel zum Thema publiziert.» Wenn es denn gut geführt sei, ist der langfristig Nutzen eines solchen Archivs für Tress aber unbestritten. «Stabilitätsmessungen sind in der Regel sehr aufwendig», erklärt der Ingenieur und Physiker. «Viele Labore könnten diese alleine gar nicht durchführen.» Im Gegensatz zu Tress und Shaji haben sich die anderen Teilnehmenden für ihre Fallstudien grossmehrheitlich auf Datensätze aus eigenen Forschungsarbeiten gestützt, wie Projektleiterin Daudrich sagt. «Viele der gängigen Schwierigkeiten haben sich für sie darum gar nicht erst gestellt.» Wer mit eigenem Material arbeite, wisse von Anfang an, ob sich dieses auch für andere Fragen eigne. Auch fehlende Metadaten seien dann nicht so dramatisch. «Die meisten Forschenden erinnern sich auch ohne detaillierte Dokumentation noch an die Laborbedingungen.» Das von der Rektorenkonferenz der Schweizerischen Hochschulen swissuniversities mitfinanzierte Projekt wird deshalb um ein halbes Jahr verlängert und läuft neu bis Ende Juni 2025. Für die zusätzlichen Fallstudien sollen nun ausschliesslich Datensätze anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nachgenutzt werden, betont Daudrich. «Erst so können wir ein vertieftes Verständnis für die typischen Herausforderungen rund um das Thema gewinnen.» Denn Probleme gibt es genug: So erschweren den Studierenden heute nicht nur Qualitätsmängel die Wiederverwendung von Daten, sondern auch rechtliche Fragen; etwa wenn die Einwilligung von Probandinnen und Probanden diesbezüglich nicht klar formuliert ist. Gleichzeitig fehlt es vielerorts an grundsätzlichen Kenntnissen und Kompetenzen, wie Daudrich feststellt. «Das beginnt manchmal schon bei der Frage: Wo finde ich überhaupt geeignete Daten?» Während eine Einführung in die Literaturrecherche im Studium selbstverständlich sei, würden bislang zur Datenrecherche kaum Grundlagen vermittelt. Die Wissenslücken der Studierenden bedeuten auch einen Mehraufwand für die betreuenden Dozentinnen und Dozenten. «Oft müssen sie dann die nachzunutzenden Daten suchen, diese in üblichere Formate konvertieren oder eine gängigere Software ausfindig machen», sagt Daudrich. Dies werfe auch Fragen nach dem Leistungsumfang auf, der schliesslich den Studierenden angerechnet werden kann. Von ROADS erhofft sich die ZHAW nicht nur Erkenntnisse darüber, ob existierende Forschungsdaten tatsächlich wiederverwendbar sind. Das Projekt soll auch dazu beitragen, die Datenkompetenz heutiger Studierender und Forschender an der ZHAW zu fördern und somit den Grundstein dafür zu legen, eine künftige Generation von Open Scientists auszubilden. Dazu sollen nicht nur departement- und fachspezifische Beratungen und Schulungen angeboten, sondern auch unterstützende Materialien wie Checklisten oder Leitfäden zum Thema Datennachnutzung entwickelt werden. Der Weg zu Open Research Data dürfte noch lange sein, lohnenswert ist er für Anna Daudrich aber allemal. «Wichtig ist, schon möglichst früh im Studium für das Thema zu sensibilisieren – lange bevor die Studierenden selbst als Forschende tätig sind.» Auf diese Weise wüssten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlerin nicht nur von Beginn weg, worauf es zu achten gelte, wenn sie existierende Daten nachnutzten – sondern seien sich auch bewusst: «Wenn ich meine Daten nicht ordentlich aufbereite und dokumentiere, haben andere bei der Nachnutzung später ein Problem.» (Bild: alphaspirit /adobestock) Ümit Yoker

Der digitale medizinische Begleiter erinnert an Diät und Training

Health-Apps gibt es zuhauf, doch so gross die Motivation beim Herunterladen auch ist: Nach ein paar Wochen hat sie meistens wieder deutlich nachgelassen. Am Institut für Wirtschaftsinformatik der ZHAW wird seit 2017 untersucht, wie digitale Begleiter die Behandlung von chronischen Krankheiten unterstützen können. Zusammen mit dem Industriepartner Helmedica AG wurde dazu eine App entwickelt, die den Austausch von Adipositaspatientinnen und -patienten mit Gesundheitsfachleuten ins Zentrum stellt. «Wenn man weiss, dass auch die Ärztin in der App einsehen kann, ob man vereinbarte Therapiemassnahmen einhält und das beim nächsten Termin auch thematisiert, steigt die Verbindlichkeit stark», ist Instituts- und Projektleiter Andri Färber überzeugt. «Heute wird in Konsultationen viel Zeit darauf verwendet, die von den Erkrankten ergoogelten Diagnosen richtigzustellen und einzuordnen.» Andri Färber, Leiter des ZHAW-Instituts für Wirtschaftsinformatik Im ersten Praxisteil des von Innosuisse geförderten Forschungsprojekts wurde nun die Gebrauchstauglichkeit der App getestet, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin Mirella Moser sagt. Gut zwei Dutzend Erkrankte sowie mehrere Gesundheitsfachleute wandten den digitalen Begleiter über einige Wochen und zwei Arzttermine hinweg an. Es wurden darin etwa Krankheitsgeschichte, Essverhalten oder Fragen für die kommende Konsultation festgehalten, aber auch Therapiemassnahmen oder Links der Ärztinnen und Ärzte für weiterführende Informationen. Gerade Letzteres sei nicht zu unterschätzen, betont Färber. «Heute wird in Konsultationen viel Zeit darauf verwendet, die von den Erkrankten ergoogelten Diagnosen richtigzustellen und einzuordnen.» «Die Patientinnen und Patienten fühlten sich mit der App nicht nur besser vorbereitet, sie gingen auch mit mehr Selbstbewusstsein ins Gespräch.» Mirella Moser, wissenschaftliche Mitarbeiterin der ZHAW «Die Patientinnen und Patienten fühlten sich mit der App nicht nur besser vorbereitet», stellt Moser nach einer ersten Auswertung der Ergebnisse fest. «Sie gingen auch mit mehr Selbstbewusstsein ins Gespräch.» Geschätzt hätten die Testpersonen ausserdem, dass der digitale Begleiter ihnen einen Rahmen geboten habe, um das eigene Verhalten und Befinden zu reflektieren und festzuhalten. «Es war, als hätte man seine Ufzgi nicht gemacht.» Ursula Raths, eine der Testpersonen Nicht zuletzt habe das gemeinsame Erarbeiten des Therapieplans diesen verbindlicher gemacht, sagt die Forscherin. «Wenn ich die vereinbarten Massnahmen mal nicht einhielt, hatte ich gleich ein schlechtes Gewissen», erzählt Ursula Raths, eine der Testpersonen, lachend. «Es war, als hätte man seine Ufzgi nicht gemacht.» Der medizinischen Praxisangestellten kam die Teilnahme am Forschungsprojekt damals gerade recht. Seit der Menopause habe sie Jahr für Jahr etwas zugenommen, was sich irgendwann auch auf ihre Kondition ausgewirkt habe. «Wie eine alte Dampflok», erzählt die 65-Jährige, habe sie sich eines Tages am Berg gefühlt. Die App habe ihr nicht nur bewusster gemacht, was sie tatsächlich esse und trinke, sondern auch den Einstieg in neue Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten erleichtert. So habe die gemeinsame Anwendung des digitalen Assistenten mit ihrer Ärztin zutage gefördert, dass sie eigentlich gut auf das Frühstück verzichten könnte. Intervallfasten, gepaart mit viel Bewegung, stellte sich für sie als der ideale Weg heraus. «Ich konnte viel individueller beraten, wo ich sonst vielleicht vorgespurtere Wege eingeschlagen hätte.» Matthias Günthard, Arzt Den Gesundheitsfachleuten wiederum habe die App dabei geholfen, sich schneller und besser in die Lage der Betroffenen zu versetzen und sich gezielter auf die Konsultation vorzubereiten, ergänzt Färber. «Die Zeit für die Anamnese konnte so drastisch verkürzt werden.» Ausserdem falle die Qualität der Daten zu Krankheitsgeschichte und Gesundheitszustand oft höher aus, wenn sich Patientinnen und Patienten zu Hause und in Ruhe dazu Gedanken machen können, das habe eine andere Studie der ZHAW zum Thema ergeben. «Der digitale Begleiter macht es leichter, zusammen mit den Patienten präzise auf sie zugeschnittene Massnahmen festzulegen», sagt auch Arzt Matthias Günthard, der am Projekt teilgenommen hat. «Ich konnte viel individueller beraten, wo ich sonst vielleicht vorgespurtere Wege eingeschlagen hätte.» An den bisherigen Ergebnissen hat Färber aber etwas besonders überrascht: «Es kam durchaus auch den Patientinnen und Patienten entgegen, wenn die Konsultation effizienter ablief und der Arzt schneller zum Punkt kam», sagt er. «Das hätte ich so nicht erwartet.» Es braucht also vielleicht gar nicht immer viele einleitende Worte, um eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich eine betroffene Person wohl und ernst genommen fühlt. «Wenn jemand über die gesundheitlichen Probleme gut Bescheid weiss, dürfte das oft ausreichend Vertrauen und Glaubwürdigkeit schaffen.» In der zweiten Testphase des Forschungsprojekts soll nun geprüft werden, wie die App zur Einhaltung von Therapiemassnahmen beitragen kann. Diese sogenannte Adhärenz ist ein entscheidender Faktor der Volksgesundheit und liegt gemäss WHO heute bei durchschnittlich 50 Prozent, wie Färber weiss. Wie gut sich jemand an vereinbarte Ziele hält, hängt aber auch von deren Form ab: So nehmen zum Beispiel neun von zehn Diabetikerinnen und Diabetikern regelmässig die verschriebenen Medikamente ein. Doch nur die Hälfte hält auch wie empfohlen Diät, und gerade einmal ein Fünftel nimmt an einem Fitnessprogramm teil. Der Projektleiter ist sicher: «Wenn die durchschnittliche Adhärenz nur schon auf 60 oder 70 erhöht werden könnte, hätte dies gewaltige Wirkung.» «Sowohl die eigenen Aufzeichnungen als auch die Sensordaten zeigen, dass eine Person nicht wie abgemacht zwei Mal pro Woche schwimmen geht.» Andri Färber, Projektleiter Der an der ZHAW entwickelte digitale Begleiter erhebt zum einen die tatsächliche Adhärenz einer Person und gleicht diese mit den festgelegten Therapiezielen ab – mittels Selbstdeklarationen der Testpersonen, Trackerarmband und einer an die App angeschlossenen Waage, die die Zahl der zurückgelegten Schritte oder Gewichtsveränderungen messen. Zum anderen soll ein mit ChatGPT erstellter Konversationsagent gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten etwa ergründen, warum eine vereinbarte Massnahme nicht eingehalten wurde, und nach alternativen Wegen suchen, wie sich diese Ziele dennoch erreichen liessen. Färber illustriert das mit einem Beispiel: «Sagen wir, sowohl die eigenen Aufzeichnungen als auch die Sensordaten zeigen, dass eine Person nicht wie abgemacht zwei Mal pro Woche schwimmen geht», so der Forscher. Vielleicht fördere der Austausch mit dem digitalen Assistenten zutage, dass sich die Person vor anderen sehr unwohl fühle im Badeanzug. Gemeinsam gelange man dann möglicherweise zur Lösung, frühmorgens in die Badi zu gehen oder das Schwimmen an eine wenig frequentierte Stelle am See zu verlegen. Schon zu Beginn des Forschungsprojekts war klar, dass digitale Assistenten dereinst nicht nur bei Adipositas zur Anwendung kommen sollen, sondern auch bei anderen chronischen Krankheiten. Industriepartner Helmedica AG hat sogar bereits eine erste Variante auf den Markt gebracht: Für das Kantonsspital St. Gallen implementierte das Unternehmen einen digitalen Begleiter für COPD-Patientinnen und COPD-Patienten. Bei dieser chronischen Lungenerkrankung sei es fundamental, möglichst schnell auf plötzliche Verschlechterungen zu reagieren, erklärt Färber. Die Erkrankten würden darum allabendlich in der App einen kurzen Fragebogen ausfüllen. Werde ein bestimmter Grenzwert an zwei aufeinanderfolgenden Tagen überschritten, biete das Spital die Person automatisch zu einem Kontrolltermin auf. Solch neue Anwendungen sollen bald auch in grossem Stil Schub erhalten. So will die E-Health-Anbieterin AD Swiss digital unterstützte Behandlungsprogramme für chronische Erkrankungen weiter voranbringen, wie Färber sagt. Für dieses Unterfangen habe das Unternehmen – dem er künftig als Geschäftsführer vorstehen wird – neben den bisherigen Aktionären wie etwa dem Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH auch mehrere neue Investoren gewinnen können, unter anderem den Krankenversicherer Swica und die Unternehmensgruppe Galenica. «Dieses Joint Venture steht für das Vertrauen in das grosse Potenzial von digitalen Begleitern.» Ümit Yoker

Pflegende Angehörige: Diejenigen stützen, die andere stützen 

Vier von fünf Menschen über 80 Jahre in der Schweiz leben nach wie vor zu Hause. Das wäre ohne ihre Ehepartnerinnen und Kinder, ohne ihre Schwiegertöchter und Geschwister nicht möglich. Angehörige übernehmen einen wesentlichen Teil der Sorge und Pflege von Menschen im Alter; sie gehen einkaufen und wechseln die Bettwäsche, erinnern an Arzttermine und helfen beim Haarewaschen. Ihr Beitrag dürfte in den kommenden Jahren noch grösser werden. Mehr und mehr kümmern sich Angehörige dabei auch um Familienmitglieder mit Demenz. Gemäss Prognosen des Bundesamtes für Gesundheit dürften bis 2045 rund 300’000 Personen oder mehr an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz leiden. Fast die Hälfte der Kosten, die dem Schweizer Gesundheitssystem dadurch entstehen, werden schon heute durch die unentgeltliche Arbeit des nahen Umfeldes gedeckt. «Zur Trauer, die jede schwere Erkrankung einer nahestehenden Person begleitet, kommt bei Demenz eine enorme Einsamkeit hinzu.» Barbara Baumeister, Gerontopsychologin am Departement Soziale Arbeit «Zwischen 80 und 85 Jahren kommt es zu den einschneidendsten Abbauprozessen beim Menschen», sagt Barbara Baumeister , Gerontopsychologin am Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe der ZHAW. Die Diagnose Demenz sei für alle ein sehr kritisches Lebensereignis, aber es gehe ihr meist ein schleichender Prozess voraus; veränderte Verhaltensweisen und Wesenszüge der Betroffenen könnten am Anfang oft nicht richtig eingeordnet werden. Zwar hätten Sensibilisierung und Bewusstsein für die Krankheit zugenommen, so die Dozentin und Forscherin am Departement für Soziale Arbeit . «Dennoch wissen viele Familien nicht, was mit einer Demenz auf sie zukommt.» Die Pflege von demenzkranken Familienmitgliedern bedeutet eine grosse Herausforderung. Hält die Belastung über längere Zeit an, kann das auch Folgen für die Gesundheit der Betreuenden haben: Sie reichen von körperlichen Leiden wie Rückenschmerzen bis hin zu psychischen Beschwerden wie Schlafstörungen oder Depressionen. «Zur grossen Trauer, die jede schwere Erkrankung einer nahestehenden Person begleitet, kommt bei der Demenz auch eine enorme Einsamkeit hinzu», sagt Baumeister. Zusehend entgleitet einem der Mensch, den man so gut zu kennen glaubte. Er ist nicht mehr der Gesprächspartner, der er einmal war, nicht mehr Lebenspartner. «Gewalt an pflegebedürftigen Menschen geschieht fast immer aus Überforderung.» Barbara Baumeister, Gerontopsychologin Häufen sich erschwerende Faktoren in der Betreuung – dazu gehören psychische Erkrankungen wie eben eine Demenz, aber auch Isolation oder Abhängigkeit –, kann es sogar zu Gewalt kommen. «Angehörige handeln dabei in den allerseltensten Fällen vorsätzlich», betont Baumeister, die sich in mehreren Forschungsprojekten der ZHAW intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. «Gewalt an pflegebedürftigen Menschen geschieht fast immer aus Überforderung.» So dürfte ein solcher Kontrollverlust auch den Angehörigen selbst sehr zu schaffen machen. Die Gerontopsychologin hält darum nicht viel davon, von Tätern beziehungsweise Täterinnen und Opfern zu sprechen. «Es muss vielmehr das ganze System betrachtet werden.» Immer wieder stellt Baumeister in Gesprächen mit Fachleuten und betroffenen Familien aber fest: Vielen Angehörigen fällt es schwer, Hilfe anzunehmen; professionelle Beratungsstellen werden häufig nicht oder erst spät aufgesucht. Die Gründe dafür sind vielfältig: So gehe es hier um einen privaten und intimen Bereich, in den man grundsätzlich eher ungern Einblick gewähre, sagt die Forscherin. Eine Rolle spielten aber auch Schamgefühle, ebenso ein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein. Die Pflege nicht alleine gewährleisten zu können, werde als Versagen empfunden, und man glaubt, eine ausschliessliche Betreuung auch dann schuldig zu sein, wenn man längst seine Grenzen erreicht hat. Gleichzeitig sind Angehörige bisweilen skeptisch, ob etwa der pflegebedürftige Vater überhaupt externe Hilfe annehmen würde – und ob diese ihren eigenen Ansprüchen entspräche. «Es fällt den Betreuenden auch nicht immer leicht, einen Teil der Verantwortung abzugeben.» «Ganz klar ist Entlastung auch eine finanzielle Frage.» Barbara Baumeister, Gerontopsychologin Manchmal wissen Angehörige aber auch nicht, welche Unterstützungsmöglichkeiten existieren, oder es sind schlicht keine passenden Angebote in der Nähe. «Ganz klar ist Entlastung zudem eine finanzielle Frage», betont Baumeister. Längst nicht alle Betreuenden könnten sich die Hilfe leisten, die sie sich für sich und ihre Nächsten wünschen würden. Nicht selten sei man sich auch in der Familie uneins darüber, was eine solche Hilfe kosten dürfe. Fachleute können Angehörigen entscheidendes Wissen vermitteln und Handlungsoptionen aufzeigen. Gerade der Umgang mit Demenzkranken setzt viel Verständnis für die Krankheit voraus. Solche Gespräche mit Expertinnen und Experten seien aber aus einem weiteren Grund wichtig, weiss die Psychologin Isabelle Nessensohn: «Sie sind für Betreuende ein Ausbruch aus der Isolation.» Es geht also auch um das Gefühl, nicht allein zu sein, Gehör zu finden, anerkannt zu werden. Fachleute wüssten, was unter gegebenen Umständen normal sei, und auch, wie schwer es sein könne, die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen zu lassen. «Oft können selbst nahestehende Menschen nur bedingt nachvollziehen, was die Sorge für ein pflegebedürftiges Familienmitglied bedeutet.» Isabelle Nessensohn, Masterabsolventin Angewandte Psychologie Nessensohn hat für ihre Masterarbeit am Departement für Angewandte Psychologie der ZHAW untersucht, wie Angehörige das Angebot der Gerontologischen Beratungsstelle SiL erleben. Im Gegensatz zu aufsuchenden Demenzberatungen andernorts, die erst nach einer Diagnose aktiv würden, besuche die Stadtzürcher Organisation gefährdete Menschen früher, meist auf eine Verdachtsmeldung von Hauseigentümerinnen, Nachbarn oder der Polizei hin. So könne durch ihre Arbeit oftmals eine Institutionalisierung hinausgezögert oder eine notfallmässige Hospitalisation vermieden werden. «Oft können selbst nahestehende Menschen nur bedingt nachvollziehen, was die Sorge für ein pflegebedürftiges Familienmitglied bedeutet», sagt die heutige Geschäftsführerin von Alzheimer Thurgau. Gerne werde die Pflege mit den Herausforderungen verglichen, die die Betreuung von kleinen Kindern mit sich bringt. Und natürlich gebe es Parallelen: lange Nachmittage mit Spaziergängen und Spielen, Gespräche von reduzierter Komplexität, Aufruhr mitten in der Nacht. «Viele Betreuende sind sich gar nicht bewusst, was für eine enorme Leistung sie erbringen.» Samuel Wehrli, Leiter des Netzwerks Soziale Arbeit und Digitalisierung Was die beiden Situationen aber fundamental unterscheide: Durchlaufen junge Eltern eine solche Phase im Wissen, dass sie an deren Ende einen Menschen in die Selbstständigkeit entlassen, ist die Pflege eines demenzkranken Menschen stets vom Bewusstsein begleitet, dass sich die Spirale kontinuierlich abwärtsdreht und am Schluss nicht das volle Leben wartet, sondern der Tod. Einen besonders niederschwelligen Zugang zur Unterstützung von betreuenden Angehörigen erarbeitet derzeit ZHAW-Forscher und Dozent Samuel Wehrli . Gemeinsam mit der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK und den Praxispartnern We+Tech und Pro Aidants entwickelt er eine App , die Wissen über Demenz und Beratungsmöglichkeiten bündeln und leichter zugänglich machen soll. «Gleichzeitig möchte die App zur mentalen Gesundheit der Angehörigen beitragen», sagt der Leiter des Netzwerks Soziale Arbeit und Digitalisierung am Departement für Soziale Arbeit . Es gehe darum, einen Reflexionsprozess in Gang zu setzen und mit gezielten Fragen und Lösungsansätzen mitzuhelfen, dass schwierige Situationen früher erkannt und die eigenen Grenzen gewahrt werden können. «Viele Betreuende sind sich gar nicht bewusst, was für eine enorme Leistung sie erbringen.» Ümit Yoker

Wenn zwei sich streiten

«Geopolitik? Die spielt in der Unternehmensführung doch keine Rolle – das war lange der allgemeine Konsens im Topmanagement und durchaus richtig», sagt Florian Keller , Professor für Global Business und International Relations an der School of Management and Law . Schliesslich habe sich die Welt seit dem Zweiten Weltkrieg stetig in eine Richtung bewegt: weg von der Konfrontation, hin zu mehr wirtschaftlicher Kooperation. «Diese Zeiten sind heute definitiv vorbei.» Spätestens seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine und den daraus folgenden wirtschaftlichen Sanktionen des Westens hätten sich die globalen Märkte wieder zu entkoppeln begonnen. Diese Entwicklung gab vergangenes Jahr den Anstoss zur Gründung des Zentrums für Geopolitik und Wettbewerbsfähigkeit (CGC) – und schlug sich in einem neuen Lehrgang nieder. «Unternehmensführung muss wieder anders gelehrt werden», betont Keller, der das Zentrum leitet. In vielen der dortigen Bachelor- und Masterprogramme gehöre ein Teil Geopolitik nun zum Curriculum; und auch im MBA Executive Leadership bereite man die Unternehmensführenden von morgen auf solche Herausforderungen vor. Der neue CAS Geopolitik und Business Strategy vermittle Unternehmerinnen und Managern ausserdem die notwendigen Kompetenzen, um in einer von geopolitischen Konflikten geprägten Wirtschaftswelt überleben zu können. «Wir wollen Unternehmen Strategien in die Hand geben, um widerstandsfähiger und wettbewerbsfähiger zu werden.» Siyana Gurova, Zentrum für Geopolitik und Wettbewerbsfähigkeit Gleichzeitig, so Keller, habe sich angesichts der globalen Veränderungen zunehmend die Frage aufgedrängt, was international tätige Firmen konkret tun können, um in dieser neuen Welt erfolgreich zu sein? Konkret: Welche Folgen hat die drohende wirtschaftliche Fragmentierung von China und den Vereinigten Staaten für hiesige Betriebe? Und wie können sie sich auf solche Veränderungen vorbereiten? In einem von Innosuisse unterstützten und von mehreren Industriepartnern sowie der Schweizer Exportförderorganisation S-GE begleiteten Forschungsprojekt wollten das Zentrum für Geopolitik und Wettbewerbsfähigkeit der ZHAW und das Schweizerische Institut für Entrepreneurship der Fachhochschule Graubünden deshalb wissen: Wie gut sind Schweizer Unternehmen auf eine Entkoppelung der grossen Wirtschaftsräume vorbereitet? Wie robust sind ihre Geschäftsmodelle gegen geopolitische Schocks? Wo müssen sie angepasst oder allenfalls neu ausgerichtet werden? In einem ersten Schritt haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehrere Szenarien ausgearbeitet, wie sich die Beziehung zwischen China und den USA in nächster Zeit entwickeln könnte. Die sechs Varianten reichen von einer vorsichtigen Entspannung mit erneuter Zusammenarbeit über anhaltende wirtschaftliche Spannungen beider Länder bis hin zu einer Eskalation beziehungsweise einer militärischen Auseinandersetzung. «Wir werden immer wieder gefragt, welches Szenario wir für am wahrscheinlichsten halten», sagt die Politikwissenschaftlerin Siyana Gurova , die zum Projektteam gehört. Eine solche Prognose masse man sich jedoch nicht an. Ziel der Forschung sei vielmehr gewesen, aus den unzähligen Möglichkeiten übergeordnete Archetypen herauszuschälen. Um zu verstehen, was die jeweiligen Szenarien für Schweizer Unternehmen bedeuten, identifizierten die Forschenden in einem zweiten Schritt jene Geschäftsfelder beziehungsweise Themen, in denen international tätige Firmen am ehesten verwundbar sind. Dazu gehören neben der eigentlichen Marktpräsenz in China oder den USA auch die Fragen, wie abhängig das Unternehmen von Rohstoffen aus den beiden Ländern ist oder wie wichtig China und die USA als Produktionsstandorte sind. Ebenfalls zentral sind das Risikomanagement und die Eigentümerstruktur der Firmen. Wenn wichtige Anteilseigner oder Tochtergesellschaften in den USA oder China ansässig seien, könne es im derzeitigen Klima schnell zu Problemen kommen, erklärt Keller. Dasselbe gelte, wenn sich eine Schweizer Firma in China mit einem amerikanischen Partner zusammenschliesse oder ein Joint Venture mit einem chinesischen Unternehmen in den USA eingehe. Schwierig werde die Situation auch, wenn Unternehmen zum Beispiel auf seltene Erden aus China angewiesen seien, so wie sie etwa für die Herstellung von Kaffeemaschinen benötigt werden. «Ein Auslieferungsstopp könnte die hiesige Produktion innerhalb von wenigen Wochen zum Erliegen bringen.» Eine grosse Herausforderung sei aktuell natürlich auch Trumps Zollpolitik. Hier gelte es für betroffene Unternehmen, sich den zulässigen Interpretationsspielraum gezielt zu Nutzen zu machen, sagt Dominique Ursprung , stellvertretender Leiter des CGC. «Statt ein vollständiges Produkt zu exportieren, könnte zum Beispiel ein Teil der Montage in die USA verlegt werden», so der Dozent. Auf diese Weise liessen sich Strafzölle allenfalls vermeiden und käme man dem erklärten Ziel des US-Präsidenten, mehr Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten zu schaffen, doch so weit wie eben nötig entgegen. Die Forschungsergebnisse sollen betroffenen Firmen auch ganz konkret zugutekommen. Das Projektteam hat sie darum in die Entwicklung eines sogenannten Stresstests einfliessen lassen. Das frei zugängliche und kostenlose Instrument soll Betrieben eine erste Einschätzung dazu ermöglichen, wie gross das wirtschaftliche Risiko ist, das ihnen durch ein zunehmend unsicheres globales Umfeld entsteht. Der bei S-GE online verfügbare Stresstest eignet sich für alle Unternehmen mit internationalen Lieferketten oder Produktions- und Vertriebsstrukturen in China oder den USA. Natürlich weise diese Risikoüberprüfung nicht nur auf Schwachstellen hin, betont ZHAW-Dozentin Gurova: «Wir wollen Unternehmen auch mögliche Strategien in die Hand geben, um ihre Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.» Der US-China-Stresstest solle insbesondere kleinen und mittleren Betrieben helfen, die oft weder auf externe Beratung noch auf ein betriebsinternes Risikoanalyseteam zurückgreifen könnten. «Kreislaufwirtschaft macht uns unabhängiger von anderen Märkten.» Florian Keller, Zentrum für Geopolitik und Wettbewerbsfähigkeit So besteht eine mögliche Lösung in Bezug auf die Eigentümerstruktur laut Keller zum Beispiel darin, Tochterfirmen von Schweizer Unternehmen in den USA oder in China rechtlich unabhängig zu organisieren. Abhängigkeiten bei der Beschaffung von Rohstoffen wiederum könnten durch den Zukauf von Lieferanten oder Kunden vermindert werden. Auf diese Weise gewinne man mehr Kontrolle entlang der Wertschöpfungskette. Eine andere Möglichkeit sei es, auf alternative Materialien auszuweichen oder die Produktion anzupassen, ergänzt Keller und kommt dabei auf das Beispiel der Kaffeemaschine zurück: «Warum nicht auf den Touchscreen verzichten und stattdessen auf eine Bedienung per Knopfdruck setzen?» Doch auch die Kreislaufwirtschaft spielt eine wichtige Rolle: Rohstoffe aus gebrauchten Produkten wiederzuverwenden, sei nicht nur aus Gründen der Nachhaltigkeit sinnvoll: «Sie machen uns auch unabhängiger von anderen Märkten.» Für die Forschenden ist klar: Eine frühzeitige und systematische Auseinandersetzung mit geopolitischen Spannungen ist für Schweizer Firmen heute unabdingbar. «Als wir im Frühjahr 2024 mit unserem Forschungsprojekt begannen, dachten wir mehr hypothetisch darüber nach, was eine Entkoppelung der globalen Wirtschaftsräume für hiesige Unternehmen bedeuten könnte», sagt Keller. «Die Realität hat uns schneller eingeholt als gedacht.» Aufmacherbild: Adobestock/Riana Ümit Yoker

Besserer Schutz vor Cyberrisiken für alle

Die Widerstandsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Zürich gegen Cyberrisiken stärken – dies ist das Ziel des Projekt CYREN ZH von ZHAW School of Engineering und School of Management and Law gemeinsam mit der Universität Zürich . Unternehmen, aber ebenso Vereine, Schulen, Gemeinden und auch Individuen sollen besser gegen digitalen Gefahren gewappnet werden. «Die vielen Grosskonzerne im Wirtschaftsraum Zürich sind heute sehr gut geschützt», sagt Nico Ebert , Co-Projektleiter von CYREN ZH und Professor für Wirtschaftsinformatik an der School of Management and Law. «Deshalb werden immer häufiger auch kleinere Betriebe oder Organisationen angegriffen.» Diese könnten sich Beratungen oder Versicherungen oft nicht leisten und verfügten auch inhouse nicht unbedingt über das notwendige Know-how, um Cyberattacken abzuwehren. «Grosskonzerne sind heute sehr gut geschützt – deshalb werden immer häufiger auch kleinere Betriebe angegriffen.» Nico Ebert, Professor für Wirtschaftsinformatik an der School of Management and Law CYREN ZH will die Resilienz gegen solche Angriffe aus dem Netz nun auf verschiedene Weisen stärken: So sollen zum einen neue Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten geschaffen und der Bereich Cybersecurity an den Hochschulen ins Curriculum integriert werden. An den beiden Departementen der ZHAW habe sich diesbezüglich schon viel getan, sagt Marc Rennhard , ebenfalls Co-Leiter des Projekts und Leiter der Fachabteilung Informatik, Elektrotechnik und Mechatronik an der School of Engineering. Gerade laufe zum Beispiel das Genehmigungsverfahren für einen MAS in Cybersecurity. «Den Teilnehmenden wird dabei zugutekommen, dass die ZHAW das Thema sehr breit abdeckt und mehrere modular kombinierbare CAS anbietet», so der Informatikexperte. Im Rahmen des seit 2022 laufenden Projekts wird aber auch geforscht: So hat die School of Management and Law vor Kurzem eine umfangreiche Befragung zum Verhalten bezüglich Cybersecurity am Arbeitsplatz durchgeführt. «Nur wenn wir wissen, ob Angestellte entsprechende Richtlinien überhaupt kennen und auch einhalten, lassen sich gezielte Trainings und Awarenessmassnahmen aufbauen», erzählt Ebert. Die School of Engineering wiederum entwickelt derzeit einen KI-basierten Sicherheitsberater, der spezifische Sicherheitsrisiken von Unternehmen erkennen und massgeschneiderte Massnahmen vorschlagen soll. «Nicht nur die Unternehmen, auch die Studierenden profitieren von der Cybersecurity Clinic durch das praktische Arbeiten.» Marc Rennhard, Leiter der Fachabteilung Informatik, Elektrotechnik und Mechatronik an der School of Engineering Einen sehr praxisorientierten Wege beschreitet CYREN ZH seit Herbst 2024 mit der Cybersecurity Clinic: Studierende bieten KMU, Startups, Verbänden und weiteren Organisationen erste Hilfe an – sei es mit konkreten Lösungen, dem Aufspüren von Sicherheitslücken oder der Sensibilisierung für spezifische Gefahren. «Beide Seiten sollen von der Clinic profitieren», betont Rennhard. So kommt den Ratsuchenden der niederschwellige und kostenlose Zugang zu Beratung und Services zugute. Die Studierenden wiederum gewinnen wichtige Einblicke in die Praxis, ausserdem ist ihr Engagement in eine Bachelor- oder Projektarbeit eingebettet. So arbeiten sich die Studierenden etwa in moderne Angriffstechniken ein, um Penetrationstests durchzuführen, oder erstellen einen Prototyp eines Tools, mithilfe dessen ein Unternehmen selbst Sicherheitstests durchführen kann. Bisher kämen Studierende wie Betreuungspersonen primär aus den beiden ZHAW-Departementen und damit hauptsächlich aus den Bereichen Informatik, Ingenieurwesen und Management, erklärt Ebert. Längerfristig erhoffe man sich aber sowohl von weiteren Departementen der ZHAW als auch von der Universität Zürich eine Ausweitung auf Studiengänge wie Psychologie, Recht oder Politikwissenschaften. «Schon einfache Schritte wie eine Zwei-Faktor-Authentifizierung können das Schutzniveau markant anheben.» Nico Ebert, Professor für Wirtschaftsinformatik an der School of Management and Law Knapp ein Dutzend Firmen und Organisationen haben bisher die Dienste der Cybersecurity Clinic in Anspruch genommen, gerade werden die nächsten Anfragen bearbeitet. Das Besondere an der Cybersecurity Clinic sei, dass sie spezifisch auf die Risiken eines kleinen Betriebs eingehen und abwägen könne, welche Lösungen realistisch und sinnvoll seien, sagt Ebert. Die Massnahmen an sich seien oft bekannt. «Doch schon einfache Schritte wie eine Zwei-Faktor-Authentifizierung können das Schutzniveau markant anheben.» Eine Herausforderung ist laut den Projektleitern zum Teil die Erwartungshaltung der Antragsteller. Es müsse von Anfang an klar sein, dass nicht jede Anfrage angenommen und auch nicht jedes Problem gelöst werde, sagt Rennhard. «Schliesslich muss das Thema auch für die Studierenden sowohl attraktiv als auch machbar sein.» Hinzu komme die eher lange Vorlaufzeit: So muss zuerst einmal geprüft werden, in welches Departement ein Antrag überhaupt gehört, und dann, ob dort jemand diesen übernehmen kann und will. «Der Anspruch, dass innerhalb von zwei Wochen alle Fragen geklärt sind, ist hier sicher fehl am Platz.» «Ransomware-Attacken können nur begrenzt Schaden anrichten, wenn man seine Daten regelmässig offline an einem anderen Ort speichert» Marc Rennhard, Leiter der Fachabteilung Informatik, Elektrotechnik und Mechatronik an der School of Engineering CYREN ZH läuft noch bis 2027. Für eine längerfristige Finanzierung und Fortsetzung versuchen Rennhard und Ebert nun, das Projekt noch stärker an die Praxis anzubinden und weitere Kooperationen aufzubauen. «Sowohl an den beiden Hochschulen als auch in der Privatwirtschaft gibt es viele Bereiche, die Schnittstellen mit dem Thema aufweisen und ebenfalls Cybersecurity-Clinic-Projekte lancieren könnten», ist Ebert überzeugt. So könnten für Fragen zum Datenschutz etwa Juristinnen und Juristen einbezogen werden. Was Wissensaustausch und Kooperation unter all jenen betrifft, die sich wie er und Rennhard schon länger mit dem Thema beschäftigen, zieht Ebert aber jetzt schon eine erfreuliche Bilanz: «Wir gehen das Thema heute viel koordinierter an und arbeiten sowohl innerhalb der ZHAW als auch mit der Universität Zürich enger zusammen.» (Aufmacherbild: Adobestock/Tasty Content) Ümit Yoker

Neuer Studiengang: Kreislaufwirtschaft in all ihren Facetten

Kreisläufe sind im Institut für Umwelt und natürliche Ressourcen der ZHAW ein zentrales Thema. Wasser aus dem Meer verdunstet, kondensiert zu Wolken, fällt als Regen auf die Erde, sammelt sich zu Seen und Flüssen und strömt zurück ins Meer: der Wasserkreislauf. Blätter fallen zu Boden, zersetzen sich, geben Nährstoffe frei und werden von den Wurzeln der Bäume und Sträucher wieder aufgenommen: der Nährstoffkreislauf. «Kreislaufwirtschaft hat für uns bisher vor allem bedeutet, Kreisläufe in Prozessen aus naturwissenschaftlicher Sicht zu optimieren», sagt Institutsleiter Rolf Krebs . «Die Wirtschaftlichkeit war da eher nachgelagert.» «Der Übergang zur Kreislaufwirtschaft braucht Lösungen, die ökologisch sinnvoll sind – aber auch technisch machbar und wirtschaftlich attraktiv.» Rolf Krebs, Leiter Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen, Departement Life Sciences und Facility Management So wie am Departement Life Sciences und Facility Management in Wädenswil klingt es auch in anderen Abteilungen der ZHAW: Das Thema Kreislaufwirtschaft ist in den letzten Jahren zwar immer wichtiger geworden, wurde aber bisher vor allem durch die eigene Departementsbrille betrachtet. «Der Übergang zur Kreislaufwirtschaft braucht aber nicht nur Lösungen, die ökologisch sinnvoll sind – sondern auch technisch machbar und wirtschaftlich attraktiv», betont der Dozent für angewandte Bodenökologie. Genau aus diesem Grund wird in diesem Herbstsemester der neue interdisziplinäre Masterstudiengang Circular Economy Management eingeführt. Geleitet wird er von Krebs gemeinsam mit Christian Zipper von der ZHAW School of Engineering und Christian Vögtlin von der ZHAW School of Management and Law. «Ressourcen sparen und Energie effizienter nutzen war schon Ende der achtziger Jahre ein Thema», sagt Christian Zipper, der Stoff- und Energieflussanalysen, Ökobilanzierung und Risikomanagement unterrichtet. Nur habe das, was wir heute Kreislaufwirtschaft nennen, damals eigentlich nur ressourcen- und energieintensive Branchen wie die Stahl- und Zementindustrie interessiert. «Im Vordergrund stand nicht die Umwelt, sondern der Wunsch, Kosten für Produktion und Entsorgung zu senken.» Seit einigen Jahren nimmt vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Debatte um die Folgen des Klimawandels und des Ressourcenverbrauchs laut dem promovierten ETH-Umweltnaturwissenschaftler in Unternehmen ganz grundsätzlich das Bewusstsein zu, dass man Rohstoffe zurückgewinnen und wiederverwerten kann und muss. «Die EU ist weiter als die Schweiz, wenn es darum geht, Produkte langlebiger, reparierbar und rezyklierbar zu machen.» Christian Zipper, Dozent für Stoff- und Energieflussanalysen, Ökobilanzierung und Risikomanagement, School of Engineering Es sind vor allem neue Gesetze und Regulierungen, die diese Entwicklung vorantreiben. «Gerade im Rahmen des Green Deal der Europäischen Union ist die Kreislaufwirtschaft ein grosses Thema», sagt Christian Vögtlin, Co-Leiter des Center for Corporate Responsibility an der School of Management and Law. Der Green Deal bündelt politische Initiativen mit dem Ziel, alle Mitgliedstaaten bis 2050 klimaneutral zu machen. Die EU ist aus seiner Sicht weiter als die Schweiz, wenn es darum gehe, das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung abzukoppeln und Produkte langlebiger, reparierbar und rezyklierbar zu machen, ergänzt Zipper. Etwa das sogenannte «Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz»: Grosse Unternehmen in Deutschland sind seit Anfang 2023 verpflichtet, nicht nur in ihren Werken faire, soziale und umweltfreundliche Bedingungen zu garantieren, sondern müssen diese entlang der gesamten Lieferkette sicherstellen. Wer also beispielsweise Bürostühle herstelle, müsse gewährleisten, dass auch der dafür verwendete Stahl oder die Baumwolle für die Stoffbezüge unter menschenwürdigen und nachhaltigen Bedingungen produziert wurden. Das Gesetz hat direkte Auswirkungen auf ein Exportland wie die Schweiz: Wer als Zulieferer für deutsche Grossunternehmen wie zum Beispiel Siemens produziert, werde diese Vorgaben künftig ebenfalls umsetzen müssen, gibt Zipper zu bedenken. «Ob es sich um einen Betrieb mit mehreren Tausend oder ein KMU mit zehn Angestellten handelt, spielt dabei keine Rolle.» «Unternehmen, die für ihre wenig nachhaltigen Praktiken bekannt sind, haben heute deutlich mehr Probleme bei der Personalsuche als früher.» Christian Vögtlin, Co-Leiter Center for Corporate Responsibility, School of Management and Law Den Wandel treiben aber nicht nur Gesetzgeber und grosse Unternehmen an, die exponierter und entsprechend grösserem Druck ausgesetzt sind und Reputationsrisiken fürchten. «Heute verlangen auch Konsumentinnen und Konsumenten immer öfter nach Produkten, die länger halten und sich reparieren lassen», sagt Vögtlin. Stellensuchende wollen nicht einfach irgendeine Arbeit, sondern eine sinnvolle Tätigkeit, die sie mit gutem Gewissen ausüben können. «Unternehmen, die für ihre wenig nachhaltigen Praktiken bekannt sind, das Dirty Business, wenn man so will, haben heute deutlich mehr Probleme bei der Personalsuche als früher.» Nicht zuletzt werde Nachhaltigkeit auch für Investorinnen und Investoren immer mehr zum entscheidenden Kriterium. So sehr die Kreislaufwirtschaft als Idee immer mehr in Unternehmen präsent ist: «An Fachkräften, die den Übergang begleiten können, fehlt es», weiss Vögtlin. Natürlich gebe es heute in vielen Betrieben bereits Nachhaltigkeitsbeauftragte. «Es braucht jedoch noch mehr Menschen, die ein transdisziplinäres und ganzheitliches Wissen über die Kreislaufwirtschaft mitbringen.» Neben technischen, wirtschaftlichen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten und Kenntnissen sind mehr denn je auch sogenannte Soft Skills gefragt, wie der habilitierte Betriebswirtschaftler ergänzt. «Die Wende zur Kreislaufwirtschaft setzt voraus, dass Gewohntes kritisch betrachtet und neu gedacht wird.» Genau da will der neue Masterstudiengang der ZHAW in die Bresche springen. «Wir wollen Fachleute ausbilden, die über ein breites Verständnis davon verfügen, was Kreislaufwirtschaft alles bedeutet», sagt Zipper. Das heisst: Studierende setzen sich etwa vertieft mit den natürlichen Kreisläufen sowie der Endlichkeit von Ressourcen auseinander. Phosphor, zum Beispiel, sagt Krebs, werde im grossen Stil abgebaut, sei es doch zentral für die Landwirtschaft als Düngemittel. «Wenn der Rohstoff erst einmal aufgebraucht ist, fehlt die Alternative.» Beim Phosphorrecycling nehme die Schweiz übrigens weltweit eine Vorreiterrolle ein: Ab 2026 muss Phosphor hierzulande aus Abwasser, Klärschlamm oder Klärschlammasche gewonnen und als Dünger stofflich verwertet werden. Zur Ausbildung gehört auch ein Überblick über verschiedene Instrumente zur Ökobilanzierung, sie messen die Nachhaltigkeit eines Produkts auch anhand seiner Auswirkungen auf die Umwelt. So sind zum Beispiel Elektroautos nur dann klimafreundlicher als herkömmliche Fahrzeuge, wenn die Energie im Tank nicht aus Kohle, sondern aus Wasserkraft oder anderen erneuerbaren Quellen kommt. Gleichzeitig erfahren Studierende viel über Materialeigenschaften und Produktionsprozesse. Was das bedeutet, erklärt Zipper an einem aktuellen Projekt der ZHAW, einem Velohelm aus Pilzmaterial: Angehende Spezialistinnen und Spezialisten in Sachen Kreislaufwirtschaft lernten entsprechend nicht nur die Charakteristiken herkömmlicher Materialien und deren Herstellungsart kennen, sondern auch jene nachhaltigerer Alternativen: Haben Pilze dieselben Dämpfungseigenschaften wie Styropor, bessere vielleicht sogar? Wie produziert man einen biologisch abbaubaren Velohelm? Welche natürlichen Beschichtungstechnologien gibt es, damit er dem Regen standhält? Nicht zuletzt: Wie bringt man, um beim Beispiel zu bleiben, einen solchen Helm aus Naturstoffen an die Velofahrerin und den Velofahrer? Was kostet seine Herstellung und welche Transformationsprozesse muss ein Betrieb dazu durchlaufen? Was für Normen muss er erfüllen, welche Tests bestehen? Wie verdient man mit einem Pilzvelohelm letztlich auch Geld? «Die Nachhaltigkeit eines Produkts allein reicht nicht aus, damit es auf dem Markt bestehen kann», gibt Vögtlin zu bedenken. «Es muss auch dieselbe Funktionalität und Qualität haben.» Arbeit dürfte es laut den Initiatoren des neuen Studiengangs für die künftigen Absolventinnen und Absolventen mehr als genug geben: Denn wo auch immer physische Produkte hergestellt werden, seien es Hörgeräte oder Smartphones, Velohelme oder Notizblöcke, wird sich in nächster Zeit einiges ändern müssen. Ümit Yoker

Runway Startup Incubator: Brutstätte innovativer Geschäftsideen

Die Idee zu Showzone kam ihm während der Pandemie. Als Dozent musste Nicolas Zanotti, der einen Master in Medienproduktion hält, Online-Vorlesungen halten. «Ich habe damals mit allen möglichen Tricks versucht, den Unterricht dynamischer zu gestalten und die Studierenden stärker zu involvieren», erinnert er sich. Jetzt arbeitet er mit seinen Mitgründern Eren Akbiyik und Simon Beyer an einer Software, mit der die Aufmerksamkeitsspanne des Publikums bei Vorträgen verlängert werden soll. Mehr Interaktivität – darauf setzt Showzone. So sollen Präsentationen via QR-Codes auf das eigene Smartphone übertragen, Vortragstexte mithilfe einer KI-Anwendung live transkribiert, Feedback, Fragen und Handouts einfacher übermittelt werden können. Der Runway Startup Incubator in Winterthur hat die Jungunternehmer dabei in mehrerlei Hinsicht vor­angebracht. In diesem Inkubator gibt es neben Coachings und Networking-Möglichkeiten ganz konkrete physische Starthilfe für gerade geschaffene oder im Entstehen begriffene Unternehmen: Mehrere Dutzend Arbeitsplätze stehen Gründerinnen und Gründern im Technopark Winterthur zur Verfügung, ausgerüstet mit leistungsfähigem Internet und Druckern, Monitoren, Flipcharts und Sitzungsräumen, wie Mélanie Binggeli von der ZHAW-Fachstelle Entrepreneurship an der School of Management and Law sagt. Sie leitet den Inkubator zusammen mit Beata Dinger . «Man kann hier sogar die offizielle Firmen­adresse registrieren», betont Binggeli. Neben dem Technopark Winter­thur, der die Infrastruktur für den Inkubator zur Verfügung stellt, spannt die Fachstelle Entrepreneurship hierbei auch mit der Zürcher Kantonalbank (ZKB) zusammen, die das Projekt finanziell unterstützt. Mit Startup Campus bietet sie ausserdem Zugang zu Start­up- und Scale-up-Trainings an. Zanotti und seine Co-Gründer hatten das dreistufige Bewerbungsverfahren vor einigen Monaten mit Erfolg durchlaufen. «Seither sind wir eigentlich jeden Tag hier», sagt er lachend. Mit Hilfe der Coaches hätten sie nicht nur die passende Rechtsform, sondern auch den Produkt­namen für ihre App gefunden und diesen gleich im Handelsregister eintragen lassen. Erst vor Kurzem hätten sie mit dieser Unterstützung ihre Marketingstrategie entwickelt, fügt der Mitgründer von Showzone hinzu: «Diese Coachings sind unheimlich wertvoll.» Nicht zu vergessen der Austausch mit den Programmleiterinnen: «Egal, ob es um Kursanmeldungen oder Arbeitsräume geht – Binggeli und Dinger setzen stets alle Hebel in Bewegung.» Die App von Showzone befinde sich derzeit in der Testphase und könne von der potenziellen Kundschaft ausprobiert werden, führt Nicolas Zanotti aus: «Jetzt wird sich weisen, ob sie so funktioniert, wie wir uns das vorstellen.» Ümit Yoker

Wo Startups keimen und gedeihen

Eine Drehscheibe, eine Plattform oder ein Ökosystem im Ökosystem. Matthias Filser hat viele Begriffe zur Hand, wenn es darum geht, die Fachstellen Entrepreneurship und Startup Campus zu beschreiben, denen er seit 2019 vorsteht. Ob ein Unternehmen erst am Anfang stehe, ob es Produkte oder Dienstleistungen auf den Markt bringen wolle oder gar den Weltmarkt erobern: «Wir geben Startups das nötige Rüstzeug mit», sagt der promovierte Ökonom. Zum breiten Spektrum an Angeboten gehören unter anderem ein Startup-Wettbewerb, ein Programm zur Förderung von Unternehmerinnen, Startup- und Scale-up-Trainings, ein Startup Incubator sowie Netzwerkanlässe. «Bei uns laufen die Fäden in Sachen Unternehmertum zusammen», so der Fachstellenleiter. Gründerinnen und Gründer würden hier von der ersten Geschäftsidee bis hin zum wachsenden Geschäftsmodell begleitet. «Bei uns laufen die Fäden in Sachen Unternehmertum zusammen.» Matthias Filser, Leiter ZHAW-Fachstelle Entrepreneurship Dazu setzt die Fachstelle Entrepreneurship, die zum Institut für Innovation and Entrepreneurship gehört, auf verschiedene Partnerschaften: Von grosser Bedeutung ist insbesondere die Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung Innosuisse und mit dem Impact Hub Zürich. So setzen Startup Campus und der Impact Hub Zürich unter anderem für Innosuisse ein Angebot von Trainings, Kursen und Events um, das von einem Konsortium aus Hochschulen sowie Techno- und Innovationsparks getragen und von Filser geleitet wird. Die Kooperationen schlagen sich aber auch in den einzelnen Programmen nieder: So stellt etwa der Technopark Winterthur für den Runway Startup Incubator die Räumlichkeiten bereit. Im Impact Hub Zürich finden monatlich Veranstaltungen der Female Founders Initiative statt, hat dieser die Initiative doch zusammen mit der Fachstelle Entrepreneurship ins Leben gerufen. Startups und Unternehmertum sind längst zu einem allgegenwärtigen Modethema geworden. «Gerade in den letzten Jahren sind Schulungen und andere Angebote wie Pilze aus dem Boden geschossen», stellt Filser fest, der sich schon fast zwanzig Jahre in dieser Szene bewegt. Die ZHAW gehöre jedoch keineswegs zu den Trittbrettfahrern, sondern fördere Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer schon seit über einem Jahrzehnt. «Die ZHAW steht mit dieser Breite und Tiefe im Angebot auch im internationalen Vergleich ausserordentlich gut da.» Petra Moog, Leiterin ZHAW-Institut für Innovation and Entrepreneurship Im Gegensatz zu vielen anderen Hochschulen vermittle die ZHAW nicht nur die theoretischen Grundlagen der Firmengründung oder begleite angehende und etablierte Jungunternehmende mit Coachings und Workshops – sondern schlage auch die Brücke zur Privatwirtschaft und bringe Gründerinnen und Gründer mit Branchenfachleuten, Kapitalgebern und erfolgreichen Unternehmerinnen in Kontakt. «Eine solche Kombination findet man selten.» Das sieht auch Petra Moog so, die seit diesem April das Institut für Innovation and Entrepreneurship leitet: «Die ZHAW steht mit dieser Breite und Tiefe im Angebot auch im internationalen Vergleich ausserordentlich gut da.» Eine solche Ausgangslage sei ideal, um die Zusammenarbeit mit ausländischen Hochschulen und Partnern aus der Privatwirtschaft künftig noch zu verstärken, ergänzt die Institutsleiterin, die sechzehn Jahre lang den Lehrstuhl für Entrepreneurship and Family Business an der Universität Siegen innehatte. Stets in Bewegung ist auch, aus welchen Branchen gerade die meisten Startups hervorgehen. So seien während der Pandemie besonders im Health-Tech-Bereich viele neue Firmen entstanden, sagt Filser. In den letzten Jahren seien Blockchain-Technologien zum grossen Thema geworden; heuer häuften sich Geschäftsideen zu Programmen à la ChatGPT oder DALL-E, die auf Künstlicher Intelligenz basierten. Schon länger steigt zudem die Zahl der Startups, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit und Klimawandel auseinandersetzen. Die Fachstelle Entrepreneurship unterstützt etwa mit dem Sustainability Booster ganz gezielt Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer bei der Entwicklung und dem Aufbau einer nachhaltigen Geschäftsidee. «Entscheidend ist aber, das eigene Warum zu kennen: Man muss wissen, was einen antreibt.» Vanessa Mohrig, ZHAW-Fachstelle Entrepreneurship Ein Unternehmen zu gründen, setzt voraus, wie eine Unternehmerin, wie ein Unternehmer zu denken. Diese Haltung habe viele Facetten, sagt Vanessa Mohrig von der ZHAW-Fachstelle Entrepreneurship, die bei Startup Campus für Marketing und Community Building verantwortlich ist. Unternehmerisches Denken bedeute den Mut, die eigene Idee gross zu denken, auch wenn man damit vielleicht erst einmal alleine stehe; die Ausdauer, dieses ganz persönliche Bild nicht aus den Augen zu verlieren, wenn der Weg unerwartete Kurven nehme, denn das werde er bestimmt. Gleichzeitig heisse es eben auch, die eigenen Vorstellungen anpassen oder aufgeben zu können, wo es nötig ist. Ein solcher Mindset müsse einem nicht unbedingt in die Wiege gelegt sein, das allermeiste lasse sich lernen, ist die Marketingexpertin überzeugt. «Entscheidend ist aber, das eigene Warum zu kennen: Man muss wissen, was einen antreibt.» Ümit Yoker

Gründerinnen speziell unterstützen

Nur einem von fünf Startups steht in der Schweiz heute eine Frau vor. «Die Zahl wächst zwar», sagt Vanessa Mohrig von der ZHAW-Fachstelle Entrepreneurship, die bei Startup Campus für Marketing und Community Building zuständig ist. «Aber längst nicht so schnell, wie wir uns das wünschen würden.» Hürden gibt es viele: So hätten Frauen häufiger mit dem sogenannten Imposter-Syndrom zu kämpfen, würden also trotz beachtlichem Leistungsausweis und beruflichem Erfolg eher an ihren Fähigkeiten zweifeln als Männer. «Die Gespräche mit Unternehmerinnen drehen sich mehr um die Chancen des Scheiterns als um das Potenzial einer Idee.» Vanessa Mohrig, Fachstelle Entrepreneurship Gleichzeitig begegnen Investoren – und auch Investorinnen – Firmengründerinnen oftmals voreingenommener und stellen ihre Projekte mehr infrage; weiblich geführte Startups erhalten deutlich weniger Risikokapital. «Die Gespräche mit Unternehmerinnen drehen sich mehr um die Chancen des Scheiterns als um das Potenzial einer Idee», kritisiert Mohrig. Nicht zuletzt zeige sich im privaten Umfeld vieler Frauen zwar zweifelsfrei, dass diese Kontakte zu knüpfen und zu pflegen wüssten – am Zugang zu beruflichen, nach wie vor männerdominierten Netzwerken hapert es aber weiterhin. Genau darum haben die Fachstelle Entrepreneurship und der Impact Hub Zürich das Projekt Female Founders ins Leben gerufen: Die Initiative will Unternehmerinnen fördern und ihnen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Sie bündelt ganz unterschiedliche Wege, wie sich Gründerinnen informieren und vernetzen, austauschen und weiterentwickeln können. Dazu zählen Social-Media-Communities auf LinkedIn oder Instagram, Workshops, Vorträge und Wissenseinheiten bis hin zu sozialen Anlässen und einem Förderprogramm. Zu den Angeboten gehört etwa ein monatlicher Co-Working-Morgen für Gründerinnen im Impact Hub, an dem man nicht nur gemeinsam arbeiten, sondern aus dem man sich auch ein sogenanntes Learning Nugget mitnehmen kann, eine kompakte Wissenseinheit zu einem Startup-Thema also. Im Podcast der Initiative wiederum erzählen erfolgreiche Unternehmerinnen ihre Gründungsgeschichte. Nicht zuletzt sorgt auch die Female Founders Map für mehr Sichtbarkeit: eine interaktive Karte, auf der heute schon über 500 Gründerinnen und Startups nach Branchen geordnet aufgeführt sind, wie Mohrig sagt. «Und jeden Monat kommen gut zwanzig neue Gründerinnen dazu.» Ümit Yoker

  • 1
  • 2
  • 3
  • »
  • Impressum
  • Datenschutzerklärung
  • Netiquette
  • Cookies
© ZHAW
  • Home

  • Rubriken

    • Editorial

      Vorwort der Chefredaktion

    • Alumni

      Was ZHAW-Absolventinnen und -Absolventen heute machen

    • Menschen

      Wir schauen Forschenden und Dozierenden über die Schulter

    • Dossier

      Das Schwerpunktthema jeder Ausgabe

    • Forschung

      Neues aus der ZHAW-Forschung

    • Studium

      Einblick in Studienangebote

    • Interview

      Fachleute diskutieren

    • Spotlight

      Umfragen zu den Schwerpunktthemen

    • Meinung

      Standpunkte von ZHAW-Angehörigen

    • Panorama

      Vermischtes aus dem Campusleben

    • Perspektivenwechsel

      Blick nach aussen und von aussen auf die ZHAW

    • Abschlussarbeiten

      Bachelor- und Masterarbeiten im Kurzporträt

  • Suche

  • Archiv

  • Vorherige Ausgabe

  • Über das ZHAW-Impact und die ZHAW

Schliessen