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Wird unsere Gesellschaft immer radikaler?

Vorfälle mit Linksautonomen an Demos. Strassenblockaden von Klimaaktivisten. Treffen von Rechtsextremen. Jihad-Reisende. Christliche Fundis. Gewalt von Hooligans. Angriffe auf Blaulichtorganisationen. Hass im Internet. Und politische Polarisierung. Alle diese Phänomene gibt es auch in der Schweiz. So verschieden sie sind, könnten sie doch eines gemeinsam haben: die Tendenz zur Radikalisierung. Stimmt der Eindruck? Radikalisiert sich unsere Gesellschaft? «Mit einer solchen Diagnose bin ich höchst vorsichtig», antwortet Dirk Baier. Der Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention an der ZHAW sitzt am Bürotisch, vor sich den Laptop und wissenschaftliche Studien mit gesicherten Erkenntnissen. «Unsere Ansprüche an korrektes Verhalten haben sich erhöht: Deshalb reagieren wir sensibler, wenn jemand das friedliche Zusammenleben stört.» «Man kann nicht pauschal sagen, dass sich die Gesellschaft radikalisiert», stellt er dann fest. Auch bei der Kriminalität hätten viele den Eindruck, sie nehme zu. Das belege die Statistik aber keineswegs. Die Jugendgewalt etwa sei zurückgegangen. Wenn schon, trifft laut Baier der gegenteilige Befund zu. Über einen längeren Zeitraum gesehen, sei die Welt friedlicher geworden, die Gesellschaft zivilisierter. Aggressionen und Gewalt würden stärker kontrolliert. Dass Radikalität auffällt, kann für den Forscher ein Ausdruck zivilisatorischen Fortschritts sein. Unsere Ansprüche an korrektes Verhalten hätten sich erhöht: «Deshalb reagieren wir sensibler, wenn jemand das friedliche Zusammenleben stört.» «Alles, was irgendwo passiert, ist ganz schnell ganz nah bei uns.» Noch vor zwanzig Jahren, sagt Baier, wäre es beispielsweise kaum einem Polizisten in den Sinn gekommen, von Jugendlichen im Ausgang Respekt einzufordern. Heute werde deren Verhalten viel schneller als respektlos eingestuft. In der Schweiz wirke zudem das politische System «befriedend». In der direkten Demokratie kann man seine Anliegen einbringen und allfälligen Unmut an der Urne kundtun. Der aus Sachsen (D) stammende Baier sieht hier einen wichtigen Unterschied zu Deutschland, wo dies weniger möglich sei und sich deshalb mittlerweile verschiedene politische Milieus feindlich gegenüberstünden. Dass trotzdem auch in der Schweiz viele das Gefühl hätten, Entwicklungen liefen aus dem Ruder, hat laut Baier mit der Mediengesellschaft zu tun: «Alles, was irgendwo passiert, ist ganz schnell ganz nah bei uns.» Aus weit entfernten Ereignissen würden persönliche Probleme. Und der Eindruck wachse, da müsse man doch etwas dagegen unternehmen. Baier nennt das Beispiel des islamistischen Terrors. Obwohl es in der Schweiz – «Holz anrühren!» – nie zu einem Anschlag kam, gaben in einer Umfrage acht von zehn Personen an, sich stark davor zu ängstigen: «Dabei war die Sicherheit objektiv stets gegeben.» Der Forscher mahnt zur Differenzierung. Für ihn fängt das schon bei den Begriffen an: «Radikal heisst noch nicht extremistisch.» Historisch gesehen brauche es manchmal Radikalität: «Die 68er hatten radikale Gedanken und machten unsere Gesellschaft offener.» Radikalität werde erst in Verbindung mit bestimmten Methoden zum Problem. Dann spreche die Wissenschaft nicht mehr nur von radikal, sondern von extremistisch. Baier hat dies bei 17- und 18-jährigen Jugendlichen in der Schweiz untersucht. Er fand eine gewisse Zustimmung zu radikalen bis extremen Positionen links und rechts. Dabei kamen Sympathien für linksradikale, antikapitalistische, anarchistische Ideen häufiger vor als solche für rechte, fremdenfeindliche, autoritäre Haltungen. Muslimische Jugendliche äusserten überdies breite Zustimmung zu antiwestlichen Einstellungen. Als die Jugendlichen allerdings gefragt wurden, ob sie bereit wären, zur Durchsetzung der Ideologien Gewalt anzuwenden, sanken die Ja-Raten bei allen sehr stark. Bei den muslimischen Jugendlichen lag die Zustimmung zu islamistischem Extremismus letztlich unter drei Prozent. «Doch dieses Ergebnis der Studie interessierte die Öffentlichkeit dann deutlich weniger», so Baier trocken. Eine Entwicklung bereitet auch dem nüchtern analysierenden Forscher Sorgen: die Schattenseiten des Internets und der neuen sozialen Medien: «Dadurch gibt es seit etwa zehn Jahren massiv erweiterte Möglichkeiten, sich auszutoben.» Noch fehle es an verbindlichen Spielregeln und Umgangsformen für die digitalen Plattformen, so Baier. Negative Folgen lassen sich zum Teil empirisch nachweisen. Cybermobbing, also Bedrohungen und Beschimpfungen im Internet, hat bei Schweizer Jugendlichen leicht zugenommen. Auch extremistische Radikalisierung vollzieht sich mehr und mehr unter dem Einfluss des Internets. Jugendliche sind dafür besonders empfänglich. Baier fand heraus: «Der häufige Konsum extremistischer Medien hat bei ihnen den stärksten Einfluss auf extremistische Radikalisierung.» Nebst den Inhalten spielen Social-Media-typische Mechanismen eine Rolle. Aufmerksamkeit erhält, wer laut und extrem ist, wer starke Thesen postet. Auch Feindbilder ziehen immer im Netz. Baier verweist auf das Beispiel von US-Präsident Trump, der vormache, wie sich die virtuelle Aufmerksamkeitslogik nutzen lässt. Nicht einmal vor Desinformation scheue dieser zurück. Verheerenderweise wüssten auch Terrororganisationen wie der «Islamische Staat» ihre gewaltverherrlichenden Botschaften professionell audiovisuell zu verpacken: «Sie sprechen vor allem junge Männer an», sagt der Forscher. Damit radikale Ansichten von Jugendlichen nicht in Gewalt umschlagen, sollte Prävention laut Baier im Internet ansetzen. Er begleitete vier Online-Pilotprojekte in der Schweiz, die den Extremismus mit positiven Inhalten und erhärteten Fakten zu bekämpfen versuchen. Die Videoclips und Blogbeiträge wurden von Jugendlichen mitproduziert, ansprechend gestaltet und auf sozialen Netzwerken wie Youtube, Instagram und Facebook geteilt. Sie wenden sich gegen Gewalt, Rassismus, Verschwörungstheorien und werben für Toleranz und Demokratie. Das Projekt « SwissMuslimStories » etwa porträtiert zehn gut integrierte junge Muslime. «Wir sollten dem Müll im Netz mehr Gutes entgegensetzen.» Auch wenn die Resonanz noch gesteigert werden könnte, sind solche Initiativen für Baier ein vielversprechender Anfang. Bisher dominiere der Müll im Netz, «wir sollten ihm mehr Gutes entgegensetzen.» Was Baier damit meint: sachliche Informationen, positive Botschaften, das reale Leben. Das Internet brauche mehr «Gegennarrative» zu Extremismus, Fake-News und Hate-Speech, sagt er. Auch die Jugendarbeit werde sich in Zukunft wohl vermehrt digital betätigen. Der Forscher kennt Beispiele aufsuchender Jugendarbeit im Netz, bei der Sozialarbeitende Jugendliche, die sich extremistisch äussern, online ins Gespräch ziehen. Youtube-Filmchen allein genügen aber nicht, um extremistischer Radikalisierung vorzubeugen. Sie sind für Baier nur Bausteine einer grösseren Strategie, die auch die gesellschaftlichen Ursachen angehe. Nicht zuletzt appelliert der Forscher an die Verantwortung der Erwachsenen zum konstruktiven Diskurs. Erwachsene seien selber zwar weniger anfällig für extremistische Radikalisierung: «In der Regel haben sie mehr zu verlieren als die Jungen, deshalb gehen sie nicht hin und zünden etwas an.» Erwachsene mit radikalen Einstellungen – «zum Teil noch radikaler als bei den Jungen» – könnten jedoch ein Meinungsklima erzeugen, das Jugendliche zur extremistischen Aktion ermutige. Das betreffe Eltern genauso wie Politikerinnen und Politiker. Ganz aktuell rät der Experte zum «klugen Umgang» mit den Jugendlichen, die seit mehr als einem Jahr für Massnahmen gegen die Klimaerwärmung demonstrieren. Wenn die Politik deren Ziele und Ideen jetzt nicht höre und zu kanalisieren versuche, «werden sich einige von ihnen radikalisieren», warnt Baier. Denn fehlende echte Partizipation sei erwiesenermassen ein Risikofaktor dafür. In einer Allianz mit linksextremen Strukturen könnte dann auch Gewalt zum Thema werden. «Warum nicht Jugendliche aus der Gemeinde einladen, einen Zehn-Punkte-Plan zu formulieren, und die Anliegen dann mit ihnen diskutieren?», schlägt Baier den Lokalpolitikern im Land vor. Demokratie live: beste Extremismusprävention für junge Leute. Susanne Wenger

Nur verständliches Wissen ist zugänglich

In Fachzeitschriften veröffentlichte Studien behandeln komplexe Themen und sind meist auf Englisch verfasst. Was der internationalen Verbreitung dient, schliesst jedoch Nichtfachpersonen aus. Wer versteht schon, was «pathogen sequence sharing» bedeutet, oder kann mit dem Satz «the prevalence of high-level (…) resistance was 22 %» etwas anfangen? «Verständlichkeit gehört zu einer zugänglichen Wissenschaft», betont Colette Schneider Stingelin , Forscherin und Dozentin am Institut für Angewandte Medienwissenschaft : «Denn manche Ergebnisse sind besonders relevant für den Alltag der Bevölkerung.» Erkenntnisse aus der Gesundheitsforschung helfen uns etwa im Umgang mit der eigenen Gesundheit, jene der Erziehungswissenschaften nützen Lehrpersonen und Eltern. Auf kompetenten Wissenschaftsjournalismus, der Interessantes aufgreift, vermittelt und kritisch einordnet, kann die Öffentlichkeit aber immer weniger zählen. Denn die Schweizer Massenmedien bauen ihn in ihrer ökonomischen Krise zunehmend ab. Schneider Stingelin erforscht daher mit ihrem Team, wie sich sogenannte «Lay-Abstracts» – Zusammenfassungen für Themenfremde – in die redaktionellen Abläufe unabhängiger Schweizer Wissenschaftszeitschriften einfügen lassen. Solche leicht verständlichen Kurzformen sind vor allem aus dem angelsächsischen Raum bekannt. Sie werden eigens produziert, sind in einfacher Sprache ohne Fachjargon formuliert und beziehen sich auf die Lebenswelt interessierter Personen. «So werden aktuelle Forschungsresultate mit Suchmaschinen leichter gefunden», sagt die Projektleiterin. «Kommunizieren ist eine Riesenchance, um das Vertrauen in die Wissenschaft zu fördern.» Colette Schneider Stingelin, Forscherin und Dozentin am Institut für Angewandte Medienwissenschaft Am Projekt beteiligt sind drei Organisationen sowie vier Fachzeitschriften aus den Bereichen Medizin, öffentliche Gesundheit und Medienpädagogik. Ziel ist es, ausgewählte Open-Access-Artikel in gut verständlichen Texten auf Deutsch, Französisch und Italienisch zusammenzufassen. Die Forschenden entwickeln gemeinsam mit den Redaktionen ein Verfahren, um diese für Laien gedachten Auszüge mit vertretbarem Aufwand zu erstellen. Erste Erkenntnisse des von swissuniversities , der Konferenz der Schweizer Hochschulen, unterstützten Projekts zeigen: Künstliche Intelligenz (KI) lässt sich teilweise einbeziehen, um die Texte zu verfassen. ChatGPT und andere KI-Systeme können Forschungsmethoden automatisiert erklären, etwa was eine explorative Datenanalyse oder eine teilnehmende Beobachtung ist. «Dies hilft interessierten Personen, eine Studie besser einzuschätzen», so Schneider Stingelin. Doch die Aufgabe, Wissen transparent darzustellen, lässt sich weder ganz an KI noch an Journal-Redaktionen delegieren, so die Zwischenbilanz des Projekts, das noch bis nächsten Frühling dauert. Es braucht auch die Forschenden selbst, sagt Colette Schneider: «Diese sind gefragt, vermehrt aus den eigenen Kreisen hinauszutreten und mitzuhelfen, der Bevölkerung gesichertes Wissen rasch zur Verfügung zu stellen.» Im Austausch mit Forschenden erarbeitet das Projektteam zusätzlich ein Kommunikationskonzept, wie sich die Laien-Zusammenfassungen der Fachzeitschriften noch weiter verbreiten lassen. Das Team evaluiert, auf welchen Kanälen und in welchen Formaten sie auch noch publiziert werden können, von Podcast über Video bis Social Media. Klar, Forschende exponieren sich dadurch. «Unter dem Strich ist es aber eine Riesenchance, um das Vertrauen in die Wissenschaft zu fördern», hält die Kommunikationsexpertin fest. (Bild: suldev/AdobeStock) Susanne Wenger

Lernen, die begrenzte Kraft einzusetzen

Monate nach einer überstandenen Corona-Infektion leiden viele immer noch unter Langzeitfolgen wie Fatigue (Müdigkeit), Kurzatmigkeit und kognitiven Problemen. Das Bundesamt für Gesundheit bezeichnet dies als Post-Covid-19-Erkrankung, in Anlehnung an die Weltgesundheitsorganisation WHO. Andere sprechen von Long Covid. Fest steht: Die Betroffenen sind in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt und fallen oft längere Zeit aus. Bisher über 5000 Anmeldungen bei der Invalidenversicherung IV belegen das Problem. «Es sind Menschen wie du und ich, die ihren normalen Alltag zurückhaben möchten – mit Arbeit, Familie, Freizeit und Kontakten.» Michael Sy, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ergotherapie Michael Sy , Ergotherapeut und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ergotherapie der ZHAW, betont, dass es sich nicht um Spitalpatientinnen oder -patienten einer Reha-Klinik handelt: «Es sind Menschen wie du und ich, die ihren normalen Alltag zurückhaben möchten – mit Arbeit, Familie, Freizeit und sozialen Kontakten.» Um die Rückkehr zu unterstützen, sichtet der Ergotherapeut in einem Forschungsprojekt systematisch das vorhandene Wissen seiner Fachdisziplin. Er hat fast 30 internationale Studien ausgewertet und veröffentlicht die Resultate demnächst. Zwei Erkenntnisse lassen sich laut Michael Sy bereits nennen. Erstens sollte die Wiedereingliederung von Menschen mit Post-Covid als Prozess betrachtet werden, der verschiedene Bereiche berücksichtigt. Es geht nicht nur starr darum, an den alten Arbeitsplatz zurückzukehren, sagt er. Möglicherweise sind Anpassungen am Arbeitsplatz, eine Umschulung, ein Jobwechsel oder Massnahmen zur Entlastung im Privatleben und zur Förderung sozialer Teilhabe erforderlich, damit eine Reintegration gelingt. Zweitens ist eine breit gefasste Begleitung für die Betroffenen am hilfreichsten. Neben Gesundheitsfachkräften können Sozialarbeitende, Lehrpersonen, Versicherungsfachleute, Job Coaches oder auch die gemeinnützige Gartengruppe im Quartier Teil des Unterstützungsnetzwerks sein. Die Ergotherapie spielt eine wichtige Rolle. Sie kann den Betroffenen helfen, trotz eingeschränkter Gesundheit so handlungsfähig wie möglich zu bleiben oder wieder zu werden. Ein Beispiel dafür ist die Energiemanagement-Schulung, die im Therapie-, Trainings- und Beratungszentrum Thetriz auf dem Campus des ZHAW- Departements Gesundheit in Winterthur angeboten wird. In diesem wissenschaftlich evaluierten Konzept lernen Menschen mit Fatigue, «wie sie haushälterisch mit ihrer Energie umgehen und ihre begrenzte Kraft effektiv einsetzen können». Das sagt Maren Kneisner, Ergotherapeutin, Psychologin und Dozentin. Sie arbeitet im Thetriz mit und ermöglicht Studierenden Einblicke in die Praxis. «Die Schulung findet in der Regel in Gruppen statt, um die Betroffenen zu ‹empowern› und den Austausch von Erfahrungen zu fördern.» Maren Kneisner, Ergotherapeutin, Psychologin und Dozentin an der ZHAW Die Energiemanagement-Schulung wird ärztlich verordnet. Es sind unterschiedliche Menschen mit Post-Covid, die sie in Anspruch nehmen, von der gestandenen Hausärztin über den Handwerker bis zur 17-jährigen Schülerin. Einige sind krankgeschrieben, andere tasten sich mit reduziertem Pensum wieder an die Arbeit heran. Die Schulung findet in der Regel in Gruppen statt, «um die Betroffenen zu ‹empowern› und den Austausch von Erfahrungen zu fördern», wie Maren Kneisner sagt. Sie beschäftigen sich mit Strategien, um im Alltag Energie einzusparen, etwa im Gestalten von Pausen oder beim Vereinfachen von Aufgaben. So erleichtert jetzt ein Stehhocker einer im Verkauf tätigen Frau die Arbeit. Da die Post-Covid-Symptome nicht sichtbar sind, lernen die Betroffenen in der Schulung zudem, ihre Bedürfnisse auszudrücken und auf Vorbehalte zu reagieren, etwa wenn sie gefragt werden, warum sie schon wieder müde seien. Einige kommen zur Einzeltherapie ins Thetriz, so auch die erwähnte Kanti-Schülerin. Fast zwei Jahre nach ihrer Corona-Infektion kämpft sie immer noch mit den Folgen. Für sie geht es laut Maren Kneisner auch darum, welche Massnahmen und Ausgleichsregelungen als Unterstützung erforderlich sind, damit sie ihre schulische Ausbildung fortsetzen kann. In anderen Fällen werden die Arbeitgebenden einbezogen, teilweise finanziert die IV die berufliche Wiedereingliederung. Im Gegensatz zu anderen Krankheiten wie Multipler Sklerose, bei denen ebenfalls Fatigue auftritt, mangelt es bei Post-Covid noch an Wissen über Ursachen, Verläufe und Therapien. «Die unsichere Perspektive und die Konfrontation mit Vorurteilen belasten die Betroffenen sehr», weiss die Expertin der ZHAW. Was Hoffnung gibt: Die Mehrheit jener, die an der Energie-Schulung im Thetriz teilgenommen haben, konnte an die Arbeit zurückkehren oder mit einer begleiteten Reintegration starten. Susanne Wenger

Wissen aus früheren Pandemien nutzen

Masken tragen, Abstand halten, Hände waschen, Räume lüften: In der Corona-Pandemie ging es in der Schweiz plötzlich wieder um Massnahmen, wie sie gut hundert Jahre zuvor bei der verheerenden Spanischen Grippe von 1918 bis 1920 Thema waren. Die Spanische Grippe gilt in der Schweiz immer noch als die schlimmste demografische Katastrophe des 20. Jahrhunderts . Nach ihr verursachte kein Influenzavirus mehr eine derart hohe Sterblichkeit: Die Asiatische Grippe (1957), die Hongkong-Grippe (1968) und die Russische Grippe (1977) verliefen relativ glimpflich. Dasselbe gilt für Sars (2003) und die Schweinegrippe (2009). «Covid-19 zwang uns, Erfahrungen aus vergangenen Pandemien wieder aufzugreifen und das, was wir vergessen hatten, neu zu überdenken», sagt Wibke Weber , Professorin für Medienlinguistik an der ZHAW. Sie gehört zu einem Projektteam der Universität Zürich und der ZHAW, das Wissen über frühere Pandemien sammelt, aufbereitet und zugänglich macht. Die Forschenden wollen damit eine «Katastrophen-Gedächtnislücke» der Schweiz füllen. Die Lücke bestehe, weil die Pandemien zwischen Spanischer Grippe und Corona hierzulande glimpflich verlaufen seien. Erkenntnisse aus früheren Pandemien sind aber «äusserst wertvoll», unterstreicht Wibke Weber. Sie können das Bewusstsein schärfen und im Hinblick auf künftige Pandemien dafür sorgen, dass die Schweiz besser vorbereitet ist. Bereits hat das Forschungsteam Daten, etwa zur Sterblichkeit, auf einer Website veröffentlicht. Nun ist es auf der Suche nach persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen aus früheren Pandemien – von Zeitzeuginnen, Zeitzeugen und deren Nachkommen, die etwas über die Pandemien von 1918 oder 1957 erzählen können oder die aus Tagebüchern oder alten Briefen etwas darüber wissen. Die Erzählungen sollen als Video- oder Audiointerview auf der Projektwebsite publiziert werden. Wibke Weber: «Durch die Verknüpfung von Daten und Interviewaussagen kann die Pandemiegeschichte noch lebendiger gemacht werden.» Informationen und Kontakt Das Foto oben von November 1918 zeigt ein Notspital im Tonhalle-Pavillon in Zürich, wo grippekranke Soldaten behandelt wurden. Quelle: Schweizerisches Nationalmuseum, Inventarnummer LM-102737.46 Susanne Wenger

Long Covid: «Total erschöpft» nach zwei Stunden Arbeit

Letzten Dezember wurde Marcel R. (Name geändert) positiv auf das Coronavirus getestet. «Ich erwischte wohl noch die Delta-Variante», vermutet der 58-Jährige. Obwohl ungeimpft, machte er sich anfänglich kaum Sorgen. Doch schon nach kurzer Zeit wies ihn der Hausarzt wegen zunehmender Atemnot ins Spital ein. Dort blieb ihm die Intensivstation dank einer Antikörper-Therapie erspart. Gegen Weihnachten wieder zu Hause, begann Marcel R. eine ambulante Reha im Spital. «Ich freute mich darauf, mit dem Genesenen-Zertifikat bald wieder Eishockey spielen zu können», blickt der Winterthurer zurück. Auch seine Arbeit als kaufmännischer Angestellter wollte er rasch wieder aufnehmen. Doch aus alldem wurde nichts. Marcel R. hat Long Covid, auch Post Covid genannt, jenes noch nicht ganz verstandene Phänomen, bei dem drei Monate nach der Infektion anhaltende Beeinträchtigungen bestehen. In der Schweiz sind etwa zwanzig Prozent der Corona-Infizierten betroffen. Marcel R. leidet unter bleierner Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Husten, Konzentrations- und Wortfindungsstörungen. «Am Anfang lag ich nur herum», erzählt er. Den Weg durchs Haus schaffte er nicht am Stück. Seine Frau stellte ihm Stühle hin, damit er Pausen einlegen konnte. Beim ersten Gehversuch draussen war nach zwanzig Metern Schluss: «Ich kämpfte und kämpfte, doch mehr ging einfach nicht.» Fünf Monate später bewältigt er etwas längere Strecken. Doch immer noch gerät er bei geringer Anstrengung ins Keuchen und ermüdet stark, etwa wenn der Weg leicht ansteigt oder wenn er eine Tasche trägt. Beim Zeitunglesen kann er die Informationen nicht mehr so gut aufnehmen. Auch seiner Arbeit konnte Marcel R. bisher nicht nachgehen. Wegen der längeren Krankschreibung ist die Invalidenversicherung (IV) auf den Plan getreten. Da habe er leer geschluckt, sagt er. Ein sportlicher, bis dahin gesunder Typ, Ehemann, Vater, Grossvater – plötzlich ein Fall für die IV? Er erfuhr dann, dass dies präventiv geschehe. «Es gilt, die Patienten und ihre Beschwerden ernst zu nehmen, ohne ihnen Angst zu machen.» Markus Hofer, Chefarzt für allgemeine Pneumologie und klinische Ethik am KSW Anfang Mai startete zwecks Wiedereingliederung ein therapeutischer Arbeitsversuch beim Arbeitgeber: zweieinhalb Stunden pro Tag, vorerst mit einfachen Arbeiten wie dem Öffnen der Post. Marcel R. wollte eigentlich mehr, um nicht zu weit weg vom Erwerbsleben zu geraten: «Doch nach zwei Stunden war ich total erschöpft.» Seit März besucht er die Post-Covid-Sprechstunde , die das Kantonsspital Winterthur (KSW) anbietet. Dort wird unter anderem an seiner Lungenfunktion gearbeitet, und er lernt, seine Kräfte einzuteilen. Marcel R. ist einer von über 150 Patientinnen und Patienten, die in der Post-Covid-Sprechstunde des KSW schon behandelt wurden. Die Hauptsymptome sind laut Markus Hofer, Chefarzt für allgemeine Pneumologie und klinische Ethik, die Fatigue, wie die Müdigkeit genannt wird, dann Atemnot, Brain Fog (Benommenheit), kognitive Einschränkungen, Kopf- und muskuloskelettale Schmerzen. An der Behandlung sind mehrere Fachdisziplinen beteiligt, von der Medizin über die Physiotherapie bis zur Psychologie. «Die Perspektive der Patientinnen und Patienten blieb bisher in den meisten Studien zu Long Covid weitgehend unbeachtet.» Markus Wirz, ZHAW-Projektleiter der Evaluationsstudie Gesundheitliche Folgen viraler Infektionen seien an sich nichts Neues, stellt Pneumologe Hofer fest. Zu Post Covid gebe es allerdings erst wenig Daten, und diagnostisch sei bisweilen die Abgrenzung zu bereits bestehenden Erkrankungen schwierig: «Es gilt, die Patienten und ihre Beschwerden ernst zu nehmen, ohne ihnen Angst zu machen.» Die Mehrheit erhole sich gut, auch wenn sich manche Betroffene umorientierten und einen anderen Umgang mit ihrer Energie und mit Belastungen erlernen müssten. Etwa ein Prozent müsse gemäss aktuellem Forschungsstand «relevante längerfristige Einschränkungen» in Kauf nehmen. Eine ZHAW-Studie im Auftrag des Kantonsspitals soll einen Beitrag zur optimalen Versorgung von Long-Covid-Betroffenen leisten. Dabei wird die Post-Covid-Sprechstunde des Spitals evaluiert und die Perspektive der Patientinnen und Patienten ins Zentrum gestellt, wie Markus Wirz, Studienleiter und Professor für Physiotherapieforschung, erklärt: «Diese Perspektive blieb bisher in den meisten Studien zu Long Covid weitgehend unbeachtet.» Die Forschenden befragen derzeit mittels Fragebogen fünfzig KSW-Patientinnen und -Patienten, zehn werden vertieft interviewt. «Früher dachte ich auch, wer müde ist, soll sich halt zusammenreissen. Jetzt weiss ich, wie realitätsfern das in so einem Fall ist.» Long-Covid-Betroffener Auch Marcel R. nimmt an der Studie teil. Dass Long Covid in der öffentlichen Diskussion zum Teil in Zweifel gezogen wird, stört ihn. Er räumt aber ein: «Früher dachte ich auch, wer müde ist, soll sich halt zusammenreissen.» Jetzt wisse er, wie realitätsfern das in so einem Fall sei. Er ist aber zuversichtlich, aus seiner Gesundheitskrise wieder herauszukommen. Man habe ihn darauf vorbereitet, dass Long Covid ein Jahr dauern könne, sagt er. «Ich freue mich über jeden kleinen Schritt, der wieder möglich wird.» Susanne Wenger

Biologie trifft auf Ethik, IT auf Anatomie

Eine der häufigsten Krebserkrankungen bei Kindern ist das Neuroblastom, ein Tumor, der aus Nervenzellen entsteht. Bei Verdacht brauchen Kinder, ihre Familien und die behandelnden Ärztinnen und Ärzte schnell Gewissheit. Dabei spielen bereits in der frühen Diagnosestellung Laboruntersuchungen eine zentrale Rolle, da sich bestimmte Tumor-Biomarker im Körper nachweisen lassen. Eine Bachelorarbeit im noch jungen Studiengang Biomedizinische Labordiagnostik entwickelte und prüfte ein Verfahren, um diese Biomarker in getrockneten Urinproben – sogenannten «Dried Urine Spots» – als Alternative zu flüssigen Proben nachzuweisen. Das Beispiel verdeutlicht, wie biomedizinische Labordiagnostik eigene Innovation ins Gesundheitssystem einbringen kann. Im ersten Durchgang des Studiengangs schlossen 2025 insgesamt 62 Studierende mit einem Bachelordiplom ab – die meisten nach drei Jahren, einige mit einer verkürzten Ausbildung dank vorheriger Qualifikation an einer Höheren Fachschule. Sie sind die ersten Fachkräfte in der Schweiz, die diesen Bereich mit akademischem Abschluss und interdisziplinärem Ansatz vertreten. «Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie essenziell der Laborberuf für die gesundheitliche Versorgung ist», sagt Sylvia Kaap-Fröhlich , Leiterin des Studiengangs. «Interprofessionelle Zusammenarbeit wird immer wichtiger – darauf bereiten wir unsere Studierenden vor».» Lisa Rigassi, Studiengangkoordinatorin Biomedizinische Labordiagnostik Der Studiengang wird vom Departement Life Sciences und Facility Management in Zusammenarbeit mit dem Departement Gesundheit durchgeführt. «Wir verbinden naturwissenschaftlich-technische Grundlagen mit dem Denken und Handeln eines Gesundheitsberufs», erklärt Kaap-Fröhlich. Die Studierenden lernen Biologie, Chemie und Mathematik, vertiefen sich in Fachgebiete wie Hämatologie und medizinische Genetik und beschäftigen sich mit labordiagnostischen Verfahren für spezifische Krankheitsbilder. Zusätzlich erwerben sie Managementfähigkeiten und Kenntnisse über das Gesundheitswesen – von Patientenrecht und Ethik bis zu Gesundheitsförderung und Prävention. Diese Themenverknüpfung soll den Blick über das Labor hinaus schärfen: auf das Gesundheitssystem, andere Berufsgruppen und die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten. Denn integrierte Versorgungsmodelle, in denen alle Beteiligten eng zusammenarbeiten, gewinnen an Bedeutung. «Interprofessionelle Zusammenarbeit wird immer wichtiger – darauf bereiten wir unsere Studierenden vor», betont Lisa Rigassi , die Koordinatorin am Departement Gesundheit . Der Studiengang soll auch dazu beitragen, dass die Labordiagnostik eigene fundierte Erkenntnisse einbringen kann. Das stärke den Austausch zwischen den Gesundheitsberufen. Dies lernen die Studierenden mit Kommiliton:innen aus den Studiengängen Pflege, Hebamme, Physiotherapie, Ergotherapie sowie Gesundheitsförderung und Prävention in der gemeinsamen Modulgruppe «Gesellschaft, Kultur und Gesundheit». Die Praxisnähe bleibt ein Kern des Studienangebots. Die Praxisnähe bleibt ein Kern des Studienangebots. Der Schweizer Berufsverband « labmed » brachte den Studiengang mit einer Berufsfeldanalyse auf den Weg und war an der Konzeption beteiligt, und die Studierenden absolvieren Praktika bei einigen von rund 30 Partnerorganisationen, darunter Spitäler und Industrieunternehmen. «Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie essenziell der Laborberuf für die gesundheitliche Versorgung ist.» Sylvia Kaap-Fröhlich, Studiengangleiterin Biomedizinische Labordiagnostik Auch der Studiengang Medizininformatik, der 2023 mit 47 Studierenden startete, setzt auf Interdisziplinarität. Die meisten studieren Teilzeit über vier Jahre, die ersten Vollzeitstudierenden schliessen dieses Jahr ab. «Die Klasse ist heterogen», berichtet Studiengangleiter Daniel Roetenberg . Etwa die Hälfte kommt aus dem Gesundheitswesen, die andere aus technischen Berufen wie Informatik und Elektrotechnik. Einzelne haben einen kaufmännischen Hintergrund. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen schreitet voran: Spitäler und Praxen tauschen Daten aus, Pflegedokumentationen werden digitalisiert, Patientinnen und Patienten nutzen Apps und Sensoren, und künstliche Intelligenz analysiert Bilddaten. Diese Entwicklungen bieten Chancen, bringen aber auch Herausforderungen wie den Datenschutz – im Gesundheitswesen ein besonders sensibles Thema. Der Studiengang kombiniert IT-Know-how mit medizinischem Verständnis. «Das ermöglicht Lösungen, die den Klinikalltag erleichtern und die Versorgungsqualität verbessern», sagt Roetenberg. Die Vorstellung, der Studiengang bilde «halb informatisch, halb medizinisch» aus, weist Roetenberg zurück. Ziel sei es, Fachkräfte zu qualifizieren, um Technologien umzusetzen, die dem Gesundheitswesen echten Nutzen bringen. Ein Beispiel: «Wer die Arbeitsweise des ambulanten Pflegepersonals versteht, kann bessere Dokumentationssoftware für die Spitex entwickeln.» Im Idealfall schafft Technologie mehr Zeit für Patientinnen und Patienten. Silo-Denken funktioniere in der Gesundheitsversorgung immer weniger, sagt Roetenberg – Fachbereiche und Informationssysteme müssten miteinander kommunizieren. Das Curriculum umfasst Programmieren, Cybersecurity, Datenschutz und Datenvisualisierung ebenso wie Grundlagen der Medizin und des Gesundheitswesens, von Anatomie und Physiologie bis zu Medizinethik. Auch hier bleibt der Praxisbezug eng: Die Studierenden absolvieren ein Praxissemester bei einer von rund fünfzig Partnerorganisationen, darunter Kliniken und E-Health-Unternehmen. Die Studiengänge Biomedizinische Labordiagnostik und Medizininformatik spiegeln zunehmend dynamische Arbeitswelten wider, in denen verschiedene Disziplinen ineinandergreifen. Doch diese Interdisziplinarität birgt auch Hürden: «Es geht darum, die unterschiedlichen Sprachen und Kulturen der Natur- und Gesundheitswissenschaften zusammenzuführen», erklärt Rigassi. Kommunikation wird deshalb gezielt trainiert, und interdepartementale Veranstaltungen fördern das gegenseitige Verständnis. «Wir bieten kein reduziertes Informatikstudium an, sondern ein eigenständiges Profil ohne starre Grenzen.» Daniel Roetenberg, Studiengangleiter Medizininformatik Roetenberg sieht eine Herausforderung darin, Breite und Tiefe des vermittelten Wissens auszubalancieren. «Wir bieten kein reduziertes Informatikstudium an, sondern ein eigenständiges Profil ohne starre Grenzen», erklärt er. Weil künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen an Bedeutung gewinne, vermittle der Studiengang mehr als nur technisches Wissen. Die Studierenden sollten unter anderem auch regulatorische Anforderungen an Technologien verstehen. Die Lernkurve sei anfangs für alle steil – ob aus dem Gesundheitswesen oder der Informatik. Im letzten Studienabschnitt ermöglichen Wahlpflichtmodule Spezialisierungen, etwa in Cloud Computing oder klinischer Datenanalyse. Die erweiterten Kompetenzen der Studierenden führen zu gefragten Berufsprofilen, wie die Studiengangleitungen beobachten. Manche der ersten Bachelorabsolventinnen und -absolventen der Labordiagnostik arbeiten heute bei Praxispartnern, die sie während des Studiums kennengelernt haben. «Der Abschluss eröffnet vielfältige Berufsfelder», sagt Kaap-Fröhlich – in medizinischen Laboren in Spitälern, Forschung oder Industrie. Auch bei der Medizininformatik , wo der erste Studiengang noch läuft, ist die Nachfrage da. Einige Absolventinnen und Absolventen wurden bereits während des Studiums Teilzeit angestellt. «Das Studienprofil orientierte sich schon bei der Konzeption am Bedarf im Arbeitsmarkt», erklärt Roetenberg – sowohl in Gesundheitsinstitutionen als auch in IT-Unternehmen des Medizinsektors. In beiden Studiengängen sind inzwischen weitere Jahrgänge gestartet. Wegen des grossen Andrangs wurde bei der schweizweit einmaligen Biomedizinischen Labordiagnostik vorübergehend ein Numerus Clausus eingeführt. In der Medizininformatik, die auch an anderen Fachhochschulen angeboten wird, stabilisieren sich die Anmeldezahlen. Für beide Programme sind vertiefende Masterstudiengänge in Planung. (Aufmacherbild: Stefan Kubli) Susanne Wenger

Endolysine: Neues Mittel gegen Superkeime?

Immer mehr Bakterien sind in den letzten Jahren resistent gegen Antibiotika geworden. Medikamente verlieren an Wirkung – mit fatalen Folgen: Jährlich sterben weltweit über eine Million Menschen an Infektionen, die vor wenigen Jahrzehnten noch behandelbar waren. In der Schweiz führt das laut Bundesangaben zu 300 Todesfällen pro Jahr. In den kommenden 25 Jahren könnten resistente Keime weltweit insgesamt über 39 Millionen Todesfälle verursachen, warnt eine 2024 im Fachjournal «The Lancet» veröffentlichte Studie. «Bakterielle Infektionen könnten dann mehr Menschenleben fordern als heute Krebs», sagt Mathias Schmelcher , Molekularbiologe an der ZHAW . Die Gefahr wächst leise und wird oft unterschätzt, stellt Schmelcher fest: «Wenn wir nicht handeln, fallen wir bei der Behandlung bakterieller Infektionen – überspitzt gesagt – ins Mittelalter zurück.» Selbst kleine Wunden wären wieder lebensbedrohlich, wenn Erreger eindringen würden. Aber auch die moderne Medizin wäre tangiert, etwa wenn Antibiotika bei Operationen an Kraft verlören. Ein Hauptgrund für die Resistenzbildung ist der grosszügige und oft unsachgemässe Einsatz von Antibiotika bei Mensch und Tier. Schon Penicillin-Entdecker Alexander Fleming warnte 1945 vor dieser Entwicklung, als er den Nobelpreis erhielt. Sein Appell, die evolutionären Prozesse zu bedenken, verhallte. Zu epochal war der medizinische Fortschritt, den das erste Antibiotikum brachte. Es stammte aus einem Schimmelpilz. 80 Jahre später suchen Forschende intensiv nach Alternativen. Hoffnungsträger sind Bakteriophagen, kurz: Phagen. Diese natürlich vorkommenden Viren befallen gezielt Bakterien. Zwei Ansätze stehen besonders im Fokus: Entweder wird der ganze Phage als Bakterienjäger eingesetzt oder nur eine seiner Waffen: ein Protein namens Endolysin. Schmelcher selbst forscht seit Jahren an Endolysinen, zunächst an der ETH. Jetzt bringt er sein Wissen am Departement Life Sciences und Facility Management ein, wo bereits Phagen-Forschung betrieben wird. Um die Wirkung der Endolysine zu verstehen, hilft ein Blick auf den gesamten Phagen. Trifft dieser auf ein Bakterium, heftet er sich an und injiziert sein Erbgut. «Der Phage übernimmt die Kontrolle», so Schmelcher. Das umprogrammierte Bakterium produziert daraufhin lauter neue Phagen. Die Waffe Endolysin setzt der Jäger am Ende seines Vermehrungszyklus ein – um das Bakterium von innen heraus aufzulösen. «2050 könnten bakterielle Infektionen mehr Menschenleben fordern als heute Krebs.» Mathias Schmelcher, Fachgruppe Molekularbiologie und Biochemie «Als Enzym durchtrennt das Endolysin chemische Bindungen in der bakteriellen Zellwand», erklärt Schmelcher. Die Wand wird instabil und bricht unter dem internen Zelldruck zusammen. Das Bakterium platzt und setzt die jungen Phagen frei. Diese befallen weitere Bakterien – bis die Infektion besiegt ist. «Phagen sind für Menschen, Tiere und Pflanzen harmlos, da sie spezifisch Bakterien infizieren», betont Schmelcher. Endolysine werden heute biotechnologisch hergestellt, indem man den genetischen Bauplan des Phagen nutzt. «Gegen viele Bakterien wirken sie auch, wenn man sie von aussen einsetzt», so Schmelcher. Technologisch lassen sich zudem verbesserte Eigenschaften massschneidern. Die Forschung steckt aber noch in den Anfängen, und bis zur breiten Anwendung als Wirkstoff wird es dauern. In Laborstudien, auch an Mäusen, haben sich Endolysine bereits bewährt. Erste klinische Studien liefern noch uneinheitliche Ergebnisse. Schmelcher sieht in Endolysinen grosses Potenzial. «Im Gegensatz zu gängigen Antibiotika wirken sie hochspezifisch», erklärt er. Sie töten nur den Zielerreger und schonen nützliche Bakterien im Darm oder auf der Haut. Zudem sei die Resistenzbildung sehr unwahrscheinlich. Der Grund: Endolysine zerstören ausschliesslich die für Bakterien lebenswichtige Zellwand – was es den Erregern schwer macht, sich anzupassen. «Einmal auf dem Markt, könnten Endolysine lange Zeit wirksam bleiben», sagt Schmelcher. Besonders vielversprechend sind sie gegen Keime wie den Staphylokokkus aureus. Dieser lebt zwar oft harmlos etwa auf unserer Haut und unseren Schleimhäuten, kann aber durch Wunden oder Immunschwäche Krankheiten auslösen – von Hautabszessen über Hirnhaut- und Knochenentzündungen bis zu lebensgefährlichen Blutvergiftungen und Entzündungen der Herzinnenhaut. Bei Nutztieren verursacht er häufig Euterentzündungen. Staphylokokken-Infektionen sind aus zwei Gründen schwer zu behandeln. «Angesichts der Antibiotika-Krise müssen wir beide Ansätze – Phagen und Endolysine – weiterentwickeln und klinische Daten sammeln.» Mathias Schmelcher, Fachgruppe Molekularbiologie und Biochemie Erstens sind bestimmte Stämme multiresistent, also gegen mehrere Antibiotika unempfindlich. Darunter MRSA – ein Superkeim, der vor allem in Spitälern Probleme bereitet und gegen den Endolysine nachweislich wirken. Zweitens «verstecken sich Staphylokokken gern in Nischen», erklärt Schmelcher. Sie leben in Biofilmen auf Schleimhäuten oder künstlichen Oberflächen wie Kathetern und Implantaten; oder sie ruhen in Körperzellen, bevor sie aktiv werden. Herkömmliche Antibiotika erreichen sie dort kaum, während Endolysine offenbar auch schlummernde Erreger ausschalten. Mehr noch: Biotechnologisch designte Endolysine, die ins Blut injiziert werden, scheinen gezielt dorthin zu gelangen, wo Staphylokokken sitzen. «Im Tiermodell konnten wir die Bakterienzahl in infiziertem Knochengewebe signifikant senken», berichtet Schmelcher. Trotz dieser Vorteile bleiben Fragen offen, an denen auch er arbeitet. So baut der Körper Endolysine schnell ab oder scheidet sie aus, was ihre Wirkung zeitlich begrenzt. Zudem könnte das Immunsystem Antikörper bilden, die weitere Therapien unwirksam machen. Falls diese technischen Hürden überwunden werden, folgt die regulatorische: Die Behörden prüfen, ob ein Präparat wirksam und sicher genug ist, um als Arzneimittel zugelassen zu werden. Bei Endolysinen dürfte dies momentan einfacher sein als bei Phagen, glaubt Schmelcher. Proteinbasierte Medikamente sind etabliert, der Zulassungsprozess ist definiert. Phagen hingegen, die sich im Körper vermehren, gelten offensichtlich als schwerer kontrollierbar. Jedenfalls fehlt in den meisten Ländern ein rechtlicher Rahmen für diese seit über 100 Jahren bekannte Therapie. Praktiziert wird sie vor allem in Georgien, seit einigen Jahren auch in Belgien. In der Schweiz dürfen Phagen nur ausnahmsweise eingesetzt werden, wenn zugelassene Antibiotika versagen. Schmelcher sieht keinen Grund, Endolysine und Phagen gegeneinander auszuspielen. Für bestimmte Bakterien mit anders gearteter Zellwand seien Phagen derzeit besser geeignet, sagt er und betont: «Angesichts der Antibiotika-Krise müssen wir beide Felder weiterentwickeln und klinische Daten sammeln.» Die Entwicklung treiben vor allem Startups und KMU voran, während grosse Pharmakonzerne bislang wenig Interesse zeigen. Eine realistische Perspektive sieht Schmelcher darin, Endolysine zunächst bei schweren Infektionen ergänzend zu Antibiotika einzusetzen. «Das würde uns im Kampf gegen Resistenzen wertvolle Zeit verschaffen», sagt er. Aufmacherbild: Adobestock/Vladimir Borovic Susanne Wenger

Aus Testpersonen werden Co-Forschende

Wenn es darum geht, soziale Wirklichkeit und professionelles Handeln darin zu erforschen, sollen die Sicht und die Erfahrungen betroffener Menschen einfliessen. «Denn sie sind die Expertinnen und Experten ihres Lebens», hält Lea Hollenstein fest, Dozentin am Institut für Sozialmanagement des ZHAW-Departements Soziale Arbeit . Sie forscht unter anderem zur Beratung gewaltbetroffener Frauen, zur Opferhilfe und zur Prävention sexualisierter Gewalt in Einrichtungen. Da genüge es nicht, Fachleute rund um die Betroffenen zu befragen: «Menschen, die Gewalt erlebt haben, verfügen über eine eigenständige Perspektive.» «Betroffene sind Expertinnen und Experten ihres Lebens.» Lea Hollenstein, Dozentin am Institut für Sozialmanagement Lea Hollenstein betreibt qualitative Forschung, führt also Interviews durch, oft auch narrativ-biografischer Art. Ihre Gegenüber findet sie in Zusammenarbeit mit Organisationen wie der Opferhilfe oder Interventionsstellen gegen häusliche Gewalt. Das sei wegen der sensiblen Thematik anspruchsvoll, sagt sie, ohne Vertrauensbasis gehe es nicht. Andererseits schätzten es Gewaltbetroffene, «endlich gehört zu werden in ihrem Leid», und willigten deshalb ein, an einer Studie teilzunehmen. Ähnliche Erfahrungen macht Dirk Baier, Professor und Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention am gleichen Departement. Er forscht unter anderem zu häuslicher Gewalt und arbeitet quantitiv, erhebt also Daten und wertet diese aus. Laut Baier ist die Bereitschaft, sich zu eigenen Gewalterfahrungen zu äussern, gegeben. Einschränkend sei aber davon auszugehen, «dass Personen, die engmaschig von ihrem Partner oder ihrer Partnerin kontrolliert werden, nicht teilnehmen.» Der Wissenschaftler hält es aus mehreren Gründen für wichtig, die Betroffenenperspektive zu integrieren. Unter anderem helfe sie zu verstehen, welche Merkmale und Bedingungen mit der Entstehung von Gewalt in Paarbeziehungen zusammenhängen. Aus dem gleichen Grund wäre es gemäss Baier notwendig, zusätzlich Tatpersonen zu befragen. Doch dies sei methodisch noch aufwändiger. «Betroffenenperspektiven zu integrieren ist aus vielen Gründen wichtig.» Dirk Baier, Professor und Leiter des Wie barrierefrei digitale Informationsprodukte für Menschen mit Behinderung sind, dazu forscht Birgit Fuhrmann , operative Leiterin des Forschungs- und Arbeitsbereichs Technikkommunikation am Departement Angewandte Linguistik . Sie führte am Beispiel der ZHAW -Website eine Studie durch, an der zwölf Personen mit einer Sehbehinderung teilnahmen. Zwar gebe es technische Instrumente, um Zugänglichkeit und Nutzungsfreundlichkeit zu testen, sagt sie: «Doch im Falle einer Sehbehinderung können das nur die tatsächlichen Web-Nutzerinnen und -Nutzer beurteilen.» Denn diese verwenden je nach Grad der Sehbehinderung Hilfsmittel wie Apps zum Zoomen oder Screenreader, die Inhalte als Sprach- oder Braille-Ausgabe wiedergeben. «Wir gewannen Aufschluss darüber, was auf der Website für sie nicht gut funktioniert», so Fuhrmann. Wer mit vulnerablen Gruppen forscht, muss bestimmte Rahmenbedingungen beachten. Gewaltforscher Dirk Baier hält es inzwischen für unerlässlich, die Genehmigung einer Ethikkommission einzuholen: «Diese weist auf blinde Flecken hin, auf Punkte, die man eventuell nicht ausreichend beachtet hat.» Das sei hilfreich, um eine Forschung durchzuführen, die nicht zusätzlichen Schaden anrichtet. So besteht bei Befragungen zu Gewalt ein Risiko der Retraumatisierung. Um dieses zu minimieren, «führen wir immer Vorgespräche durch», erklärt Lea Hollenstein. Darin wird thematisiert, wie die Forschenden eine Retraumatisierung erkennen würden, und was in einem solchen Moment zu tun wäre. Wenn nötig vermittelt Hollenstein Hilfsangebote. Als frühere Sozialpädagogin bringt sie viel Erfahrung im Umgang mit Betroffenengruppen mit und schult vor bestimmten Befragungen ihre Mitforschenden. Technikkommunikations-Forscherin Birgit Fuhrmann verfolgte für ihre Web-Studie einen Coaching-Ansatz. Das im Nebenraum beobachtende Forschungsteam konnte Hinweise geben, wenn eine Testperson gar nicht weiterkam. Das sei bei «Usability»-Tests nicht üblich, weiss Fuhrmann. Für sie zeigt sich: «Herkömmliche Forschungsverfahren müssen teilweise angepasst werden.» Dies sieht auch Ergotherapie-Forscherin Beate Krieger so, die Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung interviewte (siehe Box). «Herkömmliche Forschungsverfahren müssen teilweise angepasst werden.» Birgit Fuhrmann, Technikkommunikations-Forscherin Betroffene direkt in die Forschung einzubeziehen bringt Wissenszuwachs. Ergebnisse können in die Gewaltprävention einfliessen, in gute soziale oder therapeutische Arbeit, in diskriminierungsfreies Webdesign. Doch es gehe auch um ein an der Menschenwürde orientiertes Menschenbild, um Inklusion und Teilhabe, unterstreichen ZHAW-Forschende. Birgit Fuhrmann verweist auf die UN-Behindertenrechtskonvention, in der das Recht auf Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologie verankert sei. «Frauen, die Gewalt erfuhren, erhalten eine Stimme im Diskurs», fügt Lea Hollenstein an. Beide erwähnen noch weitergehende Formen der Partizipation, bei denen Betroffene selber dem Forschungsteam angehören. Doch wie behalten die Forschenden den unabhängigen, möglichst objektiven Blick? «Ob bei Opfer- oder Täterbefragungen: Zwischen mir und der Gewalttat liegt gewöhnlich ein Fragebogen», antwortet Dirk Baier. Als Wissenschaftler systematisiere und abstrahiere er, das schaffe Distanz. Was die inklusive Forschung betrifft, führt die Teilnahme Betroffener laut Birgit Fuhrmann durchaus zum Nachdenken über Haltungen: «Die sehbehinderten Menschen in unserer Studie brachten eine Expertise ein, die dem Forschungsteam fehlte.» Der Begriff «Testperson» habe nicht mehr gepasst, sie seien phasenweise zu Co-Forschenden geworden. Zum Blog-Beitrag über Usability-Studie mit sehbehinderten Menschen Susanne Wenger

«Die Ungewissheit machte mir zu schaffen»

«Am Anfang hatte ich mega Angst», räumt Pflegestudentin Jacqueline Walker ein. Das Spital Männedorf, in dem sie seit Februar ihr zweites Praktikum im Rahmen des Bachelorstudiums Pflege absolviert, begann im März, an Covid-19 erkrankte Menschen aufzunehmen. Auch die medizinische Abteilung, auf der die 21-Jährige im Einsatz stand, wurde nach und nach zur Isolierstation umfunktioniert. Zu schaffen machte der Studentin vorab die Ungewissheit . Sie sah die Medienberichte zu überfüllten Spitälern in Norditalien. Würde das auch in der Schweiz geschehen? Und was, wenn sie sich selber anstecken würde? «Ich betrat Covid-19-Zimmer auch dann in voller Schutzmontur, wenn ich nur ein Medikament hinstellte», blickt sie auf jene ersten Tage zurück. Doch ihre Abteilung war ja nicht die Intensivstation mit den wirklich schwer Erkrankten, und die Kolleginnen konnten sie beruhigen. «Sie sagten mir: Jacky, du musst dich nicht jedes Mal so einpacken.» Eine Gesichtsmaske blieb aber zwingend, und wenn sie den Erkrankten nahe kam, schützte sie sich zusätzlich mit einer Brille. Die Mitarbeitenden seien spitalintern stets sehr gut über Sicherheits- und Hygienemassnahmen informiert worden, lobt sie. Das habe geholfen. Die Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf ihrer Abteilung waren 50-jährig und älter. Sie zeigten mildere bis schwerere Symptome, von Fieber über Husten bis zu Kurzatmigkeit. Viele brauchten Sauerstoff. Alle waren sehr geschwächt, und manche erlitten nach der ersten Besserung einen Rückfall. «Eine meiner Hauptbeschäftigungen waren atemstimulierende Einreibungen», erzählt die ZHAW-Studentin. Das habe den Corona-Kranken gutgetan. Auch bei leichten körperlichen Übungen nach Anweisung der Physiotherapeuten war die Praktikantin anwesend. Bewegung sei wichtig bei Lungenerkrankungen. «Es war mir ein Anliegen, mir Zeit für die Patientinnen und Patienten zu nehmen und für sie dazusein.» «Wir merkten immer besser, was sie brauchten», sagt die engagierte junge Frau, die im vierten Semester studiert. Besonders schätzten die Patienten Gespräche und andere Zuwendungen. Wegen des Besuchsverbots und der Isolation blieben die Patienten allein. «Wir waren die einzigen direkten Kontakte für sie», so Jacqueline Walker, «es war mir ein Anliegen, mir Zeit für sie zu nehmen und für sie dazusein.» Weil es in der Schweiz gelang, die Infektionskurve abzuflachen, blieb die Zahl der Covid-19-Patienten auf ihrer Abteilung zum Glück überschaubar. Im Frühsommer kehrt die Pflegestudentin in den Unterricht zurück – um eine Epidemie-Erfahrung reicher. «Ich habe viel gelernt», stellt sie fest. Mit ihrer Berufsbildnerin im Spital konnte sie sich täglich austauschen. Speziell das Wissen über Hygienemassnahmen werde sie später anwenden können, glaubt die Studentin. Eine neue Erfahrung war auch die Aufmerksamkeit, die die Pflege von aussen erhielt. Jacqueline Walker bekam so viel anerkennenden Zuspruch wie noch nie: «Das hat mich sehr gefreut.» Wie nachhaltig die Wertschätzung der Pflege sei, werde sich aber erst noch zeigen. «Applaus allein reicht nicht»: Lesen Sie dazu den Meinungsbeitrag Susanne Wenger

Hausbesuche zur Prävention: Beraten, bevor etwas passiert

Ergotherapeutische Fachpersonen suchen ältere Menschen zu Hause auf und schauen mit ihnen zusammen, welche Anpassungen im Wohnraum hilfreich sein könnten: Das ist die Idee hinter einem neu erarbeiteten Konzept des Instituts für Ergotherapie der ZHAW. Es basiert zum einen auf der Befragung von Älteren und ihren Angehörigen wie auch von Fachpersonen. Zum anderen führten die Forschenden gemeinsam mit der Spitex Kriens (LU) und dem Zentrum für Ergotherapie Luzern eine Machbarkeitsstudie durch. Ziel sei, dass die älteren Menschen «alltägliche Aufgaben trotz Einschränkungen und Behinderungen wieder ausführen können», sagt Studienleiterin Brigitte Gantschnig , Professorin für Ergotherapie. Menschen dabei zu unterstützen, gehöre zur Kernkompetenz der Ergotherapie. Im Rahmen der Studie gingen zwei Ergotherapeutinnen bei fünf Spitex-Klientinnen und -Klienten je zweimal eine bis zwei Stunden auf Hausbesuch. Bis auf eine Person waren die Besuchten über 80-jährig. Die vorgeschlagenen Massnahmen waren oft einfach. So rieten die Therapeutinnen etwa dazu, einen Teppich als Stolperfalle zu entfernen, im Badezimmer Griffe anzubringen, für helleres Licht zu sorgen oder an einer schweren Türe einen Riemen anzubringen, damit sie leichter aufgestossen werden kann. Auch Griffverdickungen an Gegenständen wie zum Beispiel Besteck oder Zahnbürsten waren ein Thema. Zudem vermittelten die Ergotherapeutinnen Informationen zu Entlastungsdiensten und Hilfsmittel-Angeboten. Vielen Älteren sei gar nicht bewusst, dass es solche Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten gebe: Das stellt Thomas Ballmer fest, der im Forschungsteam mitgearbeitet hat. Er sieht denn auch Vorteile in der Zusammenarbeit von Ergotherapie und Hauswirtschaftsspitex wie im Krienser Pilotprojekt: «Die Mitarbeitenden der Spitex erkennen durch ihre regelmässige Präsenz, wo eine Wohnraumberatung angebracht wäre.» Und sie könnten als Vertrauenspersonen auf das ergotherapeutische Angebot aufmerksam machen. «Wir sehen hierzulande ungenutztes Potenzial, zumal eine präventive aufsuchende Beratung längerfristig Kosten verringere.» Brigitte Gantschnig, ZHAW-Institut für Ergotherapie Ausserdem gelte es manchmal längerfristig dranzubleiben, fügt Ballmer an. Die Spitex könne es ansprechen, wenn jemand mit den empfohlenen Anpassungen zögere. Erstrebenswert wäre, die ergotherapeutische Beratung möglichst frühzeitig durchzuführen. In skandinavischen Ländern wie Dänemark und Schweden seien präventive Hausbesuche bereits etabliert, weiss Ergotherapie-Professorin Brigitte Gantschnig. Finanziert würden sie alle zwei Jahre von den Gemeinden, für alle über 65-Jährigen. In der Schweiz zahlt die Krankenkasse zwei ergotherapeutische Interventionen – aber nur, wenn eine Ärztin, ein Arzt sie verordnet hat. Die ZHAW-Forschenden sehen hierzulande ungenutztes Potenzial, zumal eine präventive aufsuchende Beratung längerfristig Kosten verringere. Das zeigten Studien aus dem Ausland, sagt Gantschnig. Die älteren Menschen können länger zu Hause leben. Weil sie weniger stürzen, kommt es zu weniger Hospitalisierungen. Doch der Mehrwert für die Älteren gehe über Sturzprävention hinaus, unterstreicht die Forscherin: «Sie sollen so lange wie möglich autonom leben und an der Gesellschaft teilhaben können.» Das Video gibt einen Einblick, was sich ältere Menschen wünschen. Die Spitex Kriens zieht ebenfalls eine positive Bilanz. «Für uns hat sich gezeigt, dass der Einsatz der Ergotherapie hilfreich ist für die Kundinnen und Kunden», sagt Geschäftsleiter Hannes Koch. Die Ergotherapie decke ein breites Spektrum an Themen ab. Die Zusammenarbeit wird in Kriens denn auch weitergeführt. Auch sonst besteht Interesse am Konzept, wie Studienleiterin Gantschnig berichtet, von Politikerinnen, Leistungserbringern und Altersorganisationen. Ältere Menschen selber erfuhren an Vorträgen davon. Susanne Wenger

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