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Nicht auf den Mund gefallen 

Gegen Dana Widmer möchte man nicht in einer Quizshow antreten. Kaum jemand kennt die aktuelle Weltlage, die Kader von Sportteams und politische Debatten so gut wie sie. Seit rund 15 Jahren sitzt die ZHAW-Alumna nämlich berufsbedingt stundenlang vor dem Bildschirm und trägt als Respeakerin dazu bei, dass die Sendungen im Schweizer Fernsehen untertitelt werden. Respeaken bezeichnet die Art des Untertitelns, bei der eine Software eine Spracheingabe in Untertitel verwandelt. Sie wird vorwiegend zur Verschriftlichung von Live-Passagen eingesetzt. Die Respeakerinnen und Respeaker wiederholen auf Hochdeutsch, was gesagt wird, und diktieren dabei die Satzzeichen mit. Bei SRF werden die meisten Sendungen untertitelt – ein Service public für Menschen, die eine Hörbeeinträchtigung haben, kein Schweizerdeutsch verstehen oder sich unterwegs eine Sendung ohne Ton anschauen möchten. «Mit dem Respeaken habe ich bereits vor dem ersten Simultanunterricht im Dolmetschstudium angefangen», erzählt Widmer. «Es ist ein guter Einstieg ins Dolmetschen. Das gleichzeitige Zuhören und Nachsprechen ist eine Form von Multitasking – Shadowing genannt –, die sozusagen die Vorstufe zum Simultandolmetschen darstellt.» Mit einem 55-Prozent-Pensum als Respeakerin stellt Widmer ihren Lebensunterhalt sicher. Daneben bleibt viel Flexibilität für ihre eigentliche Berufung, das Dolmetschen. «Einen Dolmetschauftrag würde ich nie als Arbeit bezeichnen», sagt sie, und man glaubt es ihr sofort. «Ich empfinde es nach über zehn Jahren noch als grosses Privileg, dass ich diesen Traum leben darf. Ich liebe alles daran – das Einarbeiten in immer neue Themenbereiche, das Spielen mit der Sprache, das Gestalten mit der Stimme, das Adrenalin, das Abliefern auf den Punkt. Für mich war schon zu Beginn des Übersetzerstudiums klar, dass ich nicht schriftlich übersetzen, sondern dolmetschen wollte», betont sie. Auch wenn es sich in beiden Fällen um das Übertragen der einen Sprache in die andere handelt, unterscheiden sich die Fähigkeiten, die dabei gefragt sind: Dolmetschen erfordert Improvisationstalent, sicheres Auftreten, ein enormes Allgemeinwissen und kognitives Multitasking. Beim schriftlichen Übersetzen hingegen hat man Zeit, aber es ist Perfektion gefragt. Recherchieren, optimieren, feilen an den Formulierungen. Direkt ins Dolmetschen einzusteigen, war jedoch zu Widmers Studienzeit nicht möglich, darum musste sie erst Übersetzen studieren. «Trump zu dolmetschen, ist next Level. Bei ihm versagt eines der zentralen Werkzeuge von Dolmetschenden: die Plausibilitätskontrolle.» Dana Widmer Beide Studiengänge absolvierte sie mit Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch als Arbeitssprachen. «Auf dem Schweizer Privatmarkt sind aktive Sprachen wichtig, also dass man in beide Richtungen dolmetschen kann. Für internationale Organisationen hingegen dolmetscht man meist nur in die Muttersprache, da ist es von Vorteil, möglichst viele passive Sprachen zu haben», erklärt Widmer. Muss man zweisprachig aufgewachsen sein, um Dolmetscherin zu werden? «Einige der besten Dolmetschenden, die ich kenne, sind es nicht», antwortet sie. «Ich selbst bin es, dolmetsche aber hauptsächlich vom und ins Englische und arbeite weniger mit meiner zweiten Muttersprache Spanisch.» Aufgewachsen ist die Tochter eines Schweizers und einer Mexikanerin in der Berner Agglomeration. Diese Herkunft würde man ihr heute nicht mehr geben – nach über zwanzig Jahren in Zürich hat sie längst den Zürcher Dialekt angenommen und fühlt sich im Kreis 4 zu Hause. So sehr, dass sie ihn sogar in einem ihrer zahlreichen Tattoos verewigt hat. Bei SRF steht sie auch als Dolmetscherin für Live-Events im Einsatz. Das grösste Highlight war für sie jeweils die Oscar-Verleihung. Wer die Veranstaltung noch nie gesehen hat, muss wissen: Sie dauert mehrere Stunden, findet in unseren Breitengraden mitten in der Nacht statt, und man kann sich kaum darauf vorbereiten, denn was sich die Hollywood-Stars für ihre Laudationes ausdenken, ist höchst individuell und hat einen grossen Unterhaltungsfaktor. Eine pointierte Rede im selben Stil zu dolmetschen, ist besonders anspruchsvoll – Widmer meisterte es mehrmals mit Bravour. «Für viele Kolleginnen und Kollegen sind die Oscars ein absolutes Albtraumszenario», sagt Widmer lachend. «Für mich hingegen ist es genial. Ich bin ein Nachtmensch und ein Serienjunkie, kenne alle Schauspielerinnen und Schauspieler und verstehe aufgrund meiner Affinität zu den USA sämtliche Anspielungen.» Herausfordernd sei es hingegen, wenn eine Person mit einem ausgeprägten Dialekt spricht. «Im Rahmen der Sendung ‘Sportpanorama’ hatte ich etwa mit Julien Alfred, der Sprint-Olympiasiegerin aus St. Lucia, gewisse Mühe, weil das Zuhören allein so viel Denkleistung erforderte.» Auch bei den Debatten im US-Wahlkampf war Widmer am Mikrofon von SRF, um Joe Biden und Kamala Harris ihre Stimme zu verleihen. Anspruchsvoll sei eine solche Debatte allemal, aber ihr Kollege, der Trumps Part übernehmen musste, habe eine ungleich schwierigere Aufgabe gehabt: «Trump zu dolmetschen, ist next Level – am sogenannten Liberation Day, dem Tag, als die US-Zölle verkündet wurden, übernahm ich ausnahmsweise diese Aufgabe. Während es bei anderen Politikerinnen und Politikern oft vorhersehbar ist, was sie bei öffentlichen Auftritten sagen, ist Trump einfach eine Wundertüte hoch zehn. Bei ihm versagt eines unserer zentralen Werkzeuge: die Plausibilitätskontrolle – hat er das jetzt wirklich gesagt oder hat mir mein Hirn einen Streich gespielt?» Man erinnere sich an die Aussage, Immigranten ässen Hunde. Ein breites Allgemeinwissen ist für eine Dolmetscherin Pflicht. «Es gibt schon rhetorische Strategien, um auszuweichen, wenn man etwas nicht genau verstanden hat. Aber Improvisieren erfordert viel Denkarbeit und man kann es sich einfach nicht leisten, zu viele Wissenslücken zu haben», erzählt Widmer. «Wenn gerade die Fussball-WM läuft, muss man wissen, wer gewonnen hat, auch wenn man sich nicht dafür interessiert. Es könnte überall eine Anspielung auf ein Spiel kommen.» Um informiert zu bleiben, liest sie täglich Zeitungen auf Deutsch und Englisch, hin und wieder auch auf Spanisch und Französisch. «In den letzten Jahren fällt es mir oft schwer, die Weltlage ist ja leider alles andere als aufbauend», gibt sie zu. «Manchmal entscheide ich mich bewusst dafür, nur Überschriften und Einleitungen zu lesen, um mich emotional abzugrenzen.» Wie sieht sie die Zukunft des Dolmetschberufs? «Es wird bestimmt nicht einfacher», sagt Widmer. «Zumindest mit der Sprachkombination Englisch und Deutsch. Französisch hingegen ist in der Schweiz noch immer enorm gefragt.» Spardruck spüre man deutlich. Waren früher bei mehrsprachigen Veranstaltungen Dolmetschkabinen noch selbstverständlich, so begnügen sich heute viele Veranstalter damit, Dolmetschende per Online-Plattform zuzuschalten – oder ganz wegzusparen, mit der Begründung, Englisch könnten sowieso alle. «Nicht live dabei zu sein, erschwert unsere Arbeit enorm. Durch die Datenkomprimierung gehen Frequenzen verloren, was das Zuhören anstrengender macht. Manchmal sieht man auch die nonverbale Kommunikation der Sprechenden nicht.» Einige Veranstalter setzen mittlerweile auch auf KI. «KI-Systeme sind noch nicht so ausgereift, dass sie eine menschliche Verdolmetschung adäquat ersetzen, und die Englischkenntnisse vieler Leute reichen bei Weitem nicht aus, um einem komplexen Sachverhalt zu folgen. Aber diese Entwicklung ist kaum aufzuhalten», sagt Widmer. «Ich gebe meinen Traumjob dennoch nicht so schnell auf. Für mich hat Dolmetschen Priorität, solange es irgendwie geht.» Um sich abzusichern, setzt Widmer auf verschiedene Tätigkeiten, die eine gute Stimme erfordern. So hat sie auch eine Ausbildung zur Sprecherin absolviert, um Werbespots oder Dokumentationen zu vertonen. Und sollte die Nachfrage einmal ganz wegfallen, hätte sie durchaus noch andere Talente und Interessen. Vor dem Studium spielte sie zwei Saisons Profivolleyball und in ihrer Freizeit widmet sie sich dem Modedesign und dem Goldschmieden – die Ideen werden ihr definitiv nicht so schnell ausgehen. Sara Blaser

Der Papi-Flüsterer

St. Gallen, ganz in der Nähe des Bahnhofs. Im Wartezimmer des «Ostschweizer Vereins für das Kind» liegen Holzspielzeuge auf einer Spieldecke, nebenan stehen ein Bäbiwagen und ein Bauernhof. Auf Wandgestellen – für Kleinkinderhände unerreichbar – sind Flyer und Ratgeber drapiert: «Familienplanung», «Stillberatung», «Kinder-Notfälle». Und mittendrin: «Von Mann zu Mann: In der Vaterrolle wachsen.» Letzteres ist das Feld von Marcel Kräutli. Der 48-Jährige ist eine Rarität – einer von ganz wenigen Väterberatern in der Schweiz. Kräutli empfängt den Besuch mit einem herzlichen Lächeln, das durch seinen Vollbart schimmert. Das Gespräch muss über Mittag stattfinden – Kräutlis Zeit ist rar. Mit seinem 40-Prozent-Pensum berät er pro Woche mehrere Männer, vor Ort, übers Vätertelefon, per E-Mail oder an Gruppenveranstaltungen. Das Angebot ist gefragt. Im ersten Jahr des Bestehens waren es noch 80 Väterberatungen von Mann zu Mann, im zweiten Jahr bereits 300. Kräutli hat im «Ostschweizer Verein für das Kind» nur Kolleginnen, traditionell ist die Mütter- und Väterberatung in Frauenhand. Warum braucht es ihn überhaupt? «Heute wird von Vätern so viel verlangt, wie noch nie: Sei als Elternteil so involviert wie möglich, im Geschäft gleichzeitig der grosse Performer, pflege deine Freundschaften und sei daneben bitte schön auch noch attraktiv und sexuell aktiv», sagt Kräutli. «Dass für das Reflektieren dieser enormen Spannungsfelder eine männliche Perspektive hilfreich ist, finde ich eigentlich selbstverständlich.» «Elternwerden ist für Frauen und Männer einfach ein brutaler Einschnitt und hat das Potenzial, einen so richtig durchzurütteln. Da müssen sich beide erst wieder finden.» Marcel Kräutli, Väterberater des «Ostschweizer Vereins für das Kind» Im Gespräch zeigt sich der Väterberater redegewandt und gleichzeitig als aktiver Zuhörer. Er lebt im Toggenburg – und ist auch privat in einer nicht alltäglichen Rolle. Mit seiner Partnerin, ebenfalls Sozialarbeiterin, hat er eine achtjährige Tochter. Daneben nehmen sie als sozialpädagogische Pflegefamilie fremdplatzierte Kinder auf. Aktuell lebt ein sechsjähriges Mädchen im Haushalt. Kräutli und seine Partnerin waren einst in einem alten Bus 14 Monate lang durch Afrika gefahren und haben dann zusammen Soziale Arbeit an der ZHAW studiert. Ihren Lebensentwurf machten sie gleich zum gemeinsamen Bachelorprojekt: «Wir versuchen, uns alles fifty-fifty zu teilen. Die Erwerbsarbeit, die Care-Arbeit und die sozialpädagogische Arbeit zu Hause.» Die obligate Frage: Muss man unbedingt selber Vater sein, um andere Väter beraten zu können? Kräutli schiesst nicht aus der Hüfte, wägt seine Antwort ab: «Es ist auf jeden Fall klar, dass es für viele beratene Väter eine Rolle spielt, dass auch ich meine Erfahrungen gesammelt habe», sagt er. «Die Frage stellt sich in der Sozialen Arbeit ja ganz grundsätzlich: Wie viel Persönliches lasse ich in Beratungen einfliessen? Ich bin da meistens recht zurückhaltend und biete persönliche Erfahrungen als eine Möglichkeit unter vielen an.» «Wir versuchen, uns alles fifty-fifty zu teilen. Die Erwerbsarbeit, die Care-Arbeit und die sozialpädagogische Arbeit zu Hause.» Marcel Kräutli Die Männer, die sich von Kräutli Unterstützung holen, kommen aus ganz unterschiedlichen Familienmodellen und sozialen Schichten. Doch ihre Sorgen einen sie. Geht es um fachliche Fragestellungen wie Ernährung, Wachstum, Entwicklung, Schlaf ist es für Väter nicht relevant eine männliche Beratungsperson als Gegenüber zu haben. In diesen Bereichen steht schlicht die Kompetenz der beratenden Person im Vordergrund. «Sie fragen mich nicht, wie viel Gramm Milchpulver es pro Schoppen braucht – was meine Kolleginnen von der Stillberatung besser beantworten können, da sie im Gegensatz zu mir, über eine entsprechende Aus- und Weiterbildung verfügen», erzählt Kräutli. «Vielmehr sind es psychosoziale Themen, bei denen sie froh sind, dass das Gegenüber ein Mann ist. Weit verbreitet ist unter Vätern das Gefühl, nicht zu genügen.» Oft sei ein starker Leidensdruck da. Familie, Beruf, Hobby, Paarbeziehung und die Ansprüche an sich selber. Mittels Auslegeordnung kommt man dann den Knackpunkten auf die Schliche. Kräutli erarbeitet mit den Vätern Handlungsvorschläge. Gemeinsam werden diese ein paar Tage oder Wochen später überprüft. «Es muss danach nicht alles perfekt sein, aber genügend gut, damit niemand mehr darunter leidet.» Das Angebot ist freiwillig und niederschwellig, nur ein sehr kleiner Teil der Männer wird beispielsweise von den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) zu einem Besuch verpflichtet. Oft geht es bei den Beratungen um Paarthemen. «Elternwerden ist für Frauen und Männer einfach ein brutaler Einschnitt und hat das Potenzial, einen so richtig durchzurütteln», sagt Kräutli. «Da müssen sich beide erst wieder finden.» Bei der Organisation liege es ihm fern, den Paaren etwas vorschreiben zu wollen: «Wenn ein Mann 100 Prozent auswärts und die Frau 100 Prozent zu Hause arbeiten will, dann kann das stimmig sein – und andersrum genauso», sagt Kräutli. «Wichtig ist einzig, dass das Ganze verhandelt wurde und vor allem weiterhin verhandelbar bleibt.» «Was hat es mit meiner Sozialisation als Mann zu tun, wie ich mich in gewissen Situationen als Vater verhalte? Wie gehe ich mit Ängsten, Ungeduld oder Wut um?» Marcel Kräutli, Sozialarbeiter Soziale Arbeit ist seine Zweitausbildung, doch Berater ist Kräutli schon ein Berufsleben lang. Jahrelang verkaufte er als ÖV-Kaufmann Reisen an SBB-Kunden. Im Hinblick auf seine Stelle als Väterberater hat er sich in genderreflektiertem Arbeiten mit Vätern weitergebildet. «Es ist bei der Elternberatung wichtig, das soziale Geschlecht mitzudenken», sagt er. «Was hat es mit meiner Sozialisation als Mann zu tun, wie ich mich in gewissen Situationen als Vater verhalte? Wie gehe ich mit Ängsten, Ungeduld oder Wut um?» Für die Schweiz ist das Thema Väterberatung von Mann zu Mann praktisch noch Neuland. Das erste kantonale Angebot in Bern startete 2019, nur wenige Kantone und Städte haben seither nachgezogen. Kräutli findet: «Solche Angebote sollten so rasch wie möglich Vätern in allen Kantonen offenstehen.» Seine Arbeit sei nicht nur Hilfe in der Not, sondern auch Prävention: «Involvierte Papis können Rollenvorbilder für die nächste Generation sein. Wenn die Kinder sehen, dass es nicht nur den Spass-Papi, sondern auch den Kümmer-Papi gibt, der auch sorgen, putzen und kochen kann, dann ist das eine wichtige Ressource fürs ganze Leben.» Irgendwann werde so auch unsere Gesellschaft verändert, sagt Kräutli, überlegt und schiebt nach: «Aber das braucht noch mal ein bisschen Zeit.» Mirko Plüss

Programmieren ist eine Schule fürs Leben

Am Bildschirm sitzen sich die beiden gegenüber, der 26-jährige Lehrer und der 10-jährige Schüler, und erzählen einander von ihren Hobbys. Natürlich tauschen sie sich auch über die Games aus, die sie gerne spielen. Die Gemeinsamkeiten sind schnell gefunden. Der Lehrer Daniel Stefania macht gerne Musik, spielt Klavier und Squash, der Schüler Marco spielt fürs Leben gern Gitarre und ausserdem Tennis. Der Übergang von diesem ungezwungenen Kennenlernen zum eigentlichen Unterricht verläuft fliessend. Von der Frage nach dem Lieblingsgame ist es nicht weit zur Frage, was es denn brauche, um dieses spielen zu können, und kaum ist geklärt, was Programmieren eigentlich ist, haben die beiden schon ganz konkret damit begonnen. Auf der Web-Anwendung des Programms Scratch programmiert der Zehnjährige unter Anleitung von Daniel Stefania sein erstes Game. Noch nie zuvor hat Marco ein Game programmiert, aber nach kurzer Zeit hat er erfasst, wie die Sache funktioniert, und freut sich über die kleinen Erfolge, wenn der als Figur gewählte Ritter sich beispielsweise in die gewünschten Richtungen bewegt oder wenn ein Ton im richtigen Moment erklingt. «Das Unterrichten bringt für mich das Tollste aus allen Disziplinen zusammen.» Daniel Stefania, ZHAW-Absolvent Diese Freude teilt Stefania mit seinem Schüler unverhohlen. Freude scheint überhaupt einer der grössten Treiber zu sein für den Gründer von Cool Code , der GmbH, die diese Online-Coding-Lektionen anbietet und den Kindern das Programmieren näherbringen will. «Ich programmiere wahnsinnig gern und ich schätze die Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Das Unterrichten bringt für mich das Tollste aus allen Disziplinen zusammen», sagt Stefania. Erst im vergangenen August hat er sein Bachelorstudium der Informatik an der ZHAW abgeschlossen. Schon im April davor hatte er die Cool Code GmbH gegründet. Heute arbeitet er hauptsächlich für sein eigenes Startup und wird dabei unterstützt von Freundinnen und Kollegen, die inzwischen als Lehrpersonen oder im Hintergrund beratend zum Team gehören. Ein Teilzeitpensum bei einem anderen Startup als App-Entwickler ergänzt seine Tätigkeit. «Das passt für mich perfekt. Ich bin froh, dass ich so arbeiten kann.» Zum Programmieren kam Stefania durch Zufall, wie er sagt. Mit dem Ziel, an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) Film zu studieren, besuchte er den gestalterischen Vorkurs. Bei einer Einführung ins Programmieren war für Stefania plötzlich klar: Das will ich machen. «Für mich war Programmieren von Beginn an etwas Kreatives, etwas, das nah am Menschen ist, und mir war immer klar, dass ich nach dem Studium Apps oder Games entwickeln wollte», erzählt Stefania. Nur, dass es aufs Unterrichten hinauslaufen sollte, das war ihm damals nicht klar. «Die Kinder profitieren insbesondere von zwei Dingen: Von der Erfahrung, dass sich Geduld auszahlt. Und von der Übung, Probleme analytisch und spielerisch anzugehen.» Daniel Stefania, Cool-Code-Gründer Während des Informatikstudiums an der ZHAW School of Engineering begann er, privat einzelne Kinder ins Programmieren einzuführen. Es kamen weitere Anfragen. Freundinnen und Freunde dieser Kinder klopften an, und irgendwann begann sich in Stefanias Kopf die Idee zu formieren, dieses Angebot zu professionalisieren. «Ich stellte fest, dass hier tatsächlich eine Nachfrage bestand.» In den privaten Lektionen zeigte sich ihm etwas deutlich, was er davor schon wusste: Das Programmieren von Games macht nicht nur Spass, sondern es trainiert auch verschiedene wichtige Fähigkeiten: logisches Denken, Probleme lösen, Kreativität ausleben, Storys entwickeln, Zusammenarbeit mit anderen, eigene Ideen anderen verständlich machen. Alles Dinge, die im Leben hilfreich sind. «Ich bin sicher, dass die Kinder insbesondere von zwei Dingen profitieren: von der Erfahrung, dass sich Geduld auszahlt, wenn etwas nicht beim ersten Anlauf funktioniert. Und von der Übung, Probleme analytisch und spielerisch anzugehen.» Von der vagen Idee zur eigenen Firma war es ein gutes Stück Weg. Dennoch: Stefania gründete seine Firma, noch bevor er sein Studium abschloss. «Das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, aber es war natürlich nicht ganz einfach.» Der Faktor Zeit war für Stefania bei der Gründung die grosse Herausforderung. Als Student kurz vor dem Bachelorabschluss konnte er nicht seine ganze Aufmerksamkeit der neuen GmbH widmen. Ausserdem gründete er alleine und war von A bis Z für alles verantwortlich. Bis heute macht er einen Grossteil der Arbeit selbst, auch die Administration. «Ich habe bewusst darauf verzichtet, Investorinnen oder Investoren zu suchen», sagt er. «Da wir ausschliesslich online unterrichten, können wir die fixen Kosten tief halten. Dafür liegt es ohne Investments von aussen natürlich nicht drin, Arbeiten zu delegieren.» Vorerst will Stefania bei dieser Strategie bleiben. Sein fünfköpfiges Team von Lehrpersonen und «Advisors» im Hintergrund trägt aktuell gut. Hilfreich bei der Gründung seines Startups waren verschiedene Angebote der ZHAW . «Dank dem Wissen, das ich mir im Grundstudium aneignen konnte, kann ich andere ans Programmieren heranführen», so Stefania. Was ihm darüber hinaus besonders half, waren die Vertiefungen, die er zum Ende des Studiums wählen konnte. «So konnte ich Inhalte zusammenstellen, die zu meiner künftigen Tätigkeit passten, und manchmal Gelerntes direkt für mein Startup brauchen.» Besonders ein spezifisches Angebot für Startups, zu welchem Stefania dank der ZHAW Zugang hatte, war hilfreich. Im Startup Campus besuchte er den Kurs Business Concept. «Die Ambition, meine Idee umzusetzen, entwickelte sich letztlich in diesem Kurs», erzählt Stefania. «Das war für die Kinder, die die Games programmiert hatten, ein grandioses Erlebnis, zu sehen, wie andere Kinder an ihren Games Freude hatten.» Daniel Stefania Bis heute begleitet Stefania eine Mentorin im Rahmen der Initiative ZHAW entrepreneurship der School of Engineering . «Wir haben regelmässig Kontakt und vereinbaren immer wieder neue Ziele für mein Startup. Das hilft mir enorm. Als Unternehmerin weiss meine Mentorin, worauf es ankommt.» Auch sonst kreuzt sich sein beruflicher Weg immer wieder mit der ZHAW. An der Nacht der Technik konnte Cool Code Arbeiten seiner Schülerinnen und Schüler ausstellen. Die in den Kursen entwickelten Games wurden hier live von Besuchenden gespielt. «Das war natürlich insbesondere für die Kinder, die die Games programmiert hatten, ein grandioses Erlebnis. Zu sehen, wie andere Kinder an ihren Games Freude haben, das war schön.» Auch eine Einladung zum Alumni-Dinner der Initiative ZHAW entrepreneurship war kürzlich dabei (siehe Box). Besonders freut sich Stefania, wenn seine Schülerinnen und Schüler mit ihren Programmierkenntnissen bei der Lehrstellensuche punkten können. «In der Regel werden Informatiklehrstellen nur an Jugendliche mit einem Zeugnis der Sekundarstufe A vergeben», erzählt Stefania. Einer von seinen Schülern besuchte die Sekundarstufe B und wollte dennoch eine Informatiklehre beginnen. «Dank dem wöchentlichen Kurs kannte ich den Schüler gut und ich sah, dass er ein Talent fürs Programmieren hat. Er war zudem motiviert und wissensdurstig. Leider erhielt er dennoch mehrere Absagen auf seine Bewerbungen. Dabei war er offensichtlich ein grossartiger Kandidat für eine Informatiklehrstelle.» Am Ende klappte es doch noch. Unter anderem, weil der Schüler die beeindruckenden Programmierprojekte vorweisen konnte, welche er bei Cool Code kreiert hatte. «Das war für mich ein bewegender Moment», schwärmt Stefania. Solche Erlebnisse zeigen Stefania, wie wertvoll es ist, Kindern schon früh den Zugang zu Coding zu ermöglichen. Ähnlich wie das mit Musikunterricht oder anderen Hobbys auch geschieht. «Die eigenen Begabungen zu entdecken, ist wichtig und nur möglich, wenn man Dinge ausprobieren kann», sagt er. Aktuell ist Cool Code dabei, auf verschiedene Schulen zuzugehen und dort Schnupperkurse anzubieten. «Ich freue mich darauf zu sehen, wie das weitergeht», so Stefania. So oder so findet er, er sei beruflich gerade genau am richtigen Ort. Die Arbeit mit Kindern will er nicht mehr missen. «An diesen jungen Menschen bewundere ich erstens ihre Motivation, ihren Spass am Lernen. Und zweitens ihr Selbstvertrauen. Sie sehen etwas, das sie können wollen, und beginnen einfach, das zu lernen. Ohne zu denken: Oh, das sieht schwierig aus, vielleicht lasse ich es lieber bleiben.» Inzwischen ist die Online-Lektion mit Marco fast um. Geduldig hat Stefania ihm die zahllosen Funktionen und Möglichkeiten mit Scratch erklärt. Hat Hinweise darauf gegeben, wie das Spiel weiterentwickelt werden könnte, und dabei Marcos Interessen berücksichtigt, hat Ideen aufgenommen und sie direkt mit seinem Schüler umgesetzt. Dieser gewann mit jeder neu programmierten Zeile an Selbstbewusstsein, lachte über die Experimente, die funktionierten, ebenso wie über jene, die beim ersten Versuch scheiterten. Und wie beiläufig lernte Marco überdies Grundlagen der Mathematik kennen, die im Lehrplan seiner fünften Klasse noch nicht stehen, die aber für das Entwickeln eines Games wichtig sind – und sich in diesem Kontext leicht und konkret erklären lassen. Am Ende dieser Stunde hat Marco mit Stefanias Hilfe sein erstes rudimentäres Game programmiert. Die Erwartungen sind damit übertroffen – und die Lust auf mehr geweckt. www.coolcode.io Elena Ibello

«Wenn man ein Startup aufbaut, weiss man nie, wie der nächste Tag wird»

Wenn José Amado-Blanco morgens aufsteht, sagt er zu sich selbst: «Komm, wir verändern die Welt!» In einem Bereich hat der 35-Jährige das bereits getan. Zusammen mit Tobias Gunzenhauser und Luca Michas hat der Lebensmitteltechnologe vor sieben Jahren das Startup Yamo gegründet. 2018 begannen sie mit der Produktion von gesundem Babybrei, inzwischen sind Fruchtpürees, Riegel und Getränke für grössere Kinder dazugekommen. Was mit einer spielerischen Recherche unter Freunden anfing, ist inzwischen ein Startup mit 30 Mitarbeitenden, das seine Produkte nicht nur in der Schweiz, sondern auch in vielen europäischen Ländern wie Spanien, Deutschland, England und Belgien vertreibt. Am Anfang dieser Idee stand 2016 der Wunsch der beiden Mitgründer, einen Monat lang vegan zu leben. Weil Gunzenhauser und Michas in dieser Zeit tierische Inhaltsstoffe vermeiden wollten, studierten die beiden die Zutatenlisten von Lebensmitteln. Was sie auf den Verpackungen von Müesli, Ravioli oder Brotaufstrichen lasen, schockierte sie: Wie viele ungesunde Zusatzstoffe in diesen Produkten stecken! Sie überlegten: Welches Lebensmittel ist wohl am naturbelassensten? Ihre Antwort: Babybrei! Doch Fehlanzeige: Auch auf der Zutatenliste von Babynahrung fanden sie dubiose Inhaltsstoffe. Sie beschlossen, es besser zu machen. Für die Gründung ihres Startups brauchten der Betriebswirtschaftler Tobias Gunzenhauser und der Marketingmanager Luca Michas noch jemanden, der etwas von Lebensmitteltechnologie versteht. Über freundschaftliche Verbindungen stiess José Amado-Blanco zum Team. Er hatte gerade den Master in Life Sciences in Food and Beverage Innovation am ZHAW-Departement Life Sciences and Facility Management abgeschlossen. Gemeinsam gründeten die drei Jungunternehmer Yamo. Amado-Blanco war in den Anfängen für die Produktentwicklung zuständig. «Ich nervte meine ehemaligen ZHAW-Dozierenden so lange, bis sie mir einen Laborplatz und Messequipment zur Verfügung stellten», erinnert er sich schmunzelnd. Amado-Blanco kaufte Karotten, Kartoffeln und Äpfel und tüftelte an Rezepturen. Das Ziel: ein Bio-Babybrei, der gut schmeckt und zu 100 Prozent natürlich ist – also ohne zugesetzten Zucker, zugeführte Salze oder Konzentrate. «Ich nervte meine ehemaligen ZHAW-Dozierenden so lange, bis sie mir einen Laborplatz und Messequipment zur Verfügung stellten.» José Amado-Blanco, Lebensmitteltechnologe Das Resultat seiner Kochkünste gab der Lebensmitteltechnologe etwa fünfzig Müttern zum Testen. Von ihnen wollten er und seine Mitstreiter nicht nur wissen, wie sie den neuen Brei einschätzten, sondern auch, wie sie es generell mit der Nahrung für ihren Nachwuchs hielten. Die Jungunternehmer realisierten: Die meisten Mütter kochten den Brei selbst. Wer seinem Kind gekauften Babybrei verabreichte, fühlte sich schuldig. «Hierin erkannten wir die Marktlücke», erzählt Amado-Blanco: «Gesünderen Brei anbieten, den die Eltern ihren Kindern guten Gewissens geben können.» Der Knackpunkt war das Haltbarmachen. Bei der herkömmlichen Sterilisation mit Hitze werden nicht nur Mikroorganismen abgetötet, sondern auch Vitamine zerstört – zudem verändern sich Geschmack und Farbe. Die Lösung fand Amado-Blanco in der Hochdruckpasteurisierung (HPP). Bei diesem physikalischen Verfahren werden mittels Druck lediglich unerwünschte Mikroorganismen und Enzyme deaktiviert, die restliche Qualität des Lebensmittels bleibt unverändert. Doch die HPP ist teuer und wird deshalb nur selten angewandt, etwa für das Haltbarmachen von Guacamole, Meeresfrüchten oder Fleisch für die Gastronomie. Bei Babynahrung, dachten die Yamo-Gründer, sind Eltern vielleicht bereit, für gute Qualität etwas mehr zu bezahlen. «Ich bin ein Stratege, der etwas vom Produkt versteht, aber auch dafür sorgt, dass die Kasse stimmt.» José Amado-Blanco, Startup-Co-Gründer Sie behielten recht: Als sie die Babybreie 2018 auf den Markt brachten, zeigte die Verkaufskurve rasch steil nach oben. Bald entwickelten die Gründer weitere Produkte. Hergestellt werden diese gemäss den Rezepturen von Yamo von Partnern im Ausland: die Breie in Holland, die Fruchtpürees in Spanien, die Riegel in Frankreich und die Tetrapaks in Deutschland. Verkauft werden die Produkte inzwischen oft in grossen Supermarktketten; in der Schweiz etwa bei Coop und Alnatura. Den grössten Umsatz macht Yamo allerdings mit dem Online-Versand. Nicht nur das Startup veränderte sich rasch, sondern auch José Amado-Blancos Aufgabe: vom Tüftler zum Manager. Das gefällt ihm sogar noch besser. Er beschäftigt sich gerne mit dem grossen Ganzen, mit möglichst komplexen Innovationen. «Ich bin ein Stratege, der etwas vom Produkt versteht, aber auch dafür sorgt, dass die Kasse stimmt», sagt er. Diese Kombination von Wissenschaft und Wirtschaft sei das, was ihn interessiere und was er während seiner Ausbildung gelernt habe. Zur Lebensmitteltechnologie war Amado-Blanco nach einem abgebrochenen Biologiestudium gekommen. Weil ihm die Naturwissenschaften alleine zu eng und zu wenig praxisnah waren, machte er an der Berner Fachhochschule einen Bachelor in Food Science und Management und anschliessend an der ZHAW in Wädenswil den Master. Für seine Masterarbeit ging er nach Honduras. Er versuchte herauszufinden, warum dort jeweils ein Drittel der Kakao-Ernte verschimmelte. Amado-Blanco reiste durch halb Mittelamerika, um die Erfahrungen anderer Kakao-Produzenten zu sammeln. Er stellte fest: Die honduranische Sonne reicht nicht, um den Kakao zu trocknen. Die Lösung: maschinelle Trocknungsanlagen. Schliesslich half der Student einheimischen Ingenieuren dabei, diese zu entwerfen und zu bauen. Dass er ein Gründer-Typ ist, wurde José Amado-Blanco bereits während des Studiums klar. «Inspiriert wurde ich von zwei Dozenten an der ZHAW in Wädenswil», erzählt er. «Die beiden hatten je selbst ein Startup gegründet und wir führten sehr interessante Gespräche darüber.» Wer ein Startup aufbauen wolle, brauche vor allem eine Eigenschaft, sagt Amado-Blanco: «Man muss sich wohlfühlen angesichts von Ungewissheit. Man weiss nie, wie der nächste Tag wird.» «Wenn die Arbeit erfüllend ist, dann braucht man auch weniger Ausgleich.» José Amado-Blanco, ZHAW-Absolvent Viele würden denken, ein Startup sei ein Chaoshaufen. Amado-Blanco kontert: «Das stimmt nicht. Aber wenn ein Unternehmen schnell wächst, dann kommt man nicht nach mit dem Anpassen der Strukturen.» Eine Struktur, die man für drei Personen aufgebaut habe, funktioniere nicht für sechs. Und kaum habe man sie für sechs Mitarbeitende angepasst, sei man schon zu zehnt. Zudem könne eine Änderung – wie zum Beispiel eine neue Konkurrenz auf dem Markt – zu einer grossen Krise führen. «Und dann schauen Belegschaft und Investoren zu den Gründern, die reagieren müssen. Das muss man aushalten können.» Dazu kommt die zeitliche Belastung. José Amado-Blanco arbeitete sieben Jahre lang im Schnitt 70 Stunden pro Woche, manchmal auch 80. In dieser Zeit machte er lediglich fünf Wochen Ferien – insgesamt. Doch für ihn stimmte es so: «Ich mag den Begriff Work-Life-Balance nicht. Ich unterscheide nicht zwischen Arbeit und Freizeit, sondern versuche, beides sinnvoll zu verbinden». Sein Ziel sei es, immer so zu arbeiten, dass er genauso weitermachen würde, selbst wenn er nicht mehr auf einen Lohn angewiesen wäre. «Wenn die Arbeit erfüllend ist, dann braucht man auch weniger Ausgleich», betont er. Und doch hat sich José Amado-Blanco gerade eine Auszeit gegönnt: Vor Kurzem ist er von einer dreimonatigen Reise durch Asien zurückgekehrt. Davor stieg er aus dem operativen Geschäft von Yamo aus, ist aber immer noch Teilhaber geblieben. «Es ist Zeit für eine Veränderung», sagt er. Wie es beruflich weitergeht, weiss er noch nicht. Er bewirbt sich auf ausgeschriebene Stellen, doch am liebsten würde er nochmals ein Startup gründen. «Ich bin am Ausarbeiten von drei Ideen», erzählt er. Zwei davon seien im Lebensmittelbereich – mehr verrät José Amado-Blanco noch nicht. Sicher ist einzig: Künftig möchte er seine einjährige Nichte regelmässig hüten. Seraina Sattler

Gutes tun mit Businessmodell 

Auf den ersten Blick würde man es nicht für ein Büro halten. Die umfunktionierte Altbauwohnung im oberen Stock der Quartierbeiz «Nordbrüggli» in Zürich Wipkingen erinnert eher an ein Wohnzimmer. Bora Polat sitzt am Tisch und tippt eifrig auf seinem MacBook. Im Verlauf des Gesprächs wird sich zeigen, dass dieses Bild die Philosophie des Unternehmens ziemlich gut auf den Punkt bringt: moderne Technologie, kein Schnickschnack, heimelige Atmosphäre. Kaum hat Polat Wasser, kurdischen Kaffee und Olivenblättertee von seinem kürzlichen Zypern-Aufenthalt serviert, sprudeln die Geschichten nur so aus ihm heraus. Eine Anekdote hier, ein Fun Fact da – wo war er gleich nochmal stehen geblieben? Polats rasantes Erzähltempo scheint nicht mit der Geschwindigkeit seiner Gedanken Schritt halten zu können. Die Anglizismen und Fachwörter, die er dabei gerne verwendet, stehen in einem witzigen Kontrast zu seinem breiten Toggenburger Dialekt. Egal, ob er über Venture Philanthropy spricht oder seinen Hund begrüsst – bei allem, was er tut, dringt eine grosse Herzlichkeit durch. Valeriana ist eine Plattform, die verschiedene Dienstleistungen für den Haushalt anbietet. Sie beschäftigt ausschliesslich Frauen mit Migrationshintergrund. Die Idee dafür hatte Polats Ehefrau Salomé Fässler. Sie wollte Polats Mutter Hatun die Möglichkeit bieten, mit Näharbeiten etwas zu verdienen. Ohne viel zu überlegen, setzte sie eine Website auf und nannte sie «Nadel und Faden». Bereits in der ersten Woche trafen die ersten Aufträge ein. «Wir hatten noch nicht einmal ein Pricing», schmunzelt Polat. Hatun kümmerte sich um die Kleidung, und die Kundschaft freute sich über den Dienst mit persönlicher Note. Polats Mutter erzählte ihren Freundinnen davon, und es zeigte sich schnell, dass sich viele Frauen eine solche Verdienstmöglichkeit wünschten. Auch die Kundinnen und Kunden empfahlen die Plattform eifrig weiter. Bald wurde das Dienstleistungsangebot erweitert, etwa um Reinigung, Wäscheservice und Besorgungen. Heute wird vor allem die Reinigung gebucht. Valeriana ist aber mehr als eine reine Arbeitsvermittlungsplattform. Die Frauen sind fest angestellt, erhalten einen Stundenlohn von bis zu 30 Franken und sind sozialversichert. Sie profitieren von firmeninternen Deutschkursen, Hilfe bei administrativen Belangen und vor allem: Sie sind Teil einer Gemeinschaft. «Integration ist uns ein wichtiges Anliegen», beteuert Polat. «Viele Frauen mit Migrationshintergrund sind finanziell abhängig – entweder von ihren Männern oder vom Staat – und sozial isoliert. Mangelnde Sprachkenntnisse erschweren die soziale Integration, nicht anerkannte Ausbildungen die wirtschaftliche. Dadurch liegt eine enorme wirtschaftliche Kapazität brach. Von den Auswirkungen der Einsamkeit ganz zu schweigen.» Um die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Arbeitseinsätzen zu ermöglichen, setzt Valeriana auf ein flexibles Konzept. Die Frauen können in ihrem Profil in der App klar eingrenzen, wann sie Zeit haben und für welchen Arbeitsweg sie bereit sind. Künstliche Intelligenz verteilt die Aufträge gerecht auf die Mitarbeiterinnen und berücksichtigt dabei deren Auslastung sowie die Standorte ihrer anderen Kundinnen und Kunden. «Es gibt nichts Einfacheres, als mit Geld noch mehr Geld zu machen. Was mich reizt, ist, etwas Sinnvolles zu tun.» Bora Polat Der Fokus auf die Integration kommt nicht von ungefähr. 1991 flüchtete die kurdische Hatun mit Bora und seinen beiden Geschwistern aufgrund der politischen Lage aus der Türkei in die Schweiz. Am eigenen Leib zu erfahren, wie schwierig es ist, sich in einem fremden Land ein Leben aufzubauen, hat Polat geprägt. Schon als Kind nahm er die Zügel gerne selbst in die Hand. Sein erstes Geld verdiente er mit elf Jahren. «Ich sparte für einen Computer – eines dieser Riesendinger der Neunzigerjahre», erzählt er lachend. «Ich war schon früh technisch interessiert, habe alles auseinandergeschraubt und wieder zusammengesetzt.» Mit siebzehn zog er von zu Hause aus. Während der Lehre zum Polymechaniker arbeitete er zusätzlich in einem Call-Center und bildete sich mit Abendkursen weiter. Vor allem das Programmieren hatte es ihm angetan. Eigentlich wollte er Ingenieur werden, entschied sich dann aber für «Corporate Finance» an der Ostschweizer Fachhochschule. «Mich interessierte schon immer das Praktische, das grosse Ganze, nicht die Details – als wir im Studium Buchhaltung durchnahmen, begriff ich kein Wort», erinnert er sich. Nach dem Bachelor absolvierte er den Masterstudiengang «Banking and Finance» an der ZHAW. «Aus meinem Austauschsemester in Aix-en-Provence wurde dann ein längerer Frankreich-Aufenthalt, denn ich begann spontan noch ein zweites Masterstudium und fand einen Job in einem Internet-Startup.» Danach gründete er in Marseille sein erstes eigenes Unternehmen im Bereich Digital Advertising, expandierte mit dem Unternehmen in mehrere Länder und lebte dabei als früher digitaler Nomade. Der Wunsch, seiner Familie näher zu sein, brachte ihn zurück in die Schweiz, wo er Montemedia, ein Werbeunternehmen, gründete. «Damit lief ich erst voll gegen die Wand», erzählt Polat. «Ich war überzeugt, dass personalisiertes digitales Marketing die Zukunft ist – hatte es ja in den Jahren zuvor erfolgreich in mehrere Länder gebracht –, aber in der Schweiz fand ich lange keine Kunden. Im Nachhinein weiss ich, dass ich einfach zu früh dran war.» Es war das Jahr 2012 und die Schweiz noch nicht bereit für datenbasierte Technologien. So musste sich Polat lange seinen Lebensunterhalt mit verschiedenen Projekten verdienen. Auch Valeriana finanzierten er und Fässler lange aus der eigenen Tasche. Dies sei aber kein Problem, denn er sei vielseitig interessiert und gut vernetzt, vor allem in der Startup-Szene. Neue Projekte ergeben sich immer wieder, insbesondere für Beratungsmandate wird er gerne gebucht. «Es gibt nichts Einfacheres, als mit Geld noch mehr Geld zu machen. Was mich reizt, ist, etwas Sinnvolles zu tun. Tu Gutes – aber mit Businessmodell!» Um ein Social-Impact-Unternehmen zu betreiben, sei Skalierbarkeit das Wichtigste. «Valeriana funktioniert heute, weil wir immer in die Prozessoptimierung investiert haben. Mittlerweile ist es praktisch ein Selbstläufer.» Die Vermittlung der Aufträge und sämtliche administrativen Abläufe erfolgen automatisch. Zwei Programmierer stellen die Verfügbarkeit des Systems sicher. «Nur das Menschliche haben wir menschlich gelassen», betont Polat. Etwa 50 Frauen sind derzeit eingestellt. «Die Valerianas identifizieren sich sehr stark mit dem Unternehmen und sind stolz auf das, was sie tun. Einige haben den Sprung in andere Jobs geschafft, bezeichnen uns aber weiterhin als ihre Familie.» Gemeinsame Veranstaltungen wie Kleiderbörsen, ChatGPT-Workshops oder Spaziergänge durch die Heimat via Google Maps sind für die Frauen besondere Highlights. Mittlerweile sind verschiedene Institutionen auf Valeriana aufmerksam geworden. Die regionalen Arbeitsvermittlungszentren melden Frauen bei ihnen an, eine Stiftung wählte sie unter mehreren europäischen Social-Impact-Unternehmen für eine grosszügige Spende aus und die Stadt Wien hat Interesse an ihrem Konzept gezeigt. «Damit hätten wir nie gerechnet. Wir haben ja nicht einmal ein Marketingbudget», sagt Polat. «Valeriana ist rein durch Weiterempfehlungen gewachsen. Aber ich bin überzeugt: Wenn dein Engagement aufrichtig ist, ist Storytelling das beste Marketing.» Sara Blaser

Ab in die Sauna – aber ungestört 

«Als halber Finne gehört der Saunagang für mich einfach dazu», erklärt Adrian Neininger, der an der ZHAW School of Management and Law International Management studiert hat. «In der Schweiz gibt es jedoch wenig öffentliche Saunen direkt neben Gewässern, wie es in Finnland gang und gäbe ist. Und wenn, dann sind sie meistens überfüllt. Unsere Vision war es, ein privates Sauna-Erlebnis in der Natur zu ermöglichen.» Dazu haben Neininger und seine beiden Geschäftspartner Kevin und Michael Rudin 2022 das Startup Löyly gegründet. Der für Deutschsprachige nicht ganz intuitiv auszusprechende Name (man spricht: «Löulu») ist das finnische Wort für den Wasserdampf, der beim Saunaaufguss entsteht, bezeichnet jedoch auch den Geist des Saunierens. Löyly-Saunen befinden sich mittlerweile an zwölf Standorten zwischen Zentral- und Ostschweiz. Privates Saunieren bedeutet, dass die Saunen nicht jederzeit für alle zugänglich sind, sondern dass man sich einen persönlichen Slot reserviert und alleine oder mit ausgewählter Begleitung in die Sauna geht. Die Kosten dafür betragen je nach Standort und Tageszeit zwischen 32 und 50 Franken pro Stunde. Platz bieten die Saunen für bis zu vier Personen, ausserdem für einen kleinen Umziehbereich und einen Kühlschrank mit Wasserflaschen. Der Saunabesuch bei Löyly ist selbstbedient und vollautomatisiert: Die Buchung und Bezahlung erfolgen online. Eine intelligente Steuerung sorgt dafür, dass die Sauna auf Befehl des Buchungssystems aufgewärmt wird. Zutritt erhält man durch einen QR-Code. Je nach Standort kann man sich direkt im naheliegenden Gewässer abkühlen oder unter zur Verfügung gestellten Outdoor-Duschen, so auch am urbanen Standort Lagerplatz. «Unter der Dusche herrscht jedoch Bekleidungspflicht», stellt Neininger lachend klar. Steht kein Termin mehr an, schaltet sich die Heizung automatisch aus. Die erste Sauna kaufte Neininger auf dem Facebook-Marketplatz. Diese stellten er und seine späteren Co-Gründer in Zürich Selnau neben der Sihl auf und probierten das Konzept der privaten Sauna aus – ein Angebot, das in der Schweiz damals noch kaum bekannt war, in anderen Ländern jedoch schon. «Diese erste Sauna war unsere Spielwiese», erzählt Neininger. «Wir konnten das Konzept direkt am Markt testen und unmittelbar Feedback bekommen – das ist Gold wert. Hätte es nicht funktioniert, hätten wir bloss die Investition in die erste Sauna verloren. Wir haben aber gemerkt, dass wir damit ein Bedürfnis ansprechen – insbesondere bei Frauen.» Ausprobieren und aus der Praxis lernen ist allgemein Neiningers Tipp an alle Jungunternehmer:innen: «Learn cheap. Versucht nicht, in der Theorie ein perfektes Konzept zu entwickeln, sondern probiert eure Ideen möglichst schnell und mit wenig finanziellem Aufwand aus.» Mit der Gewissheit, dass die Nachfrage vorhanden ist, machte sich das Trio bald daran, sich weitere Standorte zu sichern. So folgten Löyly-Saunen am Letten in Zürich, in Zug, Rapperswil und Rorschacherberg und fanden auch dort grossen Anklang. Eine Herausforderung des Unternehmertums war für Neininger, einen guten Mittelweg zwischen Perfektion und Pragmatismus zu finden. «Einerseits muss das Produkt top sein, andererseits ist bei unserem Geschäftsmodell aber auch Geschwindigkeit zentral, denn gute Standorte gibt es nicht wie Sand am Meer und es gibt mittlerweile auch Konkurrenzanbieter.» Er sei ein Perfektionist, das Unternehmertum habe ihn aber pragmatisch werden lassen. «Unsere Verhandlungen mit Gemeinden haben gezeigt: Ein durchdachtes Konzept und professionelle Kommunikationsmaterialien sind enorm wichtig, um ernst genommen zu werden. Aber sobald wir mehrere Standorte vorweisen konnten, war das der grösste Wettbewerbsvorteil.» Das Unternehmertum bringe mit sich, dass man sich auch mit Themen befassen muss, die einem nicht unbedingt liegen, etwa mit gesetzlichen Bestimmungen. Um eine Sauna im öffentlichen Raum aufzustellen, ist eine Baubewilligung erforderlich. «Das war ein grosser Initialaufwand mit viel Paragrafenreiterei. Aber hier hat mir nicht zuletzt mein ZHAW-Netzwerk geholfen. Toll, wenn man Freunde hat, die in unterschiedlichen Bereichen tätig sind und einem unkompliziert bei Fragen weiterhelfen.» Mittlerweile ist das Löyly-Trio mit den Baubewilligungsprozessen mehrerer Kantone vertraut und profitiert davon bei der Akquise von neuen Standorten. Nachdem das Trio die ersten Saunen nebenberuflich betrieben hatte, hängte Neininger im Sommer 2024 seinen Job bei einer Non-Profit-Organisation im Bereich Wasserinfrastruktur an den Nagel und widmet sich seither Vollzeit seinem Unternehmen. «In den Anfangszeiten putzten wir jeweils morgens um halb 6 vor dem Arbeiten die Sauna, dann pendelte ich nach Luzern zu meinem Arbeitsplatz und am Abend hiess es dann wieder putzen», erinnert sich der 32-Jährige. Seinen Job zu kündigen, der ihm Spass machte und beste Karrierechancen bot, empfand er durchaus als Risiko. Im Nachhinein war es aber einer der wichtigsten Meilensteine: «Ich habe es noch keinen Moment bereut.» Auch Kevin Rudin arbeitet mittlerweile Vollzeit für Löyly, sein Bruder Michael ist noch Teilzeit angestellt. Für den Start der Wintersaison 2026/2027 planen die Gründer, erstmals Personal einzustellen. «Wir haben sehr viel Unterstützung aus der Familie und dem Freundeskreis bekommen, aber jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir uns professionell vergrössern möchten.» Hört man Neininger von Löyly sprechen, ist die Begeisterung deutlich spürbar. «Um ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, ist es zentral, dass man hundertprozentig dahinter steht und das ist bei uns der Fall,» schwärmt der Zürcher. «Wenn ich Kund:innen sehe, wie sie mit rotem Gesicht, lachend und erholt aus der Sauna kommen, ist das für mich das grösste Geschenk.» Der eigenen Vision vom Unternehmen treu zu bleiben, sei nicht immer einfach, gibt er zu, etwa, wenn man wachsen möchte und Geld benötigt. Nachdem sie die ersten Saunen mit privaten Darlehen finanziert hatten, machten sich die Gründer auf Investorensuche. Dabei verhandelten sie auch mit einer Privat-Equity-Firma; es ging um einen höheren sechsstelligen Betrag. Bald merkten die Jungunternehmer aber, dass es nicht der richtige Weg für sie war. «Wenn man Geld braucht, muss man sich fragen, wie weit man von seiner Vision abzuweichen bereit ist. Kompromisse gehören zum Businessalltag dazu, aber wir wollten uns nicht unter Wert verkaufen», sagt Neininger. «Unser Ziel war, einen Partner zu finden, der investiert, aber auch Expertise einbringt. Eine Private-Equity-Bude mit viel Geld, aber ohne Leidenschaft für das Produkt passte einfach nicht zu uns.» Mit der Glovital AG, einem Holzbauunternehmen aus Arbon, hat Löyly einen Partner gefunden haben, der ihre Werte teilt. Gemeinsam haben sie die zweite Generation der Löyly-Saunen konzipiert. «Damit sind wir unserem Ideal noch ein Stück näher gekommen: Wir wissen, woher das Holz stammt und konnten beim Design mitsprechen.» Diese neuen Saunen können am jüngsten Löyly-Standort, dem Saunadorf in Zürich ausprobiert werden: Am Sihlquai befindet sich aktuell während der Wintermonate eine Saunalandschaft mit vier unterschiedlich temperierten Saunen, Kaltbecken, Entspannungslounges und Verpflegungsstationen. An diesem Standort ist der Besuch nicht privat, dafür umso abwechslungsreicher. Aktuell ist das Trio ausserdem dabei, in die Romandie und ins Tessin zu expandieren, längerfristig möchten sie auch ins Ausland. «Wir haben bereits Anfragen aus mehreren europäischen Ländern und sind dabei, ein Franchise-Konzept zu erarbeiten.» Viel Potenzial sehen sie ausserdem in der Zusammenarbeit mit Hotels in Bergregionen. Neininger gerät dabei ins Schwärmen: «Was kann man sich Schöneres vorstellen, als mit Blick auf ein Bergpanorama zu saunieren und sich danach in einem kühlen Bergsee abzukühlen?» (Aufmacherbild: Löyly) Sara Blaser

«Es ist die Erfüllung eines Traums»

Dass sie einmal hier auf diesem lieblichen Hügel mitten unter leise gackernden Legehennen stehen und über die biologische Landwirtschaft sprechen würde, hätte sie noch vor einigen Jahren nicht gedacht. Obwohl der Hof, den Priska Stierli zusammen mit ihrem Mann betreibt, ihr alles andere als fremd ist. Wie ihre eigenen Töchter heute hatte sie als Kind auf dieser Wiese gespielt. Im Garten neben dem schönen Wohnhaus, auf den schattigen Streifen Land zwischen Kuhstall und Geräteschuppen oder auf den rund 16 Hektaren Weiden und Feldern, die zum Hof gehören, hatte sie sich zusammen mit ihren drei Schwestern die Zeit vertrieben, Verstecken gespielt und die Tiere gestreichelt. Heute, inzwischen 36 Jahre alt und mit einem Abschluss als Umweltingenieurin in der Tasche, steht sie also hier und berichtet darüber, wie sie und ihr Mann diesen Hof auf biologische Landwirtschaft umstellen und verschiedene Biodiversitätsmassnahmen planen. Die Hühner, beschäftigt mit dem Picken der Körner, die Stierli in der Wiese verteilt, haben aufgehört zu gackern, die Sonne lugt hinter hellgrauen Wolken hervor, und vom Wohnhaus her ist Kinderlachen zu hören. 14 Monate alt ist die jüngere Tochter, drei Jahre die ältere. «Ich bin aktuell zum grossen Teil mit Betreuungsarbeit beschäftigt. Die Arbeit auf dem Hof wird vor allem von meinem Mann und meinem Vater erledigt», sagt sie. «Unser Hof ist relativ klein und wir sind noch in der Umstellung zum Bio-Betrieb.» 2024 wird das Knospe-Label erworben sein. Stierli und ihr Mann wollen bald etwas Land dazupachten. Denn die aktuelle Grösse ist nicht ideal. «Zu klein zum Überleben, zu gross zum Sterben», sagt sie und lacht. An Perspektiven fehlt es ihr nicht. «Es ist schön, wenn man sich von selbst Produziertem ernähren kann. Gerade beim Fleisch ist es uns wichtig, dass wir lokale Produkte essen.» Priska Stierli, Landwirtin Priska Stierli und ihr Mann gehen beide in Teilzeit einer externen Erwerbstätigkeit nach. Früher oder später will vor allem ihr Mann voll auf dem Hof arbeiten. «Für uns ist das die Erfüllung eines Traums. Auch wenn nicht alles perfekt und ausgereift ist. Das motiviert uns, den Betrieb weiterzuentwickeln, das ist spannend.» Neben den 50 Legehennen in einem mobilen Stall hält die Familie drei Mutterkühe, ein Kalb, ein Rind und einen «Muni», der bald «gemetzget» werden soll. Die Kühe weiden das ganze Jahr über. Früher, vor der Umstellung auf Bio, standen in diesem Stall mehr als dreimal so viele Kühe in Reih und Glied. «Finanziell lohnt sich die Bio-Fleischwirtschaft auf diesem kleinen Hof nicht», sagt Priska Stierli. Das Fleisch ist vor allem für den eigenen Verzehr. «Es ist schön, wenn man sich von selbst Produziertem ernähren kann. Gerade beim Fleisch ist es uns wichtig, dass wir lokale Produkte essen. Auf unseren Tellern ist fast alles direkt von hier», sagt Stierli. Inzwischen sitzt sie am Tisch in der gemütlichen Gartenlaube, die soeben gepflückten Brombeeren in einer kleinen Schüssel vor sich. Wichtig ist ihr auch der Kreislauf: Das Futter für die Kühe stammt zum grossen Teil aus der eigenen Produktion, die Gülle wird wiederum für die eigenen Felder genutzt. Auf rund 14 Hektaren baut die Familie Getreide, Sonnenblumen, Körner- und Zuckermais an. Kreisläufe zu schliessen, ist für Stierli gleichzeitig die grösste Herausforderung. «Aktuell müssen wir einiges an Nährstoffen für Tiere und Böden zukaufen. Daran arbeiten wir noch.» Ihre externe Erwerbstätigkeit will Stierli trotz der Freude am Hof auf keinen Fall missen. Beim Aargauer Bauernverband ist sie zuständig für den Bereich Energie und Klima und berät Landwirtschaftsbetriebe. Ist die Rede von dieser Arbeit, kommt Stierli in Fahrt. Sie schöpft aus dem Vollen: Aus dem Wissen, das sie sich im Studium an der ZHAW sowie in der Zusammenarbeit mit Energieingenieurinnen und -ingenieuren erarbeitet hat, und auch aus ihren Berufserfahrungen. Dass Landwirtschaftsbetriebe gegenüber Energiesparen skeptisch seien, sehe sie selten. «Natürlich kommt es vor, dass jemand denkt, ich sei einfach eine Grüne und wolle reinreden.» Aber in der Regel sei das Interesse gross. «Bei den Stromkosten können viele Betriebe Tausende von Franken pro Jahr einsparen», sagt die Fachfrau. Eine Beratung zum Energiesparen lohne sich in solchen Fällen. Via «Energie Schweiz» kann die Hälfte der Beratungskosten vom Bund zurückgefordert werden. Gerade Betriebe mit hohem Stromverbrauch könnten von verhältnismässig einfachen Massnahmen profitieren, sagt Stierli. «Jeder Landwirtschaftsbetrieb ist anders. Darum erstellen wir zuerst eine ausführliche Analyse, bevor wir passende Massnahmen vorschlagen und den Effekt berechnen», sagt Stierli. Eine der Massnahmen, die sehr oft sinnvoll sind, ist eine Photovoltaikanlage. «Mindestens für den Eigenverbrauch rechnet sich diese Investition fast immer», sagt Stierli. Je nach Grösse des Betriebes auch darüber hinaus. Gerade jetzt, wo die Einspeisetarife gut und die Fördergelder hoch seien. Stierli spricht von einem «Boom», den man jetzt nutzen sollte. «Natürlich empfehlen wir auch Massnahmen darüber hinaus, individuell auf die Betriebe zugeschnitten.» Denn viele Betriebe könnten einen noch grösseren Beitrag leisten, um die Umweltprobleme anzugehen, die uns alle betreffen, findet Stierli. Die Arbeit als Umweltingenieurin und Landwirtin sei nicht nur inhaltlich spannend. «Ich finde es motivierend, mit meiner Arbeit einen Beitrag leisten zu können, um die Ressourcen und das Klima zu schonen.» Auch wenn es kaum möglich sei, sich «perfekt» zu verhalten, was die Umwelt angehe, so hätten wir doch alle einen je eigenen Spielraum, den wir nutzen könnten. «Das war einer der Gründe, weshalb ich mich damals für den Studiengang Umweltingenieurwesen an der ZHAW entschieden habe. Diese Motivation verstärkte sich im Studium.» Den Hof ihrer Eltern im Hinterkopf, wählte sie den Schwerpunkt Biologische Landwirtschaft. «Das hat mir für vieles die Augen geöffnet. Zum Beispiel, wie komplex die Führung eines Landwirtschaftsbetriebs ist.» Sie lernte auch, welche Alternativen es zu chemischen Pflanzenschutzmitteln gibt. «Wir können davon wegkommen, wenn wir wissen, wie.» Noch Anfang Studium hatte Priska Stierli allerdings nicht vor, den Hof der Eltern zu übernehmen und tatsächlich in die Landwirtschaft einzusteigen. Mit einer kaufmännischen Grundausbildung und mit der klaren Vorstellung, etwas anderes als ihre Eltern zu machen, war sie ins Berufsleben gestartet. Stierli denkt eine Weile nach und sagt dann: «Das war für mich damals wohl deshalb klar, weil mein Vater je länger, je mehr seine Mühe hatte mit seinem Berufsstand.» Das Führen eines Bauernhofs wurde immer komplexer, die Rahmenbedingungen wurden schwieriger, die Verdienstmöglichkeiten kleiner. «Ich fand die Idee inspirierend, mich vertieft mit der Umweltthematik auseinanderzusetzen.» Priska Stierli, Umweltingenieurin Heute, mit der gestiegenen Nachfrage nach biologischen Produkten, ergibt sich für viele eine neue Perspektive. Nach einer Weile im kaufmännischen Bereich wusste Priska Stierli, dass sie sich weiterentwickeln wollte. Ein Fachhochschulstudium sollte es sein und das Umweltingenieurwesen hatte es ihr bald angetan. «Ich fand die Idee inspirierend, mich vertieft mit der Umweltthematik auseinanderzusetzen.» Erst im Laufe des Studiums wurde ihr klar: biologische Landwirtschaft! Das war doch ein Bereich, zu dem sie Zugang hatte, der wunderbar passte. Und bald schien auch die Vorstellung, selbst in der Landwirtschaft tätig zu sein, ganz natürlich. «Dass ich mich heute beruflich so intensiv mit Energie und Klima auseinandersetze, ist ein Zufall, da bin ich quasi hineingerutscht», sagt Stierli und lächelt. Mit einem kleinen Engagement startete sie nach dem Studium beim Verein AgroCleanTech, der Beratungen und Förderprogramme in den Bereichen Energieeffizienz und Klimaschutz für die Landwirtschaft macht. Das Engagement wurde nach und nach ausgebaut, bis sie als Co-Leiterin die Geschäftsführung übernahm. «Das war eine spannende Zeit», so Stierli. Als sie vor eineinhalb Jahren zusammen mit ihrem Mann den Hof der Eltern im Aargau übernahm, war das zweite Kind unterwegs und Stierli suchte eine passende Stelle mit einem kürzeren Arbeitsweg. «So ist es für mich viel leichter, die verschiedenen Aufgaben zu vereinen», sagt Stierli. Was nicht bedeutet, es sei einfach, Familie, Beruf und Betrieb gerecht zu werden. In ihrer neuen Aufgabe beim Bauernverband Aargau geht es um dieselbe Sache wie als Co-Geschäftsführerin von AgroCleanTech: Landwirtschaftsbetriebe darin unterstützen, nachhaltig zu arbeiten. Neu sei sie aber näher an der Basis. «Auf den Betrieben zu sein, Landwirtinnen und Landwirte zu treffen und mit ihnen zusammen nach passenden Lösungen zu suchen, das erweitert meinen Horizont», sagt Stierli. Sie hebt den Blick und schaut über die Aargauer Hügel. Ihre dreijährige Tochter sitzt inzwischen auf ihrem Schoss und singt. Die Hühner haben wieder zu gackern begonnen. Ihr Vater hat im Geräteschuppen die Schleifmaschine angeworfen, seine kleine Enkelin springt auf: «Opi! Schleifen!», und saust davon. Elena Ibello

Die mobilen Hebammen

«Kraft gibt uns, wie stark die Frauen sind, die wir betreuen», sagt Eli Reust. Gemeinsam mit Laura Alemanno hat sie vor rund fünf Jahren Mambrella gegründet: eine mobile Hebammenpraxis, in der geflüchtete Frauen untersucht und betreut werden können. «Rückblickend waren wir ziemlich naiv», sagt Laura Alemanno. «Niemand hatte auf uns gewartet.» Trotzdem ist es ihnen gelungen, ein Angebot aufzubauen, das Frauen auf der Flucht sinnvoll unterstützt. Blenden wir zurück in den Sommer 2018. Die beiden hatten seit Kurzem ihr Bachelordiplom als Hebammen in der Tasche und arbeiteten nun an ihrem Projekt Mambrella. Den Anstoss dafür bekam Eli Reust 2017 bei einem Einsatz als freiwillige Helferin in einem Flüchtlingslager in Serbien. «Ich habe gesehen, wie dringend notwendig Hebammenbetreuung wäre. Die Frauen wurden mit ihren Ängs­ten und Bedürfnissen so oft allein gelassen.» In den Flüchtlingscamps merkten wir irgendwann, dass wir uns auf die Hebammenarbeit konzentrieren müssen.» Eli Reust Eli Reust und Laura Alemanno, die sich seit ihrem ersten Studientag an der ZHAW kennen, sammelten mit einem Crowdfunding Geld und kauften einen Bus als mobile Hebammenpraxis. Dann fuhren sie los. «Ich sagte allen, ich sei in spätestens drei Monaten zurück», erinnert sich Eli Reust. Daraus wurden neun Monate. Ursprünglich planten sie, ihren Bus in Serbien einzusetzen. Vor Ort wurde klar, dass der Standort Griechenland mehr Sinn ergibt. «Dort mussten wir uns zuerst das Vertrauen der Campleitenden erarbeiten», sagt Laura Alemanno. In die Flüchtlingslager hinein durften sie nicht. So stellten sie ihren Bus vor den Toren der Camps ab. Sie untersuchten schwangere Frauen, betreuten Familien mit Neugeborenen, verteilten Pakete mit Windeln und Stilltee, hatten ein offenes Ohr für Sorgen und Nöte. «Irgendwann merkten wir, dass wir uns auf die Hebammenarbeit beschränken müssen», sagt Eli Reust. «Von den Geflüchteten wurden wir auch nach allem anderen gefragt, was ja logisch ist. Aber wir konnten mit Asylanträgen oder dem Zusammenführen von Familien­mitgliedern nicht helfen. Deshalb konzentrierten wir uns auf unser Handwerk, die Hebammenarbeit. Das wurde von den Geflüchteten respektiert.» Die Tage vor den Toren des Flüchtlingslagers waren lang und anstrengend. «Aber es war auch sehr befriedigend», erklärt Laura Alemanno, die 2018 insgesamt acht Monate dort war. Sie hätten allerdings lernen müssen, dass die eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen, wie sie helfen könnten, nicht zwangsläufig dem entsprachen, was tatsächlich gefragt war vor Ort. Mit Einsätzen der beiden Gründerinnen und weiterer Hebammen konnte Mambrella das Engagement auch 2019 weiterführen. Dann kam Corona. «Die griechische Regierung riegelte während der Pandemie viele Lager ab und verlegte die Geflüchteten je nachVerfahrensstand in Wohnungen in der Stadt oder in Camps weiter draussen in der Agglomeration», erklärt Eli Reust. Das bedeutete für die Mambrella-Hebammen viel längere Anfahrtswege. «Wir konnten deutlich weniger Frauen pro Tag besuchen. Dafür hatten wir öfter die Gelegenheit, eine Frau über mehrere Monate zu betreuen. Das ist für die Hebammenarbeit sinnvoller.» Nicht nur die Pandemie veränderte die Welt – die persönlichen Realitäten der beiden Hebammen wandelten sich ebenfalls über die Jahre. So wurde Eli Reust vor eineinhalb Jahren selbst Mutter. Die beiden haben deshalb neue Lösungen gesucht. «Uns war von Anfang an wichtig, dass Mambrella nachhaltig ist», sagt Laura Alemanno. Schon länger arbeitet Mambrella mit der NGO Amurtel Greece zusammen, die ebenfalls auf Schwangere und Mütter fokussiert ist. «Amurtel liefert uns zum Beispiel die Adress­listen für unsere Hausbesuche», sagt Laura Alemanno. Seit vergangenem Januar hat Mambrella nun über Amurtel eine griechische Hebamme angestellt. «Sie kann vor Ort am meisten bewirken», erklärt Eli Reust. Weiterhin ist geplant, dass ab und zu Hebammen aus der Schweiz Einsätze leisten und die Kollegin von Amurtel unterstützen. «Aber das Projekt ist nun wirklich vor Ort verankert.» Neben der direkten Hebammenbetreuung bietet Mambrella gemeinsam mit Amurtel auch Workshops an, in denen die Frauen mehr lernen über Themen wie den weiblichen Zyklus oder Verhütung. Viele der Frauen stammen aus Syrien, Iran, Afghanistan, Gambia oder aus der Demokratischen Republik Kongo. Die Kommunikation mit ihnen läuft oft via Dolmetscherinnen. «Sie sind für uns nicht nur sprachliche Übersetzerinnen, sondern auch kulturelle. Mit einer Dolmetscherin hatten wir ein so gutes Verhältnis, dass sie uns stillschweigend mitteilen konnte, wenn wir eine Frage stellten, die im Herkunftsland der Frau wohl unangebracht wäre. Wir haben es ja als Hebammen mit zum Teil sehr intimen Themen zu tun.» Die betreuten Frauen kommen aus einem anderen kulturellen Kontext, und auch das Leben als Geflüchtete oder Migrantin verändert vieles. «Eine Weile lang waren wir dauernd wütend. Auf die Politik, auf die Gleichgültigkeit gegenüber den Flüchtlingen. Wir haben ein Stück Leichtigkeit verloren.» Eli Reust Wie hat das Engagement für Mambrella die beiden Gründerinnen beeinflusst? «Eine Weile lang waren wir dauernd wütend. Auf die Politik, auf die Gleichgültigkeit gegenüber den Flüchtlingen. Wir haben ein Stück Leichtigkeit verloren.» Gleichzeitig war es ein Leben im Provisorium: «Bis zur Pandemie pendelte ich zwischen Griechenland und der Schweiz hin und her – immer auf dem Sprung», erklärt Eli Reust. Der Unterschied zwischen der minimalen Versorgung, die sie den Frauen in Griechenland anbieten konnten, und den hohen Standards in Schweizer Kliniken sei manchmal schwierig zu ertragen gewesen. Ein Ereignis ist Eli Reust besonders in Erinnerung geblieben: Wie sie mit einer hochschwangeren Frau, die wegen Kinderlähmung im Rollstuhl sass, ins Spital fuhr. «Sie war nicht sicher, ob sich das Kind bewegt, ich konnte es auch nicht abschliessend beurteilen.» Im Spital seien sie nach drei Stunden an die Reihe gekommen. «Uns war von Anfang an wichtig, dass Mambrella nachhaltig ist.» Laura Alemanno «In der Schweiz würde wohl in der Notaufnahme ein Alarm ausgelöst, sobald eine solche Patientin ankommt. Aber ich mache dem dortigen Personal keinen Vorwurf, das griechische Gesundheitssystem ist am Boden. Ich habe eine Pflegefachfrau getroffen, die allein für 40 Wöchnerinnen zuständig war.» In einem anderen Fall wusste eine Mutter fünf Tage lang nicht, ob ihr Kind nach der Geburt überlebt hatte, weil das Baby in eine andere Klinik verlegt worden war und niemand die Mutter informiert hatte. Eli Reust und Laura Alemanno sind selbst auch an ihre Grenzen gekommen. «Viele Frauen hatten entweder im Herkunftsland oder auf der Flucht sexuelle Gewalt erlebt. Wenn dir fünf Frauen in Folge erzählen, dass sie vergewaltigt worden waren, dann macht das etwas mit dir. Das haben wir zu Beginn unterschätzt: Dass wir auch für uns selbst sorgen müssen», sagt Eli Reust. Sie ist heute zu 20 Prozent von Mambrella angestellt und arbeitet in einem kleinen Pensum als Hebamme im Triemlispital in Zürich, Laura Alemanno ist gerade von Basel nach Zürich gezogen und auf Stellensuche. Der Einsatz für Mambrella geht von hier aus weiter, ein wichtiger Teil macht derzeit die Spendensuche aus. Weitere Einsätze vor Ort schliessen die beiden nicht aus. Der Kontakt nach Athen, das zu einer zweiten Heimatstadt für die beiden geworden ist, bricht nie ab. Carole Scheidegger

Der Wächter über Qualität und Zahlen

In den benachbarten Büros wuchern Topfpflanzen und prangen private Bildergalerien. Ganz anders bei Benjamin Muff. Auf dem Tisch, am Whiteboard, auf dem Fenstersims: Jede Fläche ist nur mit dem Allernötigsten belegt. Computerbildschirm und Tastatur hier, ein A4-Ausdruck der Spitalabteilungen dort. Funktionalität scheint oberste Priorität zu haben. Der 35-Jährige sieht sich erstaunt um, als man die spartanische Ausstattung erwähnt, und schmunzelt: «Ich war schon immer ein aufgeräumter Mensch.» Wer einen Job hat wie er, muss wohl genau so strukturiert sein wie dieser Arbeitsplatz. Zeitgleich mit dem Abschluss seines Masterstudiums am Departement Soziale Arbeit der ZHAW im Sommer 2021 stieg Muff vom Teammitglied zum Leiter des Qualitäts- und Projektmanagements im Sozialdienst des Universitätsspitals Zürich auf, eines Betriebs mit 43 Kliniken und 8600 Mitarbeitenden. Zum Sozialdienst, bei dem Muff bereits seit 2019 angestellt ist, gehören neben der Gesamtleitung 20 Fachleute der Sozialen Arbeit am Standort Zürich sowie gut zehn Mitarbeitende im RehaCenter in Stettbach, welche Fälle bearbeiten oder beraten. Weiter koordiniert eine Verantwortliche des Freiwilligendienstes Einsätze von 250 Mitarbeitenden. Wer hier nicht gut sortiert ist, kann leicht die Übersicht verlieren. «Bei über 40 Prozent haben wir es mit komplexen Fällen zu tun.» Benjamin Muff, Leiter Projekt- und Qualitätsmanagement Universitätsspital Zürich Während des Gesprächs öffnet Muff am Computer mehrere Dokumente mit Statistiken. Das Auftragsvolumen des Sozialdienstes ist beträchtlich: Im vergangenen Jahr waren es 8500 Fälle. Dazu gehören persönliche Beratungen bei Krankheit, Unfall oder Pflegebedürftigkeit, um den Unterstützungsbedarf zu klären und eine passende Versorgungsform zu finden. Dazu kommen die rein administrativen Tätigkeiten im Reha-Bereich, also ohne Kontakt mit den Patientinnen und Patienten. Die zeitliche Bandbreite ist ebenfalls gross. Eine einfache IV-Abklärung dauert in der Regel rund 30 Minuten, ein Austritt in eine Pflegeeinrichtung, etwa für einen älteren Menschen, beansprucht im Durchschnitt sechs bis acht Stunden. Und dann gibt es Ausnahmen wie jene Zwillingsgeburt bei einer suchtmittelkranken Frau, welche 60 Stunden beanspruchte. «Bei über 40 Prozent haben wir es mit komplexen Fällen zu tun», sagt Muff, scrollt durch noch mehr Zahlen und zeigt ein Formular, das für die Leistungserfassung verwendet wird. Um als «komplex» qualifiziert zu werden, müssen mehrere Indikatoren erfüllt sein, beispielsweise Fremdsprachigkeit, Demenz oder kognitive Einschränkungen. Dies abzuklären, gehört ebenfalls zu den Aufgaben der Sozialberatung und erfolgt auf der Basis der Daten, die aus den Kliniken elektronisch übermittelt werden. Jeden Morgen werden die neuen Fälle im Team verteilt. Obwohl er nur noch ausnahmsweise direkt mit Patientinnen und Patienten arbeitet, ist der ZHAW-Absolvent bei diesen Meetings immer dabei. Die Nähe zum Team sei ihm wichtig. Sein Büro teilt er auch nach dem Wechsel ins Qualitäts- und Projektmanagement weiterhin mit einer Kollegin, welche externe Telefonanrufe entgegennimmt. Es klingelt denn auch an diesem Vormittag immer wieder, doch das scheint Muff nicht im Geringsten abzulenken. «Ich kann einem Chefarzt widersprechen, weil ich nicht direkt ins hierarchische Gefüge eingebunden bin.» Benjamin Muff, ZHAW-Absolvent Soziale Arbeit Zur Beratungstätigkeit zog es Muff, der nach seiner KV-Lehre durch einen Zivildiensteinsatz zur Sozialen Arbeit fand, schon während des Studiums. Und zwar bei der Schuldenberatung des Kantons Zürich. Dort absolvierte er sein zweites Praktikum und entdeckte dabei, was ihn beruflich besonders reizt: die Verbindung von juristischen und institutionellen Wissensbereichen wie Sozialrecht und Versicherungen einerseits mit der praktischen Vernetzungsarbeit andererseits. Oder, wie er seine Tätigkeit zusammenfasst: kommunizieren, organisieren, dokumentieren. Hinter ihm hängt ein weisser Arztkittel am Schrank. Diesen muss er tragen, wenn er Patientinnen oder Patienten besucht. Mit dem Kleidungsstück ist bis heute ein Nimbus und damit eine Distanzierung von den Adressatinnen und Adressaten verbunden. Dennoch sieht Benjamin Muff auch einen Vorteil darin: «Der Sozialdienst geht gerne einmal vergessen im medizinischen Alltag. Der Kittel wiederum drückt eine Zugehörigkeit zum Unternehmen aus.» Dennoch möchte er die Freiheiten nicht missen, die es mit sich bringt, an keine der Kliniken angeschlossen zu sein. «Ich kann einem Chefarzt widersprechen, weil ich nicht direkt ins hierarchische Gefüge eingebunden bin», sagt Muff und erzählt vom Fall eines Obdachlosen. Der Arzt wollte diesen nach beendigter Behandlung in eine stationäre Einrichtung überweisen. «Unsere Sozialanamnese jedoch zeigte, dass der Mann seit Jahren draussen lebte und eine Unterbringung einen negativen Eingriff in sein Leben bedeutet hätte», sagt Benjamin Muff. Das viele Dokumentieren, Zahlenschaufeln und detailgenaue Abklären möge manchmal aufwendig sein, räumt selbst er ein. «Aber gerade in Fällen wie diesem zeigt sich, wie wichtig es ist.» Regula Freuler

Von der Ergotherapeutin zur Geschäftsführerin

Schöner könnte sie kaum gelegen sein. Die Reha-Klinik cereneo in Hertenstein liegt auf einer Halbinsel im Vierwaldstättersee. Von Irene Christens Büro aus sieht man den See und die Berge. Die 34-Jährige ist Geschäftsführerin der Kliniken für neurologische Rehabilitation. An den Standorten in Hertenstein und in Vitznau werden vor allem Menschen nach einem Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder mit Parkinson behandelt. Die ZHAW-Absolventin sitzt auf einem Hocker vor ihrem schwarzen Bürotisch und erzählt: «Hier bei cereneo habe ich meine erste Stelle nach dem Bachelorstudium in Ergotherapie angetreten – und es hat einfach gepasst.» Das war 2012 und der Anfang einer steilen Karriere. Die Ergotherapeutin konnte die Klinik in Vitznau mit aufbauen, hatte viel Gestaltungsmöglichkeiten und übernahm immer mehr Verantwortung – zuerst in ihrem Bereich, bald als Leiterin der Therapien. Auch im Personalmanagement half sie und engagierte sich beim Aufbau einer Praxis in Dubai, die 2017 eröffnet wurde: «Die Praxis haben wir gegründet, da wir gesehen haben, dass es an Nachbetreuungsmöglichkeiten für unsere Patienten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten fehlte.» «Zu sehen, dass man mit einem starken Team arbeitet, macht mir Freude und gibt mir Freiraum, um mehr strategisch zu arbeiten.» Irene Christen, ZHAW-Absolventin in Ergotherapie Im Laufe der Zeit erwarb sich Christen das Vertrauen der Klinikbesitzerin – der NRG-Gruppe. Nach verschiedenen Wechseln in der Geschäftsführung wurde sie 2018 gefragt, ob sie die Klinikleitung in Vitznau übernehmen möchte. Und sie traute sich. Um das notwendige betriebswirtschaftliche Know-how zu erwerben, absolvierte sie einen Executive MBA an der Universität in St. Gallen. Als später der Klinikstandort Hertenstein aufgebaut wurde, übernahm sie auch dort die Koordination des Aufbaus und schliesslich 2020 die Leitung. Seither ist sie verantwortlich für die beiden Schweizer Klinikstandorte mit den 120 Mitarbeitenden. Doch dabei blieb es nicht. 2020 wurde sie zudem zur CEO der Holding der NRG-Gruppe ernannt und treibt an den Standorten Amsterdam und Berlin den Aufbau für digitale therapeutische Dienstleistungen auf Gruppenebene voran. Irene Christen sieht Parallelen zwischen der Ergotherapie und ihren Managementaufgaben: «In beiden Jobs muss man Menschen gernhaben und sich verantwortlich fühlen für den Erfolg des anderen. Mein Job ist es, unseren Mitarbeitern das erfolgreiche Arbeiten am Patienten zu ermöglichen. Der Job der Therapeuten ist es, den Patienten erfolgreich an sein Rehaziel zu begleiten.» «In beiden Jobs muss man Menschen gernhaben und sich verantwortlich fühlen für den Erfolg des anderen.» Irene Christen, CEO NRG-Holding Dass sie Menschen mag und ihre Nähe sucht, wird auch an diesem Morgen deutlich. Die Geschäftsführerin begrüsst die sechs neuen Auszubildenden und nimmt am Morgen-Kick-off teil, mit dem alle Mitarbeitenden den Tag zusammen beginnen. Dann führt sie die Journalistin durchs Haus. Unterwegs schauen sie bei Meret Branscheidt vorbei. Die leitende Ärztin ist spezialisiert auf den Bereich Hirnstimulation. Vor ihr sitzt ein junger Patient aus dem arabischen Raum. Er erlitt eine Gehirnblutung und eine Rückenmarkverletzung. Die Medizinerin hält ihm ein schwarzes Gerät an den Kopf, das sein Hirn stimuliert, im Fachjargon spricht man von Transkranieller Magnetstimulation, kurz TMS. «Ich versuche, das Gehirn an die vierspurige Autobahn zu erinnern, die früher bis zu den Fingern bestand«, erläutert die Ärztin diese Therapie. Vor dem Behandlungsraum warten Vater und Bruder des Patienten. Auch diese begrüsst Irene Christen: «Bei uns im cereneo ist es wichtig, dass wir die Familie mit einbeziehen.» Wenn Patientinnen oder Patienten aus dem Ausland kommen, stellt die Klinik sicher, dass die Familie bei ihnen oder in nahe gelegenen Wohnungen logieren kann. Ein Drittel der internationalen Patienten kommt aus dem arabischen Raum, ein Drittel aus Europa und ein Drittel aus anderen Teilen der Welt wie etwa Südamerika. «Viele unserer Patienten leben im Alltag wie in einem 5-Sterne-Hotel.» Irene Christine Die beiden Schweizer Kliniken richten sich hauptsächlich an Menschen, die einen gewissen Luxus gewohnt sind: «Viele unserer Patienten leben im Alltag wie in einem 5-Sterne-Hotel», sagt Irene Christen und fährt fort: «Wir bieten Rehabilitation mit Unterkünften an, die diesem Standard entsprechen.» Als einmal Niki Lauda zur Behandlung am Vierwaldstättersee war, berichteten die Medien: «So luxuriös ist seine Reha-Klinik.» Aber auch allgemeinversicherte Patientinnen und Patienten aus der Schweiz werden aufgenommen: «Diese werden genau gleich gut behandelt», versichert Christen. Die Behandlung sei stark personalisiert, um alle bestmöglich zu fördern. Durch das angeschlossene Forschungszentrum könne cereneo neue Erkenntnisse und auch innovative Behandlungsmethoden anbieten, etwa mit Robotik, Sensorik oder Hirnstimulationen. «Für uns ist es wichtig, Erkenntnisse aus der Forschung möglichst schnell den Patientinnen und Patienten in der Praxis zugutekommen zu lassen», sagt die Geschäftsführerin: »Darauf sind wir als Betrieb besonders stolz.» Einst stand die ZHAW-Absolventin selbst vor der Frage, ob sie in die Forschung wechseln sollte: «Ich habe den Master in Ergotherapie gemacht, da ich neugierig war, ob ich in der Zukunft in die Forschung oder Lehre gehen möchte.» Den international ausgerichteten European Master of Occupational Therapy an der ZHAW erachtete sie als eine optimale Grundlage, um alle Wege für verschiedene Karrieren zu öffnen. «Ich lernte viel über wissenschaftliches Vorgehen und vernetzte mich mit denjenigen, die auch das gewisse Extra an Zusatzwissen suchten wie ich.» Mit der Zeit habe sie dann festgestellt, dass sie Generalistin sei und ihr das Management entspreche. Darauf habe sie sich dann fokussiert. Wichtig sei ihr aber, dass sie nach wie vor im Gesundheitswesen für Patientinnen und Patienten arbeite: «Das gibt meiner Arbeit Sinn und ich kann das an der ZAHW aufgebaute Wissen tagtäglich anwenden und davon profitieren.» Ihr bisheriger Werdegang sei deshalb optimal für ihre jetzige Tätigkeit: «Um eine Klinik zu führen, ist es ideal, wenn man das Interesse an Organisation, Management, Führung und Finanzen hat und dies gleichzeitig koppeln kann mit einem medizinischen oder therapeutischen Hintergrund.» Das erleichtere vieles in der Kommunikation mit den Mitarbeitenden in den medizinischen, therapeutischen und pflegerischen Bereichen, aber auch mit den Forschenden, da man zu einem gewissen Grad deren Vokabular beherrsche und ein besseres Verständnis für den Arbeitsalltag mitbringe als jemand, der einen rein betriebswirtschaftlichen Hintergrund habe. «Dank der Telemedizin soll ein nachhaltiger Erhalt der erreichten Fortschritte aus der Reha ermöglicht werden.» Irene Christen Zu ihren Aufgaben als Geschäftsführerin gehört es auch, die Kliniken zu repräsentieren und nach neuen Kooperationen Ausschau zu halten. Hierfür ist sie an vielen Anlässen und Kongressen unterwegs. «Als Frau fällt man hier unter den vielen vorwiegend älteren Herren im Anzug immer noch auf. Das kann auch ein Vorteil für die Klinik sein», sagt sie und lacht. Seit ihrem letzten Karriereschritt auf die Position der CEO der NRG-Holding habe sie das Managementteam neu organisiert und viele operative Führungsaufgaben abgegeben. «Zu sehen, dass man mit einem starken Team arbeitet, macht mir Freude und gibt mir Freiraum, um mehr strategisch zu arbeiten.» Ein grosses Thema ist hierbei die Telemedizin. An diesem Tag steht denn auch eine Online-Sitzung mit der Niederlassung in Amsterdam an, wo cereneo ein Telemedizin-Zentrum aufbaut. Vor einem Jahr gegründet, soll es die Anschlusslösung für Patientinnen und Patienten nach dem stationären Aufenthalt in der Schweiz bieten, etwa auch für jene aus Dubai. Denn die einstige Praxis musste wegen der Corona-Pandemie vor zwei Jahren geschlossen werden. Mit Telerehabilitation sollen die Patientinnen und Patienten zu Hause weiter gefördert werden. «Falls notwendig, senden wir auch einen Therapeuten mit nach Hause, um den Übergang aus der Klinik sicher zu begleiten.» Dieser Wechsel sei immer eine grosse Herausforderung für Patienten und Familie. Ohne diese Kontinuität gingen die beim stationären Aufenthalt erlernten Fähigkeiten schnell wieder verloren. Dank der Telemedizin soll ein nachhaltiger Erhalt der erreichten Fortschritte aus der Reha ermöglicht werden, so die Idee. Angesichts all der Aufgaben und Projekte, von denen sie berichtet, wird bald deutlich: In ihrem Büro mit der grandiosen Aussicht ist Irene Christen nur selten. Einen Tag pro Woche arbeitet sie auch im Homeoffice in Luzern. Eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit sei ihr aber sehr wichtig. Sie versuche, weder abends noch am Wochenende zu arbeiten: »Gelingen tut mir das meistens», sagt sie augenzwinkernd. In Luzern lebt sie mit ihrem Partner und künftigen Ehemann. Bald steht ihre Hochzeit an. Dass sie dennoch nicht im privaten Planungsstress ist, erklärt Irene Christen so: «Wir sind beide gute Planer und haben ein kleines Projektmanagement gemacht. Jetzt sind wir fertig und völlig entspannt», sagt sie am Ende des Rundgangs und verabschiedet sich in eines der Sitzungszimmer in der Klinik am schönen Vierwaldstättersee. Katrin Oller

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