Menü
Logo Logo
  • DE
  • EN
  • Dossier 422
  • Main Topic 163
  • Interview 17
  • Menschen 11
  • Meinung 7
  • Studium 6
  • Forschung 4
  • Spotlight 2
  • Weiterbildung 2
  • Alumni 1
  • Ümit Yoker 30
  • Thomas Müller 29
  • Andrea Söldi 22
  • Interview Patricia Faller 19
  • Susanne Wenger 16
  • Kathrin Reimann 15
  • Sibylle Veigl 15
  • Eveline Rutz 13
  • Mathias Plüss 13
  • Patricia Faller 10
  • Sara Blaser 10
  • Matthias Kleefoot 9
  • David Bäuerle 8
  • Rahel Lüönd 8
  • Tobias Hänni 8
  • Katrin Oller 6
  • Malolo Kessler 6
  • Bettina Sackenreuther 5
  • Elena Ibello 5
  • Frank Richter 5
  • Karin Meier 5
  • Rahel Meister 5
  • Seraina Sattler 5
  • Simon Jäggi 5
  • Abraham Gillis 4
  • Interview: Sara Blaser 4
  • Lara Läubli 4
  • Manuel Martin 4
  • Regula Freuler 4
  • Stéphanie Hegelbach 4
  • Inhalt Patricia Faller; Grafik Klaas Kaat 3
  • Marion Ronca 3
  • Sandra Hürlimann 3
  • Tamara Ritter 3
  • Tilo Hühn 3
  • Astrid Tomczak-Plewka 2
  • Irene Bättig 2
  • Judith Raupp 2
  • Lara Attinger 2
  • Ursula Schöni 2
  • Alain Appel 1
  • Andreas Engel 1
  • Annick Vogt* 1
  • Annina Dinkel 1
  • Aufgezeichnet von Regula Freuler 1
  • Björn Plaschnick 1
  • Carole Scheidegger 1
  • Cerstin Mahlow 1
  • Christa Rosatzin 1
  • Christine Brombach 1
  • Cindy Schneeberger* 1
  • Corinne Amacher 1
  • Daniel Perrin 1
  • Darija Knezevic 1
  • Dominique Ursprung* 1
  • Elena Šimukovič 1
  • Enrique Heer 1
  • Fotos Conradin Frei, Frank Brüderli 1
  • INTERVIEW ABRAHAM GILLIS 1
  • INterview Nicole Hottinger 1
  • Illustration: Till Martin 1
  • Inhalt: Patricia Faller, Till Martin; Grafik: Till Martin 1
  • Interview Jakob Bächtold, Patricia Faller 1
  • Interview Kathrin Reimann 1
  • Interview Patricia Faller, Claudia Gähwiler 1
  • Interview Sibylle Veigl 1
  • Interview Thomas Schläpfer 1
  • Jakob Bächtold 1
  • Jonas Urscheler 1
  • Julia Obst 1
  • Katharina Fierz und Beatrice Friedli 1
  • Lisa Crescionini 1
  • Lisa Wickart* 1
  • Maja Schaffner 1
  • Marc Bodmer 1
  • Micha Neumair 1
  • Mirjam Eser Davolio 1
  • Mirjam Eser Davolio, Kushtrim Adili 1
  • Natasha Pochetti 1
  • Nicole Minder 1
  • Omar Zeroual* 1
  • Patrik Ettinger 1
  • Stefan Boss 1
  • Stefanie Schnydrig* 1
  • Stephan Pörtner 1
  • Susanne Wagner 1
  • Text: Sara Blaser, Illustrationen: Till Martin 1
  • Thomas Schläpfer 1
  • Tiia Vogel 1
  • Von Mathias Plüss 1
  • Zusammengestellt von Sara Blaser 1
  • interview Jeanette Kuster 1
  • 2/2023 28
  • 1/2022 24
  • 2/2020 24
  • 4/2021 24
  • 4/2019 21
  • 4/2022 21
  • 1/2021 20
  • 2/2021 20
  • 2/2022 20
  • 3/2021 18
  • 1/2023 17
  • 2/2019 17
  • 3/2022 16
  • 4/2020 16
  • 1/2019 15
  • 3/2023 15
  • 1/2025 14
  • 2/2024 14
  • 1/2024 13
  • 2/2025 13
  • 1/2020 12
  • 1/2026 11
  • 4/2023 11
  • 3/2020 10
  • 3/2019 8
Aktive Filter: Kategorie: Dossier Alle Filter entfernen
Es wurden 422 Ergebnisse in 3 Millisekunden gefunden. Zeige Ergebnisse 71 bis 80 von 422.
  • «
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • ....
  • »
Ergebnisse pro Seite:

Raus aus dem Gefängnis, rein in die Unsicherheit

Es ist ein Abend im Spätherbst, als Marko einen verhängnisvollen Entscheid trifft. Der 32-Jährige ist zu diesem Zeitpunkt arbeitslos und konsumiert regelmässig Kokain sowie Amphetamine. An jenem Abend entscheidet er sich, gemeinsam mit seinem Freund Boris bei einem Dealer Kokain zu besorgen. Als dieser die beiden nicht in die Wohnung lässt, eskaliert die Situation – und während Marko den Dealer festhält, stösst ihm Boris ein Messer ins Bein. Die beiden fliehen mit 1500 Franken Bargeld, Kokain und Amphetaminen. Marko wird gefasst und zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Er verbringt fast zweieinhalb Jahre im geschlossenen Vollzug, dann wird er bedingt entlassen. Doch draussen steht er vor dem Nichts: Marko hat keine Wohnung, keine Freunde mehr. Der Kontakt zu seinem Bruder, seinen einzigen Angehörigen, ist abgebrochen. Und er hat nach wie vor keine Arbeit. Markos Name ist erfunden, seine Geschichte aber wahr. Und so wie ihm geht es vielen ehemalig inhaftierten Personen in der Schweiz: Sie müssen sich nach der Entlassung aus dem Gefängnis neu orientieren. Freunde und Familie haben sich womöglich abgewendet, das Geld ist knapp, die Wohnung ist weg, die gesellschaftliche Stigmatisierung gross. Hier kommt in vielen Fällen die Bewährungshilfe und damit die Soziale Arbeit ins Spiel: Sie unterstützt straffällig gewordene Personen dabei, nicht mehr rückfällig zu werden, und sich wieder in der Gesellschaft zu integrieren – idealerweise schon während der Zeit im Vollzug, damit die Neuorientierung nach der Entlassung Schritt für Schritt gelingen kann. «Damit ein Neuanfang gelingt, muss die Person ‹gute Gründe› finden, kein Delikt mehr zu begehen.» Pawel Pomes, Institut für Delinquenz und Kriminalprävention ZHAW-Dozent Pawel Pomes ist Experte für Bewährungshilfe. Der Psychologe hat mehrere Jahre für die Bewährungs- und Vollzugsdienste des Kantons Zürich gearbeitet und forscht und lehrt seit 2022 am Institut für Delinquenz und Kriminalprävention des Departements Soziale Arbeit. «Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Herausforderungen für ehemalig inhaftierte Personen, wieder ins Leben einzusteigen, meist sehr hoch sind», sagt Pomes. «Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es aus Sicht des oder der ehemaligen inhaftierten Person häufig einen ‹guten Grund› – also eine subjektiv nachvollziehbare Motivation – gab, um das Delikt zu begehen. Damit ein Neuanfang gelingt, muss die Person nun erst einmal ‹gute Gründe› finden, kein Delikt mehr zu begehen.» Im Justizvollzug und der Bewährungshilfe wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass menschliches Verhalten veränderbar ist. Folglich wird laut Pomes versucht, das Veränderungspotenzial der Klientinnen und Klienten zu aktivieren. Das heisst konkreter: «Bei jeder Person wird eine individuelle Bedarfsanalyse durchgeführt und gemeinsam ergründet, was getan werden muss, damit es nicht mehr zu delinquentem Verhalten kommt – was ja überhaupt erst die Voraussetzung für einen Neuanfang ist.» Der Fokus in der Bewährungshilfe liegt dabei unter anderem auf acht Faktoren, die gemäss Wissenschaft eng mit dem Rückfallrisiko zusammenhängen und damit wesentliche Hürden für eine erfolgreiche Wiedereingliederung darstellen, wenn sie unbeachtet bleiben: die sogenannten «Central Eight». Neben einer kriminellen Vorbelastung sind dies eine prokriminelle Einstellung – also eine Haltung, die Straftaten verharmlost oder rechtfertigt –, ein prokriminelles Umfeld, unzureichende Freizeitaktivitäten, Substanzkonsum, antisoziale Persönlichkeitszüge und wenig soziale Bindungen, weder zur Familie noch im Arbeitsumfeld. «Die Bewährungshilfe arbeitet dann mit den Klientinnen und Klienten an den individuell relevanten Punkten und entwickelt Strategien, um Risiken zu minimieren.» Im Fall von Marko fokussierte der Bewährungshelfer unter anderem auf dessen prokriminelle Haltung und das prokriminelle Umfeld. Das heisst: In Gesprächen wurden Strategien besprochen für den Fall, dass Marko in Versuchung geraten würde, sich strafbar zu machen. Der Bewährungshelfer erstellte und erprobte mit ihm einen Handlungsplan mit individuellen Notfallstrategien in Form sogenannter «Wenn-Dann-Regeln», zum Beispiel: Wenn ich merke, dass ich wütend werde, dann mache ich zehn Liegestützen. Oder: Wenn ich merke, dass ich Lust auf Kokain bekomme, gehe ich eine Runde im Wald spazieren. Zudem unterstützte er Marko darin, wieder den Kontakt zu seinem Bruder aufzunehmen, der sich nicht in kriminellen Kreisen bewegt. Es gibt laut Pawel Pomes auch Faktoren, die einen Neuanfang begünstigen. Diese hat die «Desistance»-Forschung hervorgebracht, die sich damit beschäftigt, wie und warum Menschen aufhören, Straftaten zu begehen. «Damit jemand nicht mehr kriminell wird, müssen verschiedene Gegebenheiten zusammenkommen», erklärt Pomes. Oft spielen dabei einschneidende Lebensereignisse eine Rolle, etwa die Geburt eines Kindes. «Solche Erfahrungen können dazu beitragen, dass man auf seine neue Rolle fokussiert und folglich auch seine Identität verändert: Man nimmt sich dann nicht mehr als jemanden wahr, der mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, sondern vor allem als Vater.» Diese Identitätsveränderung könne im Zusammenspiel mit idealen strukturellen Gegebenheiten – etwa einer finanziellen Absicherung durch eine neue Arbeitsstelle oder einem Umfeld, das eine zweite Chance gibt und die neue Rolle unterstützt – dazu führen, dass jemand dauerhaft aus der Kriminalität findet. Die Beziehung zwischen Sozialarbeitenden und Klient:innen sollte von Transparenz, Neutralität, Mitsprache und Vertrauen geprägt sein.» Pawel Pomes, Institut für Delinquenz und Kriminalprävention Genau so, wie die Bewährungszeit eine Herausforderung für ehemalig inhaftierte Personen ist, so ist das Berufsfeld für Sozialarbeitende ein herausforderndes. Das beginnt laut Pomes bei den schweren und belastenden Delikten, mit denen die Fachpersonen konfrontiert sein können. «Eine gute Psychohygiene ist hier wichtig. Ebenfalls muss es den Sozialarbeitenden gelingen, die Person nicht auf das Delikt zu reduzieren und ihr mit Respekt zu begegnen.» Weiter sind Mitarbeitende in der Bewährungshilfe häufig mit starkem Widerstand konfrontiert, mit Misstrauen und fehlender Problemeinsicht der Klientinnen und Klienten. «Es ist daher zentral, dass genügend Zeit in den Aufbau einer guten Arbeitsbeziehung investiert wird. Sie sollte von Transparenz, Neutralität, Mitsprache und Vertrauen geprägt sein – denn eine solche Beziehung ist in den allermeisten Fällen eine Grundvoraussetzung für eine gelungene Bewährungshilfe», sagt Pomes. Bei Marko sieht es am Ende der Bewährungszeit aus, als wäre der Neuanfang gelungen. Ein gutes halbes Jahr nach der Haftentlassung wohnt er wieder in einer eigenen Wohnung. Er hat mit Unterstützung des Bewährungshelfers eine Festanstellung bei einem Zügelunternehmen gefunden, konnte sich dadurch von der Sozialhilfe loslösen und einen kleinen – nicht kriminellen – Freundeskreis aufbauen. Zudem pflegt Marko den Kontakt zu seinem Bruder intensiv und konsumiert keine Drogen mehr. Straffällig ist er nicht mehr geworden. Aufmacherbild: Adobestock/ Adsloboda Malolo Kessler

«Menschen, die eine Chance bekommen, sind sehr loyale Mitarbeitende»

In der Schweiz wechseln rund 15 Prozent der Angestellten pro Jahr ihre Stelle. Unbefriedigende Arbeitsbedingungen und der Wunsch nach Veränderung sind die häufigsten Gründe. Was sind die grössten Hindernisse, wenn sich jemand beruflich neu orientieren möchte? Albrecht Konrad: Das ist je nach Branche unterschiedlich, aber in einigen sind die Anforderungen natürlich sehr hoch. Die Schweiz ist ein beliebtes Land, in dem viele qualifizierte Menschen aus aller Welt arbeiten wollen – die Konkurrenz ist sehr gross. Ladina Schmidt: Viele Leute trauen es sich auch nicht zu, beruflich noch einmal einen neuen Weg einzuschlagen. Dazu kommt, dass wir in der Schweiz eher weniger bereit sind, den Wohnort zu wechseln oder auch Lohneinbussen in Kauf zu nehmen. Schmidt: Unternehmen könnten noch bessere Bedingungen dafür bieten, dass sich Arbeitnehmende intern verändern können, etwa die Abteilung wechseln, zwischen Führungs- und Nichtführungspositionen wechseln oder das Pensum je nach Lebenssituation anpassen. Für junge Leute wäre es wertvoll, wenn sie Einblicke in verschiedene Bereiche sammeln könnten, bevor sie sich festlegen. Konrad: Unzufriedenheit entsteht oft durch unpassende Rahmenbedingungen. Ich erlebe es häufig, dass sich jemand beruflich verändern möchte, bei genauerer Analyse zeigt sich dann aber, dass die Person ihren Beruf eigentlich liebt, nur die Rahmenbedingungen der aktuellen Stelle nicht aushält. In solchen Situationen suche ich nach Lösungen in derselben Branche. Eine Pflegefachfrau kann beispielsweise auch in einem Altersheim arbeiten, wenn es ihr auf der Intensivpflegestation zu stressig ist. Schmidt: Manchmal wird in der Beratung auch klar, dass die Unzufriedenheit nicht an der Arbeit per se liegt, sondern daran, dass auch in anderen Lebensbereichen viele herausfordernde Themen vorhanden sind und dass der Ausgleich fehlt. Konrad: Im mittleren Alter lassen die Kräfte nach und man hat einfach nicht mehr die gleiche Energie wie früher. Viele geben dann dem Job allein die Schuld. «Über psychische Gesundheit zu sprechen, ist zentral.» Ladina Schmidt, Dozentin und Beraterin am IAP Institut für Angewandte Psychologie Konrad: Ja und nein. Ja, weil es kein Tabu mehr ist; nein, weil die Bewerbungsverfahren immer anspruchsvoller werden. Die Schweiz ist ein Land der Zertifikate – ohne einen passenden Abschluss ist es schwierig, im Bewerbungsverfahren zu bestehen. Dazu kommen digitalisierte Bewerbungsverfahren, in denen Algorithmen Bewerbungen aussortieren, die nicht die richtigen Keywords beinhalten. Zudem verändern sich viele Berufe innerhalb weniger Jahre sehr. Wer nicht dranbleibt, verpasst mitunter den Anschluss. Schmidt: Früher hat man kaum den Beruf gewechselt, dafür wurde der Mut vielleicht eher belohnt, wenn man quereinsteigen wollte. Heute muss man sehr hartnäckig sein und auch mal unkonventionelle Zugänge wählen. Schmidt: Ich hatte einen Klienten, der unbedingt mehrsprachig tätig sein wollte, aber von grossen Unternehmen immer nur Absagen bekam. Als Kompromiss ging er dann zu einem Startup – dort war Motivation die wichtigste Anforderung. Der Lohn war tiefer, aber dafür gelang ihm der Einstieg in ein Umfeld, das ihm wirklich zusagte. Und mit dieser Erfahrung wird er bei der nächsten Jobsuche viel bessere Chancen haben, vielleicht auch bei einem grossen internationalen Unternehmen. Konrad: Nein, aber es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass Leute, die bei der IV sind, arbeitslos sind und ihren Beruf wechseln müssen. Es wird unterschieden zwischen Arbeitsplatzerhalt und Arbeitsplatzakquise. Im Idealfall wird möglichst früh mit allen Beteiligten nach einer Lösung im Unternehmen gesucht und nicht erst, wenn die Person ganz ausfällt. Arbeitgebende sind angehalten, bei der IV eine Früherfassung zu machen, wenn eine Angestellte oder ein Angestellter in einem Jahr mehr als sechs Wochen krank ist. Mit dieser Präventivmassnahme lassen sich grössere Krisen verhindern. Mit einer Frühintervention lassen sich einige Situationen entschärfen, etwa wenn eine Person auf ein Burnout hinsteuert, weil sie sich neben der Arbeit längerfristig um ihre kranke Mutter kümmert. Da könnte man zum Beispiel mit der Spitex eine Lösung finden. Ich komme erst ins Spiel, wenn es sich abzeichnet, dass sich etwas ändern muss und die Gesamtsituation einer komplexeren Lösung bedarf. Mittlerweile kommen Arbeitgeber auf mich zu, um unabhängig von der IV noch schneller eine Lösung zu finden – Stichwort Fachkräftemangel. Konrad: Als Ergotherapeut verfolge ich eine ganzheitliche Sichtweise, bei der Gesundheit, Arbeit, soziales Umfeld und individuelle Gegebenheiten erfasst und berücksichtigt werden. Meine Coachees haben zum Grossteil einen Arbeitsplatz und wollen den behalten. Dann schaue ich, welche Rahmenbedingungen notwendig sind, damit die Person im Unternehmen bleiben kann. Lässt sie sich zum Beispiel auch in einem anderen Bereich einsetzen? Gemeinsam mit dem Unternehmen und der Person erarbeite ich dann Lösungsstrategien. Schmidt: In der Laufbahnberatung werden in einem Erstgespräch die Ausgangslage und die Erwartungen geklärt. Anschliessend stelle ich das mögliche Vorgehen vor und erkläre der Person, dass ich gerne den Rahmen anbiete, innerhalb dessen die Person für sich herausfinden kann, wer sie ist, was sie kann, welche Interessen sie leiten und wie sie ihren Zukunftsvisionen Schritt für Schritt näherkommen kann. Konrad: Das ist sehr wichtig klarzustellen – ich hatte auch schon Klientinnen oder Klienten, die glaubten, ich würde ihnen verschiedene passgenaue Lösungen präsentieren und sie müssten nur noch eine davon auswählen. Job-Coaching bedeutet jedoch, gemeinsam und auf Augenhöhe passende Lösungen zu erarbeiten. Schmidt: Als Erstes ist es wichtig, dass die Betroffenen wieder Boden unter den Füssen finden und Vertrauen in sich und die Zukunft aufbauen. In Krisen verliert man schnell den Zugang zu den eigenen Stärken und Ressourcen. Um wieder Selbstvertrauen zu gewinnen, hilft es, einer regelmässigen Aufgabe nachzugehen, eine Tagesstruktur zu haben, sich zu bewegen – ein Klient von mir hat zum Beispiel in einem Velo-Shop gearbeitet und kam so wieder zu Kräften. «Diagnosen haben in einem Vorstellungsgespräch nichts zu suchen, ausser sie sind für die Tätigkeit relevant.» Albrecht Konrad, Berater und Jobcoach am Institut für Ergotherapie Schmidt: Einerseits soll sie genug Zeit haben, um wieder gesund zu werden, andererseits wird es immer schwieriger, zurückzukommen, je länger man vom Arbeitsplatz weg ist. Die Entscheidung ist oft eine Gratwanderung und grundsätzlich Sache des behandelnden Arztes oder der Ärztin. Wenn die Person noch angestellt ist, ist es meist einfacher, Schritt für Schritt wieder einzusteigen. Ist sie dies nicht mehr, gibt es Angebote wie von der IV unterstützte Arbeitsversuche, bei denen man zu Beginn in einem Teilzeitpensum arbeitet und langsam aufbaut. Konrad: Es ist in der Tat eine Frage der Abwägung. Zudem erschweren Sachzwänge, wie die Miete oder die Familie im Hintergrund, eine Entscheidungsfindung. Ich starte nur, wenn die Person sich dazu überwiegend bereit erklärt. Ein Wiedereinstieg gegen den Willen einer Person macht keinen Sinn, da müsste man als Erstes die Widerstände hinterfragen und sie sukzessive abbauen. Konrad: Nein, in der Form wäre das kaum möglich, denn ich coache ganz unterschiedliche Personen, von der Sekretärin über den Diätkoch bis zur Physikerin. Viele Leute glauben auch, dass ich geschützte Arbeitsplätze vermittle. Das stimmt aber nicht, ich begleite und unterstütze meine Coachees auf der Suche nach Arbeitsplätzen im ersten Arbeitsmarkt. Konrad: Der Fachkräftemangel regelt diesbezüglich gerade einiges – immerhin ein positiver Aspekt. Schmidt: Druck rausnehmen. Nicht nur bei der Wiedereingliederung, allgemein ist der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft sehr hoch. Es müsste in der Arbeitswelt anerkannt sein, dass es unterschiedliche Phasen gibt im Leben und dass man auch mal etwas kürzertreten darf, ohne die Chance zu verlieren, danach wieder mehr zu arbeiten oder zu führen. Insofern ist es zentral, dass unsere Gesellschaft offen über das Thema psychische Gesundheit spricht. Konrad: Genau, und dass das Engagement für Integration und Inklusion belohnt wird. Im Kanton Zürich gibt es zum Beispiel den «This-Priis», einen Arbeitgeber-Award der Sozialversicherungsanstalt, der gelungene Integration von Menschen mit Behinderungen auszeichnet. Auserdem sollten die Anforderungsprofile für Arbeitnehmende realistischer sein. Wenn man Job-Anzeigen liest, wird ja oft die eierlegende Wollmilchsau gesucht. Der Bewerbungsprozess ist von beiden Seiten ein kleiner Heuchelprozess – man stellt sich im besten Licht dar. Mehr Offenheit würde helfen, zu erkennen, wie sich Unternehmen und Bewerbende ergänzen – auch bei den Defiziten oder speziellen Anforderungen. Konrad: Es gibt Studien dazu, die besagen, dass Menschen, die eine Chance bekommen, sich beruflich wieder zu etablieren, sehr loyale Mitarbeitende sind. Und das deckt sich mit meiner Wahrnehmung. Gleichzeitig stärkt es die Identifizierung von anderen Mitarbeitenden mit dem Unternehmen, wenn sie wissen, dass dieses seine soziale Verantwortung wahrnimmt. Schmidt: Genau, denn es spricht für ein Unternehmen, wenn es seine soziale Verantwortung wahrnimmt. Es kann auch eine Kultur von Offenheit und Vertrauen fördern und das Image als sozialer und moderner Arbeitgeber stärken. Zudem entwickeln Menschen in Krisen eine gewisse Resilienz sowie Empathie, Reflexionsfähigkeit und Stressbewältigungsstrategien. Konrad: Es muss aber eine Win-win Situation sein, es bringt nichts, wenn das Unternehmen eine Person aus reinem Goodwill einstellt und diese dann immer das Gefühl haben muss, dass sie zu Dank verpflichtet ist. Schmidt: Lügen bringt wenig, doch man muss ja nicht gleich alles auf den Tisch legen. Wichtig ist, sich nur auf Stellen zu bewerben, die man sich selbst zutraut, sonst ist es für beide Seiten nicht gewinnbringend. Konrad: Meines Erachtens haben Diagnosen in einem Vorstellungsgespräch nichts zu suchen, ausser sie sind für die Tätigkeit relevant. Aber die Auswirkungen, die die Erkrankung auf einen hat, sollten thematisiert werden. Wenn man kompetent über seine Schwächen sprechen kann, hebt man sich von einem Grossteil der Mitbewerbenden ab. Wenn jemand zum Beispiel sagt: «Ich bin sehr begeisterungsfähig und loyal und habe früher zu wenig Nein gesagt, wenn Aufgaben verteilt wurden. Durch die Arbeit mit einer Psychologin sind mir meine Grenzen heute bewusst und ich weiss meine Kräfte besser einzuteilen», dann macht das auf Arbeitgebende einen guten Eindruck. Ich habe zum Beispiel mal einen jungen Mann im Bewerbungsprozess begleitet, der an einer Psychose litt. Er wollte das unbedingt verheimlichen. Dadurch war er aber sehr angespannt in den Gesprächen. Wir haben darauf geübt, wie er die Auswirkungen kommunizieren kann. Als er beim nächsten Gespräch sagte: «Es ist mir wichtig, dass ich genau weiss, was von mir erwartet wird, und dass ich immer die gleiche Ansprechperson habe, und Teamausflüge sind nicht so meine Welt», stellte sich heraus, dass das bei der Stelle kein Problem war – und er bekam den Job. Interview: Sara Blaser

Auf der Sonnenseite

Im Zürcher Stadthaus, einem mächtigen Gebäude mit spitzem Giebel, herrscht Hochbetrieb. Die Leute stehen Schlange vor dem Stadtbüro, der Verwaltung für die Altstadt. «Jetzt wird geheiratet», ist nebenan vor dem Zivilstandsamt in bunter Kreide auf einer Tafel zu lesen. Im dritten Stock ist die Kulturabteilung des städtischen Präsidialdepartements untergebracht. Sarah Wendle bittet in einem hellen Büro zu Tisch. Die 42-Jährige ist kaufmännische Leiterin des Zürcher Theater Spektakels. Das «Speki», wie das Festival liebevoll genannt wird, findet jeweils in der zweiten Augusthälfte auf der Landiwiese statt – nicht an der Goldküste, sondern an der gegenüberliegenden Schattenseite des Sees. Wegen der zunehmenden Hitze im Sommer sei man froh darum, sagt Wendle. 2025 kann sie einmal mehr auf ein erfolgreiches Festival zurückblicken: 120 000 Besuchende waren auf dem Gelände, die Vorstellungen zu 87 Prozent ausgelastet. Beruflich befindet sich Wendle heute auf der Sonnenseite, in einem mit Bildern aus dem städtischen Kunstkredit behängten Büro in der Zürcher Altstadt. Dies war nicht immer so. Als sie 2012 aus dem süddeutschen Lahr nach einem Geschichts- und Politologiestudium nach Zürich kam, musste sie sich mit einer Praktikumsstelle durchschlagen. Später kam sie zum nicht auf Rosen gebetteten Rotpunktverlag, wo sie für Sachbücher zuständig war und später in die Geschäftsleitung aufstieg. Sie sollte den Verlag personell und inhaltlich verjüngen. «Als junge Frau setzte ich auf andere Themen, zum Beispiel Feminismus.» Sie gab etwa ein kritisches Buch heraus zur Modeindustrie aus antikapitalistischer Perspektive – ein Erfolg, an den sie sich noch heute gerne erinnert. Um ihre beruflichen Perspektiven zu erweitern, absolvierte sie den MAS Arts Management an der ZHAW School of Management and Law. Im Februar 2020 lag Veränderung in der Luft. Wendle bewarb sich beim Theater Spektakel. Es folgte der erste Corona-Lockdown, Vorstellungsgespräch per Zoom, Gespräch mit Abstand vor Ort, hybride Sitzungen. Festivalerfahrung hatte sie keine, sie war aber begeisterte Besucherin. «Es war ein Sprung ins kalte Wasser», räumt Wendle ein. Während des Festivals ist sie zuständig für 200 temporäre Mitarbeitende und rund 300 Künstlerinnen und Künstler. Zudem wollen auch die geladenen Gäste betreut sein. «Der MAS verlieh mir Selbstvertrauen und erschloss mir ein interessantes berufliches Netzwerk, das brachte mich weiter.» Die «NZZ» monierte in einer Glosse, am Theater Spektakel sehe man bloss Stücke, die eine schlechte Welt zeigten. «Viele Künstlerinnen und Künstler kommen aus dem globalen Süden. Sie setzen sich mit Themen wie Klimawandel und Überkonsum auseinander», gibt Wendle zu bedenken. Einen Grund für den Erfolg des Festivals beim Publikum sieht sie in dem traumhaft schönen Ort am See. «Es ist das Gesamterlebnis, das zählt.» Und die Eintrittspreise sind trotz Kostensteigerungen auf Ausgabenseite mit durchschnittlich 40 Franken erschwinglich geblieben. Beim Hinausgehen blicken wir von der Galerie im dritten Stock in den Lichthof hinunter, der sich inzwischen geleert hat, die Schalter sind zu. Wendle zeigt hoch an der Wand auf das Wappen von Aussersihl, das heute zur Stadt gehört. Im Rotpunktverlag hatte sie ein Buch zur Geschichte des Quartiers herausgegeben – und sie wohnt auch da, im belebten Kreis 4. Sie ist ganz in Zürich angekommen. Aufmacherbild: Kira Kynd Stefan Boss

Erst der Austausch schafft Neues

Trainingsroboter, Exoskelette, Virtuelle Rehabilitation, Gamification: In der Neurorehabilitation haben in den letzten Jahren laufend neue Technologien und Behandlungsansätze Einzug gehalten. Sie unterstützen Therapeut:innen bei der Behandlung von Personen, die beispielsweise nach einem Schlaganfall motorische Fähigkeiten wieder neu erlernen müssen. Den Geräten und Anwendungen wird dabei grosses Potenzial zugeschrieben: Sie ermöglichen schon früh in der Rehabilitation ein intensives Training, spornen spielerisch an oder erlauben es, Fortschritte genau zu messen. Allerdings wird dieses Potenzial derzeit noch nicht gänzlich ausgeschöpft – davon sind Martina Spiess und Rudolf Füchslin überzeugt. Die Rehabilitationswissenschaftlerin vom Institut für Ergotherapie und der Physiker vom Institut für Angewandte Mathematik und Physik leiten gemeinsam mit Anne Deblock-Bellamy von der Haute école spécialisée de Suisse occidentale HES-SO das Projekt «Datenbasierte Optimierung von Interventionserfolgen: Erfolgreiche technologiegestützte Therapie». In dem vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanzierten Projekt entwickeln sie ein KI-gestütztes System, das Therapeut:innen bei der Auswahl, Anwendung und Kombination von Rehabilitationsgeräten unterstützt, um die Versorgung der Patient:innen zu verbessern. «Ein solches Projekt könnte monodisziplinär gar nicht realisiert werden.» Rudolf Füchslin, Forscher an der School of Engineering «Die Geräte entlasten Therapeut:innen zwar bei der manuellen Arbeit – sie tun dies aber meistens isoliert von anderen Geräten und Therapiemöglichkeiten», sagt Martina Spiess. In der neurologischen Rehabilitation komme jedoch immer ein Mix von Technologien und Therapieformen zum Einsatz – was die klinische Entscheidungsfindung zur Herausforderung mache. Therapeut:innen müssten bei jeder Patientin und bei jedem Patienten laufend entscheiden, welche Geräte und Interventionen in welcher Kombination und Intensität eingesetzt werden sollen. «Dazu müssen sie mit vielen Informationen jonglieren: mit individuellen Daten der Patientin oder des Patienten, Expertenwissen zu den einzelnen Geräten und deren Funktionen, mit der aktuellen Evidenz und grundsätzlichen Kenntnissen der Physiologie und des motorischen Lernens.» Das KI-basierte Werkzeug, das im Rahmen des Projekts entwickelt wird, soll diesen komplexen Entscheidungsprozess erleichtern. Es analysiert Patient:innendaten, erkennt Muster und gibt Empfehlungen dazu ab, ob und welche Geräte eingesetzt und welche Trainingsparameter gewählt werden sollen. «Die KI soll die Entscheidungsfindung unterstützen, aber nicht übernehmen», betont Rudolf Füchslin. Damit die KI diese Aufgabe dereinst übernehmen kann, musste das interdisziplinäre Projektteam zunächst die Kriterien definieren, die für die klinische Entscheidungsfindung überhaupt relevant sind. Nach dem Prinzip des User-zentrierten Designs haben die Forschenden dafür eng mit mehreren Rehakliniken zusammengearbeitet. «Wir haben im ersten Jahr Interviews und einen Workshop mit Therapeut:innen durchgeführt und in einem iterativen Prozess die Kriterien festgelegt», erläutert Martina Spiess. Derzeit ist das Team – wiederum in enger Zusammenarbeit mit den Kliniken – daran, für die Kriterien die entsprechenden Daten zu erheben, mit denen der Algorithmus trainiert werden kann. Ein KI-System zu entwickeln, das für Patient:innen mit unterschiedlichen Diagnosen und Therapiezielen und unter Einbezug von Geräten verschiedener Hersteller massgeschneiderte Behandlungsempfehlungen abgibt, ist ein komplexes Unterfangen. Und eines, das die Kooperation verschiedener Disziplinen und die Zusammenarbeit zwischen Forschenden und Fachleuten aus der klinischen Praxis sowie der Industrie erfordert. So arbeiten im Projektteam KI- und Datenwissenschaftler:innen, Forschende mit einem therapeutischen Hintergrund, Expert:innen für komplexe Systeme sowie Vertreter:innen verschiedener Gerätehersteller und Rehakliniken zusammen. «Ein solches Projekt könnte monodisziplinär gar nicht realisiert werden», sagt Füchslin. Erst durch den Austausch der einzelnen Fachgebiete könne etwas Neues geschaffen werden. «Die Zusammenarbeit erlaubt es, das Wissen und die Fortschritte der einzelnen Disziplinen zu kombinieren.» «Wir müssen viel Zeit investieren, damit wir uns verstehen, und hartnäckig nachfragen.» Martina Spiess, Professorin am Institut für Ergotherapie Zusammengeführt werden in dem interdisziplinären Projekt auch zwei ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Auf der einen Seite jene der technischen Forschung, die sich laut Füchslin zu oft an Durchschnitten orientiert und nicht den Menschen als Individuen helfen will. Auf der anderen Seite das Vorgehen der Gesundheitswissenschaften, die von einem konkreten Problem im klinischen Alltag ausgehen und dafür personalisierbare Lösungen suchen – und die dabei mit den komplexen Gegebenheiten im Gesundheitssystem konfrontiert sind. Erst das Zusammenbringen dieser zwei unterschiedlichen Herangehensweisen erlaubt die Entwicklung eines KI-Systems, das im klinischen Alltag auch einen Nutzen bringt, indem es die klinische Entscheidungsfindung standardisiert und gleichzeitig personalisiert – ein Balanceakt. «Ohne die Grundlagenforschung unter Laborbedingungen gäbe es die Technologien gar nicht, die wir für das Projekt benötigen. Aber sie muss durch die klinische Perspektive ergänzt werden», sagt Martina Spiess. So unabdingbar die interdisziplinäre Zusammenarbeit für das Projekt ist, so bringt sie auch ihre Herausforderungen mit sich. «Wir müssen viel Zeit investieren, damit wir uns verstehen», so Spiess. Die Zusammenarbeit erfordere ein Bewusstsein dafür, dass man verschiedene Sprachen spreche, zudem den Willen und die Offenheit, einander zuzuhören. «Und man muss hartnäckig bleiben und nachfragen, wenn man das Gegenüber nicht verstanden hat.» Gleichzeitig, ergänzt Füchslin, müsse man akzeptieren, dass man nicht bis ins Detail nachvollziehen könne, woran die anderen am Projekt beteiligten Disziplinen arbeiten. «Man muss bereit sein, intellektuell ins Schwimmen zu geraten.» Das Ziel sei, einander so weit zu verstehen, dass man gemeinsame Entscheidungen treffen könne. Um dieses Verständnis zu schaffen, führen die Projektleitenden regelmässig mehrstündige Workshops durch, in denen sich das Team austauscht. «Da dauert es manchmal zwei Stunden, bis wir alle vom Gleichen sprechen», sagt Spiess. Der Verständigungsprozess sei langwierig, manchmal auch mühsam – man komme aber nicht um ihn herum. «Es gibt meines Wissens keine Tools, mit denen sich dieser Prozess abkürzen liesse.» «Man muss bereit sein, intellektuell ins Schwimmen zu geraten.» Rudolf Füchslin, Forscher an der School of Engineering Dass im Laufe des Projekts trotz dieses Verständigungsprozesses die «Sprache» einer Disziplin überhandnehmen und ein gewisses Ungleichgewicht entstehen könnte – diese Gefahr sehen Spiess und Füchslin nicht. «Die Disziplinen stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen sich», so Füchslin. So seien auch die Kompetenzen klar aufgeteilt: Die Gesundheitsfachleute im Team seien für die Anforderungen zuständig, die die KI erfüllen müsse, die Ingenieur:innen für die technische Umsetzung. Dass sowohl die drei Projektleitenden wie auch viele Teammitglieder schon in interdisziplinären Projekten mitgewirkt haben, vereinfacht die Zusammenarbeit. «Auf diese Erfahrungen können wir zurückgreifen», sagt Spiess. Auch die Bedingungen an der ZHAW erleichtern es aus Sicht der zwei Projektleitenden, interdisziplinäre Projekte durchzuführen. «An der ZHAW wird eine Kultur gelebt, die die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen ermöglicht, Mittel dafür zur Verfügung stellt und die Hürden klein hält», sagt Füchslin. «Die Reinheit der einzelnen Lehren gibt es hier nicht.» Tobias Hänni

Der digitale Zwilling von Grüze

Wer kennt es nicht? Der Zug hat nur wenige Minuten Verspätung und doch reicht es nicht, um den Bus zu erwischen, weil am Hauptbahnhof ein Gedränge herrscht. Oder es bleibt am Morgen wieder einmal kein Parkplatz in der Nähe des Bahnhofs übrig. Solche Situationen sind nicht nur für den Einzelnen ein Ärgernis, sie haben auch finanzielle und ökologische Folgen, etwa wenn einzelne Linien des öffentlichen Verkehrs nicht ausgelastet sind oder Menschen ganz auf das Auto statt auf den öV setzen. Multimodale Verkehrsknotenpunkte – Orte, wo verschiedene Verkehrsmittel aufeinandertreffen, zahlreiche Menschen umsteigen oder Waren umgeladen werden – sind mit der steigenden Komplexität der Mobilität mehr denn je forschungsrelevant. Das Horizon-Projekt MOVEO (Intelligent Framework for Inclusive and Seamless Transport Infrastructure and Mobility Services), an welchem die ZHAW als assoziierte Partnerin beteiligt ist, hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, durch die Bereitstellung von smarten und integrierten Lösungen die Mobilität im Personen- und Güterverkehr zu verbessern. Teil von MOVEO sind 16 Partner aus neun europäischen Ländern sowie fünf Demonstrationsstandorte mit unterschiedlichen Infrastrukturen, klimatischen Bedingungen und Entwicklungsphasen. «Mit dem entwickelten Tool können wir in Zukunft eine ­objektive Entscheidungs­grundlage für alle Beteilig­ten liefern.» Stephan Bütikofer, Institut für Datenanalyse und Prozessdesign Im Rahmen des Projekts sollen unter anderem digitale Zwillinge von real existierenden Verkehrsknotenpunkten erstellt werden. Diese Modelle ermöglichen die Überwachung und Optimierung der Verkehrssituation vor Ort und können auch in anderen Verkehrshubs genutzt werden, sofern diese ähnliche Rahmenbedingungen aufweisen. Das Institut für Datenanalyse und Prozessdesign (IDP) der School of Engineering wird einen digitalen Zwilling vom Winterthurer Bahnhof Grüze anfertigen. Das Quartier rund um diesen Bahnhof hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt. Es entstanden über tausend neue Wohnungen und Hunderte von neuen Arbeitsplätzen. Die Stadt Winterthur hat deshalb und auch in der Absicht, den Hauptbahnhof Winterthur zu entlasten, beschlossen, Grüze zu einem multimodalen Verkehrshub auszubauen. Für MOVEO eignet sich der Standort Grüze gut als Reallabor, weil er die Erforschung von Mobilitätsphänomenen an einem dynamischen Verkehrsknotenpunkt ermöglicht und die Projekterkenntnisse direkt in dessen Optimierung einfliessen können. Dass Grüze zu einem der sechs Demonstrationsstandorte von MOVEO wurde, geht auf die Zusammenarbeit zwischen der ZHAW und dem Winterthurer Amt für Stadtentwicklung beim Projekt «Smart City Winterthur» zurück. Vicente Carabias , Leiter des Forschungsschwerpunkts Nachhaltige Energiesysteme und Smart Cities an der School of Engineering, erkannte die Synergien, die sich durch die Stossrichtung der Stadt beim Ausbau von Grüze zum Verkehrshub und den Forschungsbedarf im Bereich der nachhaltigen Mobilität bieten. Es trifft sich zudem gut, dass «Smart City Winterthur» ein Projekt zur optischen Ermittlung von Verkehrsdaten mithilfe von künstlicher Intelligenz fördert. Die zur Modellierung von Grüze erforderlichen Daten stellen nämlich eine Herausforderung dar, sagt MOVEO-Projektleiter Claudio Gomez : «Als eine der ersten Projektetappen im Herbst werden wir mit der Beschaffung der Daten beginnen. Wir gehen aktuell davon aus, dass wir zum Veloverkehr nicht viele Daten finden werden und solche selbst erheben müssen.» Anders ist die Situation im Bereich der Lichtsignalsteuerung: «Dank dem breiten Einsatz von Sensoren und Kameras sind immer mehr Daten vorhanden. Sie ermöglichen uns, die Auswirkung von Lichtsignalanlagen zu erforschen und bestimmte Phänomene im Verkehr besser zu verstehen», so Gomez. Für die Projektverantwortlichen sind die Sicherstellung der Barrierefreiheit und die laufende Optimierung der Inklusion ein zentraler Aspekt: «Grüze ist ein Mobilitätshub mit zahlreichen unterschiedlichen Anspruchsgruppen. Wir möchten zum Beispiel sicherstellen, dass Menschen mit Gehbehinderung den Hub ohne Einschränkung nutzen können und dass Velos und der Fussverkehr sicher aneinander vorbeikommen», erklärt Stephan Bütikofer vom IDP. Zur Erforschung der Verbesserung der Inklusion arbeitet die ZHAW mit einem MOVEO-Projektpartner aus Dänemark zusammen, der in diesem Bereich über eine grosse Expertise verfügt und für das Projekt die Daten erhebt. «Das Team sammelt qualitative Nutzererfahrungen, um sogenannte «Pain Points» im Mobilitätsalltag zu identifizieren. Diese Daten vermitteln uns die Nachfrageseite und erlauben uns, ein klareres Bild des Optimierungspotenzials zu gewinnen», so Bütikofer. Einige Fragen seien etwa: Wurden wichtige Bedürfnisse nicht erkannt? Reicht die Beleuchtung aus, damit sich die Bevölkerung sicher fühlt? Braucht es ein Freizeitangebot im Hub? Und: Wie gelangen die Leute zum Hub? Der Standort Grüze eignet sich gut als ­Reallabor, weil er die Erforschung von Mobilitäts­phänomenen an einem dynamischen Verkehrs­knotenpunkt ermöglicht. Claudio Gomez, Projektleiter MOVEO Mobilitätshubs stellen gemäss Bütikofer auch hinsichtlich ihrer Finanzierung eine Herausforderung dar. Im Falle der Querung Grüze, einer im Bau befindlichen neuen Verbindungsbrücke für den Bus-, Velo- und Fussverkehr, sind neben den Verkehrsbetrieben auch der Bund, der Kanton und die Stadt Winterthur beteiligt. Die Modellierung des Hubs und das dadurch ermöglichte Monitoring der Personenflüsse werden den Projektverantwortlichen zufolge eine wichtige Grundlage schaffen, um die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Stakeholdern zu erleichtern: «Mithilfe des Tools, das wir entwickeln, können wir in Zukunft auch eine objektive Entscheidungsgrundlage für alle beteiligten Partner liefern, insbesondere für die Klärung von finanziellen Fragen», so Bütikofer. Die Projektarbeit an der ZHAW hat im Oktober 2025 gestartet. Der Zeithorizont beträgt gemäss Gomez zwei bis drei Jahre. Langfristig gesehen sei die Modellierung des Mobilitätshubs Grüze ein wichtiger Schritt Richtung moderner Nachfragemodellierung auf Quartier-/Mobilitätshub-Ebene. Zwar gebe es in der Schweiz bereits datenbasierte Gesamtverkehrsmodelle, die Daten zu Bevölkerung, Wirtschaft und Mobilitätsverhalten nutzen. Doch auf lokaler Ebene sind Nachfragemodelle oft weniger differenziert, beruhen auf älteren Erhebungen oder simplen Annahmen. «Mit dem digitalen Zwilling von Grüze schlagen wir hier eine Innovation vor: Wir wollen die Nachfrage digital und flexibel abbilden, sodass wir schneller auf neue Entwicklungen reagieren und das Verkehrsangebot zeitnah anpassen können.» Aufmacherbild: StadtWinterthur/Marcus Schmid Marion Ronca

Auf den Spuren der Ökoarchitektur

Die Schweiz in den 1970er-Jahren: Das Land erlebt autofreie Sonntage wegen der Erdölkrise, Atomkraft als politische Antwort löst landesweite Proteste aus und lässt eine neue Umweltbewegung entstehen. International prägen der Club of Rome mit seinen «Grenzen des Wachstums» sowie Katastrophen wie der Chemieunfall von Seveso das wachsende Bewusstsein für Umweltverschmutzung, Smog und Waldsterben. Auch in der Architektur rückte damals der schonende Umgang mit Ressourcen in den Fokus – sichtbar in der Bewegung der «Ökoarchitektur»: Passiv-Solarhäuser mit grossen Glasflächen, Speichermaterialien wie Lehm oder Kalksandstein oder stark gedämmte Bauten waren kennzeichnend für diese Strömung. Zahlreiche spannende Experimente zeigten, wie Architektur nachhaltig gestaltet werden kann, das Haus wurde zum «Kraftwerk», das Energie spart, Wärme speichert und teils sogar aus Abfallmaterialien bestand. «Damals entschieden sich in der Schweiz Menschen – darunter auffallend viele Ärztinnen und Ärzte – bewusst und in Abgrenzung zur konventionellen Architektur für solche Häuser», erklärt Andri Gerber , Architekt und Professor am Institut Konstruktives Entwerfen . Durchgesetzt hat sich die Ökoarchitektur damals nicht, sie galt als alternativ und antimodern und wurde auch etwas belächelt. Mit der postmodernen Architektur der 1980er-Jahre, geprägt von Konsumlust und wenig ökologischen Materialien, verschwand sie für lange Zeit in der Nische. «Obwohl die Ökoarchitektur Standards wie Minergie und den Einsatz von Solarpaneelen entscheidend geprägt hat, ist heute erstaunlich wenig über diese Bewegung bekannt; es existieren kaum zeitgenössische Dokumente», erklärt Gerber. Gemeinsam mit der Linguistikprofessorin Julia Krasselt sowie der Postdoktorandin Elettra Carnelli und den Doktorandinnen Jana von Wyl und Sooyeon Geckeler möchte er das ändern: Seit August arbeitet das Team in einem SNF-Projekt an der Aufarbeitung der Geschichte der Ökoarchitektur in der Schweiz und untersucht, wie sich der Diskurs um nachhaltiges Bauen historisch entwickelt hat. «Wir fragen, welche Ansätze es bereits gab, warum sie teilweise scheiterten und was wir daraus lernen können», so Gerber. Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie sich Nachhaltigkeit beim Bauen dauerhaft etablieren lässt – nicht als Modeerscheinung, sondern als selbstverständlicher Standard. «Das Interesse am nachhaltigen Bauen ist zwar gross. Aber oft geben die Kosten den Ausschlag und es wird dann letztlich doch konventionell gebaut.» Andri Gerber, Professor am Institut Konstruktives Entwerfen Um Bewegungen wie die Ökoarchitektur und ihre Entwicklung hin zum nachhaltigen Bauen zu verstehen, gilt es, den gesellschaftlichen Kontext zu erforschen. Dieser Diskurs ist nicht nur visuell, sondern auch sprachlich geprägt: «Architektur wird zwar primär über Bilder vermittelt, doch wie wir darüber sprechen und schreiben, beeinflusst das gesellschaftliche Wissen entscheidend», betont Gerber. Das Projektteam untersucht daher, wie in Fachkreisen und Medien wie der «NZZ» damals und heute über diese Themen berichtet wurde. Dafür nutzen die Forschenden Methoden der Korpuslinguistik, eines Teilbereichs der Sprachwissenschaft, der grosse Textsammlungen systematisch und computergestützt auswertet. So lassen sich Muster, Häufigkeiten und Bedeutungen erkennen. Im Fokus steht die Frage, welche Wörter, Argumente oder Metaphern verwendet werden – oder eben nicht – und welche Rückschlüsse sich daraus auf das kollektive Architekturwissen ziehen lassen. Manche Begriffe existieren schon lange, doch ihr Verständnis hat sich verändert: «Energie» etwa wurde früher mit «Verbrauch» assoziiert, heute eher mit «Sparen». Andere, wie «graue Energie» oder «Suffizienz», sind neu hinzugekommen. Was noch bleibt aus der Zeit der Ökoarchitektur, sind eine Reihe von Experimentalhäusern, an denen vieles erprobt wurde. In der Schweiz gab es beispielsweise rund hundert sogenannte Solarhäuser. «Viele bestehen noch immer und wir haben bereits einige besichtigt», erzählt Gerber. Zahlreiche Konzepte von damals haben sich etabliert. «Heute sind etwa Dämmung und Wärmeerzeugung sehr effizient», erklärt Gerber. Im Unterschied zu früher liegt heute deshalb das Augenmerk weniger auf dem Betrieb der Gebäude als zunehmend auf ihrer Erstellung, wo der grösste Ressourcenverbrauch stattfindet. Auch Themen wie Re-Use, Bestandserhalt oder alternative Baustoffe wie Lehm wurden bereits in den Nachkriegsjahrzehnten diskutiert. Dass sie sich lange Zeit nicht durchgesetzt haben, ist weniger ein technisches als vielmehr ein gesellschaftliches Problem und geknüpft an unbequeme Fragen: Wie gross ist unsere Bereitschaft zu mehr Suffizienz? Würden wir in einem Re-Use-Gebäude leben und dafür sogar höhere Kosten in Kauf nehmen, da die Wiederverwendung von Bauteilen oft aufwendig ist? Welche politischen Rahmenbedingungen müssten sich ändern, damit nachhaltiges Bauen erleichtert wird – etwa durch gelockerte Normen oder wirksame CO₂-Preisanreize? «Das Interesse am nachhaltigen Bauen ist zwar gross. Aber oft geben die Kosten den Ausschlag und es wird dann letztlich doch konventionell gebaut», räumt Gerber ein. «Heute lernen Architekturschaffende bereits im Studium, was eine Ökobilanz ist – es hat sich viel getan.» Andri Gerber, Professor am Institut Konstruktives Entwerfen Nachhaltigkeit ist heute in der Architektur ein zentrales Thema, keine Frage. Angesichts der Tatsache, dass die Bauindustrie weltweit rund 30 Prozent der CO₂-Emissionen verursacht und in der Schweiz für 80 Prozent des Abfallaufkommens verantwortlich ist, überrascht das nicht. «Diese Zahlen kennen heute alle Studierenden», so Gerber. «Als ich 1993 mit dem Architekturstudium begann, stand die Gestaltung klar im Vordergrund. Es gab das eher exotische Wahlfach Solarenergie, das kaum jemand belegte. Heute lernen die künftigen Architektinnen und Architekten bereits im Studium, was eine Ökobilanz ist – da hat sich viel getan.» Die Architektur ist im Wandel, und interessante Ansätze gibt es viele: von technischen Lösungen wie Recyclingbeton über innovative Holzbauten, wie sie in Skandinavien häufig sind, bis hin zum «Gebäudetyp E», mit dem Deutschland ein Zeichen für einfaches und ressourcenschonendes Bauen setzt. Dieses Konzept versuchsweise in der Schweiz einzuführen, ist auch Gerber ein Anliegen: «Flexiblere Vorgaben können den Bau nachhaltiger machen. Wird etwa die Trittschalldämmung weniger streng beurteilt, lassen sich mit dünneren Betondecken erhebliche Mengen CO₂ einsparen», erläutert Gerber das Prinzip. Oder künstliche Intelligenz, die Gerber zwar weniger bei der Gestaltung im Einsatz sehen möchte, bietet bei der Analyse bestehender Bauten in Bezug auf Energiebedarf und Optimierungspotenzial grosse Chancen. Das Thema bleibt komplex und Gerber ist überzeugt: «Die eine Lösung gibt es nicht. Wir müssen in Systemen und Zusammenhängen denken. Das gelingt nur, wenn Architekturschaffende gemeinsam mit anderen Fachleuten, etwa aus dem Energie- oder Bauingenieurbereich, an einem Strang ziehen und Synergien nutzen.» Aufmacherbild: Adobestock/Watercolor_Art_Photo Rahel Meister

Mit neuem Namen in die Zukunft 

Der Name wurde unserer Tätigkeit schon seit Längerem nicht mehr gerecht. Wir befassen uns auch mit Technikkommunikation, barrierefreier Kommunikation und mit Mensch-Maschine-Kommunikation. Zudem wird der Begriff «Übersetzen» immer mehr mit einer maschinellen Tätigkeit assoziiert als mit einer menschlichen. Der neue Name steht dafür, was wir wirklich tun: Wir stellen sicher, dass mehrsprachige Kommunikation funktioniert. Wir untersuchen diese wissenschaftlich und bilden Profis aus. In der Übersetzungsbranche sind solche Tools schon seit über 20 Jahren im Einsatz. Einerseits gibt es sogenannte Computer-Assisted Translation Tools (CAT-Tools): Die zu übersetzenden Texte werden in eine Software eingelesen und von einer Person übersetzt. Erkennt die Software Übereinstimmungen mit bereits vorhandenen Übersetzungen, können diese übernommen werden. Andererseits gibt es maschinelle Übersetzungstools, bei denen die Software selbstständig übersetzt. Wir haben diese Tools fortlaufend in die Forschung und in die Lehre integriert. Der Wendepunkt war 2016, als DeepL und Google Translate mit neuronal-maschinellen Übersetzungen aufkamen und diese wirklich gut waren. Davor waren die Ergebnisse der maschinellen Übersetzung meilenweit davon entfernt, was eine schlechte menschliche Übersetzerin produzierte. Plötzlich lieferten unsere Studierenden perfekt übersetzte Texte ab, die alle sehr ähnlich klangen. Beim Korrigieren dachte ich jeweils, ich lese 20 Mal denselben Text – was bei menschlichen Übersetzungen überhaupt nicht der Fall ist. So mussten wir unsere Leistungsnachweise schon damals überdenken. Als 2022 ChatGPT aufkam, waren wir nicht überrascht – nur davon, dass es alle gleich nutzten. «Wir brauchen nicht mit der Maschine zu konkurrenzieren.» Alice Delorme Benites, Leiterin Institut für Mehrsprachige Kommunikation Schon bei den CAT-Tools prophezeiten einige den Untergang der Übersetzungsbranche, was eindeutig nicht der Fall war. Andere hingegen sagen heute, KI werde uns genauso wenig ersetzen, wie es die CAT-Tools taten. Ich sehe aber einen grossen Unterschied: Mit KI-Tools arbeiten nicht nur Sprachprofis, sondern alle. Durch sie ist die Tätigkeit des Übersetzens in der öffentlichen Meinung vom Menschen auf die Maschine übergegangen. Während sich die Fachwelt überlegt, wie man die Tools in die Prozesse integrieren kann, geht die öffentliche Meinung immer mehr in die Richtung, dass es keine Übersetzerinnen und Übersetzer mehr braucht. Davor dürfen wir die Augen nicht verschliessen. Darum haben wir das Studium so angepasst, dass es zukunftsfähig ist. Wir brauchen nicht mit der Maschine zu konkurrenzieren. Die Rolle von Sprachprofis wird immer mehr in Richtung Beratung gehen. Nehmen wir das Beispiel einer Stadtverwaltung. Diese hat verschiedene Informationen für die nichtdeutschsprachige Bevölkerung: Broschüren, Infoveranstaltungen, Webtexte, touristische Stadtführungen und vieles mehr. Sprachprofis können die Stadt beraten, für welche Zwecke eine KI-Übersetzung ausreicht und wo sich eine menschliche Übersetzung lohnt. Wenn KI eingesetzt wird, benötigen sie ein Tool, eine Schulung dazu, wie man die Qualität sicherstellt, und ausserdem spezifische Workflows. Unsere Absolventinnen und Absolventen sind in der Lage, für ein Unternehmen massgeschneiderte Lösungen zusammenzustellen oder unternehmensseitig solche Lösungen einzuführen. Solche Fachleute wird es in jedem internationalen oder mehrsprachigen Unternehmen brauchen, es gab aber bisher keine Ausbildung. Man konnte sich höchstens mit Weiterbildungen im Bereich Technologie dafür qualifizieren. Ich beobachte den Jobmarkt seit vier Jahren intensiv. Die Jobbezeichnungen haben sich verändert. Es werden weniger Übersetzerinnen und Übersetzer gesucht, dafür aber zum Beispiel «AI Language Specialists» oder «Language Solution Integrators», also Personen, die an der Schnittstelle zwischen Sprache und Technologie arbeiten. Allgemein werden die Kompetenzliste und die Aufgabenliste in der Language Industry immer länger: Gute Sprachkenntnisse in zwei oder drei Sprachen, Sprachtechnologiekenntnisse und neu auch der Umgang mit Menschen sind wichtig, also nicht nur Teamfähigkeit, sondern auch, dass man Kunden betreuen kann. Ausserdem muss man den menschlichen Mehrwert im KI-gestützten System gut verkaufen können. KI-Tools übersetzen nicht schlecht, Sprachprofis bringen aber Sprachgebrauchs- und Kulturkenntnisse mit, um beurteilen zu können, ob der Output der Maschine gut ist. In der Werbung zum Beispiel muss man genau wissen, wie man die Zielgruppe anspricht. Sprachliche Nuancen können den Erfolg einer Kampagne massiv beeinflussen. Die Beurteilung und Optimierung der KI-gestützten Arbeit basiert weiterhin auf hervorragenden Sprachkenntnissen. «Der neue Name steht dafür, was wir wirklich tun: mehrsprachige Kommunikation ermöglichen.» Alice Delorme Benites, Leiterin Institut für Mehrsprachige Kommunikation Wir vermitteln nach wie vor einen grossen Rucksack an Kompetenzen: Sprache, Kultur, Textkompetenz und das Wissen, was gute Kommunikation zwischen zwei Kulturen ausmacht. Auf beiden Stufen fokussieren wir neu mehr auf Schnittstellen mit Sprachtechnologien, Beratungstätigkeit, strategischem und unternehmerischem Denken. Im Bachelorstudiengang gibt es drei Richtungen: «Informationsdesign», also technische Kommunikation, bleibt als Berufsfeld sehr gefragt. Daneben gibt es neu die Richtung «Multimodale Kommunikation», eine gute Mischung aus Sprache, Sprachtechnologie und Entrepreneurship, die einen zum Beispiel für Consulting und Projektmanagement fit macht. Neu ist auch die Richtung «Language Engineering», die sehr stark auf Sprachtechnologien ausgerichtet ist. Absolvent:innen wissen, was eine Technologielösung können muss, wie man sie in einem Unternehmen einführt, wartet und weiterentwickelt. Es ist nahe an Data Science. Im Masterstudiengang sind Leadership und Change Management zentral. Die Absolvent:innen sollen Teams leiten und strategisch weiterentwickeln können, unabhängig davon, was der nächste Technologiesprung bringt. Wir haben aber bewusst die Übersetzungskurse beibehalten, denn beim Übersetzen lernt man nicht nur übersetzen, sondern auch Kultur, denken, schreiben und kreativ sein. Übersetzen ist die praktische Anwendung aller Kompetenzen, die für gelungene Kommunikation benötigt werden. Wir sind weltweit praktisch die Einzigen, die diesen Weg eingeschlagen haben. Lange wurden wir auf Fachkonferenzen schräg angeschaut, man fragte uns: «Wieso schafft ihr euch selbst ab?» Aber heute fühlen wir uns bestätigt. In anderen Ländern mussten Übersetzungsinstitute schliessen, weil es keine Studierenden mehr gab. Andere kommen jetzt auf uns zu und sind an unserem Ansatz interessiert. Wir befassen uns auch in der Forschung stark mit den Möglichkeiten und Grenzen von KI-Tools in verschiedenen Kontexten, etwa im Gesundheits- oder Asylwesen. Dabei geht es nicht darum, ob der Mensch oder die Maschine besser ist, sondern darum, ein klares Bild davon zu bekommen, was die Tools leisten und wo menschliche Expertise gefragt ist. Interview: Sara Blaser

Die Kraft des Atems 

«Schnufe, schnufe, du muesch schnufe, einmal ine dann wieder use», singt Müslüm in seinem Hit «La Bambele». So einfach scheint es aber doch nicht zu sein. «Alle betonen, wie wichtig Atmung und Entspannung sind – doch nur wenige investieren tatsächlich Zeit, um gezielt Atemtechniken zu erlernen und sich darauf vorzubereiten», sagt Vanessa Leutenegger, Dozentin am Institut für Hebammenwissenschaft und reproduktive Gesundheit und die erste Hebamme, die das Doktoratsprogramm «Care & Rehabilitation Sciences» , das die ZHAW gemeinsam mit der Universität Zürich anbietet, absolviert hat. Im September hat sie ihre Doktorarbeit erfolgreich verteidigt. Zum Thema ihrer Forschungsarbeit «Breathing and relaxation during antenatal education» kam Vanessa Leutenegger durch ihre Tätigkeit als Hebamme. «Atmung ist die Fähigkeit, die dich weiterbringt bei der Geburt», weiss sie. Wer sich auf die Atmung konzentrieren kann, sei in der Lage, seinen Körper und Geist zu entspannen. Die Voraussetzung dafür aber sei, dass das bewusste Atmen wie im Yoga oder in der Meditation regelmässig geübt werde, sonst lasse es sich während der Geburt nicht abrufen. «In Gesprächen nach Geburten habe ich gemerkt, dass viele Frauen enttäuscht oder gar traurig sind, dass sie nicht in der Lage waren, sich auf die Atmung einzulassen, um den Schmerz zu lindern und die Entspannung zu fördern.» «Bei der Geburt oder eben in der Vorbereitung dazu, ist die Erkenntnis, dass Atmung etwas in einem bewirkt, wichtig. Dieses Gefühl vermittelt Sicherheit» Vanessa Leutenegger, Dozentin am Institut für Hebammenwissenschaft Für ihre Doktorarbeit hat Leutenegger zunächst die wissenschaftliche Evidenz zu Atem- und Entspannungstechniken ausgewertet. Danach sprach sie mit Expertinnen und Experten – darunter Frauen, die bereits geboren haben, Gynäkologinnen und Gynäkologen, Hebammen sowie Atemtherapeutinnen und Yogalehrerinnen – um zu verstehen, wie verschiedene Atemtechniken gelernt werden können, wirken und welchen Einfluss sie auf das Geburtserlebnis haben. «Bei Stress und in Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit kommen andere Techniken zum Zug als bei einer Geburt», erklärt sie. «Psychische Probleme können zwar auch Schmerz auslösen, aber nicht wie ein Baby, das auf den Knochen drückt.» Ein zentraler Faktor für ein positives Geburtserlebnis, hat Vanessa Leutenegger herausgefunden, ist Selbstwirksamkeit. «Bei der Geburt oder eben in der Vorbereitung dazu, ist die Erkenntnis, dass Atmung etwas in einem bewirkt, wichtig. Dieses Gefühl vermittelt Sicherheit», sagt Leutenegger, die für ihre Doktorarbeit eine einfache, aber effektive Atemtechnik entwickelt hat. «Ein höheres Mass an Selbstwirksamkeit geht mit einem positiveren Geburtserlebnis einher.» Ihre Erkenntnisse der letzten sechs Jahre hat sie in ihrer Dissertation zusammengefasst. «Ich habe den Ph.D. im Teilzeitpensum gemacht», erzählt Leutenegger. Durch die Kooperation zwischen der ZHAW und der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich wurde ein Programm geschaffen, das Hebammen den Zugang zu einem medizinischen Doktorat in der Schweiz ermöglicht – und zugleich flexible Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Forschung und Familie bietet. Ihre Dissertation entstand in einer Lebensphase, in der sich beides parallel entwickelte: Drei Kinder begleiteten sie durch die Promotionszeit. «Die Flexibilität und Unterstützung im Programm sowie die ZHAW als Arbeitgeberin haben es möglich gemacht», sagt Vanessa Leutenegger. Ihr Weg zeigt, dass wissenschaftliche Karriere und Familienleben sich nicht ausschliessen müssen. Der Doktortitel öffnet Vanessa Leutenegger neue Türen. Durch welche sie treten wird, mag sie noch nicht sagen. Ein Thema, das sie aber beschäftigt, ist die Professionsentwicklung. «Forschung und Lehre sind beide spannende Felder», findet sie. Klar ist, dass sie ihrem Beruf treu bleiben wird: «Familien in der Zeit vor, während und nach der Geburt als Hebamme zu begleiten, kann keine andere Stelle ersetzen.» Marc Bodmer

Ratings für Green Finance: Künstliche Intelligenz statt Handgelenk mal Pi

Wer heutzutage Geld anlegt, will nicht nur das Vermögen vermehren, sondern auch ein bisschen die Welt retten – oder zumindest die Klimawende erleichtern. «Nachhaltigkeit ist in der Finanzindustrie ein Megatrend», sagt Jan-Alexander Posth vom ZHAW Institut für Wealth & Asset Management . Davon zeugt die wachsende Angebotspalette in der Branche. Der Finanzdatenanbieter Morningstar zählt 7486 Nachhaltigkeitsfonds, oft tragen sie die Bezeichnung ESG im Namen. Das Kürzel steht für die Berücksichtigung der Auswirkungen auf Umwelt (Environment) sowie Menschen (Social) und für eine Einstufung der Unternehmensführung (Governance). In den ersten neun Monaten 2021 haben sich die Anlagen in diese Fonds laut Morningstar auf 3893 Milliarden US-Dollar verdoppelt. Gelder, die nach ESG-Kriterien direkt in Aktien, Obligationen oder andere Finanzinstrumente investiert werden, sind in dieser Summe noch nicht mal eingerechnet. Institutionelle Investoren wie Pensionskassen richten ihre Anlagen ebenfalls verstärkt an ESG-Kriterien aus. Gemäss dem Schweizer Pensionskassen-Index der Grossbank Credit Suisse (CS) haben diese Vorsorgeeinrichtungen 32,1 Prozent ihrer Gelder «sehr nachhaltig» angelegt. Massgeblich für diese Einschätzung sind die ESG-Ratings der eingesetzten Finanzprodukte durch den Finanzdienstleister MSCI. «Unser Anspruch ist es, verlässlichere Massstäbe für die Auswahl eines grünen, nachhaltigen Investments bereitzustellen.» Jan-Alexander Posth, Institut für Wealth & Asset Management Die Sache hat allerdings einen Haken. Bei den ESG-Ratings komme es vor, dass die eine Ratingagentur ein Unternehmen mit «gut» benote, die andere Agentur aber zum gegenteiligen Schluss komme, sagt Jan-Alexander Posth, zu dessen Forschungsschwerpunkten Sustainable Finance sowie Digitalisierung & Künstliche Intelligenz gehören. Das heisst: Wer nachhaltig investieren will, stochert im Nebel. Genauso geht es Unternehmen, die sich gegen den Klimawandel stemmen wollen. Für sie bleibt rätselhaft, was sie konkret ändern müssen. Hier hakt das Institut für Wealth & Asset Management ein. «Unser Anspruch ist es, verlässlichere Massstäbe für die Auswahl eines grünen, nachhaltigen Investments bereitzustellen», erklärt Posth, selbst promovierter Physiker und lange in der Finanzbranche tätig. Dabei kommt Künstliche Intelligenz zum Zug. Ein Projekt will beispielsweise Satellitendaten nutzen, um die Auswirkungen von Bergbauunternehmen auf die Biodiversität aufzuzeigen. Dabei geht es nicht nur darum, mit gewöhnlichen Satellitenbildern Abholzungen von Urwald aufzuspüren. Vielmehr sollen auch multispektrale Daten genutzt werden, die vom Infrarot- bis in den Radarbereich reichen und recht detaillierte Aussagen über Pflanzenarten, Geländeformationen und vieles mehr erlauben. Während dieses Vorhaben unter der Federführung von Tomasz Orpiszewski in der Anfangsphase steht, befindet sich ein zweites Projekt mitten in der Umsetzung. Hier geht es darum, wie nachhaltig die Technologien eines Unternehmens sind. Dieses Projekt wertet das Patentportfolio eines Unternehmens KI-gestützt aus und identifiziert so Firmen, die zum Beispiel im Bereich CO 2 -Verminderung besonders aktiv Innovationen vorantreiben. Die Datenbasis ist in einem ersten Schritt ein Satz mit 2,5 Millionen Patenten von 1990 bis 2021 in englischer Sprache. Sie stammen aus mehreren Ländern und decken die Patentklasse Y02 des Europäischen Patentamts mit den klimarelevanten Technologien ab (Climate Mitigation Technologies). Das von der Innosuisse finanzierte Projekt läuft gemeinsam mit der Universität Basel und dem Projektpartner EconSight GmbH , der sich auf die Analyse des Wettbewerbsumfelds in Zukunftstechnologien spezialisiert hat. «Was eine Firma heute an Patenten einreicht, wird in der Regel in drei bis vier Jahren am Markt eingesetzt», erläutert Jochen Spuck, Chief Technology Officer von EconSight. Er unterzieht Unternehmen vertieften Patentanalysen und identifiziert so jene, die im Klimawandel punkten werden. Die Ergebnisse sind manchmal verblüffend. Die Erdölkonzerne Shell, Exxon und Total zum Beispiel bemühen sich auf den ersten Blick gleichermassen um Nachhaltigkeit, doch Spuck ist überzeugt, dass die französische Total dank einer Vielzahl von relevanten «grünen» Patenten – etwa in den Bereichen Photovoltaik, Batterietechnologie oder Automation – ihre beiden Konkurrenten deutlich überflügeln wird. «Die Maschine erkennt also, ob ‘Bank’ für eine Sitzgelegenheit im Park steht oder für eine Bank, bei der ich ein Konto eröffnen kann.» David Jaggi, Institut für Wealth & Asset Management Tausende von Patenten hat EconSight bereits klassifiziert. Sie kommen nun als Daten-Lernsatz auf eine Deep-Learning-Workstation, erklärt David Jaggi , Mitglied in Posths Projektteam. Dabei handelt es sich um einen besonders leistungsfähigen Computer, der für den Einsatz mit Künstlicher Intelligenz optimiert ist. Er durchforstet die Patenttexte mit einem Deep-Learning-Sprachmodul, das nicht nur einzelne Wörter, sondern auch ihren Kontext versteht. «Die Maschine erkennt also, ob ‘Bank’ für eine Sitzgelegenheit im Park steht oder für eine Bank, bei der ich ein Konto eröffnen kann», sagt David Jaggi. Mit dem Lernsatz und einem Teil der 2,5 Millionen Patente trainiert er Computer. Jeden Patenttext stellt er numerisch dar, vergleicht automatisch Muster und Zusammenhänge. Dann gilt es ernst: ein erster Durchlauf, bei dem ein bislang nicht benutzter Satz an Patenten eingesetzt wird. «Dabei zeigt sich, wie gut der Algorithmus mit Daten zurechtkommt, die er noch nie gesehen hat», sagt Jaggi. Ablesen lässt sich der Erfolg an jenen Patenten und Unternehmen, die schon EconSight bewertet hatte. Kommt der Computer zu einem vergleichbaren Resultat? Falls nicht, ist Nachsitzen angesagt: Justierungen vornehmen, am Algorithmus feilen, neue Trainingsrunden absolvieren, bis das Ziel erreicht ist: eine verlässliche Einstufung, wie gut eine Firma in den klimarelevanten Technologiefeldern aufgestellt ist. Bislang rechne fast jeder ESG-Ratinganbieter nach einer anderen Methodik, sagt Projektteammitglied Linus Grob, «deshalb sind die Resultate der verschiedenen Ratinganbieter halt schlecht vergleichbar». Etablierte Kennzahlen fehlen noch, zudem beruhen viele Angaben auf kaum überprüfbaren Selbstdeklarationen der Unternehmen. Ein transparentes, belastbares Rating hat einen grossen Stellenwert, wie Projektleiter Posth verdeutlicht: «Um den Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft zu schaffen, müssen wir die Finanzströme so umlenken, dass innovative Ansätze und nachhaltige Technologien begünstigt, klimaschädigende Produktionsweisen aber verteuert werden.» Umlenken ohne Leitplanken und Wegweiser sei ein Ding der Unmöglichkeit: «Fehlen verlässliche Daten und Vorgaben zur Entscheidungsfindung, missglückt letztendlich auch der Wandel.» (Aufmacherbild: lvalin ) Thomas Müller

Auftanken und lernen im Garten

Blumen pflanzen, Erde umgraben oder Schmetterlinge beobachten – ein Garten bietet Erholung von unserem digitalisierten Alltag. Diese Erfahrung soll das neue Lernmodul «Lebensraum Garten» Studierenden der Departemente Gesundheit sowie Life Sciences und Facility Management ermöglichen. Die Studierenden aus Winterthur und Wädenswil werden gemeinsam zwei Tage auf dem Gartenareal des ZHAW-Campus in Wädenswil verbringen. Mit dabei sind auch ältere Personen, die ihre Gartenerfahrungen einbringen. So soll ein Austausch unter den verschiedenen Fachrichtungen und Generationen angeregt werden. Die Studierenden werden gemeinsam mit den Seniorinnen und Senioren Kleingruppen bilden und sich für eine Projektarbeit auf ein spezifisches Thema wie etwa Brennnesseln oder Pilze einigen, erklärt Andrea Glässel vom Institut für Public Health , die das Angebot zusammen mit Dorit van Meel vom Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen entwickelt hat. Dabei flossen auch Antworten aus Interviews mit Studierenden und älteren Menschen ein, die im Rahmen einer Masterarbeit geführt wurden. «Ökologie und Natur gehören dauerhaft in die Ausbildung.» Dorit van Meel «Die Teams werden sich mit verschiedenen Aspekten rund um die gewählte Pflanze befassen, zum Beispiel mit der Funktion für das Ökosystem, dem Wachsenlassen, Ernten oder der Weiterverarbeitung», erklärt die Professorin. Danach gelte es, die Ergebnisse interaktiv zu präsentieren. Parallel zu den Gruppenarbeiten werden Themen wie Ökologie und Biodiversität im Rahmen von Online-Lerneinheiten weiter vertieft und die Teilnehmenden zum Reflektieren angeregt – unter anderem mithilfe eines Lernjournals. Das Modul zielt einerseits darauf ab, dass angehende Gesundheitsfachpersonen das erworbene Wissen später in ihrem Beruf anwenden. Zum Beispiel könnten Physiotherapeutinnen ihre Patienten motivieren, mehr nach draussen zu gehen, oder Pflegefachpersonen in einem Alters- oder Rehabilitationszentrum mit den Patientinnen den Garten besuchen, erklärt Glässel. Anderseits sei aber auch die persönliche Erfahrung wichtig. «Bewegung im Grünen reguliert Stress, verbessert die Stimmung und die kognitiven Funktionen.» Die angehenden Umweltingenieurinnen und -ingenieure seien wohl meist schon vertrauter mit Natur- und Umweltthemen als die Studierenden der Gesundheitsberufe, sagt Dorit van Meel. Dennoch könnten auch sie viel vom neuen Modul profitieren: «Im Austausch mit Menschen aus anderen Disziplinen sollen sie eine gemeinsame Sprache finden und lernen, ihr Know-how verständlich zu vermitteln.» Das sei hilfreich, wenn sie später vielleicht mit Nonprofitorganisationen oder Vereinen arbeiten würden, erklärt van Meel. «Biodiversität hat immer auch mit Menschen zu tun.» Im Zentrum der Lehrveranstaltung stehe weniger der reine Output, sondern die Förderung von sogenannten Future Skills wie etwa systemischem Denken und Kooperation. «Bewegung im Grünen reguliert Stress, verbessert die Stimmung und die kognitiven Funktionen.» Andrea Glässel, Professorin am Institut für Public Health Bis die Veranstaltung «Lebensraum Garten» zum ersten Mal durchgeführt werden kann, braucht es jedoch weitere finanzielle Mittel. Pro Durchlauf sollen rund 15 Studierende und etwa 5 ältere Menschen teilnehmen können. Bei Letzteren handelt es sich zumeist um Personen im Ruhestand, die sich im Umfeld der öffentlichen Gartenanlage in Wädenswil bewegen und sich zur Verfügung stellen, ihr Erfahrungswissen einfliessen zu lassen. Später könne man sich vorstellen, das Modul auszubauen und auch für andere Departemente zu öffnen, stellt Dorit van Meel in Aussicht. «Ökologie und die gesundheitsfördernden Effekte der Natur sollten zu einem dauerhaften Teil weiterer Studiengänge werden», findet die Biologin und Dozentin. «Unsere Vision ist ein Campusgarten, in dem sich Generationen begegnen, voneinander lernen und sich miteinander von der Natur inspirieren lassen.» (Aufmacherbild: Adobestock/Magic Moments) Andrea Söldi

  • «
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • ....
  • »
  • Impressum
  • Datenschutzerklärung
  • Netiquette
  • Cookies
© ZHAW
  • Home

  • Rubriken

    • Editorial

      Vorwort der Chefredaktion

    • Alumni

      Was ZHAW-Absolventinnen und -Absolventen heute machen

    • Menschen

      Wir schauen Forschenden und Dozierenden über die Schulter

    • Dossier

      Das Schwerpunktthema jeder Ausgabe

    • Forschung

      Neues aus der ZHAW-Forschung

    • Studium

      Einblick in Studienangebote

    • Interview

      Fachleute diskutieren

    • Spotlight

      Umfragen zu den Schwerpunktthemen

    • Meinung

      Standpunkte von ZHAW-Angehörigen

    • Panorama

      Vermischtes aus dem Campusleben

    • Perspektivenwechsel

      Blick nach aussen und von aussen auf die ZHAW

    • Abschlussarbeiten

      Bachelor- und Masterarbeiten im Kurzporträt

  • Suche

  • Archiv

  • Vorherige Ausgabe

  • Über das ZHAW-Impact und die ZHAW

Schliessen