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Ein Rezept für das Spital der Zukunft

Ins Spital der Zukunft treten Patientinnen und Patienten besser vorbereitet ein, während ihres Aufenthalts wird ihr Gesundheitszustand genauer und kontinuierlich erfasst, zudem werden sie früher nach Hause entlassen und trotzdem optimal nachversorgt. Und dies alles ohne zusätzliche Belastung des Personals und ohne Qualitätseinbussen. Was fast zu schön klingt, um wahr zu sein, soll durch den konsequenten Einsatz neuer Organisationsformen, digitaler Technologien und mittels der Vernetzung von Abläufen und Daten ermöglicht werden. Dadurch sollen Spitäler kontinuierlich von einem teuren und schwerfälligen Akteur in ein intelligentes und agiles System transformiert werden. Dieses Zukunftsszenario soll gegen Kostendruck, Personalmangel oder Überbelegung helfen und wird derzeit im Rahmen des ambitionierten Innosuisse-Projekts «Smart Hospital – Integrated Framework, Tools & Solutions» , kurz SHIFT, erforscht. Dahinter steht ein Konsortium aus fünf Forschungspartnern, 20 Spitälern und 24 Industriepartnern. Ziel des Projekts, das 2022 startete und noch bis 2025 dauert, ist es, eine Daten- und Wissensplattform zu schaffen, die aufzeigt, wie diese Transformation praktisch gelingen kann. Nach der ersten Phase des SHIFT-Projekts, in der die Bedürfnisse aller Beteiligten erfasst und Konzepte entwickelt wurden, wird nun in der zweiten Phase alles konkret erprobt. Unter anderem in Basel am Universitätsspital. Dort kommen Wearables – kleine tragbare Computer wie Smartwatches etc. – zum Einsatz, die mittels mobiler Sensoren Vitalparameter wie Herz- und Atemfrequenz messen. Professor Jens Eckstein, ärztlicher Leiter von SHIFT und leitender Arzt und Chief Medical Information Officer am Universitätsspital Basel, hat damit viel Erfahrung. Er und sein Team setzen sich seit zehn Jahren mit dem Thema auseinander und sind deshalb prädestiert dafür, um Geräte, Abläufe und auch die Akzeptanz zu testen. Im Rahmen von SHIFT setzt Eckstein die Sensoren ein, um beispielsweise eine bessere Schlafqualität bei Patientinnen und Patienten zu erreichen und Nachtdienste zu entlasten: «Ein pflegerischer Nachtdienst ist für rund 30 Patientinnen und Patienten zuständig. Ohne Wearables geht der Nachtdienst mit einer Taschenlampe von Bett zu Bett.» Dabei würden jene, die aufgrund von Krankheit, Spitalumgebung, Bettnachbar etc. per se nicht optimal schlafen, geweckt und hätten oft Mühe, wieder einzuschlafen. Eine schlechte Nacht wirkt sich nicht optimal auf das Wohlbefinden aus. «Die Bereitschaft für und der Wunsch nach Monitoring nehmen zu, sobald es einer Person schlecht geht.» Jens Eckstein, ärztlicher Leiter von SHIFT «Wenn die Patientinnen und Patienten Wearables tragen und der Nachtdienst auf einem Bildschirm ihre Werte überprüft, kann er sich auf die Personen mit schlechten Werten konzentrieren und die anderen schlafen lassen», so Eckstein. Er betont dabei, dass diese Technik im Rahmen der Studie zusätzlich zur sonst üblichen Versorgung zum Einsatz komme. «Wir übernehmen diese Routine erst, wenn wir sicher sind, dass wir bei gleicher Qualität Ressourcen sparen, die Sicherheit erhöhen und die Pflege nicht zusätzlich stressen.» Die Frage, ob sich Patientinnen und Patienten beim Einsatz von Wearables nicht von Geräten und Algorithmen überwacht fühlten, verneint Eckstein klar. «Während der Covid-19-Pandemie setzten wir zur Überwachung von isolierten Patientinnen und Patienten Wearables ein und stellten fest: Es hilft ihnen, sich nicht allein gelassen zu fühlen.» Gesunde Personen würden sich eher gegen eine ständige Überwachung und Anzeige ihres Gesundheitszustands aussprechen. «Die Bereitschaft für und der Wunsch nach Monitoring nehmen zu, sobald es einer Person schlecht geht.» «Neue Abläufe in bestehende Strukturen einzubringen, ist schwieriger, als nur neue Technologien zu etablieren» Jens Eckstein, Chief Medical Information Officer am Universitätsspital Basel Ein weiteres SHIFT-Projekt setzt darauf, Patientinnen und Patienten bereits vor ihrem Eintritt ins Spital besser vorzubereiten, Fachleute sprechen von prähabilitieren. Wie das aussehen könnte, beschreibt Eckstein so: «Nehmen wir an, eine Person mit Hüftproblemen bewegt ihr Bein kaum noch. So werden die Muskeln schwach und das Bein ist unzureichend auf die OP vorbereitet.» Mobile Sensoren können den Bewegungsmangel erkennen und die Person mit motivierenden Apps und Videos gezielt zum Training anregen. «Ist das Bein in einem besseren Zustand, verkürzt sich in der Regel die Aufenthaltsdauer im Spital.» «Hospital at Home» nennt sich ein weiteres Projekt – für Jens Eckstein das heikelste, denn der Übergang vom Spitalaufenthalt in die häusliche Versorgung stellt eine kritische Phase im Behandlungsprozess dar. In der SHIFT-Pilotstudie werden aktuell 53 Patientinnen und Patienten bei ihrem frühzeitigen Übertritt nach Hause in enger Absprache mit den zuständigen Hausärztinnen und -ärzten aktiv begleitet durch die digitale Gesundheitsplattform Medgate. «Dies erfordert eine dichte Kommunikation zwischen allen Beteiligten – viele Prozesse mussten aufgegleist werden, um den Informations- und Datenfluss zu gewährleisten», sagt Eckstein. Dies gilt ganz grundsätzlich für alle SHIFT-Projekte: «Neue Abläufe in bestehende Strukturen einzubringen, ist schwieriger, als einfach nur neue Technologien zu etablieren», erklärt der ärztliche Leiter. Ein neuer Prozess müsse die sicherere und bessere Betreuung der Patientinnen und Patienten gewährleisten. «Auch müssen diese mitmachen und die Sensoren tragen. Dafür ist eine positive Kommunikation unabdingbar.» Aber auch die Mitarbeitenden müssten vom Mehrwert von Neuerungen wie Wearables überzeugt werden. «Wenn das Spitalpersonal das Gefühl hat, es sei durch den Einsatz – beispielsweise durch das Aufladen der Geräte – zusätzlich be- und nicht entlastet, ist das hinderlich.» Ausschlaggebend für eine erfolgreiche Etablierung neuer Strukturen sei nicht, ob man das als Institution wolle, sondern ob alle Beteiligten einen Mehrwert darin sehen. «Ein zentraler Punkt der aktuellen Studie ist deshalb auch, das Vertrauen der Hausärztinnen und Hausärzte in diese neuen Strukturen zu gewinnen. Wir sind auf gutem Weg und sehen, wie unser Projekt erste Früchte trägt», sagt Eckstein. «Die Projekte ergeben in der Summe ein Rezept voller transdisziplinärer Innovationen, das jedem Spital die Zutaten für die digitale Transformation liefert.» Johanna Stahl, Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW Insgesamt umfasst SHIFT elf Unterprojekte. «Sie ergeben in der Summe ein Rezept voller transdisziplinärer Innovationen, das jedem Spital die Zutaten und Vorgehensweisen für die digitale Transformation mitliefert», sagt Johanna Stahl vom Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie (WIG) der ZHAW. Stahl ist für das operative Management des Projekts zuständig. «In einer ersten Phase haben wir die Projekte konzeptualisiert und die Bedürfnisse aller Beteiligten erfasst.» Vor allem in der ersten Phase habe sich gezeigt, dass in Spitälern zwar viele technologische Innovationen zum Einsatz kämen, oft aber ohne die Gesamtorganisation zu berücksichtigen. «Digitale Transformationsprojekte werden aktuell als IT-Projekte behandelt», erklärt Stahl. Dabei werde der Fokus auf den Menschen und auf den Change-Prozess generell nicht ausreichend berücksichtigt. «Bei SHIFT arbeiten wir bedürfnisorientiert und klären beispielsweise ab, wie wir bei Personal und Patientinnen und Patienten Akzeptanz für Künstliche Intelligenz und Virtual Reality schaffen können.» Zudem werde erforscht, wie die vielen Prozesse des Spitalalltags effizienter und effektiver gestaltet werden können. Stahl verdeutlicht das an einem Beispiel: «Trete ich als Frau in gewissem Alter ins Spital ein, muss ich bei jeder neuen Kontaktperson die Frage beantworten, ob ich schwanger bin. Dabei könnte diese Information einmal erfasst und an alle Spitaleinheiten weitergegeben werden.» Durch technologische Unterstützung der Prozesse würde das medizinische Personal mehr Zeit für seine Kernaufgaben erhalten. Die letzte und entscheidende SHIFT-Phase startet im nächsten Jahr: Dann sollen die Ergebnisse aus den Pilotprojekten nachhaltig implementiert werden – das Rezept muss sich bewähren. Kathrin Reimann

Der digitale medizinische Begleiter erinnert an Diät und Training

Health-Apps gibt es zuhauf, doch so gross die Motivation beim Herunterladen auch ist: Nach ein paar Wochen hat sie meistens wieder deutlich nachgelassen. Am Institut für Wirtschaftsinformatik der ZHAW wird seit 2017 untersucht, wie digitale Begleiter die Behandlung von chronischen Krankheiten unterstützen können. Zusammen mit dem Industriepartner Helmedica AG wurde dazu eine App entwickelt, die den Austausch von Adipositaspatientinnen und -patienten mit Gesundheitsfachleuten ins Zentrum stellt. «Wenn man weiss, dass auch die Ärztin in der App einsehen kann, ob man vereinbarte Therapiemassnahmen einhält und das beim nächsten Termin auch thematisiert, steigt die Verbindlichkeit stark», ist Instituts- und Projektleiter Andri Färber überzeugt. «Heute wird in Konsultationen viel Zeit darauf verwendet, die von den Erkrankten ergoogelten Diagnosen richtigzustellen und einzuordnen.» Andri Färber, Leiter des ZHAW-Instituts für Wirtschaftsinformatik Im ersten Praxisteil des von Innosuisse geförderten Forschungsprojekts wurde nun die Gebrauchstauglichkeit der App getestet, wie die wissenschaftliche Mitarbeiterin Mirella Moser sagt. Gut zwei Dutzend Erkrankte sowie mehrere Gesundheitsfachleute wandten den digitalen Begleiter über einige Wochen und zwei Arzttermine hinweg an. Es wurden darin etwa Krankheitsgeschichte, Essverhalten oder Fragen für die kommende Konsultation festgehalten, aber auch Therapiemassnahmen oder Links der Ärztinnen und Ärzte für weiterführende Informationen. Gerade Letzteres sei nicht zu unterschätzen, betont Färber. «Heute wird in Konsultationen viel Zeit darauf verwendet, die von den Erkrankten ergoogelten Diagnosen richtigzustellen und einzuordnen.» «Die Patientinnen und Patienten fühlten sich mit der App nicht nur besser vorbereitet, sie gingen auch mit mehr Selbstbewusstsein ins Gespräch.» Mirella Moser, wissenschaftliche Mitarbeiterin der ZHAW «Die Patientinnen und Patienten fühlten sich mit der App nicht nur besser vorbereitet», stellt Moser nach einer ersten Auswertung der Ergebnisse fest. «Sie gingen auch mit mehr Selbstbewusstsein ins Gespräch.» Geschätzt hätten die Testpersonen ausserdem, dass der digitale Begleiter ihnen einen Rahmen geboten habe, um das eigene Verhalten und Befinden zu reflektieren und festzuhalten. «Es war, als hätte man seine Ufzgi nicht gemacht.» Ursula Raths, eine der Testpersonen Nicht zuletzt habe das gemeinsame Erarbeiten des Therapieplans diesen verbindlicher gemacht, sagt die Forscherin. «Wenn ich die vereinbarten Massnahmen mal nicht einhielt, hatte ich gleich ein schlechtes Gewissen», erzählt Ursula Raths, eine der Testpersonen, lachend. «Es war, als hätte man seine Ufzgi nicht gemacht.» Der medizinischen Praxisangestellten kam die Teilnahme am Forschungsprojekt damals gerade recht. Seit der Menopause habe sie Jahr für Jahr etwas zugenommen, was sich irgendwann auch auf ihre Kondition ausgewirkt habe. «Wie eine alte Dampflok», erzählt die 65-Jährige, habe sie sich eines Tages am Berg gefühlt. Die App habe ihr nicht nur bewusster gemacht, was sie tatsächlich esse und trinke, sondern auch den Einstieg in neue Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten erleichtert. So habe die gemeinsame Anwendung des digitalen Assistenten mit ihrer Ärztin zutage gefördert, dass sie eigentlich gut auf das Frühstück verzichten könnte. Intervallfasten, gepaart mit viel Bewegung, stellte sich für sie als der ideale Weg heraus. «Ich konnte viel individueller beraten, wo ich sonst vielleicht vorgespurtere Wege eingeschlagen hätte.» Matthias Günthard, Arzt Den Gesundheitsfachleuten wiederum habe die App dabei geholfen, sich schneller und besser in die Lage der Betroffenen zu versetzen und sich gezielter auf die Konsultation vorzubereiten, ergänzt Färber. «Die Zeit für die Anamnese konnte so drastisch verkürzt werden.» Ausserdem falle die Qualität der Daten zu Krankheitsgeschichte und Gesundheitszustand oft höher aus, wenn sich Patientinnen und Patienten zu Hause und in Ruhe dazu Gedanken machen können, das habe eine andere Studie der ZHAW zum Thema ergeben. «Der digitale Begleiter macht es leichter, zusammen mit den Patienten präzise auf sie zugeschnittene Massnahmen festzulegen», sagt auch Arzt Matthias Günthard, der am Projekt teilgenommen hat. «Ich konnte viel individueller beraten, wo ich sonst vielleicht vorgespurtere Wege eingeschlagen hätte.» An den bisherigen Ergebnissen hat Färber aber etwas besonders überrascht: «Es kam durchaus auch den Patientinnen und Patienten entgegen, wenn die Konsultation effizienter ablief und der Arzt schneller zum Punkt kam», sagt er. «Das hätte ich so nicht erwartet.» Es braucht also vielleicht gar nicht immer viele einleitende Worte, um eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich eine betroffene Person wohl und ernst genommen fühlt. «Wenn jemand über die gesundheitlichen Probleme gut Bescheid weiss, dürfte das oft ausreichend Vertrauen und Glaubwürdigkeit schaffen.» In der zweiten Testphase des Forschungsprojekts soll nun geprüft werden, wie die App zur Einhaltung von Therapiemassnahmen beitragen kann. Diese sogenannte Adhärenz ist ein entscheidender Faktor der Volksgesundheit und liegt gemäss WHO heute bei durchschnittlich 50 Prozent, wie Färber weiss. Wie gut sich jemand an vereinbarte Ziele hält, hängt aber auch von deren Form ab: So nehmen zum Beispiel neun von zehn Diabetikerinnen und Diabetikern regelmässig die verschriebenen Medikamente ein. Doch nur die Hälfte hält auch wie empfohlen Diät, und gerade einmal ein Fünftel nimmt an einem Fitnessprogramm teil. Der Projektleiter ist sicher: «Wenn die durchschnittliche Adhärenz nur schon auf 60 oder 70 erhöht werden könnte, hätte dies gewaltige Wirkung.» «Sowohl die eigenen Aufzeichnungen als auch die Sensordaten zeigen, dass eine Person nicht wie abgemacht zwei Mal pro Woche schwimmen geht.» Andri Färber, Projektleiter Der an der ZHAW entwickelte digitale Begleiter erhebt zum einen die tatsächliche Adhärenz einer Person und gleicht diese mit den festgelegten Therapiezielen ab – mittels Selbstdeklarationen der Testpersonen, Trackerarmband und einer an die App angeschlossenen Waage, die die Zahl der zurückgelegten Schritte oder Gewichtsveränderungen messen. Zum anderen soll ein mit ChatGPT erstellter Konversationsagent gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten etwa ergründen, warum eine vereinbarte Massnahme nicht eingehalten wurde, und nach alternativen Wegen suchen, wie sich diese Ziele dennoch erreichen liessen. Färber illustriert das mit einem Beispiel: «Sagen wir, sowohl die eigenen Aufzeichnungen als auch die Sensordaten zeigen, dass eine Person nicht wie abgemacht zwei Mal pro Woche schwimmen geht», so der Forscher. Vielleicht fördere der Austausch mit dem digitalen Assistenten zutage, dass sich die Person vor anderen sehr unwohl fühle im Badeanzug. Gemeinsam gelange man dann möglicherweise zur Lösung, frühmorgens in die Badi zu gehen oder das Schwimmen an eine wenig frequentierte Stelle am See zu verlegen. Schon zu Beginn des Forschungsprojekts war klar, dass digitale Assistenten dereinst nicht nur bei Adipositas zur Anwendung kommen sollen, sondern auch bei anderen chronischen Krankheiten. Industriepartner Helmedica AG hat sogar bereits eine erste Variante auf den Markt gebracht: Für das Kantonsspital St. Gallen implementierte das Unternehmen einen digitalen Begleiter für COPD-Patientinnen und COPD-Patienten. Bei dieser chronischen Lungenerkrankung sei es fundamental, möglichst schnell auf plötzliche Verschlechterungen zu reagieren, erklärt Färber. Die Erkrankten würden darum allabendlich in der App einen kurzen Fragebogen ausfüllen. Werde ein bestimmter Grenzwert an zwei aufeinanderfolgenden Tagen überschritten, biete das Spital die Person automatisch zu einem Kontrolltermin auf. Solch neue Anwendungen sollen bald auch in grossem Stil Schub erhalten. So will die E-Health-Anbieterin AD Swiss digital unterstützte Behandlungsprogramme für chronische Erkrankungen weiter voranbringen, wie Färber sagt. Für dieses Unterfangen habe das Unternehmen – dem er künftig als Geschäftsführer vorstehen wird – neben den bisherigen Aktionären wie etwa dem Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH auch mehrere neue Investoren gewinnen können, unter anderem den Krankenversicherer Swica und die Unternehmensgruppe Galenica. «Dieses Joint Venture steht für das Vertrauen in das grosse Potenzial von digitalen Begleitern.» Ümit Yoker

Von der Suchtberatung bis zur Spaziergeh-App

Während seines stationären Aufenthalts in einer psychosomatischen Rehaklinik für Burnout wird Marcel bereits auf seine Rückkehr in den Alltag vorbereitet. Das Fachpersonal instruiert ihn, wie er Frühwarnsymptome erkennt, mit einer App überwacht und bei einem Rückfall die Therapeutin per Online-Chat erreicht. «So kann eine weitere therapeutische Begleitung frühzeitig beginnen und nahtlos in den Alltag integriert werden», erklärt die Gesundheitswissenschaftlerin Elke Weber. Solche digitalen Gesundheitsinterventionen haben das Ziel, die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zu verbessern. Dazu zählen nicht nur Apps, sondern auch Websites, Online-Beratungen oder telemedizinische Plattformen, auf denen Ärztinnen und Ärzte Daten wie Röntgenbilder oder Laborwerte weiterleiten und besprechen können. «Digitale Angebote sind eine grosse Chance, um Wartezeiten auf eine Beratung zu überbrücken oder um Patientinnen und Patienten zwischen Therapiesitzungen mittels Gesundheitsedukation zu begleiten», erklärt Weber. «So kann eine weitere therapeutische Begleitung frühzeitig beginnen und nahtlos in den Alltag integriert werden.» Elke Weber, Gesundheitswissenschaftlerin Die wissenschaftliche Mitarbeiterin unterrichtet an der ZHAW das Modul «Grundlagen digitaler Gesundheitskompetenz und -interventionen». Angeboten von der Fachstelle Interprofessionelle Lehre , ist es für zukünftige Hebammen sowie angehende Fachleute für Physiotherapie, Ergotherapie, Gesundheitsförderung und Pflege zugänglich. «Dadurch haben wir die Möglichkeit, die interdisziplinäre Zusammenarbeit – die erheblich zum Erfolg einer Behandlung oder Beratung beiträgt – zu üben und zu verstehen», sagt Weber. In drei Unterrichtsteilen stärkt sie die Kompetenz der Studierenden, selbst digitale Angebote zu nutzen und zu entwickeln. Die Grundlage zu allen digitalen Interventionen bildet dabei die digitale Gesundheitskompetenz: «Wir müssen Menschen befähigen, online seriöse Gesundheitsinformationen aufzufinden, zu verstehen und für das eigene Gesundheitsverhalten zu nutzen», erklärt Weber. Die Gesundheitswissenschaftlerin beobachtet, dass die Zahl der Apps und Websites rasant ansteigt, während gerade vulnerable Gruppen wie Jugendliche oder ältere Menschen Mühe haben, vertrauenswürdige Angebote zu erkennen und davon zu profitieren. Deshalb ist es der Gesundheitsförderin ein besonderes Anliegen, dass die Studierenden verstehen, wie online Vertrauen und Akzeptanz gegenüber neuen digitalen Hilfsmitteln entstehen. Ihre Studierenden führt sie deshalb in die Online-Vertrauens- und -Akzeptanzforschung ein und lässt sie bestehende digitale Gesundheitsangebote kritisch untersuchen: Wirkt das Angebot auf mich professionell? Gibt es ein Impressum? Bringen die dort aufgeführten Leistungserbringenden entsprechende Qualifikationen mit? «Eine solche Recherche sollte der Nutzung von eHealth immer vorausgehen», sagt Weber. Die Studierenden entwickeln schliesslich in interdisziplinären Gruppen eigene Ideen für digitale Gesundheitsinterventionen, die sie auf einem wissenschaftlichen Poster präsentierten. Eine Gruppe kombinierte digitale und Präsenzangebote beispielsweise für eine Website, die Jugendliche und Schwangere mit einer Suchterkrankung informiert, aber auch sozialen Austausch über Chatfunktionen oder Narcotics-Anonymous-Treffen anbietet. «Gemeinsam gegen Einsamkeit» hiess der Vorschlag eines weiteren Teams. Es nutzte Online-Kanäle, um Rentnerinnen und Rentner für gemeinsame Spaziergänge zu begeistern. Die begleiteten Ausflüge fördern das physische und psychische Wohlbefinden, indem sie das Zugehörigkeitsgefühl stärken und neue Kontakte ermöglichen. «Im Bereich Digital Health ist eine fundierte wissenschaftliche Vorarbeit zentral, um möglichst passgenaue Angebote entwickeln zu können.» Elke Weber, Gesundheitswissenschaftlerin Die Arbeit am eigenen Projekt machte es möglich, die erworbenen Grundlagen anzuwenden und über die konkreten Bedürfnisse der Zielgruppe zu reflektieren. «Im Bereich Digital Health ist eine fundierte wissenschaftliche Vorarbeit zentral, um möglichst passgenaue Angebote entwickeln zu können», erklärt Weber. Digitale Gesundheitsinterventionen eröffnen insbesondere in ländlichen Gebieten neue Zugänge zur Gesundheitsversorgung. «Auf dem Land sind die Gesundheitsversorgung sowie die Infrastruktur tendenziell rückläufig und die Einwohnerschaft muss zunehmend längere Wege zu Gesundheitseinrichtungen auf sich nehmen», sagt Weber. Im kommenden Herbstsemester bietet sie daher ein Aufbaumodul an, das sich digitalen Angeboten für die ländliche Schweiz widmet. Dabei werden die Studierenden auch die spezifischen Ressourcen von ländlichen Gebieten analysieren. «Auf dem Land ist beispielsweise das Gemeindeleben aktiver», führt Weber aus. «Das ist eine Chance, um Menschen digitale Hilfsmittel näherzubringen und Vertrauen aufzubauen.» Stéphanie Hegelbach

Vertrauen Sie Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen?

Aufgezeichnet von Andrea Söldi

Operieren ohne Risiko üben

Würden Sie bei einer Operation einen angehenden Chirurgen, eine angehende Chirurgin einen Eingriff an Ihrem Körper üben lassen? Die meisten Menschen dürften die Frage, wenn überhaupt, wohl mit einer gewissen Skepsis bejahen. Doch auf die Bereitschaft der Patientinnen und Patienten war man in der Ausbildung in der Vergangenheit angewiesen: Im Modell «See one, do one, teach one» eigneten sie sich das Handwerk an, indem sie einen Eingriff erst beobachteten, diesen dann selbst durchführten und ihn schliesslich Mitstudierenden vorführten. Das sei längst nicht mehr zeitgemäss, wie Bruno Schmied vom Kantonsspital St.Gallen (KSSG) sagt. «Der Ansatz geht zulasten der Patientinnen und Patienten, die einem Risiko ausgesetzt werden», sagt der Chefarzt Chirurgie. Ausserdem koste das Assistieren viel Zeit. «Eine OP, bei der assistiert wird, dauert 20 bis 30 Prozent länger», erläutert Schmied. «Das geht immens ins Geld – denn der OP-Saal ist der teuerste Ort in einem Spital.» Das KSSG leitet als eine von drei klinischen Partnerinnen das 2022 gestartete Projekt «Proficiency» , mit dem die chirurgische Ausbildung in der Schweiz umfassend modernisiert wird. Hand in Hand mit einer umfassenden Aktualisierung der entsprechenden Curricula werden die Weiterbildungen für angehende Fachärztinnen und -ärzte mit modernsten Simulationstechnologien wie Virtual-Reality-Anwendungen (VR), Augmented-Reality-Brillen (AR) oder High-End-Simulatoren bis Anfang 2025 komplett neu gestaltet. An dem Innosuisse-Flagship-Projekt, das von der nationalen Innovationsagentur mit 12 Millionen Franken gefördert wird, sind neben den drei Spitälern mehrere Unternehmen sowie die ZHAW, die ETH Zürich und die Universität Zürich (Balgrist) beteiligt. «Das Setting ermöglicht zudem, Eingriffe zu üben, die bei echten Menschen zuerst die Ethikkommission bewilligen müsste.» Helmut Grabner, ZHAW School of Engineering «Die im Programm integrierten Technologien eröffnen ganz neue Möglichkeiten», sagt Helmut Grabner von der ZHAW School of Engineering . Der Professor für Data Analytics and Machine Learning und stellvertretende Leiter des ZHAW-Teilprojekts nennt als Beispiel die High-End-Infrastruktur im Operating Room X (OR-X) an der Universitätsklinik Balgrist. Die Simulationsinfrastruktur in dem hypermodernen Lehr- und Forschungszentrum erlaubt die realitätsgetreue Ausbildung und das Training von Ärztinnen und Ärzten. «Hier können sie sich die chirurgischen Skills ohne Risiken aneignen. Das Setting ermöglicht zudem, Eingriffe zu üben, die bei echten Menschen zuerst durch die Ethikkommission bewilligt werden müssten.» Neben High-End-Plattformen wie dem OR-X umfasst das Projekt auch einfachere Anwendungen, etwa Box Trainer. Dabei handelt es sich um Nachbildungen von Organen oder Körperregionen, an denen beispielsweise minimalinvasive Eingriffe geübt werden können. In Kombination mit einem Smartphone oder Laptop können solche Box Trainer auch zu Hause verwendet werden und stellen damit eine niederschwellige Trainingsmöglichkeit dar. «Das Projekt Proficiency sieht vor, dass angehende Chirurginnen und Chirurgen beim Einüben eines Eingriffs eine Journey durchlaufen – von Low-End- hin zu High-End-Simulationen», erklärt Philipp Ackermann , ZHAW-Projektleiter und stellvertretender Leiter für Human-Centered Computing an der School of Engineering . Chirurgische Eingriffe liessen sich mit dem Gitarrenspielen vergleichen. «Das Handwerk lernt man nicht durchs Zuschauen – man muss üben, üben, üben.» Erst durch das wiederholte Durchführen von Handgriffen bildeten sich die Muscle Memory und damit auch die Fähigkeiten, die Chirurginnen und Chirurgen im OP benötigten. Die Simulationen für verschiedene Eingriffe werden von den Unternehmen und den Hochschulen gemeinsam entwickelt. Die ZHAW nehme dabei eine «Brückenfunktion» ein, sagt Ackermann. «Wir arbeiten etwa die von der ETH entwickelten Algorithmen ins Projekt ein.» Zudem ist das Team der School of Engineering für das Tracking der chirurgischen Instrumente in den Simulationen zuständig. «Wir sorgen dafür, dass die Instrumente in AR oder VR korrekt verortet sind.» Ausserdem arbeitet das Team am Grading der Bewegungen, also an Skalen, mit denen die Bewegungen während eines Eingriffs abgestuft beurteilt werden können. «Das Grading ermöglicht ein datenbasiertes und damit objektives Feedback – mit Proficiency kommt man weg vom ärztlichen Urteil, bei dem das Risiko von Willkür und Zufälligkeit besteht», führt Helmut Grabner aus. Für Chefarzt Bruno Schmied werden die Assistenzärztinnen und -ärzte die Hauptgewinner des neuen Ausbildungsmodells sein – nicht nur, weil es eine faire Beurteilung erlaubt. «Mit der Standardisierung kann man das Beste aus allen angehenden Chirurginnen und Chirurgen herausholen. Sie berücksichtigt die individuellen Skills und Schwächen.» «Bedenkt man, dass Chirurginnen und Chirurgen 40 bis 45 Jahre alt sind, wenn sie den Facharzttitel erhalten, ist das ein starker Anreiz.» Bruno Schmied, Chefarzt Chirurgie, Kantonsspital St.Gallen Laut Schmied ermöglicht es «Proficiency» zudem, die Weiterbildung künftig schneller abzuschliessen – einfach weil Eingriffe viel öfter geübt werden können. «Bedenkt man, dass Chirurginnen und Chirurgen 40 bis 45 Jahre alt sind, wenn sie den Facharzttitel erhalten, ist das ein starker Anreiz», so Schmied. Insgesamt bezeichnet er das neue Weiterbildungsmodell als «Win-win-win-Situation». Neben den Assistenzärztinnen und -ärzten sowie den Kranken profitierten auch die Spitäler von der simulationsbasierten Weiterbildung. «Spitäler, viele von ihnen defizitär, kostet die Weiterbildung von Chirurginnen und Chirurgen primär Geld.» Und aufgrund der Fallpauschalen könnten sie diese Kosten nicht verrechnen. Der Kostendruck ist auch eine der Haupthürden bei der Umsetzung. «Wenn es um Investitionen für Equipment, Arbeitsplätze und Arbeitskräfte für die Weiterbildung geht, wird es schwierig», erklärt Bruno Schmied. Die Lösung liege in überregionalen Zentren, «damit nicht in jedem Spital teure Simulatoren stehen müssen». Und in Low-Cost-Plattformen wie den Box Trainern, mit denen Assistenzärztinnen und -ärzte niederschwellig und kostengünstig trainieren könnten. «Proficiency» benötige gewisse Anfangsinvestitionen. «Danach ist die Weiterbildung aber deutlich günstiger als bisher», so Schmied. Das scheint auch den Spitälern bewusst zu sein. So zeigte eine im Rahmen des Projekts durchgeführte Umfrage unter den weiterbildungsbeteiligten Spitälern grosses Interesse an der Modernisierung der Curricula und am Einsatz von Simulationstechnologien. Tobias Hänni

Neue App zur Entlastung betreuender Angehöriger

Vera Bodmer betreut ihren Mann schon lange. Anfangs musste sie ihn nur an Termine erinnern. Unterdessen wäscht sie ihn, beantwortet immer wieder dieselben Fragen und lässt ihn kaum aus den Augen – damit er nicht den Herd anstellt und es gleich wieder vergisst. Vera Bodmer ist selber gestresst, hat ein schlechtes Gewissen, wenn sie mal wegmuss, und fühlt sich oft einsam mit ihrem dementen Ehemann. Vera Bodmer ist ein fiktives Beispiel, aber ein typisches. Laut einer Studie im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit betreuen 600’000 Menschen in der Schweiz ihre Angehörigen. Oft sind es Frauen. Sind die kranken Personen älter, übernimmt fast immer die Partnerin oder der Partner die Betreuung. Vor allem bei dementen Personen sei es häufig, dass sich Partnerinnen und Partner dies alleine aufbürden, weil sie langsam hineingerutscht seien in diese Aufgabe, sagt Samuel Wehrli vom ZHAW-Institut für Computational Life Sciences, er leitet dort die Fachgruppe Biosignal Analysis and Digital Health : «Statt sich im Rentenalter mehr Ruhe zu gönnen, lernen die Ehepartner quasi einen neuen Beruf, mit allen Belastungen.» Weil die Betreuung ihres Partners etwas sehr Persönliches sei, scheuen sich auch viele davor, Hilfe anzunehmen, obwohl ihnen selbst ein freier Tag wieder einmal guttun würde. Deshalb ist das Risiko pflegender Angehöriger erhöht, selber an einer Depression, einem Burnout oder anderweitig zu erkranken. Hinzu kommt die Gefahr, dass Angehörige aus Überforderung gewalttätig werden gegenüber den Kranken. Hier wollen Samuel Wehrli und sein Team ansetzen. Denn Informationen und Hilfsangebote für betreuende Angehörige gibt es viele, aber sie zu den Betroffenen zu bringen, ist nicht leicht: «Die meisten sind dermassen eingespannt, dass sie nicht dazu kommen, die Webseiten, PDFs und Listen zusammenzusuchen, die verfügbar sind», sagt Wehrli. «You + Care ist eine Art Coach im Handy-Format, schnell, kompakt und leicht zugänglich.» Samuel Wehrli vom ZHAW-Institut für Computational Life Sciences Die Lösung ist eine Handy-Applikation. Sie heisst You + Care und fragt zuerst die Betreuungssituation ab. Darauf schlägt sie Informationen vor, etwa darüber, wie mit man mit einer Person kommunizieren kann, die ständig alles vergisst. Die App gibt auch konkrete Ratschläge. Beispielsweise empfiehlt sie mehr Selbstfürsorge, sich etwa eine Pause zu gönnen, oder gibt Ideen für den Alltag, wie das Zubereiten eines Lieblingsgerichts des Partners von früher. Wie bei einem Online-Filmverleih merke sich die App Präferenzen der Nutzer und welche Lernmodule bereits absolviert wurden, erklärt Samuel Wehrli. «Es ist eine Art Coach im Handy-Format, schnell, kompakt und leicht zugänglich.» Die Entwicklung der App ist eine Kollaboration zwischen der ZHAW und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Neben Samuel Wehrli ist Barbara Baumeister Teil des Projektteams. Sie ist Gerontopsychologin und arbeitet am ZHAW-Departement für Soziale Arbeit. Für die ZHdK sorgen Jürgen Späth und Nadine Cocina als Interaction Designer dafür, dass die App für die Angehörigen bedarfsgerecht gestaltet ist. Schliesslich arbeitet das Projekt für Umsetzung, Betrieb und Verbreitung der App mit We+Tech und Pro Aidants zusammen, einem Verein, der sich für die Anliegen von Betreuenden einsetzt. 2023 endet das Projekt You + Care, das von der Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen (DIZH) finanziert wird. Derzeit testen Wehrli und sein Team mit Betroffenen verschiedene Prototypen der App. Zudem laufen Gespräche, damit die App ab 2024 umgesetzt werden kann. Es sehe gut aus, sagt Samuel Wehrli, dass bald Menschen wie Vera Bodmer zu Unterstützung und Entlastung kommen – unkompliziert und schnell per Handy-App. Katrin Oller

Gesund im Netz: Die Balance zählt

Nur noch kurz die Mails checken. Auf Instagram ein Like dalassen, dann einen Kommentar verfassen. Die Push-Nachricht öffnen, die vor einem Unwetter warnt, auf WhatsApp ein Meme weiterleiten, eine halbe Stunde gamen – das Smartphone gehört längst zum Alltag von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen. Wie sich dies auf die Gesundheit auswirken kann, damit befassen sich die ZHAW-Dozierenden Gregor Waller und Ursula Meidert. Für einen Beitrag im nationalen Gesundheitsbericht 2020 haben sie diverse Studien gesichtet, die den Zusammenhang zwischen digitalen Medien und Gesundheit erforscht hatten. Ursula Meidert, damals für die Forschungsstelle Ergotherapie tätig, nahm sich der biologischen Aspekte an, Gregor Waller als Co-Leiter der Fachgruppe Medienpsychologie des Departements für Angewandte Psychologie der psychologischen. «Wir stellten dabei fest, dass die positiven Effekte von digitaler Mediennutzung klar untererforscht sind», sagt Ursula Meidert , die heute am Institut für Public Health lehrt. «Gleichzeitig fehlen für viele Risiken, die in Zusammenhang mit dem Medienkonsum erforscht wurden, die Belege dafür, dass sie ursächlich durch den Medienkonsum hervorgerufen werden.» Nichtsdestotrotz können die beiden Dozierenden aus den Ergebnissen einige Empfehlungen ableiten, wenn es um die Frage geht, wie ein gesunder Umgang mit digitalen Tools geht. Eine zentrale Erkenntnis der Forschenden: Smartphone und Schlafzimmer sind keine ideale Kombination. Einerseits hemme Blaulicht die für den Schlaf wichtige Melatonin-Produktion, andererseits verminderten Push- und andere Nachrichten die Schlafqualität, sagt Gregor Waller. «Gleichzeitig fehlen für viele Risiken, die in Zusammenhang mit dem Medienkonsum erforscht wurden, die Belege dafür, dass sie ursächlich durch den Medienkonsum hervorgerufen werden.» Gregor Waller, Co-Leiter der Fachgruppe Medienpsychologie Nicht nur der Zeitpunkt der Nutzung von digitalen Tools, auch die Dauer kann sich auf die Gesundheit auswirken. «Auf physischer Ebene kann eine Übernutzung zum Beispiel zu Handydaumen, Sehnenscheidenentzündungen oder Nackenbeschwerden führen», sagt Ursula Meidert. Auch psychische Effekte sind laut Gregor Waller belegt: «So kann exzessives Online-Verhalten mit Einsamkeit und Depressivität einhergehen.» Beide raten daher zu einer begrenzten Nutzungsdauer, im Kinder- und Jugendalter sowieso, aber auch im Erwachsenenalter. «Wichtig ist, eine gute Balance zwischen Online- und Offline-Aktivitäten zu finden und zu fördern», sagt Waller. «Soziale Medien können gerade im Jugendalter fast schon überlebenswichtig sein. Beispielsweise ist es für homosexuelle und andere Jugendliche, die keine Gleichgesinnten in ihrem nahen Umfeld kennen, extrem wichtig, sich mit Peers austauschen zu können.» Ursula Meidert, Dozentin am Institut für Public Health Die Forschenden heben auch die Chancen hervor, welche die digitale Mediennutzung für die Gesundheit bergen. So zeigt eine aktuelle ZHAW-Studie, dass es zahlreiche nützliche Apps für Erwachsene gibt, um arbeitsbezogenem Stress entgegenzuwirken (siehe Kasten). Weiter hätten sie festgestellt, dass soziale Medien gerade im Jugendalter «fast schon überlebenswichtig» sein könnten, sagt Ursula Meidert. «Beispielsweise ist es für homosexuelle und andere Jugendliche, die keine Gleichgesinnten in ihrem nahen Umfeld kennen, extrem wichtig, sich mit Peers austauschen zu können.» Ein anderes Beispiel seien chronisch kranke Jugendliche, die durch ihre Krankheit etwa gezwungen seien, viel Zeit im Bett zu verbringen: «Da ermöglichen digitale Tools eine Art gesellschaftliche Teilhabe.» Ausserdem, ergänzt Gregor Waller, hätten digitale Medien das Potenzial, die Kreativität von Kindern und Jugendlichen zu fördern – was sich wiederum positiv auf deren physische und psychische Gesundheit und ihre Entwicklung auswirke. Digitale Tools können also positive wie auch negative Effekte auf die Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen haben. Doch wirkt es sich bereits auf Säuglinge und Kleinkinder aus, wenn Eltern das Smartphone häufig nutzen? Was macht es mit einem Neugeborenen, wenn die Mutter während des Stillens ständig auf das Smartphone schaut? Wenn der Vater eines Kleinkindes immer wieder durch Push-Nachrichten vom gemeinsamen Spielen abgelenkt wird? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt sich Agnes von Wyl , Leiterin der Fachgruppe Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie am ZHAW-Departement Angewandte Psychologie, seit Jahren im Rahmen zweier Forschungsprojekte. 2019 startete das ZHAW-Forschungsprojekt Smart Start, eine Kooperation zwischen dem Institut für Angewandte Psychologie und dem Institut für Hebammen. Andererseits haben wir aber festgestellt, dass die gelegentliche Nutzung, etwa das Beantworten einer Nachricht oder das Lesen eines Artikels in der Gegenwart des Babys, keinen Einfluss auf die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung hat.» Agnes von Wyl, Leiterin der Fachgruppe Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie Die Studie untersucht, wie sich die Smartphone-Nutzung auf die Beziehung zwischen Eltern und Kind und damit auf die Entwicklung des Kindes auswirkt. 95 Elternpaare wurden während der Schwangerschaft und mehrere Wochen nach der Geburt zu ihrer Smartphone-Nutzung befragt. Zudem beobachteten die Forscherinnen Interaktionen zwischen Eltern und ihrem Kind. «Zentral war für uns, herauszufinden, welchen Einfluss die Beschäftigung mit dem Smartphone auf die elterliche Sensitivität hat», sagt Agnes von Wyl. Denn die elterliche Sensitivität – das Wahrnehmen und Interpretieren der Signale ihres Kindes sowie das bedürfnisgerechte Reagieren – ist die Voraussetzung für eine gelingende Eltern-Kind-Beziehung und eine sichere Bindung. Erste Ergebnisse der Studie zeigen laut Agnes von Wyl einerseits, dass sich die Smartphone-Nutzung von Eltern vor und nach der Geburt nicht wesentlich verändert. Eltern nutzen das Smartphone ungefähr gleich häufig, entsprechend auch in der Gegenwart des Kindes. «Das heisst, das Smartphone gehört heute absolut zum Alltag», sagt die Leiterin der Fachgruppe Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie. «Andererseits haben wir aber festgestellt, dass die gelegentliche Nutzung, etwa das Beantworten einer Nachricht oder das Lesen eines Artikels in der Gegenwart des Babys, keinen Einfluss auf die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung hat. Auch nicht, wenn dadurch kurzzeitig eine Interaktion zwischen Eltern und Kind unterbrochen wird.» Anders sehe es aus, wenn die sogenannte «Immersion» ausgeprägt sei: Wenn Eltern für längere Zeit komplett in die virtuelle Welt abtauchen. Dadurch steige die Gefahr, dass Signale nicht mehr wahrgenommen würden. «Das ist aus kinderpsychologischer Sicht nicht förderlich.» Die Familien aus der Smart-Start-Studie werden gemeinsam mit neuen Teilnehmenden im 2020 gestarteten Forschungsprojekt Smart Toddlers weiterbegleitet. Die Forschungsfragen sind dieselben, die Eltern werden befragt, wenn das Kind 14 Monate, 20 Monate und 3 Jahre alt ist. Ebenfalls führen die Forschenden ein Experiment mit einigen Familien durch, welches an das bekannte «Still Face Experiment» angelehnt ist. Dieses hatte in den 1970er Jahren erstmals aufgezeigt, wie stark Babys auf die mütterliche Sensitivität angewiesen sind. Letzte Erhebungen für die Smart-Toddlers-Studie werden diesen Herbst durchgeführt. Aus den Ergebnissen beider Studien sollen dereinst wissenschaftlich fundierte Empfehlungen für Eltern abgeleitet werden können. Einen Tipp hat Agnes von Wyl bereits jetzt: «Es ist für die Entwicklung des Kindes sicher förderlich, wenn Eltern ihre Smartphone-Nutzung reflektieren und wenn sie bewusst darauf achten, wo sie Räume und Zeiten für Interaktionen mit dem Kind schaffen können.» Malolo Kessler

«Wir sollten wählen können, ob wir durch einen Roboter gepflegt werden wollen»

Paro ist der Vorreiter: ein süsses Kerlchen, gar nicht roboterhaft. Krault man seinen Hals, blickt er hoch und fiept. Sein Fell lädt zum Streicheln ein. Zuerst kam das Roboter-Robbenbaby aus Japan in der Geriatrie zum Einsatz, um Menschen mit Demenz zu beruhigen. Seit einigen Jahren wird es auch in der Kinderpsychiatrie genutzt. Paro hat Berührungs- und Lichtsensoren, kann Sprache erkennen und Namen lernen. Das Plüschtier gilt als einer der ersten «sozialen Roboter», die mit Menschen interagieren. Inzwischen sind andere, leistungsfähigere Maschinen verfügbar. Ein Beispiel ist Nao, ein französisches Produkt in menschenähnlicher Gestalt. Oder Lio, ein in Zürich entwickelter Assistenzroboter, der mit einem speziellen Greifarm auf die Tätigkeit in Pflegeeinrichtungen spezialisiert ist. Der Einsatz von Robotern in der Pflege ist umstritten. Angesichts des Pflegenotstands wecken sie Hoffnungen auf eine Entlastung des Personals, das permanent an der Grenze des Zumutbaren arbeitet. Zugleich aber mehren sich ethische Bedenken. Die Furcht wächst, dass die maschinelle Versorgung von Pflegebedürftigen zum Standard wird und eine Entmenschlichung in Spitälern, Altersheimen und Pflegeeinrichtungen Einzug hält. Die Forschungslage sei trotz der brisanten Ausgangslage recht dünn, stellt Iris Kramer vom ZHAW- Institut für Pflege fest: «Es gibt noch kaum aussagekräftige Studien über die Auswirkungen einer Interaktion mit sozialen Robotern auf das Pflegepersonal und auf die Klientinnen und Klienten.» Kramer evaluierte deshalb in einem fünfköpfigen Team mit der Untersuchung «Soziale Roboter im Schweizer Gesundheitswesen» die Einsatzmöglichkeiten, Chancen und Risiken aus der Sicht von potenziellen Anwendungsgruppen. Die Ergebnisse stellten eine vertiefte Analyse aus den Ergebnissen der interdisziplinären Untersuchung «Soziale Roboter, Empathie und Emotionen» dar, die auch den Robotereinsatz an öffentlich zugänglichen Orten, in privaten Haushalten und im Bildungswesen untersucht hatte. «In der Realität sind die Roboter halt noch nicht so weit wie in Science-Fiction-Filmen.» Iris Kramer, ZHAW-Institut für Pflege Das Team um Iris Kramer stellte die direkt Betroffenen im Gesundheitswesen ins Zentrum der Studie. 15 Frauen und 11 Männer im Alter von 33 bis 93 Jahren hatten sich einen halben Tag Zeit genommen, um für die Forschung über soziale Roboter zu debattieren. Darunter waren Leute, die Pflege empfangen, also Bewohnerinnen und Bewohner eines Alters- und Pflegeheims, sowie eine Person einer Patientenvertretungsorganisation. Vertreten waren auch relevante Berufe im stationären und ambulanten Gesundheitsbereich, das heisst Pflegefachpersonen, eine Ärztin, Leute aus dem Management von Gesundheitseinrichtungen, aus der Therapie, IT-Fachkräfte und eine Person vom Sozialdienst. Zum Auftakt zeigten verschiedene Roboter den 26 Teilnehmenden den aktuellen Stand der Technik auf. Nao spielte Musik, tanzte und zeigte wie ein Physiotherapeut Bewegungen mit Kopf, Armen und Beinen zum Nachmachen. Dann folgte der Assistenzroboter Lio. Er holte einen Trinkbecher, den er präzise ergriff. Anschliessend leitete er eine Gedächtnisübung an. Pepper wiederum begann eine Unterhaltung mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Und schliesslich zeigten Videozusammenschnitte weitere Roboter bei der Arbeit – darunter natürlich auch Paro, das Robbenbaby. Die Reaktionen seien höchst unterschiedlich ausgefallen, berichtet Iris Kramer. «Manche fanden es toll, mit Pepper zu plaudern.» Eine Pflegeheimbewohnerin aber hatte Angst vor den Robotern. Andere hätten sich enttäuscht gezeigt von den beschränkten Fähigkeiten der Roboter. «In der Realität sind die Roboter halt noch nicht so weit wie in Science-Fiction-Filmen», sagt Kramer schmunzelnd. Nao zum Beispiel konnte die Leute aus dem Heim nicht für seine Bewegungsübungen begeistern. Ob seine Programmierer die falschen Lieder ausgewählt hatten? Musikwünsche halfen nicht weiter, denn Nao versteht nur vorprogrammierte Sätze. Iris Kramer ist allerdings überzeugt, dass solche Unzulänglichkeiten bald verbessert sein werden: «Mit dem aktuellen Aufschwung der Künstlichen Intelligenz dürfte die technische Entwicklung rasch voranschreiten.» «Die Maschine schlägt Alarm, wenn jemand nachts auf dem Gang zur Toilette stürzt. Das könnte die Angehörigen entlasten.» Iris Kramer, ZHAW-Institut für Pflege Nach den Vorführungen teilte sich die Runde in Fokusgruppen auf und diskutierte die Chancen und Risiken solcher Roboter und ihre Einsatzmöglichkeiten. Vertieft wurden die Erkenntnisse mit einer Onlinenachbefragung. Aus Personalsicht gibt es demnach zahlreiche Aufgaben, für die sich Roboter eignen. Er könnte als persönlicher Assistent Pflegematerial holen, Medikamente richten, Drainagen leeren, Zahnprothesen reinigen, bei Umlagerungen helfen, zurückgestelltes Essen aufwärmen oder an Termine erinnern. Denkbar seien auch die Motivation bei der Physiotherapie, Unterstützung beim kognitiven Training oder Überwachungsfunktionen wie der Einsatz als Sitzwache. Bei den pflegebedürftigen Personen selbst lagen auf dem Spitzenplatz ebenfalls Dinge holen und bringen, seien das Zeitschriften, Essen oder Getränke. Oft wurde auch die Unterstützung bei der Körperpflege oder beim Umkleiden genannt, zum Beispiel Hilfe beim Anziehen von Socken, aber auch in technischen Belangen, etwa beim Telefonieren. Manche Heimbewohnerinnen und Heimbewohner würden durchaus Roboter als Ersatz für fehlende menschliche Nähe nutzen: zur Alltagsbegleitung bei Einsamkeit, zum Spielen, um Gesellschaft zu leisten, zum Plaudern, Dolmetschen oder um beim Spaziergang Sicherheit zu geben. Auch ein Einsatz als Sexroboter wurde genannt. Mit anderen Worten: Soziale Roboter verhelfen im besten Fall zu mehr Autonomie – auch daheim bei Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Die Maschine erinnert zum Beispiel daran, zu trinken, die Medikamente zu nehmen – oder schlägt Alarm, wenn jemand nachts auf dem Gang zur Toilette stürzt. «Das könnte auch die Angehörigen entlasten», sagt Iris Kramer. Wo die einen Chancen sahen, warnten andere vor Risiken. So bei möglichen Verletzungen der Privatsphäre durch Bild- und Tonaufnahmen sowie andere verarbeitete Daten. Sicherheitsbedenken wurden laut. Ist gewährleistet, dass der Roboter einer Diabetespatientin nicht irrtümlich ein zuckerhaltiges Getränk bringt? Wer haftet bei Fehlern? Skepsis gab es auch bei der Entlastung des Pflegepersonals, wenn es die neue Aufgabe der Überwachung, Wartung und Einsatzplanung der Roboter aufgebürdet bekommt. Eine der grössten Gefahren sei der Verlust emotionaler Nähe, wenn Menschen nur noch von Maschinen nach einem mechanischen Schema betreut werden. Es sei deshalb wichtig, dass der Aufgabenbereich eines sozialen Roboters vor Einsatz gezielt festgelegt werde, folgert die Studie. Das Recht auf menschliche Pflege müsse gewährleistet sein: «Betroffene Personen sollten stets wählen können, ob sie durch einen Roboter oder durch einen Menschen gepflegt oder betreut werden möchten.» Thomas Müller

Wenn Roboter gegen Einsamkeit helfen

Eigentlich war Christina Erös eher kritisch eingestellt gegenüber haustierähnlichen Robotern. Doch als ihr im Future Care Lab in Tokio ein kleiner «Lovot» entgegenfuhr und sie mit seinen Kulleraugen freundlich anblickte, schloss sie ihn sofort ins Herz. «Ich war erstaunt, wie emotional ich auf den Roboter reagierte. In Berichten wirkte er auf mich stets wie ein Kinderspielzeug. Nun kann ich gut verstehen, dass man Lovots in Pflege und Betreuung einsetzt», erzählt die Customer Relationship Managerin an der ZHAW Soziale Arbeit . Und das tun tatsächlich viele Japaner: Man kann den «Lovot» – der Name setzt sich zusammen aus dem englischen «Love» und «Robot» – im Detailhandel erwerben. Der etwa drei Kilogramm schwere Roboter auf Rollen ist mit Plüsch überzogen, hat eine Gesichtserkennung, gibt Laute von sich – und sein Körper ist warm wie der eines Menschen. «Ältere Menschen fühlen sich gebraucht, wenn sie sich um jemanden kümmern können.» Christina Erös, ZHAW Soziale Arbeit Die Forschung zeigt, dass der «Lovot» mehr ist als eine Spielerei: Menschen, die ein Exemplar besitzen, fühlen sich weniger einsam. Das hat Christina Erös während ihres zweiwöchigen Forschungsaufenthaltes in Japan erfahren. Mit Unterstützung der Bundesinitiative Swissnex war sie diesen Frühling nicht nur im Future Care Lab in Tokio, sondern auch im Roboterlabor der Universität Osaka, wo sie mit Forschenden sprechen konnte. Eine Studie mit älteren, kognitiv leicht eingeschränkten Menschen hat ergeben, dass der «Robohon» – ein anderer Roboter, der auf dem Tisch sitzt und singen und tanzen kann – schon nach kurzer Zeit als Kamerad gesehen wird und die Menschen Emotionen für ihn entwickeln. «Ältere Menschen fühlen sich gebraucht, wenn sie sich um jemanden kümmern können», sagt Christina Erös. Zudem regt der «Robohon» zu Gesprächen an, indem sich die älteren Menschen über ihn austauschen. «Was ich besonders spannend fand: Die Probanden hatten morgens einen Grund, aufzustehen. Sie wollten den Roboter begrüssen», erzählt Christina Erös. «Wenn sie nicht aufgestanden waren, hatten sie ein schlechtes Gewissen.» Studien zu den langfristigen Folgen stehen noch aus. In Japan sollen haustierähnliche Roboter dazu beitragen, dass ältere Menschen länger zu Hause wohnen bleiben, bevor sie ins Altersheim ziehen. Denn die Überalterung und der zunehmende Mangel an Pflegekräften sind ein grosses Thema im asiatischen Inselstaat. «Japan steht vor einer Mammutaufgabe», sagt Christina Erös. Da die Japaner gegenüber Robotern sehr aufgeschlossen sind, verwundert es nicht, dass sie nach digitalen Lösungen für die Altenpflege suchen. «Die Studienzeit in Japan hat mich persönlich und fachlich weitergebracht», sagt Christina Erös. «Und sie hat wahnsinnig Spass gemacht!» Seraina Sattler

Für den Einsatz im Spital müssen Roboter schneller werden

Roboter können viel. Doch wenn sie in einer dynamischen Umgebung wie einem Spital eingesetzt werden sollen, um beispielsweise Dinge von A nach B zu transportieren, sind sie überfordert. «Arbeiten Roboter mit Menschen zusammen, sehen sie zu langsam», sagt Yulia Sandamirskaya . «Stellt sich plötzlich eine Person in den Weg, braucht die Kamera des Roboters zu lange, bis sie das Objekt zuverlässig identifiziert und lokalisiert hat. Bis sie so weit ist, ist der Roboter bereits mit der Person zusammengestossen», erläutert Sandamirskaya. «Das ist gefährlich.» Die Physikerin hat im März 2023 die Leitung des ZHAW-Forschungsschwerpunkts Cognitive Computing in Life Sciences übernommen und ist Expertin für Neuromorphic Computing. Das menschliche Nervensystem dient Yulia Sandamirskaya als Vorbild, um neue Algorithmen und Hardwaresysteme zu entwickeln. Der Schlüssel zu Robotern, die sich in einer dynamischen Umgebung sicher bewegen können, sind laut der Forscherin intelligente Kameras. «Heutige Kameras basieren noch immer auf dem gleichen Prinzip wie die ersten Kameras: Sie liefern mehrere Bilder pro Sekunde, was wir als Film wahrnehmen.» Sandamirskaya entwickelt hingegen eine Kamera, die wie das menschliche Auge funktioniert, nämlich über Impulse statt über Bilder. Einen entsprechenden Sensor gibt es bereits auf dem Markt, doch Sandamirskaya will solche Kameras intelligenter machen, indem diese in 3D sehen und dafür sorgen, dass der Roboter seine Umgebung versteht und in Echtzeit auf Unvorhergesehenes reagieren kann. «Ich möchte, dass die neuen Technologien ihren Weg aus der akademischen Forschung in die Praxis und auf den Markt finden, um die Lebensqualität der Menschen zu verbessern.» Yulia Sandamirskaya, Cognitive Computing in Life Sciences Im Bereich Gesundheit sieht Sandamirskaya viele mögliche Anwendungen solcher hirnähnlichen Roboter. «Eine Anästhesistin arbeitet oft alleine. Ein Roboter könnte ihr helfen, indem er ein gewünschtes Instrument greift und ihr in die Hand gibt», sagt Sandamirskaya. Eine Echtzeitkamera könnte auch in der Rehabilitation eingesetzt werden, indem sie prüft, ob ein Patient die Übungen richtig macht. Im Labor könnten flexible Roboterarme Anwendung finden, die den Menschen repetitive Aufgaben abnehmen. «Das sind erst Ideen», betont Sandamirskaya. Sie hat vor, sich mit potenziellen Nutzerinnen und Nutzern aus dem Gesundheitswesen auszutauschen, um den Bedarf an intelligenten Robotern im Arbeitsalltag zu eruieren und dann an jener Anwendung zu forschen, die am dringlichsten ist. Yulia Sandamirskaya fasziniert es, die komplexe menschliche Bewegungssteuerung zu studieren und technisch nachzubauen. «Es gibt viele offene Fragen in diesem Bereich, das fordert mich heraus», erklärt die gebürtige Weissrussin. «Zudem möchte ich für mehr Diversität bei den Algorithmen sorgen – denn die heutigen Künstlichen Intelligenzen basieren alle auf dem gleichen Algorithmus.» Dieser müsse während des Lernprozesses sehr viele Daten verarbeiten und könne dadurch nur langsam angepasst werden. Mithilfe neuer neurologischer Netze lasse sich der Prozess beschleunigen und das Spektrum erweitern. Das diene den Menschen, sagt Yulia Sandamirskaya. «Ich möchte, dass die neuen Technologien ihren Weg aus der akademischen Forschung in die Praxis und auf den Markt finden, um die Lebensqualität der Menschen zu verbessern.» Seraina Sattler

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