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«Es ist eine Ehre, die ZHAW zu leiten»

Vier Jahre nach dem Zusammenschluss zur ZHAW übernahmen Sie das Amt des Rektors. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung und was war für Sie die wichtigste Aufgabe? In den ersten Jahren identifizierten sich die meisten Mitarbeitenden noch nicht stark mit der ZHAW. Die Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit, über die Grenzen der Departemente hinweg, war für mich zentral. Nicht nur um Identität zu schaffen, sondern auch, um als Fachhochschule einen Beitrag zu den grossen Herausforderungen wie der Energiewende oder der gesellschaftlichen Integration zu leisten. Dies klappt nur interdisziplinär. Heute gibt es viele gemeinsame Projekte von verschiedenen Instituten, etwa das Data Lab, das Digital Health Lab, GEKONT, CYPHER oder AGe+ (Anm. Redaktion: siehe Glossar am Ende des Interviews). Im Gegensatz zur Anfangsphase kommt die Initiative für interdisziplinäre Zusammenarbeit heute von unten, von Forschenden, Dozierenden oder Mitarbeitenden. Sie haben im Rahmen Ihrer Amtstätigkeit viele hochrangige Persönlichkeiten getroffen, zum Beispiel mehrere Bundesräte und den Dalai Lama. Gibt es eine Begegnung, die für Sie besonders prägend war? Für mich waren vor allem die Begegnungen mit Studierenden oder jungen Mitarbeitenden speziell, wenn diese mir mit Begeisterung von ihren Projekten oder Zielen erzählt haben. Dann spürte ich den Sinn von dem, was ich jeden Tag mache. Wir sind hier, um junge Leute auszubilden, und wenn ich merke, dass es funktioniert, macht mich das wirklich stolz. Die ZHAW ist während Ihrer Amtszeit enorm gewachsen: Es gibt 30 Prozent mehr Bachelorstudiengänge, 50 Prozent mehr Masterstudiengänge, das Kostenvolumen von Forschung und Entwicklung hat sich mehr als verdoppelt, diverse Bautätigkeiten waren nötig, um die Infrastruktur für das Wachstum zu gewährleisten – worauf sind Sie besonders stolz? Vor allem darauf, dass die Weiterentwicklung auf allen Stufen vorangetrieben wird. Es ist eine Ehre, eine so dynamische Hochschule zu leiten. Ich picke ungern etwas Einzelnes heraus, denn es gibt vieles, was mich stolz macht. Eine wichtige Errungenschaft ist, dass wir uns in den europäischen Raum eingebracht haben: die Förderung der EU-Forschung, der Mobilität, von Double Degrees mit europäischen Partnern, die Mitgliedschaft in der European University Association (EUA) und bei EELISA. Um die Studierenden auf die globalisierte Arbeitswelt vorzubereiten, ist diese europäische Verankerung enorm wichtig. «Das Leben lässt sich nicht strategisch planen.» Jean-Marc Piveteau, Rektor der ZHAW von 2011 bis Januar 2025 Für Sie waren die strategischen Schwerpunkte Energieforschung, digitale Transformation und unternehmerisches Denken zentral. Sind Sie zufrieden damit, wie sich diese Bereiche während Ihrer Amtszeit entwickelt haben? Ich bin sehr zufrieden mit unserer Entwicklung und dass wir unsere Expertise mit einem interdisziplinären Ansatz in diesen Bereichen einbringen. Aber wir sind noch nicht am Ziel. Die ZHAW ist noch nicht die Enterprise University, die ich mir wünsche, und auch an der europäischen Verankerung der Hochschule müssen wir weiterarbeiten. Die Welt verändert sich immer schneller. Welche Kompetenzen muss eine Hochschule vermitteln, um die Absolventinnen und Absolventen für die Zukunft zu wappnen? Das Wichtigste ist Handlungsfähigkeit: Dass sie mündig sind, sich einbringen und ihr Umfeld weiterentwickeln können. Kritisches Denken ist eine zentrale Fähigkeit, aber auch unternehmerisches Denken. Und natürlich müssen wir ihnen in einem Bereich die Grundlagen vermitteln. Wie sie sich danach beruflich weiterentwickeln, ist absolut offen. Lifelong Learning wäre vielleicht noch ein Stichwort. Klar, die Fähigkeit, sich an neue Rahmenbedingungen anzupassen, ist wichtig. Das Lernen endet nicht mit dem Studium. Heute wissen das alle, aber vor zehn oder zwanzig Jahren war das überhaupt noch nicht selbstverständlich. Sie haben Mathematik an der ETH Zürich studiert. Wenn Sie heute vor der Wahl eines Studiengangs stehen würden, für welchen würden Sie sich entscheiden? Das ist schwierig zu beantworten. Ich stehe am Ende meiner Karriere und bin in einer völlig anderen Lebenssituation als eine Person, die sich für ein Studium entscheiden muss. Und wenn Sie einer jungen Person einen Rat geben müssten? Vielleicht, dass das Leben voller Überraschungen ist und man es nicht strategisch planen kann. Ich hatte viele Pläne für meine Karriere, aber es ist immer anders gekommen. Mit 18 hätte ich nie gedacht, dass ich einmal Rektor einer Hochschule werde. Man sollte einfach seinen Interessen folgen und Chancen ergreifen, wenn sie sich bieten. Manchmal muss man auch ein bisschen Glück haben und ein Karriereschritt führt zum nächsten. Als Präsident der Schweizer Delegation haben Sie bei der nationalen Open-Science-Strategie mitgewirkt. Wie offen soll die Forschung einer Fachhochschule sein? Wünschen sich Partner aus Industrie und Wirtschaft nicht handfeste Wettbewerbsvorteile aus den Forschungsprojekten, die sie mit einer Fachhochschule durchführen? Was Sie ansprechen – Open Research Data –, hat die Open-Science-Delegation lange beschäftigt: Sollen die Daten, die Forschungsergebnissen aus öffentlich finanzierten Projekten zugrunde liegen, frei zugänglich sein? Es macht keinen Unterschied, ob es Grundlagenforschung oder anwendungsorientierte Forschung ist. Es geht vor allem darum, dass man die Ergebnisse reproduzieren kann und dass mit denselben Forschungsgeldern nicht mehrmals die gleiche Forschung finanziert wird. Wenn mit der Forschung eine Innovation geschaffen wird, müssen die Daten so veröffentlicht werden, dass man die Ergebnisse validieren kann, aber es ist trotzdem möglich, die Ergebnisse zu schützen. Das ist kein Widerspruch. Die Forderung nach Open Research Data ist eine Realität, und für uns lautet die Frage: Wollen wir als ZHAW nur mitmachen oder wollen wir die Praxis auch aktiv mitgestalten? Bei Kooperationen mit Praxispartnern muss man natürlich immer deren Perspektive beachten und umsichtig sein mit der Verbreitung der Erkenntnisse und der Forschungsdaten. Welchen Ratschlag haben Sie an Ihre Nachfolgerin Regula Altmann-Jöhl? Ich freue mich sehr, dass sie meine Nachfolgerin ist. Sie hat sehr viel Erfahrung und sie wird das Amt sehr gut ausführen – dazu braucht sie keine Ratschläge von mir. (Bilder: Conradin Frei) Interview: Sara Blaser

So offen wie möglich, so geschützt wie nötig 

«Forschungsergebnisse können nur dann transparent nachvollzogen werden, wenn man auch die Daten kennt, auf denen sie basieren», sagt Simon van Rekum . Er arbeitet im Bereich Research & Infrastructure an der Hochschulbibliothek der ZHAW und leitet das interne Projekt «DSembedded» , das Forschende im Forschungsdatenmanagement unterstützt. Die in der Schweiz seit Juli 2021 geltende Nationale Strategie für Open Research Data (ORD) hat zum Ziel, den Umgang mit Forschungsdaten so offen wie möglich zu gestalten. Die ZHAW fördert diese Praxis mit verschiedenen Projekten. Beim Teilen von Forschungsdaten geht es aber nicht nur darum, Forschungsergebnisse nachvollziehbar zu machen. «Man will ermöglichen, dass Daten nachgenutzt werden können», sagt van Rekum, dessen Arbeitsschwerpunkte Open Science und Research Data Management sind. «Nachnutzen» bedeutet hier: Wenn jemand eine wissenschaftliche Fragestellung mit Daten beantworten kann, die in einem anderen Forschungsprojekt bereits erhoben wurden, sollen die vorhandenen Daten genutzt werden können. Um das zu ermöglichen, braucht es einerseits Infrastruktur und andererseits das Bemühen, Daten so aufzubereiten, dass sie tatsächlich verständlich und nützlich sind für andere. Vor allem Letzteres bedeute laut van Rekum oft einen Zusatzaufwand für die Forschenden. Darum das Projekt «DSembedded», wo Forschende andere Forschende in ihren Departementen dabei unterstützen, wissenschaftliche Daten systematisch zu organisieren, zu sichern und zu dokumentieren – und zwar von der Erhebung bis zur Archivierung. «Mit diesem internen Service möchten wir helfen beim Abwägen, ob und wie Daten geteilt werden sollten, wie sie schon zu Projektbeginn organisiert werden können, damit sie später nachvollziehbar sind, bis hin zu Fragen nach geeigneten Tools, um das Teilen der Daten zu erleichtern», so van Rekum. Dazu gehört auch die Frage nach dem richtigen Ort zur Veröffentlichung. Zurzeit gibt es verschiedene Cloud-Datenbanken, sogenannte Repositorien, die öffentlich zugänglich sind. «Ob Forschungsdaten komplett offengelegt werden sollen, ist nicht generell mit Ja oder Nein zu beantworten.» Simon van Rekum, Projektleiter DSembedded All diese Überlegungen haben sich auch Roman Grüter und Nils Ratnaweera gemacht, als sie ihr Forschungsprojekt «Auswirkungen des Klimawandels auf den Pfefferanbau» aufgleisten. Das Projekt untersuchte die Veränderungen der Anbaueignung von schwarzem Pfeffer weltweit unter aktuellen und zukünftigen klimatischen Bedingungen. Ratnaweera und Grüter machen nicht nur die Ergebnisse ihres Projektes öffentlich zugänglich, sondern auch alles andere – von den genutzten Rohdaten über die Skripts, die sie entwickelt haben, um die Szenarien für den Pfefferanbau auszurechnen, bis hin zu einem Teil der Korrespondenz, die sie während der Entwicklung miteinander geführt haben. Für diesen komplett offenen Weg haben sich die beiden gleich zu Beginn des Forschungsprojektes entschieden. «Wir haben als Ausgangslage selbst Daten verwendet, die offen zugänglich sind im Sinne von Open Science. Und wir sind dankbar dafür, dass wir diese globalen Daten nutzen konnten», so Ratnaweera. Das vom Projektteam genutzte Tool ist ein Open-Source-Programm. Das Tool zeichnete den Coding-Weg auf: Die Entstehung des Codes, den Ratnaweera beim Programmieren des Tools für die Berechnung der verschiedenen Anbauszenarien geschrieben hat, ist von A bis Z gespeichert. Ebenso die Kommunikation, die bei Grüter und Ratnaweera währenddessen via Chat im selben Tool lief. Somit kann man von aussen den gesamten Entwicklungsweg nachvollziehen. Insbesondere das Veröffentlichen des Chat-Verlaufs kostete ein wenig Überwindung. «Es gab diesen Moment, in dem ich realisierte, was das eigentlich heisst. Man macht sich ja durchaus angreifbar», so Grüter. Schliesslich ist auch nachzulesen, wenn die beiden Forscher nicht einer Meinung waren oder sich gegenseitig auf mögliche Fehler hinwiesen. Dennoch war für beide immer klar, dass das der richtige Weg ist. «Es gibt in diesem Projekt schliesslich keine besonders schützenswerten Daten, deren Veröffentlichung heikel wäre. Also sprach von Anfang an alles dafür, alles zu teilen», so Grüter. « Firmen haben lange gehört, Daten seien das Gold des 21. Jahrhunderts. Wir können nicht erwarten, dass sie diese plötzlich herausgeben.» Nima Riahi, Dozent am Institut für Datenanalyse und Prozessdesign Simon van Rekum sieht das genauso. Wo es möglich ist, rät er nicht nur dazu, die Daten zu teilen, sondern auch, Open-Source-Programme zu verwenden, damit die Hürden für eine Nachnutzung möglichst tief sind. Aber nicht immer ist alles möglich. Und nicht immer ist das Datenteilen so unbedenklich. «Die Frage, ob Forschungsdaten komplett offengelegt werden sollen, ist nicht generell mit Ja oder Nein zu beantworten», sagt er. Man müsse sich mehrere Fragen stellen: Handelt es sich zum Beispiel um ein vom Schweizerischen Nationalfonds SNF unterstütztes Projekt? Dann wäre das Teilen der Daten grundsätzlich Pflicht, weil der SNF seit 2017 eine Strategie der Open Research Data verfolgt. Darüber hinaus sollten sich Forschende früh im Projekt fragen, welchen Mehrwert die Forschungsdaten für Dritte haben könnten, wie dieser Nutzen im Verhältnis zum Aufwand steht, den das Teilen der Daten mit sich bringt, und natürlich, ob es sich um sensible oder anderweitig schützenswerte Daten handelt. «Personendaten müssen anonymisiert und bereinigt werden. Manchmal müssten aus einem Datensatz so viele Informationen entfernt werden, dass er für die Nachnutzung nicht mehr viel bringt», so van Rekum. Ähnliches komme vor, wenn Industriepartner in ein Forschungsprojekt involviert seien. Solche Herausforderungen kennt zum Beispiel die School of Engineering . Es ist ein Zielkonflikt: Man möchte im Sinne der Wissenschaft möglichst viele Erkenntnisse und Daten teilen, steht gleichzeitig aber in der Pflicht von Auftraggebenden, die meist aus der Industrie kommen. Viele Forschungsprojekte werden hier in Zusammenarbeit mit Firmen umgesetzt, die Daten zur Verfügung stellen und die Forschung aus wirtschaftlichen Interessen in Auftrag geben. Dass diese Firmen bereit sind, Daten zu publizieren, ist eher eine Ausnahme. Nima Riahi und Reto Bürgin von der School of Engineering sind beide am Projekt «DSembedded» beteiligt und wissen auch von anderen Forschenden in ihrem Umfeld, wie viele Hürden es beim Teilen von Daten gibt. Manchmal liegt es ganz konkret am Datenschutz. Oft sind es aber auch politische Gründe oder der hohe Aufwand, den niemand zu finanzieren bereit ist. Ausserdem ist für die Firmen nur schwer abzuschätzen, welche Risiken das Teilen von Daten mit sich bringt. Was, wenn jemand mit den Daten auf Erkenntnisse stösst, die man selbst nicht hatte? Oder wenn in einem umfangreichen Datensatz etwas gefunden wird, was einem negativ ausgelegt werden könnte? «Sobald die Industrie involviert ist, wird es schwierig», fasst Bürgin die Situation zusammen. Anders als in der Wissenschaft sei es in der Wirtschaft nicht üblich, zu kooperieren, um vorwärtszukommen. Sondern hier bemühe man sich um Wettbewerbsvorteile. «Lange haben die Firmen gehört, Daten seien das Gold des 21. Jahrhunderts. Wir können nicht erwarten, dass sie diese plötzlich herausgeben», sagt Riahi. Dennoch sehen die beiden Möglichkeiten, das Teilen von Daten mehr zu fördern. Zum Beispiel mit künstlich erzeugten, sogenannt synthetischen Daten, die in Sachen Struktur und Eigenschaften nah an den originalen Daten sind, aber ohne die schützenswerten Anteile. Und wer weiss: Vielleicht könnte es dem Image einer Firma in Zukunft sogar zuträglich sein, wenn sie ihr Wissen und ihre Daten offener teilt. Auch über Anreize müsse man nachdenken. Hier sieht van Rekum auch für die Wissenschaft und auf Ebene der einzelnen Forschenden Potenzial. Er begrüsst die aktuellen Bemühungen, was das «Research Assessment», also die Bewertung von Forschung angeht. Bisher ist es für Forschende wichtig, möglichst viele Artikel zu publizieren, am liebsten in angesehenen Wissenschaftsmagazinen. Auf forschungspolitischer Ebene gibt es nun das Bemühen, auch publizierte Datensätze als wichtigen Forschungsoutput anzuerkennen, damit sich dies positiv auswirken kann auf die Karriere von Forschenden. Die ZHAW steht gemäss van Rekum gut da in Sachen Open Research Data. Sie fördert die Entwicklung und Umsetzung aktiv. «Es gibt aber noch sehr grosse Unterschiede innerhalb der ZHAW», so van Rekum. In gewissen Disziplinen und Teams habe sich das offene Teilen von Daten schon voll etabliert, in anderen wiederum noch überhaupt nicht. «Insgesamt gibt es in der Praxis noch viele Fragen, die die Forschenden beschäftigen. Da können wir noch mehr tun und da sind wir dran.» (Bild: Conradin Frei) Elena Ibello

Viele Zimmer und ein Büro

Im Juni dieses Jahres standen in der ganzen Schweiz 51‘974 Wohnungen und Einfamilienhäuser leer und waren zum Verkauf oder zur Miete frei – das entspricht 1,08 Prozent des gesamten Wohnungsbestandes, wie das Bundesamt für Statistik errechnet hat. In der Grossregion Zürich waren es sogar nur 0,56 Prozent. Bei einer Leerstandsquote von 1 Prozent und weniger spricht das Bundesamt für Wohnungswesen von einer Wohnungsknappheit. Auf der Suche nach Lösungen aus der Wohnungsknappheit wird in der öffentlichen Diskussion eine Bevölkerungsgruppe häufiger genannt: die ältere Generation, Ehepaare oder Alleinstehende, die nach dem Auszug der Kinder allein in der ehemaligen Familienwohnung leben. Neudeutsch wird diese Bevölkerungsgruppe als «Empty Nester» bezeichnet, als Personen in einem leeren Nest. «Insbesondere unter dem Aspekt der Wohnungsknappheit lässt sich die optimale Wunschvorstellung auf dem Wohnungsmarkt natürlich nur begrenzt erreichen.» Selina Lehner, Dozentin School of Management and Law Wie stehen diese «Empty Nester» dazu, ihre Wohnungen wieder für andere Familien freizugeben? Und was wünschen sich jüngere Generationen – Familien in verschiedenen Lebensphasen – bezüglich ihres Heims? Dieser Frage ist die School of Management and Law in der repräsentativen Studie «Wohnraumnutzung aus individueller Sicht. Was brauchen bzw. wünschen sich Herr und Frau Schweizer wirklich?» nachgegangen. Herausgegeben wurde die Studie vom Bundesamt für Wohnungswesen, das die Studie zusammen mit dem Hauseigentümerverband Schweiz, der Fédération Romande Immobilière sowie Raiffeisen Schweiz finanziert hat. «Insbesondere unter dem Aspekt der Wohnungsknappheit lässt sich die optimale Wunschvorstellung auf dem Wohnungsmarkt natürlich nur begrenzt erreichen», schränkt Selina Lehner ein, Co-Leiterin der Studie und Dozentin an der School of Management and Law. Die umzugsbereiten Personen wurden in der Befragung nach ihren Wohnungswünschen und ihrer Kompromissbereitschaft gefragt. Dabei zeigen sie sich am wenigsten kompromissbereit bei der Zimmeranzahl und den Wohnkosten: 42 Prozent möchten bei der Zimmeranzahl und 32 Prozent bei den Wohnkosten nicht von ihrer Wunschvorstellung abweichen. Eher noch ginge man einen Kompromiss bei der Wohnfläche ein. Ein neuerer Trend: Das Büro entwickelt sich zunehmend zu einem unverzichtbaren Raum. 61 Prozent der Befragten möchten zukünftig ein Büro in den eigenen vier Wänden haben – auch nach der Pensionierung. Eine wichtige Frage angesichts der Wohnungsknappheit ist, wie gross die Bereitschaft wäre, sich beim Wohnraum zu beschränken. Das Ergebnis der Studie ist eindeutig: Gut 70 Prozent der Befragten aller Altersgruppen wollen keine Verkleinerung des Wohnraums, und fast gleich viel, nämlich 67 Prozent, empfinden ihre Wohnungs- oder Hausgrösse als angemessen. Wenn man umziehen möchte, dann eher in eine grössere Wohnung, weil die Familie wächst. Mit zunehmendem Alter erhöht sich die Bereitschaft zum Downsizing nur leicht. Gemäss den befragten Personen scheint ein Überschuss von zwei Zimmern, also zwei Zimmer mehr als Personen im Haushalt, die ideale Wohnungs-/Hausgrösse. Die «Empty Nester» hätten das grösste Potenzial, ihren Wohnraum zu verkleinern: 38 Prozent der befragten «Empty Nester» haben einen Zimmerüberschuss von mehr als zwei Zimmern, wohnen sie im Eigenheim, sind es sogar 61 Prozent. Bei den übrigen Altersgruppen sind es etwa 12 Prozent, welche einen Überschuss von mehr als zwei Zimmern haben. «Die Empty Nester nutzen ihr Potenzial zur Verkleinerung nur begrenzt», sagt Selina Lehner. «Es zeigt sich, dass die Kombination von Umzug und Verkleinerung – also zwei einschneidenden Veränderungen gleichzeitig – besonders herausfordernd ist», so Lehner. «Wenn zudem wichtige Anreize fehlen, wird diese Entscheidung häufig aufgeschoben.» Ein solcher Anreiz wäre etwa, dass man mit einer günstigeren Miete Geld sparen könnte. Nur ist das aufgrund der Wohnungsknappheit selten der Fall: Die Neumiete für kleinere Wohnungen ist oftmals teurer als die Bestandsmiete der grösseren Wohnung, die man bereits seit längerer Zeit bewohnt. Lehner spricht hier von einem «Lock-in-Effekt»: Selbst wenn eine Umzugsbereitschaft da wäre, ist der Wohnungssuchende in seinem Zuhause eingesperrt, weil bezahlbare Wohnalternativen fehlen. (Bild: pixabay) Sibylle Veigl

Die Vogelperspektive auf die Gesellschaft

Die «Monsterbank» wurde im Jahr 2023 zum Deutschschweizer Wort des Jahres erkoren. Der Begriff fasste all die Diskussionen, Emotionen und auch Ängste rund um den Zusammenschluss von Credit Suisse und UBS zu einem globalen Megakonzern zusammen. Seit dem Jahr 2017 ermittelt ein Team am Departement für Angewandte Linguistik zusammen mit einer Jury in allen vier Landessprachen ein Wort des Jahres: Begriffe, welche die Gesellschaft bewegt haben. Basis für diese Wahl ist die Sprachdatensammlung Swiss Applied Linguistics , kurz Swiss-AL . Gut eine Milliarde Wörter in über 4,5 Millionen Texten zählt diese mehrsprachige Datenbank. Das mache sie zur grössten der Schweiz laut dem verantwortlichen Forschungsteam. Diskurse und Sprachgebrauch der Öffentlichkeit zeigen, welche Geschichten wichtig sind in der Gesellschaft und welche Argumente wie und von wem aufgenommen werden. Seit 2015 werden diese Sprachdaten gesammelt. Dabei wird auf öffentlich zugängliche Quellen aus der Politik, aus Verbänden, der Wirtschaft, Wissenschaft, den Medien und der Zivilgesellschaft zurückgegriffen. Für Philipp Dreesen , Mitinitiant von Swiss-AL und Professor für Digitale Linguistik und Diskursanalyse, erfüllt diese Sammlung eine demokratische Aufgabe, denn: «Die Gesellschaft muss sich selbst beobachten können», sagt er. «Wissenschaft braucht Vermittlung in die Gesellschaft. Wissenschaft muss aber auch wahrnehmen, welche Gewissheiten es in der Gesellschaft gibt und wie über wissenschaftliche Anwendungen gedacht wird. «Die Gesellschaft muss sich selbst beobachten können.» Philipp Dreesen, Professor für Digitale Linguistik und Diskursanalyse Das machen Diskursanalysen: Sie erfassen zum Beispiel die Spielregeln der öffentlichen Kommunikation, Informationsangebote und individuelle Bedenken. Denn diese Regeln leiten das Denken, den Austausch und führen letztlich zu Entscheidungen und Handlungen.» Swiss AL liefere die Daten, um diese Diskurse aufzuzeigen und zu analysieren. Aktuell leitet Dreesen beispielsweise ein vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstütztes Projekt, bei dem mithilfe von Swiss-AL die öffentlichen Diskurse über Impfungen von 2000 bis 2025 analysiert werden. Um individuelle Impfentscheide und Impfzurückhaltung zu verstehen, sei es äusserst relevant zu untersuchen, wie Medien über Impfungen berichten, wie in der Politik darüber diskutiert wird, wie Stakeholder im Bereich der öffentlichen Gesundheit dazu kommunizieren und wie sich Laien öffentlich dazu positionieren, so Dreesen Die linguistische Forschungsgemeinschaft ist vergleichsweise klein. Doch die Datensammlung Swiss-AL habe bereits eine gewisse Strahlkraft über die Disziplin hinaus, so Julia Krasselt , Professorin für Methoden der Sprachdatenanalyse. Denn die Daten sind nicht nur für Sprachforschende interessant und wichtig, sondern ein Fundus an Antworten auf unterschiedliche Forschungsfragen aller Disziplinen, die sich für öffentliche Diskurse interessieren. Ein weiterer Vorteil ist die Mehrsprachigkeit: Das Korpus ermögliche einen Vergleich der Diskurse über verschiedene Sprachen und Kulturen hinweg, sagt Krasselt. Das sei einzigartig – und könne auch Vorbild für europaweite linguistische Sprachdatensammlungen sein. Deshalb befasst sich ein Team um Philipp Dreesen und Julia Krasselt seit 2022 damit, diese Sammlung für weitere Forschungskreise zu öffnen. Das Spezielle daran: «Im Gegensatz zu anderen Fachbereichen eruieren wir die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer unserer Forschungsdaten», sagt Krasselt. Um diese verschiedenen Bedürfnisse zu ermitteln, wurden fast in jedem Departement der ZHAW Forschende gefunden, welche Auskunft darüber gaben, wie sie zu Sprachdaten stehen, wie sie bei der Suche vorgehen oder nach welchen Begriffen sie suchen. Denn Forschungsmethoden und -fragen sind je nach Disziplin anders: Eine Person der Gesundheitswissenschaft beispielsweise hat andere Bedürfnisse an eine solche Datensammlung als eine Fachperson der Juristik, Architektur oder Psychologie. Im Fachbereich Gesundheit wird zum Beispiel danach gefragt, wie Massnahmen zur Tabakprävention in den Medien und in der Gesellschaft diskutiert werden: Wird überhaupt darüber diskutiert, in welchem Zusammenhang und wie oft? Welche Emotionen spielen eine Rolle? Über all das kann das Textkorpus Auskunft geben. «Swiss-AL bietet die Vogelperspektive auf die Gesellschaft», sagt Dreesen Öffentlich gemacht werden die Daten über eine «Workbench», eine Art Suchmaschine. Zentral dabei ist, die Daten richtig aufzubereiten und intelligente Werkzeuge für die Nutzung der Daten bereitzustellen. Es geht aber auch um die Einhaltung der «FAIR-Prinzipien», also darum, dafür zu sorgen, dass die Daten auffindbar, zugänglich, kompatibel und wiederverwendbar sind. Das Urheberrecht wird insofern eingehalten, als die Texte selbst nicht im Suchergebnis erscheinen, sagt Dreesen. Gezeigt wird lediglich der Satz, in dem das gesuchte Wort vorkommt, und dies mit Quellenangabe. «Das Korpus ermöglicht einen Vergleich der Diskurse über verschiedene Sprachen und Kulturen hinweg – das ist einzigartig in Europa.» Julia Krasselt, Professorin für Methoden der Sprachdatenanalyse Im kommenden Frühjahr soll eine neu gestaltete Version der Workbench fertig sein. «Wir haben gemerkt, dass die aktuelle Version noch nicht so verständlich ist wie gewünscht», so Krasselt. Unterstützt wird diese Neugestaltung im Rahmen des Schweizer Open-Science-Programms vom Hochschulverband swissuniversities wie auch mit ZHAW-Mitteln. Zur erfolgreichen Umsetzung einer Strategie der offenen Forschungsdaten gehört auch die Ausbildung und Befähigung der Forschenden, solche Ressourcen zu benützen. Im Zentrum eines weiteren Projektes steht deshalb die Entwicklung von Schulungsmaterialien: Erklärvideos, disziplinspezifische Testimonials, praktische Übungen oder Best Practices. «Alles in kleinen Häppchen», so Dreesen lächelnd, «Forschende haben nicht viel Zeit.» (Bild: Vitalii Vodolazskyi/AdobeStock ) Sibylle Veigl

Bewegungsdaten für alle

Sie misst den menschlichen Gang, die Aktivität von Muskeln oder die Kräfte, die auf ein Gelenk wirken: Die Bewegungsanalyse, bei der Daten zu Abläufen, aber auch Störungen des menschlichen Bewegungsapparats erhoben werden. Sie kommt in verschiedenen Bereichen zum Einsatz, etwa bei der Entwicklung neuer Produkte wie zum Beispiel von Schuhen, in der Rehabilitation oder für die klinische Entscheidungsfindung. Die Erhebung von Bewegungsdaten ist dabei meistens aufwendig und ressourcenintensiv. So müssen passende Probandinnen und Probanden rekrutiert, deren Bewegungen in speziellen Laboren mithilfe von High-End-Kameras und Markern erfasst und mit leistungsfähigen Computern aufbereitet und analysiert werden – eine Datenerhebung also, die mit viel Vor- und Nachbereitung verbunden ist und einiges an Ressourcen benötigt. Angesichts dieses Aufwands wäre es sinnvoll, wenn Bewegungsdaten aus einzelnen Forschungs- und Entwicklungsprojekten öffentlich zugänglich wären und so mehrfach wiederverwendet werden könnten – von anderen Wissenschaftlerinnen, von Therapeuten oder Produktentwicklerinnen. Bloss: Solche Open Research Data (ORD) sind in der Bewegungsanalyse rar gesät. «Der Anteil an öffentlich zugänglichen Daten aus Bewegungslaboren ist klein», sagt Michelle Haas . Die Bewegungswissenschaftlerin am Departement Gesundheit gehört zum Team von «MoveD – Open Research Data in Swiss Movement Laboratories» . Das von swissuniversities finanzierte Forschungsprojekt des Instituts für Physiotherapie möchte die Veröffentlichung von ORD aus den Schweizer Bewegungslaboren fördern. Dafür haben die Forschenden Guidelines erarbeitet, mit denen die Bereitstellung von Daten vereinfacht und unterstützt werden soll. «Forschende werden an Publikationen gemessen – Datenpublikationen gehören aber noch nicht dazu.» Michelle Haas, Bewegungswissenschaftlerin am Departement Gesundheit Eines der grössten Hindernisse, das einer stärkeren Publikation von Bewegungsdaten im Weg steht: Der Prozess benötigt Zeit und bindet Ressourcen. «Für ORD müssen zusätzliche Metadaten und Informationen zur Datenerhebung und zu den Probandinnen und Probanden erfasst werden, die Daten in ein offenes Format umgewandelt und so strukturiert werden, dass sie mit anderen Softwares und Datenstrukturen kompatibel sind», schildert Haas ein paar der Aufgaben, die ORD mit sich bringen. Viele Forschende scheuten diesen Zusatzaufwand und nutzten die Zeit lieber für weitere Forschung. Das habe wohl auch mit dem geringen Stellenwert von Datenpublikationen zu tun, vermutet Haas. «Wir Forschende werden an unseren Publikationen gemessen – Datenpublikationen gehören im Moment aber noch nicht dazu.» Werden Daten trotzdem öffentlich zugänglich gemacht, entsprechen sie laut Haas häufig nur teilweise den Anforderungen an ORD. «Sie werden beispielsweise als Anhang zu Publikationen veröffentlicht – was es schwierig macht, sie zu finden.» Oftmals genügten die Daten deshalb nicht den international anerkannten FAIR-Prinzipien für ORD. Der FAIR-Grundsatz besagt, dass Daten auffindbar (findable), zugänglich (accessible), kompatibel (interoperable) und wiederverwendbar (reusable) sein sollten. Die MoveD-Guidelines, die in Zusammenarbeit mit einigen Schweizer Bewegungslaboren erarbeitet worden sind, zeigen auf, wie Daten so aufbereitet werden können, dass sie den FAIR-Prinzipen entsprechen. Die Guidelines decken dabei den gesamten Lebenszyklus der Daten ab – von der anfänglichen Planung über die Erhebung, Verarbeitung und Analyse bis zur Veröffentlichung. Eine entsprechende Mustervorlage hilft ausserdem dabei, Metadaten mit einem geringeren Aufwand zu erfassen. Auch auf ethische und rechtliche Fragestellungen gehen die Richtlinien ein. «Ein Workshop mit Mitarbeitenden der Bewegungslabore in der Schweiz hat gezeigt, dass bei diesen Fragen grosse Unsicherheiten bestehen», erklärt Michelle Haas. Bedenken bestünden vor allem bezüglich des Datenschutzes – neben dem Zusatzaufwand wohl einer der Hauptgründe dafür, dass Bewegungsdaten eher selten als ORD aufbereitet werden. «Wie bei anderen Forschungsprojekten im Gesundheitsbereich werden sensible persönliche Daten erhoben.» Der Schutz dieser Daten und damit auch der Persönlichkeitsrechte von Studienteilnehmenden nimmt deshalb einen hohen Stellenwert ein – ein Schutz, der mit der Veröffentlichung der Daten theoretisch geschwächt werden kann. «Auch bei vermeintlich anonymisierten Daten besteht ein gewisses Risiko, dass sie in Kombination mit weiteren Angaben Rückschlüsse zur Person zulassen, von der sie stammen», führt Michelle Haas aus. Erschwerend kommt laut der Forscherin hinzu, dass ethische und rechtliche Vorgaben häufig einen Interpretationsspielraum haben. «Das führt dazu, dass sich ihre konkrete Auslegung von Fall zu Fall unterscheidet», sagt Michelle Haas und illustriert diese Herausforderung an einem Beispiel: Ob ein Datensatz ausreichend anonymisiert sei, hänge laut Gesetzgebung auch vom Aufwand ab, den es benötige, um trotzdem Rückschlüsse auf die Person machen zu können. «Das Gesetz sieht die Anonymisierung als gegeben an, wenn dieser Aufwand unverhältnismässig hoch ist – doch was heisst das im konkreten Fall?» Die im MoveD-Projekt erarbeiteten Guidelines unterstützen Bewegungswissenschaftlerinnen bei der Beurteilung rechtlicher und ethischer Fragen. Und sie vermitteln das Wissen, das es braucht, um Bewegungsdaten ausreichend zu anonymisieren oder zu verschlüsseln. Das Projekt befindet sich derzeit in der Disseminationsphase: Die Guidelines werden über verschiedene Kanäle bekannt gemacht, beispielsweise auf Kongressen und via Newsletter, und stehen auf dem Online-Repositorium Zenodo zur Verfügung. Ausserdem werden sie von mehreren Bewegungslaboren in der Schweiz getestet und validiert. «Das Feedback der Labore fliesst in einem iterativen Prozess in die Guidelines ein», sagt Michelle Haas. Auch das MoveD-Projektteam testet das Resultat ihrer bisherigen Arbeit in einem Projekt. «Die Aufbereitung der Daten aus dem Projekt soll zeigen, ob die Guidelines ausreichend sind.» (Bild: Gorodenkoff/Adobestock) Tobias Hänni

Offener Zugang zu Bildung und Forschung

Eine von öffentlichen Mitteln finanzierte Forschung sollte allen zugänglich sein. Bei diesem Grundsatz geht es nicht nur darum, dass die Gesellschaft zurückerhält, was sie in die Wissenschaft investiert hat. Auch für die Wissenschaft sind frei verfügbare Informationen von zentraler Bedeutung. Wissenschaftliche Publikationen im Open Access erleichtern die Zirkulation des Wissens erheblich und begünstigen die Entwicklung von neuen, vielleicht bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen. Aus dieser Überlegung heraus hat sich auch die Schweiz dem Grundsatz Open Access (OA) verpflichtet und verfolgt seit 2017 eine nationale OA-Strategie. Diese sah ursprünglich vor, dass bis 2024 hundert Prozent der Publikationen aus öffentlich finanzierter Forschung frei zugänglich sein sollen. Dieses Ziel wurde zwar nicht erreicht, aber es lässt sich eine positive Entwicklung feststellen. Waren 2017 noch 50 Prozent der wissenschaftlichen Artikel nicht frei verfügbar, so sank der Anteil bis 2022 auf 27 Prozent. Die revidierte Open-Access-Strategie von 2024 sieht nun vor, dass das 100-Prozent-Ziel bis 2032 erreicht werden soll. Die Herausforderungen zur Erreichung des Ziels sind indessen zahlreich. Swissuniversities zählt in einem Bericht zur OA-Strategie von 2024 zu diesen die steigenden Kosten im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens, die problematische Praxis der Publikationsgebühren, bei der den Autorinnen und Autoren direkt Kosten angelastet werden, sowie den nach wie vor tiefen Anteil sogenannter Long-Form Publications wie Monografien in Open Access. Daneben existieren gemäss Elena Šimukovič , Fachbereichsleiterin Research & Infrastructure der ZHAW Hochschulbibliothek , verschiedene Spannungsfelder, die die Durchsetzung des OA-Grundsatzes erschweren. So ist unklar, ob die Forschungspublikationen in meist spezialisierten englischsprachigen Fachzeitschriften tatsächlich einen Mehrwert für die Gesellschaft darstellen. Auch stellt Open Access Forschende oftmals vor ein vermeintliches Dilemma, sich zwischen renommierten, aber abonnementbasierten Zeitschriften und offenem Zugang entscheiden zu müssen. «Der grüne Weg ist eine kosteneffiziente Alternative, um hohe Publikationsgebühren zu umgehen.» Elena Šimukovič, Fachbereichsleiterin Research & Infrastructure der ZHAW Hochschulbibliothek Den Hochschulen kommt in der Umsetzung der OA-Strategie der Schweiz eine zentrale Rolle zu. Als Forschungs- und Lehrstätten können sie massgeblich dazu beitragen, dass sich eine Kultur der offen zugänglichen Forschung zunehmend etabliert. Und sie können Forschende, die sich entschlossen haben, im OA zu publizieren, unterstützen und beraten. Die ZHAW engagiert sich seit 2017 aktiv für die Umsetzung der OA-Strategie der Schweiz. Auf ihrem institutionellen OA-Repositorium, der ZHAW digitalcollection, werden jährlich 2500 neue Publikationen verzeichnet. Unter den mehr als 20 Publikationstypen befinden sich neben Zeitschriftenartikeln, Buchkapiteln und Konferenzbeiträgen auch Forschungsberichte, Studien und ausgewählte Abschlussarbeiten. Es gibt verschiedene Varianten, offen zu publizieren. Beim sogenannten «goldenen Weg» werden die Forschungsbeiträge direkt in einer OA-Zeitschrift publiziert. Die Kosten für die Veröffentlichung werden meist durch die Forschenden getragen respektive durch ihre Institution. Beim «grünen Weg» handelt es sich um eine Zweitveröffentlichung eines Forschungsbeitrags, der zuerst in einem abonnementbasierten und folglich zugangsbeschränkten Medium publiziert wurde. Die Zweitpublikation erfolgt auf einem digitalen Open-Access-Repositorium, wie der ZHAW digitalcollection. Dabei handelt es sich um Plattformen, die von Institutionen oder nach Fachbereichen betrieben werden. Ferner gibt es den «diamantenen Weg», bei dem weder die Forschenden noch die Lesenden bezahlen, sondern Förderorganisationen oder wissenschaftliche Einrichtungen die Finanzierung übernehmen. Die ZHAW unterstützt ihre Forschenden bei allen Varianten. So können sie sich bei der Hochschulbibliothek Rat bezüglich des Publikationsvertrags einholen. «Unser Beratungsangebot wird gerne in Anspruch genommen, da die meisten Forschenden sich mit den Details in solchen Verträgen nicht auskennen und über ihre Rechte Bescheid wissen wollen», erklärt Šimukovič. Ferner schliesst die ZHAW sogenannte Read-&-Publish-Vereinbarungen mit grossen kommerziellen Verlagen ab. Dank diesen müssen die Autorinnen und Autoren keine Publikationsgebühren zahlen, wenn sie einen Beitrag in einer Zeitschrift direkt in OA veröffentlichen wollen. Auch hat die ZHAW einen OA-Fonds eingerichtet, der für die Publikation von Zeitschriftenartikeln bis zu 2500 Franken und von Büchern bis zu 8000 Franken bereitstellt. «Der Open-Access-Fonds wird jedes Jahr erhöht und intensiv genutzt, gegenwärtig am meisten von den Departementen Gesundheit sowie Life Sciences und Facility Management mit je 30 Prozent», so Elena Šimukovič. Einen besonderen Fokus legt die ZHAW auf den grünen Weg, bei welchem ein bereits veröffentlichter Forschungsbeitrag auf einem Repositorium als Zweitpublikation frei verfügbar gemacht wird. «Aktuell werden 58 Prozent der Forschungsbeiträge der ZHAW in Open Access publiziert. In 13 Prozent der Fälle wird die Option der Zweitveröffentlichung jedoch nicht genutzt, obschon die Verlage es erlauben würden», sagt Šimukovič. Diesem unausgeschöpften Potenzial soll in den nächsten Jahren verstärkt Beachtung geschenkt werden. Ziel sei es, die Forschenden davon zu überzeugen, dass eine Zweitveröffentlichung nicht nur kosteneffizient ist, sondern auch einen Mehrwert für sie selbst, für die ZHAW und für die Interessierten aus der Praxis und Gesellschaft darstelle. «Das Angebot an Lehrmaterialien von Hochschulen auf dem OER-Repositorium füllt eine Marktlücke» Nicole Krüger, Teamleiterin Open Educational Resources, ZHAW Hochschulbibliothek Neben ihrem Engagement im Feld der OA-Publikationen setzt sich die Hochschulbibliothek der ZHAW auch für eine offene Bildung ein. Im Juli 2024 hat sie in Zusammenarbeit mit dem Infrastrukturanbieter Switch das schweizweit erste Repositorium für offene Lehr- und Lernmaterialien (Open Educational Resources: OER) lanciert. In der aktuellen Pilotphase sind daran neben der ZHAW auch die Fachhochschule Nordwestschweiz sowie drei pädagogische Hochschulen beteiligt. «Unser Ziel ist es, möglichst alle Schweizer Hochschulen zu gewinnen, damit sich das Repositorium zu einer nationalen Plattform etabliert», erklärt Nicole Krüger , Teamleiterin Open Educational Resources der ZHAW Hochschulbibliothek . Aktuell befinden sich 600 Lehrmaterialien auf der Plattform, vor allem aus den Bereichen Gesundheit und Life Sciences. «Die Plattform richtet sich an alle: Studierende, Studienanwärterinnen, Lehrpersonen oder Private, die sich gezielt weiterbilden möchten», so Krüger. Der inklusive Charakter des ersten Schweizer OER-Repositoriums ist Programm. So soll die Plattform den Dialog innerhalb und zwischen den verschiedenen Fächern intensivieren und zu einer neuen, offenen Lehrkultur beitragen. Damit die Inhalte des Repositoriums gut auffindbar sind, werden die Materialien maschinenlesbar ausgezeichnet, sodass sie von Suchmaschinen gut erfasst werden. Die ersten Rückmeldungen zur Plattform sind ausnehmend positiv. «Das ist nicht weiter verwunderlich», so Nicole Krüger, «denn das OER-Repositorium füllt mit der Möglichkeit, gezielt und formatoffen nach Lehrmaterialien von Hochschulen zu suchen, eine Marktlücke, die selbst Tech-Unternehmen wie Google oder Youtube nicht zu bewirtschaften wussten.» (Bild: Stefan Kubli) Marion Ronca

Meine Daten sind deine Daten 

Wenn Forschungsdaten offen zugänglich sind, wird die wissenschaftliche Arbeit nicht nur transparenter, effizienter und wirksamer, sondern lässt sich auch einfacher reproduzieren und verifizieren. So die Idee von Open Research Data . «Schon heute gibt es viele Datensätze, die grundsätzlich frei verfügbar sind», sagt Anna Daudrich , Forschungsdatenspezialistin an der Hochschulbibliothek der ZHAW. «Doch ob sich diese Daten so einfach wiederverwenden lassen, steht auf einem anderen Blatt.» Genau dieser Frage geht die ZHAW im Projekt ROADS derzeit auf den Grund. Der freie Zugriff auf bestehende Forschungsdaten ermögliche nicht nur, neue Fragestellungen anzugehen und stärker interdisziplinär zu arbeiten, sondern spare auch viele personelle und zeitliche Ressourcen, führt Daudrich aus, die das departementübergreifende Projekt leitet. «Zudem fordern heute auch Förderinstitutionen und öffentliche Geldgeber immer häufiger, dass die generierten Daten allen zur Verfügung stehen.» Die Wiederverwendbarkeit von Forschungsdaten ist eines der vier Prinzipen, an denen sich auch der Bund in seiner Nationalen Strategie zu Open Research Data orientiert. Diese sogenannten FAIR-Prinzipien besagen: Forschungsdaten müssen auffindbar, zugänglich, kompatibel und eben wiederverwendbar sein. Erst dann dienen sie auch anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei ihrer Arbeit. Wie aber müssen Daten dazu aufbereitet, dokumentiert und verwaltet werden? Antworten auf diese Fragen erhofft sich Daudrich aus konkreten Anwendungsfällen, das heisst: Studierende und Dozierende der ZHAW suchen nach bestehenden Datensätzen und wenden diese im Rahmen einer Diplom-, Haus- oder Seminararbeit auf eine beispielhafte Forschungsfrage an. Daudrich arbeitet dabei mit ganz verschiedenen Departementen und Disziplinen der ZHAW zusammen: In die Analyse fliessen also Messdaten aus der Physiotherapie ebenso ein wie Umfragen aus der Angewandten Psychologie oder statistische Auswertungen aus der Lebensmittelwissenschaft. Sharun Parayil Shaji und sein Betreuer Wolfgang Tress von der School of Engineering etwa haben sich für ein relativ neues globales Datenarchiv zu sogenannten Perowskit-Solarzellen entschieden. Perowskit ist ein Sammelbegriff für verschiedene Stoffe, deren Kristallstruktur dem natürlichen Mineral mit demselben Namen ähnelt. «Solarzellen aus Perowskit sind effizienter und benötigen bei der Herstellung weniger Energie als andere Materialien», sagt Tress, der am Institute of Computational Physics das Team Neuartige Halbleiterbauelemente leitet. «Für eine kommerzielle Anwendung sind sie aber noch zu wenig robust.» Die beiden Forscher wollten deshalb untersuchen, ob sich aus den bestehenden Daten allfällige Trends in Bezug auf die Stabilität von Perowskit-Solarzellen ablesen und maschinelle Lernmodelle trainieren lassen. «Studierende sollten schon früh auf Open Research Data sensibilisiert werden – lange bevor sie als Forschende tätig sind.» Anna Daudrich, Projekttleiterin ROADS Die Bilanz fällt eher ernüchternd aus: Sie hätten für ihre Analyse weder auf genügend Daten noch ausreichende Kontextinformationen zurückgreifen können, fasst Tress zusammen. Das grösste Problem seien aber die fehlenden Messstandards gewesen: «Es gibt heute keine eindeutigen Vorgaben, wie die Stabilität von Perowskit-Solarzellen erhoben werden soll.» Diese werde je nach Labor unter sehr unterschiedlichen Belastungsbedingungen gemessen: Einmal variiere vielleicht die Temperatur, ein anderes Mal die Lichtintensität. Der Professor kritisiert aber auch, dass das verwendete Datenarchiv seit seiner Erstellung 2021 kaum gepflegt oder aktualisiert worden sei. «Dabei wurde gerade in den letzten Jahren viel zum Thema publiziert.» Wenn es denn gut geführt sei, ist der langfristig Nutzen eines solchen Archivs für Tress aber unbestritten. «Stabilitätsmessungen sind in der Regel sehr aufwendig», erklärt der Ingenieur und Physiker. «Viele Labore könnten diese alleine gar nicht durchführen.» Im Gegensatz zu Tress und Shaji haben sich die anderen Teilnehmenden für ihre Fallstudien grossmehrheitlich auf Datensätze aus eigenen Forschungsarbeiten gestützt, wie Projektleiterin Daudrich sagt. «Viele der gängigen Schwierigkeiten haben sich für sie darum gar nicht erst gestellt.» Wer mit eigenem Material arbeite, wisse von Anfang an, ob sich dieses auch für andere Fragen eigne. Auch fehlende Metadaten seien dann nicht so dramatisch. «Die meisten Forschenden erinnern sich auch ohne detaillierte Dokumentation noch an die Laborbedingungen.» Das von der Rektorenkonferenz der Schweizerischen Hochschulen swissuniversities mitfinanzierte Projekt wird deshalb um ein halbes Jahr verlängert und läuft neu bis Ende Juni 2025. Für die zusätzlichen Fallstudien sollen nun ausschliesslich Datensätze anderer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nachgenutzt werden, betont Daudrich. «Erst so können wir ein vertieftes Verständnis für die typischen Herausforderungen rund um das Thema gewinnen.» Denn Probleme gibt es genug: So erschweren den Studierenden heute nicht nur Qualitätsmängel die Wiederverwendung von Daten, sondern auch rechtliche Fragen; etwa wenn die Einwilligung von Probandinnen und Probanden diesbezüglich nicht klar formuliert ist. Gleichzeitig fehlt es vielerorts an grundsätzlichen Kenntnissen und Kompetenzen, wie Daudrich feststellt. «Das beginnt manchmal schon bei der Frage: Wo finde ich überhaupt geeignete Daten?» Während eine Einführung in die Literaturrecherche im Studium selbstverständlich sei, würden bislang zur Datenrecherche kaum Grundlagen vermittelt. Die Wissenslücken der Studierenden bedeuten auch einen Mehraufwand für die betreuenden Dozentinnen und Dozenten. «Oft müssen sie dann die nachzunutzenden Daten suchen, diese in üblichere Formate konvertieren oder eine gängigere Software ausfindig machen», sagt Daudrich. Dies werfe auch Fragen nach dem Leistungsumfang auf, der schliesslich den Studierenden angerechnet werden kann. Von ROADS erhofft sich die ZHAW nicht nur Erkenntnisse darüber, ob existierende Forschungsdaten tatsächlich wiederverwendbar sind. Das Projekt soll auch dazu beitragen, die Datenkompetenz heutiger Studierender und Forschender an der ZHAW zu fördern und somit den Grundstein dafür zu legen, eine künftige Generation von Open Scientists auszubilden. Dazu sollen nicht nur departement- und fachspezifische Beratungen und Schulungen angeboten, sondern auch unterstützende Materialien wie Checklisten oder Leitfäden zum Thema Datennachnutzung entwickelt werden. Der Weg zu Open Research Data dürfte noch lange sein, lohnenswert ist er für Anna Daudrich aber allemal. «Wichtig ist, schon möglichst früh im Studium für das Thema zu sensibilisieren – lange bevor die Studierenden selbst als Forschende tätig sind.» Auf diese Weise wüssten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlerin nicht nur von Beginn weg, worauf es zu achten gelte, wenn sie existierende Daten nachnutzten – sondern seien sich auch bewusst: «Wenn ich meine Daten nicht ordentlich aufbereite und dokumentiere, haben andere bei der Nachnutzung später ein Problem.» (Bild: alphaspirit /adobestock) Ümit Yoker

Von der Energiewende und Alzheimer-Diagnosen per App

Wer in die Schweiz einwandert, soll sich integrieren. So sieht es die Gesetzgebung vor. Um ausländerrechtliche Bewilligungen zu erlangen, müssen Migrantinnen und Migranten daher gewisse Anforderungen erfüllen. Sie erleben allerdings häufig Diskriminierungen, die ihnen dies erschweren. «Sie befinden sich in einem Spannungsfeld», sagt Anja Herrli. Die ZHAW-Absolventin hat im Rahmen eines Praktikums zugewanderte Jugendliche betreut. «Sie sollen eine Ausbildung machen, werden aber benachteiligt, wenn sie nur schon einen Platz für eine Schnupperlehre suchen.» Wie Herrli in ihrer Abschlussarbeit aufzeigt, ist die Situation für vorläufig aufgenommene Personen besonders schwierig. Dabei handelt es sich um Menschen, die kein Asyl erhalten, jedoch nicht zurückgewiesen werden können. Etwa weil ihnen in ihrer Heimat Krieg, Verfolgung oder eine medizinische Notlage droht. «Ihr Alltag ist häufig von Verboten und Einschränkungen geprägt», so die Autorin. Vorläufig Aufgenommene müssen beispielsweise ein Gesuch stellen, wenn sie den Kanton wechseln möchten. Sie erhalten tendenziell weniger Sozialhilfe und haben geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. «Um sie zu unterstützen, sollten sich Sozialarbeitende mit deren Lebenswelt auseinandersetzen», sagt Herrli und streicht die Bedeutung interkultureller Kompetenzen hervor. Angebote sollten einfach zugänglich sein und Partizipationsmöglichkeiten bieten. Mit sozialer Arbeit sollte Diskriminierungen präventiv entgegengewirkt werden und auf politischer Ebene für Verbesserungen gesorgt werden. Lithium spielt eine zentrale Rolle, wenn fossile Brennstoffe ersetzt werden sollen. Das Leichtmetall wird unter anderem in Akkus eingesetzt, wie sie in E-Bikes, E-Autos und zur Speicherung von Energie aus erneuerbaren Quellen verwendet werden. «Lithium wird für die Energiewende entscheidend sein», sagt Nicolas Müller, der an der School of Management and Law studiert hat. Die Nachfrage nach dem Metall werde in den nächsten Jahren stark zunehmen. 2030 dürften 300’000 Tonnen Lithium fehlen, wenn der Abbau nicht intensiviert werde. «Es braucht zusätzliche Anstrengungen und Investitionen», sagt Müller. Grosses Potenzial sieht der ZHAW-Absolvent dafür in Südamerika. Argentinien, Chile und Bolivien verfügen zusammen über Lithium-Reserven von 50 bis 55 Millionen Tonnen. Aktuell produzieren sie rund 54 000 Tonnen pro Jahr. Allerdings belasten herkömmliche Abbauverfahren die Umwelt erheblich. Sie verbrauchen und verunreinigen grosse Mengen an Wasser und Land. Zudem benötigen sie viel Energie, verursachen CO₂-Emissionen, schaden der Biodiversität und können Konflikte mit der lokalen Bevölkerung auslösen. «Investierende sollten auf nachhaltigere Technologien setzen», sagt Müller und nennt als Beispiel die Methode DLE (Direct Lithium Extraction). Er hat ein Excel-Tool programmiert, welches hilft, Projekte in Bezug auf ihre ökologischen und sozialen Folgen zu bewerten. Dieses soll Investmentfirmen helfen, Entscheidungen zu treffen. «So haben sie die Chance, Nachhaltigkeit stärker zu gewichten.» Erkrankungen beeinflussen, wie jemand aussieht, auftritt und wirkt. Alzheimer und Parkinson verändern unter anderem die Mimik, das Sprachverhalten und den Puls eines Menschen. Intelligente digitale Lösungen helfen dabei, solche Hinweise frühzeitig zu erkennen und Betroffene optimal zu behandeln. «Das Potenzial für medizinische Anwendungen ist gross», sagt Pascal Eberhard. Zusammen mit Nicola Kreis hat er eine iOS-Anwendung entwickelt, die Fachleute bei der Diagnose der beiden neurodegenerativen Krankheiten unterstützen kann. Während kognitiver Tests nutzt die App das integrierte Mikrofon sowie die Kameras des iPhones, um Gesichtsausdrücke und die Stimme einer Person aufzuzeichnen. Über einen externen Sensor – einen Pulsmesser – misst sie zudem deren Herzfrequenz. Die gesammelten Daten stellt sie in Echtzeit auf dem Bildschirm dar und bereitet sie für die weitere Analyse auf. Dank künstlicher Intelligenz soll die Anwendung dereinst objektive Informationen dazu liefern, ob jemand an Alzheimer oder Parkinson erkrankt ist oder nicht. «Das Tool muss jetzt noch breiter trainiert und medizinisch überprüft werden», sagen die ZHAW-Absolventen, die sich an einem internationalen Projekt beteiligt haben. Ihre App soll nun von Forschenden der Seoul National University of Science and Technology klinisch getestet und weiterentwickelt werden. Um ihre Anwendung zu demonstrieren, haben Eberhard und Kreis zudem ein Autorenn-Game programmiert. Nutzende steuern darin einen Rennwagen – nicht mit Tasten oder einem Joystick, sondern mit Gesichtsausdrücken. Eveline Rutz

Planetary Health Folge 7: Metasynthese in der Lebensmittelproduktion

Seit den Anfängen der Landwirtschaft verlassen wir uns auf die Photosynthese, das Sonnenlicht, den Boden und das Wasser, um das zu erzeugen was uns ernährt. Dieses System der Lebensmittelproduktion ist aber sowohl anfällig als auch ressourcenintensiv. Was wäre, wenn wir uns aus dieser Abhängigkeit befreien könnten? Hier kommt die Metasynthese auf den Plan, ein revolutionäres Verfahren, das die traditionellen biologischen Systeme der Lebensmittelproduktion umgeht und es uns ermöglicht, Lebensmittel auf völlig neue Weise herzustellen. Durch Technologien wie die CO₂-basierte Proteinproduktion, die Fermentation mit erneuerbarer Energie und die Nutzung mikrobieller Prozesse bietet die Metasynthese einen Einblick in eine Zukunft, in der Lebensmittel synthetisiert statt angebaut werden. Unternehmen wie Solar Foods und Calysta demonstrieren bereits die Realisierbarkeit dieser Technologien und versprechen ein nachhaltigeres und widerstandsfähigeres Lebensmittelsystem. Das heutige globale Nahrungsmittelsystem ist stark von traditionellen landwirtschaftlichen Praktiken abhängig, die mit erheblichen Umweltkosten verbunden sind. Die Landwirtschaft ist für etwa 26 % der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich und eine der Hauptursachen für Entwaldung, Wasserverknappung und für etwa 70 % des Verlusts an biologischer Vielfalt. Industrielle Anbaumethoden, die durch die Notwendigkeit angetrieben werden, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, haben zu Bodendegradation, Kontamination von Wasserquellen und Verlust von Ökosystemen geführt. Darüber hinaus ist das System zunehmend anfällig für den Klimawandel. Steigende Temperaturen, unvorhersehbare Wetterlagen und Dürren bedrohen die Ernteerträge und die Ernährungssicherheit, insbesondere in Regionen, die von der Subsistenzlandwirtschaft abhängig sind. Da die Weltbevölkerung bis 2050 voraussichtlich fast 10 Milliarden Menschen erreichen wird, verstärkt sich dieser Druck weiter. Metasynthese bietet durch die Umgehung der natürlichen Prozesse der Landwirtschaft die Möglichkeit, nicht nur den ökologischen Fussabdruck der Lebensmittelproduktion zu verringern, sondern auch die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel zu erhöhen. Eines der vielversprechendsten Beispiele für Metasynthese in der Lebensmittelproduktion stammt von Solar Foods, einem finnischen Unternehmen, das ein Verfahren zur Herstellung eines proteinreichen Produkts namens Solein entwickelt hat. Solein wird in einem Verfahren hergestellt, bei dem aus der Luft, Wasser und erneuerbarer Elektrizität gewonnenes CO₂ verwendet wird, um Mikroben in einem Bioreaktor zu züchten. Die Mikroben wandeln das CO₂ durch Fermentation in Protein um, ähnlich wie Hefepilze Zucker in Alkohol umwandeln. Das Revolutionäre an Solein ist, dass es unabhängig von landwirtschaftlichen Flächen, Sonnenlicht oder Wetterbedingungen produziert werden kann. Mit anderen Worten: Es kann überall auf der Welt hergestellt werden, unabhängig vom lokalen Klima oder der Bodenqualität. Laut Solar Foods hat Solein das Potenzial, mit 100-mal weniger Wasser und deutlich weniger Treibhausgasemissionen als die traditionelle Tierhaltung produziert zu werden. Diese Technologie könnte sich besonders in Regionen als vorteilhaft erweisen, in denen die Landwirtschaft schwierig ist, wie z. B. in Wüsten oder städtischen Umgebungen. Calysta, ein weiterer wichtiger Akteur in diesem Bereich, arbeitet an einem ähnlichen Verfahren, bei dem Methan-metabolisierende Bakterien zur Proteinproduktion eingesetzt werden. Ihr Produkt FeedKind ist in erster Linie als alternatives Futtermittel für Aquakulturen und Nutztiere konzipiert, aber die zugrunde liegende Technologie könnte auch zur Produktion von Proteinen für den menschlichen Verzehr angepasst werden. Ein entscheidender Vorteil der Metasynthese ist ihre Fähigkeit, die Lebensmittelproduktion zu entterritorialisieren und die Abhängigkeit von Land und natürlichen Ökosystemen effektiv zu durchbrechen. Die traditionelle Landwirtschaft benötigt riesige Mengen an Ackerland, was oft zur Entwaldung und Zerstörung von Lebensräumen führt, um Platz für Ackerbau und Viehzucht zu schaffen. Dieser Prozess der Landnutzungsänderung hat verheerende Folgen für die Biodiversität und trägt durch die Freisetzung von in Wäldern und Böden gespeichertem Kohlenstoff erheblich zum Klimawandel bei. Durch die Verlagerung der Lebensmittelproduktion in kontrollierte Umgebungen wie Bioreaktoren ermöglicht uns die Metasynthese, die Beziehung zwischen Nahrung und Land neu zu überdenken. Dies öffnet die Tür für eine Renaturierung – die Wiederherstellung von Ökosystemen, die durch die Landwirtschaft geschädigt wurden. Wenn wir keine Wälder mehr für Ackerland roden oder Weiden nicht mehr mit Vieh überweiden müssen, können wir der Natur erlauben, diese Flächen zurückzuerobern, wodurch neue Möglichkeiten für Biodiversität und Kohlenstoffbindung entstehen. Das Potenzial für eine Renaturierung ist besonders in Regionen von Bedeutung, in denen die Ausweitung der Landwirtschaft zu einer erheblichen Entwaldung geführt hat, wie z. B. im Amazonas-Regenwald. Durch den Wegfall der flächenintensiven Viehzucht oder des Sojaanbaus könnte die Metasynthese dazu beitragen, die Entwaldung zu verlangsamen und die Erholung geschädigter Ökosysteme zu ermöglichen. Diese Verlagerung stellt ein tiefgreifendes Umdenken über die Umweltauswirkungen der Lebensmittelproduktion dar und könnte eine der wichtigsten Möglichkeiten sein, wie die Metasynthese zur Nachhaltigkeit beiträgt. Trotz ihres Potenzials sieht sich die Metasynthese in der Lebensmittelproduktion mit mehreren berechtigten Kritikpunkten und Herausforderungen konfrontiert. Diese Technologien bieten zwar spannende Möglichkeiten, stecken aber noch in den Kinderschuhen, und es ist fraglich, ob sie so skaliert werden können, dass sie den Anforderungen einer Weltbevölkerung gerecht werden. Technologische Machbarkeit und Energieintensität: Die Herstellung von Lebensmitteln durch Metasynthese, insbesondere in Bioreaktoren, die mit erneuerbarer Elektrizität betrieben werden, ist derzeit energieintensiv. Kritiker argumentieren, dass dieser Prozess zwar den Land- und Wasserverbrauch reduzieren könnte, aber das Energienetz zusätzlich belasten könnte. Während die Welt auf eine Dekarbonisierung ihres Energiesystems zusteuert, besteht die Sorge, dass die Nutzung erneuerbarer Elektrizität für den Anbau von Lebensmitteln mit anderen kritischen Verwendungszwecken konkurrieren könnte, wie z. B. der Stromversorgung von Haushalten oder Elektrofahrzeugen. Darüber hinaus haben Unternehmen wie Solar Foods und Calysta zwar den Machbarkeitsnachweis erbracht, doch die Skalierung dieser Systeme zur Lebensmittelproduktion auf globaler Ebene erfordert massive Investitionen in die Infrastruktur. Die Entwicklung kostengünstiger und energieeffizienter Bioreaktoren ist unerlässlich, wenn die Metasynthese zu einer gängigen Lösung für die Ernährungssicherheit werden soll. Wirtschaftliche Tragfähigkeit: Die hohen Kosten für die Entwicklung und Instandhaltung von Systemen zur metasynthetischen Lebensmittelproduktion sind ein weiterer Grund zur Sorge. Während die traditionelle Landwirtschaft von jahrhundertelanger Verfeinerung und Investitionen profitiert hat, ist die Metasynthese ein neues und relativ unerprobtes Feld. Es bleibt abzuwarten, ob diese Technologien mit der traditionellen Landwirtschaft konkurrieren können, insbesondere in Regionen mit eingeschränktem Zugang zu fortschrittlicher Technologie. Öffentliche Wahrnehmung und Akzeptanz: Eine der subtileren Herausforderungen der Metasynthese ist die öffentliche Wahrnehmung. Für viele Menschen mag die Vorstellung von Lebensmitteln, die in einem Labor oder Bioreaktor angebaut werden, unattraktiv sein, insbesondere im Vergleich zu den tief verwurzelten kulturellen und emotionalen Assoziationen mit der traditionellen Landwirtschaft. Um die Verbraucher davon zu überzeugen, Produkte wie Solein oder FeedKind zu akzeptieren, sind öffentliche Aufklärung und ein Umdenken in Bezug auf Lebensmittel erforderlich. Darüber hinaus könnten Bedenken hinsichtlich der Sicherheit und Regulierung von im Labor hergestellten Lebensmitteln die Einführung metasynthetischer Produkte verlangsamen. Die Regierungen müssen solide regulatorische Rahmenbedingungen entwickeln, um sicherzustellen, dass diese neuen Lebensmittel sicher, nahrhaft und für alle zugänglich sind. Mögliche Monopolisierung von Lebensmittelsystemen: Ein weiterer Grund zur Sorge ist die potenzielle monopolistische Übernahme metasynthetischer Lebensmittelsysteme durch Unternehmen. Wenn die Lebensmittelproduktion von dezentralen, lokalen Farmen auf einige wenige grosse Bioreaktoranlagen übergeht, die von Grossunternehmen betrieben werden, besteht die Gefahr, dass die Kontrolle über die Lebensmittelressourcen in den Händen einiger weniger konzentriert wird. Dies könnte die globale Ungleichheit verschärfen und neue Formen der Ernährungsunsicherheit in Regionen schaffen, die keinen Zugang zu diesen Technologien haben. Die Metasynthese wirft wichtige ethische Fragen zur Zukunft der Lebensmittelproduktion auf. Wenn wir uns von der traditionellen Landwirtschaft abwenden und synthetische Lebensmittel essen, was bedeutet das für ländliche Gemeinden, landwirtschaftliche Kulturen und die Beziehung zwischen Mensch und Natur? Die Landwirtschaft hat die menschliche Gesellschaft seit Jahrtausenden geprägt, und ein Wandel hin zur Metasynthese könnte die Art und Weise, wie wir leben und mit der Umwelt interagieren, grundlegend verändern. Darüber hinaus könnte die Enträumlichung der Lebensmittelproduktion sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Einerseits könnte sie den Druck auf die Ökosysteme verringern und eine Renaturierung sowie die Wiederherstellung der biologischen Vielfalt ermöglichen. Andererseits könnte sie Millionen von Landwirten und Landwirtinnen verdrängen, insbesondere in Entwicklungsländern, deren Lebensunterhalt oft von der Landwirtschaft abhängt. Auf dem Weg zu einer Welt, in der die Metasynthese eine grössere Rolle in der Lebensmittelproduktion spielt, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Vorteile dieser Technologien gerecht verteilt werden. Dies erfordert eine durchdachte Regulierung, öffentliches Engagement und die Verpflichtung, diese Innovationen für alle zugänglich zu machen. Gisela und Tilo Hühn

Der Faktor Mensch in der Cybersicherheit

Social Engineering, CEO-Betrug, Datenabflüsse, Ransomware, Rechnungsmanipulationsbetrug, Angriffe auf die Verfügbarkeit von Websites oder das bekannte Phishing: Die Formen der Cyberkriminalität, welche Unternehmen bedrohen, werden immer zahlreicher und auch immer komplexer, wie auf der Website des Bundesamts für Cybersicherheit (BACS) aufgeführt wird. Über 34'000 Meldungen gingen im ersten Halbjahr 2024 beim Bundesamt ein – die Fälle, die zu Schäden führen, steigen jährlich um 30 Prozent. Das ist einerseits darauf zurückzuführen, dass ein immer grösserer Teil des Geschäftsalltags im digitalen Raum stattfindet. Anderseits sind viele Systeme unzureichend gesichert, gerade mittleren und kleineren Unternehmen fehlen oft die personellen und finanziellen Mittel. Unternehmen versuchen sich mit technischen und organisatorischen Massnahmen gegen solche Angriffe zu wappnen. Doch das reiche nicht mehr, sagt Nico Ebert. Er ist Professor für Wirtschaftsinformatik und Studienleiter des neuen CAS Cyber Risk Awareness der School of Management and Law. «Um Cyberrisiken zu verringern, muss heute auch beim Menschen angesetzt werden.» Die «Awareness» ist zum dritten Schwerpunkt der Schutzmassnahmen geworden. «Um Cyberrisiken zu verringern, muss heute auch beim Menschen angesetzt werden.» Nico Ebert, Professor für Wirtschaftsinformatik, School of Management and Law Dies ist umso wichtiger, als 68 Prozent der Sicherheitsverletzungen auf nicht böswilliges menschliches Verhalten zurückzuführen sind, wie der US-Telekomanbieter Verizon in einer aktuellen Studie feststellte. Zum Beispiel indem eine Person Opfer eines Social-Engineering-Angriffs wird oder ganz einfach den Fehler macht, eine vertrauliche E-Mail versehentlich an einen falschen Empfänger zu schicken. Gerade Social-Engineering-Kampagnen, wo Menschen unter Druck gesetzt werden, um Informationen preiszugeben, sind eine erhebliche Bedrohung: «Besonders beunruhigend ist, dass mit dem Aufkommen von generativer KI diese Bedrohung weiter zunimmt», schreibt Cornelia Puhze in einem Beitrag auf der Website der Stiftung Switch. Sie ist Security Awareness & Communications Expert bei Switch, welche digitale Dienstleistungen für Hochschulen anbietet und Kooperationspartner der Weiterbildung ist. Das menschliche Verhalten bezüglich Cybersicherheit steht auch im Zentrum dieser Weiterbildung: Es gilt, die Mitarbeitenden für die Risiken zu sensibilisieren wie auch für die Frage, wie sie sich bei einem Cyberangriff verhalten sollen. Dabei geht es um Fragen, wie Menschen Risiken wahrnehmen, wie sicheres Verhalten gefördert werden kann und wie die richtige Technologie wie auch Lernmaterialien dabei helfen können. «Die Leute zum Mitmachen zu animieren», das sei das Ziel, so Ebert. Zum Beispiel indem Mitarbeitende verdächtige Phishing-Mails systematisch melden. Oder sich keine Kundendaten nach Hause an die private Mail schicken. Das Verhalten der Mitarbeitenden gegenüber Cyberrisiken war auch Inhalt einer internen Umfrage an der ZHAW im Sommer 2024. Die Umfrage basierte auf einem an der ZHAW entwickelten Messinstrument für Cybersicherheits-Verhalten: Die Teilnehmenden nennen ihr persönliches Verhalten zu über 30 konkreten Beispielen, die für die Cybersicherheit relevant sind. Diese Verhalten sind in fünf Verhaltensgruppen zusammengefasst und mit technischen Messgrössen kombiniert. Das Messinstrument der ZHAW wird bereits von anderen Unternehmen angewendet: Organisationen können mit ihm spezifische Verbesserungsmassnahmen ableiten und den Ist-Zustand auch mit internationalen Normen vergleichen. An der ZHAW zeigte sich, dass die meisten Mitarbeitenden sich daran halten, persönliche Logins nicht zu teilen, verschiedene Logins zu verwenden und Zugangsdaten nicht einfach einsehbar zu notieren. In der Regel öffnen sie E-Mail-Anhänge unbekannter Absender nicht und laden auch keine Daten unbekannter Absender auf das beruflich genutzte Gerät. Mehrheitlich haben die Befragten auch einen Sperrmechanismus auf ihren Geräten aktiviert. Sie sind sich auch bewusst, dass die Cybersicherheit in der Verantwortung aller liegt. Doch es gibt noch Verbesserungsbedarf: Unter dem Durchschnitt lag die Zustimmung dagegen bei Verhaltensbeispielen wie: Backups von Arbeitsdateien zu erstellen wie auch Arbeitsdateien vor dem Versand zu verschlüsseln, einen Passwort-Manager zu verwenden oder die Sicherheit einer Websiteverbindung zu kontrollieren. «Man darf die Motivation nicht zerstören.» Nico Ebert, Leiter CAS Cyber Risk Awareness Verhaltensweisen zu ändern, sei sehr schwierig, sagt Ebert. Nicht nur, weil der Mensch ein Gewohnheitstier ist. «Auch Aufmerksamkeit und Zeit sind kein unendliches Gut.» Schliesslich sind die Mitarbeitenden für ganz andere Aufgaben im Unternehmen zuständig. Um den Mitarbeitenden zu ermöglichen, ihr Verhalten bezüglich Cybersicherheit zu ändern, muss auch das Arbeitsumfeld entsprechend gestaltet sein. Zum Beispiel müssen technische Hilfsmittel zur Verfügung stehen, um E-Mails verschlüsseln zu können – und diese Hilfsmittel müssen auch einfach handhabbar und Gegenstand von Schulungen sein. Das Arbeitsumfeld muss das Vertrauen vermitteln, das Mitarbeitende brauchen, um Phishing-Mails auch dann zu melden, wenn sie zuvor versehentlich auf den Link geklickt haben. Sanktionierungen sind deshalb nicht zielführend. «Man darf die Motivation nicht zerstören», so Ebert. «Wenn Menschen zudem das Gefühl haben, dass ihre Meldungen nicht ernst genommen werden oder zu keinen Veränderungen führen», so Security-Expertin Puhze, «dann sinkt die Bereitschaft, künftige Vorfälle zu melden.» Massnahmen und Schulungen müssen spielerisch und anregend aufgebaut sein und sind im Idealfall auch im Privaten anwendbar. Etwa durch eine Demonstration eines Profis, wie eine Website gehackt werden kann. Oder indem die Schulung als Quiz konzipiert wird. Grosse Firmen machen es schon: Sie führen Trainings durch, um Phishing-Mails zu erkennen, stellen Videos bereit und laden sogar Hacker ein, welche die Trickkiste der Cyberkriminellen kennen und davon erzählen. Mitarbeitende sollen ein Gefühl für das Risiko bekommen, sie sollen verstehen, warum sie in diesen Bereichen mitdenken sollen – nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern weil es ihre Unterstützung wirklich braucht. (Bild Pixabay) Sibylle Veigl

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