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«Es ist besser, die Norm dem Kind anzupassen»

Michael Amacher arbeitet als Ergotherapeut im Zentrum für Kinder mit Sinnes- und Körperbeeinträchtigung (ZKSK) in Solothurn. Der Grossteil der Kinder, die in seine Therapiestunde kommen, haben motorische Defizite, Verhaltensauffälligkeiten, ADHS oder Entwicklungsstörungen. So verschieden die Diagnosen, so unterschiedlich sind auch die Therapiestunden. Und dennoch gebe es Gemeinsamkeiten, sagt Michael Amacher: «All diese Kinder haben Schwierigkeiten im täglichen Leben. Ich unterstütze sie bei dessen Bewältigung und befähige sie so zur aktiven Teilhabe in ihrem Alltag.» Dies tut er auf spielerische Weise und auf die Interessen des Kindes abgestimmt, damit sie mit möglichst viel Elan bei der Sache sind. Die meisten Therapieziele sehen vor, dass ein Kind selbstständiger agieren kann. Es soll sich etwa allein anziehen können oder fähig sein, in der Schule selbstständig und fokussiert eine Aufgabe zu lösen. Selbstständigkeit sei deshalb so wichtig, weil sie in unserer Gesellschaft als etwas Normales betrachtet werde. Michael Amacher erlebt «Normalität» jedoch auch als relative, zuweilen sogar verhandelbare Grösse. «Was im Umfeld eines Kindes als normal betrachtet wird, wird für das Kind zur Norm. Weil jedes Kind in einem anderen Umfeld aufwächst, erlebt auch jedes eine etwas andere Art von Normalität, mit der es zurechtkommen muss.» Wenn Michael Amacher jedoch merkt, dass ein Kind überfordert wird, versucht er zwischen dessen Bedürfnissen und den Ansprüchen von Lehrpersonen und Eltern zu vermitteln. «Es ist besser, die Norm dem Kind anzupassen als das Kind der Norm.» Seine eigenen Vorstellungen darüber, was normal ist, lässt Michael Amacher bei der Arbeit so gut als möglich aussen vor. «Bei der Therapie geht es nicht darum, jemandem meine Ansichten überzustülpen.» Seinen Beruf übt er denn auch mit einem hohen Mass an Reflexion aus. Nichtsdestotrotz sei es unmöglich, stets völlig wertneutral zu sein. Als Beispiel nennt er den Fall eines Zweitklässlers, der seine Schuhe nicht binden konnte und deshalb Modelle mit Klettverschlüssen trug. «Das Kind hatte kein Problem mit der Situation. Für mich war dies jedoch nicht der Norm entsprechend. Denn ich erinnerte mich daran, wie viel es mir in diesem Alter bedeutet hatte, meine Schuhe ohne Hilfe binden zu können.» Die Angelegenheit löste sich dann von selbst: Als das Kind mit Fussballspielen anfing und feststellte, dass Fussballschuhe Schnürsenkel haben, war es auf einmal erpicht, das Schuhebinden zu lernen. Weil er Menschen enger begleiten und seine Kreativität einbringen wollte, entschied sich Michael Amacher nach seinem Lehrabschluss als Augenoptiker für die Ergotherapie. Er absolvierte nebenberuflich die Soziale und Gesundheitliche Berufsmaturität sowie ein Vorpraktikum. Anschliessend studierte er Ergotherapie an der ZHAW Gesundheit, wo er 2017 mit dem Bachelor abschloss. 2018 begann er als Ergotherapeut im ZKSK. Daraufhin besuchte Michael Amacher diverse Weiterbildungen mit Schwerpunkt Pädiatrie. Seit Herbst 2020 ist er wieder bei der ZHAW Gesundheit immatrikuliert: Er absolviert den European Master of Science in Occupational Therapy. In der Ergotherapie hat Michael Amacher (31) seinen Traumberuf gefunden: «Ich finde es toll, dass ich im Leben meiner Klientinnen und Klienten etwas Positives bewirken kann. Die Kinder selbst, aber auch ihre Eltern und Lehrpersonen bringen mir deshalb viel Wertschätzung entgegen. Das motiviert zusätzlich.» Dank ihren zahlreichen Spezialisierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten habe die Ergotherapie auch als Beruf viel zu bieten. Nichtsdestotrotz seien Männer immer noch untervertreten. Seine Empfehlung an die Bildungsinstitutionen: «Männer sollten spezifischer angesprochen werden, indem man ihnen die Vielfalt des Berufs besser aufzeigt.» Karin Meier

«Normalität ist bequem, aber auch gefährlich»

Andreas Gerber-Grote: Ich fang mal an. Dass ich mich als Mann vordrängle, ist ja ganz normal (lacht). Aber im Ernst: «Normal» ist für mich ein sehr ambivalenter Begriff. Er klingt einerseits ganz heimelig: Man fühlt sich zu Hause, alles ist sicher. Da ich als Mann Männer liebe, kenne ich andererseits schon seit 50 Jahren das Gefühl, dass ich quasi nicht normal bin. Deshalb empfinde ich «normal» als einen ganz schlimmen Begriff, der ausgrenzt. Bis vor 50 Jahren war es ja auch normal, dass Frauen in der Schweiz nicht wählen durften. Normalität ist also kulturbedingt. Und ein Beispiel aus der Medizin zeigt, wie diffus der Begriff verwendet wird. Als Arzt fragte ich meine Patientinnen und Patienten früher: «Wie ist denn Ihr Stuhlgang?» Die Antwort war meist: «Normal.» Aber was heisst denn normal? «Wir beuten diesen Globus aus und nennen das normal» Andreas Gerber-Grote, Direktor des Departements Gesundheit und Leiter des Ressorts Forschung und Entwicklung. Svenja Witzig: Bei mir schwingt auch diese Ambivalenz mit. Ich spüre die verführerische Seite der Normalität, die mit der Komfortzone zu tun hat, mit Selbstverständlichkeiten, die das Leben antizipierbar und planbar machen und Struktur geben ... Hierzu gibt es ein schönes Zitat von van Gogh: «Die Normalität ist eine gepflasterte Strasse, sie ist bequem zu begehen. Aber es wachsen keine Blumen drauf.» Normalität hat also auch etwas Statisches. Zudem finde ich den Begriff gefährlich. Er hat etwas Hegemoniales. Normalität hat immer mit Norm, Normierung zu tun. Und wenn sich jetzt viele die Normalität zurückwünschen, dann kommt mir gleich die ökologische Dimension in den Sinn – neben Diversity meine zweite Guideline im Leben. Ich zitiere hier eine internationale Umweltorganisation: «We can’t go back to normal, because normal was the problem.» «Für mich sind Schule und das Recht auf Bildung so etwas Systemrelevantes und Normales» Svenja Witzig, Leiterin der Stabsstelle Diversity ZHAW Regina Betz: Zunächst möchte ich als Mutter einer Tochter sagen, dass Routinen für mich so etwas wie Normalität darstellen und diese im Alltag mit Kindern wichtig sind. Routinen sind bequem. Innovationen entstehen aber in Krisen. England an der Schwelle zur Industrialisierung ist da ein gutes Beispiel. Weil sie bereits alle Wälder abgeholzt hatten, mussten sich die Briten eine andere Art der Energiegewinnung einfallen lassen. Sie haben Kohle entdeckt und Dampfmaschinen erfunden. Heute ist Kohleenergie eine neue Normalität und wieder zu einem Problem geworden. «Die Klimakrise taugt nur bedingt als Wendemarke. ... Die Pandemie könnte ein Umdenken bewirken.» Regina Betz, Umweltökonomin Betz: Die Klimakrise taugt nur bedingt als Wendemarke. Für die breite Bevölkerung ist das Thema zu abstrakt und hierzulande noch nicht akut genug. Die Pandemie könnte so ein Auslöser sein und dazu führen, dass wir in manchen Bereichen einhalten und wirklich umdenken. Gerber-Grote: Wir tun immer so, als ob unser Leben vor der Corona-Pandemie so normal gewesen wäre. Wir beuten diesen Globus aus und nennen das normal. In Wirklichkeit ist das aber eigentlich völlig verrückt. Witzig: Ich bin Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern. Als der erste Lockdown kam, war das ein irritierendes Erlebnis. Für mich sind Schule und das Recht auf Bildung so etwas Systemrelevantes und Normales. Es dauerte lange, bis ich mir sagen konnte: «Das ist jetzt halt so, dass die Kids zu Hause bleiben. Ich muss jetzt das Beste draus machen.» Ich empfand mich als geistig unflexibel. Dabei habe ich früher auch in der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet, da musste ich jeden Tag improvisieren. Zurück in der Komfortzone Schweiz, habe ich das wohl verlernt. Da möchte ich wieder mehr Wert drauf legen. Betz: Diese Schulschliessung war auch für mich die krasseste Veränderung in dieser Pandemiesituation. Wir mussten den kompletten Alltag umkrempeln. Ich musste pünktlich kochen, da meine Tochter auch im Homeschooling den ganzen Stundenplan durchgemacht hat. Das bedeutete, dass sie innerhalb einer Stunde essen musste. Früher haben wir alle irgendwie extern gegessen. Jetzt mussten wir täglich kochen und einmal in der Woche Grosseinkauf machen. Gerber-Grote: Ich frage mich, weshalb schliessen wir Schulen eher als Skigebiete. Was sagt das über unser Empfinden von Normalität aus? Für mich gehört es zu der vorhin beschriebenen positiven Normalität, dass Schulen und Kindergarten offen sind. Witzig: «Man soll das Gute, das die Pandemie hervorgebracht hat, erhalten», sagen jetzt viele. Aus Diversity-Sicht erachte ich es als wichtig, dass wir nicht unkritisch in diesen Kanon einstimmen: Wir sollten differenziert hinschauen: Was wollen wir und wer definiert, was das Gute und neue Normale im Unterricht ist? «Es darf keine Online-Monokultur geben. Wir müssen eine Balance zwischen Präsenz- und Onlineunterricht finden.» Andreas Gerber-Grote, Andreas Gerber-Grote, Direktor des ZHAW-Departements Gesundheit und Leiter des Ressorts Forschung und Entwicklung Gerber-Grote: Zu einer Monokultur des Onlineunterrichts darf es nicht kommen. Wir müssen vielmehr zu einer guten Balance zwischen Online- und Präsenzunterricht finden. Als das Allerwichtigste im Studium betrachte ich die Interaktion zwischen Dozierenden und Studierenden. Diese ist zwar auch online möglich, aber informelle Interaktion braucht ganz reale Treffen. «Wer sollte also definieren, was das Gute ist? Sind das die Studierenden, die Dozierenden oder die Kommission Lehre?» Svenja Witzig, Leiterin Stabsstelle Diversity Betz: Wenn wir weiter auf Online-Unterricht setzen, dann würde ich mir wünschen, dass alle ihre PC-Kameras anschalten. Ins Schwarze zu unterrichten, ist ein komisches Gefühl, vor allem bei grossen Unterrichtseinheiten mit 60 Masterstudierenden. Besonders bei Erstsemestern sind grosse Gruppen im Online-Unterricht nicht geeignet. Beim Unterricht in kleinen Gruppen ist jedoch viel Positives möglich. Da kommt man sich manchmal so vor, als ob man zusammen auf dem Sofa sitzt und diskutiert. Ich hatte zum Beispiel Studierende aus Neuseeland, den USA und sonst wo her, die in der Pandemie nach Hause zurückkehrten. Trotzdem konnten alle unser Modul zu Ende bringen, weil ich über ein Zeitfenster von 20.00 bis 21.30 Uhr unterrichtet habe, was über alle Zeitzonen hinweg gut ging. Zum Glück hatte ich alle vor dem Lockdown noch gesehen. Ich hatte also nicht nur ein digitales Bild von den Teilnehmenden. Im zweiten Corona-Semester war das leider nicht so. Witzig: Ich möchte die Diskussion vom Konkreten weg auf eine Meta­ebene bringen: Für eine umfassende Standortbestimmung rege ich an, alle Initiativen, die unterwegs sind, gebündelt und die digitale Transformation auch unter dem Aspekt von Diversity zu betrachten. Denn was gut ist oder nicht, ist auch eine Frage der Perspektive und der individuellen Voraussetzungen. Wer sollte also definieren, was das Gute ist? Sind das die Studierenden, die Dozierenden oder die Kommission Lehre? Betz: Eine gründliche Evaluation ist bisher zu kurz gekommen. Jetzt wäre aber ein geeigneter Zeitpunkt dafür. Die Studierenden haben über einen relativ langen Zeitraum diverse Dozierende, Methoden und Tools kennengelernt und können beurteilen, was gut ist oder nicht. Gerber-Grote: Dem stimme ich zu. Wichtig ist, dass man sich mit den Studentinnen und Studenten austauscht, was optimal für sie wäre. Dann könnte etwas Neues und Spannendes entstehen. Betz: In gewissen Bereichen hat es Veränderungen gegeben. Manche dieser Neuerungen werden bleiben. Bei einem Webinar zu den Auswirkungen von Corona auf den Transportsektor zeigte sich kürzlich, dass der Flugverkehr am meisten unter den Folgen leidet. In der ersten Welle brachen rund 90 Prozent des Flugverkehrs weg. Inzwischen sind wir wahrscheinlich bei rund 60 Prozent. Es werden also nur ca. 40 Prozent der Flüge im Vergleich zur Zeit davor durchgeführt. Ich denke nicht, dass wir so schnell auf das einstige hohe Level kommen werden. Betz: Erstens haben die Unternehmen gemerkt, dass es nicht so viele Dienstreisen braucht. Mir als Wissenschaftlerin geht es ebenso. Es gibt sogar Vorteile von Online-Konferenzen im Punkt Inklusion. An diesen können viel mehr Leute aus Entwicklungsländern teilnehmen, die sich früher die Reisekosten nicht hätten leisten können. Ausschliesslich Online-Konferenzen wäre aber auch nicht gut, denn es braucht auch das Netzwerken und die Pausengespräche. Das könnte man aber stark konzentrieren auf Konferenzen, die in der Nähe stattfinden. Betz: Ja, das Arbeiten im Homeoffice hat Auswirkungen auf das ÖV-Verhalten. Man hat festgestellt, dass die Zahl der Autofahrten ungefähr gleich geblieben ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass zwar auch Autopendlerinnen und -pendler zu Hause arbeiteten, ÖV-Nutzende aber wegen der Ansteckungsrisiken auf das eigene Fahrzeug umgestiegen sind. Und man sieht, dass die Menschen in der Schweiz statt an den Arbeitsplatz eher am Wochenende unterwegs sind zu Ausflugszielen wie Parks. «Die Umweltpolitik kann aus der Pandemie lernen, wie die Leute auf Verbote reagieren.» Regina Betz, Umweltökonomin Betz: Das Homeoffice wird nicht wieder ganz abgeschafft werden. Es wird unterschiedliche Modelle geben, etwa zwei Tage Büro, drei Tage Homeoffice. Das wird positive Auswirkungen auf den Verkehr, aber auch auf den Flächenverbrauch haben. Ob das auch Reduktionen bei Heizungen oder Stromverbrauch bringen wird, ist noch offen. Da muss das jeweilige Facility Management einen guten Weg finden, damit man Einsparungen sieht. Nicht zuletzt wird weniger Kantinenessen nachgefragt, und zu Hause kochen die Menschen weniger Fleisch. Das ist ja auch ganz gut für die Umwelt. Betz: Wie Leute auf Verbote reagieren. Man hat gesehen, dass man alles sehr gut begründen muss, wenn man will, dass die Menschen Regeln oder gar Verbote befolgen. Man kann jetzt testen, was akzeptiert wird und was nicht. «Solche Systemfehler der bisherigen Normalität müssen korrigiert werden. Umweltkosten müssten internalisiert werden.» Svenja Witzig, Leiterin Diversity ZHAW Betz: Was sich bei diesem Beispiel gezeigt hat, ist, dass man ein gutes Substitut anbieten können muss. Bei den FCKWs war es so, dass selbst Dupont, also die Firma, die FCKW produzierte, bereits einen Ersatz entwickelt hatte. Das Gleiche wäre zu beachten bei einem Verbot von Autos mit fossilen Antrieben. Wenn die Infrastruktur für E-Autos oder der ÖV eine gute Alternative böten und mein Leben nicht komplett erschwert würde, wäre ein Verbot eher akzeptabel. Witzig: Substitute sind nur das eine. Es braucht aber auch die politischen Rahmenbedingungen. Unser ganzes Wirtschaftssystem basierte bisher auf billigen fossilen Energieträgern, weil die Umweltkosten externalisiert und von der Allgemeinheit getragen werden müssen. Das führte natürlich zu Verzerrungen, sodass zum Beispiel der Zugverkehr im Vergleich zum Flugverkehr teurer war. Solche Systemfehler der bisherigen Normalität müssen korrigiert werden. Betz: Das wurde in der Schweiz ja teilweise gemacht. Die CO 2 -Abgabe ist eine der höchsten der Welt. Sie gilt aber zum Beispiel nicht für den Personenverkehr. Bei den LKWs hat man mit der LSVA ein gutes Instrument zur Internalisierung der externen Kosten – nicht nur von CO 2 , sondern auch von Lärm, von Reifenabrieb, der ins Grundwasser gelangen könnte, etc. Die Frage ist jetzt: Kann man nach Corona durch Verbote etwas erreichen, was man vorher nicht hätte durchsetzen können? Betz: Dass Joe Biden wieder dem Pariser Klimaabkommen beigetreten ist, ist ein ermutigendes Zeichen. Man mag Klimaverhandlungen als langwierig und nicht effektiv abtun – ich war selbst lange Jahre bei internationalen Verhandlungen dabei –, das Problem bekommen wir aber nur in den Griff, wenn wir uns global an einen Tisch setzen. Die USA da nicht dabeizuhaben, war schon ein schlechtes Zeichen gegenüber China und anderen grossen Emittenten. Noch wichtiger ist, dass Biden die grüne Transformation mit neuen Arbeitsplätzen im regenerativen Energiebereich verbinden will. Damit könnte er Trump-Wähler gewinnen. Trump ist ja zum Glück damit gescheitert, die Kohle-, Gas- und Öl-Industrie wieder in Schwung zu bringen. Das hat sich einfach ökonomisch nicht gelohnt. Die regenerativen Energien sind mittlerweile so günstig, dass sie eine neue Normalität geworden sind. «In der Pflege sind kaum die Effizienzsteigerungen möglich wie in der Industrie. Deshalb werden wir hier auch nicht solche Lohnerhöhungen sehen.» Regina Betz , Umweltökonomin Betz: Wir geben hier so viel Geld aus, dass die künftigen Generationen mit zurückzahlen müssen. Da ist es nur fair, wenn nicht wieder das alte Normale aufgebaut wird, sondern etwas Besseres, was auch ökologisch besser ist. International betrachtet ist man da sehr unterschiedlich unterwegs. Witzig: Dass die Schweiz die Unterstützungskredite nicht an ökologische Bedingungen knüpft, ist eine vertane Chance. Dabei wären das wichtige Hebel für eine Veränderung. Gerber-Grote: Ich habe manchmal die Befürchtung, dass es einen Rebound-Effekt geben wird. Viele wollen das nachholen, was sie «verpasst» haben – reisen, fliegen und so weiter. Witzig: Längerfristig wird es eine Veränderung geben, denn bereits vor Corona wurden wichtige ökologische Paradigmenwechsel eingeleitet – die Bewegung um Greta Thunberg, die «Fridays for Future», die Absicht der EU, aus den fossilen Energien auszusteigen, und selbst China als grösster CO 2 -Emittent hat erkannt, dass ein «Weiter so!» Selbstmord wäre. Gerber-Grote: Viele in der Bevölkerung haben sich vorbildlich verhalten während der Pandemie, sodass die Spitäler nie übervoll waren. Dennoch waren sie randvoll und Intensivpflegefachfrauen arbeiteten am Anschlag und im Hochrisikobereich. Es gab Applaus, aber der ist verhallt ohne positive Konsequenzen. Da bin ich wirklich ratlos, wie wir es hinbekommen, dass dieser Beruf adäquat gewürdigt und bezahlt wird. Betz: Historisch betrachtet, waren früher die Frauen in den Familien für die Pflege verantwortlich. Als der Service externalisiert wurde, wurden die Preise viel zu niedrig angesetzt. Kommt hinzu, dass im Bereich Pflege kaum Effizienzsteigerungen möglich sind wie in der Industrie. Deshalb werden wir hier auch nicht die entsprechenden Lohnerhöhungen sehen. Gerber-Grote: Bis zu einem gewissen Grad gab es die Effizienzsteigerungen schon: Die Liegezeiten sind heute deutlich kürzer als früher. Witzig: Ich denke, hier spielt die Genderthematik immer noch eine grosse Rolle. Pflegefachkraft oder Erzieherin sind Frauenberufe par excellence. In diesen Bereichen gibt es abgesehen von den Gewerkschaften einfach keine starken Lobbys. Betz: Das ist ein Massenphänomen: Normal ist, wenn etwas von vielen als solches betrachtet wird. Witzig: Es ist mehr ein Machtphänomen als ein Massenphänomen. Betz: Wenn ich von Massenphänomen spreche, denke ich eher ans Konsumverhalten. Ein starkes Beispiel ist das Tempo-Taschentuch. Es wird von so vielen nachgefragt und der Gebrauch ist so normal, dass der Produktname sogar zum Synonym für Papiertaschentuch wurde. Normalität kann also auch auf der Basis empirischer Daten festgestellt werden. Witzig: Es kann eine quantitative Koppelung geben, muss es aber nicht. Das Apartheidsystem in Südafrika ist hierfür ein sehr gutes Beispiel. Eine weisse Minderheit setzte die Normen und sagte, was normal ist. Mehrheit definiert sich über Machtstrukturen, Definitionsmacht, Sanktionsmöglichkeiten, Privilegien und Kontrollen des Zugangs zu Ressourcen wie Land oder Bildung. Dann kann es eine kleine Minderheit sein, die definiert, was für eine grosse Mehrheit normal sein soll. Gerber-Grote: Das hat schon der französische Philosoph Foucault in seinem Buch «Überwachen und Strafen» beschrieben, wie Normalisierung auf Disziplin und Strafe aufbaut. Mit Hilfe einer allgegenwärtigen Überwachung wird die Disziplin von der Bevölkerung internalisiert, sodass ich gar niemanden mehr brauche, der das kontrolliert. Es braucht keine Strafe oder Überwachung mehr, sondern allein die Möglichkeit der Bestrafung oder der Überwachung reicht aus, etwas durchzusetzen. Betz: Normalität, die durch Normen von wenigen festgelegt wird, ist aber auch nicht für immer, wie wir gerade wieder in Weissrussland sehen. Witzig: In Zusammenhang mit der Definitionsmacht finde ich den Aspekt der Rechtsstaatlichkeit als normsetzender Instanz noch sehr spannend. Das klingt jetzt vielleicht etwas frevelhaft, aber ich meine es ganz sachlich: Die Schweiz hat ein recht unterentwickeltes Gefühl von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten. Witzig: Das ist auf den Mythos des wehrhaften Männerbundes zurückzuführen und auf die direkte Demokratie. Sie hatte bis vor 50 Jahren zur Folge, dass das Stimmvolk nur aus der männlichen Bevölkerung bestand. Diese bestimmte dann, was sie den anderen zubilligte. Das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit ist dagegen einem Gleichheitsgedanken verpflichtet. Das ist das Volk nicht, das Volk ist einfach der eigenen persönlichen Meinung verpflichtet. Deshalb wird heute, wie einst den Frauen, einem Viertel der ständigen Wohnbevölkerung – nämlich der ausländischen Wohnbevölkerung – das Stimm- und Wahlrecht verwehrt. Oder es können homosexuelle Männer keine Kinder adoptieren. Das ist eine immanente Problematik der direkten Demokratie, auch wenn sie ohne Zweifel sehr viele Vorteile hat und die Demokratie sicher das Beste der Systeme ist, die wir heute kennen. «Weil Männer die Norm sind, wurden bei vielen Frauen Herzinfarkte nicht erkannt, weil sie nicht die typischen Brustschmerzen hatten.» Andreas Gerber-Grote, Direktor des ZHAW-Departements Gesundheit und Leiter des Ressorts Forschung und Entwicklung Gerber-Grote: Letztlich ist sehr schwer zu definieren, was Norm ist beziehungsweise sein sollte. Wenn wir nochmals in den Medizinbereich schauen, dann gibt es da Standardabweichung, Normalverteilung und vieles mehr. Aber letztlich ist die Frage: Hilft mir das alles? Wenn ich 40 Grad Fieber habe, ist es offensichtlich, dass ich krank bin. Wenn die Sehstärke nachlässt und korrigiert werden muss – ist das krank? Früher wurde das nicht so gesehen. Heute schon. Auch Homosexualität wurde lange als Krankheit bezeichnet. Heute glücklicherweise nicht mehr. So verschieben sich die Grenzen. und Normen wandeln sich. Gerber-Grote: In der Medizin hat das mehrere Ebenen. Eine Ebene ist, dass man Krankheiten bei vielen Frauen nicht erkennt oder dass sie falsch behandelt werden, weil die Krankheitssymptome geschlechtsspezifisch unterschiedlich sind, etwa beim Herzinfarkt. Den hat man lange Zeit bei vielen Frauen nicht erkannt, weil sie nicht die klassischen Brustschmerzen aufweisen. Dann gibt es noch die Ebene, wie man Krankheiten empfindet und wie man darüber spricht. Das kann bei Frauen und Männern oder auch bei Menschen aus anderen Kulturen unterschiedlich sein. Data Gaps gibt es aber auch in anderen Bereichen. In der Corona-Pandemie werden in der Schweiz ganz viele Daten nicht erhoben, etwa zum sozialen Umfeld und Beruf. Diese Daten könnten aber viel entscheidender sein, ob sich jemand mit dem Coronavirus infiziert, als das Alter oder der Name. Witzig: Diese Data Gaps betreffen nicht nur Frauen, sondern auch Personen anderer ethnischer Herkunft oder anderer äusserer Erscheinung oder Menschen im Alter. Ein Beispiel sind Fussgängerampeln, die so getaktet sind, dass ältere Menschen, Personen mit kleinen Kindern oder Menschen mit Gehbehinderungen kaum genügend Zeit haben, um «normal» über die Strasse zu gehen. Witzig: Weil man Forschung und Daten immer mit Neutralität verbindet. Man geht davon aus, dass alles ganz sachlich, faktenbasiert und neutral ist. Dass es Verzerrungen gibt und Normvorstellungen dabei eine Rolle spielen, welche Daten erhoben werden. Dieses Bewusstsein müsste man in der Bevölkerung noch schärfen. Witzig: Wir haben seitens der akademischen Welt die Aufgabe, eine gesellschaftliche Diskussion darüber zu lancieren. Beim Gender Data Gap wurde das Phänomen am Ausführlichsten untersucht. Weil diese Data Gaps auch noch andere Dimensionen betreffen, sollten wir schauen, wie unsere Hochschule diesbezüglich unterwegs ist: Was vermitteln Dozierende unseren Studierenden? Sind sie sich bewusst bezüglich dieser Data Gaps? Wie verwenden sie Daten, wenn sie ihre Forschungsprojekte angehen? Und so weiter. Für solche zentralen Fragen würde die Stabsstelle Diversity gerne vermehrt sensibilisieren. Denn das Thema Neutralität in Wissenschaft und Daten wird uns als Gesellschaft und als Hochschule auch künftig noch stark beschäftigen, weil die augenscheinlich neutralen Algorithmen immer mehr Entscheidungen übernehmen. Und die sind nicht neutral. Solche Themen zeigen, wie hoch spannend Diversity ist. Witzig: Auch hier habe ich eine ambivalente Haltung. Ich bin klar der Ansicht, dass Diversity eine fairere und gerechtere Norm wäre, weil sie der Vielfalt gerechter wird, weil sie inklusiv ist, weil sie auf Menschenrechten basiert und beiträgt zu Entfaltung, Anerkennung sowie zu Innovationen und guter Performance dank grösserer Perspektivenvielfalt. Aber wenn ich Diversity festsetze als etwas faktisch Überlegenes, muss ich selbstkritisch bleiben: Ist das jetzt wirklich das Wahre und das Gute? Oder schaffe ich dadurch eine neue Normierung, mit allenfalls neuen Unterdrückungs- und Ausschlussmechanismen? Gerber-Grote: Svenja Witzig hat ja vorhin ganz mutig gesagt, die Demokratie ist nicht perfekt, aber die beste unter den Staatsformen, die wir kennen. Und dem stimme ich zu. Und wenn Demokratie etwas ist, das der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet ist, dann kommt man automatisch zu dem, was man heute Diversity nennt. Normalität wird dabei immer wieder neu ausgehandelt. Früher war ja Demokratie nur was für die griechischen Männer, nichts für Frauen und Sklaven. Da sind wir heute doch ein grosses Stück weiter (lacht). Interview Patricia Faller

Geburtshilfe: Eine ganz normale Ausnahmesituation

Ende November hat Sarah Mohi ihr drittes Kind bekommen. Wie schon seine beiden Geschwister kam Tibor nach einer komplikationsarmen Schwangerschaft auf natürlichem Weg, und ziemlich schnell, auf die Welt. «Es war eine sehr schöne Geburt», sagt die 36-Jährige aus dem thurgauischen Bottighofen. «Ich bin sehr dankbar, dass ich drei Kindern das Leben schenken durfte.» Sarah Mohis Erfahrung entspricht ziemlich genau der Definition der WHO einer normalen Geburt: «Das Baby liegt kopfabwärts im Mutterbauch, die Geburt beginnt spontan zwischen der 37. und 42. vollendeten Schwangerschaftswoche bei niedrigem Ausgangsrisiko und verläuft mit wenig Auffälligkeiten. Danach befinden sich Mutter und Kind in gutem Allgemeinzustand.» Trotzdem würde die dreifache Mutter den Begriff Normalität in diesem Zusammenhang nicht verwenden. «Für die werdenden Eltern, und vor allem für die Frau, ist eine Geburt grundsätzlich das Gegenteil von normal», findet Mohi. «Es handelt sich um eine absolute Extremsituation.» Sie ist zwar sehr froh, dass der Geburtsvorgang bei allen drei Kindern natürlich verlaufen ist und sie keine grösseren medizinischen Interventionen benötigte. Wäre die Ausgangssituation jedoch riskant gewesen, hätte sie keinesfalls auf Biegen und Brechen an einer vaginalen Geburt festgehalten. «In gewissen Fällen ist auch ein Kaiserschnitt normal», findet sie. Sarah Mohi hat im Spital geboren, damit im Notfall schnell hätte eingegriffen werden können. Unterstützt wurde sie von der Beleghebamme Valentine Gschwend , die sie bereits während der Schwangerschaft begleitet hatte und die Familie nach der Niederkunft zu Hause betreute. Die freipraktizierende Hebamme aus Romanshorn ist zudem an der ZHAW als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bachelorstudiengang Hebamme tätig. Sie gehörte zu den ersten Absolventinnen des neuen Hebammen-Masterstudienganges und schrieb ihre Masterarbeit zum Thema «Geburtserfahrung der Mütter nach Beleghebammenbetreuung». In einer Befragung von gegen 700 Frauen, die in verschiedenen Settings geboren hatten, konnte sie nachweisen, dass es mit einer Beleghebamme deutlich seltener zu medizinischen Interventionen wie etwa Geburts-Einleitungen, Periduralanästhesien und Kaiserschnitten kommt – also gemäss WHO-Definition vermehrt zu sogenannt normalen Geburten. Gleichzeitig zeigt Gschwend in ihrer Arbeit, dass die Mütter generell zufriedener sind und eine stärkere Bindung zum Neugeborenen erleben. «Die Geburt in den Händen der Hebamme bedeutet per se eine Rückbesinnung zum Normalen, Natürlichen und Gesunden», sagt Valentine Gschwend. Den Begriff Normalität würde sie aber niemals auf körperliche Parameter beschränken. «Am wichtigsten ist, dass Mutter und Kind gesund sind und dass die Frau gestärkt aus der Situation hervorgeht.» Dies könne auch bei einem Kaiserschnitt der Fall sein. Und auch Schmerzmedikamente oder eine Periduralanästhesie hätten manchmal ihre Berechtigung, stellt Gschwend klar. Zudem will sie nicht generell Kritik an den Ärzten üben. Ihr ist bewusst, dass diese von Berufs wegen stärker auf Komplikationen fokussiert sind als Hebammen. «Der Schlüssel zum Erfolg liegt bereits in der Schwangerschaft», sagt Gschwend. Eine kontinuierliche Betreuung durch dieselbe Fachperson könne die Frauen stärken, damit sie mit Selbstvertrauen in die Situation hineingehen. Wichtig sei auch, verständlich aufzuzeigen, wie der Körper beim Gebären arbeitet sowie welche verschiedenen Betreuungsarten und Geburtsorte möglich sind. «Normalität ist für alle etwas anderes. Was eine Mutter als normal empfindet, muss noch lange nicht das Gleiche sein wie das, was die Hebamme darunter versteht.» Astrid Krahl, Leiterin des Masterstudiengangs Hebamme Weil eine Hebamme die Frauen bei Geburtsbeginn bereits kennt, kann sie ihren Zustand besser einschätzen. Günstig sei auch, wenn sich die werdende Mutter beim Beginn der Wehen in einem Umfeld bewegen kann, in dem sie sich wohlfühlt, also in den meisten Fällen daheim, erklärt Valentine Gschwend. «Mit dem Eintritt ins Spital entsteht die Erwartung, es müsse jetzt etwas passieren, obwohl die Geburt vielleicht noch gar nicht richtig begonnen hat. So kann es zu vorschnellen Eingriffen kommen.» Auch Hebammen-Studierende setzen sich mit dem Begriff «normale Geburt» auseinander. Besonders im Masterstudiengang analysieren sie, was er auf physiologischer, soziologischer und psychischer Ebene bedeutet. Normen gebe es zum Beispiel bei den im Blut und Urin gemessenen Werten, sagt Studiengangleiterin Astrid Krahl. Doch ansonsten sei die fixe Definition der WHO nur begrenzt hilfreich. «Normalität ist für alle etwas anderes. Was eine Mutter als normal empfindet, muss noch lange nicht das Gleiche sein wie das, was die Hebamme darunter versteht.» Im geburtshilflichen Alltag werde die Bezeichnung vor allem von den Frauen selber verwendet, weiss Krahl. Wenn der Bauch während der Schwangerschaft öfters hart wird, die Geburt langsam vorangeht oder das Kind häufig schreit, fragen Frauen oft, ob das normal sei. «Unsere Aufgabe ist es dann, ihnen durch Informationen und Bestätigung die Unsicherheit zu nehmen», erklärt Krahl. «Die Frauen müssen einordnen können, ob alles gut läuft und wo sie stehen.» Somit mache der Begriff Sinn, obwohl er fachbegrifflich nicht exakt sei. Auch Sarah Mohi erlebte bei ihren drei Schwangerschaften und Geburten Momente, in denen sie besorgt war. Etwa, als sie schon ab der 30. Woche wiederholt Wehen verspürte, als der Herzton- und Wehenschreiber (CTG) verlangsamte Herztöne registrierte oder als ihr kleiner Sohn eine leichte Gelbsucht entwickelte. Dennoch hätten sich die meisten dieser Probleme von selber wieder gelöst, blickt Mohi zurück. Sie schätzte es, dass sich ihre Beleghebamme Valentine Gschwend während der Geburt im Hintergrund hielt und ihr Ruhe und Zuversicht vermittelte. Die 32-jährige Hebamme ist zurzeit übrigens selber schwanger. Und trotz ihrer Berufserfahrung fragt sie sich nun hin und wieder: «Ist das normal?» Andrea Söldi

«Normen als gemeinsame Sprache»

Seit 20 Jahren hat Corinne Gantenbein-Demarchi den Vorsitz des Komitees «INB/NK 172 Lebensmittel» bei der Schweizerischen Normen-Vereinigung (SNV) inne. Sie hat erlebt, wie Normen an Bedeutung gewonnen haben. «Normen sind messbar, vergleichbar und verbindlich», sagt die Professorin. Dieses Bewusstsein für den Wert einer Norm habe sie den Studierenden in der Schweiz wie auch in Afrika immer wieder mit auf den Weg gegeben. Corinne Gantenbein-Demarchi hat das Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation in Wädenswil 35 Jahre lang geprägt, zuletzt als stellvertretende Leiterin. Parallel dazu lehrt sie im Rahmen des Stiftungsprojekts «B360 – education partnerships» ehrenamtlich an der Namibia University of Science and Technology. Im Bereich der Lebensmittelsicherheit und -qualität geht es vor allem um methodische Normen. Standardisierte Prozesse (z. B. bei der Herstellung) helfen, Keime wie Salmonellen oder Listerien zu verhindern oder im Rahmen der Qualitätsüberprüfung nachzuweisen. Wenn sich die Industrie, Labors oder andere Organisationen genau an die Normen halten, hat das grosse Vorteile: «Die produzierende Industrie kann dadurch ihre Qualitätssicherungsprozesse unterstützen, womit teure Rückrufe oder unter Umständen auch Erkrankungen von Personen verhindert werden können», führt Corinne Gantenbein-Demarchi aus. Ein wesentlicher Punkt sei aber auch die internationale Anerkennung. Das hat auch eine ihrer früheren Studentinnen in Namibia erfahren, die Qualitätssicherungsverantwortliche in einem fleischverarbeitenden Betrieb wurde. Zu diesem Zeitpunkt weigerte sich ein wichtiger Abnehmer in Südafrika, die Produkte zu importieren. In Rekordzeit schaffte es die junge Frau dank ihrer an der Universität erworbenen Kenntnisse, die nötigen international anerkannten Prozesse einzuführen, damit der Betrieb wieder exportieren konnte. Auch die Schweiz musste sich einst international fit machen. Arbeitete man früher mit den sehr gut erprobten methodischen Normen des Schweizerischen Lebensmittelbuches, musste man vor rund 15 Jahren einen grossen Effort leisten, um die Kompatibilität mit dem Ausland zu erreichen. Das Ziel war die Annäherung an die in Europa gebräuchlichen ISO-Normen. «Wir haben deshalb sämtliche Methoden minutiös verglichen und in einem Konsensverfahren schrittweise übernommen.» Damit die Lebensmittelsicherheit und -qualität in der Schweiz in Zukunft weiter erhöht werden kann, braucht es für die Lebensmittelmikrobiologin auch einen stärkeren Austausch mit der Politik und den Behörden. «Wir dürfen wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse nicht im Elfenbeinturm behalten. Vielmehr sollten sie in die Gesetzgebung einfliessen können, damit sich in der Wechselwirkung auch die Normen weiterentwickeln können.» Das voranzutreiben, wird allerdings nicht mehr ihr Werk sein. Bald will Corinne Gantenbein-Demarchi kürzertreten: Für ihre Lehrtätigkeit hat sie bereits einen Nachfolger und auch ihr Engagement im SNV wird sie weitergeben. In ihrem Abschlussprojekt an der ZHAW beschäftigt sie sich aber noch einmal mit Normen, allerdings einer anderen Art. Als Vertreterin des Instituts für Lebensmittel- und Getränkeinnovation engagiert sie sich im Projekt «Neubau Laborgebäude» in Wädenswil. Wenn das Institut im Sommer 2023 dieses «Future House of Food» beziehen wird, ist für sie die Normenarbeit – zumindest die berufliche – ein für alle mal abgeschlossen. B360 – education partnerships fördert den Austausch von Fachwissen zwischen europäischen Experten und afrikanischen Studierenden. Rahel Lüönd

Wie geht es uns in der Pandemie?

Vier Fünftel der Bevölkerung in der Schweiz stufen ihre aktuelle Lebensqualität als gut oder sehr gut ein. Dieser Anteil ist in den vergangenen drei Monaten leicht gesunken, parallel zur Einführung der verschärften Corona-Schutzmassnahmen Ende Oktober 2020 und zum erneuten Lockdown im Januar 2021. In den Sommermonaten und im Frühherbst 2020 betrug der Wert noch rund 90 Prozent. Dies zeigt die jüngste Erhebung des «COVID-19 Social Monitor» der ZHAW School of Management and Law und der Universität Zürich von Ende Januar. Die Studie untersucht seit März 2020 mit regelmässigen Umfragen die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Bevölkerung. «Auch wenn die Resultate eine etwas tiefere Zufriedenheit zeigen – insgesamt bewerten die meisten Menschen in der Schweiz trotz der gegenwärtig starken Einschränkungen ihre Lebensqualität nach wie vor als hoch», sagt Marc Höglinger , Leiter Versorgungsforschung am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW. Zugleich fühlen sich etwas mehr Menschen häufig einsam oder verspüren eine erhöhte psychische Belastung. Die entsprechenden Anteile liegen aktuell bei 10 und 28 Prozent im Vergleich zu 6 respektive 21 Prozent Ende September 2020. «Zu dieser leichten Zunahme dürfte neben dem Lockdown auch der Winter beitragen. Generell sind solche psychischen Belastungen aber nicht mit Erkrankungen wie einer Depression gleichzusetzen. Eine Mehrheit der Menschen kann die Herausforderungen verkraften und bleibt gesund», sagt Marc Höglinger. «Anders kann es bei Personen sein, die bereits vor der Pandemie stark psychisch belastet waren oder beispielsweise durch Arbeitslosigkeit oder einen Todesfall im eigenen Umfeld hart getroffen wurden. Es braucht daher eine differenzierte Betrachtung.» Gewisse Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen: So leiden junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren mit 18 beziehungsweise 44 Prozent viel öfter als andere Altersgruppen an Einsamkeit oder psychischer Belastung. «Bei den Jungen lagen diese Werte in fast all unseren Befragungen seit dem letzten Frühling höher. Zudem sind sie in den letzten Monaten stärker angestiegen», erklärt Oliver Hämmig, Bereichsleiter Gesundheitsberichterstattung und -monitoring am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. Auch alleinstehende Menschen sind etwa drei- bis viermal so häufig von Einsamkeit betroffen wie solche in Paar- oder Familienhaushalten. «Diese Unterschiede zeigen sich während der ganzen Pandemie, im aktuellen Lockdown, aber auch zu normalen Zeiten, wie man aus früheren Studien weiss», betont Oliver Hämmig. Zudem hält sich die Bevölkerung ziemlich gut an die von den Behörden empfohlenen oder angeordneten Schutzmassnahmen: So befolgen 92 Prozent immer oder meistens die Abstandsregeln, 97 Prozent tragen eine Maske und 70 Prozent verzichten überwiegend auf private Besuche und bleiben zu Hause. «Diese Werte sind in den vergangenen Monaten wieder angestiegen. Insbesondere beim Verzicht auf private Besuche oder beim Zuhausebleiben liegen sie aber etwas tiefer als während des Lockdowns im letzten Frühling», sagt Marc Höglinger. Mit der entsprechenden Anweisung des Bundesrats arbeiten aktuell auch wieder mehr Menschen ausschliesslich oder meistens im Homeoffice (30 Prozent). Aber es sind etwas weniger als im Frühling 2020, als rund 40 Prozent zumindest meistens von zu Hause tätig waren. Kaum verändert hat sich seit Beginn der Pandemie die Arbeitsplatzunsicherheit: Knapp 10 Prozent aller Menschen in der Schweiz haben ziemlich oder viel Angst, ihre Stelle zu verlieren. Zwei- bis dreimal so hoch liegt dieser Anteil jedoch bei Beschäftigten in Branchen wie Gastgewerbe, Kultur oder Sport, die von den Corona-Massnahmen besonders betroffen sind. Bislang gibt es nur wenige wissenschaftliche Studien zu den Auswirkungen des Lockdowns auf die Gesundheit, die Gesundheitsversorgung oder die Arbeitsproduktivität der Beschäftigten. Der COVID-19 Social Monitor soll die Entwicklung dieser gesellschaftlichen Folgen der Pandemie im Zeitverlauf erfassen. Seit Beginn des Lockdowns wurde dazu regelmässig eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe zu diversen Themen befragt.

Homeoffice: das globale Experiment

«Wenn man im Wort Homeoffice acht Buchstaben verändert, steht da Gin Tonic.» Mit diesem Witz, wirbt zurzeit der Schweizer Coworking-Anbieter Westhive um neue Kunden. Damit spielt das Unternehmen mit einem bekannten Klischee: das Homeoffice als Arbeitsplatz, an dem nicht gearbeitet wird. Doch dieses Vorurteil hat während des vergangenen Jahres viel an Gültigkeit verloren und könnte bald ganz verschwinden. Vor Ausbruch der Corona-Pandemie arbeiteten in der Schweiz rund 14 Prozent aller Arbeitnehmenden regelmässig von zu Hause aus. Während des ersten Shutdowns im Frühling 2020 schnellten die Zahlen auf 51 Prozent hoch, wie eine Umfrage vom Forschungsinstitut Sotomo zeigte. Anfang 2021 arbeiteten immer noch 41 Prozent regelmässig im Homeoffice. «Viele Unternehmen stellten dabei fest, dass ihre Mitarbeitenden zu Hause genau so produktiv sind, wie wenn sie im Büro arbeiten», sagt Nicoline Scheidegger . Sie ist Dozentin für Strategie und Leadership. Die sogenannte Arbeitswelt 4.0 sowie Distant Leadership und Führung in Zeiten von New Work gehören zu ihren Forschungsschwerpunkten. «Die Akzeptanz gegenüber Homeoffice und Remote Work stieg bei vielen Unternehmen enorm.» Nicoline Scheidegger, Dozentin für Strategie und Leadership Das in vielen Ländern verordnete Homeoffice bezeichnet sie als «globales Experiment». Dabei waren die Bedingungen oft alles andere als ideal. Es gab keine freie Wahl, viele Menschen mussten sich nebst der Arbeit um Kinder kümmern oder waren pandemiebedingt mit Verlusten, Leid und Ängsten konfrontiert. Die Pandemie zeige aber, dass Arbeit aus Distanz technologisch möglich ist. «Es gab einen immensen Lernschub durch Corona, der sonst so nie möglich gewesen wäre. Die Akzeptanz gegenüber Homeoffice und Remote Work stieg bei vielen Unternehmen enorm», sagt Scheidegger. Grosse Unternehmen wie Novartis und die Versicherung AXA haben deshalb angekündigt, dass ihre Angestellten auch in Zukunft Arbeitsort- und -zeit weitgehend frei bestimmen können. Einige Unternehmen wollen ihren Angestellten zudem einen Bonus bezahlen, mit dem sie Druckerpatronen oder andere anfallende Kosten berappen können. Denn von vermehrtem Homeoffice profitieren auch die Unternehmen: Sie können Büroflächen reduzieren, ihre Attraktivtät steigern und ihren Personalpool erweitern. Damit beschleunigt sich ein Trend, der bereits vor der Pandemie an Tempo zugenommen hatte: Die Bedeutung des Büros als Arbeitsort nimmt ab. Auch ein grosser Teil der Angestellten möchte nicht mehr zurück in die alte Normalität, sagt die Arbeits- und Organisationspsychologin Birgit Werkmann-Karcher , Co-Leiterin des Zentrums für Human Resources & Corporate Learning und Dozentin für Personalpsychologie mit Schwerpunkt Arbeitswelt 4.0. «Verschiedene Befragungen zeigen, dass sehr viele Menschen in Zukunft hybrid arbeiten möchten. Zu einem Teil im Büro und zu einem Teil aus der Distanz.» Ein wichtiger Faktor sei für viele die gesparte Zeit aufgrund der kürzeren Arbeitswege. Statt zu pendeln, gehen die Angestellten um die Ecke in einen Coworking-Space oder ins Zimmer nebenan. Die Menschen können sich die Arbeitszeit freier einteilen und erlangen mehr Selbstbestimmung. «Der Gewinn an Autonomie und Flexibilität ist das grosse Plus», so Werkmann-Karcher. «Menschen, die remote arbeiten, haben mehr Eigenverantwortung. Es ist deshalb wichtig, dass man die eigenen Bedürfnisse kennt und Grenzen setzt.» Birgit Werkmann-Karcher, Co-Leiterin des Zentrums für Human Resources & Corporate Learning Doch nicht alle Personen können mit Remote Work gleich gut umgehen. Die Arbeitspsychologie unterscheidet zwei Gruppen: die Integrierer und die Segmentierer. Die Ersteren trennen nur wenig zwischen Arbeit und Privatem. Segmentierer hingegen möchten die beiden Bereiche möglichst auseinanderhalten. «Wir vermuten, dass es die Segmentierer auch eher wieder ins Büro zieht», sagt Werkmann-Karcher. Eines ist jedoch für alle Angestellten entscheidend: ein gutes Boundary-Management. «Menschen, die remote arbeiten, haben mehr Eigenverantwortung. Es ist deshalb wichtig, dass man die eigenen Bedürfnisse kennt und Grenzen setzt», so Werkmann-Karcher. Denn flexible Arbeitszeiten und digitale Kommunikationsmittel bergen auch Risiken. Plötzlich ist man immer und überall erreichbar. Welches ist die grosse Herausforderung in einer Arbeitswelt, in der sich immer mehr die räumlichen und zeitlichen Grenzen auflösen? Sich selber abzugrenzen, sagt Werkmann-Karcher. «Pausen und Freiräume braucht jeder Mensch. Sonst nehmen die Arbeits- und Lebenszufriedenheit rasch ab.» Viele Unternehmen die auf Remote Work umsteigen, haben noch einen weiten Weg vor sich, da sind sich Birgit Werkmann-Karcher und Nicoline Scheidegger einig. Unternehmen müssen dafür ihre Kultur weiterentwickeln, die Mitarbeitenden bei der Umstellung unterstützen und mit geeigneten Arbeitsprozessen experimentieren. Im Bereich Führung bietet sich die Chance, für ein «New Normal» die Rollen und Aufgaben von Führungskräften zu überdenken und weiterzuentwickeln», sagt Scheidegger. Sie hat vergangenes Jahr auch eine Studie zu Führen auf Distanz veröffentlicht. «Unternehmen, die diese Aufgabe bereits vor der Pandemie angepackt hatten, tun sich hierbei leichter.» Zum Bespiel Novartis mit dem «Unboss»-Programm oder Microsoft mit dem Ansatz von «Model–Coach–Care», bei dem die Rolle einer Führungskraft umrissen wird mit Vorbildsfunktion, Coaching und Fürsorge. Beide gewähren ihren Mitarbeitenden viel Spielraum und Wahlmöglichkeiten in der «Neuen Normalität». Bei allem Umbruch: Das Büro wird auch in Zukunft existieren. Unternehmen werden sich jedoch genauer überlegen, für welche Tätigkeiten es einen Mehrwert schafft. Als Ort des Zusammenkommens und kreativen Austauschs beispielsweise. Während das Remote Office ganz der konzentrierten Arbeit dient. Simon Jäggi

Normalität in Objekt und Sprache

Derzeit haben Begriffe wie «Normalität», «normal» oder «neue Normalität» Konjunktur wie noch nie in den vergangenen 50 Jahren. Und «Normalität einkehren» ist derzeit die in deutschen Quellen die am häufigsten entdeckte Wortverbindung. In der Schweiz fiele das Ergebnis sicher ähnlich aus. Wörter treten oft gehäuft in Verbindung mit anderen auf. «Normalität ist eingekehrt» ist derzeit eine der häufigsten Verbindungen, gefolgt von «Normalität vortäuschen», «Normalität vorgaukeln», «Normalität suggerieren» und «Normalität wiederherstellen». In den vergangenen rund 50 Jahren hatten die Begriffe «Normalität» und «normal» nie mehr Konjunktur als heute. Wir haben die beiden Wortverlaufskurven mit historischen Marken gespickt, ohne Kausalzusammenhänge herstellen zu wollen. Angesichts der Berg-und-Tal-Fahrten hatte uns die Neugier gepackt, was da in der Welt wohl gerade passierte. Technische Normen prägen unsere Normalität und leisten einen wichtigen Beitrag, wenn es um Lösungen für die grossen Herausforderungen von heute geht wie etwa Klimawandel, Energiewende, Digitalisierung, aber auch gesellschaftspolitische Themen wie die Überalterung der Bevölkerung. Normen sind freiwillige, von Expertinnen und Experten erarbeitete Regeln für fast alle Gebiete der Wirtschaft und Gesellschaft. Sie sollen für ein reibungsloses Zusammenspiel von Produkten, Prozessen und Dienstleistungen sorgen. Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache Swiss-Al-Medienkorpus der ZHAW: ein Schweizer Web-Korpus für die Angewandte Linguistik Schweizerische Normenvereinigung

Wann ist eine Familie eine Familie?

Zahlenmässig dominiert das bürgerliche Familienmodell nach wie vor – ein heterosexuelles Paar mit zwei leiblichen Kindern. Doch Familie wandelt sich. Elternschaft wird zunehmend divers verstanden und gelebt: Gleichgeschlechtliche Paare erfüllen sich ihren Kinderwunsch dank einer Samenspende, einer Leihmutterschaft oder der Beteiligung von Freundinnen oder Freunden. Mütter oder Väter erziehen ihre Kinder alleine. Geschiedene verlieben sich neu und bilden Patchworkfamilien. Trans Personen bringen Kinder zur Welt. «Das herkömmliche hegemoniale Modell von Familie ist ins Wanken geraten», sagt Yv E. Nay vom Departement Soziale Arbeit. Gleichzeitig werde das Ideal der heterosexuellen Ehe mit leiblichen Kindern in politischen Debatten verstärkt betont. Diese Ambivalenz verdeutlicht der Soziolog_in anhand der parlamentarischen Diskussionen über die Ehe für alle, welche Ende 2020 den Durchbruch schaffte. Dabei argumentierten Gegnerinnen und Gegner unter anderem mit dem Kindswohl. Sie kritisierten: Wenn Lesben und Schwule eine Familie gründeten, bedeute dies stets, dass ein Kind von einem biologischen Elternteil getrennt werde. «Damit werden traditionelle Bilder heraufbeschworen, die mit der gelebten Realität von sogenannten Regenbogenfamilien wenig zu tun haben», sagt Nay. Ein Samenspender sei kein Vater. «Dass diese Person schlicht den Samen spendet, ruft besonders in christlich- und rechtskonservativen Kreisen Besorgnis hervor, weil dies nicht ihrem Familienideal entspricht.» «Jenseits des heteronormativen Ideals gibt es jedoch verschiedenste Formen des familialen Zusammenlebens», sagt Yv E. Nay. Lesben und Schwule etwa, die sich zusammentun, um Eltern zu werden, gemeinschaftliche oder polyamouröse Konstellationen sowie alleinerziehende LGBTQ-Personen. In Gesprächen auf dem Spielplatz, beim Einkaufen oder bei der Arbeit werden diese Familien häufig mit sehr persönlichen Fragen konfrontiert: «Wie seid ihr zu eurem Kind gekommen?», zum Beispiel. Oder: «Hattet ihr Sex mit dem Samenspender?», «Warum hat eine andere Person für euch ein Kind geboren?» Bei heterosexuellen Eltern käme kaum jemand auf die Idee, solche Fragen zu thematisieren, schon gar nicht bei völlig unbekannten Personen auf dem Spielplatz, gibt Nay zu bedenken. «Die normative Vorstellung einer Familie, bestehend aus einem weissen, weder von einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung, noch von Armut betroffenen Elternpaar mit leiblichen Kindern ist aber bei weitem nicht die einzige Realität in der Schweiz.» Es sei noch viel Informationsarbeit notwendig, um die Vielfalt gelebter Familienformen hierzulande selbstverständlich zu machen. Hierzu will Yv E. Nay nach Lehr- und Forschungstätigkeit in Basel, Genf, Berlin, London, Arizona, New York und zuletzt in Wien nun mit der Forschungs- und Lehrtätigkeit am Departement Soziale Arbeit der ZHAW beitragen. Für seine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Dissertation hat Nay schweizweit rund 40 queere Familien besucht und befragt. Dabei zeigte sich: Wie vorbehaltlos diese von ihrem Umfeld angenommen werden, hat wenig damit zu tun, ob sie auf dem Land oder in der Stadt leben. «Dass die städtische Bevölkerung progressiver wäre, ist nicht per se der Fall», berichtet Nay. Auch in Zürich oder Genf gebe es Homo- und Transphobie. Nays Forschung zeigt vielmehr: Je dörflicher eine Gemeinschaft ist, desto mehr weiss man voneinander. Wo man hinter vermeintlich perfekte Fassaden sehen kann, werden unkonventionelle Lebensweisen tendenziell besser akzeptiert als anderswo. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen veröffentlichte Nay im Buch «Feeling Family» . Dass sich die Einstellung zum Thema Familie in der Schweizer Gesellschaft geändert hat, dokumentiert die vom Bund herausgegebene « Erhebung zu Familien und Generationen 2018 » . Nahezu sechs von zehn Frauen (58 Prozent) und gut vier von zehn Männern (43 Prozent) sind der Meinung, dass ein Kind auch bei einem gleichgeschlechtlichen Paar glücklich aufwachsen kann. Mehr als die Hälfte der Befragten (65 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer) findet, dass homosexuelle Paare die gleichen Rechte haben sollten wie heterosexuelle. Geht es aber um die rechtliche Anerkennung vielfältiger Familienverhältnisse, hat die Schweiz Nachholbedarf. «Die aktuelle gesetzliche Regelung greift zu kurz», sagt Nay. Anfang 2007 ist die eingetragene Partnerschaft eingeführt worden, allerdings ohne Adoptionsrecht oder Zugang zur Reproduktionsmedizin. Seit 2018 besteht die Möglichkeit der Stiefkindadoption. Diese ist ursprünglich für heterosexuelle Familien geschaffen worden, in denen ein Elternteil unbekannt, verstorben oder nicht präsent ist. Queere Familien werden wie diese «Fortsetzungsfamilien» behandelt – ungeachtet dessen, dass der grösste Teil der gleichgeschlechtlichen Paare Kinder von Anfang an gemeinsam plant und erzieht. Sie können zwar das Stiefkindadoptionsverfahren durchlaufen, Elternrechte ab Geburt haben sie nicht. Die Ehe für alle bringt zwar für lesbische Paare eine Verbesserung, indem sie ihnen neu den Zugang zur Samenspende in der Schweiz ermöglicht. Allen anderen queeren Familienformen bleiben aber rechtlich unzulänglich abgesichert. Die Schweiz habe noch einen grossen Nachholbedarf, so Yv E. Nay, beispielsweise bei der rechtlichen Anerkennung der Mehrelternschaft – sowohl von heterosexuellen als auch von LGBTQ-Elterngemeinschaften. «Mehrelternschaft ist nichts Utopisches, sondern wird gelebt – auch in der Schweiz», betont Nay und verweist auf andere Staaten. In Kalifornien beispielsweise ist Mehrelternschaft seit 2013 gesetzlich verankert. Elternschaft müsse zudem ähnlich wie die Vaterschaft bei Heterosexuellen geregelt und einklagbar werden, sagt er weiter. Nicht zuletzt sollten trans Personen in ihrer selbstbezeichneten Elternrolle rechtlich anerkannt werden. Wie verbreitet unkonventionelle Familienkonstellationen in der Schweiz sind, lässt sich kaum beziffern. Im nationalen Familienbericht 2017 heisst es, dass «höchstens von einem moderaten Trend zur Pluralisierung von Familienformen» ausgegangen werden könne. Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien oder Dreigenerationenfamilien seien weniger zahlreich, als viele mediale und politische Diskurse zur Vielfalt modernen Familienlebens andeuteten. Tatsächlich fehlt es an spezifischen Erhebungen. Der Bund führt zwar eine Statistik über eingetragene Partnerschaften, dokumentiert allerdings erst seit wenigen Jahren, ob diese Paare mit Kindern zusammenleben. Oft genannt wird eine grobe Schätzung des Dachverbands Regenbogenfamilien : Er geht davon aus, dass hierzulande zwischen 6000 und 30’000 Kinder bei LGBTQ-Eltern aufwachsen. Yv E. Nay würde sich differenziertere Erhebungen wünschen. «Das Bundesamt für Statistik sollte eine breite Vielfalt an Familienformen erheben. Wichtig wäre dabei zu beachten, dass Familien nicht nur hinsichtlich der Sexualität der Eltern unterschiedliche Erfahrungen machen, sondern immer auch im Zusammenhang mit anderen Einflüssen wie Geschlecht, Aufenthaltsstatus, physische oder psychische Beeinträchtigung oder Rassisierung. Nur so können aussagekräftige Statistiken entstehen, die die verwobenen sozialen Ungleichheiten deutlich machen und so eine Basis für Verbesserungen bieten.» Eveline Rutz

Elektrotechnik elektrisierte sie

Der «Nationale Zukunftstag» war für Noemi Hubatka vor 18 Jahren genau das, was er verheisst: ein Blick in die eigene Zukunft, das Erhaschen einer Idee, einer Vorstellung ihrer selbst, wenn sie «einmal gross» sein würde. Es war ein Bild, das sie begeisterte und nicht mehr losliess. «Schon als Kind fand ich Elektrizität wahnsinnig spannend und faszinierend. Mein Vater arbeitete bei den SBB und nahm mich am Zukunftstag an seinen Arbeitsplatz mit», erzählt Hubatka. Dort gab es einen sogenannten Frequenzumrichter, der die Energie für den Antrieb der Züge bereitstellt. «Diese älteren Modelle sind noch mechanische Umrichter mit rotierenden Teilen.» Hubatka – damals 12 Jahre alt – stand staunend vor dieser Maschine, die sie in Höhe und Breite überragte, und wusste: Das will sie einmal machen. Umrichter entwickeln, die die Frequenzen von elektrischer Energie umwandeln können. Und so steht sie heute, mit 30 Jahren, während ihrer Arbeitszeit nicht selten in einem Labor der «Hitachi ABB Power Grids» , eines Geschäftsbereichs der Hitachi, und tüftelt an neuen Lösungen in der Leistungselektronik. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen sorgen dafür, dass in unserem Alltag die unterschiedlichen Energieformen in der Stromversorgung keine Probleme machen. Für den Staubsauger zu Hause können wir mit dem Strom, der den Bahnverkehr versorgt, schliesslich nichts anfangen. Hubatka legte sich ihren Weg in die Forschung und Entwicklung im Bereich Leistungselektronik bald nach dem Zukunftstag zurecht. «Ich wusste, dass ich einen höheren Abschluss als einen Lehrabschluss brauchen würde. Aber auch, dass das Gymnasium nichts für mich wäre.» Hubatka absolvierte eine Berufslehre als Automatikerin und gleich danach ein Ingenieurstudium an der ZHAW School of Engineering. 2014 schloss sie ab. In ihrer Klasse an der ZHAW waren von 30 Studierenden zwei Frauen. Ein Umstand, den Hubatka schon von der Lehre her kannte. Damals hatte sie sich erst daran gewöhnen müssen. Mittlerweile fand sie es toll. «Natürlich war ich froh, dass es noch eine zweite Frau in der Klasse gab. Aber insgesamt fand ich das Studieren mit meinen männlichen Kollegen angenehm.» Hubatka wusste ausserdem: Auch später im Berufsleben würde sie überwiegend mit Männern zusammenarbeiten. Dass sie heute in einem Team arbeitet, das durchmischt ist, kann sich Hubatka nur mit dem Zufall erklären. Von zehn Teammitgliedern sind vier Frauen, eine davon ist die Chefin. «Das ist unüblich», sagt Hubatka. Eine Ausnahme in einem Bereich, der immer noch eine Männerdomäne ist. Woran das liegt, sei schwer zu sagen. Das Team fand organisch zusammen, nicht alle Teammitglieder wurden von derselben Person eingestellt. Hubatka hofft dennoch, dass diese Ausnahme bald zur Regel wird. «Ich glaube, viele Mädchen und Frauen wissen sehr wenig über die Möglichkeiten in unserem Berufsfeld. Zudem scheint es die Annahme zu geben, dass die Arbeit in der Elektrotechnik sehr komplex und darum schwierig sei.» Hubatka fragt sich, ob Mädchen vielleicht dazu neigen, sich Schwieriges zu wenig zuzutrauen. Dabei seien andere Bereiche auch kompliziert. «Eine Betriebswirtin kommt mit der Komplexität ihrer Materie auch zurecht. Warum sollte das hier anders sein?» Hubatkas Arbeitsalltag ist sehr abwechslungsreich. Oft steht die Ingenieurin in Schutzausrüstung im Labor und führt an den Produkten, die sie entwickelt, Qualifikationstests durch. Sie misst Spannungen, überprüft Wirkungsrade und Verluste. Hin und wieder bauen sie und ihre Kolleginnen und Kollegen Prototypen der Produkte. Dann wird Hand angelegt, gebaut und verdrahtet. Vier- oder fünfmal im Jahr kann sie auf Geschäftsreise gehen. Daneben arbeitet Hubatka oft im Büro. «Anfang Jahr haben wir mit einem neuen Projekt begonnen. Das gibt viel zu lesen: Patente und Papers zum Thema.» Danach folgen Simulationen und Berechnungen. Das gemeinsame Ziel ist immer, ein Produkt, einen Stromrichter, zu entwickeln, der in der Industrie, im Transport- oder Infrastrukturwesen Absatz findet. Ausserhalb ihres Teams gehört Hubatka als Frau immer noch zur Minderheit. «Man fällt in dieser Branche als Frau auf», sagt die Ingenieurin. Sie erinnert sich an eine Begegnung mit einem älteren Mitarbeiter im Lager der Firma. Der Kollege hatte sie um Hilfe gebeten beim Holen eines Bauteils, denn Hubatka hat die Gabelstapler-Prüfung. «Er kam danach auf mich zu und meinte, es sei für ihn ungewohnt, eine junge Frau um Hilfe zu bitten.» Nach einer ersten Irritation verstand Hubatka dies als Geste der Anerkennung. «Ich finde es schön, dass er sich dessen bewusst wurde und mir das sagte. Es zeigt mir, dass er sich Gedanken macht und mit der für ihn neuen Situation umgeht.» Den Ausgleich zu ihrer Arbeit findet Hubatka unter anderem im Freundeskreis – zu dem auch ehemalige Studienkollegen gehören. Und: «Die einzige andere Frau in meiner Klasse an der ZHAW wurde zu einer engen Freundin. Wir waren sogar gegenseitige Trauzeuginnen», erzählt Hubatka. Was sie jungen Frauen raten würde, die sich für die Elektrotechnik interessieren? «Zeigt, dass ihr Spass am Thema habt und es euch zutraut. Dann stehen euch alle Wege offen.» Elena Ibello

Pflegekinder: Auffallend normal oder rebellisch

Da ist zum Beispiel Lena. Ihr Vater war schwer chronisch krank und die Mutter psychisch labil und überfordert. So kam Lena im Alter von neun Monaten in eine Pflegefamilie. Heute ist sie 19 Jahre alt. Nach ihrer Situation gefragt, findet sie: normale Schulbildung, normale Hobbys, normale Familie. Vor allem Letzteres klingt überraschend. Mehr als das: Obwohl Lena weiss, dass sie mit ihrer Pflegefamilie biologisch nicht verwandt ist, glaubt sie, dass sie irgendwie «im Bauch der Pflegemutter gewesen» ist. Wieso? «Die Frage, ob sie normal sind, taucht bei Pflegekindern eigentlich immer auf», sagt Daniela Reimer vom ZHAW-Departement Soziale Arbeit . «Sie werden nicht nur in der Forschung sehr genau untersucht, sondern auch in der Gesellschaft und beispielsweise in Bezug auf die psychische Gesundheit kritisch bewertet.» Sie sind deshalb viel stärker als andere Kinder herausgefordert, für sich selbst eine Normalität zu konstruieren. Lena ist eines von 50 ehemaligen Pflegekindern, die von ZHAW-Dozentin Reimer im Rahmen diverser Forschungsprojekte befragt worden sind. Daraus ist auch Reimers Dissertation entstanden. Die diplomierte Sozialarbeiterin und Pädagogin hat die Interviews daraufhin analysiert, wie diese jungen Menschen Normalität für sich schaffen. Auf dieser Basis entstand ein theoretisches Modell, aus dem heraus Reimer vier Typen bildete. Diese stellen verdichtet dar, wie ehemalige Pflegekinder auf verschiedene Arten Normalität konstruieren und ausbalancieren: Typ 1 behauptet Normalität, notfalls gegen alle Widerstände, Typ 2 lebt Normalität vor und entgeht damit Risiken, Typ 3 philosophiert über fehlende Normalität und relativiert sie teilweise dadurch, und Typ 4 zelebriert fehlende Normalität und riskiert Exklusion. Lena gehört zum Typ 1. Sie präsentiert sich als über alle Massen normal, und falls daran Zweifel aufkommen, glättet sie die Realität bis zur Unkenntlichkeit. Daher vermeidet sie den Kontakt zur Herkunftsfamilie und streitet jede optische oder charakterliche Ähnlichkeit vehement ab. «Bei Menschen dieses Typus spielen Mythen um die Inpflegegabe eine wichtige Rolle, die Unterbringung in genau dieser Pflegefamilie wird als schicksalhaft betrachtet», erklärt Reimer, die Mitglied der Forschungsgruppe Pflegekinder an der Universität Siegen (D) ist. Der Preis dafür ist ein eingeschränkter Freundeskreis, weil man ständig um das Stigma fürchtet. Ausserdem wird es für Typ 1 schwierig, sich zu einer autonomen Person mit einer eigenständigen Lebensführung zu entwickeln. Aber es gibt auch Vorteile: «Menschen wie Lena profitieren von den Ressourcen, die ihnen die Pflegefamilie bietet, das macht sie handlungsfähig», sagt die ZHAW-Dozentin. Auch die 18-jährige Amisha, die im Alter von zwei Jahren in eine Pflegefamilie kam, präsentiert sich einerseits als betont normale junge Frau. Anders als bei Lena ist jedoch nicht die Pflegefamilie der alleinige Normalitätsanker, sondern auch andere gesellschaftliche Faktoren. Dazu gehören etwa geschlechtstypische Handlungsmuster. So gibt sich Amisha stereotyp weiblich, sie hat einen Beruf ergriffen, den man landläufig Frauen zuordnet. Ausserdem pflegt sie viele enge Freundschaftsbeziehungen zu Gleichaltrigen. «Auf diese Weise stellt Amisha eine Zugehörigkeit zu dem her, was sie als normal wahrnimmt», erklärt ZHAW-Dozentin Reimer. «Zugleich grenzt sie sich deutlich von jenen Menschen ab, die in ihren Augen fehlende Normalität repräsentieren.» Jedoch kollidiert bei solchen Menschen – wie auch bei Amisha – der Wunsch nach Normalität regelmässig mit dem Bewusstsein für die eigene, spezielle Lebensgeschichte. Zum Typ 3, der die fehlende Normalität stetig thematisiert, könnte man Hannah zählen. Sie kam als Baby in eine Pflegefamilie, in der sie bis 16-jährig lebte. Dann brach sie das Pflegeverhältnis ab. Im Interview mit Daniela Reimer präsentierte sie sich als unnormal, ihre Homosexualität unterstreicht aus ihrer Sicht diese Zuschreibung. Menschen wie Hannah kompensieren die fehlende Normalität oftmals durch ein hohes Bildungsniveau. «Dies erlaubt ihnen, ihre empfundene fehlende Normalität zu reflektieren – wodurch dieser Typus paradoxerweise vom Umfeld teilweise als normal wahrgenommen wird», so Reimer. Positive Freundschaftserfahrungen im jungen Erwachsenenalter sind ebenso Ressourcen wie die gelebte Autonomie. Diese kann wiederum zum Risiko werden, wenn sie überbetont wird und in Einsamkeit führt. Beim vierten Typus ist dieses Risiko besonders gross. Er zelebriert seine fehlende Normalität und riskiert die Ausgrenzung. Bei diesem Typus ist der Umstand, ein Pflegekind zu sein, einerseits Makel, andererseits wird ein Nutzen daraus gezogen. So etwa beim interviewten Dave, der ab dem Alter von zweieinhalb Jahren in einer Pflegefamilie aufwuchs. Er begründet seine fehlende Normalität vor allem mit seinen diversen medizinischen Diagnosen und therapeutischen Interventionen. Der 21-Jährige erwartet von seinem Umfeld maximale Rücksichtnahme und Verständnis. Gleichzeitig äussert Dave Zukunftssorgen und Angst, sozial ausgeschlossen zu werden. Beziehungen sind für diesen Typus generell kompliziert. «Natürlich lassen sich Menschen nicht in solche Raster pressen», betont Daniela Reimer. Wichtig sei, die Auseinandersetzung der Pflegekinder mit ihren Vorstellungen von Normalität in ihrer Komplexität zu sehen, damit sowohl Chancen wie auch Risiken erkannt werden. Was bedeutet das für die Praxis der Pflegekinderhilfe? «Solche Modelle bieten zwar keine klaren Handlungsanweisungen», räumt die ZHAW-Dozentin ein. Dennoch können Haltungen für die Betreuung von Pflegekindern herausgearbeitet werden. Dazu gehöre unter anderem, vordergründig unverständliches Verhalten auch als Taktik zu verstehen, mit welcher die Pflegekinder eine Normalitätsbalance aufrechtzuerhalten versuchen. Oder ihnen Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um Ambivalenzen auszuhalten und flexible Familienbilder zu entwickeln, die ihren Lebensrealitäten besser entsprechen als stark normalistische. Was aber bedeutet Normalität überhaupt? « Sie stellt nicht einfach den statistischen Durchschnitt dar oder die Norm, aber sie steht mit beidem in Zusammenhang», hält Reimer fest. «Normalität ist volatil. Das heisst: Was normal ist und was nicht, wird in jeder Gesellschaft ausgehandelt, und dies ständig aufs Neue.» Eine Konstante hingegen ist, dass Menschen permanent mit sogenannten Normalitäten konfrontiert werden, sei dies nun in Bezug auf den Körper, auf den Lebensstandard, die Bildung, den Beruf oder die Sexualität. Sich ständig mit gesellschaftlichen Normalitätserwartungen auseinandersetzen zu müssen, klingt anstrengend, es gehört aber zu den Dingen, die alle Menschen permanent leisten «Bei den meisten Menschen festigen sich die Vorstellungen dessen, was Normalität ist und in welchen Bereichen sie selbst mehr oder weniger normal sind, mit den Jahren, das wird zu einem wichtigen Teil der Identität», sagt die ZHAW-Dozentin. «Auch bei Pflegekindern.» Ihre Studie versteht Daniela Reimer denn auch als Appell an Wissenschaft und Praxis, die Nebenwirkungen stigmatisierender Zuschreibungen in den Blick zu nehmen, die eigene Forschung und Praxis diesbezüglich zu hinterfragen und daran zu arbeiten, einer vielschichtigeren Perspektive auf Pflegekinder und ihr Aufwachsen mehr Raum zu geben. Regula Freuler

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