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Die Gäste in der Natur richtig lenken

Immer mehr Menschen zieht es auf der Suche nach aktiver Erholung in die unberührte, wilde Natur. Das zeigt ein Blick auf ausgeübte Freizeitsportarten. Beim Schneeschuhlaufen, Ski- und Snowboardtourenfahren zum Beispiel vermeldete das Schweizer Sportobservatorium ein Plus von 40 Prozent innerhalb von sechs Jahren. Das waren 2019 gegenüber 2013 rund 180'000 Wintersportbegeisterte zusätzlich, die sich abseits von präparierten Pisten tummelten. Ähnliche Massen mobilisierten Klettern, Bergsteigen oder Mountainbiken zusätzlich. «Und mit Corona hat sich der Trend nochmals beschleunigt», sagt Professor Stefan Forster, Leiter des Forschungsbereichs Tourismus und nachhaltige Entwicklung der ZHAW. Einen veritablen Boom erlebte zum Beispiel das Schneeschuhlaufen mit einem Plus von 65 Prozent in den Pandemiejahren 2020 und 2021. «Wer eigene Wege entdecken und in der Natur allein sein will, beeinträchtigt nicht selten heikle Räume.» Stefan Forster, Forschungsbereich Tourismus und nachhaltige Entwicklung Dadurch entstehen in der kleinräumigen Schweiz unweigerlich Probleme. «Jeder Quadratmeter ist bereits einer Nutzung zugeordnet, hier gibt es keine unberührte Wildnis wie in Kanada», sagt Tourismusexperte Forster. Er beobachtet einen «paradoxen Umstand». Wer abseits der Warteschlangen am Skilift das «echte» Naturerlebnis sucht, will eigentlich nachhaltig handeln, reist beispielsweise mit dem öffentlichen Verkehr an. Aber das ändert wenig an den Schäden, die die Sehnsucht nach dem Authentischen anrichtet: «Wer eigene Wege entdecken und in der Natur allein sein will, beeinträchtigt nicht selten heikle Räume.» Da wäre es sinnvoller, ein ausgebautes Skigebiet zu nutzen. Massentourismus, folgert Forster, sei nicht immer schlecht punkto Nachhaltigkeit. «Oft ist fehlendes Wissen das Problem», sagt Professor Forster. Die Motivation für die Ausflüge sei ja immer auch eine Wertschätzung für die Natur, «dort kann man die Leute am besten abholen». Vieles lasse sich im Gespräch erreichen. Forster verweist auf Tourismusdestinationen, die zunehmend Ranger einsetzen. Bei Instagram-propagierten Bergseelein etwa oder in der spektakulären Rheinschlucht ob Ilanz, dem «Swiss Grand Canyon». Sie erklären, was es bedeutet, wenn jemand quer durch das Brutgebiet der Flussuferläufer geht, halten Wege instand und müssen natürlich auch immer wieder dazu ermahnen, den Abfall nicht liegen zu lassen. Ziel ist es, die Gäste in der Natur richtig zu lenken, auch mit Infotafeln oder attraktiven Alternativvorschlägen auf Social Media. «Wildtiere profitieren messbar von Wildruhezonen und anderen Schutzgebieten.» Claudio Signer, Forschungsgruppe Wildtiermanagement Auch Wildruhezonen und andere Schutzgebiete bewähren sich. «Die Tiere profitieren messbar davon», sagt Claudio Signer von der Forschungsgruppe Wildtiermanagement . Wildruhezonen sind auf Wintersportkarten eingezeichnet und wo sinnvoll vor Ort markiert. Wer sie missachtet, riskiert eine Busse. So werden die Schutzgebiete laut Signer auch beachtet. Blosse Empfehlungen hingegen hält er nicht für zielführend. Am erfolgreichsten seien lokale Initiativen. Unter Einbezug aller Beteiligten von Wildhüterinnen und Wildhütern über Bergbahnen bis zu den Skitourenguides entstünden sinnvolle Schutzzonen: «Da ermöglicht man vielleicht einen Durchfahrtskorridor für eine besonders attraktive Abfahrtsroute und schon steigt die Akzeptanz.» Wie eine Karte auf dem Internetportal Wildruhezonen.ch zeigt, liegen Wildruhezonen bislang meist in den Alpen und Voralpen. Doch auch im Mittelland leiden einige Wildtiere unter dem Outdoorboom. Ablesen lässt sich das am vom Aussterben bedrohten Auerhuhn. Der Bestand des prächtigen Bodenbrüters wird in der Schweiz auf wenige hundert Exemplare geschätzt. Einige davon leben auf dem Höhronen, einem Hügelzug zwischen dem Zürichsee und dem Sihlsee im Kanton Schwyz. Ausgerechnet dieses Gebiet entwickelte sich in der Corona-Zeit zu einem regionalen Mountainbike-Mekka. Die Sportbegeisterten legten neue Wege an, bauten Sprungschanzen, fällten kleinere Bäume – auch durch empfindlichstes Terrain mit Rückzuggebieten fürs Auerhuhn und andere Wildtiere. Ein Albtraum für die Natur. Am Tiefpunkt machte der lokale Förster in der Lokalzeitung klar, dass es mit der Naturzerstörung so nicht weitergehen könne. Aber er zeigte sich gesprächsbereit. «Das war ein Glücksfall», sagt Adrian Hochreutener von der ZHAW- Forschungsgruppe Umweltplanung , die das Projekt wissenschaftlich begleitet. Wildhüter und Förster einigten sich mit den Bikerinnen und Bikern auf vier Mountainbike-Trails. Die übrigen Wege und die vielen Abzweigungen verbarrikadierten sie gemeinsam. Hinweistafeln erklären, dass das Befahren nachts, in der Dämmerung und im Winter nicht zulässig ist. «Die grosse Mehrheit der Biker fährt nicht mehr in der Nacht, bleibt auf den offiziellen Trails – und ist mit der Lösung zufrieden.» Adrian Hochreutener, Forschungsgruppe Umweltplanung Wie gut das befolgt wird, prüft die ZHAW-Forschungsgruppe mit Zählstellen an den offiziellen und gesperrten Wegen. Nebst diesen punktuellen Messungen nutzt sie für ein breiteres Bild auch anonymisierte GPS-Daten, die Sport-Apps der Forschungsgruppe zur Verfügung stellen. Erste Messungen und Befragungen zeigen, dass der Höhronen zu einem Vorzeigebeispiel werden kann. «Es ist eindrücklich», sagt Hochreutener, «die Leute fahren kaum mehr während der Dämmerung, nicht mehr in der Nacht und sie bleiben auf den offiziellen Trails – und sie sind mit der gefundenen Lösung sehr zufrieden.» «Von guten Lösungen profitieren nicht nur die Wildtiere, sondern auch die erholungssuchenden Menschen», sagt Claudio Signer. Die positiven touristischen Auswirkungen des Wildtierschutzes sehe man auch im Schweizerischen Nationalpark. Dort sind Mountainbikes, Ski oder Hunde nicht zugelassen. Im Sommer gilt ein Weggebot. Im Winter sind die Wege im Park gesperrt, sobald Schnee liegt. Die Tiere sind sehr ungestört, zugleich aber Menschen auf den Wegen gewohnt und wissen, dass von denen keine Gefahr ausgeht, so der Biologe: «Das ist das Schöne am Nationalpark, man kann am helllichten Tag wilde Tiere beobachten.» Thomas Müller

Ratings für Green Finance: Künstliche Intelligenz statt Handgelenk mal Pi

Wer heutzutage Geld anlegt, will nicht nur das Vermögen vermehren, sondern auch ein bisschen die Welt retten – oder zumindest die Klimawende erleichtern. «Nachhaltigkeit ist in der Finanzindustrie ein Megatrend», sagt Jan-Alexander Posth vom ZHAW Institut für Wealth & Asset Management . Davon zeugt die wachsende Angebotspalette in der Branche. Der Finanzdatenanbieter Morningstar zählt 7486 Nachhaltigkeitsfonds, oft tragen sie die Bezeichnung ESG im Namen. Das Kürzel steht für die Berücksichtigung der Auswirkungen auf Umwelt (Environment) sowie Menschen (Social) und für eine Einstufung der Unternehmensführung (Governance). In den ersten neun Monaten 2021 haben sich die Anlagen in diese Fonds laut Morningstar auf 3893 Milliarden US-Dollar verdoppelt. Gelder, die nach ESG-Kriterien direkt in Aktien, Obligationen oder andere Finanzinstrumente investiert werden, sind in dieser Summe noch nicht mal eingerechnet. Institutionelle Investoren wie Pensionskassen richten ihre Anlagen ebenfalls verstärkt an ESG-Kriterien aus. Gemäss dem Schweizer Pensionskassen-Index der Grossbank Credit Suisse (CS) haben diese Vorsorgeeinrichtungen 32,1 Prozent ihrer Gelder «sehr nachhaltig» angelegt. Massgeblich für diese Einschätzung sind die ESG-Ratings der eingesetzten Finanzprodukte durch den Finanzdienstleister MSCI. «Unser Anspruch ist es, verlässlichere Massstäbe für die Auswahl eines grünen, nachhaltigen Investments bereitzustellen.» Jan-Alexander Posth, Institut für Wealth & Asset Management Die Sache hat allerdings einen Haken. Bei den ESG-Ratings komme es vor, dass die eine Ratingagentur ein Unternehmen mit «gut» benote, die andere Agentur aber zum gegenteiligen Schluss komme, sagt Jan-Alexander Posth, zu dessen Forschungsschwerpunkten Sustainable Finance sowie Digitalisierung & Künstliche Intelligenz gehören. Das heisst: Wer nachhaltig investieren will, stochert im Nebel. Genauso geht es Unternehmen, die sich gegen den Klimawandel stemmen wollen. Für sie bleibt rätselhaft, was sie konkret ändern müssen. Hier hakt das Institut für Wealth & Asset Management ein. «Unser Anspruch ist es, verlässlichere Massstäbe für die Auswahl eines grünen, nachhaltigen Investments bereitzustellen», erklärt Posth, selbst promovierter Physiker und lange in der Finanzbranche tätig. Dabei kommt Künstliche Intelligenz zum Zug. Ein Projekt will beispielsweise Satellitendaten nutzen, um die Auswirkungen von Bergbauunternehmen auf die Biodiversität aufzuzeigen. Dabei geht es nicht nur darum, mit gewöhnlichen Satellitenbildern Abholzungen von Urwald aufzuspüren. Vielmehr sollen auch multispektrale Daten genutzt werden, die vom Infrarot- bis in den Radarbereich reichen und recht detaillierte Aussagen über Pflanzenarten, Geländeformationen und vieles mehr erlauben. Während dieses Vorhaben unter der Federführung von Tomasz Orpiszewski in der Anfangsphase steht, befindet sich ein zweites Projekt mitten in der Umsetzung. Hier geht es darum, wie nachhaltig die Technologien eines Unternehmens sind. Dieses Projekt wertet das Patentportfolio eines Unternehmens KI-gestützt aus und identifiziert so Firmen, die zum Beispiel im Bereich CO 2 -Verminderung besonders aktiv Innovationen vorantreiben. Die Datenbasis ist in einem ersten Schritt ein Satz mit 2,5 Millionen Patenten von 1990 bis 2021 in englischer Sprache. Sie stammen aus mehreren Ländern und decken die Patentklasse Y02 des Europäischen Patentamts mit den klimarelevanten Technologien ab (Climate Mitigation Technologies). Das von der Innosuisse finanzierte Projekt läuft gemeinsam mit der Universität Basel und dem Projektpartner EconSight GmbH , der sich auf die Analyse des Wettbewerbsumfelds in Zukunftstechnologien spezialisiert hat. «Was eine Firma heute an Patenten einreicht, wird in der Regel in drei bis vier Jahren am Markt eingesetzt», erläutert Jochen Spuck, Chief Technology Officer von EconSight. Er unterzieht Unternehmen vertieften Patentanalysen und identifiziert so jene, die im Klimawandel punkten werden. Die Ergebnisse sind manchmal verblüffend. Die Erdölkonzerne Shell, Exxon und Total zum Beispiel bemühen sich auf den ersten Blick gleichermassen um Nachhaltigkeit, doch Spuck ist überzeugt, dass die französische Total dank einer Vielzahl von relevanten «grünen» Patenten – etwa in den Bereichen Photovoltaik, Batterietechnologie oder Automation – ihre beiden Konkurrenten deutlich überflügeln wird. «Die Maschine erkennt also, ob ‘Bank’ für eine Sitzgelegenheit im Park steht oder für eine Bank, bei der ich ein Konto eröffnen kann.» David Jaggi, Institut für Wealth & Asset Management Tausende von Patenten hat EconSight bereits klassifiziert. Sie kommen nun als Daten-Lernsatz auf eine Deep-Learning-Workstation, erklärt David Jaggi , Mitglied in Posths Projektteam. Dabei handelt es sich um einen besonders leistungsfähigen Computer, der für den Einsatz mit Künstlicher Intelligenz optimiert ist. Er durchforstet die Patenttexte mit einem Deep-Learning-Sprachmodul, das nicht nur einzelne Wörter, sondern auch ihren Kontext versteht. «Die Maschine erkennt also, ob ‘Bank’ für eine Sitzgelegenheit im Park steht oder für eine Bank, bei der ich ein Konto eröffnen kann», sagt David Jaggi. Mit dem Lernsatz und einem Teil der 2,5 Millionen Patente trainiert er Computer. Jeden Patenttext stellt er numerisch dar, vergleicht automatisch Muster und Zusammenhänge. Dann gilt es ernst: ein erster Durchlauf, bei dem ein bislang nicht benutzter Satz an Patenten eingesetzt wird. «Dabei zeigt sich, wie gut der Algorithmus mit Daten zurechtkommt, die er noch nie gesehen hat», sagt Jaggi. Ablesen lässt sich der Erfolg an jenen Patenten und Unternehmen, die schon EconSight bewertet hatte. Kommt der Computer zu einem vergleichbaren Resultat? Falls nicht, ist Nachsitzen angesagt: Justierungen vornehmen, am Algorithmus feilen, neue Trainingsrunden absolvieren, bis das Ziel erreicht ist: eine verlässliche Einstufung, wie gut eine Firma in den klimarelevanten Technologiefeldern aufgestellt ist. Bislang rechne fast jeder ESG-Ratinganbieter nach einer anderen Methodik, sagt Projektteammitglied Linus Grob, «deshalb sind die Resultate der verschiedenen Ratinganbieter halt schlecht vergleichbar». Etablierte Kennzahlen fehlen noch, zudem beruhen viele Angaben auf kaum überprüfbaren Selbstdeklarationen der Unternehmen. Ein transparentes, belastbares Rating hat einen grossen Stellenwert, wie Projektleiter Posth verdeutlicht: «Um den Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft zu schaffen, müssen wir die Finanzströme so umlenken, dass innovative Ansätze und nachhaltige Technologien begünstigt, klimaschädigende Produktionsweisen aber verteuert werden.» Umlenken ohne Leitplanken und Wegweiser sei ein Ding der Unmöglichkeit: «Fehlen verlässliche Daten und Vorgaben zur Entscheidungsfindung, missglückt letztendlich auch der Wandel.» (Aufmacherbild: lvalin ) Thomas Müller

Unterstützung von Entscheidungen: Wo Modelle an Grenzen stossen

Was wäre, wenn …? Diese Frage stellte sich während der Corona-Pandemie fast täglich. Was wäre, wenn eine Maskenpflicht angeordnet würde? Und später: Wenn der Bundesrat die Schliessung der Restaurants aufheben würde? Die Folgen solcher Entscheidungen sind kaum zu überblicken. Das liegt an der Eigendynamik des Systems: Dreht man an einer Stellschraube, entsteht an einem anderen Ort ein Rückkoppelungseffekt – oft zeitversetzt. So führt ein Öffnungsschritt Wochen später womöglich zu einer Überlastung der Intensivstationen in den Spitälern. Mit den Mitteln der Statistik lassen sich solche Fragen nicht beantworten. Es braucht bei derart komplexen Fragestellungen ein Modell, das in der Lage ist, mit Simulationsrechnungen die Erkenntnisse und Zahlen zu liefern, welche für den Entscheid wichtig sind. Als Physiker am ZHAW Institut für Angewandte Mathematik und Physik ist Professor Rudolf Füchslin genau darauf spezialisiert: komplexe Systeme in Modellen abzubilden. Das tat er schon für unterschiedliche Anwendungsgebiete. So entwickelte er zum Beispiel mal ein Modell zur Optimierung bestimmter Maschinentypen im Strassenbau. Ein anderes hatte zum Ziel, mit neuen Erkenntnissen der Systembiologie medizinisches Krafttraining zu verbessern. Und da war auch ein zusammen mit der ETH Zürich entwickeltes Modell, das untersuchte, wie im Fall einer Influenza-Pandemie eine begrenzte Anzahl von Impfdosen fair verteilt werden könnte. Das sei 2017 gewesen, sagt Füchslin, «eine Schubladenstudie». Sie trug den Titel «Prioritätenliste und Kontingentberechnung – Pandemievorbereitung in der Schweiz». «Das geschah im Hintergrund, quasi im Sinne einer Zweitmeinung zu den Einschätzungen der wissenschaftlichen Taskforce.» Rudolf Füchslin, Institut für Angewandte Mathematik und Physik Gut zwei Jahre später verbreitete sich aus China ein neuartiges Coronavirus – und Füchslin war mittendrin im Strudel der Covid-19-Pandemie und der Prognosen, Horrorszenarien und Beschwichtigungen. Das Bundesamt für Gesundheit benötigte dringend ein quantitatives Modell, um mit Simulationen die unterschiedlichen Interventionsmöglichkeiten und ihre Folgen auf die Ausbreitung des Coronavirus abzubilden. Es sollte neben epidemiologischen Faktoren auch soziale Kriterien berücksichtigen. Das Modell hatte zunächst die Aufgabe, die Eidgenössische Kommission für Impffragen beim Entscheid zu unterstützen, wer in welcher Reihenfolge Zugang zur Impfung erhalten soll. Später zeigte es dem Bund die Auswirkungen von neuen Virus-Varianten oder Auffrischungsimpfungen auf und lieferte schliesslich Entscheidungskriterien für die Aufhebung von Massnahmen. Das geschah im Hintergrund, quasi im Sinne einer Zweitmeinung zu den Einschätzungen der wissenschaftlichen Taskforce, deren Mitglieder im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit standen und sich zum Teil meinungsstark in den Medien äusserten. Schon zehn Tage nach Verhängung des Lockdowns im März 2020 hatten Füchslin und sein Team von der ZHAW grünes Licht erhalten, das Transdisciplinarity Lab der ETH sowie die Firma IQVIA beteiligten sich wiederum am Projekt. Vorgabe bei der Influenza-Studie von 2017 war die «optimale Wirkung unter Berücksichtigung von Fairnessaspekten» der Impfstrategie gewesen – kein leicht fassbares Kriterium. «Heisst das möglichst wenig Tote? Oder geht es um möglichst wenig Produktivitätseinbussen durch Krankheitstage in der Wirtschaft?», verdeutlicht der Professor das Spannungsfeld. Und wenn man davon ausgeht, dass die Schwächsten zuerst geschützt werden sollen: Wie geschieht das am besten? Eine Variante ist es, die Gruppe der Betagten und chronisch Kranken mit geschwächtem Immunsystem zuerst zu impfen. Allerdings wirkt bei ihnen die Impfung weniger gut. Oder man impft zuerst die «Verteiler» des Virus, also die aktive mittlere Generation. Damit lässt sich die Ausbreitungsdynamik wirksam brechen, was die Schwächsten gut schützt, aber nur indirekt. Ethisch problematisch daran ist, dass zuerst Menschen eine Impfung erhalten, die selbst kaum gefährdet sind. Welche Lösung ist die richtige? Die Studie von 2018 verzichtete interessanterweise darauf, eine Vorgehensweise zu favorisieren. Vielmehr zeigte sie sieben Impfstrategien und ihre Auswirkungen auf. «Es geht um einen zentralen Grundsatz: Give options, not advice!» Rudolf Füchslin, Institut für Angewandte Mathematik und Physik Das neue Corona-Modell fiel selbstredend komplexer aus. Hinzu kamen bislang unvorstellbare Massnahmen wie eine Maskenpflicht oder Lockdowns und ständig aufdatierte Erkenntnisse über das neuartige Virus oder seine Subtypen sowie über die Ansichten in der Bevölkerung, die mittels Befragungen erhoben wurden. Auch die Möglichkeit, dass eine Person das Virus schon tagelang weitergibt, bevor sie selbst Symptome hat, kam erschwerend hinzu. Als Resultat gab es auch diesmal keine Empfehlung für die Impfkommission, sondern eine Darstellung verschiedener Varianten mit den jeweils erwarteten Folgen. Warum so zaghaft? Erlaubte die «Interventionsmodellierung Plus», wie das Projekt hiess, keine klarere Aussage? Rudolf Füchslin lacht. Der Grund sei ein anderer, sagt er: «Es geht um einen zentralen Grundsatz: Give options, not advice!» Die Wissenschaft befasse sich mit Sachfragen und zeige Handlungsmöglichkeiten auf. Sie gebe keine Ratschläge, schon gar nicht würde sie entscheiden, was zu tun ist, und sie könne nicht die definitive Lösung liefern. Für Wertefragen und die politische Entscheidung seien in der Folge demokratisch legitimierte Institutionen zuständig. Seiner Meinung nach sollten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht vorsortieren: «Wir tragen ja die Verantwortung nicht, und eine klare Arbeitsteilung gibt uns auch die Freiheit, ohne Scheuklappen mögliche Lösungswege zu suchen.» Füchslin betont zugleich, dass der intensive Austausch mit den Verantwortlichen des Bundesamts viel zu einem allseitigen Erkenntnisprozess beigetragen hat. Die Impfkommission entschied sich schliesslich dazu, die Covid-19-Impfung zuerst in Pflegeheimen zu ermöglichen und anschliessend prioritär Betagten und anderen Risikogruppen zur Verfügung zu stellen. Diese Strategie schnitt im Modell dann am besten ab, wenn man die Vermeidung von Todesfällen als höchstes Ziel definierte. Es sei im Übrigen wichtig, die Möglichkeiten von Modellen realistisch einzuschätzen, gibt der Physiker zu bedenken. Oft werde eine Vorhersage wie bei der Wetterprognose erwartet: Regen am Donnerstag um 19 Uhr. Angesichts der grossen Mengen von – zum Teil widersprüchlichen – Daten mit unterschiedlicher Qualität und Auflösung seien solche Prognosen nicht möglich, sagt Füchslin. Hingegen können Modelle sehr gut mit Simulationen die Dynamik des Geschehens sichtbar machen und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Man schaut: Was passiert bei den einzelnen Parametern? Dann beginnt man überhaupt erst zu verstehen, wie eine Pandemie eigentlich abläuft. Dieses Verständnis sei wichtiger als die einzelnen Prognosen oder der Worst Case. Natürlich könne man ein Coronavirus simulieren, das so ansteckend wie Masern und tödlicher als Ebola wäre. Das befriedige vielleicht einen gewissen Hang zum Desaster, ergebe aber keinen Sinn. «Corona hat gezeigt, dass es in der modellbasierten Entscheidungsunterstützung wichtig ist, die Erwartungshaltung von Politik, Medien und Wissenschaft zu reflektieren», resümiert Füchslin. Dazu gehöre auch die Frage, wie man im transdisziplinären Kontext kommuniziert und Narrative entwickelt, um auch komplizierte Sachverhalte zu vermitteln. Jedes Modell erzählt eine Geschichte. Sie hängt nicht zuletzt von den Daten ab, die zur Verfügung stehen. Nach Alter aufgelöste Daten erlauben Aussagen, ob Corona eher Ältere oder Jüngere trifft, sozioökonomische Daten werden eine andere Geschichte erzählen. Entscheidend ist deshalb, die Datenquellen vorsichtig auszuwählen. Bei der Konzeption eines Modells besteht die Kunst paradoxerweise nicht darin, die Realität möglichst komplett abzubilden. Weniger ist mehr. «Es geht darum, das Modell auf jene Inputdaten auszurichten, die mit vertretbarem Aufwand und in genügender Genauigkeit erhoben werden können», erläutert Professor Füchslin. Ein knappes Modell, das auf einer guten Datenlage aufbaut, liefert zuverlässige Aussagen. Ein allumfassendes Modell ist anfällig für Verzerrungen. Der Grund: Es basiert auf Schätzungen, wo keine Daten verfügbar sind. Auch auf Künstlicher Intelligenz basierende Modelle gewisser Exponenten scheiterten. Warum? KI funktioniere nur, wenn man grosse Mengen an Daten habe, sagt Füchslin, «und das neuartige Coronavirus zeichnete sich ja gerade durch die vielen Unbekannten und eine lückenhafte Datenlage aus». Dass sich die Konzeption der «Interventionsmodellierung Plus» bewährte, zeigen die im Mai 2021 beschlossenen Öffnungsschritte. Der Bundesrat stützte sich dabei in seinem Bericht massgeblich auf die Berechnungen des Teams um Rudolf Füchslin, seiner Kollegen der ETH und von IQVIA. Die wissenschaftliche Taskforce hingegen schätzte damals die Situation deutlich pessimistischer ein. Ihren Unkenrufen zum Trotz brach das Gesundheitssystem nicht zusammen. In der Schweiz gelang der Ausstieg aus den belastenden Corona-Massnahmen recht gut – und deutlich früher als in den umliegenden Ländern. Zum Abschlussbericht Thomas Müller

«Wir sollten wählen können, ob wir durch einen Roboter gepflegt werden wollen»

Paro ist der Vorreiter: ein süsses Kerlchen, gar nicht roboterhaft. Krault man seinen Hals, blickt er hoch und fiept. Sein Fell lädt zum Streicheln ein. Zuerst kam das Roboter-Robbenbaby aus Japan in der Geriatrie zum Einsatz, um Menschen mit Demenz zu beruhigen. Seit einigen Jahren wird es auch in der Kinderpsychiatrie genutzt. Paro hat Berührungs- und Lichtsensoren, kann Sprache erkennen und Namen lernen. Das Plüschtier gilt als einer der ersten «sozialen Roboter», die mit Menschen interagieren. Inzwischen sind andere, leistungsfähigere Maschinen verfügbar. Ein Beispiel ist Nao, ein französisches Produkt in menschenähnlicher Gestalt. Oder Lio, ein in Zürich entwickelter Assistenzroboter, der mit einem speziellen Greifarm auf die Tätigkeit in Pflegeeinrichtungen spezialisiert ist. Der Einsatz von Robotern in der Pflege ist umstritten. Angesichts des Pflegenotstands wecken sie Hoffnungen auf eine Entlastung des Personals, das permanent an der Grenze des Zumutbaren arbeitet. Zugleich aber mehren sich ethische Bedenken. Die Furcht wächst, dass die maschinelle Versorgung von Pflegebedürftigen zum Standard wird und eine Entmenschlichung in Spitälern, Altersheimen und Pflegeeinrichtungen Einzug hält. Die Forschungslage sei trotz der brisanten Ausgangslage recht dünn, stellt Iris Kramer vom ZHAW- Institut für Pflege fest: «Es gibt noch kaum aussagekräftige Studien über die Auswirkungen einer Interaktion mit sozialen Robotern auf das Pflegepersonal und auf die Klientinnen und Klienten.» Kramer evaluierte deshalb in einem fünfköpfigen Team mit der Untersuchung «Soziale Roboter im Schweizer Gesundheitswesen» die Einsatzmöglichkeiten, Chancen und Risiken aus der Sicht von potenziellen Anwendungsgruppen. Die Ergebnisse stellten eine vertiefte Analyse aus den Ergebnissen der interdisziplinären Untersuchung «Soziale Roboter, Empathie und Emotionen» dar, die auch den Robotereinsatz an öffentlich zugänglichen Orten, in privaten Haushalten und im Bildungswesen untersucht hatte. «In der Realität sind die Roboter halt noch nicht so weit wie in Science-Fiction-Filmen.» Iris Kramer, ZHAW-Institut für Pflege Das Team um Iris Kramer stellte die direkt Betroffenen im Gesundheitswesen ins Zentrum der Studie. 15 Frauen und 11 Männer im Alter von 33 bis 93 Jahren hatten sich einen halben Tag Zeit genommen, um für die Forschung über soziale Roboter zu debattieren. Darunter waren Leute, die Pflege empfangen, also Bewohnerinnen und Bewohner eines Alters- und Pflegeheims, sowie eine Person einer Patientenvertretungsorganisation. Vertreten waren auch relevante Berufe im stationären und ambulanten Gesundheitsbereich, das heisst Pflegefachpersonen, eine Ärztin, Leute aus dem Management von Gesundheitseinrichtungen, aus der Therapie, IT-Fachkräfte und eine Person vom Sozialdienst. Zum Auftakt zeigten verschiedene Roboter den 26 Teilnehmenden den aktuellen Stand der Technik auf. Nao spielte Musik, tanzte und zeigte wie ein Physiotherapeut Bewegungen mit Kopf, Armen und Beinen zum Nachmachen. Dann folgte der Assistenzroboter Lio. Er holte einen Trinkbecher, den er präzise ergriff. Anschliessend leitete er eine Gedächtnisübung an. Pepper wiederum begann eine Unterhaltung mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Und schliesslich zeigten Videozusammenschnitte weitere Roboter bei der Arbeit – darunter natürlich auch Paro, das Robbenbaby. Die Reaktionen seien höchst unterschiedlich ausgefallen, berichtet Iris Kramer. «Manche fanden es toll, mit Pepper zu plaudern.» Eine Pflegeheimbewohnerin aber hatte Angst vor den Robotern. Andere hätten sich enttäuscht gezeigt von den beschränkten Fähigkeiten der Roboter. «In der Realität sind die Roboter halt noch nicht so weit wie in Science-Fiction-Filmen», sagt Kramer schmunzelnd. Nao zum Beispiel konnte die Leute aus dem Heim nicht für seine Bewegungsübungen begeistern. Ob seine Programmierer die falschen Lieder ausgewählt hatten? Musikwünsche halfen nicht weiter, denn Nao versteht nur vorprogrammierte Sätze. Iris Kramer ist allerdings überzeugt, dass solche Unzulänglichkeiten bald verbessert sein werden: «Mit dem aktuellen Aufschwung der Künstlichen Intelligenz dürfte die technische Entwicklung rasch voranschreiten.» «Die Maschine schlägt Alarm, wenn jemand nachts auf dem Gang zur Toilette stürzt. Das könnte die Angehörigen entlasten.» Iris Kramer, ZHAW-Institut für Pflege Nach den Vorführungen teilte sich die Runde in Fokusgruppen auf und diskutierte die Chancen und Risiken solcher Roboter und ihre Einsatzmöglichkeiten. Vertieft wurden die Erkenntnisse mit einer Onlinenachbefragung. Aus Personalsicht gibt es demnach zahlreiche Aufgaben, für die sich Roboter eignen. Er könnte als persönlicher Assistent Pflegematerial holen, Medikamente richten, Drainagen leeren, Zahnprothesen reinigen, bei Umlagerungen helfen, zurückgestelltes Essen aufwärmen oder an Termine erinnern. Denkbar seien auch die Motivation bei der Physiotherapie, Unterstützung beim kognitiven Training oder Überwachungsfunktionen wie der Einsatz als Sitzwache. Bei den pflegebedürftigen Personen selbst lagen auf dem Spitzenplatz ebenfalls Dinge holen und bringen, seien das Zeitschriften, Essen oder Getränke. Oft wurde auch die Unterstützung bei der Körperpflege oder beim Umkleiden genannt, zum Beispiel Hilfe beim Anziehen von Socken, aber auch in technischen Belangen, etwa beim Telefonieren. Manche Heimbewohnerinnen und Heimbewohner würden durchaus Roboter als Ersatz für fehlende menschliche Nähe nutzen: zur Alltagsbegleitung bei Einsamkeit, zum Spielen, um Gesellschaft zu leisten, zum Plaudern, Dolmetschen oder um beim Spaziergang Sicherheit zu geben. Auch ein Einsatz als Sexroboter wurde genannt. Mit anderen Worten: Soziale Roboter verhelfen im besten Fall zu mehr Autonomie – auch daheim bei Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Die Maschine erinnert zum Beispiel daran, zu trinken, die Medikamente zu nehmen – oder schlägt Alarm, wenn jemand nachts auf dem Gang zur Toilette stürzt. «Das könnte auch die Angehörigen entlasten», sagt Iris Kramer. Wo die einen Chancen sahen, warnten andere vor Risiken. So bei möglichen Verletzungen der Privatsphäre durch Bild- und Tonaufnahmen sowie andere verarbeitete Daten. Sicherheitsbedenken wurden laut. Ist gewährleistet, dass der Roboter einer Diabetespatientin nicht irrtümlich ein zuckerhaltiges Getränk bringt? Wer haftet bei Fehlern? Skepsis gab es auch bei der Entlastung des Pflegepersonals, wenn es die neue Aufgabe der Überwachung, Wartung und Einsatzplanung der Roboter aufgebürdet bekommt. Eine der grössten Gefahren sei der Verlust emotionaler Nähe, wenn Menschen nur noch von Maschinen nach einem mechanischen Schema betreut werden. Es sei deshalb wichtig, dass der Aufgabenbereich eines sozialen Roboters vor Einsatz gezielt festgelegt werde, folgert die Studie. Das Recht auf menschliche Pflege müsse gewährleistet sein: «Betroffene Personen sollten stets wählen können, ob sie durch einen Roboter oder durch einen Menschen gepflegt oder betreut werden möchten.» Thomas Müller

Das «Murmeltier» könnte den Tunnelbau revolutionieren

Wer heute Tunnelbau sagt, meint «Sissi». Die Bilder sind unvergessen, als die legendäre Tunnelbohrmaschine Sissi am 15. Oktober 2010 um 14.17 Uhr den Durchschlag in der Oströhre des Gotthardbasistunnels schaffte, des mit 57 Kilometern längsten Eisenbahntunnels der Welt. Der damalige Bundesrat Moritz Leuenberger trug eine Statue der heiligen Barbara in den Händen, der Schutzpatronin der Bergleute. Neben ihm lächelte Amtsvorgänger Adolf Ogi in die Kameras. Heute steht die Tunnelbohrmaschine der Superlative im Verkehrshaus Luzern – zumindest ihr über neun Meter grosser Bohrkopf. Denn für das ganze 450 Meter lange und 225 Tonnen schwere Ungetüm fehlte der Platz. Doch Sissi erhält Konkurrenz. Ein junges Schweizer Team namens Swissloop Tunneling ist daran, die Veteranin vom Sockel zu stossen. Seit rund drei Jahren arbeitet das Team, bestehend aus Studierenden verschiedener Hochschulen, an einer Tunnelbohrmaschine, die viel mehr kann. Es handle sich um «eine komplette Neuentwicklung», erzählt Flavio Eisenring. Er hat als einer von zwei ZHAW-Masterstudenten im Softwareteam die Datenplattform für den Steuerungsmechanismus entwickelt. Die neue Maschine arbeitet als multifunktionaler Tunnelbauroboter. Vorn bohrt er, gleich dahinter kleidet er die Tunnelwände aus. Das geschieht mit einem speziellen Kunststoffgemisch, das auf Polymeren basiert und sofort aushärtet. «Der Vorgang orientiert sich an 3D-Druckern, die ebenfalls mit Polymergranulaten arbeiten», sagt Flavio Eisenring. Das hat den Vorteil, dass das Material vergleichsweise günstig verfügbar ist. Und bei Spritzbeton würde das Aushärten zu lange dauern. Die Maschine ist dank einer hydraulischen Spezialsteuerung wendig. Sie kann engere Kurven bohren, als es mit herkömmlichen Methoden möglich ist, die starre, vorfabrizierte Elemente für die Verkleidung einsetzen. Dass sie das stützende Kunststoffrohr kontinuierlich fertigt, ist auch ein Vorteil in weichen Böden, die Sissi seinerzeit grosse Probleme bereiteten. Ziel ist es, pro Sekunde einen Zentimeter voranzukommen. Das sind pro Stunde 36 Meter – so viel, wie Sissi unter guten Bedingungen in solidem Gestein an einem ganzen Tag schaffte. «2024 wollen wir zeigen, dass unser Tunnelbau-Konzept des multifunktionalen Tunnelbauroboters funktioniert.» Eugenio Valli, Vereinspräsident Swissloop Tunneling Die Maschine hat auch schon einen Namen. Benannt sei sie nach einem der raffiniertesten tunnelbauenden Tiere, dem Murmeltier, wie Eugenio Valli sagt, der Präsident des Trägervereins. Natürlich nicht deutsch, sondern englisch: groundhog. Denn entstanden ist das Team Swissloop Tunneling im Herbst 2020 im Hinblick auf den Wettbewerb Not-A-Boring-Competition», den der US-Unternehmer Elon Musk auslobte. Damit will Musk neue Lösungen für den Tunnelbau fördern. Zuerst in kleinem Massstab, später für grössere Röhren. Hintergrund ist seine Vision der Hyperloops. Dieses Hochgeschwindigkeits-Transportsystem soll Personen und Güter in unterirdischen Röhren mit nahezu Schallgeschwindigkeit rascher und umweltfreundlicher als das Flugzeug und zugleich günstiger als die Bahn befördern. Mehr als 400 Teams bewarben sich darum, an der ersten Austragung des Wettbewerbs im September 2021 in Las Vegas teilzunehmen. Swissloop Tunneling schaffte es mit «Groundhog Alpha», dem Prototyp, in den Final und schliesslich auf den zweiten Platz. Und dieses Jahr fand die zweite Austragung vom 25. März bis am 2. April im texanischen Bastrop statt. In der Zwischenzeit hatte das Schweizer Team, das über die Jahre in wechselnder Zusammensetzung mehrere Dutzend Studierende der ETH Zürich, der Universität St. Gallen, der ZHAW und weiterer Hochschulen umfasst, mit Hochdruck an Verbesserungen der Maschine gearbeitet und die Finanzierung für die nächste Runde sichergestellt. Rund drei Viertel des Budgets bestreiten Firmensponsoren mit Sach- und Geldleistungen. Der Rest stammt von Stiftungen und Privatpersonen. In Bastrop traf das Schweizer Team mit «Groundhog Beta» auf vier weitere Finalisten und arbeitete sich wiederum auf den zweiten Platz vor. Das siegreiche Team der Technischen Universität München bohrte mit bis zu sieben Millimetern pro Sekunde eine Strecke von insgesamt fast zwölf Metern. Die Schweizer schafften einen knappen Meter, die übrigen drei Teams blieben ganz auf der Strecke. «Wir verloren viel Zeit wegen Problemen mit der elektronischen Steuerung und konnten erst spät mit Bohren beginnen», bedauert der Vereinspräsident Eugenio Valli. Doch die Jury zeichnete das Murmeltier mit dem Innovationspreis aus. Denn die Schweizer entwickelten ihre Maschine mit dem flexiblen Bohrkopf von Grund auf neu und überzeugten mit der kontinuierlich vor Ort gefertigten Tunnelauskleidung, während andere Teams mit modifizierten Standardlösungen arbeiteten. Der Innovationspreis macht Mut für die nächste Wettbewerbsrunde. «2024 wollen wir zeigen, dass unser Konzept funktioniert», sagt Eugenio Valli, der im vergangenen Herbst sein Masterstudium als Maschineningenieur an der ETH abschloss und nun in der Privatwirtschaft tätig ist. Valli ist überzeugt, dass der Groundhog-Ansatz die Basis für zukünftige Tunnelbohrlösungen sein wird. Dabei denkt er nicht nur an die Röhren für Hyperloops, die noch Jahrzehnte auf sich warten lassen dürften. Perspektiven eröffnen bereits heute kleine Tunnels, zum Beispiel für Strom- oder Wasserleitungen oder die Kanalisation. Eine Gruppe aus den bisherigen Teammitgliedern von Swissloop Tunneling prüft deshalb, wo sich Möglichkeiten für eine Kommerzialisierung der Technologie abzeichnen. Sissi erhält auch im Museum Konkurrenz. Das Verkehrshaus möchte die sieben Meter lange und 2,5 Tonnen schwere Groundhog Alpha gern ausstellen, zum Beispiel in der Innovations-Lounge. Thomas Müller

Nutzungsreserven auf der Spur

«Wir wohnen in der Schweiz Jahr für Jahr weniger nachhaltig», stellt die Architektin Regula Iseli , Co-Leiterin des IUL Institut Urban Landscape fest. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person steigt noch immer an. Mittlerweile seien es gegen 50 Quadratmeter pro Kopf, je nachdem, welche Region man betrachte, sagt die Professorin mit Spezialgebiet Städtebau. Ein wichtiger Grund: der Flächenverschleiss durch viel zu gross ausgelegte Neubauwohnungen. Nachhaltig im Sinne der 2000-Watt-Gesellschaft wären 30 Quadratmeter. Erste Anzeichen für ein Umdenken ortet Regula Iseli bei den Wohnbaugenossenschaften. «Sie setzen viel daran, den Flächenverbrauch zu senken», stellt sie bei aktuellen Architekturwettbewerben fest. Kleinere Zimmer, weniger Badezimmer, strenge Belegungsvorschriften: Das funktioniert, weil Genossenschaften in einer Siedlung Räume anbieten, die man bei Bedarf temporär zumietet: Gästezimmer, Home-Office-Plätze, Werkräume. Und weil man in der Siedlung in eine kleinere Wohnung umziehen kann – oder muss –, wenn die Kinder ausgeflogen sind. «Der Baum- und Pflanzenbestand in nicht unterkellerten Gärten ist extrem wertvoll – kein Vergleich mit der armseligen Vegetation auf den Tiefgaragen neuer Siedlungen.» Regula Iseli Anderswo fehlen solche Möglichkeiten. Ein Umzug liegt nicht drin, weil der Mietzins für eine kleinere Wohnung viel zu hoch ist. Wer in der Stadt nicht mehr mit den steigenden Wohnkosten mithalten kann, zieht in die Agglomeration. Dorthin, wo heute schon Quartiere mit unterbelegten Einfamilienhäusern vom jahrzehntelangen Landverschleiss zeugen. Da wohnt auf 150 oder mehr Quadratmetern Wohnfläche oft nur ein älteres Ehepaar, manchmal auch nur eine Person. Noch mehr Zersiedelung also? Das müsse nicht sein, sagt Regula Iseli. Neubauten auf der grünen Wiese seien unnötig. Das zeigte sich, als das Institut in einem Master-Studio verschiedene sankt-gallische Gemeinden unter die Lupe nahm. Studentische Arbeiten zeigten auf, wie hoch dort das Potenzial zur Innenverdichtung ist. Ein typisches Beispiel ist das Projekt «Perlenkette» in Oberriet: Gebäude für selbstständiges Gemeinschaftswohnen im Alter stärken die Identität des Orts. Zugleich spielen sie unterbesetzte ältere Einfamilienhäuser frei. Die Nutzungsdichte steigt bereits markant, wenn eine junge Familie einzieht. Vielleicht ist auch ein Anbau mit einer Einliegerwohnung möglich – und schon leben auf einen Schlag vier bis acht Personen dort. Wichtig sei, Sorge zur Biodiversität zu tragen, mahnt Regula Iseli: «Der Baum- und Pflanzenbestand in den nicht unterkellerten Gärten ist extrem wertvoll – kein Vergleich mit der armseligen Vegetation auf den Tiefgaragen neuer Siedlungen.» Das Verdichtungspotenzial der älteren Einfamilienhäuser dürfte in den kommenden sieben bis zehn Jahren voll zum Tragen kommen, wie ein Blick auf die Demografie zeigt: Die angestammte Generation, die dort wohnt, ist nun zwischen 80 und 95 Jahre alt. Jüngeren Erkenntnissen des Instituts zufolge liegen die wichtigsten Reserven jedoch anderswo. «Das grösste Verdichtungspotenzial bieten die Gewerbeareale, die man an jeder Ortseinfahrt findet», erläutert die Professorin. Sie machen gegen ein Drittel der verbauten Fläche aus und sind laut Iseli meist «komplett unternutzt»: eingeschossige Gebäude, Lager, dazwischen Wiesen, auf denen Schafe grasen – Entwicklungsreserven der jeweiligen Unternehmen. IUL-Projekte in aargauischen Gemeinden und in Wetzikon ZH zeigen auf, wie gross in solchen Gebieten die Möglichkeiten sind. Gewerbe- und Büronutzungen lassen sich auf drei Etagen stapeln, dank modularer Bauweise können auch Atelierwohnungen abgetrennt werden. Neben die Autowerkstatt kommt das Restaurant, weiter hinten steht die digitale Werkstatt mit Räumen für Startups. Ein Turm ist für Wohnen und Arbeiten auf Zeit reserviert. Ausbildungsräume, ein Musikclub, Urban Farming: Das Gewerbegebiet wird zum inspirierenden Quartier. Die grosse Halle dient im Erdgeschoss dem Indoorsport, darüber liegt ein Lagerraum, auf dem Dach gibt’s Platz für Salat- und Gemüseanbau. «Viele Gemeinden haben realisiert, dass sich ihr bisheriges Modell nicht rechnet», sagt Iseli. Das mit Einfamilienhausgebieten angezogene Steuersubstrat vermöge die hohen Kosten für die Erschliessung der jeweiligen Gebiete nicht zu finanzieren. Deshalb gehe der Trend nun dahin, die vorhandene Infrastruktur durch sich ergänzende Nutzungen besser auszulasten. «Partizipation ist ein schillernder Begriff, aber die Vorstellungen darüber, was genau Partizipation ist, gehen oft weit auseinander.» Anke Kaschlik, Dozentin Community Development, Departement Soziale Arbeit Hinter Nutzungen stehen Menschen. Doch wie können die Behörden Menschen zusammenbringen und an der nachhaltigen Entwicklung eines Quartiers beteiligen? «Partizipation ist ein schillernder Begriff, aber die Vorstellungen darüber, was genau Partizipation ist, gehen oft weit auseinander», sagt Anke Kaschlik vom Departement Soziale Arbeit. Im Projekt Neue Ideen für Zentren in der Agglomeration (NIZA) begleitet und entwickelt ein Team um die Dozentin Community Development und Sonja Kubat vom Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe seit drei Jahren Entwicklungsprozesse in Dübendorf, Illnau-Effrektion, Kloten und Schlieren. Eine wichtige Erkenntnis: In den Verwaltungen fehlen nebst Ressourcen auch gute Erfahrungen mit Partizipation. «Wichtig ist, dass man zu Beginn des Prozesses aufzeigt, welche Entscheidungen noch zu treffen sind – und wo der Zug bereits abgefahren ist», sagt Kaschlik. Ein typischer Fehler: Eine Behörde fragt in einer Veranstaltung Ideen und Wünsche der Bevölkerung ab, erhält einen Strauss von Wünschen und kommuniziert nicht, wie Entscheidungen über die Umsetzung getroffen werden. «So produziert man viel Enttäuschung auf beiden Seiten», so Kaschlik. Zentral seien zwei Dinge: erstens etwa mit kleinen partizipativen Verfahren gute Erfahrungen sammeln und dadurch Vertrauen aufbauen und zweitens, dass in der Behörde an einer Stelle alle Fäden zusammenlaufen. Denn Stadtentwicklung sei nicht nur eine sehr unübersichtliche, sondern auch eine Gemeinschaftsaufgabe. Echte Partizipation bedingt gedankliche Vorarbeit und ein Überwinden von Silodenken in der Verwaltung. Das zeigt sich auch in der Thurgauer Gemeinde Eschlikon, wo ein weiteres Projekt untersucht, wie sich eine breite Beteiligung der Bevölkerung bei lokalen Nachhaltigkeitsbestrebungen erzielen lässt. «Statt bloss einen Flyer mit Energiespartipps in alle Haushalte zu senden, gibt ihn zum Beispiel die Mitarbeiterin des Sozialdiensts beim monatlich fälligen Schaltertermin ab und ist zu einem Gespräch darüber bereit», sagt Kaschlik. Für andere Zielgruppen werden andere Zugänge gewählt. Thomas Müller

Trotz Landschafts- und Denkmalschutz: Das grosse Potenzial der Sonne

Die Photovoltaik werde im Jahr 2030 nur «im niedrigen einstelligen Prozentbereich» zur Stromversorgung in der Schweiz beitragen. Das sagte vor zehn Jahren Rudolf Hug, damaliger Präsident der Kommission «Energie und Umwelt» von Economiesuisse in diesem Magazin (ZHAW-Impact, März 2012) in der Diskussion mit Professor Franz Baumgartner, Photovoltaikexperte an der School of Engineering der ZHAW. So kann man sich täuschen. Schon heute, acht Jahre vor Ablauf der Frist, erweist sich Hugs Prognose als falsch. Die Solarenergie trägt aktuell bereits 6,5 Prozent zur Stromerzeugung bei. Und die Entwicklung geht in forschem Tempo weiter. Woche für Woche werden Zehntausende von neuen Modulen montiert. Bloss: Das ist immer noch viel zu wenig Solarstrom. Im Jahr 2050 soll die Photovoltaik in der Schweiz gemäss den Energieperspektiven 2050+ des Bundes rund 34 Terawattstunden (TWh) liefern. Das ist etwa zwölf Mal mehr als heute und wird gut 40 Prozent des Strombedarfs entsprechen. Nur so lässt sich alles unter einen Hut bringen: das Klimaziel Netto-Null erreichen, die Abhängigkeit von Öl, Gas und zweifelhaften Regimes reduzieren, der Wegfall der Kernenergie kompensieren und der Stromverbrauch von Elektroautos und Wärmepumpen abdecken. Dazu sind verstärkte Anstrengungen nötig. «Pro Jahr ist im Durchschnitt ein Zubau von Anlagen mit einer Leistung von 1,5 Terawatt erforderlich, im letzten Jahr war es die Hälfte», erklärt Professor Franz Baumgartner , Studiengangleiter Energie- und Umwelttechnik. «Allein in den Wintermonaten entsteht durch die bifazialen Module im Gebirge ein ähnlicher Ertrag wie in Wädenswil über das gesamte Jahr.» Jürg Rohrer, Leiter der Forschungsgruppe Erneuerbare Energien Wie kann das gelingen? Und wo finden all die Solarmodule Platz? Immerhin summiert sich die benötigte Fläche etwa auf die Grösse des Kantons Appenzell Innerrhoden. Eine gute Option sind angesichts der drohenden Winterstromlücke Solaranlagen in den Bergen, die mit doppelseitigen Modulen arbeiten. Der Clou: Die Rückseite nutzt das vom Schnee reflektierte Licht. Senkrecht aufgestellt produzieren solche Panels im Winter mehr Strom als im Sommer. Sie profitieren von der stärkeren Sonnenstrahlung in den Alpen, wie seit 2018 eine Versuchsanlage der ZHAW auf 2500 Metern Höhe bei Davos beweist. «Allein in den Wintermonaten entsteht durch die die bifazialen Module im Gebirge ein ähnlicher Ertrag wie in Wädenswil über das gesamte Jahr», sagt Professor Jürg Rohrer , Leiter der Forschungsgruppe Erneuerbare Energien an der ZHAW in Wädenswil. Für alpine Solaranlagen müssten nicht intakte Landschaften versehrt werden, hält Professor Reto Rupf fest. Der Spezialist für Umweltplanung leitet den Forschungsbereich Geoökologie an der ZHAW in Wädenswil. Er plädiert dafür, solche Anlagen nicht in allen Landschaftskammern zu platzieren, sondern auf wenige Stellen mit bereits viel Infrastruktur zu konzentrieren: Staudämme oder Skigebiete zum Beispiel. Dort richte eine Solaranlage weniger zusätzlichen Schaden an. «Die Leute sind nicht per se abgeneigt, dass in einem Skigebiet eine Solaranlage gebaut wird.» Reto Rupf, Leiter Forschungsbereich Geoökologie «Die Leute sind gemäss einer repräsentativen Befragung in der Schweiz nicht per se abgeneigt, dass in einem Skigebiet eine Solaranlage gebaut wird», sagt Rupf. Bisher seien Anlagen neben Skipisten nicht zulässig gewesen. Das ändere sich nun mit den vom Parlament beschlossenen «Dringlichen Massnahmen zur kurzfristigen Bereitstellung einer sicheren Stromversorgung im Winter». Und in empfindlicheren Gebieten sei mit einer leichten Bauweise dank Seilkonstruktionen eine schonendere Realisierung möglich. Um eine Baubewilligung für eine alpine Solaranlage zu erhalten, ist ab einer gewissen Grösse eine Umweltverträglichkeitsprüfung nötig. Sie beurteilt die Auswirkungen des Bauvorhabens auf den jeweiligen Lebensraum in der Bau- und Betriebsphase und der späteren Wiederherstellung der Landschaft nach dem Betrieb. Letzteres sei ein oft vernachlässigter Punkt, sagt Reto Rupf. Manche Stimmen in der Politik wollen den Schutz der Landschaft, der Natur und der Baukultur beschneiden, um das Ausbautempo der Solarenergie zu forcieren. So möchte die zuständige Ständeratskommission im «Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien» den Ausbau auch in Schutzgebieten zulassen. Betroffen sind etwa das Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN), nationale Biotope oder auch schützenswerte Ortsbilder von nationaler Bedeutung. Im Nationalrat verlangt ein Vorstoss, bei Solar- und Wasserkraftanlagen sei das Beschwerderecht von Organisationen abzuschaffen, darunter beispielsweise Pro Natura oder der Schweizer Heimatschutz. «Wer behauptet, der Denkmalschutz verhindere die Energiewende, argumentiert unsachlich.» Stefan Kurath, Co-Leiter des Instituts Urban Landscape «Wer behauptet, der Denkmalschutz verhindere die Energiewende, argumentiert unsachlich», sagt Stefan Kurath , Co-Leiter des Instituts Urban Landscape. Den Ausbau der Photovoltaik hält der Professor am Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen für absolut notwendig. Auf den Flachdächern der Gewerbebauten und grossen Wohnhäuser lägen aber enorme, noch ungenutzte Potenziale brach. Der Flächenanteil der Dächer denkmalgeschützter Bauten und Ortsbilder sei da irrelevant und auch zu kleinteilig für effiziente Anlagen. Grundsätzlich sei es jedoch auch da durchaus möglich, mittels architektonischer Prinzipien Solaranlagen gut zu integrieren. Das Problem sieht er also vielmehr im Wildwuchs und Gebastel von Anlagen auf Dächern und Fassaden. Dasselbe gelte für die Solar-, aber auch Grosswindanlagen in den Kulturlandschaften: «Wir müssen zu unser Umwelt Sorge tragen, ohne deren kulturellen Wert zu zerstören.» Nicht der Heimat-, Denkmal-, Ortsbild- und Landschaftsschutz würden also die Energiewende verhindern, sondern unqualifizierte Herangehensweisen. Die Architektinnen und Architekten könnten da helfen. «Autobahnen, Kläranlagen oder Parkplätze eignen sich für grössere Photovoltaik-Anlagen, an denen sich auch Pensionskassen beteiligen könnten.» Franz Baumgartner, Studiengangleiter Energie- und Umwelttechnik Wie viel Platz auf den rund 2,8 Millionen Gebäuden im Land vorhanden ist, zeigt die Studie « Photovoltaik: Potenzial auf Dachflächen in der Schweiz». Darin analysieren Jürg Rohrer und sein Team alle Steil- und Flachdächer und filtern die für Solaranlagen geeigneten mit einer guten bis hervorragenden Sonneneinstrahlung heraus. Die resultierende Fläche ist um die Hälfte grösser als der Kanton Appenzell Innerrhoden. Damit wäre eine Stromproduktion von fast 54 TWh pro Jahr möglich – also deutlich mehr als die erforderlichen 34 TWh. Franz Baumgartner hält auch tote Infrastrukturflächen für vielversprechend. Der Entwickler der Solarsegel denkt an etwas grössere Anlagen, die über Autobahnen, Kläranlagen oder Parkplätze gespannt werden: «Auch Pensionskassen könnten sich daran beteiligen.» Sein Hauptfokus gilt der Umsetzung: Wie viel Alpenstrom sinnvoll sei, hänge nicht nur vom Potenzial, sondern letztlich auch von den Kosten ab. Solange keine aussagkräftigen Kostenzahlen von Grossprojekten in den Alpen vorlägen, sei eine gewisse Skepsis angebracht, sagt Baumgartner, der in dieser Zeit auf die Infrastrukturflächen im Mittelland als Alternative setzen würde. Bei den Kosten ortet er auch bei herkömmlichen Anlagen auf Einfamilienhäusern Optimierungsbedarf. Die Planung der Anlage und die Auswahl der Elektronikkomponenten gelte es zu optimieren. Mit teurem elektronischem Schnickschnack hinter jedem Solarmodul könne man in wenigen Fällen zwar ein paar Kilowattstunden zusätzlich herausholen. Dabei fielen aber später potenziell höhere Reparaturkosten zulasten des Endkunden an. Insgesamt ist Baumgartner überzeugt, dass die gesteckten Ziele erreichbar sind: «Die Photovoltaik schafft das zweifellos, wenn wir die notwendigen Fachpersonen ausbilden können.» Die Zuwachsraten in den vergangenen Jahren gelte es deutlich zu steigern, «nur so geht es rasch vorwärts». Thomas Müller

Dem Schichtplan entkommen

Die Alarmzeichen häufen sich: Spitäler in mehreren Kantonen mussten in den letzten Monaten ihre Bettenkapazitäten reduzieren und Operationstermine verschieben, weil Pflegepersonal fehlt. Die Zahl der ausgeschriebenen Stellen im Pflegebereich steigt und steigt. Überall werden händeringend Fachkräfte gesucht. Das Kantonsspital Luzern zum Beispiel zahlt Angestellten bis zu 1500 Franken Prämie, wenn sie bis Ende Jahr eine neue Kollegin oder einen neuen Kollegen vermitteln. Und das Regionalspital Wetzikon im Zürcher Oberland versucht, seine Festangestellten mit besseren Arbeitsbedingungen von einer Kündigung abzuhalten. Es hat die Arbeitszeit des Pflegepersonals ab Juni um zehn Prozent reduziert – bei unverändertem Lohn. «Solche Massnahmen zeigen, wie gross die Not ist», kommentiert Florian Liberatore vom Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW. «Inzwischen füllen die Temporärkräfte aber immer kurzfristiger Lücken, die durch Ausfälle entstehen und aufgrund der vielen ausgeschriebenen Stellen, die nicht mehr besetzt werden können.» Florian Liberatore, Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW Zugleich beobachtet Liberatore auf dem Arbeitsmarkt für Pflegefachkräfte ein weiteres Phänomen: Die traditionelle Rolle der Temporärfirmen beginnt sich zu wandeln. Bislang nutzten Spitäler und Pflegeheime die Vermittler vor allem dann, wenn eine längere Absenz wie ein Mutterschaftsurlaub absehbar war und intern niemand einspringen konnte. Oder wenn es darum ging, saisonale Schwankungen aufzufangen, zum Beispiel bei Kliniken in Skigebieten während der Winterferien. «Inzwischen füllen die Temporärkräfte aber immer kurzfristiger Lücken, die durch Ausfälle bei Krankheit oder Unfall entstehen und aufgrund der vielen ausgeschriebenen Stellen, die nicht mehr durch fest angestelltes Personal besetzt werden können», sagt der Gesundheitsökonom. Die Digitalisierung erleichtert dieses Just-in-time-Temporärgeschäft. Spezialisierte Personalverleiher haben Onlineplattformen aufgebaut, auf denen man bis 24 Stunden vor dem geplanten Einsatz eine Pflegefachkraft für eine Acht-Stunden-Schicht (oder mehrere Schichten) buchen kann. Ein Mausklick genügt – die Plattform regelt im Hintergrund alles Vertragliche und schickt der Temporärkraft die notwendigen Informationen, wann sie sich wo einzufinden hat. Der Pflegedienstleiter oder die Pflegedienstleiterin muss also nicht mehr mühsam eine Liste abtelefonieren und Leute an ihrem freien Tag zu einer Zusatzschicht überreden, wenn eine Lücke auftaucht. «Jedes Jahr steigen acht Prozent der Pflegekräfte aus dem Gesundheitsberuf aus. 45 Prozent der Pflegekräfte werden nicht in ihrem gelernten Beruf pensioniert.» Florian Liberatore, Gesundheitsökonom Der Bedarf hierfür ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Das zeigt die Temporärplattform careanesth.com , die zu den Marktführern in diesem Segment gehört. Sie vermittelte im ersten Halbjahr 2022 rund 24'000 tageweise Schichteinsätze von Pflegefachpersonal. Das entspricht etwa einer Vervierfachung des Volumens vor der Pandemie, im ganzen Jahr 2019 waren es rund 12'000 vermittelte Schichteinsätze gewesen. Andere Temporärfirmen unterhalten ähnliche Onlineplattformen. «Kaum wird ein Dienst angeboten, so ist er auch schon weggebucht – das geht im Handumdrehen», sagt Florian Liberatore. Ob jemand mit dem entsprechenden Spital vertraut sei, das Team und die Abläufe kenne, scheint im ersten Moment keine Rolle mehr zu spielen. Umso wichtiger wird deshalb die Rolle des Temporäranbieters beim Ausweis der Qualifikationen und Erfahrungen ihrer Arbeitskräfte und bei deren Assessments bei der Anstellung. Liberatore leitet ein interdisziplinäres Forschungsteam an der ZHAW, das in Zusammenarbeit mit den Universitäten Basel und Freiburg die Folgen der digital vermittelten Temporärarbeit untersucht. Auf den Vermittlungsplattformen kann eine Temporärkraft ihre Verfügbarkeiten für einzelne Schichten angeben, also dass sie beispielsweise nur am Montag- und Dienstagnachmittag gebucht werden kann. Diese Verfügbarkeiten können dann von einer Gesundheitsinstitution bis 24 Stunden vor Schichtbeginn gebucht werden. Wie sich solche Plattformangebote auf den Fachkräftemangel auswirken, ist noch ungeklärt. Der Effekt könnte negativ sein, da mehr Pflegefachpersonen in diese Arbeitsform wechseln und fortan in geringen Pensen selbstbestimmt zu attraktiven Stundenvergütungen im Gesundheitswesen arbeiten, um ihren Bedürfnissen nach Dienstplanung und der damit verbundenen Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit Rechnung zu tragen. Bloss: Dieser Effekt kommt auch dann zum Tragen, wenn die Gesundheitsinstitutionen zunehmend selbst ähnliche flexible Arbeitsmodelle anbieten. Womöglich lindert die plattformbasierte Temporärarbeit aber den Fachkräftemangel. «Wer bisher aus privaten Gründen komplett aus dem Beruf ausgestiegen wäre, arbeitet nun vielleicht reduziert weiter», sagt der Gesundheitsökonom. Denn genau das ist das Problem: Jedes Jahr steigen acht Prozent der Pflegekräfte aus dem Gesundheitsberuf aus. 45 Prozent der Pflegekräfte werden nicht in ihrem gelernten Beruf pensioniert. Ebenfalls entlastend könnte sich auswirken, dass auch Spitäler oder Heime die Technologie und Dienstleistung der Temporärfirmen für den Aufbau und den Betrieb eines eigenen Personal-Pools nutzen können. Schichtpläne erstellen ist mühselig. Es gilt, den Bedarf unter einen Hut zu bringen mit den Präferenzen der einzelnen Festangestellten, der Reservekräfte aus dem spitaleigenen Pool, der temporären Aushilfen und mit den gesetzlichen Arbeitszeitvorschriften. Oft erfolge das noch von Hand oder mit einer Excel-Tabelle, hat Liberatore beobachtet: «Das macht bei der Pflegedienstleitung schnell mal einen Tag pro Woche aus.» Eine digitale Lösung hingegen könnte im Nu einen Vorschlag für einen Schichtplan ausarbeiten. Der Mensch nimmt dann vielleicht punktuell noch ein paar Änderungen vor. Das bis 2024 laufende Projekt ist Teil des Nationalen Forschungsprogramms 77 «Digitale Transformation». Ein Impact-Modell wird die Effekte auf den Fachkräftemangel aufzeigen. Das erlaube bessere Prognosen, wenn es um die Umsetzung der Pflegeinitiative gehe, fügt Liberatore an. Das Projekt untersucht zudem die Einflüsse auf die Qualität der Pflege, um negative Auswirkungen zu reduzieren. Und ganz konkret erhalten sowohl Temporärkräfte als auch Institutionen einen Leitfaden, wie sie mit der plattformbasierten Temporärarbeit am besten umgehen. Thomas Müller

Mit künstlicher Intelligenz Lügen, Hass und Irreführung stoppen

Manche Lügen haben kurze Beine. Am 50. Tag nach der Invasion in der Ukraine meldete die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass den Verlust des Raketenkreuzers «Moskwa». Das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte sei in einem «schweren Sturm gesunken», schrieb Tass. Schon wenige Stunden später schrieb der Meteorologe Jörg Kachelmann auf Twitter: «Die ‹Moskwa› ist ganz sicher nicht wegen eines Sturms gesunken, weil es keinen Sturm gab.». Unter die Meldung stellte er einen Link zur Wetterkarte für den fraglichen Zeitpunkt. Tatsächlich: bloss ein laues Lüftchen vor der Küste. Das stützte die Darstellung der ukrainischen Streitkräfte. Sie hatten behauptet, die ‹Moskwa› mit Anti-Schiff-Raketen versenkt zu haben. Oft bleiben Fehlinformationen aber länger unwiderlegt. «Bei manchen Behauptungen sind die Fakten nicht so einfach verifizierbar wie das Wetter vor Odessa», sagt Pius von Däniken , der im Zentrum für Künstliche Intelligenz an Methoden forscht, mit denen sich problematische Inhalte auf Social Media erkennen lassen. Verdächtig ist alles, was sich unter Propaganda, Fake News und Verschwörungstheorien einreihen lässt. Auch toxische Diskurse wie Hassreden, Rassismus oder Belästigungen gehören dazu. Um solche Inhalte aufzuspüren, kommen verschiedene Ansätze in Frage. Wichtige Hinweise liefert zum Beispiel ein Blick auf die Herkunft. Immer wieder würden Profile geklaut und zur Verbreitung problematischer Inhalte missbraucht, sagt von Däniken. Oft zeige dies schon ein Blick auf die sogenannten Metadaten: Wie häufig wird gepostet? Wann genau? Mit welchen anderen Profilen gibt es Kontakte? «Auffällig ist zum Beispiel, wenn sich die Tageszeit ändert, zu der Beiträge veröffentlicht werden», erläutert der 31-Jährige. Womöglich hat sich die Aktivität plötzlich auf die Arbeitszeiten in der Zeitzone Chinas oder Moskaus verlagert? Auf einen automatisierten Versand deutet, wenn präzise alle 15 Minuten ein Beitrag online gestellt wird. Oder das Profil verbreitet unvermittelt Beiträge anderer Nutzer massenhaft weiter, die es zuvor noch nie geteilt hat. «Eine automatische Sperre wäre gefährlich, entscheiden müssen deshalb stets Menschen aus Fleisch und Blut.» Pius von Däniken, Zentrum für Künstliche Intelligenz der ZHAW Natürlich sind auch die Inhalte selbst aufschlussreich, etwa wenn Fluchwörter oder beleidigende Bezeichnungen Hinweis geben auf Hassreden. Die grosse Herausforderung ist aber die enorme Menge. Deshalb kommt bei solchen Textanalysen Natural Language Processing zum Zuge, eine Methode an der Schnittstelle zwischen Sprachwissenschaft und Informatik. Sie bildet einen wichtigen Forschungsschwerpunkt am Zentrum für Künstliche Intelligenz. Dabei wird natürliche Sprache algorithmisch verarbeitet. «Wir haben eine Werkzeugkiste mit Techniken, um verschiedene Probleme zu lösen», beschreibt Pius von Däniken das Vorgehen. Bei Social-Media-Profilen zum Beispiel ist häufig die Klassifikation der verbreiteten Inhalte gefragt. Geht der Tweet oder das gepostete Dokument als unbedenklich durch? Oder handelt es sich um einen problematischen Text? Im Prinzip könne man sich das ähnlich vorstellen wie beim Filter, der entscheidet, ob eine eintreffende Mail Spam ist oder nicht, sagt Pius von Däniken– «allerdings ist die Sache eine Spur komplexer». Für die automatische Erkennung von Fake News und Hassreden durch Künstliche Intelligenz interessiert sich auch die Eidgenossenschaft. Der Cyber-Defence Campus des Bundesamts für Rüstung (Armasuisse) treibt die Forschung in diesem Bereich voran. Die Cyber-Bedrohungen hätten deutlich an Bedeutung und Komplexität gewonnen «und wirken sich zunehmend kritisch für die Sicherheit unserer Gesellschaft aus», begründet dies Vincent Lenders, der Leiter des Campus, im Jahresbericht. Das ZHAW-Team, das sich am Zentrum für Künstliche Intelligenz auf Natural Language Processing spezialisiert hat, hat Armasuisse mit dem Forschungsprojekt « Erkennung von verdächtigem Verhalten in Social Media » in einer ersten Phase auf den neusten Stand der verschiedenen Erkennungsmethoden aufdatiert. Nun geht es in einer zweiten Phase um die Entwicklung eines Prognose-Tools für Hassreden, das auf künstlicher Intelligenz basiert. Es soll als Frühwarnsystem Hinweise darauf geben, ob eine Nutzerin oder ein Nutzer des Kurznachrichtendiensts Twitter demnächst Hassbotschaften verbreiten wird. Die Idee dahinter: So kann man die Hetze stoppen, bevor sie sich im Netz verbreitet. Trainiert wird das Tool mit einem Datensatz von rund 200 Twitter-Profilen. Etwa die Hälfte davon fiel schon häufig auf mit eindeutigen Hassbotschaften, beleidigenden oder anstössigen Inhalten. Die Bewertung der Inhalte wurde von drei Personen vorgenommen. Die übrigen Profile haben allenfalls mal etwas Verdächtiges veröffentlicht. «Das muss aber noch nichts heissen», präzisiert von Däniken die Einstufung der zweiten Gruppe. Der Fall sei nicht immer klar, zum Beispiel weil Informationen zum Hintergrund der jeweiligen Person fehlen. Es habe einen anderen Stellenwert, ob eine Jüdin einen Judenwitz poste oder ob das ein Neonazi tue. Hinzu komme, dass sich die drei bewertenden Personen oft uneinig gewesen seien, ob ein Inhalt anstössig sei oder nicht. «Von allen Profilen haben wir anschliessend die gesamte Timeline untersucht, also das komplette bisherige Verhalten auf Twitter», sagt von Däniken. Dazu gehören nicht nur die bisherigen verschickten Mitteilungen. Einbezogen wurde auch das Netzwerk um das einzelne Profil herum, also der Einfluss durch andere. Klar: Zu den Indikatoren für Veränderungen gehört auch das, was der jeweilige Nutzer, die jeweilige Nutzerin aktuell liest. «Unser Ziel ist es, die Einflüsse zu modellieren, die zu dieser Verhaltensänderung führen, um präventiv aktiv zu werden.» Pius von Däniken, Zentrum für Künstliche Intelligenz der ZHAW Interessant sind nicht die klaren Fälle, die schon von Beginn weg hasserfüllte Beiträge posten. Spannender ist vielmehr eine zweite Gruppe: die tendenziell Verdächtigen. Sie wurden vielleicht bei einer bestimmten Gelegenheit mal sauer und veröffentlichten dann etwas Problematisches. Bei vielen blieb es dabei. Andere hingegen beginnen sich zu radikalisieren. Sie rutschen in eine regelrechte Hass-Spirale ab und verbreiten dann bald regelmässig Hassbotschaften. «Unser Ziel ist es, die Einflüsse zu modellieren, die zu dieser Verhaltensänderung führen», sagt der Forscher. Die entsprechenden Profile stehen fortan unter Beobachtung. Und wenn Hassbotschaften drohen, soll das Prognose-Tool Alarm schlagen, damit die Verbreitung rechtzeitig gestoppt werden kann. Eine andere Möglichkeit wäre es, die Person darauf aufmerksam zu machen, dass sie jetzt die Grenze des Zulässigen überschreitet. Wird das Konto automatisch gesperrt? Das wäre Pius von Däniken nicht geheuer. Zensur habe immer auch eine ethische Komponente, sagt er, es bestehe die Gefahr, dass man die Meinungsäusserungsfreiheit ungerechtfertigt einschränke: «Ein Automatismus wäre gefährlich, entscheiden müssen deshalb stets Menschen aus Fleisch und Blut.» Der Forscher hält diesen Weg auch für bedeutend effizienter. Ein solches Tool könne seine Vorteile dann ausspielen, wenn es mit einer Vorselektion verdächtigen Inhalt zusammentrage und dann den Menschen entscheiden lasse. Im Erkennen von verdächtigen Mustern sind Maschinen stark. Sie können blitzschnell die riesigen Datenberge durchforsten, die Social-Media-Profile Stunde für Stunde im Internet produzieren. «Beim Entscheiden hingegen ist der Mensch effizienter», betont von Däniken. Der Mensch arbeitet dann die nach Auffälligkeit hierarchisierten Problemfälle zügig ab. Menschen seien besser darin, passable Witze von Hassrede zu trennen. Oder Anstössiges von Harmlosem zu unterscheiden – anders als etwa der Facebook-Algorithmus, der sich in der Vergangenheit mit der Zensur der steinzeitlichen Statue «Venus von Willendorf» und vieler anderer etablierter Kunstwerke wegen angeblicher Anstössigkeit mehrfach blamierte. Dasselbe gelte bei der zielgerichteten Beschaffung der entscheidenden Fakten, um den Wahrheitsgehalt einer fragwürdigen Nachricht zu überprüfen. Der Mensch sei besser darin, situativ die relevanten Punkte zu erkennen und punktuell mit der richtigen zuverlässigen Quelle abzugleichen und so wie bei der «Moskwa» Sturm von Flaute, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden. Thomas Müller

72 Stunden Krise

«CEO/Admin» steht in sorgfältiger Handschrift auf dem Schild beim Eingang zum Seminarraum, den der Krisenstab zum wichtigsten Büro umfunktioniert hat. Drinnen sitzen zwei Mitglieder der Geschäftsleitung (GL) mit ernster Miene vor ihren Laptops: eine Videokonferenz mit einem wichtigen Abnehmer, wie der Finanzchef kurz vor dem Gespräch angetönt hat. Offenbar ein Brite, dem gepflegten Englisch nach zu urteilen. Er schildert, wie seine Geschäfte in der Corona-Pandemie litten. Smalltalk? Keineswegs. Denn nun fordert er einen Rabatt, der schon fast als unverschämt bezeichnet werden muss. Und Anpassungen bei den Liefermodalitäten. Der Finanzchef und der Verkaufsleiter schlucken zuerst leer. Dann fragen sie nach, klären Zahlen und versprechen eine Rückmeldung innert der gewünschten Frist. Die Anspannung steht den beiden ins Gesicht geschrieben – schliesslich filmt ein Kameramann die Szene für die Übungsleitung. Zugleich sitzt deren Beobachter in einer Ecke. Er macht fleissig Notizen, wie die beiden GL-Mitglieder die Forderungen des Kunden parieren. «Die Aussagekraft der Krisensimulation ist immens», sagt Florian Keller , Leiter des Studiengangs Master of Business Administration (MBA ZFH) der School of Management and Law . In solchen Situationen zeige sich deutlich, auf welche Fähigkeiten eine Person tatsächlich zurückgreifen könne, auch unter Zeitdruck und kontroversen Umständen. Diese Intensivwoche ist ein Höhepunkt im Studiengang. Insgesamt 24 Frauen und Männer nehmen dieses Jahr an der Krisensimulation teil, die Voraussetzung für den begehrten MBA-Abschluss ist. In wechselnden Rollen zeigen sie, was sie draufhaben in Sachen Entscheidungsfähigkeit, Leadership, strategisches Denken, Flexibilität und Krisenmanagement. Sie üben, lernen, verbessern sich. Alle stehen während sechs Stunden selbst einmal an der Spitze des international ausgerichteten Übungs-Unternehmens: entweder als CEO oder als Stabschef respektive Stabschefin. So, wie später in der Realität vielleicht ebenfalls. «Die Aussagekraft der Krisensimulation ist immens.» Florian Keller, Leiter Master of Business Administration (MBA ZFZ), School of Management and Law Es ist der Tag 3 der Krisensimulation. Der Druck ist hoch. «Heute habe ich nur zwei Stunden geschlafen», berichtet Patrick Läng in einer kurzen Pause bei einem Espresso. Er war CEO Nummer 3. Mitten in der Nacht habe ihn jemand aus dem Team mit einer Hiobsbotschaft geweckt. In der Folge überstürzten sich die Ereignisse. Es galt, das Chaos zu organisieren, Aufgaben zu verteilen, eine Strategie zu entwickeln, um das Unternehmen wieder flott zu kriegen. «Das war Hektik pur, die sechs Stunden als CEO fühlten sich an, als wären es nur fünf Minuten gewesen», sagt der 36-Jährige, der im echten Leben Projektleiter beim Stadtwerk Winterthur ist. Die Intensivwoche findet in einem Seminarhotel im Grünen statt. Dass draussen die Aprilsonne strahlt, kriegt drinnen kaum jemand mit. Dort steuert die Übungsleitung die Krise aus ihrem Regieraum heraus. Manche Vorfälle und Wendungen sind vorbereitet, andere improvisiert. Das heisst: Es gibt keinen festen Ablauf, das Geschehen entwickelt sich je nach den Reaktionen von CEO und den einzelnen Teams. Mehrere Protagonisten mit vorab definierten Persönlichkeitsprofilen treten auf. Das sind Rollenspiele, meist besetzt durch jemanden aus dem Team der Übungsleitung. Mehr zum Fall darf hier nicht verraten werden, um künftige Durchführungen nicht zu sabotieren. «Das war Hektik pur, die sechs Stunden als CEO fühlten sich an, als wären es nur fünf Minuten gewesen.» Patrick Läng, Teilnehmer Wie in einer echten Krise sind Informationen zuweilen unklar oder widersprüchlich. Das sorgt für Stress. «Wir können telefonieren, Mails schreiben, Zahlen oder bestehende Verträge anfordern», sagt die Teilnehmerin Simone Jud. Doch man komme nicht darum herum, Annahmen zu treffen: «Es ist besser, aufgrund unvollständiger Informationen rasch zu entscheiden, als zu spät zu entscheiden, sagt die 34-Jährige, die als Betriebsleiterin und stellvertretende CEO in der Rehaklinik Hasliberg tätig ist. Sie ist ein ruhender Pol im hektischen Treiben, behält den Überblick. Das hat wohl auch mit ihrer Krisenerprobtheit zu tun. Als die Corona-Pandemie ausbrach, sei sie in einem Akutspital tätig gewesen: «Da war das Adrenalin echt.» Nun stürmt der aktuelle Stabschef Iwo Fischer (36) aus einer Sitzung. Soeben fiel der Entscheid, die Task Force für die Strategie neu zu bilden. Ihm obliegt nun die Umsetzung. «Die Situation hier ist erschreckend real, wenn man in einer verantwortlichen Rolle steckt», konstatiert er. In der echten Unternehmenswelt laufe vieles sehr ähnlich ab, sagt der Projektleiter Fahrzeugbeschaffung bei den Verkehrsbetrieben der Stadt Zürich. Inklusive Arbeit bis tief in die Nachtstunden? Fischer nickt vielsagend. Einst war er bei den SBB tätig und erlebte dort die Beschaffung des Fernverkehrszugs «Dosto» von Bombardier mit allen Lieferverzögerungen, Einsprachen und technischen Problemen mit. «Es ist besser, aufgrund unvollständiger Informationen rasch zu entscheiden, als zu spät zu entscheiden.» Simone Jud, Teilnehmerin Am Raum, der als Headquarter dient, klebt eine Notiz: «Bitte Ruhe! Achtsamkeitsübung bis 14.20». Eine fünfminütige Atemmeditation diente dazu, die Kräfte des Teams zu konzentrieren. Dann gehts wieder an die Arbeit. Rahel Leugger, aktuell als CEO im Amt, gibt dem Verwaltungsratspräsidenten (Florian Keller, diesmal mit Jackett) einen Überblick, welche Auswege sich aus der verzwickten Situation bieten. Der ist unzufrieden, er hatte mehr Optionen zur Auswahl verlangt, will grüne Pfeile nach oben sehen, nicht rote nach unten. Hauptziel sei nicht, die Erwartungen des Verwaltungsrats zu befriedigen, entgegnet die 47-Jährige, die in der Realität als Geschäftsleiterin der Stadtoase, eines Mehrspartenbetriebs im Bereich Gesundheit/Wellness, tätig ist: «Es geht darum, welche Strategie wir als die beste für das Unternehmen identifiziert haben.» Abends werden alle per Mail eine Videodatei mit der aktuellen «Tagesschau» erhalten. Zuerst die (echte) Schlagzeile des Tages, die Urteilsverkündung im Fall Vincenz vor dem Zürcher Bezirksgericht. Dann Schnitt. Nun sagt ein anderer Moderator (Florian Keller) mit einer schmissigen Überleitung den Bericht von der Medienkonferenz des Krisenunternehmens an, die vormittags um 10 Uhr stattfand. Die Führungsriege trat damit Gerüchten entgegen, die in Internetmedien kursierten und die Reputation des Unternehmens zu beschädigen drohten. «Die Intensivwoche hat mir gezeigt, dass ich es in bisherigen Krisen nicht komplett falsch gemacht habe.» Christiane Rost, Teilnehmerin «Die Vorbereitung des Anlasses und der Communiqués in Echtzeit und unter grossem Zeitdruck war ein gutes Training für den Umgang mit Medien», sagt Christiane Rost, die aktuell für die Kommunikation zuständig ist. Und noch etwas habe die Krisensimulation vermittelt, erklärt die Leiterin Qualitätsmanagement bei Anticimex, einem Dienstleister für Schädlingsbekämpfung: «Die Intensivwoche hat mir gezeigt, dass ich es in bisherigen Krisen nicht komplett falsch gemacht habe.» Thomas Müller

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