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Expertin für Sustainable Finance: «Mit meiner Forschung kann ich etwas bewirken»

Als Julia Meyer begann, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit im Finanzsektor zu befassen, da wollte noch kaum jemand etwas davon hören. Heute, rund 15 Jahre später, sieht die Sache komplett anders aus: An jeder wissenschaftlichen Konferenz handelt eine Vielzahl der Beiträge auf irgendeine Art und Weise von «Sustainable Finance» . Die Investorinnen und Investoren wollen wissen, wie nachhaltig die Produkte und Firmen sind, in die sie zu investieren gedenken, und die Banken sind verpflichtet, ihre Kundenberaterinnen und -berater in Sachen Nachhaltigkeit zu schulen. Bald soll ein nationaler Standard eingeführt werden, der festlegt, was eigentlich ein nachhaltiges Finanzprodukt ist. Dies zeigt Julia Meyer, dass sich die Schweiz in Sachen Sustainable Finance in die richtige Richtung bewege. «Wenn dieser neue Standard erst einmal gilt, dann wird es sicher mehr nachhaltige Finanzprodukte geben, die den Vorstellungen der Kundinnen und Kunden besser entsprechen als die heutigen», ist die Professorin Sustainable Finance der ZHAW School of Management and Law überzeugt. An der Fachstelle Corporate Performance and Sustainable Financing lehrt und forscht die 41-Jährige, die vor Kurzem zur Professorin ernannt wurde. Heute, so Meyer, sei unklar, wie man die Nachhaltigkeit von Firmen und Produkten in der Finanzwelt zuverlässig messen könne. Es gibt verschiedene Nachhaltigkeitsratings, die alle unterschiedliche Dinge messen. «Gewisse Ratings konzentrieren sich beispielsweise darauf, zu messen, ob eine Firma für allfällige ökologische Risiken gewappnet ist und diese finanziell tragen könnte. Anlegende könnten derweil verstehen, dass ein gutes Rating heisst, die Firma setze sich aktiv für Nachhaltigkeitsthemen ein und er oder sie könne mit einem entsprechenden Investment etwas Gutes tun», erklärt Meyer. Das wäre ein Missverständnis, das auch das Risiko involviert, dass die Anbieter von nachhaltigen Anlageprodukten bezichtigt werden, Greenwashing zu betreiben. Darum geht die Expertin für Sustainable Finance in ihrer aktuellen Forschung der Frage nach, wie Nachhaltigkeitsinformationen genutzt werden und was Investorinnen und Investoren, aber auch andere Finanzmarktakteure wie Banken und Fonds unter Nachhaltigkeit im Detail verstehen. Ihre Forschung soll zeigen, inwiefern sich dieses Verständnis sowohl im ökologischen als auch im sozialen Sinn mit den vorhandenen Ratings deckt. Ihr Forschungsprojekt «The Anatomy of Sustainability» wird finanziell von der Schwyzer-Winiker Stiftung unterstützt. «Ich freue mich darauf, mich wieder mehr der Forschung zu widmen», sagt die umtriebige Professorin. Zuletzt hat Meyer viel Zeit investiert in den Aufbau verschiedener Teaching-Produkte zum Thema. Einerseits im Hochschulumfeld und andererseits in der Praxis mit Finanzinstituten. Nachdem sie 2013 ihre Dissertation zu Microfinance und Impact Investing an der Universität Zürich abgeschlossen hatte, half sie dort beim Aufbau eines CAS-Lehrgangs für Sustainable Finance, der rasch grosse Beliebtheit erlangte. Seit sie 2020 zur ZHAW stiess, entwickelte sie auch hier entsprechende Weiterbildungsprogramme und Angebote für die Praxis. Zusammen mit ihrem Team baute sie Schulungen für Bankberaterinnen und -berater auf, die sie selbst umsetzt. In einer Kombination aus Videos zum Selbststudium und Schulung vor Ort lernen die Beraterinnen und Berater, das Thema Nachhaltigkeit einzubeziehen bei der Prüfung von Produkten und vor allem bei der Beratung von Kundinnen und Kunden. «Ich bin nicht der Meinung, dass ab sofort jede Bank komplett grün sein muss.» Julia Meyer, School of Management and Law «Diese Schulungen machen mir viel Spass. Wir gehen vor Ort auch auf die Produkte der spezifischen Bank ein, und das ergibt spannende Diskussionen. Die Teilnehmenden stellen manchmal kritische Fragen und schildern Herausforderungen aus der Praxis. Das ist für uns enorm lehrreich, und diese Voten dienen uns als Inspiration für aktuelle und zukünftige Forschungsprojekte», so Meyer. Oft sitzen – anders als in den Wahlmodulen an der Hochschule – in diesen Kursen auch Personen, die eigentlich vom Thema nicht angetan sind. «Das ist oft herausfordernd, aber ich finde das völlig okay. Ich bin nicht der Meinung, dass ab sofort jede Bank komplett grün sein muss. Man sollte sich mit dem Thema einfach auskennen, das ist nicht zu umgehen.» Am Ende hänge vieles von der jeweiligen Beratungsperson ab. Wer sich dafür interessiert, ist in der Schulung Feuer und Flamme und nimmt von dort wieder Motivation mit. Wichtig ist Meyer, zu betonen: «Es ist ein kompliziertes Gebiet, das sich noch sehr stark und rasch wandelt. Man kann gar nicht alles wissen darüber. Auch nicht als Bankberaterin.» Gerade diese Dynamik, der stete, rasante Wandel im Thema, begeistert Meyer. «Es ist noch so viel ungeklärt. Aus Forschungssicht ist das enorm spannend, weil es immer noch unendlich viele Themen gibt, die man bearbeiten kann, weil da noch so viele unbeantwortete Fragen sind.» Manchmal, so Meyer, sei das natürlich auch anstrengend, insbesondere in der Lehre. Sie lächelt und sagt: «Hin und wieder wünschte ich mir, ich wäre Mathe-Professorin und könnte eine Formel erklären und sagen: So ist es. Und so bleibt es auch.» Aber in diesem Bereich sei es schlicht unmöglich, die Unterlagen vom letzten Semester für das aktuelle zu zücken. «Wir müssen die Lehrinhalte stets neu aufbereiten.» «Das gefällt mir allgemein am Fachhochschulumfeld. Es ist toll und motivierend, an Dingen forschen zu können, die in der Praxis tatsächlich genutzt werden.» Julia Meyer, Expertin für Sustainable Finance Was sie ebenfalls begeistert, ist der Transfer zwischen Forschung und Praxis, der unter anderem in den Schulungen mit den Bankberaterinnen und -beratern möglich ist. «Das gefällt mir allgemein am Fachhochschulumfeld. Es ist toll und motivierend, an Dingen forschen zu können, die in der Praxis tatsächlich genutzt werden.» Motivierend findet Meyer auch, dass sie mit ihrem Forschungsthema eine Möglichkeit gefunden hat, sich einem Bereich zu widmen, den sie im grösseren Kontext als wichtig empfindet. «Nach meinem Wirtschaftsstudium war ich zuerst in der Beratung tätig und arbeitete damals schon oft mit Banken. Das fand ich spannend, aber ich wünschte mir, etwas Wirkungsvolleres mit der Analyse von Finanzkennzahlen tun zu können.» Als sie hörte, dass an der Universität Zürich ein Zentrum für Microfinance gegründet werden sollte, wusste sie plötzlich, wo ihr Weg sie hinführen sollte. Das Thema Nachhaltigkeit ist Meyer auch privat wichtig. «Auch wenn ich kein Beispiel bin für astrein nachhaltiges Verhalten, so achte ich im Alltag doch darauf.» Es gehe ihr nicht zuletzt darum, ihre drei Kinder zu sensibilisieren und die Natur für nachfolgende Generationen so intakt wie möglich zu hinterlassen. «Wir sind als Familie in unserer Freizeit beispielsweise sehr viel am und im See. Dass wir hier ohne Bedenken ins Wasser springen können, ist nicht selbstverständlich, weil das Wasser längst nicht mehr überall sauber genug ist. Ich finde das enorm wertvoll und möchte diese Qualität erhalten.» «Meinen Ansprechpartner bei der Bank habe ich durchaus schon herausgefordert mit solchen Themen.» Julia Meyer, Fachstelle Corporate Performance and Sustainable Financing Meyer achtet auch darauf, sich als Kleinanlegerin nachhaltig zu verhalten. Dazu müsse man kritische Fragen stellen. «Meinen Ansprechpartner bei der Bank habe ich durchaus schon herausgefordert mit solchen Themen.» Das empfiehlt sie auch privaten Anlegerinnen, die auf Nachhaltigkeit achten wollen. Nachhaltigkeitsinformationen müsse man genau anschauen und herausfinden, was überhaupt gemessen werde. Und da die Ratings noch nicht aussagekräftig genug seien, müsse man kritische Fragen stellen. «Es gibt keine blöden Fragen. Gerade weil noch so viel unklar ist und die Firmen erst jetzt beginnen, offenzulegen, wie sie sich ökologisch und sozial verhalten, bleibt nichts anderes übrig, als möglichst genau hinzuschauen und nachzufragen.» Meyer freut sich, sich weiter in dieser dynamischen Thematik vertiefen zu können. Im Mai und Juni weilt sie für einen Forschungsaustausch mit Swissnex in Boston, das als Hub für Sustainable Finance gilt, wo sie ihre Forschung präsentieren kann. «Da ergeben sich vielleicht auch Möglichkeiten für Kooperationen für weitere Forschungsprojekte. Ich bin gespannt.» Elena Ibello

«Das meiste lernte ich on the job» 

Das erste Land, in das Stefan Flückiger als Diplomat entsandt wurde, war Haiti. 1990 war dort erstmals ein demokratisch gewählter Präsident an die Macht gekommen. Flückiger war ab 1994 im Auftrag der Weltbank für den Wiederaufbau des verarmten Karibikstaats zuständig. «Nach drei Jahren war die Mission beendet und wir waren gescheitert – trotz zahlreicher Experten vor Ort und grosszügiger Finanzhilfe vieler Länder und Organisationen», bilanziert er. «Ich habe damals sehr viel gelernt über Entwicklungszusammenarbeit.» Es reiche nicht, in einem Land, das keine Erfahrungen hat mit Demokratie, formal ein demokratisches System einzurichten. «Solange keine verlässlichen eigenen Institutionen vorhanden sind, funktioniert es langfristig nicht.» Die Unterstützung von aussen werde immer als fremde Stimme empfunden – notwendig, aber auch entwürdigend. Es brauche mehrere Generationen, um ein Land von einer Diktatur in eine Demokratie zu führen, sagt Flückiger. Das sehe man heute auch in Ostdeutschland. Stefan Flückiger war dreissig Jahre lang Diplomat im Auftrag der Schweiz. Ursprünglich hatte er in Zürich Anglistik studiert und wollte Englischlehrer werden. «Doch ich merkte rasch, dass mir die Welt einer Schule zu eng war», erzählt er. «Ich war schon immer sehr interessiert am Zeitgeschehen, an internationaler Politik und wirtschaftlichen Zusammenhängen.» Nach einem Abstecher an die amerikanische Eliteuniversität Yale merkte er, dass ihn die Praxis mehr reizte als eine akademische Laufbahn. Deshalb machte er 1989 die Aufnahmeprüfung als Diplomat beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA. Es sei eine andere Zeit gewesen: «Ende der 1980er-Jahre gab es weder das Internet noch Mobiltelefone, Reisediplomatie war teuer und selten», erzählt Flückiger. Damals habe es zu den Aufgaben eines Diplomaten gehört, Bern darüber zu informieren, was in seinem Land passierte. «Das fand ich spannend, denn andere Kulturen und Denkweisen faszinieren mich.» Zudem hätten Diplomaten früher selbstständiger handeln dürfen als heute. Bereits bei seinem ersten Einsatz in Simbabwe während der Ausbildung wurde Flückiger bewusst, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Im Verlauf seiner Karriere wurde Stefan Flückiger immer mehr zum Experten in Wirtschafts- und Finanzpolitik. «In Yale hatte ich zwar Kurse in Ökonomie belegt, doch das meiste lernte ich on the job», erzählt der 66-Jährige. «Ich hatte grossartige Mentoren, die mir alles beibrachten.» Nach der Rückkehr aus Haiti wurde Flückiger 1997 nach Bonn entsandt, wo er als Leiter der Wirtschaftsabteilung der Schweizer Botschaft den Umzug in die neu-alte deutsche Hauptstadt Berlin miterlebte. In seine Amtszeit fielen auch die umstrittene Währungsunion der Ostmark mit der D-Mark sowie später die Einführung des Euro in Deutschland – eine Zeit des Aufbruchs, die er als sehr spannend in Erinnerung hat. Manchmal half auch der Zufall beim nächsten Karriereschritt. Unter Schweizer Unternehmern war während der kriselnden 1990er-Jahre die Idee aufgekommen, nach amerikanischem Vorbild einen Think-Tank zu schaffen, der Vorschläge ausarbeitet, wie man das Land reformieren könnte. Flückiger erfuhr davon, war fasziniert – und arbeitete schliesslich von 2002 bis 2005 als einer der führenden Köpfe beim Aufbau der Denkfabrik Avenir Suisse in Zürich mit. Es braucht mehrere Generationen, um ein Land von einer Diktatur in eine Demokratie zu führen. Stefan Flückiger, ehemaliger Diplomat Flückigers nächste Station war Paris. 2006 wurde er Stellvertreter des Schweizer Botschafters bei der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. 2010 übernahm er den Chefposten. Er betreute unter anderem ein Dossier, das für die Schweiz äusserst wichtig und heikel war: das Bankgeheimnis. Im Zuge der Finanzkrise 2008 konnte sich die Eidgenossenschaft nicht mehr gegen dessen Abschaffung wehren. 2014 kehrte Stefan Flückiger nach Bern zurück. Er bekam den Auftrag, sich dafür einzusetzen, dass die Schweiz den Beobachterstatus im Arktischen Rat erhält, in dem die Anrainerstaaten des Nordpols zusammengeschlossen sind. Die Schweiz betreibt seit über 100 Jahren Forschung in der Arktis und hat in den Alpen ähnliche Herausforderungen wie die nordischen Länder. Zudem werden durch die Klimaerwärmung nördlich des Polarkreises neue Handelsrouten frei, wodurch das Gebiet strategisch wichtig wird. «Endlich kam ich zum Reisen», erinnert sich der Diplomat. «Die Sitzungen fanden in Island, Schweden, Norwegen und Russland statt.» Die Schweiz wurde schliesslich als Beobachter zugelassen. «Damals wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, welche Auswirkungen die Klimaveränderungen haben», sagt Flückiger. 2018 wechselte er ins Staatssekretariat für Wirtschaft SECO. Zwei Jahre lang leitete er Verhandlungen für Handelsabkommen mit der EU und mit Grossbritannien. Eigentlich wollte Stefan Flückiger seine Karriere als Botschafter irgendwo weit weg von der Schweiz abschliessen. Stattdessen ernannte ihn der Bundesrat 2020 zum stellvertretenden Staatssekretär für internationale Finanzangelegenheiten: Bis 2023 vertrat er die Schweiz bei Treffen der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, der G20. Die Schweiz gehört nicht zu den Mitgliedern, nimmt aber am sogenannten «Finance Track» teil, in dem globale Finanz- und Währungsfragen besprochen werden. Damit war zwar sein alter Traum, auf Reisen zu sein, in Erfüllung gegangen, doch er empfand die Zeit auch als frustrierend und anstrengend: «Ich eilte von Konferenz zu Konferenz und war jeweils für zwei oder drei Tage in Washington, Saudi-Arabien, Indonesien oder Indien.» Sein ökologischer Fussabdruck sei in diesen drei Jahren riesig gewesen, die Diskussionen auf höchster internationaler Ebene zu verfolgen, habe er aber als Privileg empfunden. Seit einem Jahr ist der Diplomat nun pensioniert. Doch Stefan Flückiger ist weiterhin aktiv und möchte seine Erfahrungen teilen: Seit Frühling 2024 ist er als Gastdozent an der ZHAW tätig. Pro Semester gibt er an der School of Management and Law zwei Blockseminare: «Brennpunkte des Zeitgeschehens» und «International Trade and Policy». In beiden Kursen geht es um das internationale Finanzsystem und dessen Geschichte. Dabei bettet Flückiger seine reichen Erfahrungen in die aktuelle Weltpolitik ein. «Ich merke, dass viele Menschen kein geschichtliches Bewusstsein dafür haben, wie Wirtschaftswachstum und Wohlstand entstanden sind und welche Konsequenzen dies für die Entwicklungsländer und die Umwelt hat», sagt der Dozent. Dies möchte er ändern. Er habe den «Plausch» am Unterrichten, betont Stefan Flückiger. Die Seminare geben ihm auch die Gelegenheit, seine persönlichen Erfahrungen auf einer theoretischen Ebene zu verarbeiten. Daneben ist der Ex-Diplomat Ehrenpräsident des «Green Fintech Network», das grüne digitale Finanzunternehmen fördert. Und wenn er nicht gerade am Reisen ist, dann liest der studierte Literatur- und Sprachwissenschaftler zu Hause in Wiesendangen ein Buch. «Endlich habe ich Zeit dafür», freut sich Stefan Flückiger, «die Leidenschaft für Literatur ist noch immer gross!» (Bilder: Conradin Frei) Seraina Sattler

«Ohne Medienfreiheit gibt es keine Demokratie»

Guido Keel ist es gewohnt, dass andere etwas von ihm wissen wollen. Als Professor und Institutsleiter ist er oft der Experte. Ganz anders im Jahr 2025, in dem er als Berater des Beauftragten für Medienfreiheit bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Wien arbeitete: Dort war der 52-Jährige ein unerfahrener Neuling. In seinem Alltag am ZHAW Institut für Angewandte Medienwissenschaft IAM beschäftigt sich Guido Keel mit Medienkompetenz, Kommunikationsberufen und Managementaufgaben. In Wien arbeitete er sich in die Strukturen der OSZE, das Völkerrecht und die Gepflogenheiten der Diplomatie ein. Und er machte sich vertraut mit der medienpolitischen Situation in den drei Ländern, für die er hauptsächlich zuständig war: Georgien, Aserbaidschan und Armenien. «Manchmal fand ich es frustrierend, dass wir ‹nur› kommunizieren konnten.» Guido Keel über die Arbeit bei der OSZE Guido Keels Aufgabe bestand darin, zu beobachten, wie es um die Medienfreiheit in diesen Ländern steht. «Jeden Morgen las ich mich online durch lokale und internationale Medien», erzählt er. Die Inhalte in der jeweiligen Landessprache liess er mit künstlicher Intelligenz übersetzen. Teilweise gebe es in diesen Ländern auch englischsprachige Medien. Zudem baute er sich ein Netzwerk aus Medienschaffenden und NGOs auf. «Als Vertreter der OSZE war es relativ einfach, Ansprechpersonen zu finden», erzählt Keel. «Wenn ich sagte, ich sei von der OSZE und es gehe um Medienfreiheit, wollten sich viele äussern.» In allen drei Ländern im Südkaukasus ist die Medienfreiheit unter Druck. Mal fand Guido Keel einen Hinweis darauf, dass eine Journalistin in Aserbaidschan aufgrund ihrer regierungskritischen Tätigkeit verhaftet worden war. Oder er las, dass in Georgien ein Gesetz geplant war, das die Finanzierung von journalistischen Aktivitäten massiv erschwerte. Oder er wurde darüber informiert, dass ein ausländischer Journalist an der Grenze abgewiesen worden war. Erfuhr Keel von einer problematischen Entwicklung, arbeitete er eine Handlungsempfehlung für den Beauftragten für Medienfreiheit aus. Diese Institution innerhalb der OSZE gibt es seit 1998, seit November 2024 hat der Norweger Jan Braathu das Amt inne. Braathu ist das Gesicht der Institution, er wird aber von einem Team aus zwanzig Mitarbeitenden unterstützt. Die 1975 gegründete OSZE hat den Auftrag, militärische Konflikte in Europa mit diplomatischen Mitteln zu verhindern und demokratische Strukturen zu stärken. Die Organisation fördert die Zusammenarbeit zwischen den Staaten und zivilgesellschaftliche Strukturen. Dabei setzt sie sich auch für die Einhaltung der Menschenrechte und die Unabhängigkeit der Medien ein. «Ohne Medienfreiheit gibt es keine Demokratie», betont Guido Keel. Das Büro des Beauftragten für Medienfreiheit hat unter anderem die Aufgabe, als Frühwarnsystem für den Schutz der Medienfreiheit zu sorgen und Verstösse gegen die vereinbarten Mindeststandards in den OSZE-Ländern zu benennen. Die Instrumente der Organisation sind die stille und die öffentliche Diplomatie. Sanktionsmöglichkeiten besitzt sie keine. «Manchmal fand ich es frustrierend, dass wir ‹nur› kommunizieren konnten – Briefe schreiben, Sitzungen einberufen, Besuche abstatten», sagt Guido Keel. Doch er betont, dass die OSZE den einzigen Ort bietet, an dem zum Beispiel Russland und die Ukraine noch regelmässig am gleichen Tisch sitzen. Der ständige Rat, zusammengesetzt aus Botschafterinnen und Botschaftern aller OSZE-Länder, trifft sich jede Woche. «Die Medienkompetenz der Bevölkerung muss gestärkt werden, um sie vor Desinformation zu schützen.» Guido Keel, Leiter Institut für Angewandte Medienwissenschaft Stiess Guido Keel auf Regelverstösse, empfahl er seinem Chef manchmal, abzuwarten und die Situation zu beobachten. Andere Male regte er an, mit einem Vertreter der jeweiligen Regierung zu sprechen. Oder er schlug vor, einen Post in den sozialen Medien abzusetzen. «Ich war überrascht, wie viel ein Tweet bewirken kann», erzählt Keel. «Ich hörte von Fällen, in denen Journalisten im Gefängnis nicht mehr misshandelt wurden, nachdem ihre Namen in Tweets des OSZE-Beauftragten publik gemacht worden waren.» Kein Staat werde gerne öffentlich kritisiert. Manchmal wird der Sonderbeauftragte auch von einem Land um Unterstützung gebeten. «Die serbische Regierung wandte sich an uns, als es um die Neubesetzung der Behörde zur Regulierung des Rundfunks ging», erzählt Keel. «Der Beauftragte für Medienfreiheit wurde angefragt, diesen Prozess als neutrale Institution zu begleiten.» Die Medienfreiheit ist nicht nur in Ländern «östlich von Wien» unter Druck. In fast allen OSZE-Staaten sind laut Keel beispielsweise sogenannte SLAPP-Klagen zu beobachten. Das bedeutet, dass juristische Mittel strategisch eingesetzt werden, um Journalistinnen und Journalisten oder Mitarbeitende von Nonprofit-Organisationen einzuschüchtern und davon abzuhalten, Verfehlungen öffentlich zu machen. Guido Keel arbeitete gemeinsam mit einer Juristin an Standards für Regierungen in den OSZE-Ländern, die SLAPP-Klagen verhindern sollten. Neben Einschüchterung und Gewalt gibt es ein weiteres Mittel, mit dem Druck auf Journalist:innen ausgeübt wird: den Angriff auf die finanzielle Grundlage unabhängiger Medien. «In Georgien beispielsweise hat die Regierung ausländischen Akteuren praktisch verboten, die einheimischen Medien zu unterstützen», erzählt Keel. So werde diesen die Existenzgrundlage entzogen. Auch hier war Keel an einem Projekt beteiligt, um Mindeststandards für die Regulierung von ausländischen Investitionen in Medien zu definieren. Guido Keel arbeitete in seinem OSZE-Jahr nicht nur vom Schreibtisch aus, sondern reiste auch viel. Er war mehrmals im Kaukasus, um sich vor Ort mit Journalist:innen und Vertreter:innen von Regierungen und der Zivilgesellschaft zu treffen. Weiter vertrat er das Büro des Beauftragten für Medienfreiheit an Konferenzen von Brüssel bis Usbekistan. Sein Mandat als Berater hätte Keel verlängern können. Doch er hatte mit der ZHAW eine einjährige Auszeit vereinbart und zudem das Bedürfnis, wieder näher bei seiner Partnerin und seinem gebrechlichen Vater zu leben. Und was hat ihm das Jahr in Wien gebracht? «Ich habe vor allem meinen Horizont erweitert», antwortet Keel. Er habe eine andere Arbeitswelt und eine neue Stadt kennengelernt. «Im ZHAW-Alltag helfen mir meine Erfahrungen, die Situation der Schweizer Medien im internationalen Kontext besser einordnen zu können.» «Ich war erstaunt, wie viel ein Tweet bewirken kann.» Guido Keel, Leiter Institut für Angewandte Medienwissenschaft In der Schweiz sieht Keel vor allem die gezielte Desinformation als Bedrohung. Es sei höchste Zeit, die Medienkompetenz der Bevölkerung zu stärken, um sie davor zu schützen. «Im Vergleich beispielsweise zu skandinavischen und baltischen Staaten sind wir diesbezüglich noch etwas naiv unterwegs.» Keel ist überzeugt, dass die politische Einflussnahme durch Russland zunehmen wird. Ein «Tolggen im Reinheft» der Schweiz in Bezug auf Medienfreiheit sei zudem, dass es hierzulande strafbar ist, Informationen aus geheimen Bankdokumenten zu veröffentlichen. Ein Missstand, der international auf wenig Verständnis stosse. Doch insgesamt sei die Medienfreiheit in der Schweiz gut gesichert, betont Guido Keel. «Medien, die zu hundert Prozent unabhängig sind, gibt es nirgends.» Seraina Sattler

Wenn Roboter gegen Einsamkeit helfen

Eigentlich war Christina Erös eher kritisch eingestellt gegenüber haustierähnlichen Robotern. Doch als ihr im Future Care Lab in Tokio ein kleiner «Lovot» entgegenfuhr und sie mit seinen Kulleraugen freundlich anblickte, schloss sie ihn sofort ins Herz. «Ich war erstaunt, wie emotional ich auf den Roboter reagierte. In Berichten wirkte er auf mich stets wie ein Kinderspielzeug. Nun kann ich gut verstehen, dass man Lovots in Pflege und Betreuung einsetzt», erzählt die Customer Relationship Managerin an der ZHAW Soziale Arbeit . Und das tun tatsächlich viele Japaner: Man kann den «Lovot» – der Name setzt sich zusammen aus dem englischen «Love» und «Robot» – im Detailhandel erwerben. Der etwa drei Kilogramm schwere Roboter auf Rollen ist mit Plüsch überzogen, hat eine Gesichtserkennung, gibt Laute von sich – und sein Körper ist warm wie der eines Menschen. «Ältere Menschen fühlen sich gebraucht, wenn sie sich um jemanden kümmern können.» Christina Erös, ZHAW Soziale Arbeit Die Forschung zeigt, dass der «Lovot» mehr ist als eine Spielerei: Menschen, die ein Exemplar besitzen, fühlen sich weniger einsam. Das hat Christina Erös während ihres zweiwöchigen Forschungsaufenthaltes in Japan erfahren. Mit Unterstützung der Bundesinitiative Swissnex war sie diesen Frühling nicht nur im Future Care Lab in Tokio, sondern auch im Roboterlabor der Universität Osaka, wo sie mit Forschenden sprechen konnte. Eine Studie mit älteren, kognitiv leicht eingeschränkten Menschen hat ergeben, dass der «Robohon» – ein anderer Roboter, der auf dem Tisch sitzt und singen und tanzen kann – schon nach kurzer Zeit als Kamerad gesehen wird und die Menschen Emotionen für ihn entwickeln. «Ältere Menschen fühlen sich gebraucht, wenn sie sich um jemanden kümmern können», sagt Christina Erös. Zudem regt der «Robohon» zu Gesprächen an, indem sich die älteren Menschen über ihn austauschen. «Was ich besonders spannend fand: Die Probanden hatten morgens einen Grund, aufzustehen. Sie wollten den Roboter begrüssen», erzählt Christina Erös. «Wenn sie nicht aufgestanden waren, hatten sie ein schlechtes Gewissen.» Studien zu den langfristigen Folgen stehen noch aus. In Japan sollen haustierähnliche Roboter dazu beitragen, dass ältere Menschen länger zu Hause wohnen bleiben, bevor sie ins Altersheim ziehen. Denn die Überalterung und der zunehmende Mangel an Pflegekräften sind ein grosses Thema im asiatischen Inselstaat. «Japan steht vor einer Mammutaufgabe», sagt Christina Erös. Da die Japaner gegenüber Robotern sehr aufgeschlossen sind, verwundert es nicht, dass sie nach digitalen Lösungen für die Altenpflege suchen. «Die Studienzeit in Japan hat mich persönlich und fachlich weitergebracht», sagt Christina Erös. «Und sie hat wahnsinnig Spass gemacht!» Seraina Sattler

Für den Einsatz im Spital müssen Roboter schneller werden

Roboter können viel. Doch wenn sie in einer dynamischen Umgebung wie einem Spital eingesetzt werden sollen, um beispielsweise Dinge von A nach B zu transportieren, sind sie überfordert. «Arbeiten Roboter mit Menschen zusammen, sehen sie zu langsam», sagt Yulia Sandamirskaya . «Stellt sich plötzlich eine Person in den Weg, braucht die Kamera des Roboters zu lange, bis sie das Objekt zuverlässig identifiziert und lokalisiert hat. Bis sie so weit ist, ist der Roboter bereits mit der Person zusammengestossen», erläutert Sandamirskaya. «Das ist gefährlich.» Die Physikerin hat im März 2023 die Leitung des ZHAW-Forschungsschwerpunkts Cognitive Computing in Life Sciences übernommen und ist Expertin für Neuromorphic Computing. Das menschliche Nervensystem dient Yulia Sandamirskaya als Vorbild, um neue Algorithmen und Hardwaresysteme zu entwickeln. Der Schlüssel zu Robotern, die sich in einer dynamischen Umgebung sicher bewegen können, sind laut der Forscherin intelligente Kameras. «Heutige Kameras basieren noch immer auf dem gleichen Prinzip wie die ersten Kameras: Sie liefern mehrere Bilder pro Sekunde, was wir als Film wahrnehmen.» Sandamirskaya entwickelt hingegen eine Kamera, die wie das menschliche Auge funktioniert, nämlich über Impulse statt über Bilder. Einen entsprechenden Sensor gibt es bereits auf dem Markt, doch Sandamirskaya will solche Kameras intelligenter machen, indem diese in 3D sehen und dafür sorgen, dass der Roboter seine Umgebung versteht und in Echtzeit auf Unvorhergesehenes reagieren kann. «Ich möchte, dass die neuen Technologien ihren Weg aus der akademischen Forschung in die Praxis und auf den Markt finden, um die Lebensqualität der Menschen zu verbessern.» Yulia Sandamirskaya, Cognitive Computing in Life Sciences Im Bereich Gesundheit sieht Sandamirskaya viele mögliche Anwendungen solcher hirnähnlichen Roboter. «Eine Anästhesistin arbeitet oft alleine. Ein Roboter könnte ihr helfen, indem er ein gewünschtes Instrument greift und ihr in die Hand gibt», sagt Sandamirskaya. Eine Echtzeitkamera könnte auch in der Rehabilitation eingesetzt werden, indem sie prüft, ob ein Patient die Übungen richtig macht. Im Labor könnten flexible Roboterarme Anwendung finden, die den Menschen repetitive Aufgaben abnehmen. «Das sind erst Ideen», betont Sandamirskaya. Sie hat vor, sich mit potenziellen Nutzerinnen und Nutzern aus dem Gesundheitswesen auszutauschen, um den Bedarf an intelligenten Robotern im Arbeitsalltag zu eruieren und dann an jener Anwendung zu forschen, die am dringlichsten ist. Yulia Sandamirskaya fasziniert es, die komplexe menschliche Bewegungssteuerung zu studieren und technisch nachzubauen. «Es gibt viele offene Fragen in diesem Bereich, das fordert mich heraus», erklärt die gebürtige Weissrussin. «Zudem möchte ich für mehr Diversität bei den Algorithmen sorgen – denn die heutigen Künstlichen Intelligenzen basieren alle auf dem gleichen Algorithmus.» Dieser müsse während des Lernprozesses sehr viele Daten verarbeiten und könne dadurch nur langsam angepasst werden. Mithilfe neuer neurologischer Netze lasse sich der Prozess beschleunigen und das Spektrum erweitern. Das diene den Menschen, sagt Yulia Sandamirskaya. «Ich möchte, dass die neuen Technologien ihren Weg aus der akademischen Forschung in die Praxis und auf den Markt finden, um die Lebensqualität der Menschen zu verbessern.» Seraina Sattler

Dozent und Unternehmer: «Es braucht einen langen Atem bis zum Erfolg»

Um zu verstehen, was Markus Roos zu seiner Erfindung führte, ist ein Blick auf die Vorgeschichte wichtig. Von 1990 bis 1994 war Markus Roos beim Energiemanagement-Konzern Landis + Gyr als Physiker und Entwickler angestellt. Eine Gruppe von Physikern, Elektrotechnikern und Mathematikern, darunter auch Roos, entwickelte in dieser Zeit mit Forschenden der ETH die Software SESES (Semiconductor Sensor Simulation): Diese unterstützte die Entwicklung von Sensoren zur Leistungsmessung in Haushaltszählern. Jedoch verkaufte Landis + Gyr dann den entwickelten Sensor inklusive der Fertigungslinie an die Firma AMS in Österreich. Die Software SESES selbst war nicht Teil des Verkaufs: «Daraufhin löste eine Gruppe von Entwicklern den Software-Anteil für einen symbolischen Franken aus Landis + Gyr heraus», erinnert sich Markus Roos. «Sie gründete im Anschluss 1992 die Firma Numerical Modelling, um die Software weiterentwickeln zu können mit dem Ziel, sie zu kommer­zialisieren.» Roos selbst war nicht unter den Investoren, beteiligte sich aber drei Jahre später an Numerical Modelling (NM). «Ich erzähle meinen Studierenden jeweils von meiner Tätigkeit in der Firma Numerical Modelling und versuche vor allem aufzuzeigen, dass das im Unterricht vermittelte Wissen in der Industrie tatsächlich gebraucht werden kann.» Nochmals zwei Jahre später, im Jahr 1997, startete Roos dann als Lehrbeauftragter seine Tätigkeit an der School of Engineering, seit 2002 ist er Dozent für Mathematik. «Ich erzähle meinen Studierenden jeweils von meiner Tätigkeit in der Firma Numerical Modelling und versuche vor allem aufzuzeigen, dass das im Unterricht vermittelte Wissen in der Industrie tatsächlich gebraucht werden kann», sagt er. Bei Numerical Modelling arbeitete Roos seit 1995 an der Weiterentwicklung der Software SESES: Es entstand eine sogenannte Finite Element Software – eine Software, mit der sich physikalische Zusammenhänge numerisch abbilden lassen. Der Durchbruch dieser eigenen Software liess jedoch auf sich warten. «Bei der Entwicklung zu einem marktreifen Produkt ergab sich das erste Problem. Die Firma musste erkennen, dass gute Entwicklerinnen und Entwickler nicht automatisch gute Verkäuferinnen und Verkäufer sind», fasst Markus Roos die damalige Situation zusammen. «Es hat noch eine ganze Weile gedauert, bis klar war, dass man beim Vertrieb nicht weiterkommt. Es hätte Investierende gebraucht, die mit grossen Summen den Verkauf der Software hätten vorantreiben müssen», so der Physiker. Zudem gab es eine gewichtige Konkurrentin für diese Simula­tionssoftware: die schwedische Firma COMSOL, die heute weltweit Marktführerin von Multiphysics-Simulationen ist. «Die Idee für eine solche Software hatte bei uns zwar bereits bestanden, bevor die Firma COMSOL sie hatte», so Roos. «Doch zum damaligen Zeitpunkt war COMSOL nicht mehr einzuholen und schon so stark, dass es kaum eine Chance gab, ein ähnliches Produkt auf dem Markt zu platzieren», erinnert sich der ZHAW-Dozent. Darauf folgte im Jahr 2003 eine Neuausrichtung von Numerical Modelling. «Dies war auch der Moment, in dem ich in die Firma als Geschäftsführer eingestiegen bin», so der Unternehmer. Die Idee war es nun, die Simulationssoftware als Paket zusammen mit einer auf die Kundschaft zugeschnittenen Engineering-Dienstleistung anzubieten. Der Fokus auf den Support stellte sich zumindest eine Zeit lang als Erfolg heraus. «Wir haben das gut gemacht, trotzdem konnten wir auf Dauer nicht wirklich neben der Konkurrenz von COMSOL bestehen, der kommerzielle Erfolg war schlicht zu gering. Auch konnten wir im Vergleich zu Fachhochschulen, die damals erst mit ihrer Forschungs­tätigkeit begannen, unsere Simulationen nicht selbst validieren oder Kontroll­messungen durchführen. Hier waren die Institute von den durch Innosuisse geförderten Fachhochschulen im Vorteil, da sie den Geschäftskunden beides – Simulieren und Validieren – anbieten konnten», führt Markus Roos an. «Mithalten war hier schwierig – und somit wandten sich erneut die finanziellen Spiesse gegen uns.» «Das Messprinzip des Sensors zeichnet sich dadurch aus, dass es selbst merkt, wenn es nicht mehr korrekt misst.» Markus Roos, Dozent an der School of Engineering Auch wenn letztlich diese Strategie von Numerical Modelling nicht zum kommerziellen Erfolg führte, konnte Markus Roos durch die Support-Zusammenarbeit mit der Kundschaft im Automobilsektor viel Wissen im Bereich elektromagnetischer Sensoren sammeln. Das Know-how im Automobilsektor inspirierte ihn schliesslich im Jahr 2015 zu einer Produktidee, die sich als persönlicher Game Changer seiner Karriere herausstellen sollte. «Dabei handelt es sich um einen Winkelsensor, der beispielsweise im Automobilbereich eingesetzt werden kann, um die Posi­tion des Bremspedals zu erfassen», erklärt Roos. In Elektroautos kann damit gleichzeitig auch die Position des Rotors, also des sich drehenden Teils eines Elektromotors, erfasst werden: «Diese Position muss erfasst werden, damit der elektrische Antriebsstrom energieeffizient und für die bestmögliche Antriebsleistung geschaltet werden kann», erklärt Roos. «Mein Messprinzip zeichnet sich dadurch aus, dass es selbst merkt, wenn es nicht mehr korrekt misst.» Bei der Bestimmung der Position des Bremspedals bestehen die herkömmlichen Rohmesswerte aus zwei Messdaten, die dem Cosinus und Sinus eines Winkels entsprechen. Diese beiden Werte ergeben damit immer einen Winkel, und wenn dieser nicht stimmt, sind die Messwerte entsprechend falsch und das Bremspedal funktioniert nicht mehr korrekt. «Bei meiner Methode werden mehr als zwei Messungen durchgeführt, das heisst, es wird redundant gemessen», so Roos. Mit der Redundanz lässt sich feststellen, ob die Eichung des Sensors nicht mehr stimmt. «Damit beinhaltet das Messprinzip eine inhärente Fehlerdetektion», so Markus Roos. Er nennt gleich einen möglichen Einsatz des Systems: «Wenn durch langsam fortschreitende Abnützung etwa die Bremsfunktion eines Autos nicht mehr korrekt funk­tioniert, kann mithilfe dieser Funk­tion eine Fehlermeldung ausgelöst werden.» Diese Veränderung kann normalerweise nur ein zusätzlicher Sensor erkennen. Roos hat zusammen mit seinem Team dies alles in einem System verbaut. Um zum Anfang der Geschichte zurückzukommen: Das wichtigste Werkzeug für Roos’ Erfindung war die Simulationssoftware SESES. «Die ganze Idee beruht auf einem physikalisch-mathematischen Zusammenhang, und das ganze physikalische System konnte ich mithilfe der Simulationssoftware SESES berechnen, ohne es vorher bauen zu müssen», erklärt Roos. «Patentierung und Verkauf waren aufwendig und komplex. Ich habe gemerkt, dass ich selbst mehr Wissenschaftler und Tüftler bin als Entrepreneur.» Markus Roos, Erfinder und Entwickler Zunächst plante Roos gar nicht, seine Erfindung weiterzuentwickeln oder sie gar zu verkaufen. «Ein Kollege, der viel Erfahrung in der Autoindustrie sammeln konnte, schlug mir vor, das System patentieren zu lassen», so Roos. Numerical Modelling ging mit der Firma dieses Kollegen, der Maglab AG, ein Joint Venture ein. Sie steuerte nebst finanziellen Mitteln auch das Know-how zur Markttauglichkeit in der Automobilindustrie bei. Roos‘ Messsystem mit dem Namen COBROS (Calibra­tion and Operation Based on Rota­tional Symmetry) fand schliesslich im US-Automobilzulieferer CTS Corporation einen Käufer. COBROS hat für den US-Konzern das Potenzial, die Effizienz von Elektromotoren zu steigern. «Gleichzeitig liefert es Angaben über die Position des Rotors und über mögliche Fehlfunktionen und schlägt somit zwei Fliegen mit einer Klappe», ergänzt Roos. Doch dem erfolgreichen Verkauf ging ein langer und komplexer Patentierungsprozess voraus, der erst im Februar dieses Jahres abgeschlossen werden konnte. «Die Patentierung der Erfindung in Europa und in den USA war hochkomplex. Und auch der Verkauf beanspruchte viel Zeit und Geld. Ich habe noch eine ganze Menge hinzulernen können und habe bemerkt, dass ich selbst mehr Wissenschaftler und Tüftler bin als Entrepreneur», sagt Roos. Zwar hat er seine Erfindung nun aus der Hand gegeben, doch begleitet er sie noch bis zu seiner Pensionierung als beratender Angestellter von CTS Corporation. «Im Rückblick lässt sich sagen, dass zwar die Geschäftsidee mit Numerical Modelling nicht so aufgegangen ist, wie es geplant war, aber ohne das Wissen, das ich mir mit der Entwicklung der Software über die Jahre angeeignet habe, und die breite Unterstützung eines starken Teams hätte ich COBROS nie realisieren können», sagt Roos. «Vielleicht kann ich sogar noch erleben, wie meine Erfindung als Produkt in E-Autos eingesetzt wird. Das wäre sehr schön», fügt er hinzu und lächelt zufrieden. David Bäuerle

Gründerin mit spiritueller Ader

Schon als Kind war es für Birgitta Borghoff selbstverständlich, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ihr Vater führte in Deutschland eine Mühle, und all ihre Geschwister arbeiten heute auf selbstständiger Basis. «Unternehmertum ist eines der Themen, für die ich auf die Welt gekommen bin», sagt die Dozentin an den Departementen Linguistik und Wirtschaft. Zudem ist sie Coach, derzeit Growth Coach bei der Innovation Challenge von ZHAW entrepreneurship, und Jurymitglied an der jährlichen ZHAW Startup Challenge. In diesen Funktionen vermittelt sie den Studierenden, wie sie ihre Geschäftsidee wirkungsvoll hinüberbringen können. «Viele gute Ansätze scheitern an der Kommunikation», stellt Borghoff immer wieder fest. Mit überladenen Präsentationen und abstrakten Fachbegriffen sei es schwierig, Investierende oder Partnerinnen und Partner zu gewinnen. «Man muss eine Geschichte erzählen, authentisch und anschaulich.» «Unternehmertum ist eines der Themen, für die ich auf die Welt gekommen bin.» Birgitta Borghoff In die Schweiz kam die Diplom-Betriebswirtin vor gut 20 Jahren durch eine Anstellung bei der Swissair. Die Marketing-Managerin erkannte, dass die vom Terroranschlag 9/11 gebeutelte Flugbranche von einem kulturellen Repräsentations-Instrument profitieren würde, und gründete das Orchester Flughafen Zürich. «Es war mir stets wichtig, Wirtschaft und Kultur zu verbinden», erklärt die 49-Jährige. Sie sehe ihre Rolle meist am Rand von Teams. Von dort halte sie Ausschau nach neuen Möglichkeiten und baue Brücken zwischen unterschiedlichsten Bereichen. Nachdem Birgitta Borghoff an der ZHAW einen Master in Kulturmanagement erworben hatte, wechselte sie zum Lucerne Festival und baute dort die zeitgenössische Akademie mit auf. 2007 kam sie ans Zentrum für Kulturmanagement der School of Management and Law, wo sie selber studiert hatte. Sie entwickelte das Fachgebiet Cultural Entrepreneurship, aus dem später ein CAS hervorging. «Damals war Entrepreneurship noch nicht einmal am Wirtschaftsdepartement ein Thema», wundert sie sich. Auch für Kunstschaffende seien unternehmerische Fähigkeiten jedoch essenziell. Wer zum Beispiel eine Galerie eröffnen wolle, müsse sich genau überlegen, wie diese im bestehenden Angebot positioniert sein soll. Die Kommunikation sollte Entrepreneurial Storytelling mit dem Geschäftsmodell verknüpfen. « Wenn Logik und Intuition in dir verschmelzen,wirst du Wunder wälzen.» Birgitta Borghoff, ZHAW-Dozentin Der passionierten Dozentin und Forscherin geht es jedoch nicht nur darum, dass möglichst viele neue Firmen entstehen. «Auch wer in einem bestehenden Betrieb angestellt ist, sollte unternehmerisch denken und handeln.» Generell gebe es heute immer noch zu wenig Eigeninitiative und zu viel Dienst nach Vorschrift. Besonders wichtig seien Kreativität und Innovation im Hinblick auf alternative Arbeitsformen und spezielle Lebenssituationen. Diese Mentalität fördert Borghoff auch mit ihrer eigenen Firma namens brückenwege , die sie 2013 gegründet hat. Neben ihren vielfältigen Rollen an der ZHAW coacht sie Menschen, die beruflich neue Wege gehen wollen. In diesem Prozess stelle sie vor allem Fragen und nehme die Rolle der Sparring-Partnerin ein, erklärt sie. «Ich rege meine Klientel zum Reflektieren an und ermutige zum Ausprobieren neuer Dinge.» Dabei gehe sie oft intuitiv vor. Die Winterthurerin hat nämlich auch eine sehr gefühlvolle Seite und eine feine Wahrnehmung. Sie ist überzeugt, dass es neben der materiellen Welt auch eine nicht greifbare, spirituelle Dimension gibt. Gern beschäftigt sie sich mit philosophischen Fragen und trifft sich in ihrer Freizeit zu Gesprächsrunden mit Freundinnen und Freunden. Oft ist sie auch schweigend und lauschend in der Natur unterwegs oder schreibt poetische Texte, die ihr spontan in den Sinn kommen. Diese lässt sie auch in ihre Arbeit und den Unterricht einfliessen. Es brauche Mut, sich mit dieser Eigenschaft im rational geprägten Umfeld der Hochschule zu zeigen, sagt Birgitta Borghoff. Einen Widerspruch zwischen den beiden Bereichen sieht sie aber nicht: «Intuition und Logik sind für mich zwei Seiten derselben Medaille.» Andrea Söldi

Foodwaste vermeiden ist ein super Business-Case

Ob im Fernsehen, in Zeitungen oder auf Newsportalen: Wenn es um das Thema Foodwaste geht, kommt man um Claudio Berettas Expertise nicht herum. «Das geschieht automatisch, wenn man sich über zehn Jahre damit auseinandersetzt», sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter für Nachhaltigkeit und Foodwaste-Vermeidung im Ernährungssystem an der ZHAW. Seine wissenschaftliche Karriere startete er mit anderem Fokus: «Angetrieben vom Ziel, etwas Sinnvolles und praktisch Anwendbares zu studieren, interessierte mich die Humanmedizin.» Bald habe er realisiert, dass Gesundheit für Menschen auf einem kranken Planeten letztlich nicht möglich ist. So entschied er sich für ein Studium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH. Seine Masterarbeit soll nicht in der Schublade verstauben, und so kommt er auf das Thema Foodwaste. «Ich sah die übervollen Bäckereien vor Ladenschluss, die Abfallcontainer der Lebensmittelgeschäfte, doch es fehlten Zahlen und Studien.» Kurz vor Abgabe seiner Arbeit erfährt er, dass ein Student der Universität Basel am selben Thema arbeitet. Kurzerhand gründen die beiden den Verein foodwaste.ch , der sich der Information und Aufklärung verschreibt. Beretta doktoriert über Umwelteffekte von Lebensmittelverlusten und deren Vermeidungspotenzial. Seit drei Jahren arbeitet der 37-Jährige in einem 70-Prozent-Pensum in der ZHAW-Forschungsgruppe für Lebensmitteltechnologie , hauptsächlich in angewandten Forschungsprojekten, daneben hält er Vorlesungen und begleitet Studierendenprojekte. Zu seinen Projekten zählt etwa die Umsetzung des Aktionsplans gegen Lebensmittelverschwendung des Bundes: Foodwaste soll in der Schweiz bis 2030 im Vergleich zu 2017 halbiert werden. «Wir betreiben Monitoring, schlagen Massnahmen vor und begleiten die Umsetzung. In Arbeitsgruppen diskutieren wir mit Nachhaltigkeitsbeauftragten grosser Unternehmen und anderen Akteuren.» Dies gebe Einblick ins interne Spannungsfeld von Firmen, das die ganze Bandbreite vom Pioniergeist bis zur Unbeweglichkeit aufzeige. Auch die Entwicklung eines Leitfadens für Mindesthaltbarkeitsdaten oder eines Modells zur Erfassung von Foodwaste und der entsprechenden Ökobilanz zählen zu Berettas Projekten. «Wenn man auf dem Feld mitarbeitet, ist die Wertschätzung gegenüber den Produkten höher.» Claudio Beretta Trotz seiner Expertise kann es im Privatleben vorkommen, dass in seiner WG in Zürich etwas Essbares im Abfall landet. «Nur selten, aber am meisten ärgere ich mich, wenn ich die Haltbarkeit eines Produktes unterschätze.» Er wirkt dem entgegen, indem er sein Gemüse von einer Landwirtschaftskooperative bezieht und sich dort hin und wieder auf dem Hof engagiert. «Wenn man auf dem Feld mitarbeitet, ist die Wertschätzung gegenüber den Produkten höher.» Zudem werde das Geerntete nach Bedarf verteilt und die Transportwege blieben kurz. «Am höchsten ist dabei die positive Glücksbilanz: Wenn ich Lebensmittel vor dem Verzehr begleite, schmecken sie um Welten besser.» Für die Konsumentinnen und Konsumenten sieht er ein grosses Potenzial im Konzept des Foodsharing: Private holen mit eigenen Behältern überflüssiges Essen da ab, wo es anfällt. Dann verteilen sie es dort, wo es gebraucht wird. Im Idealfall bei hilfsbedürftigen Personen oder einfach an Orten, wo es rechtzeitig gegessen wird. «Wer neben dem Konsum etwas Zeit aufbringt, um überschüssiges Essen zu verteilen, spart Geld und kann Menschen eine Freude machen und das Foodwaste-Problem lösen. Der Blick hinter die Kulissen schafft zudem Verständnis, warum nicht immer alles verfügbar sein kann», sagt Beretta. «Ich verstehe nicht, wieso die Politik noch nicht erkannt hat, was für ein super Business-Case die Vermeidung von Foodwaste ist: Jetzt zu investieren, schont Klima und Biodiversität und spart erst noch Geld.» Claudio Beretta Ihm ist aber klar, dass dazu ein kultureller Wandel stattfinden muss, denn viele Menschen hätten Hemmungen, überschüssiges Essen einzupacken. «Wenn wir uns der Diskrepanz zwischen unserem Überfluss und der teilweise extremen Armut im Ausland bewusst sind und unseren Einfluss darauf wahrnehmen, verschwinden die Hemmungen sofort.» Mit seinen Aussagen wolle er keinesfalls ein schlechtes Gewissen auslösen. «Vielmehr möchte ich vermitteln, dass wir Dankbarkeit und ein Gefühl für bescheidenes Verhalten entwickeln können, eben weil wir in diesem nicht selbstverständlichen Überfluss leben.» In seiner Freizeit bewegt sich Beretta gerne wandernd oder mit dem Velo in der Natur. Deshalb beschäftigt ihn die Biodiversitätskrise umso mehr, die sich auch darin zeige, dass derzeit täglich rund 130 Arten aussterben. Für die Biodiversitätskrise ist die Landwirtschaft durch den Einsatz von Pestiziden und Dünger massgeblich mitverantwortlich. «Ich verstehe nicht, wieso die Politik noch nicht erkannt hat, was für ein super Business-Case die Vermeidung von Foodwaste ist: Jetzt zu investieren, schont Klima und Biodiversität und spart erst noch Geld.» Er vermutet, dass es für weitere Aktionen von Politik und Staat erst existenzielle Katastrophen braucht. «Je schneller der Mensch entsprechende Ereignisse als Folgen des eigenen Handelns erkennt, umso weniger Opfer wird es in den nachfolgenden Generationen geben.» Nichtsdestotrotz: Blickt er auf die letzten zehn Jahre zurück, sieht er auch Positives: «Das Thema ist präsent und es existieren nationale Arbeitsgruppen, wo gemeinsam Lösungen gesucht werden. Vor zehn Jahren war Foodwaste noch kein Thema.» Bei der Vermeidung von Foodwaste sieht er ein Licht am Horizont. «Es ist noch zu schwach, aber es gibt Hoffnung und wächst.» Kathrin Reimann

Wie kann nachhaltiges Wohnen funktionieren?

Das Zusammenspiel zwischen Technologien und Naturwissenschaften und dessen Einfluss auf die Menschen, haben Evelyn Lobsiger schon immer fasziniert. «Wie geht die Gesellschaft mit neuen Technologien um, welche Bedürfnisse und welche Erwartungen hat sie an die Technik und was löst dies wiederum bei den Menschen aus? Diese Fragen treiben mich an», sagt Evelyn Lobsiger, die am INE Institut für Nachhaltige Entwicklung als wissenschaftliche Mitarbeiterin unter anderem zu den Bereichen Nachhaltige Energiesysteme, Smart City und Energy Behaviour forscht. Zur Veranschaulichung nennt Lobsiger die drohende Energiemangellage und den damit stärker werdenden Druck zur Energiewende: «Gerade hier erkenne ich bei vielen Leuten eine wachsende Erkenntnis, dass neue Technologien und Effizienzmassnahmen allein nicht ausreichen, um die Energiewende und eine Verringerung der Ressourcennutzung zu realisieren.» Vielen sei bewusst, dass es Veränderungen in unserer Lebensweise und damit auch in unserem Verhalten brauchen wird. «Die Herausforderung für uns Forschende ist es dabei, zu zeigen, dass das nicht unbedingt Verzicht bedeutet und als etwas Negatives gesehen werden muss», ist Lobsiger überzeugt. Genau hier sieht sich die Forscherin auch in einer Art Brückenfunktion, um den Menschen aufzuzeigen, wo Technologien den Menschen behilflich sein können, aber auch wo deren Grenzen sind. Oft fängt die Herausforderung für sie aber schon früher an: «In vielen Fällen wirken bei Forschungsprojekten Menschen mit, die der Thematik bereits positiv gegenüberstehen. Die Schwierigkeit ist es deshalb, Teilnehmende aus anderen gesellschaftlichen Gruppen zu finden, um so Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, die möglichst viele Menschen erreichen», erklärt Lobsiger. Ganz konkret lassen sich aktuell die Herausforderungen der Forschungsarbeit von Evelyn Lobsiger bei der Entstehung des Winterthurer Stadtteils Lokstadt beobachten, wo aus alten Industriegebäuden unterschiedliche Formen des Wohnens entstehen. Neben Mietwohnungen und Eigentumswohnungen gibt es dort auch Wohnungen der Gesewo, einer Genossenschaft für selbstverwaltetes Wohnen, und Wohnungen der Genossenschaft GAIWO, die Alterswohnungen unterhält. «Letzten Endes geht es bei allen Interventionen um die Erhöhung der Lebensqualität, wobei die Einsparung von CO 2 und die Reduzierung des Energieverbrauchs im Vordergrund stehen.» Evelyn Lobsiger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Nachhaltige Entwicklung Dort angesiedelt ist auch ein Teil des Forschungsprojekts SWICE (Sustainable Wellbeing for the Individual and the Collectivity in the Energy Transition), bei dem es darum geht, den Energieverbrauch beim Wohnen und Arbeiten mittels nachhaltiger Systeme, die sich an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten, zu senken. Evelyn Lobsiger leitet darin ein Arbeitspaket, wo zusammen mit Bewohnenden, Genossenschaften, Stadt und Unternehmen in der Lokstadt mögliche Interventionen für ein nachhaltiges Leben entwickelt und partizipativ umgesetzt werden sollen. «Bei diesem Projekt waren die Genossenschaften stark motiviert mitzumachen und zeigten sich schnell engagiert, bei den privat vermieteten Wohnungen reagierten die Verwaltungen noch etwas zurückhaltender», beobachtete Lobsiger. Innerhalb des Projekts werden in Workshops mit Bewohnenden aus möglichst allen Wohnformen Interventionen entwickelt. Vorstellbar seien etwa ein wöchentlicher Markt mit regionalen Produkten, ein Lastenvelo-Verleihsystem, eine App, mittels deren man Werkzeuge und Geräte untereinander verleihen kann, oder sogar Werkstätten und Coworking-Spaces. «Letzten Endes geht es bei allen Interventionen um die Erhöhung der Lebensqualität, wobei die Einsparung von CO 2 und die Reduzierung des Energieverbrauchs im Vordergrund stehen», nennt Lobsiger eines der Ziele des Projekts. Durch Befragungen vor und nach den Interventionen soll herausgefunden werden, ob sich die Verhaltensweisen der Bewohnenden durch die Interventionen geändert haben. Ziel ist es, dadurch verschiedene Lebensstil-Typen herauszufiltern. «Wenn man weiss, wo bestimmte Lebensstil-Typen wohnen, kann man dort gezielt passende Interventionen anbieten.» Der Austausch mit den Bewohnenden ist für Evelyn Lobsiger der spannendste Teil ihrer Arbeit und sorgt immer wieder für einprägsame Erlebnisse: Bei einer Tür-zu-Tür-Befragung, bei der Bewohnende zum Zusammenleben in der Nachbarschaft befragt wurden, machte den Forschenden eine Familie aus Sri Lanka die Türe auf. «Wir konnten uns jedoch nicht austauschen, da sie weder deutsch noch englisch sprachen und wir kein Tamilisch konnten. Mit Händen und Füssen machten sie uns aber klar, dass ihre Tochter bald nach Hause komme. Sie konnte schliesslich unser Anliegen übersetzen – das sind für mich schöne Momente, denn nur durch eine schriftliche Befragung oder einen Workshop auf (Schweizer-)Deutsch wären wir nie an diese Familie herangekommen.» David Bäuerle

Sie forscht zu freiwilliger Arbeit und engagiert sich freiwillig für Inhaftierte 

Zwei Dinge bewegen Sigrid Haunberger in ihrem Leben besonders: Wissenschaft und Freiwilligenarbeit. Kürzlich hat die Forscherin am Institut für Sozialmanagement mit Konstantin Kehl und Carmen Steiner die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu «Freiwilligenmanagement» als Buch herausgegeben. Haunbergers Forschungsinteresse galt schon immer der formellen Freiwilligenarbeit. Was man darunter versteht, erklärt sie den Mitarbeitenden des ZHAW-Departements Soziale Arbeit so: «Formelle Freiwilligenarbeit wird für gemeinnützige Organisationen wie Vereine und andere Non-Profit-Organisationen geleistet, damit diese ihre gemeinnützigen Angebote durchführen können.» Da die unbezahlte Freiwilligenarbeit in der Schweiz eine zentrale Säule der Gesellschaft sei und sich die Demografie verändere, gingen Haunberger und ihr Team der Frage nach, was Menschen im Rentenalter dazu bewegt, sich zu engagieren. Denn davon könnte die Gesellschaft in verschiedener Hinsicht profitieren: «Seniorinnen und Senioren bringen einen grossen Erfahrungsschatz mit», so Haunberger. «Niemand darf sich zu einem Einsatz gedrängt fühlen.» Sigrid Haunberger Hinzu komme, dass ältere Menschen oft über mehr zeitliche Ressourcen verfügten als andere. Und: Pensionierte können ihre eigene Lebensqualität positiv beeinflussen mit einem freiwilligen Engagement. Die Betonung liegt dabei auf «freiwillig». «Niemand darf sich zu einem Einsatz gedrängt fühlen», so Haunberger. «Aber es ist wichtig, dass diejenigen älteren Menschen, die sich gerne engagieren möchten und können, den Zugang haben zu freiwilligen Tätigkeiten und dass sie von den Organisationen gut begleitet werden.» Mit ihrem Buch wollen Haunberger und ihr Team Organisationen dabei unterstützen, interessierte Pensionierte für die Freiwilligenarbeit zu gewinnen, sie zu begleiten und anzuerkennen. Dazu wollten die Forschenden herausfinden, welche Merkmale ältere Freiwillige auszeichnen, ob und in welchem Umfang Organisationen ein Freiwilligenmanagement betreiben und ob hier noch Handlungsbedarf besteht. Was Haunberger erstaunte: «Gemeinnützige Organisationen, die unsere Umfrage beantwortet haben, sind bezüglich Freiwilligenmanagement auf einem hohen Entwicklungsstand.» Jedoch sei auch erstaunlich, wie unterschiedlich Organisationen ihre Freiwilligen begleiteten. «Einige führen eine Art Aufnahmegespräch durch und bieten umfangreiche Schulungen für die Freiwilligen an, andere werfen ihre Freiwilligen direkt ins kalte Wasser.» Beeindruckt hat Haunberger die hohe Zahl an geleisteten Stunden Freiwilligenarbeit, die dank dem Engagement von Menschen ab 65 in der Schweiz zusammenkommt. Im Durchschnitt: sechs Stunden pro Woche. «Und das seit jeweils durchschnittlich 25 Jahren», fügt die Forscherin an. Was auch zeigt: Die meisten freiwillig Engagierten waren schon vor ihrer Pensionierung aktiv als Freiwillige. Viele intensivieren dieses Engagement im Ruhestand. Auch die 48-jährige Sigrid Haunberger arbeitet seit jeher freiwillig in Organisationen. «Für mich gehört Freiwilligenarbeit einfach dazu», sagt sie. Aktuell engagiert sie sich als Begleiterin für Eingewiesene der Justizvollzugsanstalt Hindelbank, des einzigen Gefängnisses für Frauen in der deutschsprachigen Schweiz. Haunberger besucht dort eine Eingewiesene regelmässig und spricht mit ihr «über Gott und die Welt», wie sie sagt. «Wir haben sehr angeregte Gespräche», so Haunberger. «Wir reden über aktuelle gesellschaftliche oder politische Themen ebenso wie über Dinge, die die Frau in ihrem Vollzugsalltag beschäftigen.» Der Einsatz wird von einer Fachstelle im Amt für Justizvollzug Bern koordiniert. «Manche Eingewiesene erhalten Besuch von Nahestehenden, andere nicht», so Haunberger. Wer möchte, könne darum Besuche von Freiwilligen beantragen. «Es geht darum, während der Haftzeit konstruktive Beziehungen zu pflegen, um die spätere gesellschaftliche Wiedereingliederung zu erleichtern.» Natürlich habe sie als Freiwillige keinen sozialarbeiterischen Auftrag und verstehe sich als möglichst objektive Gesprächspartnerin. Dennoch: «Es ist eine etwas ungewohnte, auch unklare Rolle. Ich bin weder eine professionelle Begleiterin, noch bin ich eine Freundin aus dem privaten Umfeld. Das macht die Einsätze für mich zusätzlich spannend.» «Was ich in Freiwilligenarbeit mache, kommt direkt einzelnen Menschen zugute. Das ist herzberührend, ein sinnhaftes Erleben.» Interessant findet sie die freiwillige Tätigkeit auch, weil sie ihr ermögliche, Einblick in andere Lebenswelten zu erhalten. Dasselbe gilt für ihr zweites freiwilliges Engagement: Im Auftrag des Schweizerischen Roten Kreuzes gibt sie Deutschkurse für Geflüchtete. Jeden zweiten Montagvormittag unterrichtet sie drei bis vier Stunden. Haunberger bezeichnet auch dieses Engagement als Horizonterweiterung. Ihre freiwilligen Tätigkeiten geben ihr eine besondere Zufriedenheit, denn sie empfinde sie als sehr sinnstiftend, sagt Haunberger. «Auch meine Erwerbsarbeit finde ich sinnvoll. Aber das, was ich in Freiwilligenarbeit mache, kommt direkt einzelnen Menschen zugute. Das ist herzberührend, ein sinnhaftes Erleben.» «Ich bin privilegiert, da ich mit einem Erwerbspensum von 80 Prozent arbeiten und davon leben kann. Deshalb ist Freiwilligenarbeit selbstverständlich.» Als Ergänzung zu ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit seien für sie die Einsätze als Freiwillige perfekt, sagt Haunberger, die es früh in ihrer Laufbahn in die Forschung zog. Schon während des Studiums der Sozialen Arbeit hatte sie das Bedürfnis gehabt, tiefer in die Wissenschaft einzutauchen, und begann deshalb bald nach ihrem Abschluss ein Zweitstudium in Soziologie. «Mir ist klar: Ich bin privilegiert, dass ich mit einem Erwerbspensum von 80 Prozent arbeiten und davon leben kann», so Haunberger. Umso mehr gehöre für sie Freiwilligenarbeit dazu. Die engagierte Wissenschaftlerin hat eine Vision: Arbeitgebende könnten ihren Mitarbeitenden während der Arbeitszeit die Möglichkeit einräumen, einer Freiwilligenarbeit nachzugehen. Sie ist überzeugt: «Das wäre für alle ein Gewinn.» Elena Ibello

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