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Long Covid: «Total erschöpft» nach zwei Stunden Arbeit

Letzten Dezember wurde Marcel R. (Name geändert) positiv auf das Coronavirus getestet. «Ich erwischte wohl noch die Delta-Variante», vermutet der 58-Jährige. Obwohl ungeimpft, machte er sich anfänglich kaum Sorgen. Doch schon nach kurzer Zeit wies ihn der Hausarzt wegen zunehmender Atemnot ins Spital ein. Dort blieb ihm die Intensivstation dank einer Antikörper-Therapie erspart. Gegen Weihnachten wieder zu Hause, begann Marcel R. eine ambulante Reha im Spital. «Ich freute mich darauf, mit dem Genesenen-Zertifikat bald wieder Eishockey spielen zu können», blickt der Winterthurer zurück. Auch seine Arbeit als kaufmännischer Angestellter wollte er rasch wieder aufnehmen. Doch aus alldem wurde nichts. Marcel R. hat Long Covid, auch Post Covid genannt, jenes noch nicht ganz verstandene Phänomen, bei dem drei Monate nach der Infektion anhaltende Beeinträchtigungen bestehen. In der Schweiz sind etwa zwanzig Prozent der Corona-Infizierten betroffen. Marcel R. leidet unter bleierner Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Husten, Konzentrations- und Wortfindungsstörungen. «Am Anfang lag ich nur herum», erzählt er. Den Weg durchs Haus schaffte er nicht am Stück. Seine Frau stellte ihm Stühle hin, damit er Pausen einlegen konnte. Beim ersten Gehversuch draussen war nach zwanzig Metern Schluss: «Ich kämpfte und kämpfte, doch mehr ging einfach nicht.» Fünf Monate später bewältigt er etwas längere Strecken. Doch immer noch gerät er bei geringer Anstrengung ins Keuchen und ermüdet stark, etwa wenn der Weg leicht ansteigt oder wenn er eine Tasche trägt. Beim Zeitunglesen kann er die Informationen nicht mehr so gut aufnehmen. Auch seiner Arbeit konnte Marcel R. bisher nicht nachgehen. Wegen der längeren Krankschreibung ist die Invalidenversicherung (IV) auf den Plan getreten. Da habe er leer geschluckt, sagt er. Ein sportlicher, bis dahin gesunder Typ, Ehemann, Vater, Grossvater – plötzlich ein Fall für die IV? Er erfuhr dann, dass dies präventiv geschehe. «Es gilt, die Patienten und ihre Beschwerden ernst zu nehmen, ohne ihnen Angst zu machen.» Markus Hofer, Chefarzt für allgemeine Pneumologie und klinische Ethik am KSW Anfang Mai startete zwecks Wiedereingliederung ein therapeutischer Arbeitsversuch beim Arbeitgeber: zweieinhalb Stunden pro Tag, vorerst mit einfachen Arbeiten wie dem Öffnen der Post. Marcel R. wollte eigentlich mehr, um nicht zu weit weg vom Erwerbsleben zu geraten: «Doch nach zwei Stunden war ich total erschöpft.» Seit März besucht er die Post-Covid-Sprechstunde , die das Kantonsspital Winterthur (KSW) anbietet. Dort wird unter anderem an seiner Lungenfunktion gearbeitet, und er lernt, seine Kräfte einzuteilen. Marcel R. ist einer von über 150 Patientinnen und Patienten, die in der Post-Covid-Sprechstunde des KSW schon behandelt wurden. Die Hauptsymptome sind laut Markus Hofer, Chefarzt für allgemeine Pneumologie und klinische Ethik, die Fatigue, wie die Müdigkeit genannt wird, dann Atemnot, Brain Fog (Benommenheit), kognitive Einschränkungen, Kopf- und muskuloskelettale Schmerzen. An der Behandlung sind mehrere Fachdisziplinen beteiligt, von der Medizin über die Physiotherapie bis zur Psychologie. «Die Perspektive der Patientinnen und Patienten blieb bisher in den meisten Studien zu Long Covid weitgehend unbeachtet.» Markus Wirz, ZHAW-Projektleiter der Evaluationsstudie Gesundheitliche Folgen viraler Infektionen seien an sich nichts Neues, stellt Pneumologe Hofer fest. Zu Post Covid gebe es allerdings erst wenig Daten, und diagnostisch sei bisweilen die Abgrenzung zu bereits bestehenden Erkrankungen schwierig: «Es gilt, die Patienten und ihre Beschwerden ernst zu nehmen, ohne ihnen Angst zu machen.» Die Mehrheit erhole sich gut, auch wenn sich manche Betroffene umorientierten und einen anderen Umgang mit ihrer Energie und mit Belastungen erlernen müssten. Etwa ein Prozent müsse gemäss aktuellem Forschungsstand «relevante längerfristige Einschränkungen» in Kauf nehmen. Eine ZHAW-Studie im Auftrag des Kantonsspitals soll einen Beitrag zur optimalen Versorgung von Long-Covid-Betroffenen leisten. Dabei wird die Post-Covid-Sprechstunde des Spitals evaluiert und die Perspektive der Patientinnen und Patienten ins Zentrum gestellt, wie Markus Wirz, Studienleiter und Professor für Physiotherapieforschung, erklärt: «Diese Perspektive blieb bisher in den meisten Studien zu Long Covid weitgehend unbeachtet.» Die Forschenden befragen derzeit mittels Fragebogen fünfzig KSW-Patientinnen und -Patienten, zehn werden vertieft interviewt. «Früher dachte ich auch, wer müde ist, soll sich halt zusammenreissen. Jetzt weiss ich, wie realitätsfern das in so einem Fall ist.» Long-Covid-Betroffener Auch Marcel R. nimmt an der Studie teil. Dass Long Covid in der öffentlichen Diskussion zum Teil in Zweifel gezogen wird, stört ihn. Er räumt aber ein: «Früher dachte ich auch, wer müde ist, soll sich halt zusammenreissen.» Jetzt wisse er, wie realitätsfern das in so einem Fall sei. Er ist aber zuversichtlich, aus seiner Gesundheitskrise wieder herauszukommen. Man habe ihn darauf vorbereitet, dass Long Covid ein Jahr dauern könne, sagt er. «Ich freue mich über jeden kleinen Schritt, der wieder möglich wird.» Susanne Wenger

Wenn das Studium zum täglichen Kampf wird

Maja Weber (Name geändert) sitzt in einem leeren Vorlesungssaal. Sie hat sich einen Platz direkt neben der Tür ausgesucht. Ihr Rücken zeigt zur Wand, sodass sie aus den Fenstern schauen kann. Wäre der Raum voll mit Studierenden oder hätte er keine Fenster, würde sie mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Panikattacke erleiden. Selbst jetzt mit nur zwei Personen im Raum wirkt sie angespannt. Immer wieder ballt sie ihre Hand zu einer Faust. Während sie spricht, atmet sie schneller und lauter. Gegen Ende der Sätze geht ihr etwas die Luft aus. Eine Pause machen oder abbrechen möchte Weber nicht. Sie setzt sich dafür immer wieder anders hin und lächelt. Weber leidet seit vier Jahren unter einer Angst- und Panikstörung. Dazu kommt die Erwartungsangst – die Angst vor der Angst. Sie ist jedoch nicht die einzige Studentin mit einer psychischen Störung. Das geht aus dem Jahresbericht 2020 der psychologischen Beratungsstelle der ZHAW hervor. Psychische Störungen waren der häufigste Grund, warum Studierende die Beratung aufsuchten. Über die letzten fünf Jahre gesehen, nahm die Anzahl Neuanmeldungen kontinuierlich zu. 2021 hat sie ein neues Hoch erreicht. Ein neuer Höchstwert ist auch bei der Psychologischen Beratungsstelle der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) zu sehen. «Wenn jemand Panikattacken hat, dann sagt man dies nicht, und man weiss, warum man es nicht sagt. Eben weil es ein Stigma in der Gesellschaft gibt.» Maja Weber, Studentin «Wenn sich jemand das Bein gebrochen hat, dann sagt man dies und schämt sich nicht dafür. Wenn jemand Panikattacken hat, dann sagt man dies nicht, und man weiss, warum man es nicht sagt. Eben weil es ein Stigma in der Gesellschaft gibt», sagt Maja Weber, Studentin mit einer Angst- und Panikstörung. Seit September 2020 ist Weber Studentin. Damit begann für sie ein neuer Lebensabschnitt. Ein neuer Campus, eine längere Zugfahrt, ein neuer Alltag, neue Herausforderungen. Alles war neu. Bei vielen weckt das Neugier und Freude. Bei ihr wurde das Studium vor Ort aber zu einem täglichen Kampf. Mehrmals am Tag hatte sie Panikattacken, fühlte sich überfordert, war verzweifelt und konnte sich nicht konzentrieren. Weil sie sich nicht konzentrieren konnte, machte sie sich noch mehr Sorgen. Sie geriet in eine Abwärtsspirale. Nach den ersten paar Wochen wusste sie nicht, wie sie das Studium so meistern sollte. Das Studium pausieren lassen oder abbrechen wollte sie nie. «Ich will nicht, dass die Angst die Überhand über mein Leben gewinnt», sagt Weber. Auch für andere Studierende ist das erste Studienjahr eine besondere Herausforderung. Die meisten melden sich in den ersten beiden Semestern bei den Beratungsstellen, wie Statistiken der PH Zürich, der ETH Zürich und der Universität Zürich zeigen. Wegen der Covid-19-Pandemie konnte Weber ihre Vorlesungen nur knapp vier Wochen vor Ort besuchen. Danach wechselte alles in den Online-Modus. Auch die ersten beiden Lern- und Prüfungsphasen absolvierte sie von zu Hause. Dadurch hatte sie weniger Panikattacken und konnte sich besser konzentrieren. Auslöser für die Panikattacken ist ihr Asthma. Während einer Schulstunde im Jahr 2018 verlor Weber wegen eines schweren Asthmaanfalles immer wieder für wenige Sekunden das Bewusstsein. Weber lag am Boden, ihre Schulkolleg:innen standen um sie herum und schauten auf sie hinunter. «Ich kam mir vor wie ein Käfer», sagt sie. In dem Moment sei etwas in ihr zerbrochen. Später hatte sie deswegen ständig Albträume. Die Angst, sie würde ersticken, wurde zum ständigen Begleiter. Sie trieb kaum mehr Sport, vermied den öffentlichen Verkehr und Restaurants, hatte ständig Angst und täglich Panikattacken. Ihre Verzweiflung wurde so gross, dass sie sogar Selbstmordgedanken hatte. Weber schämte sich. Auch heute hat Weber noch Mühe, über ihre psychischen Störungen zu sprechen. «Ich falle lieber in Ohnmacht und erkläre es mit meinem Asthma, als dass andere erfahren, dass ich unter Panikattacken leide», sagt sie. Dass sich immer mehr Studierende bei den Beratungsstellen melden, muss nicht zwingend etwas Schlimmes sein. Das Verständnis für jemanden, der Mühe im Alltag bekundet, sei während der Covid-19-Pandemie grösser geworden, stellt Cornelia Beck fest. Sie ist Beraterin in der Psychologischen Beratungsstelle der Universität Zürich und ETH Zürich und leitet diese seit 2016. In diesem Alter seien junge Menschen anfällig für Krisen, sagt die Expertin. Dann beschäftigten sie sich mit unzähligen Fragen über sich selbst, zu ihrem Leben und müssten viele Entscheidungen treffen. Wann sich die Studierenden bei den Beratungsstellen melden, ist unterschiedlich. Einige kommen, wenn ihr Problem akut ist, andere, wenn die Belastung zu hoch ist und das Studium beeinträchtigt wird, und wiederum andere melden sich zu spät. Beck sieht den Grund dafür darin, dass es noch immer Studierende gibt, die meinen, in die Beratung zu gehen, sei wie eine Art «Verdammnis in eine psychische Erkrankung». Tendenziell suchen mehr Frauen als Männer die psychologischen Beratungsstellen auf. Dies liegt zum einen daran, dass Frauen offener sind, sich Hilfe zu holen. Zum anderen studieren mehr Frauen als Männer. Auch Weber hat sich Hilfe geholt. Heute kann die Studentin mit ihren Panikattacken besser umgehen. Der Gedanke, vor anderen zu ersticken, ist im Gegensatz zu früher mehr im Hinterkopf. Geholfen hat ihr eine Atemtherapie, welche sie auch heute noch besucht. Anstatt wie früher zu versuchen, die Angst- und Panikstörung loszuwerden, akzeptiert sie sie jetzt. «Sie ist nicht zu meiner besten Freundin geworden, aber ich akzeptiere sie als anstrengende Begleiterin», sagt sie. Wenn sie könnte, würde sie die Angst aber sofort abgeben. Sie hofft, spätestens bei der Gründung einer eigenen Familie keine Panikattacken mehr zu haben. Annick Vogt*

Strommangel vorbeugen mit Wasserkraftreserven

Über der bisher sehr stabilen Schweizer Stromversorgung ziehen dunkle Wolken auf. Der Bund rechnet damit, dass es bereits 2025 gegen Ende des Winters für einige Stunden zu einer Stromknappheit kommen könnte. Gründe dafür gibt es mehrere: Erstens kommt es durch die Energiewende zu grösseren Schwankungen in der Stromproduktion als früher. Zweitens ist die Versorgung mit Gas, aus dem manche Länder einen bedeutenden Teil ihres Stroms gewinnen, seit dem russischen Überfall auf die Ukraine keine Selbstverständlichkeit mehr. Drittens hat die EU eine neue Regel eingeführt, wonach siebzig Prozent der Kapazität der Stromleitungen für den EU-Binnenmarkt reserviert sind. Da die Schweiz beim Strom nicht Mitglied dieses Binnenmarkts ist, könnte das zum Problem werden: Womöglich werden künftig Stromimporte aus der EU zeitweise beschränkt. Zur Sicherung der Stromversorgung hat der Bundesrat deshalb vorgeschlagen, eine Wasserkraftreserve zu schaffen: Gegen Entgelt sollen einzelne Betreiber von Speicherkraftwerken bis in den Frühling eine gewisse Mindestmenge an Wasser in ihren Stauseen belassen, mit der sich eine Mangellage überbrücken liesse. Normalerweise sind die Seen von Mitte März bis Mitte April ziemlich leer, bevor sie sich mit der beginnenden Schneeschmelze wieder zu füllen beginnen. Ob es diese Wasserkraftreserve wirklich braucht, ist unter Fachleuten umstritten. Beat Goldstein, Spezialist für Energiepolitik beim Bundesamt für Energie , hält sie für sinnvoll: «Die Reserve ist eine Versicherung für den Notfall», sagt er. «Wenn wir wegen der EU-Regel massiv weniger importieren können, ist ein Strommangel kein unrealistisches Szenario.» Dies könnte etwa geschehen, wenn Wind- und Solarkraft gleichzeitig wenig Energie liefern und die EU den Strom vornehmlich selber braucht. «Im Frühling, wenn unsere Stauseen leerlaufen, ist in der EU schon wieder viel Solarenergie verfügbar, und der Stromverbrauch ist geringer als im Winter.» Ingmar Schlecht, Zentrum für Energie und Umwelt an der ZHAW Ingmar Schlecht vom Zentrum für Energie und Umwelt an der School of Management and Law hat sich im Rahmen einer Studie mit Kollegen von der Universität Basel und ETH Zürich detailliert mit der Frage auseinandergesetzt. Er sieht die Lage optimistischer: «Wir konnten im Rahmen unserer Modellierungen kein realistisches Szenario kreieren, wo die Wasserkraftreserve wirklich geholfen hätte», sagt er. Dies liege zum einen daran, dass Mangellagen in der Schweiz und in der EU nicht zur selben Zeit aufträten: «Im Frühling, wenn unsere Stauseen leerlaufen, ist in der EU schon wieder viel Solarenergie verfügbar, und der Stromverbrauch ist wegen der höheren Temperaturen geringer als im Winter.» Zum anderen sei die Schweiz dank ihrer Pumpspeicherwerke flexibel: «Selbst an kritischen Tagen gibt es Stunden, in denen der Verbrauch in den Nachbarländern nicht ganz so hoch ist. Diese können wir nutzen und mit Stromimporten die Stauseen füllen.» Erst wenn ein Importstopp länger dauere, etwa einen ganzen Tag oder mehrere Tage, käme die Wasserkraftreserve zum Tragen. In seiner Studie hat Ingmar Schlecht berechnet, worauf es dabei ankäme: «Wichtig ist, dass die Reserve über mehrere Seen verteilt ist, damit eine gewisse Mindestleistung bei der Stromproduktion garantiert ist.» Weiter würde er eher eine kleine Wasserkraftreserve empfehlen, also etwa zur Überbrückung eines Importstopps von maximal 24 Stunden, dann sei das Kosten-Nutzen-Verhältnis am besten. «Der grosse Vorteil einer Wasserkraftreserve ist die schnelle Umsetzbarkeit.» Beat Goldstein, Bundesamt für Energie Grundsätzlich glaubt Schlecht aber nicht, dass es je zu derart langen Importstopps kommt: «Die Schweiz hat einen Trumpf in der Hand: Dank unserer vielen Stauseen können wir in Momenten hohen Verbrauchs viel Strom exportieren.» Um diese Spitzenlast-Energie sei etwa Frankreich sehr froh, das mit seinen vielen Kernkraftwerken viel weniger flexibel ist als die Schweiz. Die EU habe darum kein Interesse, die Schweiz mit Lieferstopps zu piesacken. «Trotzdem ist eine Reserve für den Notfall sinnvoll», sagt Schlecht. Er würde diese aber eher nachfrageseitig anlegen: «Man könnte etwa von Industriebetrieben Angebote einholen, in Stunden der Knappheit gegen Entgelt auf einen Teil der Strombezüge zu verzichten.» Das hält auch Beat Goldstein vom Bundesamt für Energie für eine gute Idee – er findet jedoch, man solle die verschiedenen Instrumente nicht gegeneinander ausspielen: «Ich würde das eine tun und das andere nicht lassen», sagt er. «Massnahmen auf der Nachfrageseite sind in einem Gesetzesentwurf vorgesehen, der im Moment im Parlament ist. Das dauert aber noch ein wenig.» Darum brauche es auch die Wasserkraftreserve, denn deren grosser Vorteil sei die schnelle Umsetzbarkeit: Die entsprechende Verordnung soll schon diesen Herbst in Kraft treten. Mathias Plüss

In der Corona-Krise hat die Nachhaltigkeit zugelegt

«Viele halten Nachhaltigkeit für ein Schönwetterthema. Sie denken, solange es den Unternehmen gut gehe, investierten sie in nette Hochglanzbroschüren. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten würden die Massnahmen gestrichen. Wir konnten mit unserer Studie belegen, dass das Gegenteil der Fall ist», sagt Herbert Winistörfer , Dozent und Leiter der Fachstelle Corporate Responsibility der ZHAW. Die von ihm erwähnte Studie heisst «Changes in Corporate Responsibility Management during COVID-19 Crisis and Their Effects on Business Resilience: An Empirical Study of Swiss and German Companies» und wurde im März 2022 publiziert. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten, wie sich die Corporate Responsibility während der Corona-Krise veränderte. Zu diesem Zweck haben sie die Nachhaltigkeitsberichte der zehn Unternehmen mit dem grössten Aktienkapital der Schweiz und Deutschlands analysiert. In beiden Ländern hat die Mehrheit von ihnen während der Corona-Krise den Umfang des Berichts erweitert, allen voran Nestlé, ABB und Siemens. «Diese Zunahmen zeigen, wie wichtig den Unternehmen die Kommunikation in Krisenzeiten ist», sagt Herbert Winistörfer. Der Ausbau betrifft mit Ökologie, Wirtschaft und Sozialem alle drei Dimensionen von Nachhaltigkeit. Zudem sei eine neue «Covid-Dimension» hinzugekommen. Hierunter fallen u.a. Massnahmen für Mitarbeitende wie Sicherheitsempfehlungen für das Homeoffice, Werkzeuge für die physische und psychische Gesundheit sowie Online-Schulungen. «Mitarbeiter-bezogene Nachhaltigkeitsmassnahmen verstärken die wirtschaftliche Resilienz in Krisen.» Herbert Winistörfer, Leiter der Fachstelle Corporate Responsibility der ZHAW Die «Covid-Dimension» ist ein Grund, weshalb sich auch die Art der Berichterstattung verändert habe: «Unternehmensinterne Themen erhielten signifikant mehr Raum», sagt Herbert Winistörfer. Im Vergleich dazu rückten die vor- und nachgelagerten Stufen der Wertschöpfungskette etwas in den Hintergrund. Dies sind einerseits alle Nachhaltigkeitsaspekte rund um die Produktion, wie zum Beispiel die Beschaffung von Rohstoffen, andererseits die Auswirkungen, die ein Unternehmen durch den Konsum und die Entsorgung der bereitgestellten Produkte verursacht. Das Team um Herbert Winistörfer erforschte ausserdem den Zusammenhang zwischen Corporate Responsibility und der wirtschaftlichen Resilienz von Unternehmen. Dies geschah mit einer quantitativen Umfrage, an der sich 108 der 900 angefragten Managerinnen und Manager von Schweizer Unternehmen verschiedenster Branchen beteiligt haben. Deren Antworten zeigten, dass Investitionen in das betriebliche Gesundheitsmanagement und in die Rekrutierung von lokalen Mitarbeitenden mit einer positiveren Einschätzung des Betriebsergebnisses und höheren Gewinnerwartungen für das Folgejahr einhergingen. «Mitarbeiter-bezogene Nachhaltigkeitsmassnahmen verstärken die wirtschaftliche Resilienz in Krisen. Dies gilt ganz besonders für jene, welche die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden fördern», sagt Herbert Winistörfer. Warum dies so ist, geht aus der Studie nicht hervor. Eine mögliche Erklärung sei, dass die Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung wie eine Art Versicherung für wirtschaftlich schwierige Zeiten wirke. Karin Meier

Gefangen in der Lieferkette

Die Auftragsbücher sind voll, doch ob die Umsatzziele erreicht werden können, ist mit Fragezeichen versehen. So geht es derzeit vielen Unternehmen. Wie beispielsweise der in der Messtechnik tätigen Firma Endress + Hauser in der Nähe von Basel. Wie viele kämpfen sie mit Lieferengpässen und langen Lieferfristen, gerade für Elektronikteile. Diese werden grösstenteils in China hergestellt, doch am Containerhafen Schanghai konnten diesen Frühling wegen des harten Lockdowns die Schiffe nicht verladen werden und nicht auslaufen. Gekämpft werde in der Produktion auch mit steigenden Preisen von Materialien, der Energie und im Transport, sagte Chief Operating Officer Andreas Mayr an der Bilanzmedienkonferenz im April. Ob Computerchips, Automobilkomponenten, Schmerzmittel oder gewisse Nahrungsmittel: Die Schweizer Wirtschaft spricht weiterhin von Engpässen, Verzögerungen und Ausfällen, und ab und an sehen Konsumentin und Konsument auch leere Regalfächer. Für den Wirtschaftsverband Economiesuisse waren in seinem Wachstumsausblick Anfang Juni die Lieferengpässe eine Zutat im «ökonomischen Giftcocktail», der die Schweizer Wirtschaft und Konjunktur bedroht. Es fehle an Stahl und Stahlprodukten, an Lebensmittelrohstoffen wie Weizen und an Holz und Verpackungen. «Die Lieferengpässe gehen langsam an die Substanz der Unternehmen», warnte der Verband. Das Management der Lieferketten und dessen Risikobeurteilung – das Supply Chain Risk Management – ist wegen der aktuellen Brisanz auf den Führungsebenen der Konzerne angelangt. Fachleute und Supply-Chain-Managerinnen und -Manager suchen Lösungen, um Lieferketten weniger störungsanfällig zu gestalten. Das Problem: Die Lieferketten seien in den Jahren vor der Pandemie auf Effizienz und niedrige Kosten getrimmt worden, sagt Maike Scherrer , Leiterin des Schwerpunkts Nachhaltiges Supply Chain Management an der School of Engineering . Lager wurden abgebaut und die Teile «just in time» geliefert, zum Zeitpunkt der Weiterverarbeitung. «’Hauptsache günstig’ war das Ziel», sagt Scherrer. Denn bisher galt: Lagerhaltung kostet, während der Transport praktisch gratis ist. Die Lieferketten seien immer länger geworden, immer mehr Sublieferanten seien daran beteiligt gewesen: «Die Ketten reichen heute oft mehrfach um den Globus», so Scherrer. «Die Lieferketten sind in den Jahren vor der Pandemie auf Effizienz und niedrige Kosten getrimmt worden.» Maike Scherrer, Leiterin Schwerpunkt Nachhaltiges Supply Chain Management, School of Engineering Durch diese schlanke Struktur der Lieferketten sind bei einer Störung irgendwo auf der Welt schnell alle Glieder der Kette betroffen. Und ein Unternehmen kennt oft nur die nächste Stufe seiner Lieferanten – danach hört es schnell auf, sagt Judith Martin , wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute for Organizational Viability der School of Management and Law . «Vor diesem Hintergrund ist es schwierig, Risiken einzuschätzen», so Martin. Heute sind die Frachtraten explodiert und die Transportlogistik insgesamt deutlich teurer geworden, sagt Martin. Die Ursachen sind komplex, doch wichtige Faktoren sind die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine, die Corona-Pandemie und Chinas Null-Covid-Strategie, welche die Hafenmetropole Schanghai, immerhin der weltweit grösste Containerhafen, dramatisch betrifft. Die Nachfrage nach Flugfracht sei gestiegen, aber auch mit dem Zug werde mehr bewegt. Standorte von Logistik, Produktion und Lieferanten sind weltweit auf dem Prüfstand: nicht nur Russland, auch andere osteuropäische Länder. Denn wie soll man vorbereitet sein, falls sich der Krieg ausweitet oder neue Ereignisse eintreten? Die Sorge um die Verfügbarkeit von Rohstoffen und Halbmaterialien zeigte sich auch im KMU-Panel der School of Management and Law vom März. Der Krieg in der Ukraine habe die Pandemie im Sorgenbarometer der KMU überholt, so Studienleiter Andreas Schweizer von der School of Management and Law. Mehr als die Hälfte der 197 befragten kleinen und mittleren Unternehmen sehen die Verfügbarkeit für die kommenden drei Monate als eher schlecht bis existenzbedrohend, ein Drittel prognostiziert dies sogar für das ganze Jahr. «Nun ist die Relevanz der Lieferketten auch beim CEO angekommen.» Judith Martin, wissenschaftliche Mitarbeiterin Institute for Organizational Viability, School of Management and Law Das ist neu an der Entwicklung: «Der kurzfristige Ausblick in diesem Bereich fällt schon länger skeptisch aus. Nun mehren sich bei den KMU auch die Sorgen auf lange Sicht», sagt Schweizer. «Sowohl die aktuelle als auch die künftige Verfügbarkeit von Rohstoffen und Halbfabrikaten werden so pessimistisch wie nie seit dieser Panel-Erhebung beurteilt», heisst es in der Studie. So merkte ein befragtes KMU an: «Der Rohstoffmangel nimmt existenzbedrohende Ausmasse an. Dank der guten Liquidität und eines sehr grossen Lagervolumens können wir dies teilweise abfedern.» «Expertinnen und Experten des Supply Chain Management haben schon lange vor dieser Krisenanfälligkeit gewarnt», sagt Scherrer. «Nun ist die Relevanz der Lieferketten auch beim CEO angekommen», sagt Martin. Heute frage man sich noch mehr als vor der Pandemie, wie man diese zu schlanken Lieferketten weniger störungsanfällig machen kann. Weniger störungsanfällig zu sein, heisst zum Beispiel: mehr Lieferanten für ein Produkt zur Auswahl haben oder Produkte regional herstellen, um flexibler und widerstandsfähiger zu werden. Seltener in China oder in Billigländern einzukaufen, dafür regionaler, werde künftig die grosse Aufgabe sein, sagte auch ABB-Chef Björn Rosengren im April vor Journalisten gemäss einem Bericht der «NZZ». Der Konzernchef greift auch schon selbst zum Telefon, um Druck auf Lieferanten zu machen, vor allem bei Halbleitern. Die Produktionsräume Europa und USA rücken nun wieder mehr ins Zentrum, asiatische Lieferanten werden hinterfragt. Ein Trend kommt diesen Überlegungen zugute, so Scherrer: die Automatisierung der Produktionen. In solchen «cyberphysischen Systemen verändert sich die Rolle der Produktionsmitarbeitenden», sagt Scherrer. Die Lohnkosten fallen hier weniger ins Gewicht, womit sich die Produktion auch in Ländern Europas lohnt. Dafür verlangen hochautomatisierte Anlagen nach qualifizierten Fachkräften – auch dies ein Standortvorteil industrialisierter Länder. Viele Unternehmen werden nun in Kapazitäten und Lager vor Ort investieren, ist Martin überzeugt. Die Analyse drehe sich zudem auch um die Frage, so Scherrer: Welche Produkte, Waren und Güter brauchen wir als Puffer für schwierige Zeiten? Welche Produkte sind systemrelevant? Für welche Produkte sollen die Lieferketten sicherer gemacht werden? Scherrer plädiert dafür, mehr Rohmaterialien zu lagern. Plastikkinderspielzeug aus China sei sicher nicht systemrelevant, lacht sie, wenn auch Kinder dies vielleicht anders sehen würden. Im Rahmen der Grundversorgung bestimmt auch der Bund die Lagerhaltung für gewisse Güter wie Weizen, Medikamente oder fossile Energieträger. Jüngst musste wegen Lieferausfällen bei Medikamenten auf die entsprechenden Pflichtlager zurückgegriffen werden. Um Risiken richtig einschätzen zu können, braucht es auch Transparenz über alle Glieder der Kette. Hier muss sich ein Unternehmen überlegen, für welche Zwischenprodukte es wissen muss, wo sie in der Lieferkette sind und wo sie hergestellt werden. Mit Sensoren an den Produkten lässt sich dies heute gut überwachen. Nur sei es praktisch nicht umsetzbar, alle Produkte zu «versensoren», wie es Scherrer ausdrückt. Das würde riesige Datenmengen generieren, die nicht zu managen sind. Auch hier wieder die Frage: Wie viel Transparenz, die mit Sensoren erzeugt wird, ist nötig? Und Martin fügt hinzu: Um Daten sinnvoll nutzen zu können, brauche es die entsprechende Organisation im Unternehmen, die richtigen Entscheidungswege. «Da bin ich etwas kritisch: Wenn ich an den Strukturen nichts ändere, hilft auch die Digitalisierung nichts.» Kurz: Das Thema Resilienz der Lieferketten sei gerade aktuell wieder sehr wichtig, sagen beide Expertinnen übereinstimmend. Spannend seien künftig aber auch die Fragen: Wie kann dieses Thema mit Nachhaltigkeit verbunden werden? Wie mit der Digitalisierung? Und wie manövrieren sich Unternehmen durch diese Entwicklungen und gehen mit Zielkonflikten um? Sibylle Veigl

Wie geht es Jugendlichen nach zwei Jahren Pandemie?

Als die Schweiz im März 2020 einen Lockdown vollzog und Schulen geschlossen wurden, entschieden sich Dirk Baier und Maria Kamenowski vom Institut für Delinquenz und Kriminalprävention, eine Befragung von Teenagern im Kanton Zürich durchzuführen. Die Fachleute des ZHAW-Departements Soziale Arbeit wiederholten sie noch zweimal, da die Pandemie auch in den folgenden Jahren dominierte. Sie wollten wissen, wie sich Kontaktbeschränkungen, Schulschliessungen sowie Einschränkungen im Vereins- und Freizeitbereich auf die Identitätsbildung auswirken, die in diesem Lebensabschnitt im Zentrum steht: «Die gesellschaftliche Ausnahmesituation der Pandemie trifft auf eine entwicklungspsychologische Ausnahmesituation», betonen die Forschenden. Denn in der Jugendphase lösen sich junge Menschen vom Elternhaus, gehen neue Verbindungen zu Gleichaltrigen ein, bauen intime Beziehungen auf, eignen sich schulische sowie berufliche Qualifikationen an, entwickeln ihr eigenes Wertesystem und übernehmen soziale Verantwortung – dies alles geschieht in einem eher kurzen Zeitraum vom 13. bis zum 25. Lebensjahr. Was also, wenn mitten in diese prägende Phase die Pandemie platzt? Insgesamt beteiligten sich über 3400 Jugendliche im Alter von 12 und 18 Jahren verschiedener Schulformen im Kanton Zürich. Quelle: ZHAW Soziale Arbeit, Institut für Delinquenz und Kriminalprävention: Wie geht es Jugendlichen nach zwei Jahren Covid-Pandemie? Ergebnisse der dritten Befragung junger Menschen im Kanton Zürich, März 2022 Inhalt Patricia Faller; Grafik Klaas Kaat

Risikoabschätzung: Wie ein Blick in die Glaskugel 

Nicht nur das Virus verbreitete sich am Anfang der Corona-Krise in schwindelerregendem Tempo. Bald konnten sich die Menschen auch vor Grafiken und Tabellen kaum mehr retten. «Es war amüsant, aber auch ein wenig unheimlich zu sehen, wie auf einmal alle den Verlauf der Pandemie voraussagten», erzählt Pasquale Cirillo , Professor für Datenwissenschaft an der ZHAW. Fast schien es, als sei der Welt über Nacht ein Heer von selbst ernannten Statistikexpertinnen und Statistikexperten entwachsen, deren Fähigkeitsausweis in erster Linie darin bestand, schon einmal mit Excel gearbeitet zu haben. «Man kann individuelle Risiken nicht mit systemischen Gefahren gleichsetzen.» Pasquale Cirillo, Professor für Datenwissenschaft an der ZHAW Der Wildwuchs an Prognosen liess sich laut dem Forscher zwei Kategorien zuordnen. In der einen spielte man das Risiko von Beginn weg herunter: Covid, hiess es da gerne, verlaufe auch nicht gravierender als irgendeine Grippe, und die Wahrscheinlichkeit, am Virus zu sterben, sei geringer, als wenn man von einer Leiter falle. Problematisch an solchen Vergleichen ist: «Man kann individuelle Risiken nicht mit systemischen Gefahren gleichsetzen.» Das macht ein Beispiel deutlich: Wird die Frau vor mir an der Migros-Kasse übermorgen von einem Hai gefressen, ist das furchtbar für sie, an meinem Leben ändert es nichts. Trägt sie einen hochansteckenden Krankheitserreger in sich, sind die Konsequenzen für mich und alle anderen in der Schlange im Supermarkt kaum abzuschätzen. Der andern Kategorie reichte die dürre Datenbasis dagegen aus, um sich geradewegs zur Apokalypse hochzurechnen. Es werde nur wenige Wochen dauern, befand man, bis sich die gesamte Weltbevölkerung mit dem Virus angesteckt habe. Wünsche gehören nicht in die Statistik «Wer seriöse Wissenschaft betreibt, erstellt keine Punktprognosen», sagt Cirillo, dessen Spezialgebiet die Forschung zu extrem seltenen Ereignissen mit enormen Auswirkungen ist. Wann sie auftreten und wie sie verlaufen, lässt sich per definitionem schwer fassen. «Gerade in einer Krise möchte das aber niemand so hören.» Früh in der Pandemie seien Expertinnen und Experten deshalb unter immensem Druck gestanden, möglichst rasch und präzise Empfehlungen abzugeben. Dass sich auch Fachleute unsicher und uneinig sein können, wollte man nicht wahrhaben. Pandemien sind unberechenbare Phänomene. Sie haben in den vergangenen Jahrtausenden immer wieder Millionen von Menschen das Leben gekostet, und doch: «In den allermeisten Fällen haben wir Glück und eine Infektionskette reisst ab, lange bevor sie zur weltweiten Krise wird», so der Wissenschaftler am Institut für Wirtschaftsinformatik der ZHAW . «Es gibt aus statistischer Sicht leider keinerlei Anzeichen, dass wir weniger zur Gewalt neigten als früher und Kriege unwahrscheinlicher geworden sind.» Pasquale Cirillo, Data Scientist der ZHAW Zu den seltenen Ereignissen, die die Welt auf lange Zeit hinaus erschüttern und sich doch der Prognose entziehen, gehört auch der Krieg. Wie viele von uns haben bis vor Kurzem aufrichtig geglaubt, dass der Einsatz von Bomben und Panzern der Vergangenheit angehört, wenigstens in Europa, dass man Konflikte zwischen Ländern heute am Verhandlungstisch löst, dass wir vielleicht sogar grundsätzlich zu besseren Menschen geworden sind? «Natürlich wünschte ich mir das alles auch», unterstreicht der Wissenschaftler. Doch gebe es aus statistischer Sicht leider keinerlei Anzeichen, dass wir weniger zur Gewalt neigten als früher und Kriege unwahrscheinlicher geworden seien. «Wir dürfen uns weder von Hoffnungen noch Ängsten leiten lassen, wenn wir Daten analysieren.» Gemeinsam mit Nassim Nicholas Taleb, Risiko- und Zufallsforscher und Autor des internationalen Sachbuchbestsellers «Der Schwarze Schwan», hat Cirillo kürzlich die grossen Auseinandersetzungen der letzten zweitausend Jahre zusammengetragen und untersucht. Lange Perioden des Friedens seien auch in der Vergangenheit keine Seltenheit gewesen, stellten die Forscher in ihrer Studie fest, man denke etwa an die Pax Romana oder Pax Britannica. «Zwischen zwei Kriegen können zweihundert oder sogar dreihundert Jahre vergehen.» Dass wir in Europa seit siebzig Jahren keinen bewaffneten Konflikt mehr erlebt hätten – wobei auch das nicht ganz korrekt sei, wendet Cirillo ein, schliesslich wütete der Jugoslawienkrieg zu Beginn der neunziger Jahre quasi vor unserer Haustüre –, mag uns vorkommen wie eine Ewigkeit. Es ist nicht so. «Wer seriöse Wissenschaft betreibt, erstellt keine Punktprognosen.» Pasquale Cirillo, «Ich kann nicht voraussagen, wann die nächste Krise kommt», resümiert Cirillo. «Was ich aber weiss: Sie kommt bestimmt.» Und noch etwas wissen Risikoexperten wie er: So selten solche Ereignisse auch auftreten, so oft weisen sie doch erstaunlich stabile Eigenschaften auf. Künftige Kriege und Pandemien dürften nicht fundamental anders beschaffen sein als die, die ihnen vorausgegangen sind. Oder wie es der italienische Wissenschaftler in einer anderen Studie auf den Punkt bringt: Wenn ein Komet geradewegs auf die Erde zusteuere, sollten wir nicht erst den Einschlag abwarten mit der Begründung, über dieses konkrete Exemplar noch mehr in Erfahrung bringen zu wollen. Genau dies sei zu Beginn der Pandemie jedoch geschehen: Vielerorts wurde dem Virus entscheidende Tage und Wochen zu spät Einhalt geboten, weil man befunden hatte, noch nicht über ausreichend Daten zu verfügen. Doch unvollständige Informationen seien typisch für solche Krisen und kein Grund, nicht zu handeln, im Gegenteil. Wir können Krisen also nicht verhindern – aber wir könnten ihre Wucht besser abfedern. Gutes Risikomanagement aber ist oft aufwendig und kostspielig. Je weiter ein Ereignis zurückliegt, desto schwieriger wird es, präventive Strategien und Massnahmen aufrechtzuerhalten und weiter zu rechtfertigen – erinnert sich doch irgendwann keiner mehr an den seltenen Fall, auf den sie ausgerichtet sind. «Das haben wir zuletzt in den Ländern gesehen, in denen zunehmend Betten auf den Intensivstationen eingespart wurden», sagt Cirillo. Betten, die in den letzten Jahren dringend notwendig gewesen wären. Hinzu kommt: Es liegt in der Natur des Menschen, selbst die grössten Risiken kleinzureden, wenn sie uns erst einmal eine Weile lang begleitet haben. So wie Kinder in Kriegsgebieten mit der Zeit zwischen zerbombten Gebäuden zu spielen beginnen, gewöhnen wir uns alle an die Gefahren um uns herum. Risikohomöostase nennt das die Wissenschaft. Man könnte auch sagen: Wir wollen einfach unser Leben leben. Ümit Yoker

Krisen bewältigen: Solidarität hilft anderen und uns selbst

Agnes von Wyl: Die Krisen, die Sie aufgezählt haben, betreffen die meisten Menschen, wenn auch unterschiedlich. Vor allem die Pandemie hat anfangs sehr vielen von uns Angst gemacht, weil unser Alltag so unmittelbar betroffen war: Wir konnten nicht mehr zur Arbeit fahren. Leute mit Familie fragten sich, wie das gehen solle, zu Hause arbeiten und lernen. Hinzu kam die Sorge um ältere Verwandte und Bekannte. Das ganze Leben musste man umstellen. Erst mit der Zeit hat man sich an die Situation angepasst. Die Angst nahm ab. von Wyl: Dieser Krieg ist einerseits gefühlsmässig weiter weg als die Pandemie, aber andererseits viel näher als andere schlimme Kriege der jüngsten Vergangenheit. Bei vielen hat er die Erinnerung an den Kalten Krieg der 80er Jahre wachgerufen und die Gefahr eines Atomkriegs. Ich habe mich an das Lied erinnert: «Besuchen Sie Europa, solange es noch steht». Das war damals häufig im Radio zu hören. Etwas von dieser Bedrohung schwingt jetzt wieder mit. Kommt hinzu, dass man den Krieg jetzt so direkt via Medien verfolgen kann. Man ist bestürzt darüber, wie brutal er geführt wird. Bei der Klimakrise schliesslich kann man sich ernsthaft fragen, weshalb wir da so nachlässig sind. Längerfristig ist das die Krise, die uns am meisten bedroht. Khaldoun Dia-Eddine: Ich möchte die bisher genannten Krisen in einen noch grösseren Rahmen stellen: Denn seit 1991, also seit dem Zerfall der Sowjetunion, haben wir 12 bis 13 grosse Krisen erlebt: Da war die Finanzkrise in Ost- und Südostasien 1997 und 1998, die geplatzte Dotcom-Blase, die Klimakrise, Fukushima, der Tsunami im Indischen Ozean, und wir hatten die Weltfinanzkrise als Folge eines spekulativ aufgeblähten US-Immobilienmarkts. «Seit 1991, also seit dem Zerfall der Sowjetunion, haben wir 12 bis 13 grosse Krisen erlebt, die es zu bewältigen galt.» Khaldoun Dia-Eddine, School of Management and Law Wir sahen den Arabischen Frühling, die Euro-Krise, die Terrorakte von 9/11, die Kriege in Afghanistan und im Irak, den Ukraine-Krieg 1, die Covid-Pandemie und jetzt den Ukraine-Krieg 2 – und dies alles innerhalb der vergangenen rund 30 Jahre. Das löst Unsicherheit und Verzweiflung aus. Die meisten dieser Krisen sind von Menschen gemacht. Das macht mich wütend. Jürg Rohrer: Mich hat teilweise wütend gemacht, wie die «offizielle Schweiz» mit einigen dieser Krisen umgeht. Man setzt so stark auf Eigenverantwortung, um möglichst keine Rahmenbedingungen verschärfen oder Einschränkungen vornehmen zu müssen. Rohrer: Ein durchschnittlicher Mensch kann nur etwa 20 Prozent seiner Treibhausgas-Emissionen direkt selbst beeinflussen . 80 Prozent erfolgen indirekt. Ich kann zum Beispiel freiwillig aufs Fliegen verzichten. Ich kann aber, wenn ich Mieterin oder Mieter bin, nicht entscheiden, wie meine Wohnung beheizt ist. Das kann ich nur, wenn ich zu den weniger als 50 Prozent der Leute gehöre, die hierzulande ein Haus besitzen. «Ein durchschnittlicher Mensch in der Schweiz kann nur etwa 20 Prozent der CO 2 -Bilanz direkt selbst beeinflussen. Es braucht andere Rahmenbedingungen.» Jürg Rohrer, Departement Life Sciences und Facility Management Das zeigt, dass institutionelle oder politische Entscheidungen notwendig sind, um Rahmenbedingungen entsprechend zu ändern. Stattdessen fokussieren wir in der Schweiz zu stark auf Eigenverantwortung. Das unterscheidet uns von umliegenden Ländern und ist ein Grund, weshalb bei uns nichts vorangeht. Dia-Eddine: Da bin ich zwiegespalten. Diese Vertrauensbasis, auf der Eigenverantwortung beruht, kann auch Vorteile haben. Nur leider funktioniert sie nicht immer, und die Dinge bewegen sich zu langsam – speziell beim Klimaschutz. Die Entwicklungen sind katastrophal, auch wenn wir das in der Schweiz noch nicht so spüren wie in anderen Ländern, wo Hitzewellen, Dürrekatastrophen oder Überflutungen bedrohlich sind. Ich denke, wir Menschen setzen die falschen Prioritäten: Geht es um Klimaschädlichkeit, fokussieren wir uns beispielsweise auf Diskussionen wie den Standby-Modus bei Elektro- und Elektronikgeräten. Ich will das auch gar nicht abwerten. Aber zwei Bomben in der Ukraine vernichten alles, was wir im Vergleich dazu in einem Jahr in der Schweiz sparen könnten, wenn wir unsere Geräte ausschalten würden. Oder zwei andere Beispiele: Ein Panzer braucht 6 Liter Benzin für einen einzigen Kilometer. Ein Flugzeug verbraucht in einer Stunde 18‘000 Liter Kerosin. Und was machen wir? Wir konzentrieren uns auf Kleinigkeiten, wie den Standby-Modus. Wo bleibt da die Vernunft der Menschheit? von Wyl: Das stimmt natürlich, dass Panzer ganz viel Energie brauchen. Ich kann aber nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen. Es führt kein Weg daran vorbei, dass jede und jeder Einzelne sich überlegen muss, was sie oder er bewirken kann für den Klimaschutz und für eine friedliche Gesellschaft. Damit meine ich nicht nur, weniger zu fliegen. Es braucht auch mehr persönliches Engagement in der Gesellschaft, im sozialen Umfeld oder in der Politik. Stattdessen – und da nehme ich mich selbst nicht aus – sind wir manchmal zu bequem, um unser Verhalten zu verändern. Ich mache zum Beispiel gerne Ferien in fremden Ländern, und möchte das eigentlich weiterhin sehr gerne tun. Ich muss jetzt aber abwägen, ob und in welchem Ausmass das noch geht. Grosses Engagement sieht man ja schon etwa während der Pandemie: Andererseits können die schrecklichen Bilder und Nachrichten aus Kriegsgebieten, aus Intensivstationen, von Naturkatastrophen und Hungersnöten auch abstumpfend oder lähmend wirken: Was sollte man gegen diesen negativen Sog tun? von Wyl: Krisen kommen für die meisten Menschen überraschend. Man wird völlig aus der Bahn geworfen. Das bisherige Leben, die Ziele, die man sich gesteckt hat, die Überlegungen zur Lebensgestaltung – all das gerät plötzlich durcheinander. Das verunsichert natürlich. Viele Menschen haben dann ein sehr grosses Informationsbedürfnis. Zu denen gehöre ich auch. Während der Pandemie gab es in den Medien besondere Schlagzeilen, auf die ich mich gestürzt habe – je katastrophaler formuliert, umso eher habe ich diese News gelesen, etwa «Schockbilder aus der Intensivstation in Bergamo». Oder: «Experten rechnen mit dem Schlimms­ten» oder so ähnlich. «Wir sollten News selektiver lesen. Die Flut an schlechten Nachrichten kann einem die Energie fürs Leben nehmen.» Agnes von Wyl, Angewandte Psychologie Bis ich mir sagte: «Du musst dich davor bewahren, das alles zu lesen.» Ich lese die Nachrichten jetzt viel selektiver, auch über den Krieg. Ich denke nicht, dass ich deshalb schlechter informiert bin. Man sollte sich gut überlegen, was und wie viel man in den Medien konsumieren will. Denn diese Flut an schlechten Nachrichten kann einem die Freude am Leben und die Energie nehmen, erst recht wenn man eine zu grosse Anteilnahme empfindet. Dia-Eddine: Meine Strategie ist Engagement: Ich suche Gleichgesinnte, um zu helfen. Dieses solidarische Engagement fördert Verständnis für die Situation und für die Bedürfnisse der Menschen und verdrängt Unsicherheiten und negative Gefühle. Das war zum Beispiel der Grund für meine Aktion in Bosnien-Herzegowina. Wir haben für mehr als 5 Millionen Franken Hilfsprojekte an Ort und Stelle für bedürftige Menschen organisiert, um etwa Wasserpumpen zu reparieren oder Saatgut für Getreide und Gemüse zu kaufen und zu verteilen. Im Kosovo trugen wir zum Wiederaufbau eines Spitals bei. In Syrien lancierten wir eine digitale Plattform, auf der mittlerweile 30’000 Jugendliche dem Unterricht folgen und so eine Zukunftsperspektive erhalten. Rohrer: Ich engagiere mich extrem stark im Klimabereich, und das absorbiert mich so, dass ich wahrscheinlich andere Krisen eher ausblende. Dia-Eddine: Unser Bachelormodul «War, Economics and Business» ist einzigartig in Europa. Wir wollen zukünftige Managerinnen und Manager darauf vorbereiten, dass wir nicht in Disneyland leben, wo es immer ein Happy End gibt. Von den rund 200 unabhängigen Ländern der Welt, die die Vereinten Nationen anerkennen, sind 148 Länder instabil – nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich, sozial oder ökologisch. Wir zeigen den Studierenden, welche Auswirkungen Instabilität auf die Wirtschaft hat, und umgekehrt, welchen Einfluss Wirtschaft auf die Politik oder auf die Gesellschaft haben kann. Die Studierenden müssen verstehen, welche Rolle sie als Managerinnen und Manager im Wirtschafts- und Gesellschaftssystem haben. Dia-Eddine: Wir bringen den Studierenden in erster Linie Methoden und Werkzeuge bei, wie sie als Manager auch in schwierigen Zeiten ihr Business erfolgreich weiterführen oder zumindest das Überleben des Unternehmens sichern können. Es werden aber auch ethische Aspekte angesprochen wie Korruption oder Bürgerkriege. «Von rund 200 unabhängigen Ländern der Welt sind 148 Länder instabil – Unternehmen müssen Verantwortung übernehmen, und zwar bei allen Krisen gleich.» Khaldoun Dia-Eddine Nehmen wir das Beispiel des Bürgerkriegs in der Republik Côte d'Ivoire. Wenn ich da als Nestlé-Manager aktiv bin, wie sollte ich mich verhalten? Mich zurückziehen aus dem Land? Soll ich mich mit der einen Seite verbünden oder mit der anderen? Kann ich vermitteln zwischen den zerstrittenen Parteien, weil ich ein grosser wirtschaftlicher Player bin? Solche Fragen behandeln wir in diesem Kurs. Wir haben auch darüber diskutiert, welche Rolle Unternehmen im Krieg Russlands gegen die Ukraine einnehmen. Dia-Eddine: Firmen müssen Verantwortung übernehmen, weil sie Teil der Gesellschaft sind – und zwar bei allen Krisen gleich konsequent. Man kann nicht sagen, bei der einen Krise engagieren wir uns und die andere geht uns nichts an. Staat, Unternehmen und Gesellschaft müssen in die gleiche Richtung ziehen, um zu einer guten Lösung für alle zu kommen. Rohrer: Die Motivation für den Bachelor-Studiengang ist sicher bei vielen Studierenden, einen Beitrag zum Klimaschutz leisten zu wollen. Hierfür müssen wir ihnen das Rüstzeug und die Zusammenhänge vermitteln. Der Unterricht im Bereich Klimawandel ist sehr gefragt. Zwei Unterrichtslektionen reichen meist nicht aus. Die Studierenden haben so viele Fragen. Rohrer: Die häufigste Frage ist: Wieso geht es in der Schweiz so langsam voran beim Klimaschutz? Rohrer: Es gibt natürlich nicht nur einen einzigen Grund. Aber wir leben in einer Gesellschaft, in der relativ grosse und mächtige Teile vom heutigen Zustand profitieren. Das ist zum Beispiel die fossile Industrie – aber nicht nur Shell oder BP und so weiter –, die fossile Industrie besteht auch aus unseren Städten und Gemeinden. Hierunter gibt es welche, die sind absolut vorbildlich im Bereich Klimaschutz, fördern auf der anderen Seite aber auch die Energieproduktion aus Gas bzw. verdienen gut an diesem Geschäft oder finanzieren damit Kampagnen, die genau in die falsche Richtung zielen. Und die andere Verzögerungstaktik ist, wie eingangs erwähnt, der Fokus auf Eigenverantwortung. Die Verantwortlichen glauben, strengere Massnahmen würden nicht akzeptiert, obwohl Umfragen klar zeigen, dass strengere Massnahmen sogar erwünscht wären. von Wyl: Ich selbst unterrichte Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie. Besonders in der Klinischen Psychologie und in der Psychotherapie haben wir es sehr häufig mit Krisen auf einer ganz individuellen oder familiären Ebene zu tun als Folge von krisenhaften Entwicklungen bei einem Menschen oder lebensverändernden kritischen Ereignissen. Im Unterricht thematisieren wir, wie wirksame Interventionen und Behandlungen aussehen könnten – wann eine Beratung oder eine Krisenintervention sinnvoll wäre und wann es eine Psychotherapie braucht. Nicht nur kritische Lebensereignisse wie Verlust oder Trennung können Menschen in eine psychische Krise stürzen. Häufig lösen auch belastende Alltagssituationen, etwa Leistungsdruck, unerfüllte Bedürfnisse oder Ziele, die nicht erreicht wurden, Krisen aus. Fast die Hälfte aller Menschen hat irgendwann im Leben psychische Probleme. Während der Pandemie gerieten auch Teile unserer Studierenden in psychische Schwierigkeiten und brauchten Unterstützung. Unsere Expertinnen und Experten bieten für Studierende, Mitarbeitende aber auch andere Bürgerinnen und Bürger Beratung und kurzfristige Hilfe an. Dia-Eddine: Verhandlungen sind das beste Mittel, das wir gegen Krisen haben. Ich schreibe gerade ein Buch darüber und nutze den Krieg in der Ukraine als Fallstudie zur Illustration des Lebenszyklus von Krisen. Ein Krieg dauert nie ewig: Entweder gibt es irgendwann einen Sieger oder alle Seiten werden müde beziehungsweise erkennen, dass sich ihre Ziele gewaltsam nicht erreichen lassen. Wichtig ist hierbei, dass man ein Window of Opportunity für Verhandlungen erkennt – also eine günstige Gelegenheit, die man nutzen kann, um einen Deeskalationsprozess zu starten. Man muss Deeskalationsschritte definieren und eine Dynamik entwickeln, in der auch kleine Schritte als Erfolgsstorys zählen. Nicht jede Deeskalation bringt aber Frieden. Wir sehen heute geopolitisch viele sogenannte «frozen conflicts». Dia-Eddine: Die Konflikte sind zwar nicht «scharf», aber immer latent vorhanden. Auch die Klimakrise ist ein «frozen conflict». Immer wieder gibt es Verhandlungen, dann steigen wieder Länder aus oder erfüllen ihre Ziele nicht … Und nach jeder Unterzeichnung eines Klimaabkommens lehnen sich die Politikerinnen und Politiker erst mal zufrieden zurück, als würden sich nun alle Angelegenheiten von ganz allein regeln. Bis die nächste Phase dieser Krise oder die nächste Krise kommt. Rohrer: Auch die Schweiz suggeriert, dass ihre Ziele das Abkommen von Paris erfüllen würden. Tun sie aber nicht. Das wird auch international so eingestuft. Und wenn man die Szenarien zur Erreichung der Klimaziele mit dem Ist-Zustand vergleicht, dann sieht man, dass wir dreimal mehr Anlagen für erneuerbare Energien pro Jahr dazu bauen müssten, als das in den Rekordjahren 2021 und 2020 der Fall war. Wir setzen also hierzulande die Ziele zu niedrig an und sind auf bestem Weg, die zu niedrigen Ziele glorios zu verpassen. Statt Öl und Gas aus Russland will der Westen Energiequellen in arabischen Staaten anzapfen. Was die Menschenrechte anbelangt, sind diese auch nicht über alle Zweifel erhaben. Acht Milliarden Franken gibt die Schweiz jedes Jahr für Öl und Gas im Ausland aus. Was sind die Folgen? Rohrer: Wir können das nicht von einem Tag auf den anderen ändern. Es ist reiner Pragmatismus, dass die Verantwortlichen schauen, wo sie das dringend benötigte Öl und Gas beziehen können. Wohin das führt, kann ich auch nicht sagen, aber sicher nicht zur Lösung. Rohrer: Im Prinzip wüssten wir, dass wir von den fossilen Energien wegkommen müssen – primär wegen der Klimakrise Dann würde sich zudem diese Frage der Abhängigkeit von zweifelhaften Regimen nicht mehr stellen. Das wissen wir aber seit 40 Jahren und haben nicht viel geändert. Jetzt kommt mit dem Krieg in der Ukraine wieder mal ein Weckruf. Am 12. April rief die Schweizerische Energie-Stiftung den Energy Independence Day aus. Bis dahin deckt der Strom, der in der Schweiz produziert wird, den hiesigen Bedarf. Reicht das bestehende Fördersystem für erneuerbare Energien aus, um künftig mehr des Eigenbedarfs zu decken? Rohrer: Ganz klar nein, sonst wären wir an einem anderen Punkt. Sie, Herr Rohrer, warnen schon lange, dass man endlich auf erneuerbare Energien umsteigen solle. Sie wollen mit einem Konsortium – gefördert vom Bundesamt für Energie – regionale Szenarien und Strategien entwickeln für einen möglichst vollständig erneuerbaren Energiesektor in der Schweiz 2050. Wie soll das gehen? Rohrer: Im Prinzip ist das sonnenklar: Man weiss, dass die Schweiz vor allem im Bereich Photovoltaik Potenzial hat. Da müsste man massiv ausbauen. Dann gäbe es relativ grosse Potenziale im Bereich Windenergie als eine sehr gute Ergänzung zur Photovoltaik. Und im Bereich Speicherkraftwerke müsste man das Regime umstellen, weg von der Gewinnmaximierung für die Besitzer hin zur Versorgungssicherheit. Das wäre die Lösung. Rohrer: Ist es aber nicht. Dass es sich trotzdem lohnt, schon 2035 und nicht wie geplant erst 2050 umzusteigen, wurde auch schon x-mal aufgezeigt: Es ist volkswirtschaftlich wesentlich kostengünstiger. Die Vorteile liegen von A bis Z auf der Hand. Rohrer: Ich denke, kaum. Man spricht hier von der Preiselastizität. Die Preise müssten um einen Faktor 3 oder 4 höher sein als heute, damit es zu Verhaltensänderungen kommt. Dia-Eddine: Und die Preiserhöhungen müssen auch für lange Zeit anhalten. Zwei bis drei Monate reichen nicht aus. Finden Sie nicht, Herr Rohrer, dass wir auch ein gesellschaftliches Problem haben und nicht nur ein politisches? Sind wir als Gesellschaft bereit, auf 5 Prozent unserer Lebensqualität und auf Konsum zu verzichten, um die Umweltziele zu erreichen? Wir könnten unsere Zimmertemperatur zu Hause von 21 Grad auf 19 oder 18 Grad senken und uns halt einen Pullover überziehen. Wir können zwar nicht von heute auf morgen sagen: «Ciao Russland, wir kaufen euer Gas und Öl nicht mehr.» Wir können aber vernünftigerweise unseren Konsum schon jetzt etwas reduzieren, zum Wohle der Umwelt. Rohrer: Ja, auf jeden Fall. Und es gibt auch genügend Untersuchungen, welche zeigen, dass weniger Konsum glücklicher macht. Von Wyl: Das stimmt schon, dass es diese Untersuchungen gibt, und trotzdem wollen viele Menschen nicht verzichten, obwohl man ihnen sagt: «Aber hört mal, ihr wärt dann doch glücklicher.» Rohrer: Einverstanden. Einerseits muss man den Leuten schon reinen Wein einschenken: Es wird eine drastische Veränderung geben, wenn man das Klima schützen will. Andererseits sollte man ihnen keine Angst einjagen: Es wird sicher nicht nur 18 Grad in der Wohnung haben, sondern 21 Grad anstatt 25, wie heute vielfach üblich. Wir müssen den Leuten die Angst vor Veränderungen nehmen, beispielsweise mit einem bedingungslosen Grundeinkommen oder anderen Grundsicherungen. Sie müssen sich sicher fühlen, sonst kommt jedes Mal – und sei die Änderung noch so klein – irgendeine Partei und schürt Angst, so nach dem Motto: «Ihr werdet untergehen, ihr werdet den Job verlieren ….» Wenn die Leute aber durch ein soziales Netzwerk abgesichert wären, dann würde die Energiewende wirklich möglich. von Wyl: Veränderungen machen immer Angst: Seien es Veränderungen bei der Arbeit oder im Familienalltag, wenn die Kinder ausziehen und so weiter. Solche Momente erleben viele als persönliche Krisensituationen. Kommt dann noch jemand und schürt weiter Angst, dann sind viele Menschen empfänglich für diese Botschaften. von Wyl: Ich habe über viele Jahre gehofft, dass es nie mehr einen solchen Krieg geben wird in Europa. Wir müssen jetzt aber einen Weg finden, wie wir damit umgehen, dass es bestimmte Menschengruppen gibt, die einfach ihre Interessen durchsetzen wollen, auch mit gewaltsamer Aggression – um das mal so allgemein auszudrücken. Jedenfalls kann ich gut nachvollziehen, dass die Ukraine sich verteidigen will mit kriegerischen Mitteln – auch wenn die Pazifistin in mir gerne hätte, dass der Krieg beendet wird. Da hat sich in mir etwas verändert. Aber sehr viel weiter bin ich da quasi noch nicht in meinen Überlegungen. Das ist ein Prozess, bei dem ich, wie viele von uns, anschauen muss, was dieser Krieg eigentlich für uns bedeutet und welche Haltung wir gegenüber Waffenlieferungen, Militär usw. haben. «Ich würde mir primär Frieden wünschen. Wenn wir Frieden mit der Natur schliessen würden, würden wir uns hoffentlich umsichtiger verhalten.» Jürg Rohrer Dia-Eddine: Es muss ein Gleichgewicht zwischen den gesellschaftspolitischen Prioritäten geben. Wir können nicht heute in die Umwelt investieren, morgen in soziale und gesundheitliche Entwicklung, dann wieder in die Bekämpfung der Pandemie und dabei alles andere vernachlässigen. Es braucht einen ganzheitlichen Blick und ein solidarisches Gleichgewicht der Interessen. Wir müssen uns stärker fragen: Wie können und sollen wir unser gesellschaftliches Zusammenleben gestalten? Wir sind da noch zu egoistisch unterwegs. Dia-Eddine: Das ist die schwierigste Frage (lacht). Für mich wäre das, dass die Menschen allgemein etwas vernünftiger werden. Dann wären auch unsere Politikerinnen und Politiker etwas vernünftiger. Dadurch könnten wir dann die Prioritäten richtig setzen. Wenn wir mit all dem Geld, das alle Mächte der Welt für Waffen ausgeben, soziale Projekte fördern würden, dann könnten wir auf dieser Erde sehr glücklich leben. Aber so einen Wunsch kann nur eine gute Fee erfüllen – leider. «Soziale Beziehungen sind der grösste Schatz, den wir haben.» Agnes von Wyl Rohrer: Ich würde mir primär Frieden wünschen, und zwar Frieden mit uns selbst, dann Frieden mit den anderen und ganz wichtig – Frieden mit der Natur. Wenn wir Frieden mit der Natur schliessen würden, dann sähen wir uns plötzlich wieder als Teil von ihr, als kleines Rädchen in diesem Uhrwerk, und würden uns dann hoffentlich auch umsichtiger verhalten. Das würde meiner Meinung nach sehr viel ändern auf der Erde. von Wyl: Ich würde mir wünschen, dass die Menschen soziale Beziehungen wieder mehr wertschätzen und Zeit dafür investieren und weniger für Konsum oder irgendwelche sozialen Medien, die nichts mit Beziehungen zu tun haben. Man sollte wieder mehr Freude am persönlichen Austausch haben. Das ist der grösste Schatz, den wir haben.

Mit künstlicher Intelligenz Lügen, Hass und Irreführung stoppen

Manche Lügen haben kurze Beine. Am 50. Tag nach der Invasion in der Ukraine meldete die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass den Verlust des Raketenkreuzers «Moskwa». Das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte sei in einem «schweren Sturm gesunken», schrieb Tass. Schon wenige Stunden später schrieb der Meteorologe Jörg Kachelmann auf Twitter: «Die ‹Moskwa› ist ganz sicher nicht wegen eines Sturms gesunken, weil es keinen Sturm gab.». Unter die Meldung stellte er einen Link zur Wetterkarte für den fraglichen Zeitpunkt. Tatsächlich: bloss ein laues Lüftchen vor der Küste. Das stützte die Darstellung der ukrainischen Streitkräfte. Sie hatten behauptet, die ‹Moskwa› mit Anti-Schiff-Raketen versenkt zu haben. Oft bleiben Fehlinformationen aber länger unwiderlegt. «Bei manchen Behauptungen sind die Fakten nicht so einfach verifizierbar wie das Wetter vor Odessa», sagt Pius von Däniken , der im Zentrum für Künstliche Intelligenz an Methoden forscht, mit denen sich problematische Inhalte auf Social Media erkennen lassen. Verdächtig ist alles, was sich unter Propaganda, Fake News und Verschwörungstheorien einreihen lässt. Auch toxische Diskurse wie Hassreden, Rassismus oder Belästigungen gehören dazu. Um solche Inhalte aufzuspüren, kommen verschiedene Ansätze in Frage. Wichtige Hinweise liefert zum Beispiel ein Blick auf die Herkunft. Immer wieder würden Profile geklaut und zur Verbreitung problematischer Inhalte missbraucht, sagt von Däniken. Oft zeige dies schon ein Blick auf die sogenannten Metadaten: Wie häufig wird gepostet? Wann genau? Mit welchen anderen Profilen gibt es Kontakte? «Auffällig ist zum Beispiel, wenn sich die Tageszeit ändert, zu der Beiträge veröffentlicht werden», erläutert der 31-Jährige. Womöglich hat sich die Aktivität plötzlich auf die Arbeitszeiten in der Zeitzone Chinas oder Moskaus verlagert? Auf einen automatisierten Versand deutet, wenn präzise alle 15 Minuten ein Beitrag online gestellt wird. Oder das Profil verbreitet unvermittelt Beiträge anderer Nutzer massenhaft weiter, die es zuvor noch nie geteilt hat. «Eine automatische Sperre wäre gefährlich, entscheiden müssen deshalb stets Menschen aus Fleisch und Blut.» Pius von Däniken, Zentrum für Künstliche Intelligenz der ZHAW Natürlich sind auch die Inhalte selbst aufschlussreich, etwa wenn Fluchwörter oder beleidigende Bezeichnungen Hinweis geben auf Hassreden. Die grosse Herausforderung ist aber die enorme Menge. Deshalb kommt bei solchen Textanalysen Natural Language Processing zum Zuge, eine Methode an der Schnittstelle zwischen Sprachwissenschaft und Informatik. Sie bildet einen wichtigen Forschungsschwerpunkt am Zentrum für Künstliche Intelligenz. Dabei wird natürliche Sprache algorithmisch verarbeitet. «Wir haben eine Werkzeugkiste mit Techniken, um verschiedene Probleme zu lösen», beschreibt Pius von Däniken das Vorgehen. Bei Social-Media-Profilen zum Beispiel ist häufig die Klassifikation der verbreiteten Inhalte gefragt. Geht der Tweet oder das gepostete Dokument als unbedenklich durch? Oder handelt es sich um einen problematischen Text? Im Prinzip könne man sich das ähnlich vorstellen wie beim Filter, der entscheidet, ob eine eintreffende Mail Spam ist oder nicht, sagt Pius von Däniken– «allerdings ist die Sache eine Spur komplexer». Für die automatische Erkennung von Fake News und Hassreden durch Künstliche Intelligenz interessiert sich auch die Eidgenossenschaft. Der Cyber-Defence Campus des Bundesamts für Rüstung (Armasuisse) treibt die Forschung in diesem Bereich voran. Die Cyber-Bedrohungen hätten deutlich an Bedeutung und Komplexität gewonnen «und wirken sich zunehmend kritisch für die Sicherheit unserer Gesellschaft aus», begründet dies Vincent Lenders, der Leiter des Campus, im Jahresbericht. Das ZHAW-Team, das sich am Zentrum für Künstliche Intelligenz auf Natural Language Processing spezialisiert hat, hat Armasuisse mit dem Forschungsprojekt « Erkennung von verdächtigem Verhalten in Social Media » in einer ersten Phase auf den neusten Stand der verschiedenen Erkennungsmethoden aufdatiert. Nun geht es in einer zweiten Phase um die Entwicklung eines Prognose-Tools für Hassreden, das auf künstlicher Intelligenz basiert. Es soll als Frühwarnsystem Hinweise darauf geben, ob eine Nutzerin oder ein Nutzer des Kurznachrichtendiensts Twitter demnächst Hassbotschaften verbreiten wird. Die Idee dahinter: So kann man die Hetze stoppen, bevor sie sich im Netz verbreitet. Trainiert wird das Tool mit einem Datensatz von rund 200 Twitter-Profilen. Etwa die Hälfte davon fiel schon häufig auf mit eindeutigen Hassbotschaften, beleidigenden oder anstössigen Inhalten. Die Bewertung der Inhalte wurde von drei Personen vorgenommen. Die übrigen Profile haben allenfalls mal etwas Verdächtiges veröffentlicht. «Das muss aber noch nichts heissen», präzisiert von Däniken die Einstufung der zweiten Gruppe. Der Fall sei nicht immer klar, zum Beispiel weil Informationen zum Hintergrund der jeweiligen Person fehlen. Es habe einen anderen Stellenwert, ob eine Jüdin einen Judenwitz poste oder ob das ein Neonazi tue. Hinzu komme, dass sich die drei bewertenden Personen oft uneinig gewesen seien, ob ein Inhalt anstössig sei oder nicht. «Von allen Profilen haben wir anschliessend die gesamte Timeline untersucht, also das komplette bisherige Verhalten auf Twitter», sagt von Däniken. Dazu gehören nicht nur die bisherigen verschickten Mitteilungen. Einbezogen wurde auch das Netzwerk um das einzelne Profil herum, also der Einfluss durch andere. Klar: Zu den Indikatoren für Veränderungen gehört auch das, was der jeweilige Nutzer, die jeweilige Nutzerin aktuell liest. «Unser Ziel ist es, die Einflüsse zu modellieren, die zu dieser Verhaltensänderung führen, um präventiv aktiv zu werden.» Pius von Däniken, Zentrum für Künstliche Intelligenz der ZHAW Interessant sind nicht die klaren Fälle, die schon von Beginn weg hasserfüllte Beiträge posten. Spannender ist vielmehr eine zweite Gruppe: die tendenziell Verdächtigen. Sie wurden vielleicht bei einer bestimmten Gelegenheit mal sauer und veröffentlichten dann etwas Problematisches. Bei vielen blieb es dabei. Andere hingegen beginnen sich zu radikalisieren. Sie rutschen in eine regelrechte Hass-Spirale ab und verbreiten dann bald regelmässig Hassbotschaften. «Unser Ziel ist es, die Einflüsse zu modellieren, die zu dieser Verhaltensänderung führen», sagt der Forscher. Die entsprechenden Profile stehen fortan unter Beobachtung. Und wenn Hassbotschaften drohen, soll das Prognose-Tool Alarm schlagen, damit die Verbreitung rechtzeitig gestoppt werden kann. Eine andere Möglichkeit wäre es, die Person darauf aufmerksam zu machen, dass sie jetzt die Grenze des Zulässigen überschreitet. Wird das Konto automatisch gesperrt? Das wäre Pius von Däniken nicht geheuer. Zensur habe immer auch eine ethische Komponente, sagt er, es bestehe die Gefahr, dass man die Meinungsäusserungsfreiheit ungerechtfertigt einschränke: «Ein Automatismus wäre gefährlich, entscheiden müssen deshalb stets Menschen aus Fleisch und Blut.» Der Forscher hält diesen Weg auch für bedeutend effizienter. Ein solches Tool könne seine Vorteile dann ausspielen, wenn es mit einer Vorselektion verdächtigen Inhalt zusammentrage und dann den Menschen entscheiden lasse. Im Erkennen von verdächtigen Mustern sind Maschinen stark. Sie können blitzschnell die riesigen Datenberge durchforsten, die Social-Media-Profile Stunde für Stunde im Internet produzieren. «Beim Entscheiden hingegen ist der Mensch effizienter», betont von Däniken. Der Mensch arbeitet dann die nach Auffälligkeit hierarchisierten Problemfälle zügig ab. Menschen seien besser darin, passable Witze von Hassrede zu trennen. Oder Anstössiges von Harmlosem zu unterscheiden – anders als etwa der Facebook-Algorithmus, der sich in der Vergangenheit mit der Zensur der steinzeitlichen Statue «Venus von Willendorf» und vieler anderer etablierter Kunstwerke wegen angeblicher Anstössigkeit mehrfach blamierte. Dasselbe gelte bei der zielgerichteten Beschaffung der entscheidenden Fakten, um den Wahrheitsgehalt einer fragwürdigen Nachricht zu überprüfen. Der Mensch sei besser darin, situativ die relevanten Punkte zu erkennen und punktuell mit der richtigen zuverlässigen Quelle abzugleichen und so wie bei der «Moskwa» Sturm von Flaute, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden. Thomas Müller

Nahrungsmittel zwischen Territorium und Tank

Bisher glaubten wir, in der Landwirtschaft alles im Griff zu haben: Mit Pflanzenschutz und mineralischen Düngemitteln, technologischen Möglichkeiten, Maschinen sowie modernen Monokulturen können wir die Lebensmittelherstellung kontrollieren und die Weltbevölkerung ernähren. Doch allmählich müssen wir erkennen, dass dies eine Illusion und die Welt doch viel komplizierter ist: Biologische Systeme und dynamische Witterungsverläufe lassen sich nicht einfach kontrollieren. Im Gegenteil: Die moderne Landwirtschaft droht global zu scheitern. Infolge der wachsenden Bevölkerungszahlen sieht sich die Landwirtschaft einer steigenden Nachfrage ausgesetzt. Gleichzeitig unterliegt die gesamte Wertschöpfungskette einem zunehmenden Qualitäts- und Preisdruck. Trotz der Sensibilisierung für Fragen der Nachhaltigkeit ist die Herstellung landwirtschaftlicher Produkte von einer Preisoptimierung geprägt, die bis hin zu Warentermingeschäften reicht. Agrarprodukte werden zu Spekulationsobjekten. Konzentrationen im Handel, technologische Möglichkeiten und das ökonomische Prinzip haben einen entsprechenden Anpassungsdruck in der Urproduktion ausgelöst. Dies führt vielerorts zu einer Konzentration der Flächen auf immer weniger Betriebe. Die Auswirkungen für die Bäuerinnen und Bauern sind global bedrohend. Unter diesem Eindruck der Situation auf der Welt wächst in den reifen Volkswirtschaften das Bewusstsein für die Wirkung unseres Handelns und gleichzeitig die Sehnsucht nach einer intakten Umwelt. Durch die Verarbeitung von Agrarprodukten wird in Form von Lebensmitteln ein Werk geschaffen, das durch seine Herstellung eine Wirkung auf die Umwelt und die Konsumenten hat. Waren bisher die relevanten Fragen, die sich Konsumentinnen und Konsumenten stellen, etwa: Woher und von wem kommt das Lebensmittel? Wie wurde es hergestellt? Was ist enthalten? Wie wurde es gehandelt und wer hat was dafür erhalten? Kommen nun einige wesentliche Elemente hinzu: Gefragt wird auch: Verletzt die Herstellung oder das Produkt mich, meine Familie, andere Menschen, Haus- und Nutztiere oder die Umwelt? «Insbesondere pflanzliche Zellkulturen bieten eine Chance, Umwelteffekte der Nahrungsmittelproduktion zu mildern und einen Prozessmusterwechsel im Agro-Food-System zu ermöglichen.» Unser Planet, dieser einzigartige Ort im Weltraum, soll demnach als Gemeineigentum aller Lebewesen erhalten bleiben. Damit verbunden sind Erwartungen, dass resiliente, regenerative landwirtschaftliche Systeme aufgebaut und gestärkt werden, die die Weltbevölkerung kostengünstig und vielfältig mit Nahrungs- und Genussmitteln versorgen und dabei den Lebensraum nicht nur für die Menschen erhalten. Was ist also die Lösung? Mehr Biodiversität ist ein Versuch, die vielfältigen Herausforderungen zu lösen, ein anderer die gezielte Pflanzenzüchtung bis hin zur genetischen Veränderung. Insbesondere pflanzliche Zellkulturen bieten eine Chance, Umwelteffekte der Nahrungsmittelproduktion zu mildern und einen Prozessmusterwechsel im Agro-Food-System zu ermöglichen. Die Bio-Technologie der Bierherstellung ist die Blaupause einer Zellkulturfabrik in Form einer «Kulturei». Durch die Biotransformation von Getreideinhaltsstoffen konnte ein Nahrungsmittel erzeugt werden, das mit zunehmendem Fermentationsgrad nicht nur eine hohe Energiedichte, sondern auch eine berauschende Wirkung hat – das Bier. Die Herstellung pflanzlicher Zellkulturen basiert allgemein auf einem Kulturmedium, das im Wesentlichen aus Kohlenhydraten und Aminosäuren besteht. Hier ist die Zellkultur noch auf die territoriale landwirtschaftliche Erzeugung – womöglich regional und nachhaltig angebaut – angewiesen. Zuckerrüben und Hülsenfrüchte (Leguminosen) zum Beispiel produzieren diese Kohlenhydrate sowie andere wichtige Medienbestandteile wie Aminosäuren aus Wasser, Nährstoffen, Kohlendioxid (CO 2 ) sowie Stickstoff ( N 2 ) aus der Luft und mit Hilfe der Energie der Sonne. Die Zellen für die Vermehrung werden aus dem Ursprungsgewebe der Pflanzen – beispielsweise der Kakaobohne – entnommen und ohne genetische Veränderung in eine Stammkultur überführt. «Mehr vom Guten aus der Pflanze kann so für die Humanernährung bei Verminderung des Ressourcenverbrauchs bereitgestellt werden.» Danach findet die Vermehrung der Kulturen in einem speziellen Tank statt, in dem man die Umweltbedingungen beeinflussen kann: Temperatur, Gashaushalt, mechanische Bewegung, Licht und andere Faktoren können in diesem System genau überwacht und gesteuert werden. So können einfache Substrate wie Zucker und Aminosäuren biologisch in für die Humanernährung wichtige Moleküle aus dem sekundären Pflanzenstoffwechsel transformiert und veredelt werden. Mehr vom Guten aus der Pflanze kann so für die Humanernährung bei Verminderung des Ressourcenverbrauchs bereitgestellt werden. Fehlproduktionen, verbunden mit Foodwaste, sowie Nebenströme bleiben die Ausnahme – alle Ströme werden zu Hauptströmen. Im Vergleich zu einem Freilandkultursystem, bei dem viele Faktoren, insbesondere das Klima, nicht beeinflussbar sind und nur unvollständig prognostiziert werden können, hat dieses Kultursystem einen entscheidenden Vorteil – es bleibt überschau- und damit kontrollierbar. Die so erzeugten Lebensmittelgrundstoffe erfüllen definierte und überwachte Eigenschaften und reduzieren damit Komplexität und den Ausschuss bei ihrer Verarbeitung und der Herstellung von Lebensmitteln. Die Ernte der Zellkulturen ist im Vergleich zu Freilandkulturen mehrfach umsetzbar. Wo in besonders fruchtbaren Regionen zwei oder drei Ernten pro Jahr möglich sind, können im Reaktor heute 12 bis 18 Ernten realisiert werden. Diese Verdichtung erklärt den wesentlich geringeren Flächenbedarf, der dazu versiegelt werden muss. Ferner tritt keine Zerstörung der Biodiversität durch die monokulturelle Nutzung der Böden ein, vorausgesetzt, die Medien werden regenerativ, unter Einsatz der Mehrfelderwirtschaft produziert. Die Vorteile der Zellkultur liegen neben einer intensiven Kontrolle der Kulturbedingungen, einschliesslich des Mediums, also in den Umwelteffekten. Missbrauch, Pestizideinsatz, Umweltkontaminationen und Transport entfallen oder sind zumindest deutlich besser kontrollierbar. Die Lebensmittel aus dem Tank, die das Dilemma des Umweltverbrauchs möglicherweise mildern können, erzeugen jedoch gleichzeitig ein anderes: Die Situation der Urproduzentinnen und Urproduzenten wird durch die Bedrohung ihrer Lebensgrundlage verschärft. Durch den Einsatz der Zellkulturtechnik wird die landwirtschaftliche Produktion ergänzt, vielleicht sogar teilweise ersetzt. Die Nettowohlfahrtseffekte können nur positiv gehalten werden, wenn die Konsequenzen für die Bäuerinnen und Bauern in der landwirtschaftlichen Urproduktion berücksichtigt werden. Dort, wo genetische natürliche Ressourcen für Zellkulturen genutzt werden, muss für diese ein Ausgleich erfolgen, der es ihnen ermöglicht, zu regionalen und lebensraumverträglichen Strukturen zurückzukehren. Das Nagoya-Protokoll weist die Richtung. Es sieht unter anderem vor, dass diejenigen, welche genetische natürliche Ressourcen oder traditionelles Wissen, das sich darauf bezieht, bereitstellen, an den Vorteilen der Nutzung teilhaben sollen. Der Aufbau von regionalen «Kultureien» in Verbindung mit einer nachhaltigeren Lebensmittelproduktion kann also einerseits den Fussabdruck für die Produktion vermindern und andererseits durch eine an der Produktion orientierte monetäre Transferleistung die Rückkehr zu einer regenerativen Landwirtschaft unterstützen. Ob die Deterritorialisierung der Landwirtschaft durch pflanzliche Zellkulturen eine Lösung für die ganze Welt sein kann oder doch nur für die sogenannte erste Welt, muss sich weisen. Ohne das etablierte Ernährungssystem wird es aber so schnell wohl nicht möglich sein, die wachsende Weltbevölkerung vor Hunger zu bewahren. Dennoch braucht es eine dringende Reform der Lebensmittelproduktion und des ganzen Ernährungssystems, damit nicht noch mehr Menschen zu wenig zu essen haben oder ausgebeutet werden, und nicht zuletzt, damit die Umwelt nicht weiter zerstört wird. Tilo Hühn

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