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Martina Hirayama: «Ziel ist, dass wir voll assoziiert werden bei Horizon Europe»

Martina Hirayama: Es gibt keine rechtliche und keine materielle Verbindung zwischen den beiden Dossiers. Wie die EU mit dem Entscheid der Schweiz zum institutionellen Abkommen in Bezug auf unsere Assoziierung umgehen wird, das kann Ihnen nur die EU beantworten. Wir sind parat für eine weitere Teilnahme. Bundesrat und Parlament haben Ende 2020 über sechs Milliarden Franken gesprochen, damit sich die Schweiz für die Jahre 2021 bis 2027 voll assoziieren kann. Das Verhandlungsmandat ist verabschiedet. Seit dem 12. Mai ist auch die EU bereit für Verhandlungen mit interessierten Partnerländern. Für den Bundesrat ist es die klare Zielsetzung, dass wir voll assoziiert werden. Darauf arbeiten wir hin. Wir könnten die Pflichtbeiträge, die für eine Zahlung an Horizon Europe­ für die EU vorgesehen sind, auch für die direkte Finanzierung von Schweizer Beteiligungen an Verbundprojekten von Horizon Europe nutzen. Sollte eine Assoziierung erst verspätet möglich sein, können wir auch hier ­direkt finanzieren. Man muss hier zwischen den Erfolgen in der Forschung und Entwicklung und jenen in der Gestaltung der Rahmenbedingungen unterscheiden. Unsere Aufgabe ist es ja, gute Rahmenbedingungen bereitzustellen, damit all die klugen Köpfe ihr Potenzial entfalten können. Daher ist ein Meilenstein sicher die Verabschiedung der BFI-Botschaft 2021 bis 2024 . Mit über 28 Milliarden Franken fördert der Bund Bildung, Forschung und Innovation (BFI) für die nächsten vier Jahre. Das sind zwei Milliarden mehr als in der Vorperiode. In einzelnen Bereichen hat das Parlament gegenüber den Vorschlägen des Bundesrates sogar noch aufgestockt. Der zweite Meilenstein ist eben die Mittelzusprache für das vorhin erwähnte Horizon-Paket. Mit beiden Dossiers wird die hohe politische Priorität des Bereichs BFI bestätigt. Aus Sicht der Forschenden ist es eine grosse Herausforderung, eine Finanzierung für eine gute Idee zu bekommen. Dann aber auch die nationale und die internationale Vernetzung: Man sieht in vielen Bereichen, dass die Arbeit in Forschungsverbünden und Netzwerken immer wichtiger wird. Ein kleines Forschungsteam alleine kann oft nicht so viel bewirken, wenn wir die heutigen und zukünftigen Herausforderungen anschauen, die wir als Gesellschaft zu meistern haben. In erster Linie geht es darum, die bes­ten Projekte auszuwählen und Exzellenz oder Innovationspotenzial als Massstab für eine Förderung zu nehmen. Dabei ist auch eine Heraus­forderung, die Diversität der Art der Förderung zu stärken, denn verschiedene Fachbereiche haben unterschiedliche Kulturen oder andere Rahmenbedingungen. Und damit auch andere Bedürfnisse. Hier muss man die ganze Förderkette anschauen – von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung – und analysieren, ob es irgendwo Lücken gibt und gute Ideen deshalb keine Finanzierung finden. Anwendungsorientierte Forschung fördert der Bund eher zurückhaltend, betrachtet man das Budget der Förderagentur Inno­suisse, das gerade mal ein Viertel von dem beträgt, was dem Schweizerischen Nationalfonds für die Förderung von Grundlagenforschung zur Verfügung steht. Ich würde das aus verschiedenen Gründen nicht so interpretieren. Erst mal braucht jede Innovation eine gute Grundlagenforschung. Und zweitens würde ich mir die Bewilligungsquoten anschauen, die bei der Innosuisse bei über 50 Prozent liegen. Das ist eine gute Grössenordnung, bei der man davon ausgehen kann, dass die guten Ideen und Projekte, die wirklich zur Innovation beitragen, auch gefördert werden. Auch beim SNF sind die Bewilligungsquoten gut, im Vergleich zu den tieferen Quoten im europäischen Kontext. Wichtig am Schweizer Innovationsförderungssystem ist zudem, dass die Unternehmen eine Eigenleistung aufbringen müssen, wenn sie sich zusammen mit Hochschulen um Innosuisse-Fördergelder bewerben. Das ist für uns der Gradmesser, dass wir Projekte fördern, bei denen ein Interesse bei den Umsetzungspartnern besteht. Wie an der ZHAW auch, haben wir im SBFI von heute auf morgen umgestellt auf virtuellen Austausch und Homeoffice. In der aktuellen ­Situation ist das auf der internationalen Ebene sehr herausfordernd, weil bei Treffen auf dem internationalen Parkett die informellen Elemente extrem wichtig sind. Eine virtuelle Konferenz – ob in der Forschung oder auf Ministerratsebene – beschränkt sich auf die verschiedenen Inputs, und das war’s. Davon abgesehen, hat sich in der Pandemie gezeigt, wie wichtig die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Politik und zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist. Wir müssen uns noch mehr damit beschäftigen, wie wir das, was in der Wissenschaft an Wichtigem und Hervorragendem geleistet wird, gut kommunizieren, sodass auch jene es verstehen und nutzen können, die als Mitglied der Gesellschaft oder der Politik weiter entfernt sind von Wissenschaft. «Die Forschenden in der Schweiz wissen viel früher, was sich an spannenden Themen ergibt, als die ­Verwaltung oder die Politik dies erkennen.» Kurzfristig haben natürlich die Forschungsthemen zu Impfstoffen und Medikamenten im Kontext von Covid-19 enormen Schub und eine Zusatz­finanzierung erfahren. Seitens Bund haben wir diesbezüglich zwei neue nationale Forschungsprogramme lanciert: Eines hat man letztes Jahr im April gestartet, wo es um mehr Wissen über das Virus, neue epidemiologische Forschung und immunologische und therapeutische Ansätze geht. Ein anderes startete kürzlich und konzentriert sich auf die gesellschaftlichen Aspekte und Auswirkungen der Pandemie. Mittel- und langfristig denke ich, dass Themen wie Versorgungs­sicherheit, Big Data, Künstliche Intelligenz, Quantencomputing, nachhaltige Entwicklung sowie Ener­gieversorgung wieder stärker in den Vordergrund treten werden. Aber nicht nur was geforscht wird, verändert sich, auch das Wie. Die internationale Vernetzung wird noch wichtiger werden, ebenso wie der Bereich Open Science – also eine ­offene und transparente Forschung. «Neue Technologien können in eine gute Richtung begleiten, aber wenn wir etwas ändern wollen, dann geht das nur, wenn wir unser Verhalten ändern.» Die Forschungscommunity hat sich klar für Open Science ausgesprochen. Hinsichtlich Open Access ist man schon sehr weit, das heisst,­ dass wissenschaftliche Publikationen öffentlich zugänglich sein sollen. Der nächste Schritt, der sehr herausfordernd ist, ist der Bereich Open Research Data: Hier geht es darum, wie man die Daten so zugänglich machen kann, dass sie von anderen für weitere Forschung und Innovation wirklich genutzt werden können. Es ist wichtig, dass wir in der Schweiz hierfür einen gemeinsamen Rahmen finden. Junge Forschende, die aufgewachsen sind in der vernetzten und gläsernen digitalen Welt, gehen vielleicht anders damit um, haben weniger Bedenken für die Offenlegung ihrer Forschungsdaten. Doch bei allem dürfen wir die ethischen Fragestellungen und den Datenschutz nicht aus den Augen verlieren. Die Schweiz als ein in Forschung und Innovation starkes Land sollte dazu beitragen, an der Lösung globaler Probleme mitzuwirken – so auch beim Klimawandel. Auf Bundesebene haben wir die nachhaltige Entwicklung als transversales Thema der BFI-Botschaft formuliert, weil dieses Thema nicht in vier Jahren erledigt sein wird und weil es alle Bereiche von der Berufsbildung über die Hochschulen bis hin zur Forschung betrifft. Aus Forschungsperspektive scheint mir eine gesamtheitliche Betrachtung wichtig. Am Ende kann man zwar mit neuen Technologien und Entwicklungen Dinge in eine gute Richtung begleiten, aber wenn wir wirklich etwas verändern wollen, dann wird das nur funktionieren, wenn wir an unserem Verhalten arbeiten. Um dieses gemeinsame gesellschaftliche Verständnis zu erreichen, hat auch die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung noch viel zu tun. Der Bundesrat wird sich demnächst damit beschäftigen, wie der Schuldenabbau erfolgen soll. Wie auch immer der Rahmen ausfallen wird, der BFI-Bereich ist gut unterstützt und wird prioritär behandelt. Sie leisten einen wichtigen Beitrag, um die Unternehmen und Organisationen als Innovationsmotoren zu unterstützen. Der Bundesrat hat ein Impulsprogramm verabschiedet, um Unternehmen zu helfen, in dieser herausfordernden Zeit innovativ zu sein. Da spielen die Fachhochschulen eine sehr grosse Rolle. «Ich bin sehr froh, dass wir Fachleute haben, die uns helfen, gute rote Linien zu formulieren. Ich würde mir nicht anmassen wollen, zu sagen, wo genau diese Grenzen in der Forschung verlaufen sollten.» Das Schweizer Forschungs- und Innovationsfördersystem ist durch ein Bottom-up-Prinzip geprägt. Die Forschenden wissen viel früher, was sich an spannenden Themen ergibt, als Verwaltung oder Politik dies erkennen. Ich nehme das Beispiel Quantencomputing: Bevor das Thema in Politik und Medien diskutiert wurde, haben unsere Forschenden schon lange damit gearbeitet. Unsere Aufgabe ist es, zu schauen, dass diese hellen Köpfe gute Rahmenbedingungen haben. Es gibt ethische Fragestellungen, die nicht einfach zu beantworten sind. Ich bin sehr froh, dass wir Fachleute haben, die uns helfen, gute rote Linien zu formulieren. Ich würde mir nicht anmassen wollen, zu sagen, wo die Grenzen verlaufen sollen. Interview Patricia Faller

Die sowjetische Vergangenheit ist noch sichtbar

Im Vorfeld waren viele irritiert: Nach Kirgistan? Im Winter? Für mich war es aber eine einmalige Gelegenheit. Zur Vorbereitung besuchte ich einen Russischkurs, denn neben Kirgisisch ist Russisch noch immer eine offizielle Landessprache. Wichtig war mir, die kyrillischen Buchstaben zu lernen. Für Gespräche reichte es nicht, aber immerhin konnte ich lesen. In meinem Praktikum an der Kirgisisch-Türkischen Manas Universität untersuchte ich Erwinia amylovora , ein Bakterium, das die Pflanzenkrankheit Feuerbrand verursacht. Ich hatte in der Schweiz bereits eine Semesterarbeit dazu verfasst. Mein Team nahm mich sehr gut auf. Zu Beginn begegneten sie mir mit grossem Respekt, was mir unangenehm war. Ich war dort, um etwas zu lernen. Dass ich auch ihnen etwas beibringen konnte, war sehr schön. Die Kommunikation war zwar erschwert, aber wir fanden immer einen Weg, uns zu verständigen. Wichtig ist, dass man offen und respektvoll miteinander umgeht. Allgemein erlebte ich die Menschen als sehr nett: Autos halten an, wenn jemand über die Strasse geht, und Männer bieten im Bus den Frauen ihre Sitzplätze an. Ich wohnte in einer 2,5-Zimmer-Wohnung im Zentrum von Bischkek. Die Miete war mit 300 Dollar pro Monat für mich sehr günstig, für viele Einheimische ist das jedoch mehr als ein Monatslohn. Ich genoss es in vollen Zügen, auswärts zu essen, vor allem einheimische, türkische und japanische Küche. Im Stadtbild von Bischkek ist die sowjetische Vergangenheit noch gut sichtbar: grosse Plätze und breite Strassen. Viele Junge sprechen Russisch miteinander. Die ältere Generation, die die Besatzung miterlebt hat, ist hingegen eher russlandkritisch. Neben dem Traditionellen hat Bischkek auch viel Modernes: Alle haben Smartphones, das Internet ist schnell, es gibt viele Einkaufszentren, mit denselben Geschäften wie in Westeuropa. Bei Ausflügen sah ich aber auch eine andere Seite. In ländlichen Regionen lebt die Bevölkerung in sehr bescheidenen Verhältnissen. Landschaftlich ist Kirgistan imposant: Berge, Flüsse, viel unberührte Natur. Das Land ist etwa fünfmal grösser als die Schweiz, hat aber ein Drittel weniger Einwohner. Leider kam mein Aufenthalt wegen Corona zu einem abrupten Ende, sodass ich meine weiteren Reisepläne begraben musste. Meine Zeit in Kirgistan hat mir gezeigt, dass nicht alles selbstverständlich ist. In der Schweiz hinterfrage ich Wahlergebnisse oder die Integrität der Polizei nicht. Die Kirgisen hingegen haben kaum Vertrauen in den Staat. Dafür sehr viel Familien- und Gemeinschaftssinn, was mir gut gefallen hat. Aufgezeichnet von Sara Blaser

Debatte: Ist die Qualität von Forschenden an der Zahl ihrer Publikationen messbar?

Angesichts der beschleunigten Wissensproduktion steigt auch die Zahl der Publikationen exponentiell an. Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl wissenschaftlicher Aufsätze weltweit pro Jahr um 9 Prozent steigt. Angesichts dieser Entwicklung fürchten Kritiker, dass die Qualität der Veröffentlichungen beziehungsweise der Forschung, die ihnen zugrunde liegt, sinkt. Das Problem sehe ich aber nicht in einem zu grossen, sondern eher in einem kleinen Output. Denn mangels Zeit oder finanzieller Mittel kommen Forschende längst nicht dazu, alle Ergebnisse ihrer harten Arbeit zu veröffentlichen, weil sie sich – kaum ist der Abschlussbericht erstellt – bereits um die nächsten Projektfinanzierungen kümmern müssen. Das gilt vor allem für Forschende an Fachhochschulen, die ihre Arbeit weitgehend über projektbezogene Drittmittel finanzieren müssen. «Das bahnbrechendste Ergebnis nützt nichts, wenn es im stillen Kämmerchen bleibt.» Das bahnbrechendste Forschungsergebnis nützt aber nichts, wenn Forschende die Erkenntnisse im stillen Kämmerchen für sich behalten. Das dient weder der eigenen Karriere noch der wissenschaftlichen Gemeinschaft oder der Gesellschaft. Wenn ein Astronom einen neuen Planeten entdeckt, dann muss das die Welt wissen. Erst wenn eine Arbeit publiziert wurde, können andere darauf zugreifen, darüber diskutieren, sie zitieren und die Gedanken in eigenen Forschungen weiterführen. So kann neues Wissen entstehen, sich verbreiten und die Qualität der Forschungsarbeit geprüft werden. Deshalb gehe ich davon aus, dass Forschende auch im eigenen Interesse nur Gehaltvolles veröffentlichen. Grundsätzlich ist ein regelmässiges Publizieren wichtig für eine erfolgreiche akademische Karriere und für die Akquisition von Fördermitteln. «Erst wenn eine Arbeit publiziert wurde, können andere darüber diskutieren und die Gedanken weiterführen.» Bei wissenschaftlichen Erkenntnissen, die von allgemeinem Interesse sind und mit öffentlichen Mitteln gefördert wurden, hat die Gesellschaft auch ein Recht darauf, von diesem Fortschritt zu erfahren. Das allgemeine Interesse an Wissenschaft hat angesichts der Pandemie und des Klimawandels zugenommen. Deshalb sollte das Wissen nicht nur in wissenschaftlichen Fachpublikationen veröffentlicht werden, sondern auch in Tages- und Wochenzeitungen sowie Magazinen. Spätestens seit den öffentlichen Diskussionen um neue Erkenntnisse hinsichtlich Covid-19 ist weiten Teilen der Bevölkerung ins Bewusstsein gerückt, welche Qualitätskriterien an wissenschaftliche Studien angelegt werden müssen. Wichtig ist eben, dass die Erkenntnisse einen Beurteilungsprozess durch andere unabhängige Fachleute durchlaufen, dass Forschungsdesigns, statistische Analysen und Ergebnisse überprüft werden können und Experimente wiederholbar sind. All das dient der Glaubwürdigkeit von Forschung. Wissenschaftliche Glaubwürdigkeit ist in Zeiten von Fake News und Verschwörungsthesen enorm wichtig. Viel publizieren ist also grundsätzlich ein gutes Zeichen für Forschende, sofern die Qualität überprüfbar ist. Ich teile die Meinung, dass man Ergebnisse von Forschung, die aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, öffentlich zugänglich machen sollte, sei es in Fachartikeln oder in populärwissenschaftlichen Artikeln für die Allgemeinheit. Forschung, die keine publizierbaren Ergebnisse liefert, muss sich im Gegenteil der Frage stellen, ob es sich überhaupt um eine Forschungstätigkeit handelt. Aktuell sehe ich aber ein Problem in manchen Verlagen, die das grundsätzlich sehr zu begrüssende Open-Access-Prinzip – also den freien Zugang zu Forschungsergebnissen – zum Geschäftsmodell erhoben haben. Hierbei zahlen die Autorinnen und Autoren für die Veröffentlichung, der Zugriff für die Leserschaft ist offen und kostenlos. Um den Profit zu maximieren, nehmen diese Verlage fast alles an. Es gibt kaum eine fachliche Überprüfung. Veröffentlichungen in solchen sogenannten «Predatory Journals» – auf Deutsch «räuberische Fachzeitschriften» – schaden eher dem Ruf der Forschung beziehungsweise der Autoren. Fragwürdig ist auch eine Mehrfachverwertung, bei der mehrere Artikel mit sich stark überschneidendem Inhalt veröffentlicht werden, um die blosse Zahl der Publikationen zu erhöhen. «Um den Profit zu maximieren, nehmen gewisse Verlage fast alles an. Es gibt kaum eine fachliche Überprüfung.» Die blosse Zahl an Publikationen ist also kein hinreichendes Qualitätskriterium. Es kommt beim Publizieren auf das Wo und Wie an: Ein Fachartikel in einer angesehenen wissenschaftlichen Fachzeitschrift ist ganz anders zu gewichten als ein Artikel zum Beispiel für die Mitgliederzeitschrift eines Branchenverbandes oder ein Preprint (Vorabdruck), der ganz ohne Review durch andere Expertinnen und Experten auf dem Gebiet erscheint. Denn bei seriösen Medien ist ein sogenannter strenger Peer-Review-Prozess selbstverständlich, bei dem möglichst unabhängige Fachleute das Paper oder die Monografie auf wissenschaftliche Güte prüfen. «Ein besserer Indikator für die Bedeutung der Forschung und den «Impact» ist, wie oft ein Artikel zitiert wird.» Ein besserer Indikator für die Bedeutung der Forschung und den «Impact» in der Fachwelt ist vielmehr, wie oft ein Artikel zitiert wird. Hierfür existieren diverse numerische Indikatoren, die die Publikationstätigkeit eines Forschers in einem einzigen numerischen Wert abbilden. Ein populäres Beispiel ist der Hirsch-Index (H-Index), eine Kennzahl für die weltweite Wahrnehmung eines Wissenschaftlers in Fachkreisen. Er misst, wie viele Artikel mit welcher Häufigkeit zitiert wurden. Zum Beispiel bedeutet H=50 , dass ein Forscher Autor von 50 Publikationen ist, die mindestens 50 Mal zitiert wurden. Ganz unproblematisch ist aber auch diese Kennzahl nicht, da es in verschiedenen Disziplinen teilweise unterschiedliche Praktiken gibt, was die (Ko-)Autorschaft und Zitierweise angeht. Für transdiziplinäre Vergleiche sind diese Indikatoren also auch kein sehr verlässlicher Massstab. Oder es kommt vor, dass sich Forschende immer wieder selbst zitieren, was zur Verfälschung beiträgt. Deshalb sollte man bei der Beurteilung von Forschenden und ihrer Leistungen nicht alles auf eine Zahl setzen.

Die vielfältige Welt der Labs an der ZHAW

Die ZHAW betreibt viele verschiedene Labs – kleine Think Tanks und Experimentierumgebungen –, die sich durch eine grosse Vielfalt auszeichnen. Mit ihnen sollen Kernkompetenzen in ausgewählten Themengebieten in Projekte mit externen Partnern eingebracht und Dienstleistungen sowie Weiterbildungen für externe und interne Kunden angeboten werden. Zum Teil werden diese Labs in Kooperation mit anderen Hochschulpartnern betrieben. Zwei davon sind interdepartemental ausgerichtet – das ZHAW Datalab und das ZHAW Digital Health Lab. Das ZHAW Digital Health Lab ist eine virtuelle, interdepartementale Organisation der ZHAW, die mehrere Abteilungen und Institute umfasst. Es vereint Expertinnen und Experten aus den Bereichen Biomedizin, Gesundheit, Technologie und Wirtschaft, die zusammen Innovationen für die Digitalisierung im Gesundheitswesen schaffen. Digital Health stellt das Individuum in den Mittelpunkt und möchte die Gesundheitsversorgung präziser, personalisierter und präventiver gestalten. Als Kompetenznetzwerk erarbeitet es gemeinsam mit Partnern Lösungen zu aktuellen Herausforderungen im Gesundheitssektor. Das ZHAW Digital Health Lab wurde 2018 ins Leben gerufen und wird von einem sechsköpfigen Vorstand geleitet. Kontakt Die Forschungsgruppe Service Engineering (SE) beschäftigt sich mit Cloud Computing und Servicesystemen. Die Gruppe bietet ihre Kompetenzen in den Bereichen Cloud Computing (Infrastruktur- und Plattformdienste) sowie Service Prototyping und Engineering an. Das Ziel ist es, Ergebnisse aus der angewandten Forschung in Produktinnovationen zu überführen. Deshalb arbeitet die Gruppe mit vielen Schweizer und auch internationalen Unternehmen zusammen. Die Kenntnisse aus der Forschung sollen aber auch in die Aus- und Weiterbildung übertragen werden. Kontakt Das Digital Mobility Lab (DML) bildet die methodische und technologische Basis für Forschungs- und Entwicklungsprojekte im Themenbereich der Plattform und in der Lehre des Studiengangs Verkehrssysteme. Forschende und Studierende können dabei gleichermassen die verfügbaren Software-Werkzeuge nutzen. Im Rahmen von Projekten und studentischen Arbeiten wird das DML laufend weiterentwickelt. Kontakt Mobilgeräte wie Smartphones oder Touchpads haben sich in den letzten Jahren rasant ausgebreitet, und immer mehr Software wird speziell für diese Mobilgeräte entwickelt. Da die touch-, gestik- und sprachbasierte Interaktion mit diesen Mobilgeräten grundlegend verschieden ist von der Interaktion mit herkömmlichen Desktop-Computern, gewinnt die Auseinandersetzung nicht nur mit der Technologie, sondern auch mit dem Design und der Usability dieser neuen Interaktionsmöglichkeiten schnell und stark an Bedeutung. Das Mobile Usability Lab des InIT befasst sich mit mobilen Applikationen und Services und bietet seine Kompetenzen unter anderem in den folgenden Bereichen an: Sprachverarbeitung mit Deep-Learning-Ansätzen, Entwicklung von mobilen Applikationen und Services (Android, iOS, HMTL5) und Mobile Usability Engineering & Testing. Das Mobile Usability Lab führt angewandte F&E-Projekte mit Industrie- und Hochschulpartnern durch und bietet weitere Dienstleistungen in diesen Bereichen an. Kontakt Das IAM MediaLab richtet das Augenmerk auf das, was in den nächsten Jahren in den Berufsfeldern Journalismus und Organisationskommunikation relevant werden könnte: auf zukünftige Technologien, gesellschaftliche Trends und neue Ausbildungsformate. Das Lab ist eine partizipative Plattform für die aktive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen, die die digitale Transformation mit sich bringt – zum Beispiel Schlüsselkompetenzen und Skills im Umgang mit neuen Darstellungsformaten in Journalismus und Organisationskommunikation. Das IAM MediaLab ist auch ein Ideen- und Innovationsinkubator. Wir schaffen Experimentierräume für Mitarbeitende, AbsolventInnen, Studierende und Partner. Kontakt Das Service Lab der ZHAW unterstützt Unternehmen bei der Verbesserung der vermittelten Kundenerlebnisse und stellt sicher, dass neue Leistungsangebote konsequent auf Kundenbedürfnisse ausgerichtet sind. Kontakt

Hebammenforschung: Für das Wohl von Mutter und Kind

Eine Geburt kann sich über viele Stunden oder gar Tage hinziehen – besonders beim ersten Kind. Wann aber ist der richtige Zeitpunkt, um ins Spital zu gehen? Bei dieser Entscheidung soll ein neues Instrument helfen, das im Rahmen eines Forschungsprojekts des Instituts für Hebammen entwickelt wird. Es wird 15 bis 20 Fragen enthalten, die Hebammen oder andere Gesundheitsfachpersonen bei der Beratung von Frauen unterstützen. Neben körperlichen Merkmalen wie etwa Stärke und Regelmässigkeit der Wehen sollen auch psychische Aspekte abgedeckt werden. Zum Beispiel, ob die Frau zuversichtlich oder verunsichert ist. «Erstgebärende treten häufig zu früh ins Spital ein», erklärt Projektleiterin Susanne Grylka . In der Folge komme es zu medizinischen Interventionen wie etwa Wehenstimulationen und Kaiserschnitten, die zum Teil nicht nötig wären. Doch auch zu langes Abwarten könne einen ungünstigen Einfluss auf den Geburtsverlauf haben, sagt die promovierte Hebamme – etwa wenn die Frau nervös und ängstlich ist oder bereits stark übermüdet, weil sie wegen der Wehen nicht schlafen kann. Je nach Befinden mache es Sinn, sich bereits in der sogenannten Latenzphase in Betreuung zu begeben, also wenn unregelmässige Wehen auftreten, aber die Eröffnung des Gebärmutterhalses erst langsam voranschreitet. Ob einer Frau zum sofortigen Eintritt oder zum Abwarten geraten wird, sei oft willkürlich, erklärt Grylka. Es hänge von der zuständigen Person oder dem aktuellen Betrieb auf der Geburtenabteilung ab. Das dreijährige Forschungsprojekt, das vom Nationalfonds gefördert wird, ist im Mai gestartet. Nach einer breiten Literaturrecherche sind Interviews mit rund 20 Frauen geplant, die kürzlich geboren haben. Sie werden zu den Symptomen bei Geburtsbeginn sowie zum Erleben der Betreuung in der Latenzphase befragt. Basierend auf diesen Antworten, wird anschliessend ein vorläufiges Instrument entwickelt und an 400 Gebärenden in sechs Schweizer Spitälern angewendet. Nach der Validierung soll eine finale Version erstellt werden. «Alle sechs Spitäler begrüssen und unterstützen die Idee», sagt Grylka. «Die Praxis wartet geradezu auf unser Tool.» Hebammenforschung ist ein noch relativ junges Fachgebiet, zumindest in der Schweiz. Während im angelsächsischen Raum bereits länger geforscht wird, konnte sich die Disziplin hierzulande erst mit der Ansiedlung der Hebammenwissenschaften an den Fachhochschulen etablieren. Die Forschungsstelle an der ZHAW wurde 2008 geschaffen. Seither hat sie bereits zahlreiche Projekte erfolgreich durchgeführt. «Unser höchstes Ziel ist es, die werdenden Eltern zu stärken.» Susanne Grylka, Institut für Hebammen Eine Studie widmet sich zum Beispiel dem Thema sexuelle Lebensqualität nach der Geburt . Es ist ein verbreitetes Problem, dass viele Frauen in den ersten Monaten zu erschöpft sind, um sich ihrem Partner anzunähern, keine Lust verspüren oder Geschlechtsverkehr als schmerzhaft und unangenehm empfinden. Dauert dieser Zustand länger an, kann dies die Partnerschaft stark belasten. Das Forschungsteam hat die Situation in Zusammenarbeit mit iranischen Forscherinnen im Iran und in der Schweiz untersucht. Für den Iran wurde ein Instrument entwickelt, welches die Beurteilung der sexuellen Lebensqualität nach der Geburt erlaubt. In einem Folgeprojekt soll die persische Version auf Deutsch übersetzt werden. «Der Vergleich der beiden verschiedenen Kulturen ermöglicht uns Rückschlüsse auf den Einfluss von Faktoren wie der gesellschaftlichen Rolle der Frau oder der generellen Einstellung gegenüber Sexualität», erklärt Susanne Grylka, die auch dieses Projekt leitet. Die Erkenntnisse sollen helfen, betroffene Paare zu unterstützen. Der Forschungsstelle Hebammenwissenschaft obliegt zudem die Leitung des Projekts Digital Health für Eltern mit Migrationshintergrund , an dem sich alle fünf Institute des Departements Gesundheit beteiligen. Das Teilprojekt der Hebammen untersucht, welche digitalen Angebote dazu beitragen, die Gesundheit und das Wohlergehen von Mutter und Kind zu verbessern. Die Erkenntnisse sollen helfen, geeignete evidenzbasierte Apps für diese Bevölkerungsgruppe zu entwickeln. Die Forschenden erhalten auch regelmässig externe Studienaufträge. So haben sie zum Beispiel evaluiert, ob Hebammen-Netzwerke einen Mehrwert bringen. Sie konnten aufzeigen, dass ein Netzwerk wie Familystart in Zürich vielen fremdsprachigen und psychosozial benachteiligten Familien dabei hilft, eine Wochenbettbetreuung zu organisieren. «So konnte der Nutzen des Angebots gegenüber den Geldgebern belegt werden», erklärt Grylka. Forschungsgelder für Themen rund um die Geburt zu akquirieren, sei häufig schwierig, bedauert die stellvertretende Leiterin der Forschungsstelle. «Unser Bereich ist sehr spezifisch.» Um in die Forschungs-Calls verschiedener Förder-Fonds zu passen, müsse man das Kernthema oft etwas ausweiten. Dennoch sind aktuell zehn Projekte am Laufen, teilweise in Zusammenarbeit mit anderen Fachhochschulen. In der Schweiz forschen neben der ZHAW auch die Fachhochschulen Bern, Lausanne und Genf im Hebammen-Bereich. «Wir Hebammen verstehen die Geburt in erster Linie als natürlichen Vorgang.» Susanne Grylka Hingegen sind gemeinsame Projekte mit ärztlichen Forschungsgruppen selten. Denn dort liege der Fokus stark auf den medizinischen Interventionen, erklärt die Wissenschaftlerin. «Wir Hebammen hingegen verstehen die Geburt in erster Linie als natürlichen Vorgang.» Der Blickwinkel umfasse zudem auch das psychosoziale Umfeld der Gebärenden. Dieses sei für das Wohlergehen von Mutter und Kind ebenso wichtig wie die medizinischen Aspekte. Die beiden Bereiche beeinflussen sich jedoch gegenseitig. Gelinge es zum Beispiel, die Anzahl Kaiserschnitte zu reduzieren, wirke sich das auf die Gesundheit der gesamten Bevölkerung aus: Es gibt Hinweise darauf, dass Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, ein erhöhtes Risiko für Asthma und Übergewicht haben. «Hebammenforschung ist wichtig», betont Susanne Grylka. «Unser höchstes Ziel ist es, die werdenden Eltern zu stärken.» Andrea Söldi

«Gute Forschung kann nicht von oben verordnet werden»

Andreas Gerber-Grote: Grundsätzlich können die Forscherinnen und Forscher selbst bestimmen, was sie forschen wollen. Ein paar Grundsätze gibt es aber schon: Die ZHAW hat in der Strategie festgelegt, dass wir uns «wissensbasiert und kompetenzorientiert», «transformativ» und «europäisch» ausrichten wollen. Wir haben auch eine Forschungspolicy, die besagt, dass wir angewandte Forschung machen wollen und dass unsere Forschung Wirtschaft und Gesellschaft dienen soll. Wenn jemand Cäsars «Bellum Gallicum» neu übersetzten möchte, dann passt das also nicht zu den Zielen der ZHAW. Aber prinzipiell haben wir weitgehende Freiheiten. «Forschung soll thematisch mit der Lehre verknüpft sein.» Dirk Wilhelm Dirk Wilhelm: An der School of Engineering gilt – wie an den anderen Departementen auch – eine übergreifende Strategie. Die Institute orientieren sich daran, sind beim Erstellen ihrer Businesspläne aber weitgehend frei. Wir achten allerdings aus Effizienzgründen darauf, dass sich die Forschungsgebiete nicht zu sehr überschneiden. Zudem soll die Forschung thematisch mit der Lehre verknüpft sein. Suzanne Ziegler: Auch bei uns an der School of Management and Law herrscht Forschungsfreiheit. Je länger, je mehr setzen wir an den Instituten aber Schwerpunkte und fokussieren auf bestimmte Themen. Ich begrüsse eine Mischung aus «top-down» und «bottom-up» für die Forschungsplanung. Was uns etwas Sorgen macht: Wenn immer stärker Forschungsschwerpunkte von der ZHAW vorgegeben werden, wird die Freiheit eingeschränkt. Gute Forschung kann nicht von oben verordnet werden. Monika Götzö: Es gibt komplexe Fragestellungen, die eine Disziplin alleine nicht beantworten kann. Die ZHAW hat ein grosses Potenzial für inter- und transdisziplinäre Herangehensweisen. Daher begrüsse ich übergreifende Forschungsinitiativen. Bei uns am Departement Soziale Arbeit haben wir – im Rahmen unserer Themenstrategie – ebenfalls eine grosse Forschungsfreiheit. Eine Bedingung ist aber auch, dass eine Übertragung in Lehre, Weiterbildung oder in eine Dienstleistung stattfindet. Einen starken Einfluss haben in den Sozial- und Geisteswissenschaften die Ausschreibungen von Bundesstellen, Nationalfonds oder lokalen Initiativen wie der Zürcher Digitalisierungsinitiative DIZH oder Inclusion 2021. Die Drittmittelgeber bestimmen daher schon mit, in welche Richtung geforscht wird. «Die Drittmittelgeber bestimmen daher schon mit, in welche Richtung geforscht wird.» Monika Götzö Ziegler: Auch an unserem Departement verknüpfen wir Lehre und Forschung. Wir versuchen auch studentische Arbeiten gezielt für die Forschung zu nutzen: In allen Abteilungen besteht eine Stelle, die überprüft, ob Bachelor- und Masterarbeiten zu unseren Forschungsschwerpunkten passen. Die Ergebnisse kann man meist nicht direkt für die Forschung nutzen, es sind aber gute Zweitmeinungen oder Hintergrundrecherchen. Ziegler: Nein, bisher nicht. Aber wenn es zu viele Schwerpunkte geben würde, wenn Forschungsthemen zentral gesteuert würden, dann könnte das zu einem Problem werden. Eine gewisse gemeinsame Ausrichtung ist sicher positiv, das sehe ich beispielsweise in den Themen Digitalisierung oder Energie. Auch beim angedachten Schwerpunkt Angewandte Gerontologie könnten wir aus Wirtschaftssicht viel einbringen, denn wir forschen viel zu den Themen Renten und Vorsorge. Götzö: Wenn wir Innovation nicht gleichsetzen mit einem neuen Tool oder anderen technischen Neuerungen, dann tragen Sozial- und Geisteswissenschaften sehr wohl ihren Teil dazu bei. Die Stadt Zürich entwickelt zum Beispiel im Moment auf Basis einer Studie von uns neue wirtschaftliche Unterstützungsmassnahmen. Es geht dabei um durch die Covid-19-Pandemie in Notlage geratene Menschen, die aufgrund ihres rechtlichen Status keinen Anspruch auf staatliche Hilfe haben, obwohl sie diese dringend benötigen würden. So etwas gibt es bisher in der Deutschschweiz noch nicht. Da findet schon Innovation statt, sie wird einfach weniger wahrgenommen. Götzö: Ich denke schon. Bei uns gibt es teilweise einen Habitus, der die reine Wissenschaft vor der Vermarktung schützen will – und dazu gehört auch die offensive Kommunikation. Aber diesbezüglich ändert sich derzeit viel. «Es gibt allerdings in der Forschung heikle Bereiche, etwa das Problem des ‹dual use›, der Verwendbarkeit für zivile und militärische Zwecke.» Andreas Gerber-Grote Gerber-Grote: Wir denken bei Innovationen oft stärker an Produkte als an Prozesse. Dabei können wir beispielsweise im Gesundheitsbereich Versorgungsprozesse von Patientinnen und Patienten neu gestalten und dadurch viel bessere Qualitätsniveaus erreichen. Eine hervorragende Veränderung, aber es wird nicht als grosse Innovation wahrgenommen. Wilhelm: Im Prozessbereich, in Service- oder Businessinnovationen sehe ich ein ganz grosses Potenzial. Das stellen wir in der technischen Forschung immer wieder fest. Die Firmen haben ein riesiges Interesse daran, Abläufe zu optimieren und neue Services anzubieten. Apropos soziale Innovation: Es gibt auch viele technische Entwicklungen, die die Gesellschaft verändern. Nehmen wir das iPhone, das als technisches Gerät eine grosse soziale Innovation ausgelöst hat. Die Verbindung der unterschiedlichen Bereiche ist sehr spannend: Wenn ein Hacker ein neues, hervorragendes Programm entwickelt, die sozialen Komponenten aber nicht sieht, dann bringt das nichts. Solche Potenziale zu erkennen, dafür ist die ZHAW als Mehrsparten-Fachhochschule prädestiniert. «Uns hat ein Auftraggeber mal für ein Projekt für 1 Million Franken eine Zahlung von 1,5 Millionen in Aussicht gestellt – wenn wir eine Kick-back-Lösung akzeptieren. Das haben wir natürlich abgelehnt.» Suzanne Ziegler Ziegler: Die Innovationsleistung unserer Forschung sichtbar zu machen, die ja gerade von Drittmittelgebern wie der Innosuisse immer gefordert wird, ist auch bei uns in Wirtschaftsthemen oder im Finanzbereich eine grosse Herausforderung. Denn gleichzeitig dürfen wir auch nicht in plumpes Forschungsmarketing abrutschen. Götzö: Die Zeit sehe ich als grösstes Problem: Drittmittelgeber bezahlen keine Vorlaufzeit, die aber für innovative Forschung wichtig ist. Grundsätzlich denke ich aber schon, dass ZHAW-Forschende genügend Freiraum haben. Sie dürfen auch scheitern, wenn damit nicht ein komplettes «An-die Wand-Fahren» gemeint ist. Auch aus einem gescheiterten Projekt sollte noch ein Plan B herausschauen. Ziegler: Auch wir lernen immer mehr, mit Scheitern umzugehen. Beispielsweise bei der Eingabe von Forschungsprojekten: Während wir mit der Vergabe bei Innosuisse viel Erfahrung haben, streben wir nun vermehrt Nationalfonds- oder EU-Projekte an. Da ist die Rückweisungsquote höher. Wenn wir dann die Reviews zu unseren Projekten lesen, habe ich manchmal den Eindruck, dass wir als Fachhochschule in diesem Bereich nicht unbedingt erwünscht sind. Denn wir treten da in Konkurrenz zu den Universitäten. Dann machen wir aus einem gescheiterten Nationalfonds-Projekt halt ein erfolgreiches Innosuisse-Projekt. «Die Ergebnisse sind so, wie sie herauskommen, nicht wie sie erwünscht werden.» Suzanne Ziegler, School of Management and Law Wilhelm: Das tönt ein bisschen so, als wären Innosuisse-Projekte zweitrangig. Ziegler: Nein, das sehe ich nicht wertend. Aber die ZHAW empfiehlt neuerdings zwecks Diversifizierung, dass wir uns vermehrt an EU- und Nationalfonds-Projekten beteiligen. Dort sind aber die Vorgaben anders … Wilhelm: Genau, bei der Innosuisse ist eine Beteiligung durch die Industrie vorgegeben. Darum sind wir als Fachhochschulen mit unserer angewandten Forschung und unseren Kontakten zu den Firmen gegenüber universitären Hochschulen im Vorteil. Noch zur Frage der Kreativität: Ich denke schon, dass unsere Leute genug Zeit für Kreativität haben, wobei ich – vielleicht aus Sicht eines Ingenieurs – sage: Für Kreativität ist auch ein gewisser Druck nötig. Sich einfach so hinsetzen und kreativ sein: Das würde bei uns nicht funktionieren. «Forschende dürfen bei uns auch scheitern, wenn damit nicht ein komplettes ‹An-die Wand-Fahren› gemeint ist.» Monika Götzö, Soziale Arbeit Gerber-Grote: Die Rückmeldungen der Forschenden sind sehr unterschiedlich: Die einen sagen, es ist alles wunderbar, wir haben ausreichend Zeit und genügend Geld. Die anderen erklären, unsere Situation sei schlimm und unsere Vorgaben seien unmöglich. Wenn ich uns mit dem Ausland vergleiche, dann liegen wir wahrscheinlich im obersten Promille-Bereich der am besten ausgestatteten Fachhochschulen oder auch Hochschulen der Welt. Darum habe ich meine Zweifel, ob wir uns zu sehr beschweren dürfen. Zur Kreativität hat Katja Becker, die erste Frau als Präsidentin der Deutschen Forschungsgesellschaft, kürzlich gesagt: Für Kreativität brauchen Forschende auch einmal Zeit, um einen halben Tag in den Park gehen zu können. Ich sage darum an unserem Departement immer: In einigen Bereichen müssen wir schnell sein und unternehmerisch handeln, damit dann Zeit bleibt, um alleine in den Park zu gehen oder um sich sonst einmal einfach so mit jemandem zwei Stunden zu unterhalten. Gerber-Grote: Ich denke, dass unsere Forscherinnen und Forscher verantwortungsbewusst sind und wir keine Verbote brauchen. Es gibt allerdings heikle Bereiche, etwa das Problem des «dual use», der Verwendbarkeit für zivile und militärische Zwecke. Eine neu entwickelte Drohne kann beispielsweise Arzneimittel in entlegene Gegenden bringen, was wunderbar ist, sie kann aber auch militärisch gegen die unschuldige Zivilbevölkerung eingesetzt werden. Da gibt es schon Grenzbereiche, über die wir uns vielleicht mehr unterhalten müssten. Wilhelm: «Dual use» ist tatsächlich sehr schwer zu beurteilen. Einen direkten Problemfall an der School of Engineering habe ich allerdings nicht vor Augen. In meiner persönlichen Laufbahn wurde ich einmal für ein Projekt angefragt, in dem die Ausbreitung von extrem starken Druckwellen simuliert werden sollte. Es war klar, dass es da um die Wirksamkeit von Bomben ging, darum habe ich eine Mitarbeit abgelehnt. «In der Angewandten Forschung würde es rasch auffallen, wenn wir Ergebnisse beschönigen würden.» Dirk Wilhelm, School of Engineering Ziegler: Uns hat ein Auftraggeber einmal für ein Projekt für 1 Million Franken eine Zahlung von 1,5 Millionen in Aussicht gestellt – wenn wir dafür hohe Beträge an Person A oder Person B zurückbezahlen würden, also eine Kick-back-Lösung. Das haben wir natürlich abgelehnt. Götzö: Dass wir vor einer ganz konkreten roten Linie gestanden hätten, habe ich noch nie erlebt, weil wir in der Regel die Projekte gemeinsam entwickeln respektive die Fragestellungen klären und gegebenenfalls anpassen. Wenn jemand mit einer Forschungsfrage auf ein bestimmtes Ziel hinwirken will, dann diskutieren wir das, bis eine offene Forschung möglich ist. Gerber-Grote: Grundsätzlich finde ich Ziele in der Forschung wichtiger als Grenzen. Im Gesundheitsbereich sehe ich beispielsweise die Chancengerechtigkeit in der Gesundheitsversorgung als wichtiges Forschungsziel. Wir sollten also keine roten Linien ziehen, sondern uns fragen, in welche Richtung wir vorangehen wollen. Wilhelm: Angewandte Forschung ist sehr anspruchsvoll, weil sie Lösungen finden muss, die in der Praxis auch umsetzbar sind. In der Grundlagenforschung können sich Forscher ein Problem suchen, das wissenschaftlich interessant ist, ohne direkten Bezug zur Umsetzung. Es gibt Forschungsbereiche, in denen Hunderte von Papers publiziert werden, ohne dass dabei ein wesentlicher Fortschritt entsteht. Wilhelm: Die Eigenverantwortung der Forschenden ist da ganz wichtig. In der Angewandten Forschung würde es zudem rasch auffallen, wenn wir Ergebnisse beschönigen würden. Wenn eine Firma Resultate von uns umsetzen will, und es funktioniert nicht, dann forscht dieses Unternehmen in Zukunft nicht mehr mit uns. Auch die Kontrolle durch Reviews in der Community ist hoch. Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Skandale mit gefälschten Forschungsergebnissen, so etwas hatten wir an der ZHAW bisher zum Glück noch nie … Ziegler: Auch die Kommunikation mit den Partnern ist wichtig. Wir stellen immer von Anfang an klar: Die Ergebnisse sind so, wie sie herauskommen, nicht wie sie erwünscht werden. Wenn wir feststellen, dass jemand nicht resultatoffen ist, dann lassen wir uns nicht darauf ein. Gerber-Grote: Da müssen drei Aspekte unterschieden werden: Erstens gibt es konkrete Forschungsprojekte, etwa in der Gesundheitsforschung, die unter ethischen Gesichtspunkten beurteilt werden müssen. Für Projekte im Rahmen des Humanforschungsgesetzes ist eine Ethikabklärung beispielsweise eine Voraussetzung. Zweitens stellen sich Grundsatzfragen, etwa ob sich die ZHAW in Tabak- oder Rüstungsforschung engagieren will, zu denen wir als Hochschule eine Grundhaltung entwickeln und festhalten könnten. Drittens gibt es den vorhin besprochenen Bereich mit der Frage, ob sich unsere Forscherinnen und Forscher an den Wissenschaftskodex halten, keine Plagiate begehen, korrekt forschen, keine Daten fälschen. Insgesamt bestehen doch viele Fragen, die wir grundsätzlich angehen sollten. «Ich denke, dass unsere Forscherinnen und Forscher verantwortungsbewusst sind und wir keine Verbote brauchen.» Andreas Gerber-Grote, Departement Gesundheit Götzö: Ich würde eine Kommission begrüssen, wenn sie etwa Forschende auch bei der Eingabe von Projekten unterstützen könnte. Wichtig finde ich, dass dieser Ethik-Rat dann auch von Drittmittelgebern anerkannt wird. Wilhelm: Die Hochschulleitung hat das Thema auch schon behandelt und lässt nun ein Konzept ausarbeiten, das sowohl einen Ethikausschuss vorsieht, der konkrete Projekte beurteilt, als auch eine Ethikkommission, die grundsätzliche Fragen angehen könnte. Ich bin gespannt, wie dieses Konzept genau aussehen wird. Götzö: Ich würde gerne zu sozialer Nachhaltigkeit forschen: Was genau ist das, woran erkennt man das? Ziegler: Für mich sollte das «perpetuum mobile» erfunden werden, das wäre schön. Wilhelm: Mich würde die Demenzforschung interessieren, da kenne ich mich überhaupt nicht aus, aber ich finde das ein extrem wichtiges Gebiet und es gibt noch wenige Ergebnisse. Gegen Corona haben es die Firmen geschafft, innert eines Jahres mehrere Impfstoffe zu entwickeln. Da frage ich mich, warum das nicht bei anderen Krankheiten auch möglich ist. Ich hoffe, der Fortschritt kann nun genutzt werden, um andere «Probleme der Menschheit» zu lösen. Gerber-Grote: Angesichts von Putin, Trump, Erdogan, Lukaschenko und wie sie alle heissen wünsche ich mir die Erfindung einer Tablette, die diese Herren so weise macht, dass sie bereit sind, auf ihren Thron zu verzichten, damit ihre Länder in Frieden, Nachhaltigkeit und Freiheit leben können. Interview Jakob Bächtold, Patricia Faller

Weshalb Fachhochschulen europäisch forschen sollten – fünf gute Gründe

Forschung lebt vom Austausch und vom Wettstreit um die bessere Erklärung. Sie ist damit schon immer in der Tendenz international, denn die Scientific Community als primärer Resonanzraum von Forschung ist nicht an nationalstaatliche Grenzen gebunden. Selbst wenn ich beispielsweise zu den konkreten Formen der Unterstützung von armutsbetroffenen Familien im Kanton Aargau forsche, so tue ich dies in der Regel mit theoretischen und methodischen Ansätzen, die internationale Standards sind. Zudem kontrastiere ich meine Ergebnisse mit vergleichbaren Studien aus anderen Regionen auch ausserhalb der Schweiz, gerade um die Besonderheiten meines Untersuchungsgegenstandes besser herausarbeiten zu können. Die hier an einem beliebig zu erweiternden Beispiel illustrierte Inter­nationalität von Forschung bedeutet noch nicht, dass diese durch ein europäisches Rahmenprogramm für Forschung und Innovation gefördert werden muss. Im beschriebenen Fall wird die Förderung in der Regel über den Schweizerischen Nationalfonds, eine Stiftung oder ein kantonales Amt erfolgen. Wozu braucht es also ein Rahmenprogramm wie Horizon Europe und was sind die Spezifika, die insbesondere für Forschende aus den Fachhochschulen interessant sind? Hier die markantesten fünf Argumente: Beginnen wir mit dem schnöden Mammon. Horizon Europe ist mit über 90 Milliarden Euro ein sehr hoch dotiertes Forschungsförderungsgefäss. Dies erlaubt gut ausgestattete Projekte. Für die Fachhochschulen besonders interessant ist dabei, dass die Förderkriterien besser auf die Bedürfnisse der Fachhochschulen passen, als dies beispielsweise beim SNF der Fall ist. Auch wenn der Topf sehr gross ist, der Wettbewerb um den Topf ist noch grösser. Um die europäischen Fördermittel bewerben sich hoch qualifizierte Forschende aus ganz Europa. In diesem Wettbewerb zu bestehen, ist nicht einfach. Doch wenn es gelingt, illuminiert dies den Stellenwert der eigenen Forschung und verschafft eine hohe Reputation auch über die Scientific Community hinaus. Dies gilt nicht nur für die ERC Grants, die gemeinhin als die Champions League der Forschung gelten, sondern auch für die sog. kollaborativen Projekte. In diesen kollaborativen Projekten arbeiten Forschende und Akteure aus der Praxis in grösseren Teams eng zusammen, um für ein spezifisches Problem die bestmögliche Lösung zu finden. Dies führt zu befruchtenden Kontakten innerhalb der Disziplinen – denn hier treffe ich auf renommierte Forschende auf meinem Gebiet – und zwischen den Disziplinen sowie den unterschiedlichen Forschungstraditionen. Mit der Ausschreibung von kollaborativen Projekten in sog. Clustern wie «Klima, Energie und Mobilität» oder «Gesundheit» reagiert die EU-Kommission auf spezifische gesellschaftliche und wirtschaftliche Heraus­forderungen wie den Klimawandel, die Digitalisierung oder die Alterung. Das macht sie für die Forschenden aus den Fachhochschulen besonders anschlussfähig, sind sie es doch gewohnt, auf konkrete, praxis­relevante Probleme umsetzbare Lösungen zu erarbeiten. In den kollaborativen Projekten arbeiten Forschende nicht nur mit Forschenden aus Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen zusammen, sondern auch mit Partnern aus der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft oder mit staatlichen Akteuren. Forschende aus den Fachhochschulen sind mit diesen Akteuren in der Regel bestens vernetzt und können diese Netzwerke mit Gewinn in die europäische Forschung einbringen. Es gibt also zumindest fünf gute Gründe, um als Forscherin oder Forscher aus einer Fachhochschule europäisch zu forschen. Der Weg dahin ist nicht einfach, die Rahmenbedingungen sind schwieriger als auch schon – der Ertrag aber ist viele Anstrengungen wert. Patrik Ettinger

Forschen ohne Grenzen

Eine der Fähigkeiten von Amanda wird sein: den Kohlendioxidanteil in der Luft zu erheben. «Als wir Anfang 2019 mit der Entwicklung unseres Messinstruments begannen, dachten wir an Frühwarnung im Brandfall oder auch einfach an persönlichen Komfort», sagt Marcel Meli , Ingenieur am Institute of Embedded Systems der ZHAW. Dass die Luftqualität in Innenräumen uns bald alle täglich beschäftigen würde, konnte er damals nicht ahnen – die Corona-Krise lag noch in weiter Ferne. Das smarte Gerät soll aber dereinst nicht nur CO2-Konzentrationen erfassen, sondern auch Temperatur, Helligkeit oder Luftfeuchtigkeit – und das alles mit kleinsten Sensoren. «Amanda braucht nicht mehr Platz im Portemonnaie als eine Kreditkarte», so Meli. Die ZHAW forscht vernetzt an Amanda. An ihrer Entwicklung sind auch Forschungszentren und Privatunternehmen aus Grossbritannien und Belgien, aus Kroatien und den Niederlanden beteiligt, die Gesamtkoordination obliegt einem griechischen Forschungszentrum. Das Projekt entsteht im Rahmen des europäischen Förderprogramms Horizon 2020 und wird von der EU mit knapp 4 Millionen Euro finanziert, davon gehen 640’000 Euro an die ZHAW. Meli und sein Team sind dabei an der Optimierung der Energienutzung und der Entwicklung der drahtlosen Kommunikationssysteme beteiligt. Denn Amanda will Umgebungsbedingungen nicht nur erfassen, sondern auch anpassen, also etwa das Licht anmachen oder die Heizung ausschalten – und versorgt sich dafür mittels Solarzellen autonom mit der notwendigen Energie. Horizon 2020 ist bereits das dritte europäische Forschungsrahmenprogramm, an dem die ZHAW teilnimmt – und das erfolgreichste bisher. An mehr als 40 Projekten ist die Fachhochschule derzeit beteiligt. «Dieses Engagement ist vergleichbar mit dem einer kleineren Schweizer Universität», sagt Patrik Ettinger, der an der ZHAW für die Beratung der Forschenden zu europäischen Forschungsförderinstrumenten zuständig ist. Der Weg dorthin verlief nicht einfach geradeaus. «In den Anfängen war die europäische Forschung an der ZHAW stark von einzelnen Personen geprägt», sagt Ettinger, Mitarbeiter der Stabsstelle Forschung und Entwicklung (F&E) der ZHAW. Hätten diese dann irgendwann die Fachhochschule verlassen, hätten sie meist nicht nur das laufende Projekt mitgenommen, sondern auch ihr Netzwerk und die Aussicht auf weitere Forschungsvorhaben. Gerade eine gute Vernetzung ist jedoch zentral für die Fachhochschule. «Die ZHAW tritt normalerweise nicht als Projektkoordinatorin auf, sondern wird von anderen für Kollaborationen angefragt.» Auch die Heterogenität der Fachhochschule spielt eine Rolle. Ganz verschiedene Fachbereiche sind unter einem Dach vereint. Die Departemente bringen auch unterschiedlich viel Forschungserfahrung mit. So kann etwa die School of Engineering als einstiges Technikum Winterthur auf eine lange Tradition in dieser Hinsicht zurückblicken; sie verfügt nicht nur über ein grosses Netzwerk, sondern auch über die notwendigen internen Strukturen. Für andere Departemente ist die EU-Forschung noch Neuland. Das liege auch daran, dass nicht jedes Thema gleich anschlussfähig sei, gibt Ettinger zu bedenken. «Für die Entwicklung einer Batterie spielen kulturelle Differenzen eine weit geringere Rolle, als wenn es darum geht, die Unterstützung von armutsbetroffenen Familien zu erforschen.» «Die transnationale Forschung muss noch viel breiter auf die verschiedenen Departemente und Institute verteilt werden.»» Martin Jaekel, Leiter Stabsstelle Forschung und Entwicklung Das grosse Plus der ZHAW: «Wir sind es gewohnt, nicht nur mit anderen Hochschulen, sondern auch mit Privatunternehmen, NGOs oder öffentlichen Ämtern zusammenzuarbeiten», sagt Ettinger. Die starke Anwendungsorientierung, die regionale Verankerung und die Kooperation mit Industriepartnern sind ein Vorteil der Fachhochschulen gegenüber universitären Hochschulen – gerade beim Programm Horizon 2020, das grossen Wert auf die Vernetzung mit der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft legt. Die europäische Forschung soll auch künftig ein starkes Gewicht an der ZHAW haben, besonders im Hinblick auf Horizon Europe , das Forschungsrahmenprogramm der EU von 2021 bis 2027. Die Fachhochschule hat deshalb ihre bisherige EU-Strategie analysiert und neue Massnahmen ausgearbeitet. «Die transnationale Forschung muss noch viel breiter auf die verschiedenen Departemente und Institute verteilt werden», resümiert Martin Jaekel , Leiter der Stabsstelle F&E, der die Strategie mit ausgearbeitet hat. Obwohl das Ziel grundsätzlich für alle dasselbe ist – mehr transnationale Forschungs- und Entwicklungszusammenarbeit –, muss den Departementen und Instituten bei der Festlegung der einzelnen Schritte grosse Freiheit gelassen werden, wie Jaekel sagt. Schliesslich befänden sie sich auf dem Weg zur europäischen Forschungszusammenarbeit in ganz unterschiedlichen Umfeldern. «Wir verlassen uns hier vor allem auch auf die Kreativität und das Engagement der Institute und Zentren der ZHAW, um geeignete Zwischenziele zu identifizieren», so Jaekel. «Dies möchten wir mit unserer Förderung unterstützen.» Zur Erfahrung mit so grossen Forschungsrahmenprogrammen wie Horizon gehört auch: scheitern lernen. «Die europäische Forschung ist hochkompetitiv», sagt Grants Advisor Patrik Ettinger. Liege die Erfolgsquote für einen Forschungsantrag beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) bei 25 bis 50 Prozent und bei Programmen wie Innosuisse sogar noch höher, komme man bei Horizon gerade einmal auf 10 bis maximal 20 Prozent. Das müsse auch den Vorgesetzten der Forschenden bewusst sein. «Es ist unabdingbar, dass diese mit im Boot sitzen und abgelehnte Projektgesuche nicht einfach für verlorene Zeit halten.» «Wir sind es gewohnt, mit Privatunternehmen, NGOs oder öffentlichen Ämtern zusammenzuarbeiten.» Patrik Ettinger, Grants Advisor Für mehr Forschungsprojekte soll zudem eine weitere Massnahme sorgen. «Es gibt viele erfolgsversprechende Förderinstrumente, die an der ZHAW bisher kaum genutzt wurden, weil sie eine Eigenbeteiligung voraussetzen», erklärt Ettinger. Für solche Programme will die Fachhochschule fortan ebenfalls Mittel zur Verfügung stellen. So übernimmt sie je nachdem bis zu 250’000 Franken Eigenbeteiligung an einem erfolgreich eingereichten Projekt. Eine Million Franken stehen insgesamt pro Jahr bereit dafür. Gestärkt werden soll die Forschungsaktivität darüber hinaus durch gezieltere Unterstützung und Betreuung der Forschenden. Die Partizipation der ZHAW an Horizon Europe hängt jedoch nicht nur von ihrer eigenen Strategie ab – auch die Politik spielt mit. «Obwohl die Verhandlungen zum Forschungsprogramm und zum Rahmenvertrag mit der EU rechtlich nichts miteinander zu tun haben, dürften sie wohl nicht unabhängig voneinander geführt werden», vermutet Ettinger. Es wäre nicht das erste Mal. Schon die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative 2014 hatte zur Folge, dass die Schweiz in den ersten drei Jahren von Horizon 2020 nicht als assoziierter Staat am Programm teilnehmen konnte, sondern als Drittstaat galt. Das bedeutete, dass hiesige Hochschulen wie die ZHAW keine Förderbeiträge direkt von der EU beantragen und in der Regel keine Projektkoordinationen übernehmen konnten. Sorge bereiten Ettinger dabei nicht in erster Linie die Forschungsgelder. Wie schon vor ein paar Jahren dürfte auch dieses Mal das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI einspringen, falls sich die Situation wiederholen sollte, sagt er. «Die Finanzierung ist gesichert.» Es ist vielmehr die Verunsicherung potenzieller Projektpartner in Europa, die Ettinger Kopfzerbrechen bereitet. «Viele dürften sich nun fragen, ob eine Zusammenarbeit mit Schweizer Hochschulen überhaupt möglich sei oder ob Probleme auftreten könnten, etwa bei der Verwertung der Ergebnisse.» Doch von ihrem Engagement auf dem europäischen Parkett lässt sich die ZHAW deshalb nicht abbringen. Ümit Yoker

Gesellschaftliche Integration im öffentlichen Raum

Die Menschen sitzen auf den Holzskulpturen, benützen diese als Tische oder als Liegeflächen. Sie setzen sich auf den Boden, beobachten das Treiben von Treppenstufen aus oder treffen sich in den Nischen des Platzes: Der Lagerplatz in Winterthur wird von der Bevölkerung in der unterschiedlichsten Weise genützt. In den Gebäuden rund um den Platz wird gearbeitet, es gibt Restaurants, Werkstätten, Läden sowie Kultur- und Freizeitanlagen. Ein besonderer Treffpunkt ist die ehemalige Pförtnerloge, die zu einem Café umfunktioniert wurde. «Man weiss wenig darüber, wo sich Menschen heute wirklich aufhalten.» Stefan Kurath, Leiter des ZHAW-Instituts Urban Landscape An einem solchen Platz begegnen sich Menschen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten: Alt und Jung, Einheimische und Fremde, mit unterschiedlichen Interessen und Identitäten, mit unterschiedlichen Motiven, den Platz zu besuchen. Im Idealfall können solche Begegnungen und Kontakte im öffentlichen Raum deshalb auch das Gefühl von Zusammengehörigkeit unter den Bewohnerinnen und Bewohnern und der Zugehörigkeit zum Ort stärken. Anders ausgedrückt: Der öffentliche Raum trägt zur gesellschaftlichen Integration bei. Das ist die Grundannahme eines Forschungsprojektes, das Stefan Kurath , Leiter des Instituts Urban Landscape , zusammen mit dem Dozenten Philippe Koch und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter Simon Mühlebach durchgeführt hat. Die Studie mit dem Titel «Figurationen von Öffentlichkeit und ihr Beitrag zur gesellschaftlichen Integration» wurde im Rahmen des Forschungsschwerpunktes Gesellschaftliche Integration von der ZHAW finanziert. «Gesellschaftliche Integration ist ohne Begegnung und Austausch im öffentlich gemachten Raum kaum vorstellbar», schreiben die Autoren im Buch zum Projekt, das im Juni 2021 erscheint (vgl. Buchhinweis am Ende). Zwei Fragen standen bei der Untersuchung im Zentrum: Wie benützt der Mensch einen öffentlichen Raum? Und welchen Einfluss hat die Gestaltung des Raums auf die Benützung? Denn für die Forscher ist die Wechselwirkung zwischen Raum und Mensch entscheidend: «Der Mensch eignet an, der Raum lässt Aneignungen zu», umschreibt dies Kurath. Solche Räume sind nicht per se öffentlich, sondern werden erst durch den Menschen öffentlich gemacht. «Dieser Aspekt ist bisher in der Diskussion um den öffentlichen Raum zu kurz gekommen», so Kurath. Öffentliche Räume seien in den letzten hundert Jahren in der Raumplanung und Raumentwicklung empirisch vernachlässigt worden. «Man weiss wenig darüber, wo sich die Menschen heute wirklich aufhalten.» Architekten und Architektinnen gehen bei der Gestaltung und der Form des Raums oft von einer konkreten Vorstellung davon aus, welche Leute sich wo aufhalten und wie sie sich verhalten, wo sie sitzen, wo sie gehen sollen. Solche überdeterminierten Räume, wie sie insbesondere in Innenstädten vorkommen, werden auch unter dem Begriff «Zombie-Urbanismus» versammelt. Sie richten sich ganz direkt an eine bürgerliche, konsumorientierte Klientel. Da geht es oft auch darum, Aneignungen durch unerwünschte Personen zu verhindern. «Man weiss fast besser, wie durch Gestaltung Öffentlichkeit verhindert denn befördert werden kann», so Kurath. Um zu verstehen, wie Räume öffentlich werden, wurden vier Orte in der Deutschschweiz untersucht: der Lagerplatz in Winterthur, der Richtiplatz in Wallisellen, der Europaplatz in Bern und der Murg-Auen-Park in Frauenfeld. Der Richtiplatz liegt im Zentrum des mit Büros und Wohnungen neu bebauten Areals zwischen Bahnhof Wallisellen und dem Einkaufszentrum Glatt. Der Murg-Auen-Park ist ein eher am Rande von Frauenfeld gelegenes Naherholungsgebiet, und der Europaplatz in Bern ist ein Verkehrsknoten im Stadtteil Holligen. Alle wurden in den letzten Jahren umgestaltet und gelten bei Architekten und Stadtplanerinnen als gelungene öffentliche Räume. Mit unterschiedlichen Methoden, darunter Personenflussmessungen, Messungen der Personendichte mit Telekommunikationsdaten, Fotografie, Social-Media- und Medienanalysen sowie Beobachtungen vor Ort, wurde gemessen, wie die Menschen die Orte benützen: Ob sie gehen oder sitzen, wie lange sie dies tun und zu welcher Tageszeit. Der interdisziplinäre Forschungsansatz vereint Raumtheorien aus Architektur und Soziologie und nimmt ethnografische und politologische Ansätze auf. Während der Richtiplatz vor allem von Berufstätigen am Mittag bevölkert wird und der Murg-Auen-Park mittags und abends, haben der Lagerplatz und der Europaplatz in Bern eine durchgehendere Aneignung gezeigt: Die Plätze werden von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu unterschiedlichen Tageszeiten besucht. Am Europaplatz kreuzen sich Pendler, Skater treffen sich und im Schatten der Säulen sitzen Gruppen und Einzelpersonen. Auch wenn der Platz, über den die Autobahnbrücke führt, wenig einladend wirkt, so wird er doch vielfältig in Anspruch genommen. «Der Platz ist sehr offen gestaltet, er hat viele Spielräume für Aneignungen», sagt Kurath: «Er ist ein Treffpunkt für Jugendliche, ein Ort, wo man wartet und sich über nonverbale Kommunikation integriert, und ein Ort für Manifestationen.» Das Forschungsprojekt wurde vor einem Jahr auch während des Corona-bedingten Lockdowns durchgeführt. Öffentliche Plätze wie Bahnhöfe waren auf einen Schlag menschenleer. Die Menschen wichen in Parks und in Zürich an die Quaianlagen aus, worauf auch diese gesperrt wurden. Die Folge: Die Menschen eigneten sich neue Räume an, sie wichen zum Beispiel in landwirtschaftlich genutzte Gebiete aus. Das erlaubte den Forschern neue Fragen: Welche Orte suchen Menschen auf, wenn die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist und Arbeit und Konsum nicht möglich sind? Die grössten Unterschiede zeigten sich an den Wochenenden: Während der Richtiplatz, wie schon vorher, auch im Lockdown an den Wochenenden wenig besucht wurde, hielten sich im Murg-Auen-Park dagegen an den freien Tagen viel mehr Menschen auf als in der Vergleichsperiode im Jahr 2019. Der Europaplatz, der zu normalen Zeiten auch am Wochenende gut besucht ist, verlor ebenfalls an Bedeutung. Kontinuierlich belebt war hingegen der Lagerplatz. Was zeigt: Orte werden auch von ihren Funktionen bestimmt – fallen diese weg, fehlen auch die Menschen. Das Fazit: Je mehr Möglichkeiten der Einzelne hat, sich in einem öffentlichen Raum aufzuhalten und mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, desto mehr sorgt ein Raum auch für die Integration in die Gemeinschaft. Um die gesellschaftliche Integration zu fördern, sollte für Aneignungen und Begegnungen das ganze Potenzial vorhandener Räume wie zentral gelegene Plätze, Parks, Gärten, aber auch Brachen und Siedlungsränder genützt werden. Gerade die Corona-Krise habe klar gezeigt, wie wichtig öffentliche Räume seien: «Der Mensch hat ein Grundbedürfnis, sich ausserhalb seiner Wohnung auf neutralem Raum zu treffen und sich frei zu bewegen», sagt Kurath. Das Projekt wird auch an der ZHAW-Tagung «Flüchtige Zugehörigkeiten – nachhaltige Teilhabe» im September präsentiert (siehe Veranstaltungshinweis Seite 57). Philippe Koch, Stefan Kurath, Simon Mühlebach: Figurationen von Öffentlichkeit ‒ Herausforderungen im Denken und Gestalten von öffentlichen Räumen. Institut Urban Landscape (Hrsg.), Triest Verlag, 2021 Sibylle Veigl

«Wir leben in aufregenden Zeiten»

Ursprünglich wollte Maria Anisimova Mathematiklehrerin werden. Vorübergehend wurde sie das auch. Sie unterrichtete zuerst in Russland an der Pädagogischen Hochschule in Nischni Nowgorodeiner und später in London, wohin sie ihrem Mann folgte, an einem College. Dass sie dort ihre Studierenden zusätzlich in Laufbahnfragen beriet, beeinflusste auch ihre eigene Karriere: Bei Recherchen entdeckte sie einen Bioinformatik-Masterstudiengang. «Bis dahin hatte ich mich vor allem für reine Mathematik interessiert», sagt Anisimova. «Doch mir gefiel die Idee, die Mathematik für etwas anzuwenden.» Sie absolvierte den Masterstudiengang «Modeling Biological Complexity» am University College London. «Zuerst fand ich den Wechsel schwierig», erinnert sie sich. Sie war die klaren Aussagen der Mathematik gewohnt. «Untersucht man biologische Daten, ist nichts sicher: Man hat eine Streuung, da sind immer Ausnahmen», erklärt sie. Dennoch begann ihr die Bioinformatik – die vielen verschiedenen biologischen Fragestellungen, die sich mit Hilfe geeigneter Modelle und Algorithmen beantworten lassen – grossen Spass zu machen. Auf die Ausbildung folgten ein Doktorat und zwei Postdoktorate. Danach forschte sie einige Jahre an der ETH Zürich. «Meine Mitarbeitenden brauchen Skills in Biologie, Chemie und Mathematik. Ausserdem müssen sie programmieren können.» 2014 wechselte Anisimova an die ZHAW. Hier erhielt sie die Gelegenheit, die Forschungsgruppe Applied Computational Genomics aufzubauen. Unterdessen umfasst diese, inklusive Masterstudierende, 14 Forscher und Forscherinnen. Fast alle sind fremdfinanziert. Wer neu dazustösst, muss meist erst einmal viel lernen. «Meine Mitarbeitenden brauchen Skills in Biologie, Chemie und Mathematik. Ausserdem müssen sie programmieren können», führt Anisimova aus. «Und natürlich müssen sie lernen, mit grossen Datenmengen umzugehen.» Denn diese sind in der Bioinformatik heute Alltag. Die Life Sciences produzieren riesige Datenmengen: Ganze Genome, verschiedenste Gene sowie Proteine werden mit Hochdurchsatzmethoden sequenziert, um die Reihenfolge ihrer Bausteine festzustellen. Anisimova und ihr Team analysieren solche Daten. Und sie tragen auch dazu bei, dass diese Datenberge überhaupt nutzbar werden. Mit ihren Modellen und Algorithmen führen sie beispielsweise Datenbanken zusammen, machen sie mittels natürlicher Sprache durchsuchbar oder verknüpfen auch ganz verschiedene Arten von Daten miteinander. Da die Datenberge immer grösser werden, wird auch ihr Handling immer anspruchsvoller. «Allerdings ergeben sich daraus auch immer mehr Möglichkeiten, Fragen zu beantworten», betont Anisimova. «In dieser Hinsicht leben wir in aufregenden Zeiten.» Thematisch liegt der Fokus der Forschungsgruppe auf Fragen der molekularen Evolution, also darauf, welche Veränderungen in der Erbinformation von Lebewesen über die Zeit aufgetreten sind. In einem der vier Schwerpunktthemen geht es beispielsweise um Fragen rund um Verwandtschaften zwischen verschiedenen Arten. «Zum Beispiel was Mensch und Schimpansen unterscheidet», verdeutlicht Anisimova. Und durch welche Mutationen an welchen Stellen des Erbgutes sich diese Unterschiede entwickelt haben. «Mich fasziniert, wie alles mit allem zusammenhängt.» Anisimova und ihre Mitarbeitenden befassen sich aber auch mit Krankheiten: Gemeinsam mit Forschenden von der ETH Zürich, der Universität Bern und IBM versuchen sie beispielsweise, mehr über die genetischen Ursachen von Darmkrebs herauszufinden. Dafür verknüpfen sie unter anderem Informationen zu mutmasslich an der Krankheit beteiligten Mutationen, Genen und Proteinen mit den Bildern von Dünnschnitten betroffener Gewebe, die heute zur Diagnose verwendet werden. Das langfristige Ziel: schnellere, einfachere und präzisere Diagnosen und Prognosen – und letztendlich eine genau auf die einzelnen Patientinnen und Patienten zugeschnittene Behandlung. «Mich fasziniert, wie alles mit allem zusammenhängt», strahlt Anisimova. Arbeitet sie an einem Projekt, überlegt sie sich bereits, wo sie das neu gewonnene Wissen als Nächstes anwenden könnte. Sie ist immer auf der Suche nach neuen Ideen. «Es fühlt sich an, als könnten wir an jedem beliebigen Thema forschen», sagt sie. Daher fällt es ihr manchmal schwer, sich auf ihre Forschungsschwerpunkte zu beschränken. «Man kann nicht überall gut sein», sagt sie. Das ist auch der Grund, warum sie sich beruflich nicht mit Covid-19 beschäftigt. Trotz ihres eher komplizierten und abstrakten Fachgebietes wirkt Maria Anisimova sehr geerdet. In ihrer Freizeit spielt die Mutter dreier Töchter Violine und tanzt gerne Lindy-Hopp. Gar kein Computer-Nerd also. Dazu passt auch, was Anisimova an ihrer beruflichen Tätigkeit besonders begeistert: mit Menschen zusammenarbeiten. Sie ist in der Wissenschafts-Community bestens vernetzt – auch mit Forschenden ausserhalb ihres eigenen Fachgebietes – und legt grossen Wert darauf, mit den Anwenderinnen und Anwendern ihrer Methoden eng zusammenzuarbeiten. Ihr ist auch ganz wichtig, dass es ihren Mitarbeitenden gut geht. Besonders auch während der Pandemie, in der einige von ihren Familien im Ausland abgeschnitten sind. In normalen Zeiten geht die Forschungsgruppe auch gelegentlich zusammen schwimmen, picknicken oder wandern. Ganz besonders gerne arbeitet Maria Anisimova immer noch mit jungen Menschen zusammen. «Sie sind so motiviert und begeistert», schwärmt die Forscherin. Sie hat an der ZHAW innerhalb des Masterstudiengangs Life Sciences die Vertiefungsrichtung Applied Computational Life Sciences initiiert und mitentwickelt. Am liebsten aber arbeitet sie direkt mit den Master- und PhD-Studierenden in ihrer Forschungsgruppe zusammen. «Ich inspiriere sie und sie inspirieren mich», freut sich die ehemalige Mathematiklehrerin. Maja Schaffner

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