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So offen wie möglich, so geschützt wie nötig 

«Forschungsergebnisse können nur dann transparent nachvollzogen werden, wenn man auch die Daten kennt, auf denen sie basieren», sagt Simon van Rekum . Er arbeitet im Bereich Research & Infrastructure an der Hochschulbibliothek der ZHAW und leitet das interne Projekt «DSembedded» , das Forschende im Forschungsdatenmanagement unterstützt. Die in der Schweiz seit Juli 2021 geltende Nationale Strategie für Open Research Data (ORD) hat zum Ziel, den Umgang mit Forschungsdaten so offen wie möglich zu gestalten. Die ZHAW fördert diese Praxis mit verschiedenen Projekten. Beim Teilen von Forschungsdaten geht es aber nicht nur darum, Forschungsergebnisse nachvollziehbar zu machen. «Man will ermöglichen, dass Daten nachgenutzt werden können», sagt van Rekum, dessen Arbeitsschwerpunkte Open Science und Research Data Management sind. «Nachnutzen» bedeutet hier: Wenn jemand eine wissenschaftliche Fragestellung mit Daten beantworten kann, die in einem anderen Forschungsprojekt bereits erhoben wurden, sollen die vorhandenen Daten genutzt werden können. Um das zu ermöglichen, braucht es einerseits Infrastruktur und andererseits das Bemühen, Daten so aufzubereiten, dass sie tatsächlich verständlich und nützlich sind für andere. Vor allem Letzteres bedeute laut van Rekum oft einen Zusatzaufwand für die Forschenden. Darum das Projekt «DSembedded», wo Forschende andere Forschende in ihren Departementen dabei unterstützen, wissenschaftliche Daten systematisch zu organisieren, zu sichern und zu dokumentieren – und zwar von der Erhebung bis zur Archivierung. «Mit diesem internen Service möchten wir helfen beim Abwägen, ob und wie Daten geteilt werden sollten, wie sie schon zu Projektbeginn organisiert werden können, damit sie später nachvollziehbar sind, bis hin zu Fragen nach geeigneten Tools, um das Teilen der Daten zu erleichtern», so van Rekum. Dazu gehört auch die Frage nach dem richtigen Ort zur Veröffentlichung. Zurzeit gibt es verschiedene Cloud-Datenbanken, sogenannte Repositorien, die öffentlich zugänglich sind. «Ob Forschungsdaten komplett offengelegt werden sollen, ist nicht generell mit Ja oder Nein zu beantworten.» Simon van Rekum, Projektleiter DSembedded All diese Überlegungen haben sich auch Roman Grüter und Nils Ratnaweera gemacht, als sie ihr Forschungsprojekt «Auswirkungen des Klimawandels auf den Pfefferanbau» aufgleisten. Das Projekt untersuchte die Veränderungen der Anbaueignung von schwarzem Pfeffer weltweit unter aktuellen und zukünftigen klimatischen Bedingungen. Ratnaweera und Grüter machen nicht nur die Ergebnisse ihres Projektes öffentlich zugänglich, sondern auch alles andere – von den genutzten Rohdaten über die Skripts, die sie entwickelt haben, um die Szenarien für den Pfefferanbau auszurechnen, bis hin zu einem Teil der Korrespondenz, die sie während der Entwicklung miteinander geführt haben. Für diesen komplett offenen Weg haben sich die beiden gleich zu Beginn des Forschungsprojektes entschieden. «Wir haben als Ausgangslage selbst Daten verwendet, die offen zugänglich sind im Sinne von Open Science. Und wir sind dankbar dafür, dass wir diese globalen Daten nutzen konnten», so Ratnaweera. Das vom Projektteam genutzte Tool ist ein Open-Source-Programm. Das Tool zeichnete den Coding-Weg auf: Die Entstehung des Codes, den Ratnaweera beim Programmieren des Tools für die Berechnung der verschiedenen Anbauszenarien geschrieben hat, ist von A bis Z gespeichert. Ebenso die Kommunikation, die bei Grüter und Ratnaweera währenddessen via Chat im selben Tool lief. Somit kann man von aussen den gesamten Entwicklungsweg nachvollziehen. Insbesondere das Veröffentlichen des Chat-Verlaufs kostete ein wenig Überwindung. «Es gab diesen Moment, in dem ich realisierte, was das eigentlich heisst. Man macht sich ja durchaus angreifbar», so Grüter. Schliesslich ist auch nachzulesen, wenn die beiden Forscher nicht einer Meinung waren oder sich gegenseitig auf mögliche Fehler hinwiesen. Dennoch war für beide immer klar, dass das der richtige Weg ist. «Es gibt in diesem Projekt schliesslich keine besonders schützenswerten Daten, deren Veröffentlichung heikel wäre. Also sprach von Anfang an alles dafür, alles zu teilen», so Grüter. « Firmen haben lange gehört, Daten seien das Gold des 21. Jahrhunderts. Wir können nicht erwarten, dass sie diese plötzlich herausgeben.» Nima Riahi, Dozent am Institut für Datenanalyse und Prozessdesign Simon van Rekum sieht das genauso. Wo es möglich ist, rät er nicht nur dazu, die Daten zu teilen, sondern auch, Open-Source-Programme zu verwenden, damit die Hürden für eine Nachnutzung möglichst tief sind. Aber nicht immer ist alles möglich. Und nicht immer ist das Datenteilen so unbedenklich. «Die Frage, ob Forschungsdaten komplett offengelegt werden sollen, ist nicht generell mit Ja oder Nein zu beantworten», sagt er. Man müsse sich mehrere Fragen stellen: Handelt es sich zum Beispiel um ein vom Schweizerischen Nationalfonds SNF unterstütztes Projekt? Dann wäre das Teilen der Daten grundsätzlich Pflicht, weil der SNF seit 2017 eine Strategie der Open Research Data verfolgt. Darüber hinaus sollten sich Forschende früh im Projekt fragen, welchen Mehrwert die Forschungsdaten für Dritte haben könnten, wie dieser Nutzen im Verhältnis zum Aufwand steht, den das Teilen der Daten mit sich bringt, und natürlich, ob es sich um sensible oder anderweitig schützenswerte Daten handelt. «Personendaten müssen anonymisiert und bereinigt werden. Manchmal müssten aus einem Datensatz so viele Informationen entfernt werden, dass er für die Nachnutzung nicht mehr viel bringt», so van Rekum. Ähnliches komme vor, wenn Industriepartner in ein Forschungsprojekt involviert seien. Solche Herausforderungen kennt zum Beispiel die School of Engineering . Es ist ein Zielkonflikt: Man möchte im Sinne der Wissenschaft möglichst viele Erkenntnisse und Daten teilen, steht gleichzeitig aber in der Pflicht von Auftraggebenden, die meist aus der Industrie kommen. Viele Forschungsprojekte werden hier in Zusammenarbeit mit Firmen umgesetzt, die Daten zur Verfügung stellen und die Forschung aus wirtschaftlichen Interessen in Auftrag geben. Dass diese Firmen bereit sind, Daten zu publizieren, ist eher eine Ausnahme. Nima Riahi und Reto Bürgin von der School of Engineering sind beide am Projekt «DSembedded» beteiligt und wissen auch von anderen Forschenden in ihrem Umfeld, wie viele Hürden es beim Teilen von Daten gibt. Manchmal liegt es ganz konkret am Datenschutz. Oft sind es aber auch politische Gründe oder der hohe Aufwand, den niemand zu finanzieren bereit ist. Ausserdem ist für die Firmen nur schwer abzuschätzen, welche Risiken das Teilen von Daten mit sich bringt. Was, wenn jemand mit den Daten auf Erkenntnisse stösst, die man selbst nicht hatte? Oder wenn in einem umfangreichen Datensatz etwas gefunden wird, was einem negativ ausgelegt werden könnte? «Sobald die Industrie involviert ist, wird es schwierig», fasst Bürgin die Situation zusammen. Anders als in der Wissenschaft sei es in der Wirtschaft nicht üblich, zu kooperieren, um vorwärtszukommen. Sondern hier bemühe man sich um Wettbewerbsvorteile. «Lange haben die Firmen gehört, Daten seien das Gold des 21. Jahrhunderts. Wir können nicht erwarten, dass sie diese plötzlich herausgeben», sagt Riahi. Dennoch sehen die beiden Möglichkeiten, das Teilen von Daten mehr zu fördern. Zum Beispiel mit künstlich erzeugten, sogenannt synthetischen Daten, die in Sachen Struktur und Eigenschaften nah an den originalen Daten sind, aber ohne die schützenswerten Anteile. Und wer weiss: Vielleicht könnte es dem Image einer Firma in Zukunft sogar zuträglich sein, wenn sie ihr Wissen und ihre Daten offener teilt. Auch über Anreize müsse man nachdenken. Hier sieht van Rekum auch für die Wissenschaft und auf Ebene der einzelnen Forschenden Potenzial. Er begrüsst die aktuellen Bemühungen, was das «Research Assessment», also die Bewertung von Forschung angeht. Bisher ist es für Forschende wichtig, möglichst viele Artikel zu publizieren, am liebsten in angesehenen Wissenschaftsmagazinen. Auf forschungspolitischer Ebene gibt es nun das Bemühen, auch publizierte Datensätze als wichtigen Forschungsoutput anzuerkennen, damit sich dies positiv auswirken kann auf die Karriere von Forschenden. Die ZHAW steht gemäss van Rekum gut da in Sachen Open Research Data. Sie fördert die Entwicklung und Umsetzung aktiv. «Es gibt aber noch sehr grosse Unterschiede innerhalb der ZHAW», so van Rekum. In gewissen Disziplinen und Teams habe sich das offene Teilen von Daten schon voll etabliert, in anderen wiederum noch überhaupt nicht. «Insgesamt gibt es in der Praxis noch viele Fragen, die die Forschenden beschäftigen. Da können wir noch mehr tun und da sind wir dran.» (Bild: Conradin Frei) Elena Ibello

Was gibt es hinter dem Steuer noch zu tun?

Ins Auto sitzen, das Fahrziel am Bordcomputer eingeben, sich entspannt zurücklehnen und später am Ziel erholt aussteigen. Was für eine angenehme Vorstellung. Seit dem 1. März sind automatisiert fahrende Autos in der Schweiz erlaubt. Wird dadurch die geschilderte Vorstellung zur reellen Möglichkeit? Und was müssen fahrzeuglenkende Personen heute und morgen können? Bereits mit den bisherigen Automatisierungen durch Assistenzsysteme hat sich das Autofahren massiv verändert. Markus Hackenfort vom Departement Angewandte Psychologie der ZHAW befasst sich seit Jahren mit dem automatisierten Fahren und Fragen rund um Akzeptanz, Umgang und Verkehrssicherheit. «Zumindest scheinbar muss ich heute am Steuer viel weniger selbst machen als früher», sagt er. «Viele Automatisierungen dienen dem Komfort, aber auch der Sicherheit – sofern wir mit den Systemen umzugehen wissen.» Denn: «Mensch und Technik passen nicht immer sehr gut zusammen.» In seinem aktuellen Forschungsprojekt sucht Hackenfort für das Bundesamt für Strassen Astra, zusammen mit der Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU und anderen Projektpartnern, nach fundierten Antworten auf die Frage, was Lenkende im Umgang mit der Technik im Auto wissen müssen und wie die Fahrausbildung angesichts von automatisiert fahrenden Autos angepasst werden sollte. «Wir sind eher bereit, Menschen Fehler zu verzeihen als der Technik.» Markus Hackenfort, Professor für Human Factors Psychology Unter «automatisiert fahren» werden verschiedene Stufen der Automatisierung zusammengefasst. Die Bandbreite reicht von «Level 1» mit Assistenzsystemen wie beispielsweise einem Tempomat bis zum völlig autonomen Fahren in «Level 5», das in allen Situationen ganz ohne Fahrerin auskommt. Neuerdings erlaubt sind die Levels 3 und 4: vollautomatisiertes Fahren, das in gewissen Situationen und beschränkt auf bestimmte geografische Gebiete ohne Lenker möglich ist. Die eingangs geschilderte Vorstellung ermöglicht das allerdings noch nicht. Die Fahrzeuge sind vorerst nicht für Privatpersonen freigegeben, sondern für Organisationen in der Verkehrsbranche. Dazu gab es verschiedene Pilotprojekte, aktuell ist eines im Zürcher Furttal im Gang. Selbstfahrende Autos werden dort als eine Art Taxis eingesetzt, die das öV-Angebot ergänzen sollen. «In Regionen wie dem Furttal kann das sinnvoll sein, etwa weil die Leute teilweise weite Strecken bis zur nächsten öV-Haltestelle zurücklegen müssen», so Hackenfort. Gerade für Menschen mit eingeschränkter Mobilität aufgrund von Alter oder Behinderung kann das Angebot einen grossen Unterschied machen. Für die gesamte Fläche der Schweiz ist vorerst nicht mit solchen Robotaxis zu rechnen. «Die Systeme der Autos müssen auf ein spezifisches Gebiet trainiert werden», erklärt Hackenfort. «Sie müssen die Strassen kennen, um sich darauf sicher automatisch bewegen zu können.» Ein Einsatz in einem klar definierten Gebiet oder in Städten wäre jedoch möglich, so Hackenfort. «Darum sollten wir uns heute schon die Frage stellen: Wie viele autonom fahrende Autos wollen wir insbesondere auf den innerstädtischen Strassen haben?» Das Projekt im Furttal soll unter anderem zeigen, wie die Bevölkerung auf selbstfahrende Autos reagiert. Was die Sicherheit angeht, lässt sich heute noch nicht wissenschaftlich fundiert sagen, ob Level-4-Fahrzeuge – wie teilweise von Herstellern proklamiert – deutlich sicherer sind als von Menschen gelenkte Fahrzeuge. Dazu fehlt es schlicht an der nötigen Datenmenge. «Was wir aber wissen, ist, dass wir eher bereit sind, Menschen Fehler zu verzeihen als der Technik», sagt Hackenfort. Einzelne Unfälle, wie sie beispielsweise in San Francisco bereits vorgekommen sind, können das Vertrauen in das automatische System komplett erschüttern. Ob daran harte statistische Fakten etwas ändern könnten, müsste gemäss Hackenfort weiter erforscht werden. Im Individualverkehr haben sich viele bereits an gewisse Automatisierungen gewöhnt. Skepsis gibt es manchmal noch von älteren Lenkern. Relativ verbreitet sind Fahrzeuge auf Level 2, die assistiertes Fahren, beispielsweise mit Spurhalteassistenz, ermöglichen. Level-3-Autos haben automatisierte Funktionen und können in einzelnen Situationen ohne permanenten Eingriff der Lenkerin fahren. In beiden Fällen gilt: Lenkende müssen «jederzeit übernahmebereit» sein. So verlangt es das Gesetz. «Doch selbst wenn wir das wissen, bleibt das Problem, dass wir Menschen nicht in der Lage sind, in einer scheinbar anspruchslosen Situation permanent aufmerksam zu sein», sagt Hackenfort. «Dazu kommt, dass wir nicht mehr ganz einsehen, warum wir uns hinter dem Steuer ständig bereithalten sollten, wenn wir erlebt haben, wie gut automatische Systeme funktionieren. Auch wenn es uns zu Beginn etwas komisch vorkommt, gewöhnen wir uns sehr schnell an den Komfort und geben rasch Kontrolle ab.» Der Psychologe weiss: Wenn wir mehrmals positive Erfahrungen gemacht haben, dann verlassen wir uns darauf, dass die Technik stets einwandfrei funktionieren wird. «Doch in seltenen Situationen funktionieren viele Systeme eben nicht. Und damit wären wir beim Sicherheitsproblem: Unfälle passieren immer in einer aussergewöhnlichen Situation.» Das zeigt, wie wichtig die permanente Übernahmebereitschaft ist. «Menschen sind nicht in der Lage, in einer scheinbar anspruchslosen Situation aufmerksam zu bleiben.» Markus Hackenfort, Professor für Human Factors Psychology Um diese sicherzustellen, setzt man auf drei «E»: Engineering, Enforcement und Education. Erstens erinnern automatische Fahrsysteme die Lenkenden regelmässig an ihre Pflichten. Zweitens nimmt das Gesetz die Lenkenden in die Verantwortung: Wenn sie nicht übernahmebereit sind und darum einen Unfall verursachen, haften sie – nicht der Fahrzeughersteller. Und drittens ist es laut Hackenfort wichtig, dass fahrzeuglenkende Personen heute die Funktionsweise und die Grenzen von automatischen Systemen kennen und ein Bewusstsein dafür haben, warum man beim Fahren die Kontrolle behalten und bei der Sache bleiben muss. Das heisst, dass auch in der Ausbildung und Fahrprüfung automatisiertes Fahren und ein sicherer Umgang damit Thema sein müssen. Es gibt also nicht weniger Lernstoff als bisher, sondern mehr. (Headerbild: Adobestock/Scharfsinn86) Elena Ibello

Expertin für Sustainable Finance: «Mit meiner Forschung kann ich etwas bewirken»

Als Julia Meyer begann, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit im Finanzsektor zu befassen, da wollte noch kaum jemand etwas davon hören. Heute, rund 15 Jahre später, sieht die Sache komplett anders aus: An jeder wissenschaftlichen Konferenz handelt eine Vielzahl der Beiträge auf irgendeine Art und Weise von «Sustainable Finance» . Die Investorinnen und Investoren wollen wissen, wie nachhaltig die Produkte und Firmen sind, in die sie zu investieren gedenken, und die Banken sind verpflichtet, ihre Kundenberaterinnen und -berater in Sachen Nachhaltigkeit zu schulen. Bald soll ein nationaler Standard eingeführt werden, der festlegt, was eigentlich ein nachhaltiges Finanzprodukt ist. Dies zeigt Julia Meyer, dass sich die Schweiz in Sachen Sustainable Finance in die richtige Richtung bewege. «Wenn dieser neue Standard erst einmal gilt, dann wird es sicher mehr nachhaltige Finanzprodukte geben, die den Vorstellungen der Kundinnen und Kunden besser entsprechen als die heutigen», ist die Professorin Sustainable Finance der ZHAW School of Management and Law überzeugt. An der Fachstelle Corporate Performance and Sustainable Financing lehrt und forscht die 41-Jährige, die vor Kurzem zur Professorin ernannt wurde. Heute, so Meyer, sei unklar, wie man die Nachhaltigkeit von Firmen und Produkten in der Finanzwelt zuverlässig messen könne. Es gibt verschiedene Nachhaltigkeitsratings, die alle unterschiedliche Dinge messen. «Gewisse Ratings konzentrieren sich beispielsweise darauf, zu messen, ob eine Firma für allfällige ökologische Risiken gewappnet ist und diese finanziell tragen könnte. Anlegende könnten derweil verstehen, dass ein gutes Rating heisst, die Firma setze sich aktiv für Nachhaltigkeitsthemen ein und er oder sie könne mit einem entsprechenden Investment etwas Gutes tun», erklärt Meyer. Das wäre ein Missverständnis, das auch das Risiko involviert, dass die Anbieter von nachhaltigen Anlageprodukten bezichtigt werden, Greenwashing zu betreiben. Darum geht die Expertin für Sustainable Finance in ihrer aktuellen Forschung der Frage nach, wie Nachhaltigkeitsinformationen genutzt werden und was Investorinnen und Investoren, aber auch andere Finanzmarktakteure wie Banken und Fonds unter Nachhaltigkeit im Detail verstehen. Ihre Forschung soll zeigen, inwiefern sich dieses Verständnis sowohl im ökologischen als auch im sozialen Sinn mit den vorhandenen Ratings deckt. Ihr Forschungsprojekt «The Anatomy of Sustainability» wird finanziell von der Schwyzer-Winiker Stiftung unterstützt. «Ich freue mich darauf, mich wieder mehr der Forschung zu widmen», sagt die umtriebige Professorin. Zuletzt hat Meyer viel Zeit investiert in den Aufbau verschiedener Teaching-Produkte zum Thema. Einerseits im Hochschulumfeld und andererseits in der Praxis mit Finanzinstituten. Nachdem sie 2013 ihre Dissertation zu Microfinance und Impact Investing an der Universität Zürich abgeschlossen hatte, half sie dort beim Aufbau eines CAS-Lehrgangs für Sustainable Finance, der rasch grosse Beliebtheit erlangte. Seit sie 2020 zur ZHAW stiess, entwickelte sie auch hier entsprechende Weiterbildungsprogramme und Angebote für die Praxis. Zusammen mit ihrem Team baute sie Schulungen für Bankberaterinnen und -berater auf, die sie selbst umsetzt. In einer Kombination aus Videos zum Selbststudium und Schulung vor Ort lernen die Beraterinnen und Berater, das Thema Nachhaltigkeit einzubeziehen bei der Prüfung von Produkten und vor allem bei der Beratung von Kundinnen und Kunden. «Ich bin nicht der Meinung, dass ab sofort jede Bank komplett grün sein muss.» Julia Meyer, School of Management and Law «Diese Schulungen machen mir viel Spass. Wir gehen vor Ort auch auf die Produkte der spezifischen Bank ein, und das ergibt spannende Diskussionen. Die Teilnehmenden stellen manchmal kritische Fragen und schildern Herausforderungen aus der Praxis. Das ist für uns enorm lehrreich, und diese Voten dienen uns als Inspiration für aktuelle und zukünftige Forschungsprojekte», so Meyer. Oft sitzen – anders als in den Wahlmodulen an der Hochschule – in diesen Kursen auch Personen, die eigentlich vom Thema nicht angetan sind. «Das ist oft herausfordernd, aber ich finde das völlig okay. Ich bin nicht der Meinung, dass ab sofort jede Bank komplett grün sein muss. Man sollte sich mit dem Thema einfach auskennen, das ist nicht zu umgehen.» Am Ende hänge vieles von der jeweiligen Beratungsperson ab. Wer sich dafür interessiert, ist in der Schulung Feuer und Flamme und nimmt von dort wieder Motivation mit. Wichtig ist Meyer, zu betonen: «Es ist ein kompliziertes Gebiet, das sich noch sehr stark und rasch wandelt. Man kann gar nicht alles wissen darüber. Auch nicht als Bankberaterin.» Gerade diese Dynamik, der stete, rasante Wandel im Thema, begeistert Meyer. «Es ist noch so viel ungeklärt. Aus Forschungssicht ist das enorm spannend, weil es immer noch unendlich viele Themen gibt, die man bearbeiten kann, weil da noch so viele unbeantwortete Fragen sind.» Manchmal, so Meyer, sei das natürlich auch anstrengend, insbesondere in der Lehre. Sie lächelt und sagt: «Hin und wieder wünschte ich mir, ich wäre Mathe-Professorin und könnte eine Formel erklären und sagen: So ist es. Und so bleibt es auch.» Aber in diesem Bereich sei es schlicht unmöglich, die Unterlagen vom letzten Semester für das aktuelle zu zücken. «Wir müssen die Lehrinhalte stets neu aufbereiten.» «Das gefällt mir allgemein am Fachhochschulumfeld. Es ist toll und motivierend, an Dingen forschen zu können, die in der Praxis tatsächlich genutzt werden.» Julia Meyer, Expertin für Sustainable Finance Was sie ebenfalls begeistert, ist der Transfer zwischen Forschung und Praxis, der unter anderem in den Schulungen mit den Bankberaterinnen und -beratern möglich ist. «Das gefällt mir allgemein am Fachhochschulumfeld. Es ist toll und motivierend, an Dingen forschen zu können, die in der Praxis tatsächlich genutzt werden.» Motivierend findet Meyer auch, dass sie mit ihrem Forschungsthema eine Möglichkeit gefunden hat, sich einem Bereich zu widmen, den sie im grösseren Kontext als wichtig empfindet. «Nach meinem Wirtschaftsstudium war ich zuerst in der Beratung tätig und arbeitete damals schon oft mit Banken. Das fand ich spannend, aber ich wünschte mir, etwas Wirkungsvolleres mit der Analyse von Finanzkennzahlen tun zu können.» Als sie hörte, dass an der Universität Zürich ein Zentrum für Microfinance gegründet werden sollte, wusste sie plötzlich, wo ihr Weg sie hinführen sollte. Das Thema Nachhaltigkeit ist Meyer auch privat wichtig. «Auch wenn ich kein Beispiel bin für astrein nachhaltiges Verhalten, so achte ich im Alltag doch darauf.» Es gehe ihr nicht zuletzt darum, ihre drei Kinder zu sensibilisieren und die Natur für nachfolgende Generationen so intakt wie möglich zu hinterlassen. «Wir sind als Familie in unserer Freizeit beispielsweise sehr viel am und im See. Dass wir hier ohne Bedenken ins Wasser springen können, ist nicht selbstverständlich, weil das Wasser längst nicht mehr überall sauber genug ist. Ich finde das enorm wertvoll und möchte diese Qualität erhalten.» «Meinen Ansprechpartner bei der Bank habe ich durchaus schon herausgefordert mit solchen Themen.» Julia Meyer, Fachstelle Corporate Performance and Sustainable Financing Meyer achtet auch darauf, sich als Kleinanlegerin nachhaltig zu verhalten. Dazu müsse man kritische Fragen stellen. «Meinen Ansprechpartner bei der Bank habe ich durchaus schon herausgefordert mit solchen Themen.» Das empfiehlt sie auch privaten Anlegerinnen, die auf Nachhaltigkeit achten wollen. Nachhaltigkeitsinformationen müsse man genau anschauen und herausfinden, was überhaupt gemessen werde. Und da die Ratings noch nicht aussagekräftig genug seien, müsse man kritische Fragen stellen. «Es gibt keine blöden Fragen. Gerade weil noch so viel unklar ist und die Firmen erst jetzt beginnen, offenzulegen, wie sie sich ökologisch und sozial verhalten, bleibt nichts anderes übrig, als möglichst genau hinzuschauen und nachzufragen.» Meyer freut sich, sich weiter in dieser dynamischen Thematik vertiefen zu können. Im Mai und Juni weilt sie für einen Forschungsaustausch mit Swissnex in Boston, das als Hub für Sustainable Finance gilt, wo sie ihre Forschung präsentieren kann. «Da ergeben sich vielleicht auch Möglichkeiten für Kooperationen für weitere Forschungsprojekte. Ich bin gespannt.» Elena Ibello

Programmieren ist eine Schule fürs Leben

Am Bildschirm sitzen sich die beiden gegenüber, der 26-jährige Lehrer und der 10-jährige Schüler, und erzählen einander von ihren Hobbys. Natürlich tauschen sie sich auch über die Games aus, die sie gerne spielen. Die Gemeinsamkeiten sind schnell gefunden. Der Lehrer Daniel Stefania macht gerne Musik, spielt Klavier und Squash, der Schüler Marco spielt fürs Leben gern Gitarre und ausserdem Tennis. Der Übergang von diesem ungezwungenen Kennenlernen zum eigentlichen Unterricht verläuft fliessend. Von der Frage nach dem Lieblingsgame ist es nicht weit zur Frage, was es denn brauche, um dieses spielen zu können, und kaum ist geklärt, was Programmieren eigentlich ist, haben die beiden schon ganz konkret damit begonnen. Auf der Web-Anwendung des Programms Scratch programmiert der Zehnjährige unter Anleitung von Daniel Stefania sein erstes Game. Noch nie zuvor hat Marco ein Game programmiert, aber nach kurzer Zeit hat er erfasst, wie die Sache funktioniert, und freut sich über die kleinen Erfolge, wenn der als Figur gewählte Ritter sich beispielsweise in die gewünschten Richtungen bewegt oder wenn ein Ton im richtigen Moment erklingt. «Das Unterrichten bringt für mich das Tollste aus allen Disziplinen zusammen.» Daniel Stefania, ZHAW-Absolvent Diese Freude teilt Stefania mit seinem Schüler unverhohlen. Freude scheint überhaupt einer der grössten Treiber zu sein für den Gründer von Cool Code , der GmbH, die diese Online-Coding-Lektionen anbietet und den Kindern das Programmieren näherbringen will. «Ich programmiere wahnsinnig gern und ich schätze die Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Das Unterrichten bringt für mich das Tollste aus allen Disziplinen zusammen», sagt Stefania. Erst im vergangenen August hat er sein Bachelorstudium der Informatik an der ZHAW abgeschlossen. Schon im April davor hatte er die Cool Code GmbH gegründet. Heute arbeitet er hauptsächlich für sein eigenes Startup und wird dabei unterstützt von Freundinnen und Kollegen, die inzwischen als Lehrpersonen oder im Hintergrund beratend zum Team gehören. Ein Teilzeitpensum bei einem anderen Startup als App-Entwickler ergänzt seine Tätigkeit. «Das passt für mich perfekt. Ich bin froh, dass ich so arbeiten kann.» Zum Programmieren kam Stefania durch Zufall, wie er sagt. Mit dem Ziel, an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) Film zu studieren, besuchte er den gestalterischen Vorkurs. Bei einer Einführung ins Programmieren war für Stefania plötzlich klar: Das will ich machen. «Für mich war Programmieren von Beginn an etwas Kreatives, etwas, das nah am Menschen ist, und mir war immer klar, dass ich nach dem Studium Apps oder Games entwickeln wollte», erzählt Stefania. Nur, dass es aufs Unterrichten hinauslaufen sollte, das war ihm damals nicht klar. «Die Kinder profitieren insbesondere von zwei Dingen: Von der Erfahrung, dass sich Geduld auszahlt. Und von der Übung, Probleme analytisch und spielerisch anzugehen.» Daniel Stefania, Cool-Code-Gründer Während des Informatikstudiums an der ZHAW School of Engineering begann er, privat einzelne Kinder ins Programmieren einzuführen. Es kamen weitere Anfragen. Freundinnen und Freunde dieser Kinder klopften an, und irgendwann begann sich in Stefanias Kopf die Idee zu formieren, dieses Angebot zu professionalisieren. «Ich stellte fest, dass hier tatsächlich eine Nachfrage bestand.» In den privaten Lektionen zeigte sich ihm etwas deutlich, was er davor schon wusste: Das Programmieren von Games macht nicht nur Spass, sondern es trainiert auch verschiedene wichtige Fähigkeiten: logisches Denken, Probleme lösen, Kreativität ausleben, Storys entwickeln, Zusammenarbeit mit anderen, eigene Ideen anderen verständlich machen. Alles Dinge, die im Leben hilfreich sind. «Ich bin sicher, dass die Kinder insbesondere von zwei Dingen profitieren: von der Erfahrung, dass sich Geduld auszahlt, wenn etwas nicht beim ersten Anlauf funktioniert. Und von der Übung, Probleme analytisch und spielerisch anzugehen.» Von der vagen Idee zur eigenen Firma war es ein gutes Stück Weg. Dennoch: Stefania gründete seine Firma, noch bevor er sein Studium abschloss. «Das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, aber es war natürlich nicht ganz einfach.» Der Faktor Zeit war für Stefania bei der Gründung die grosse Herausforderung. Als Student kurz vor dem Bachelorabschluss konnte er nicht seine ganze Aufmerksamkeit der neuen GmbH widmen. Ausserdem gründete er alleine und war von A bis Z für alles verantwortlich. Bis heute macht er einen Grossteil der Arbeit selbst, auch die Administration. «Ich habe bewusst darauf verzichtet, Investorinnen oder Investoren zu suchen», sagt er. «Da wir ausschliesslich online unterrichten, können wir die fixen Kosten tief halten. Dafür liegt es ohne Investments von aussen natürlich nicht drin, Arbeiten zu delegieren.» Vorerst will Stefania bei dieser Strategie bleiben. Sein fünfköpfiges Team von Lehrpersonen und «Advisors» im Hintergrund trägt aktuell gut. Hilfreich bei der Gründung seines Startups waren verschiedene Angebote der ZHAW . «Dank dem Wissen, das ich mir im Grundstudium aneignen konnte, kann ich andere ans Programmieren heranführen», so Stefania. Was ihm darüber hinaus besonders half, waren die Vertiefungen, die er zum Ende des Studiums wählen konnte. «So konnte ich Inhalte zusammenstellen, die zu meiner künftigen Tätigkeit passten, und manchmal Gelerntes direkt für mein Startup brauchen.» Besonders ein spezifisches Angebot für Startups, zu welchem Stefania dank der ZHAW Zugang hatte, war hilfreich. Im Startup Campus besuchte er den Kurs Business Concept. «Die Ambition, meine Idee umzusetzen, entwickelte sich letztlich in diesem Kurs», erzählt Stefania. «Das war für die Kinder, die die Games programmiert hatten, ein grandioses Erlebnis, zu sehen, wie andere Kinder an ihren Games Freude hatten.» Daniel Stefania Bis heute begleitet Stefania eine Mentorin im Rahmen der Initiative ZHAW entrepreneurship der School of Engineering . «Wir haben regelmässig Kontakt und vereinbaren immer wieder neue Ziele für mein Startup. Das hilft mir enorm. Als Unternehmerin weiss meine Mentorin, worauf es ankommt.» Auch sonst kreuzt sich sein beruflicher Weg immer wieder mit der ZHAW. An der Nacht der Technik konnte Cool Code Arbeiten seiner Schülerinnen und Schüler ausstellen. Die in den Kursen entwickelten Games wurden hier live von Besuchenden gespielt. «Das war natürlich insbesondere für die Kinder, die die Games programmiert hatten, ein grandioses Erlebnis. Zu sehen, wie andere Kinder an ihren Games Freude haben, das war schön.» Auch eine Einladung zum Alumni-Dinner der Initiative ZHAW entrepreneurship war kürzlich dabei (siehe Box). Besonders freut sich Stefania, wenn seine Schülerinnen und Schüler mit ihren Programmierkenntnissen bei der Lehrstellensuche punkten können. «In der Regel werden Informatiklehrstellen nur an Jugendliche mit einem Zeugnis der Sekundarstufe A vergeben», erzählt Stefania. Einer von seinen Schülern besuchte die Sekundarstufe B und wollte dennoch eine Informatiklehre beginnen. «Dank dem wöchentlichen Kurs kannte ich den Schüler gut und ich sah, dass er ein Talent fürs Programmieren hat. Er war zudem motiviert und wissensdurstig. Leider erhielt er dennoch mehrere Absagen auf seine Bewerbungen. Dabei war er offensichtlich ein grossartiger Kandidat für eine Informatiklehrstelle.» Am Ende klappte es doch noch. Unter anderem, weil der Schüler die beeindruckenden Programmierprojekte vorweisen konnte, welche er bei Cool Code kreiert hatte. «Das war für mich ein bewegender Moment», schwärmt Stefania. Solche Erlebnisse zeigen Stefania, wie wertvoll es ist, Kindern schon früh den Zugang zu Coding zu ermöglichen. Ähnlich wie das mit Musikunterricht oder anderen Hobbys auch geschieht. «Die eigenen Begabungen zu entdecken, ist wichtig und nur möglich, wenn man Dinge ausprobieren kann», sagt er. Aktuell ist Cool Code dabei, auf verschiedene Schulen zuzugehen und dort Schnupperkurse anzubieten. «Ich freue mich darauf zu sehen, wie das weitergeht», so Stefania. So oder so findet er, er sei beruflich gerade genau am richtigen Ort. Die Arbeit mit Kindern will er nicht mehr missen. «An diesen jungen Menschen bewundere ich erstens ihre Motivation, ihren Spass am Lernen. Und zweitens ihr Selbstvertrauen. Sie sehen etwas, das sie können wollen, und beginnen einfach, das zu lernen. Ohne zu denken: Oh, das sieht schwierig aus, vielleicht lasse ich es lieber bleiben.» Inzwischen ist die Online-Lektion mit Marco fast um. Geduldig hat Stefania ihm die zahllosen Funktionen und Möglichkeiten mit Scratch erklärt. Hat Hinweise darauf gegeben, wie das Spiel weiterentwickelt werden könnte, und dabei Marcos Interessen berücksichtigt, hat Ideen aufgenommen und sie direkt mit seinem Schüler umgesetzt. Dieser gewann mit jeder neu programmierten Zeile an Selbstbewusstsein, lachte über die Experimente, die funktionierten, ebenso wie über jene, die beim ersten Versuch scheiterten. Und wie beiläufig lernte Marco überdies Grundlagen der Mathematik kennen, die im Lehrplan seiner fünften Klasse noch nicht stehen, die aber für das Entwickeln eines Games wichtig sind – und sich in diesem Kontext leicht und konkret erklären lassen. Am Ende dieser Stunde hat Marco mit Stefanias Hilfe sein erstes rudimentäres Game programmiert. Die Erwartungen sind damit übertroffen – und die Lust auf mehr geweckt. www.coolcode.io Elena Ibello

«Es ist die Erfüllung eines Traums»

Dass sie einmal hier auf diesem lieblichen Hügel mitten unter leise gackernden Legehennen stehen und über die biologische Landwirtschaft sprechen würde, hätte sie noch vor einigen Jahren nicht gedacht. Obwohl der Hof, den Priska Stierli zusammen mit ihrem Mann betreibt, ihr alles andere als fremd ist. Wie ihre eigenen Töchter heute hatte sie als Kind auf dieser Wiese gespielt. Im Garten neben dem schönen Wohnhaus, auf den schattigen Streifen Land zwischen Kuhstall und Geräteschuppen oder auf den rund 16 Hektaren Weiden und Feldern, die zum Hof gehören, hatte sie sich zusammen mit ihren drei Schwestern die Zeit vertrieben, Verstecken gespielt und die Tiere gestreichelt. Heute, inzwischen 36 Jahre alt und mit einem Abschluss als Umweltingenieurin in der Tasche, steht sie also hier und berichtet darüber, wie sie und ihr Mann diesen Hof auf biologische Landwirtschaft umstellen und verschiedene Biodiversitätsmassnahmen planen. Die Hühner, beschäftigt mit dem Picken der Körner, die Stierli in der Wiese verteilt, haben aufgehört zu gackern, die Sonne lugt hinter hellgrauen Wolken hervor, und vom Wohnhaus her ist Kinderlachen zu hören. 14 Monate alt ist die jüngere Tochter, drei Jahre die ältere. «Ich bin aktuell zum grossen Teil mit Betreuungsarbeit beschäftigt. Die Arbeit auf dem Hof wird vor allem von meinem Mann und meinem Vater erledigt», sagt sie. «Unser Hof ist relativ klein und wir sind noch in der Umstellung zum Bio-Betrieb.» 2024 wird das Knospe-Label erworben sein. Stierli und ihr Mann wollen bald etwas Land dazupachten. Denn die aktuelle Grösse ist nicht ideal. «Zu klein zum Überleben, zu gross zum Sterben», sagt sie und lacht. An Perspektiven fehlt es ihr nicht. «Es ist schön, wenn man sich von selbst Produziertem ernähren kann. Gerade beim Fleisch ist es uns wichtig, dass wir lokale Produkte essen.» Priska Stierli, Landwirtin Priska Stierli und ihr Mann gehen beide in Teilzeit einer externen Erwerbstätigkeit nach. Früher oder später will vor allem ihr Mann voll auf dem Hof arbeiten. «Für uns ist das die Erfüllung eines Traums. Auch wenn nicht alles perfekt und ausgereift ist. Das motiviert uns, den Betrieb weiterzuentwickeln, das ist spannend.» Neben den 50 Legehennen in einem mobilen Stall hält die Familie drei Mutterkühe, ein Kalb, ein Rind und einen «Muni», der bald «gemetzget» werden soll. Die Kühe weiden das ganze Jahr über. Früher, vor der Umstellung auf Bio, standen in diesem Stall mehr als dreimal so viele Kühe in Reih und Glied. «Finanziell lohnt sich die Bio-Fleischwirtschaft auf diesem kleinen Hof nicht», sagt Priska Stierli. Das Fleisch ist vor allem für den eigenen Verzehr. «Es ist schön, wenn man sich von selbst Produziertem ernähren kann. Gerade beim Fleisch ist es uns wichtig, dass wir lokale Produkte essen. Auf unseren Tellern ist fast alles direkt von hier», sagt Stierli. Inzwischen sitzt sie am Tisch in der gemütlichen Gartenlaube, die soeben gepflückten Brombeeren in einer kleinen Schüssel vor sich. Wichtig ist ihr auch der Kreislauf: Das Futter für die Kühe stammt zum grossen Teil aus der eigenen Produktion, die Gülle wird wiederum für die eigenen Felder genutzt. Auf rund 14 Hektaren baut die Familie Getreide, Sonnenblumen, Körner- und Zuckermais an. Kreisläufe zu schliessen, ist für Stierli gleichzeitig die grösste Herausforderung. «Aktuell müssen wir einiges an Nährstoffen für Tiere und Böden zukaufen. Daran arbeiten wir noch.» Ihre externe Erwerbstätigkeit will Stierli trotz der Freude am Hof auf keinen Fall missen. Beim Aargauer Bauernverband ist sie zuständig für den Bereich Energie und Klima und berät Landwirtschaftsbetriebe. Ist die Rede von dieser Arbeit, kommt Stierli in Fahrt. Sie schöpft aus dem Vollen: Aus dem Wissen, das sie sich im Studium an der ZHAW sowie in der Zusammenarbeit mit Energieingenieurinnen und -ingenieuren erarbeitet hat, und auch aus ihren Berufserfahrungen. Dass Landwirtschaftsbetriebe gegenüber Energiesparen skeptisch seien, sehe sie selten. «Natürlich kommt es vor, dass jemand denkt, ich sei einfach eine Grüne und wolle reinreden.» Aber in der Regel sei das Interesse gross. «Bei den Stromkosten können viele Betriebe Tausende von Franken pro Jahr einsparen», sagt die Fachfrau. Eine Beratung zum Energiesparen lohne sich in solchen Fällen. Via «Energie Schweiz» kann die Hälfte der Beratungskosten vom Bund zurückgefordert werden. Gerade Betriebe mit hohem Stromverbrauch könnten von verhältnismässig einfachen Massnahmen profitieren, sagt Stierli. «Jeder Landwirtschaftsbetrieb ist anders. Darum erstellen wir zuerst eine ausführliche Analyse, bevor wir passende Massnahmen vorschlagen und den Effekt berechnen», sagt Stierli. Eine der Massnahmen, die sehr oft sinnvoll sind, ist eine Photovoltaikanlage. «Mindestens für den Eigenverbrauch rechnet sich diese Investition fast immer», sagt Stierli. Je nach Grösse des Betriebes auch darüber hinaus. Gerade jetzt, wo die Einspeisetarife gut und die Fördergelder hoch seien. Stierli spricht von einem «Boom», den man jetzt nutzen sollte. «Natürlich empfehlen wir auch Massnahmen darüber hinaus, individuell auf die Betriebe zugeschnitten.» Denn viele Betriebe könnten einen noch grösseren Beitrag leisten, um die Umweltprobleme anzugehen, die uns alle betreffen, findet Stierli. Die Arbeit als Umweltingenieurin und Landwirtin sei nicht nur inhaltlich spannend. «Ich finde es motivierend, mit meiner Arbeit einen Beitrag leisten zu können, um die Ressourcen und das Klima zu schonen.» Auch wenn es kaum möglich sei, sich «perfekt» zu verhalten, was die Umwelt angehe, so hätten wir doch alle einen je eigenen Spielraum, den wir nutzen könnten. «Das war einer der Gründe, weshalb ich mich damals für den Studiengang Umweltingenieurwesen an der ZHAW entschieden habe. Diese Motivation verstärkte sich im Studium.» Den Hof ihrer Eltern im Hinterkopf, wählte sie den Schwerpunkt Biologische Landwirtschaft. «Das hat mir für vieles die Augen geöffnet. Zum Beispiel, wie komplex die Führung eines Landwirtschaftsbetriebs ist.» Sie lernte auch, welche Alternativen es zu chemischen Pflanzenschutzmitteln gibt. «Wir können davon wegkommen, wenn wir wissen, wie.» Noch Anfang Studium hatte Priska Stierli allerdings nicht vor, den Hof der Eltern zu übernehmen und tatsächlich in die Landwirtschaft einzusteigen. Mit einer kaufmännischen Grundausbildung und mit der klaren Vorstellung, etwas anderes als ihre Eltern zu machen, war sie ins Berufsleben gestartet. Stierli denkt eine Weile nach und sagt dann: «Das war für mich damals wohl deshalb klar, weil mein Vater je länger, je mehr seine Mühe hatte mit seinem Berufsstand.» Das Führen eines Bauernhofs wurde immer komplexer, die Rahmenbedingungen wurden schwieriger, die Verdienstmöglichkeiten kleiner. «Ich fand die Idee inspirierend, mich vertieft mit der Umweltthematik auseinanderzusetzen.» Priska Stierli, Umweltingenieurin Heute, mit der gestiegenen Nachfrage nach biologischen Produkten, ergibt sich für viele eine neue Perspektive. Nach einer Weile im kaufmännischen Bereich wusste Priska Stierli, dass sie sich weiterentwickeln wollte. Ein Fachhochschulstudium sollte es sein und das Umweltingenieurwesen hatte es ihr bald angetan. «Ich fand die Idee inspirierend, mich vertieft mit der Umweltthematik auseinanderzusetzen.» Erst im Laufe des Studiums wurde ihr klar: biologische Landwirtschaft! Das war doch ein Bereich, zu dem sie Zugang hatte, der wunderbar passte. Und bald schien auch die Vorstellung, selbst in der Landwirtschaft tätig zu sein, ganz natürlich. «Dass ich mich heute beruflich so intensiv mit Energie und Klima auseinandersetze, ist ein Zufall, da bin ich quasi hineingerutscht», sagt Stierli und lächelt. Mit einem kleinen Engagement startete sie nach dem Studium beim Verein AgroCleanTech, der Beratungen und Förderprogramme in den Bereichen Energieeffizienz und Klimaschutz für die Landwirtschaft macht. Das Engagement wurde nach und nach ausgebaut, bis sie als Co-Leiterin die Geschäftsführung übernahm. «Das war eine spannende Zeit», so Stierli. Als sie vor eineinhalb Jahren zusammen mit ihrem Mann den Hof der Eltern im Aargau übernahm, war das zweite Kind unterwegs und Stierli suchte eine passende Stelle mit einem kürzeren Arbeitsweg. «So ist es für mich viel leichter, die verschiedenen Aufgaben zu vereinen», sagt Stierli. Was nicht bedeutet, es sei einfach, Familie, Beruf und Betrieb gerecht zu werden. In ihrer neuen Aufgabe beim Bauernverband Aargau geht es um dieselbe Sache wie als Co-Geschäftsführerin von AgroCleanTech: Landwirtschaftsbetriebe darin unterstützen, nachhaltig zu arbeiten. Neu sei sie aber näher an der Basis. «Auf den Betrieben zu sein, Landwirtinnen und Landwirte zu treffen und mit ihnen zusammen nach passenden Lösungen zu suchen, das erweitert meinen Horizont», sagt Stierli. Sie hebt den Blick und schaut über die Aargauer Hügel. Ihre dreijährige Tochter sitzt inzwischen auf ihrem Schoss und singt. Die Hühner haben wieder zu gackern begonnen. Ihr Vater hat im Geräteschuppen die Schleifmaschine angeworfen, seine kleine Enkelin springt auf: «Opi! Schleifen!», und saust davon. Elena Ibello

«Mein Beitrag zur Energiewende»

«Noch nie hatte ich einen Job, in dem ich so viel telefonieren musste», sagt Arturo Bänziger und lacht herzhaft. Seit drei Monaten leitet er Projekte für die Installation von Photovoltaikanlagen auf Dächern von Ein- und Mehrfamilienhäusern. Da gibt es viel zu koordinieren, zu organisieren und zu kommunizieren. «Das Wichtigste in meinem Job als Projektleiter Solar- und Wärmetechnik ist das Pflegen von Beziehungen zu Auftraggebenden, zu Fachpersonen von Partnerbetrieben und zu Lieferfirmen. Nur so können wir ein Projekt erfolgreich zusammen umsetzen, sagt Bänziger. Oft ist er darum auf Baustellen anzutreffen. Er mag den Kontakt zu Menschen und vermittelt gerne zwischen ihnen. Dies, gekoppelt mit den fachlichen und technischen Herausforderungen, macht den Job für Bänziger besonders spannend. Der 28-Jährige schloss im Sommer 2022 sein Bachelorstudium Energie- und Umwelttechnik an der School of Engineering der ZHAW ab und begann direkt nach dem Studium bei der CKW Gebäudetechnik zu arbeiten. Aktuell liegt sein Fokus auf der Betreuung von Photovoltaikprojekten. «Die Nachfrage ist riesig», sagt Bänziger. In den letzten Wochen hat diese weiter zugenommen. «Viele Menschen wollen einen Beitrag zu einer nachhaltigen Stromversorgung leisten oder sind von der aktuellen Entwicklung im Strommarkt beunruhigt.» Wer schon seit einer Weile darüber nachdachte, Solarpanels auf dem Dach zu installieren, ringt sich jetzt zu einer Entscheidung durch. Insbesondere das Interesse an Anlagen, die dank Batteriekomponenten auch dann weiterlaufen, wenn der Netzstrom ausfällt, ist enorm. Die riesige Nachfrage prägte für den Fachmann den Einstieg in die Branche. «Ich wurde ziemlich ins kalte Wasser geworfen», sagt er und lacht erneut. «Der Anstrum ist schwer zu bewältigen; aber ich tue, was ich kann.» Bänziger würde die Projekte gerne schneller umsetzen. «Aber das ist leider schlicht nicht möglich.» Die gesamte Lieferkette hat Probleme, mit der Nachfrage Schritt zu halten. Materialien fehlen an allen Ecken und Enden, die Produktion wurde überall hochgefahren und kommt dennoch nicht nach. Hinzu kommt, dass Personal fehlt. «Es hat zu wenig Leute für Aufgaben wie die meinige, aber auch für die Montage auf dem Dach fehlt das entsprechend ausgebildete Personal.» Das alles führt dazu, dass die Kundschaft von Unternehmen wie der CKW Geduld braucht. «Wer sich heute für die Installation einer Photovoltaikanlage interessiert, kann etwa in drei bis vier Monaten mit einem Beratungstermin rechnen», sagt Arturo Bänziger. «Wer sich heute für die Installation einer Photovoltaikanlage interessiert, kann etwa in drei bis vier Monaten mit einem Beratungstermin rechnen» Arturo Bänziger, ZHAW-Absolvent Dass er heute Projekte im Energiebereich leitet, ist für Bänziger keine Selbstverständlichkeit. «Mich haben Energie und Technik schon immer fasziniert», sagt er. Nach dem Gymnasium wählte er dennoch den Studiengang «International Management» an der School of Management and Law (SML) der ZHAW. Das schien ihm naheliegend: Fast seine gesamte Schulkarriere hatte er an verschiedenen Schulen auf der ganzen Welt verbracht. «Mein Vater hatte Jobs in verschiedenen Ländern. Ich besuchte meist internationale, englischsprachige Schulen, während wir zu Hause Spanisch sprachen.» Ein technisches Studium auf Deutsch traute er sich nicht zu und Internationalität hatte er quasi im Blut. Seine Bachelorarbeit an der SML schrieb Arturo Bänziger zum Thema Energiewende. «Da packte es mich wieder. Ich realisierte: Hier kommt etwas Grosses ins Rollen mit Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft», erinnert sich der Absolvent. So entschied er sich nach einem Jahr in der Finanzbranche und mit inzwischen verbesserten Deutschkenntnissen für ein zweites Studium: Energie- und Umwelttechnik an der School of Engineering der ZHAW. Rückblickend sagt Bänziger, dieses Studium sei das wohl Schwierigste, was er bisher gemacht habe. «Anfangs war es nicht leicht, meinen Lebensstandard anzupassen. Und während ich zu Hause über komplizierten Mathe-Aufgaben sass, feierten meine ehemaligen Arbeitskollegen ihre Beförderungen.» Doch diese Frustration dauerte nicht lange. Schnell fing Bänziger Feuer und stürzte sich voll und ganz in seine Lieblingsthemen. Heute, nach drei Monaten im neuen Beruf, kann er sagen: «Es war die richtige Entscheidung.» Das Studium habe ihn bestens vorbereitet auf seinen heutigen Berufsalltag. Die Theorie sitze und auch in die Praxis habe er guten Einblick erhalten. «Schon in der ersten Studienwoche stiegen wir auf ein Dach und machten erste Messungen. Heute bin ich mehrmals pro Woche genau mit dieser Aufgabe konfrontiert.» Der Wechsel von der Betriebswirtschaft in die Energietechnik hat sich für Bänziger auch aus einem anderen Grund gelohnt: «An etwas zu arbeiten, das die Gesellschaft beschäftigt, einen Beitrag zur Energiewende zu leisten, indem ich den Bau von nachhaltigen Energieanlagen ermögliche, das spornt mich an.» Elena Ibello

Sie forscht zu freiwilliger Arbeit und engagiert sich freiwillig für Inhaftierte 

Zwei Dinge bewegen Sigrid Haunberger in ihrem Leben besonders: Wissenschaft und Freiwilligenarbeit. Kürzlich hat die Forscherin am Institut für Sozialmanagement mit Konstantin Kehl und Carmen Steiner die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu «Freiwilligenmanagement» als Buch herausgegeben. Haunbergers Forschungsinteresse galt schon immer der formellen Freiwilligenarbeit. Was man darunter versteht, erklärt sie den Mitarbeitenden des ZHAW-Departements Soziale Arbeit so: «Formelle Freiwilligenarbeit wird für gemeinnützige Organisationen wie Vereine und andere Non-Profit-Organisationen geleistet, damit diese ihre gemeinnützigen Angebote durchführen können.» Da die unbezahlte Freiwilligenarbeit in der Schweiz eine zentrale Säule der Gesellschaft sei und sich die Demografie verändere, gingen Haunberger und ihr Team der Frage nach, was Menschen im Rentenalter dazu bewegt, sich zu engagieren. Denn davon könnte die Gesellschaft in verschiedener Hinsicht profitieren: «Seniorinnen und Senioren bringen einen grossen Erfahrungsschatz mit», so Haunberger. «Niemand darf sich zu einem Einsatz gedrängt fühlen.» Sigrid Haunberger Hinzu komme, dass ältere Menschen oft über mehr zeitliche Ressourcen verfügten als andere. Und: Pensionierte können ihre eigene Lebensqualität positiv beeinflussen mit einem freiwilligen Engagement. Die Betonung liegt dabei auf «freiwillig». «Niemand darf sich zu einem Einsatz gedrängt fühlen», so Haunberger. «Aber es ist wichtig, dass diejenigen älteren Menschen, die sich gerne engagieren möchten und können, den Zugang haben zu freiwilligen Tätigkeiten und dass sie von den Organisationen gut begleitet werden.» Mit ihrem Buch wollen Haunberger und ihr Team Organisationen dabei unterstützen, interessierte Pensionierte für die Freiwilligenarbeit zu gewinnen, sie zu begleiten und anzuerkennen. Dazu wollten die Forschenden herausfinden, welche Merkmale ältere Freiwillige auszeichnen, ob und in welchem Umfang Organisationen ein Freiwilligenmanagement betreiben und ob hier noch Handlungsbedarf besteht. Was Haunberger erstaunte: «Gemeinnützige Organisationen, die unsere Umfrage beantwortet haben, sind bezüglich Freiwilligenmanagement auf einem hohen Entwicklungsstand.» Jedoch sei auch erstaunlich, wie unterschiedlich Organisationen ihre Freiwilligen begleiteten. «Einige führen eine Art Aufnahmegespräch durch und bieten umfangreiche Schulungen für die Freiwilligen an, andere werfen ihre Freiwilligen direkt ins kalte Wasser.» Beeindruckt hat Haunberger die hohe Zahl an geleisteten Stunden Freiwilligenarbeit, die dank dem Engagement von Menschen ab 65 in der Schweiz zusammenkommt. Im Durchschnitt: sechs Stunden pro Woche. «Und das seit jeweils durchschnittlich 25 Jahren», fügt die Forscherin an. Was auch zeigt: Die meisten freiwillig Engagierten waren schon vor ihrer Pensionierung aktiv als Freiwillige. Viele intensivieren dieses Engagement im Ruhestand. Auch die 48-jährige Sigrid Haunberger arbeitet seit jeher freiwillig in Organisationen. «Für mich gehört Freiwilligenarbeit einfach dazu», sagt sie. Aktuell engagiert sie sich als Begleiterin für Eingewiesene der Justizvollzugsanstalt Hindelbank, des einzigen Gefängnisses für Frauen in der deutschsprachigen Schweiz. Haunberger besucht dort eine Eingewiesene regelmässig und spricht mit ihr «über Gott und die Welt», wie sie sagt. «Wir haben sehr angeregte Gespräche», so Haunberger. «Wir reden über aktuelle gesellschaftliche oder politische Themen ebenso wie über Dinge, die die Frau in ihrem Vollzugsalltag beschäftigen.» Der Einsatz wird von einer Fachstelle im Amt für Justizvollzug Bern koordiniert. «Manche Eingewiesene erhalten Besuch von Nahestehenden, andere nicht», so Haunberger. Wer möchte, könne darum Besuche von Freiwilligen beantragen. «Es geht darum, während der Haftzeit konstruktive Beziehungen zu pflegen, um die spätere gesellschaftliche Wiedereingliederung zu erleichtern.» Natürlich habe sie als Freiwillige keinen sozialarbeiterischen Auftrag und verstehe sich als möglichst objektive Gesprächspartnerin. Dennoch: «Es ist eine etwas ungewohnte, auch unklare Rolle. Ich bin weder eine professionelle Begleiterin, noch bin ich eine Freundin aus dem privaten Umfeld. Das macht die Einsätze für mich zusätzlich spannend.» «Was ich in Freiwilligenarbeit mache, kommt direkt einzelnen Menschen zugute. Das ist herzberührend, ein sinnhaftes Erleben.» Interessant findet sie die freiwillige Tätigkeit auch, weil sie ihr ermögliche, Einblick in andere Lebenswelten zu erhalten. Dasselbe gilt für ihr zweites freiwilliges Engagement: Im Auftrag des Schweizerischen Roten Kreuzes gibt sie Deutschkurse für Geflüchtete. Jeden zweiten Montagvormittag unterrichtet sie drei bis vier Stunden. Haunberger bezeichnet auch dieses Engagement als Horizonterweiterung. Ihre freiwilligen Tätigkeiten geben ihr eine besondere Zufriedenheit, denn sie empfinde sie als sehr sinnstiftend, sagt Haunberger. «Auch meine Erwerbsarbeit finde ich sinnvoll. Aber das, was ich in Freiwilligenarbeit mache, kommt direkt einzelnen Menschen zugute. Das ist herzberührend, ein sinnhaftes Erleben.» «Ich bin privilegiert, da ich mit einem Erwerbspensum von 80 Prozent arbeiten und davon leben kann. Deshalb ist Freiwilligenarbeit selbstverständlich.» Als Ergänzung zu ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit seien für sie die Einsätze als Freiwillige perfekt, sagt Haunberger, die es früh in ihrer Laufbahn in die Forschung zog. Schon während des Studiums der Sozialen Arbeit hatte sie das Bedürfnis gehabt, tiefer in die Wissenschaft einzutauchen, und begann deshalb bald nach ihrem Abschluss ein Zweitstudium in Soziologie. «Mir ist klar: Ich bin privilegiert, dass ich mit einem Erwerbspensum von 80 Prozent arbeiten und davon leben kann», so Haunberger. Umso mehr gehöre für sie Freiwilligenarbeit dazu. Die engagierte Wissenschaftlerin hat eine Vision: Arbeitgebende könnten ihren Mitarbeitenden während der Arbeitszeit die Möglichkeit einräumen, einer Freiwilligenarbeit nachzugehen. Sie ist überzeugt: «Das wäre für alle ein Gewinn.» Elena Ibello

Vermittlerin zwischen den Welten

Kim Fuchs liebt Menschen und Computer. Von ihnen ist die 25-Jährige täglich umgeben. Und sie liebt Pferde – doch dazu später. Im Jahr 2020 hat Kim Fuchs ihr Bachelorstudium der Wirtschaftsinformatik an der School of Management and Law abgeschlossen. Seither arbeitet sie für den Migros-Genossenschafts-Bund in der Group IT als Service Delivery Manager. In dieser Rolle sorgt sie dafür, dass verschiedene Abteilungen der Migros über jene Informatik-Applikationen verfügen, die sie brauchen – und dafür, dass diese stabil laufen. Die 25-jährige Wirtschaftsinformatikerin ist im ständigen Kontakt mit den internen Abnehmerinnen und Abnehmern der IT-Dienstleistungen und schafft als «Product Owner» die passenden Rahmenbedingungen, damit ihre Kollegen im IT-Logistik-Team, die Applikations-Entwicklerinnen und -Entwickler sowie die Application Manager, ihre Arbeit machen können. Sie nimmt die Bedürfnisse der internen Kundinnen und Kunden auf, lotet die Möglichkeiten im Team aus, gleicht Anforderungen ab und sorgt dafür, dass der Auftrag klar und die Ziele erreichbar sind. «Ich schätze es, in der Informatik zu arbeiten. Es ist eine enorm vielfältige Arbeit», sagt Fuchs. Sie arbeitet mit unterschiedlichen Mitarbeitenden der Migros zusammen, vom Logistik-Fachmann bis zur Top-Managerin. Das sei jeden Tag anders, so Fuchs. Auch mit Lieferantinnen und -Lieferanten hat sie viel zu tun, ist sie doch zuständig für die Beschaffung von externen IT-Dienstleistungen für die Services. Die Menschen, das betont sie sehr, stehen bei ihrer Arbeit denn auch immer im Mittelpunkt. «Ein Computernerd bin ich nicht», sagt sie und lacht. Aber als sie nach der Handelsmittelschule bei einem Praktikum auf einer Bank Einblick in E-Banking und IT-Security erhielt, da war sie sehr schnell sehr begeistert. Sie zog bald in Erwägung, an der ZHAW Wirtschaftsinformatik zu studieren. Anfangs zögerte sie, ob sie sich wirklich für das Studium der Wirtschaftsinformatik anmelden sollte. Einen Moment lang fragte sie sich: «Kann ich mir das zutrauen?» – und entschied sich dann dafür, es einfach zu probieren. «Zum Glück», sagt sie heute. Fuchs hat es keine Sekunde bereut, und noch während des Studiums begann sie, in der Informatik bei der Migros im Bereich Freizeitanlagen zu arbeiten. Ihre heutige Stelle als Service Delivery Manager in der Group IT trat sie drei Jahre später an. Die Stelle wurde gerade neu geschaffen, und mit ihrer Erfahrung als Werkstudentin bei der Migros brachte sie das richtige Rüstzeug dafür mit. «Ich konnte dank der Arbeit während des Studiums die Theorie bestens mit der Praxis verbinden», sagt sie. «Als wir im Studium beispielsweise das Modul IT-Projektmanagement hatten, durfte ich an meiner Arbeitsstelle direkt ein IT-Projekt übernehmen. Das war natürlich toll, und ich bin meinem damaligen Chef sehr dankbar für diese Möglichkeit.» «Als Service Delivery Manager funktioniere ich als Bindeglied zwischen der Informatikwelt und der fachlichen Welt der Organisation.» Kim Fuchs, ZHAW-Bachelorabsolventin Gerade dieses Wissen und diese Erfahrung im Projektmanagement kann Fuchs heute nutzen. «Als Service Delivery Manager funktioniere ich als Bindeglied zwischen der Informatikwelt und der fachlichen Welt der Organisation.» So bekomme sie aus beiden Welten sehr viel mit. «Ich muss und will die Businessprozesse meiner Organisation und ihrer Branche verstehen, damit mein Team und ich die Informatikdienstleistungen richtig umsetzen und die passenden IT-Lösungen zur Verfügung stellen können.» Insbesondere in der Logistik, dem eigentlichen Kerngeschäft der Migros, ist dieser umfassende Blick gefragt. Wenn es beispielsweise beim Informatik-System für die Filialbelieferungen Komplikationen gibt, bleibt für Kim Fuchs und ihr Team keine Zeit, lange Abklärungen zu machen. Das Team muss dieses System durchgehend betreuen und schnell reagieren können. Dass sie als Frau in diesem Bereich immer noch zur Ausnahme gehört (in ihrem 6-köpfigen IT-Logistik-Team ist sie die einzige Frau), stört sie in ihrem Alltag nicht. Aber es beschäftigt sie. «Das Thema Diversity interessiert mich sehr, und es bewegt offensichtlich die Leute», sagt Fuchs. Ihre Bachelorarbeit schrieb sie über Frauen in der Informatik. Die Dozentin Katja Kurz hatte das Thema ausgeschrieben, und Kim Fuchs fühlte sich sofort angesprochen. «Das Thema ist riesig und mir blieb nichts anderes übrig, als es einzugrenzen, indem ich mich auf einen bestimmten Bereich konzentrierte. Darum habe ich mich ausschliesslich mit dem IT-Businessmanagement befasst», sagt Fuchs. Sie untersuchte die Einstellung des IT-Businessmanagements zu Frauen in der Informatik. Dazu führte sie verschiedene Interviews mit Führungspersonen aus diesem Bereich und kam zum Schluss, dass grundsätzlich eine grosse Offenheit gegenüber dem Thema besteht. «Alle finden es wichtig», so Fuchs. Dennoch bleibt der Frauenanteil in der Informatik sehr tief. In der Group IT des Migros-Genossenschafts-Bunds liegt er bei 22 Prozent. In der Informatikbranche in der gesamten Schweiz bei ca. 15 Prozent. «Das Thema Diversity interessiert mich sehr, und es bewegt offensichtlich die Leute.» Kim Fuchs, Service Delivery Manager bei der Migros Um das zu ändern, entwickelte Fuchs in ihrer Bachelorarbeit einen Leitfaden, der dabei helfen soll, in der IT einer Organisation mehr Diversität bezüglich der Geschlechter zu erreichen. Ein Leitfaden, der sich wohl auch auf andere Bereiche einer Organisation übertragen lässt. «Natürlich wollte ich mit der Arbeit in erster Linie mein Studium gut abschliessen. Ich wollte darüber hinaus aber wirklich etwas dazu lernen und gleichzeitig einen Mehrwert für die Arbeitswelt, oder wenigstens für meine Organisation, schaffen», so Fuchs. Dass das geklappt hat, freut sie enorm. Die Migros hat die Ergebnisse der Bachelorarbeit aufgenommen, und die zuständigen Teams sind mit Fuchs im Kontakt. An einer internen Veranstaltung zum Thema konnte die Absolventin ihre Arbeit präsentieren und der Chief Information Officer der Migros, Martin Wechsler, ergänzte die Präsentation direkt mit einer aktuellen Information über die diesbezüglichen Bemühungen und Projekte der Group IT. In Sachen Diversity ist die Migros-Genossenschaft schon seit einigen Jahren in Bewegung. 2019 schuf sie die Stelle «Diversity & Inclusion». «Ich finde es enorm wichtig, dass über dieses Thema gesprochen wird. Und auch, dass jede und jeder von uns sich persönlich damit befasst und eine Haltung findet. Mir hat meine Bachelorarbeit dabei natürlich geholfen», sagt Fuchs. Innerhalb der Migros engagiert sie sich weiterhin für die Sensibilisierung. Ein Workshop für Führungskräfte, der vor Kurzem in der Group IT durchgeführt wurde, hatte zum Ziel, die Mitarbeitenden mit Führungsfunktion für das Thema Gender Diversity zu sensibilisieren und den «unconscious bias» (die unbewusste kognitive Verzerrung, mit der wir alle auf die Welt blicken) sichtbar zu machen. An diesem Workshop moderierte Kim Fuchs eine Gruppe bei der Erarbeitung von Massnahmen für mehr Gender Diversity. «Es ist toll und sehr wichtig, dass sich die Group IT so intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt», findet Fuchs. Schliesslich seien auch die User der IT-Dienstleistungen sehr divers. Diese grosse Diversität finde auf der «Lieferantenseite» der IT aber schlicht keine Entsprechung. Dabei wäre es für die IT mehr als sinnvoll, die User-Diversität besser abbilden und damit Services bieten zu können, die den Anforderungen aller gerecht werden. «Ich wollte mit meiner Bachelorarbeit auch einen Mehrwert für die Arbeitswelt schaffen.» Kim Fuchs Aber warum eigentlich gibt es immer noch so wenige Frauen in der Informatik? «Einerseits glaube ich, dass sich immer noch viele Frauen technische Berufe zu wenig zutrauen», sagt Fuchs. «Andererseits ist vermutlich sehr vielen einfach nicht bewusst, wie vielfältig die IT ist.» Informatik sei bei weitem nicht nur programmieren und supporten, sondern auch Prozesse managen, kommunizieren und mit Menschen zusammenarbeiten. «Es wäre wichtig, die IT so vielfältig zu präsentieren, wie sie ist, und gerade Frauen aufzuzeigen, welche grossartigen Möglichkeiten es in diesem Bereich gibt.» Auch dazu hat die Migros eine Massnahme im Köcher: Am Hauptsitz in Zürich veranstaltet sie diesen Sommer den «Female Tech Event», an dem Kim Fuchs ebenfalls beteiligt ist. «Wir wollen Frauen für die Informatik begeistern und sie ermutigen, in diese Welt einzutauchen», sagt sie. Kim Fuchs hat ihren Weg in der Wirtschaftsinformatik gefunden und mit der Stelle als Service Delivery Manager in jungen Jahren eine verantwortungsvolle und spannende Position inne. «Anderen jungen Frauen rate ich, das zu machen, was ihnen Freude macht», sagt sie. «Ich wünsche mir, dass wir Frauen selbstbewusster werden und uns mehr zutrauen. Und ich finde, wir sollten uns wenn immer möglich gegenseitig unterstützen.» Doch nun noch zu ihrer dritten Liebe: den Pferden. Bei aller Begeisterung für die Arbeit und für Computer schätzt Kim Fuchs auch ihre Freizeit, die sie zu einem grossen Teil draussen in der Natur verbringt. Als aktive Springreiterin und Tochter von erfolgreichen Springreitern verbringt sie viel Zeit auf dem Pferd. Die 80-Prozent-Anstellung bei der Migros ermöglicht dies. «Das fordert mich auf eine ganz andere Weise als die Aufgaben im Job. Ich bin in Bewegung, in Kontakt mit dem Tier und an der frischen Luft. Für mich der perfekte Ausgleich.» Elena Ibello

Ob im Pflegeheim oder Zuhause: Einsamkeit macht krank

«Wir erleben eine Pandemie in der Pandemie.» André Fringer , Co-Leiter Forschung und Entwicklung am Institut für Pflege der ZHAW Gesundheit, spricht Klartext. Einsamkeit und soziale Isolation seien gerade bei älteren Menschen mit Unterstützungsbedarf oft ein grosses Problem. Das gelte für Menschen, die im eigenen Haushalt lebten ebenso wie für Menschen in Institutionen. «Man kann auch im Pflegezentrum mit 30 Mitbewohnenden leben und trotzdem sozial isoliert sein», sagt der Professor für Pflegewissenschaft. In verschiedenen Forschungsarbeiten hat er sich mit dem Phänomen beschäftigt. Zuletzt im Projekt «Digitale Unterstützung gegen soziale Isolation und Einsamkeit», das er zusammen mit Franzisca Domeisen Benedetti leitet. Das Team um die beiden Pflegewissenschaftler ging der Frage nach, wie sich die Massnahmen gegen die Covid-19-Pandemie auf die älteren pflegebedürftigen Menschen in der Schweiz auswirkten und inwiefern digitale Hilfsmittel zum Einsatz kamen, um die Zeit der Kontaktbeschränkung zu überbrücken. Dazu wurden Pflegefachleute der Spitex befragt. Die Ergebnisse liegen bereits vor, die Publikation befindet sich zurzeit noch im Peer-Review-Prozess. «Je älter man wird, desto eher läuft man Gefahr, bestehende Kontakte zu verlieren.» André Fringer, Institut für Pflege «Das grosse Problem der weit verbreiteten Einsamkeit hat sich mit der Pandemie enorm zugespitzt», so Fringer. Einsamkeit sei schon davor gerade bei Menschen im Alter weit verbreitet gewesen. Die Massnahmen, die 2020 in der Schweiz zur Eindämmung des Coronavirus ergriffen wurden, haben diese Entwicklung beschleunigt. Die Untersuchung zeigte, dass im Frühling 2020 Einsamkeit und Isolation unter älteren Menschen mit Unterstützungsbedarf sehr hoch waren (rund 85 Prozent), im Sommer etwas abnahmen (50 Prozent) und im darauffolgenden Winter noch einmal zunahmen (85 Prozent). Dass dies die Gesundheit der betroffenen Menschen in vielerlei Hinsicht beeinträchtigt, haben frühere Studien bereits belegt. «Einsamkeit macht krank», fasst Fringer zusammen. Er betont, regelmässig allein zu sein, sei auf keinen Fall schädlich. Im Gegenteil, sich hin und wieder zurückzuziehen und Ruhe zu finden, sei wichtig. «Einsam oder sogar sozial isoliert sein ist aber etwas anderes», so Fringer. Es gehe einher mit einem vagen Bedürfnis nach Gemeinschaft und löse negative Gefühle aus. Für das Gefühl der Einsamkeit gilt ein hohes Alter als Risikofaktor. «Je älter man wird, desto eher läuft man Gefahr, bestehende Kontakte zu verlieren. Nicht zuletzt, weil gesundheitliche Einschränkungen an sozialen Aktivitäten hindern können. Wer beispielsweise nicht gut sieht oder hört, kann weniger gut mit anderen kommunizieren.» Dazu komme, dass das Knüpfen von neuen Kontakten mit steigendem Alter schwieriger werde. Das Gefühl der Einsamkeit und Isolation tut nachweislich weh. Neurologische Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Menschen, die sich einsam fühlen, dieselben Hirnareale aktiviert sind wie bei Menschen mit chronischem physischem Schmerz. Doch was tun, wenn jemand im Alter allein ist, sich immer mehr zurückzieht, weil Beschwerden ihn oder sie an früheren Aktivtäten hindern? Wenn ein älterer Mensch Freunde verliert, weil sie im Alter sterben, wenn erwachsene Kinder weit weg wohnen und neue Kontakte so schwierig zu knüpfen sind? «Man müsste aufbrechen können, was diesen Menschen als Alltag gewachsen ist. Eine neue Normalität etablieren, damit sie wieder am sozialen Leben teilnehmen können. Das ist das Schwierigste», sagt Fringer und bricht eine Lanze für die Soziale Arbeit. «Was in diesem Bereich in den letzten Jahren erreicht wurde mit Quartierarbeit oder der Gestaltung von Räumen, das ist enorm.» Es brauche dringend mehr solche Angebote, findet er. «Es braucht selbstbestimmte Aktivität und auch selbstbestimmten Rückzug.» Sylvie Johner-Kobi, Wie beispielsweise das Projekt des Instituts für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe am Departement Soziale Arbeit der ZHAW, das zurzeit im Gang ist. Es untersucht, wie in Alterssiedlungen die Beteiligung gefördert werden kann. Involviert sind verschiedene Siedlungen in städtischen, ländlichen und in Agglomerationsgebieten. In zwei dieser Siedlungen sind Sozialarbeitende als «Siedlungsassistenzen» angestellt und versuchen, Beteiligungsprozesse anzustossen. Die Co-Projektleiterin Sylvie Johner-Kobi , Professorin am Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe, sagt, durch den Umzug in ein neues Wohnumfeld verlören viele Menschen ihre Kontakte. Um die Lebensqualität zu fördern und die individuelle Autonomie zu stärken, seien neue Kontakte wichtig. «Durch Begegnungen kann auch Nachbarschaftshilfe entstehen», sagt Johner-Kobi. Und betont: «Es braucht selbstbestimmte Aktivität und auch selbstbestimmten Rückzug.» Es geht also nicht darum, Bewohnerinnen und Bewohner einer Alterssiedlung zu Kontakten oder zur Teilnahme an Aktivitäten zu drängen. Sondern darum, auf sie zuzugehen und Angebote zu machen. Und wie steht es nun um den Einsatz digitaler Hilfsmittel? Kann er Einsamkeit im Alter lindern? Nein, eigentlich nicht, wie die eingangs genannte Studie zeigt. «Natürlich ist – gerade in der besonderen Situation der Covid-19-Pandemie – das Telefonieren wichtig. Auch Videotelefonie wird immer mehr genutzt von älteren Menschen. Aber diese Mittel können nur ergänzend helfen», sagt André Fringer. Der direkte, persönliche Kontakt könne durch nichts ersetzt werden. Das zeige sich auch in der täglichen Arbeit der Pflegefachpersonen der Spitex. «Viele Patientinnen und Patienten würden gerne noch etwas Zeit mit der Pflegefachperson verbringen, bevor diese zum nächsten Einsatz eilt.» Doch die Zeit ist zu knapp bemessen. «Dabei kann man den Menschen nichts Besseres tun, als Zeit zu schenken!», so Fringer. Man vergesse, dass beispielsweise beim Haarekämmen sehr viel mehr passiere als reine Körperpflege. Mehr Zeit ist also gefragt. Mehr Möglichkeiten für Menschen im Alter, um mit anderen in Kontakt zu kommen. «Da sind wir als gesamte Gesellschaft gefordert», sagt André Fringer. «Es braucht einen Kulturwandel. Im Umgang mit dem Nachbarn, der allein ist, im Umgang mit Einsamkeit insgesamt. Diese muss als gesellschaftliches Problem ernstgenommen werden und wir müssen dafür sorgen, dass soziale Einsamkeit nicht mehr stigmatisiert wird.» Dazu brauche es Sensibilisierungsarbeit. Diese beginne mit Forschung, mit dem Sammeln von Daten, von denen in der Schweiz bisher zu wenige vorhanden seien. Fringer vergleicht die «Pandemie der Einsamkeit» mit einem Gletscher, der langsam ins Rutschen kommt. «Da rutscht ein Gletscher zu Tal und keiner kriegt es mit. Keiner weiss etwas über diesen Gletscher: Welches Volumen hat er? Wie schnell rutscht er? Wohin genau bewegt er sich?». All das müsse nun erforscht werden, und gleichzeitig brauche es bereits konkrete Massnahmen. In den Gemeinden und Städten, in der Gesundheits- und Sozialpolitik. «Ein nationales Förderprogramm gegen Einsamkeit wäre jetzt angebracht», findet Fringer. Elena Ibello

«Wir wollten den Impfstoff schnellstmöglich verfügbar machen»

Eine «sehr lebhafte Zeit» hätten er und seine Kolleginnen und Kollegen hinter sich, sagt Joel Varonier. Er sitzt in seinem Büro in Visp und lässt die letzten Monate Revue passieren. «Es war eine grosse Herausforderung, aber eine ehrenvolle.» Der Biotechnologe arbeitet als «Senior Manager Operations mRNA» beim Pharmaproduzenten Lonza und ist massgeblich beteiligt an der Produktion des Wirkstoffs für einen neuen mRNA-Impfstoff gegen das Coronavirus, den Lonza für das US-Biotechunternehmen Moderna herstellt. «Am Anfang war eine gewisse Ehrfurcht da. Wir wussten: Die ganze Welt wartet auf diesen Impfstoff.» Joel Varonier, Senior Manager Operations mRNA «Ich war gerade in den Ferien, als ich Mitte 2020 erfuhr, dass wir die Produktion des Impfstoffs übernehmen würden», sagt er. Sein Vorgesetzter schrieb ihm: «Sei gespannt! Wenn du zurück bist, braucht es deine Energie und deinen Einsatz.» Die Motivation brachte Joel Varonier direkt aus den Ferien mit. «Vor allem am Anfang war natürlich eine gewisse Ehrfurcht da. Wir wussten: Die ganze Welt wartet darauf, diesen Impfstoff einsetzen zu können.» Das spornte den jungen Biotechnologen an. Es ging nun darum, die Produktion möglichst rasch voranzutreiben und damit den Impfstoff der Bevölkerung zugänglich zu machen. «In der Pharmaindustrie produzieren wir natürlich immer wichtige Medikamente. Wir wissen, dass wir für viele Patientinnen und Patienten arbeiten. Aber wir kommen selten in Kontakt mit ihnen. Diesmal war das ganz anders», erzählt Varonier. Das Coronavirus betrifft alle auf die eine oder andere Weise, und in dieser Phase der Pandemie fühlten sich viele ausgeliefert. «Es gab direkte Rückmeldungen, viele bedankten sich sogar bei uns. Natürlich war auch der Druck hoch. Aber ich empfand das als motivierend.» Regelmässig kam Besuch von Medienvertretern und Gesundheitsbehörden aus verschiedenen Ländern. Joel Varonier und sein Team waren gefragt. «Es war schön, im Rampenlicht zu stehen.» Und es war harte Arbeit: Unter diesen Umständen, sagt der 31-Jährige in aller Selbstverständlichkeit, sei natürlich an einen ganz normalen Arbeitstag nicht zu denken gewesen. «Wir haben eine lange Zeit sehr viel gearbeitet. Wir wollten so viel wie möglich leisten, damit der Impfstoff schnell verfügbar ist.» «Wir», das sind mehrere Hundert Personen, die bis heute an der Produktion des Impfstoffes in Visp arbeiten. «Die Produktion musste schnell hochgefahren werden, ohne Abstriche bei der Qualität der Medikamente.» Joel Varonier Die Produktion musste schnell hochgefahren werden, aber ohne Abkürzungen. Dafür gebe es schlicht keinen Spielraum, sagt Varonier. «In Sachen Qualität und Anspruch an die Medikamente können wir uns keine Abstriche leisten.» Darum galt in diesem Fall: Gleiches leisten, einfach «mit vollem Einsatz und oberster Priorität». Und weil der Zeitplan das Einzige war, das anders war als bei anderen Aufträgen, wussten alle Beteiligten sogleich, was sie zu tun hatten. Für Varonier hiess das in den ersten Monaten: am Technologie-Transfer arbeiten. «Wir mussten zuerst den Prozess vom Kunden übernehmen und auf die eigenen Anlagen transferieren.» Danach begann die Umsetzung, und Joel Varonier übernahm zusammen mit seinem Arbeitskollegen Tillmann Schnierda den Lead der Produktion. Damit ist er direkt dem «Head of Operations» unterstellt. «Ich koordiniere und führe die Prozesse in meinen Verantwortungsbereichen und sorge dafür, dass Standards eingehalten werden. Dazu kommuniziere ich ständig mit meinen Teammitgliedern aus der ganzen Welt.» Als Manager arbeitet Varonier täglich im Büro. In der Produktionsanlage steht er nur noch sehr selten. «Manchmal finde ich das schade. Aber es braucht viele Meetings und bedeutet grossen Koordinationsaufwand, solche Projekte zu führen. Auch das ist spannend. Letztlich sind wir dennoch allesamt Biotechnologen und Naturwissenschaftlerinnen.» «Die Lonza befand sich direkt neben der Hockeyhalle, das passte gut.» Joel Varonier Zur Biotechnologie kam Joel Varonier über einen kleinen Umweg via Sport. Er wuchs in Visp auf. und bevor Varonier die Leidenschaft für die Naturwissenschaften packte, liebte er die Kombination aus Eis, Holz und vulkanisiertem Gummi. Als Eishockeyspieler besuchte er das Sportgymnasium. «Im Hinterkopf hatte ich aber schon die Chemie und Biologie», sagt Varonier. Als ihm klar wurde, dass das Sportgymnasium für Mannschaftssportler nicht die optimale Wahl ist, begann er eine Lehre als Biolaborant. «Die Lonza befand sich direkt neben der Hockeyhalle, das passte gut.» So konnte Varonier Sport und Berufsbildung verbinden. Immer mehr zog es ihn in die Biologie, er knüpfte Kontakte in der Firma und entscheid sich bald nach dem Abschluss der Lehre und der anschliessenden Berufsmatur für ein Studium der Biotechnologie. Das Studium absolvierte Joel Varonier an der ZHAW am Departement Life Sciences and Facility Management in Wädenswil. Dafür entschied er sich nicht zuletzt aufgrund des Standortes. «Ich hatte Lust, aus dem Wallis Richtung Zürich zu gehen», sagt Varonier. Dort schloss er 2017 mit dem Master of Science in Life Sciences – Pharmaceutical Biotechnology ab und zog wieder zurück in die alte Heimat, zurück zum Arbeitgeber Lonza. Und zwar nicht allein. Seine Partnerin und heutige Frau Linda Varonier, die er während seines Studiums in Wädenswil kennengelernt hatte, trat ebenso eine Stelle bei der Lonza in Visp an. Die beiden arbeiten heute im selben Bereich, am selben Projekt, aber mit unterschiedlichen Aufgaben. «Das war gerade in den letzten Monaten vorteilhaft», sagt Varonier und lacht. «Wir arbeiteten beide enorm viel und waren beide selten zu Hause.» Das hat sich aktuell zumindest vorübergehend drastisch verändert: Seit dem Sommer sind die beiden glückliche Eltern. «Eigentlich merke ich erst heute, wie gut die Studieninhalte auf die Realität ausgerichtet waren.» Joel Varonier, ZHAW-Masterabsolvent Aus der Studienzeit in Zürich blieben Joel Varonier auch andere Freundschaften erhalten. Was er aus seiner Zeit an der ZHAW darüber hinaus mitnimmt, ist ein grosser Rucksack an praktischem wie theoretischem Wissen, das täglich in seinem Beruf zum Tragen kommt. «Eigentlich merke ich erst heute, Jahre nach dem Studium, wie gut die Studieninhalte auf die Realität ausgerichtet waren», sagt er. «Wir hatten gute Fallstudien und Praktika. Die Erkenntnisse daraus gehören heute für mich zum täglichen Business.» Varonier lacht und fügt an: «Sogar bei jenen Kursen, deren Sinn ich während des Studiums nicht sehen konnte, stellte sich im Nachhinein heraus, wie wichtig sie für meine Praxis sind.» An dieser gefällt ihm heute die Kombination aus Fach und Kommunikation, aber auch die Interdisziplinarität, die er in seiner koordinierenden Funktion erlebt. «Insbesondere den Kontakt mit verschiedenen Leuten aus aller Welt mag ich sehr», sagt er. Und: «Lonza bietet hier einen traumhaften Spielplatz für Biotechnologinnen und Chemiker, mit allen verfügbaren Technologien in der Pharmaindustrie. Es herrscht eine Aufbruchstimmung mit grossen Möglichkeiten für alle.» Elena Ibello

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