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Der ganz normale Wahnsinn

Die Normalität beginnt in Grossbritannien am 21. Juni mit Festivals und Fussball – so verspricht es der Premier. Normal feiern können sollen die USA am 4. Juli ihren «Independence Day» – so will es der Präsident. Konzerte, shoppen, baden sind schon jetzt bei «Impfweltmeister» Israel normal für Menschen mit dem grünen Impfpass und jene, die die Krankheit überstanden haben. Und wir? Wann kehrt bei uns Normalität ein?, fragen sich jetzt viele. Doch war das wirklich normal, unser Leben vor der Pandemie? Oder eher «völlig durchgeknallt», weil wir Ressourcen verbrauchten, als gäbe es mehr als diese eine Erde, wie Hochschulleitungsmitglied Andreas Gerber-Grote zu bedenken gab, als wir ihn zusammen mit der Umweltökonomin Regina Betz und der Leiterin Diversity Svenja Witzig im Interview zum Thema Normalität befragten. Alle drei bekundeten ihre Ambivalenz gegenüber dem Normalen als etwas Bequemem, aber auch Ausgrenzendem. Was bedeutet eigentlich «normal»? Das fragten wir uns bereits im vergangenen Herbst, als wir die Dossier-Themen für 2021 planten. Auch wir hofften damals, dass bei Erscheinen des Magazins alles wieder normal wäre. Normalität ist fragil, wie sehr, das wissen wir spätestens seit der Pandemie. Plötzlich werden wir aus dem bequemen Schaukelstuhl geschleudert, den Illustrator Till Martin auf dem Titelbild platziert hat. Normalität kann auch genormt und starr sein, wie sein Prototyp der «Plastikskulptur mit Katze» andeuten will. Und bevor Sie wieder in Ihre jeweilige Normalität eintauchen, empfehle ich Ihnen unsere neue Rubrik «Damals & Heute» – eine Fotodoku mit Normalitäten von damals im Vergleich zu heute. Viel Spass! Patricia Faller

«Es ist besser, die Norm dem Kind anzupassen»

Michael Amacher arbeitet als Ergotherapeut im Zentrum für Kinder mit Sinnes- und Körperbeeinträchtigung (ZKSK) in Solothurn. Der Grossteil der Kinder, die in seine Therapiestunde kommen, haben motorische Defizite, Verhaltensauffälligkeiten, ADHS oder Entwicklungsstörungen. So verschieden die Diagnosen, so unterschiedlich sind auch die Therapiestunden. Und dennoch gebe es Gemeinsamkeiten, sagt Michael Amacher: «All diese Kinder haben Schwierigkeiten im täglichen Leben. Ich unterstütze sie bei dessen Bewältigung und befähige sie so zur aktiven Teilhabe in ihrem Alltag.» Dies tut er auf spielerische Weise und auf die Interessen des Kindes abgestimmt, damit sie mit möglichst viel Elan bei der Sache sind. Die meisten Therapieziele sehen vor, dass ein Kind selbstständiger agieren kann. Es soll sich etwa allein anziehen können oder fähig sein, in der Schule selbstständig und fokussiert eine Aufgabe zu lösen. Selbstständigkeit sei deshalb so wichtig, weil sie in unserer Gesellschaft als etwas Normales betrachtet werde. Michael Amacher erlebt «Normalität» jedoch auch als relative, zuweilen sogar verhandelbare Grösse. «Was im Umfeld eines Kindes als normal betrachtet wird, wird für das Kind zur Norm. Weil jedes Kind in einem anderen Umfeld aufwächst, erlebt auch jedes eine etwas andere Art von Normalität, mit der es zurechtkommen muss.» Wenn Michael Amacher jedoch merkt, dass ein Kind überfordert wird, versucht er zwischen dessen Bedürfnissen und den Ansprüchen von Lehrpersonen und Eltern zu vermitteln. «Es ist besser, die Norm dem Kind anzupassen als das Kind der Norm.» Seine eigenen Vorstellungen darüber, was normal ist, lässt Michael Amacher bei der Arbeit so gut als möglich aussen vor. «Bei der Therapie geht es nicht darum, jemandem meine Ansichten überzustülpen.» Seinen Beruf übt er denn auch mit einem hohen Mass an Reflexion aus. Nichtsdestotrotz sei es unmöglich, stets völlig wertneutral zu sein. Als Beispiel nennt er den Fall eines Zweitklässlers, der seine Schuhe nicht binden konnte und deshalb Modelle mit Klettverschlüssen trug. «Das Kind hatte kein Problem mit der Situation. Für mich war dies jedoch nicht der Norm entsprechend. Denn ich erinnerte mich daran, wie viel es mir in diesem Alter bedeutet hatte, meine Schuhe ohne Hilfe binden zu können.» Die Angelegenheit löste sich dann von selbst: Als das Kind mit Fussballspielen anfing und feststellte, dass Fussballschuhe Schnürsenkel haben, war es auf einmal erpicht, das Schuhebinden zu lernen. Weil er Menschen enger begleiten und seine Kreativität einbringen wollte, entschied sich Michael Amacher nach seinem Lehrabschluss als Augenoptiker für die Ergotherapie. Er absolvierte nebenberuflich die Soziale und Gesundheitliche Berufsmaturität sowie ein Vorpraktikum. Anschliessend studierte er Ergotherapie an der ZHAW Gesundheit, wo er 2017 mit dem Bachelor abschloss. 2018 begann er als Ergotherapeut im ZKSK. Daraufhin besuchte Michael Amacher diverse Weiterbildungen mit Schwerpunkt Pädiatrie. Seit Herbst 2020 ist er wieder bei der ZHAW Gesundheit immatrikuliert: Er absolviert den European Master of Science in Occupational Therapy. In der Ergotherapie hat Michael Amacher (31) seinen Traumberuf gefunden: «Ich finde es toll, dass ich im Leben meiner Klientinnen und Klienten etwas Positives bewirken kann. Die Kinder selbst, aber auch ihre Eltern und Lehrpersonen bringen mir deshalb viel Wertschätzung entgegen. Das motiviert zusätzlich.» Dank ihren zahlreichen Spezialisierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten habe die Ergotherapie auch als Beruf viel zu bieten. Nichtsdestotrotz seien Männer immer noch untervertreten. Seine Empfehlung an die Bildungsinstitutionen: «Männer sollten spezifischer angesprochen werden, indem man ihnen die Vielfalt des Berufs besser aufzeigt.» Karin Meier

«Normalität ist bequem, aber auch gefährlich»

Andreas Gerber-Grote: Ich fang mal an. Dass ich mich als Mann vordrängle, ist ja ganz normal (lacht). Aber im Ernst: «Normal» ist für mich ein sehr ambivalenter Begriff. Er klingt einerseits ganz heimelig: Man fühlt sich zu Hause, alles ist sicher. Da ich als Mann Männer liebe, kenne ich andererseits schon seit 50 Jahren das Gefühl, dass ich quasi nicht normal bin. Deshalb empfinde ich «normal» als einen ganz schlimmen Begriff, der ausgrenzt. Bis vor 50 Jahren war es ja auch normal, dass Frauen in der Schweiz nicht wählen durften. Normalität ist also kulturbedingt. Und ein Beispiel aus der Medizin zeigt, wie diffus der Begriff verwendet wird. Als Arzt fragte ich meine Patientinnen und Patienten früher: «Wie ist denn Ihr Stuhlgang?» Die Antwort war meist: «Normal.» Aber was heisst denn normal? «Wir beuten diesen Globus aus und nennen das normal» Andreas Gerber-Grote, Direktor des Departements Gesundheit und Leiter des Ressorts Forschung und Entwicklung. Svenja Witzig: Bei mir schwingt auch diese Ambivalenz mit. Ich spüre die verführerische Seite der Normalität, die mit der Komfortzone zu tun hat, mit Selbstverständlichkeiten, die das Leben antizipierbar und planbar machen und Struktur geben ... Hierzu gibt es ein schönes Zitat von van Gogh: «Die Normalität ist eine gepflasterte Strasse, sie ist bequem zu begehen. Aber es wachsen keine Blumen drauf.» Normalität hat also auch etwas Statisches. Zudem finde ich den Begriff gefährlich. Er hat etwas Hegemoniales. Normalität hat immer mit Norm, Normierung zu tun. Und wenn sich jetzt viele die Normalität zurückwünschen, dann kommt mir gleich die ökologische Dimension in den Sinn – neben Diversity meine zweite Guideline im Leben. Ich zitiere hier eine internationale Umweltorganisation: «We can’t go back to normal, because normal was the problem.» «Für mich sind Schule und das Recht auf Bildung so etwas Systemrelevantes und Normales» Svenja Witzig, Leiterin der Stabsstelle Diversity ZHAW Regina Betz: Zunächst möchte ich als Mutter einer Tochter sagen, dass Routinen für mich so etwas wie Normalität darstellen und diese im Alltag mit Kindern wichtig sind. Routinen sind bequem. Innovationen entstehen aber in Krisen. England an der Schwelle zur Industrialisierung ist da ein gutes Beispiel. Weil sie bereits alle Wälder abgeholzt hatten, mussten sich die Briten eine andere Art der Energiegewinnung einfallen lassen. Sie haben Kohle entdeckt und Dampfmaschinen erfunden. Heute ist Kohleenergie eine neue Normalität und wieder zu einem Problem geworden. «Die Klimakrise taugt nur bedingt als Wendemarke. ... Die Pandemie könnte ein Umdenken bewirken.» Regina Betz, Umweltökonomin Betz: Die Klimakrise taugt nur bedingt als Wendemarke. Für die breite Bevölkerung ist das Thema zu abstrakt und hierzulande noch nicht akut genug. Die Pandemie könnte so ein Auslöser sein und dazu führen, dass wir in manchen Bereichen einhalten und wirklich umdenken. Gerber-Grote: Wir tun immer so, als ob unser Leben vor der Corona-Pandemie so normal gewesen wäre. Wir beuten diesen Globus aus und nennen das normal. In Wirklichkeit ist das aber eigentlich völlig verrückt. Witzig: Ich bin Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern. Als der erste Lockdown kam, war das ein irritierendes Erlebnis. Für mich sind Schule und das Recht auf Bildung so etwas Systemrelevantes und Normales. Es dauerte lange, bis ich mir sagen konnte: «Das ist jetzt halt so, dass die Kids zu Hause bleiben. Ich muss jetzt das Beste draus machen.» Ich empfand mich als geistig unflexibel. Dabei habe ich früher auch in der Entwicklungszusammenarbeit gearbeitet, da musste ich jeden Tag improvisieren. Zurück in der Komfortzone Schweiz, habe ich das wohl verlernt. Da möchte ich wieder mehr Wert drauf legen. Betz: Diese Schulschliessung war auch für mich die krasseste Veränderung in dieser Pandemiesituation. Wir mussten den kompletten Alltag umkrempeln. Ich musste pünktlich kochen, da meine Tochter auch im Homeschooling den ganzen Stundenplan durchgemacht hat. Das bedeutete, dass sie innerhalb einer Stunde essen musste. Früher haben wir alle irgendwie extern gegessen. Jetzt mussten wir täglich kochen und einmal in der Woche Grosseinkauf machen. Gerber-Grote: Ich frage mich, weshalb schliessen wir Schulen eher als Skigebiete. Was sagt das über unser Empfinden von Normalität aus? Für mich gehört es zu der vorhin beschriebenen positiven Normalität, dass Schulen und Kindergarten offen sind. Witzig: «Man soll das Gute, das die Pandemie hervorgebracht hat, erhalten», sagen jetzt viele. Aus Diversity-Sicht erachte ich es als wichtig, dass wir nicht unkritisch in diesen Kanon einstimmen: Wir sollten differenziert hinschauen: Was wollen wir und wer definiert, was das Gute und neue Normale im Unterricht ist? «Es darf keine Online-Monokultur geben. Wir müssen eine Balance zwischen Präsenz- und Onlineunterricht finden.» Andreas Gerber-Grote, Andreas Gerber-Grote, Direktor des ZHAW-Departements Gesundheit und Leiter des Ressorts Forschung und Entwicklung Gerber-Grote: Zu einer Monokultur des Onlineunterrichts darf es nicht kommen. Wir müssen vielmehr zu einer guten Balance zwischen Online- und Präsenzunterricht finden. Als das Allerwichtigste im Studium betrachte ich die Interaktion zwischen Dozierenden und Studierenden. Diese ist zwar auch online möglich, aber informelle Interaktion braucht ganz reale Treffen. «Wer sollte also definieren, was das Gute ist? Sind das die Studierenden, die Dozierenden oder die Kommission Lehre?» Svenja Witzig, Leiterin Stabsstelle Diversity Betz: Wenn wir weiter auf Online-Unterricht setzen, dann würde ich mir wünschen, dass alle ihre PC-Kameras anschalten. Ins Schwarze zu unterrichten, ist ein komisches Gefühl, vor allem bei grossen Unterrichtseinheiten mit 60 Masterstudierenden. Besonders bei Erstsemestern sind grosse Gruppen im Online-Unterricht nicht geeignet. Beim Unterricht in kleinen Gruppen ist jedoch viel Positives möglich. Da kommt man sich manchmal so vor, als ob man zusammen auf dem Sofa sitzt und diskutiert. Ich hatte zum Beispiel Studierende aus Neuseeland, den USA und sonst wo her, die in der Pandemie nach Hause zurückkehrten. Trotzdem konnten alle unser Modul zu Ende bringen, weil ich über ein Zeitfenster von 20.00 bis 21.30 Uhr unterrichtet habe, was über alle Zeitzonen hinweg gut ging. Zum Glück hatte ich alle vor dem Lockdown noch gesehen. Ich hatte also nicht nur ein digitales Bild von den Teilnehmenden. Im zweiten Corona-Semester war das leider nicht so. Witzig: Ich möchte die Diskussion vom Konkreten weg auf eine Meta­ebene bringen: Für eine umfassende Standortbestimmung rege ich an, alle Initiativen, die unterwegs sind, gebündelt und die digitale Transformation auch unter dem Aspekt von Diversity zu betrachten. Denn was gut ist oder nicht, ist auch eine Frage der Perspektive und der individuellen Voraussetzungen. Wer sollte also definieren, was das Gute ist? Sind das die Studierenden, die Dozierenden oder die Kommission Lehre? Betz: Eine gründliche Evaluation ist bisher zu kurz gekommen. Jetzt wäre aber ein geeigneter Zeitpunkt dafür. Die Studierenden haben über einen relativ langen Zeitraum diverse Dozierende, Methoden und Tools kennengelernt und können beurteilen, was gut ist oder nicht. Gerber-Grote: Dem stimme ich zu. Wichtig ist, dass man sich mit den Studentinnen und Studenten austauscht, was optimal für sie wäre. Dann könnte etwas Neues und Spannendes entstehen. Betz: In gewissen Bereichen hat es Veränderungen gegeben. Manche dieser Neuerungen werden bleiben. Bei einem Webinar zu den Auswirkungen von Corona auf den Transportsektor zeigte sich kürzlich, dass der Flugverkehr am meisten unter den Folgen leidet. In der ersten Welle brachen rund 90 Prozent des Flugverkehrs weg. Inzwischen sind wir wahrscheinlich bei rund 60 Prozent. Es werden also nur ca. 40 Prozent der Flüge im Vergleich zur Zeit davor durchgeführt. Ich denke nicht, dass wir so schnell auf das einstige hohe Level kommen werden. Betz: Erstens haben die Unternehmen gemerkt, dass es nicht so viele Dienstreisen braucht. Mir als Wissenschaftlerin geht es ebenso. Es gibt sogar Vorteile von Online-Konferenzen im Punkt Inklusion. An diesen können viel mehr Leute aus Entwicklungsländern teilnehmen, die sich früher die Reisekosten nicht hätten leisten können. Ausschliesslich Online-Konferenzen wäre aber auch nicht gut, denn es braucht auch das Netzwerken und die Pausengespräche. Das könnte man aber stark konzentrieren auf Konferenzen, die in der Nähe stattfinden. Betz: Ja, das Arbeiten im Homeoffice hat Auswirkungen auf das ÖV-Verhalten. Man hat festgestellt, dass die Zahl der Autofahrten ungefähr gleich geblieben ist. Das liegt wahrscheinlich daran, dass zwar auch Autopendlerinnen und -pendler zu Hause arbeiteten, ÖV-Nutzende aber wegen der Ansteckungsrisiken auf das eigene Fahrzeug umgestiegen sind. Und man sieht, dass die Menschen in der Schweiz statt an den Arbeitsplatz eher am Wochenende unterwegs sind zu Ausflugszielen wie Parks. «Die Umweltpolitik kann aus der Pandemie lernen, wie die Leute auf Verbote reagieren.» Regina Betz, Umweltökonomin Betz: Das Homeoffice wird nicht wieder ganz abgeschafft werden. Es wird unterschiedliche Modelle geben, etwa zwei Tage Büro, drei Tage Homeoffice. Das wird positive Auswirkungen auf den Verkehr, aber auch auf den Flächenverbrauch haben. Ob das auch Reduktionen bei Heizungen oder Stromverbrauch bringen wird, ist noch offen. Da muss das jeweilige Facility Management einen guten Weg finden, damit man Einsparungen sieht. Nicht zuletzt wird weniger Kantinenessen nachgefragt, und zu Hause kochen die Menschen weniger Fleisch. Das ist ja auch ganz gut für die Umwelt. Betz: Wie Leute auf Verbote reagieren. Man hat gesehen, dass man alles sehr gut begründen muss, wenn man will, dass die Menschen Regeln oder gar Verbote befolgen. Man kann jetzt testen, was akzeptiert wird und was nicht. «Solche Systemfehler der bisherigen Normalität müssen korrigiert werden. Umweltkosten müssten internalisiert werden.» Svenja Witzig, Leiterin Diversity ZHAW Betz: Was sich bei diesem Beispiel gezeigt hat, ist, dass man ein gutes Substitut anbieten können muss. Bei den FCKWs war es so, dass selbst Dupont, also die Firma, die FCKW produzierte, bereits einen Ersatz entwickelt hatte. Das Gleiche wäre zu beachten bei einem Verbot von Autos mit fossilen Antrieben. Wenn die Infrastruktur für E-Autos oder der ÖV eine gute Alternative böten und mein Leben nicht komplett erschwert würde, wäre ein Verbot eher akzeptabel. Witzig: Substitute sind nur das eine. Es braucht aber auch die politischen Rahmenbedingungen. Unser ganzes Wirtschaftssystem basierte bisher auf billigen fossilen Energieträgern, weil die Umweltkosten externalisiert und von der Allgemeinheit getragen werden müssen. Das führte natürlich zu Verzerrungen, sodass zum Beispiel der Zugverkehr im Vergleich zum Flugverkehr teurer war. Solche Systemfehler der bisherigen Normalität müssen korrigiert werden. Betz: Das wurde in der Schweiz ja teilweise gemacht. Die CO 2 -Abgabe ist eine der höchsten der Welt. Sie gilt aber zum Beispiel nicht für den Personenverkehr. Bei den LKWs hat man mit der LSVA ein gutes Instrument zur Internalisierung der externen Kosten – nicht nur von CO 2 , sondern auch von Lärm, von Reifenabrieb, der ins Grundwasser gelangen könnte, etc. Die Frage ist jetzt: Kann man nach Corona durch Verbote etwas erreichen, was man vorher nicht hätte durchsetzen können? Betz: Dass Joe Biden wieder dem Pariser Klimaabkommen beigetreten ist, ist ein ermutigendes Zeichen. Man mag Klimaverhandlungen als langwierig und nicht effektiv abtun – ich war selbst lange Jahre bei internationalen Verhandlungen dabei –, das Problem bekommen wir aber nur in den Griff, wenn wir uns global an einen Tisch setzen. Die USA da nicht dabeizuhaben, war schon ein schlechtes Zeichen gegenüber China und anderen grossen Emittenten. Noch wichtiger ist, dass Biden die grüne Transformation mit neuen Arbeitsplätzen im regenerativen Energiebereich verbinden will. Damit könnte er Trump-Wähler gewinnen. Trump ist ja zum Glück damit gescheitert, die Kohle-, Gas- und Öl-Industrie wieder in Schwung zu bringen. Das hat sich einfach ökonomisch nicht gelohnt. Die regenerativen Energien sind mittlerweile so günstig, dass sie eine neue Normalität geworden sind. «In der Pflege sind kaum die Effizienzsteigerungen möglich wie in der Industrie. Deshalb werden wir hier auch nicht solche Lohnerhöhungen sehen.» Regina Betz , Umweltökonomin Betz: Wir geben hier so viel Geld aus, dass die künftigen Generationen mit zurückzahlen müssen. Da ist es nur fair, wenn nicht wieder das alte Normale aufgebaut wird, sondern etwas Besseres, was auch ökologisch besser ist. International betrachtet ist man da sehr unterschiedlich unterwegs. Witzig: Dass die Schweiz die Unterstützungskredite nicht an ökologische Bedingungen knüpft, ist eine vertane Chance. Dabei wären das wichtige Hebel für eine Veränderung. Gerber-Grote: Ich habe manchmal die Befürchtung, dass es einen Rebound-Effekt geben wird. Viele wollen das nachholen, was sie «verpasst» haben – reisen, fliegen und so weiter. Witzig: Längerfristig wird es eine Veränderung geben, denn bereits vor Corona wurden wichtige ökologische Paradigmenwechsel eingeleitet – die Bewegung um Greta Thunberg, die «Fridays for Future», die Absicht der EU, aus den fossilen Energien auszusteigen, und selbst China als grösster CO 2 -Emittent hat erkannt, dass ein «Weiter so!» Selbstmord wäre. Gerber-Grote: Viele in der Bevölkerung haben sich vorbildlich verhalten während der Pandemie, sodass die Spitäler nie übervoll waren. Dennoch waren sie randvoll und Intensivpflegefachfrauen arbeiteten am Anschlag und im Hochrisikobereich. Es gab Applaus, aber der ist verhallt ohne positive Konsequenzen. Da bin ich wirklich ratlos, wie wir es hinbekommen, dass dieser Beruf adäquat gewürdigt und bezahlt wird. Betz: Historisch betrachtet, waren früher die Frauen in den Familien für die Pflege verantwortlich. Als der Service externalisiert wurde, wurden die Preise viel zu niedrig angesetzt. Kommt hinzu, dass im Bereich Pflege kaum Effizienzsteigerungen möglich sind wie in der Industrie. Deshalb werden wir hier auch nicht die entsprechenden Lohnerhöhungen sehen. Gerber-Grote: Bis zu einem gewissen Grad gab es die Effizienzsteigerungen schon: Die Liegezeiten sind heute deutlich kürzer als früher. Witzig: Ich denke, hier spielt die Genderthematik immer noch eine grosse Rolle. Pflegefachkraft oder Erzieherin sind Frauenberufe par excellence. In diesen Bereichen gibt es abgesehen von den Gewerkschaften einfach keine starken Lobbys. Betz: Das ist ein Massenphänomen: Normal ist, wenn etwas von vielen als solches betrachtet wird. Witzig: Es ist mehr ein Machtphänomen als ein Massenphänomen. Betz: Wenn ich von Massenphänomen spreche, denke ich eher ans Konsumverhalten. Ein starkes Beispiel ist das Tempo-Taschentuch. Es wird von so vielen nachgefragt und der Gebrauch ist so normal, dass der Produktname sogar zum Synonym für Papiertaschentuch wurde. Normalität kann also auch auf der Basis empirischer Daten festgestellt werden. Witzig: Es kann eine quantitative Koppelung geben, muss es aber nicht. Das Apartheidsystem in Südafrika ist hierfür ein sehr gutes Beispiel. Eine weisse Minderheit setzte die Normen und sagte, was normal ist. Mehrheit definiert sich über Machtstrukturen, Definitionsmacht, Sanktionsmöglichkeiten, Privilegien und Kontrollen des Zugangs zu Ressourcen wie Land oder Bildung. Dann kann es eine kleine Minderheit sein, die definiert, was für eine grosse Mehrheit normal sein soll. Gerber-Grote: Das hat schon der französische Philosoph Foucault in seinem Buch «Überwachen und Strafen» beschrieben, wie Normalisierung auf Disziplin und Strafe aufbaut. Mit Hilfe einer allgegenwärtigen Überwachung wird die Disziplin von der Bevölkerung internalisiert, sodass ich gar niemanden mehr brauche, der das kontrolliert. Es braucht keine Strafe oder Überwachung mehr, sondern allein die Möglichkeit der Bestrafung oder der Überwachung reicht aus, etwas durchzusetzen. Betz: Normalität, die durch Normen von wenigen festgelegt wird, ist aber auch nicht für immer, wie wir gerade wieder in Weissrussland sehen. Witzig: In Zusammenhang mit der Definitionsmacht finde ich den Aspekt der Rechtsstaatlichkeit als normsetzender Instanz noch sehr spannend. Das klingt jetzt vielleicht etwas frevelhaft, aber ich meine es ganz sachlich: Die Schweiz hat ein recht unterentwickeltes Gefühl von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten. Witzig: Das ist auf den Mythos des wehrhaften Männerbundes zurückzuführen und auf die direkte Demokratie. Sie hatte bis vor 50 Jahren zur Folge, dass das Stimmvolk nur aus der männlichen Bevölkerung bestand. Diese bestimmte dann, was sie den anderen zubilligte. Das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit ist dagegen einem Gleichheitsgedanken verpflichtet. Das ist das Volk nicht, das Volk ist einfach der eigenen persönlichen Meinung verpflichtet. Deshalb wird heute, wie einst den Frauen, einem Viertel der ständigen Wohnbevölkerung – nämlich der ausländischen Wohnbevölkerung – das Stimm- und Wahlrecht verwehrt. Oder es können homosexuelle Männer keine Kinder adoptieren. Das ist eine immanente Problematik der direkten Demokratie, auch wenn sie ohne Zweifel sehr viele Vorteile hat und die Demokratie sicher das Beste der Systeme ist, die wir heute kennen. «Weil Männer die Norm sind, wurden bei vielen Frauen Herzinfarkte nicht erkannt, weil sie nicht die typischen Brustschmerzen hatten.» Andreas Gerber-Grote, Direktor des ZHAW-Departements Gesundheit und Leiter des Ressorts Forschung und Entwicklung Gerber-Grote: Letztlich ist sehr schwer zu definieren, was Norm ist beziehungsweise sein sollte. Wenn wir nochmals in den Medizinbereich schauen, dann gibt es da Standardabweichung, Normalverteilung und vieles mehr. Aber letztlich ist die Frage: Hilft mir das alles? Wenn ich 40 Grad Fieber habe, ist es offensichtlich, dass ich krank bin. Wenn die Sehstärke nachlässt und korrigiert werden muss – ist das krank? Früher wurde das nicht so gesehen. Heute schon. Auch Homosexualität wurde lange als Krankheit bezeichnet. Heute glücklicherweise nicht mehr. So verschieben sich die Grenzen. und Normen wandeln sich. Gerber-Grote: In der Medizin hat das mehrere Ebenen. Eine Ebene ist, dass man Krankheiten bei vielen Frauen nicht erkennt oder dass sie falsch behandelt werden, weil die Krankheitssymptome geschlechtsspezifisch unterschiedlich sind, etwa beim Herzinfarkt. Den hat man lange Zeit bei vielen Frauen nicht erkannt, weil sie nicht die klassischen Brustschmerzen aufweisen. Dann gibt es noch die Ebene, wie man Krankheiten empfindet und wie man darüber spricht. Das kann bei Frauen und Männern oder auch bei Menschen aus anderen Kulturen unterschiedlich sein. Data Gaps gibt es aber auch in anderen Bereichen. In der Corona-Pandemie werden in der Schweiz ganz viele Daten nicht erhoben, etwa zum sozialen Umfeld und Beruf. Diese Daten könnten aber viel entscheidender sein, ob sich jemand mit dem Coronavirus infiziert, als das Alter oder der Name. Witzig: Diese Data Gaps betreffen nicht nur Frauen, sondern auch Personen anderer ethnischer Herkunft oder anderer äusserer Erscheinung oder Menschen im Alter. Ein Beispiel sind Fussgängerampeln, die so getaktet sind, dass ältere Menschen, Personen mit kleinen Kindern oder Menschen mit Gehbehinderungen kaum genügend Zeit haben, um «normal» über die Strasse zu gehen. Witzig: Weil man Forschung und Daten immer mit Neutralität verbindet. Man geht davon aus, dass alles ganz sachlich, faktenbasiert und neutral ist. Dass es Verzerrungen gibt und Normvorstellungen dabei eine Rolle spielen, welche Daten erhoben werden. Dieses Bewusstsein müsste man in der Bevölkerung noch schärfen. Witzig: Wir haben seitens der akademischen Welt die Aufgabe, eine gesellschaftliche Diskussion darüber zu lancieren. Beim Gender Data Gap wurde das Phänomen am Ausführlichsten untersucht. Weil diese Data Gaps auch noch andere Dimensionen betreffen, sollten wir schauen, wie unsere Hochschule diesbezüglich unterwegs ist: Was vermitteln Dozierende unseren Studierenden? Sind sie sich bewusst bezüglich dieser Data Gaps? Wie verwenden sie Daten, wenn sie ihre Forschungsprojekte angehen? Und so weiter. Für solche zentralen Fragen würde die Stabsstelle Diversity gerne vermehrt sensibilisieren. Denn das Thema Neutralität in Wissenschaft und Daten wird uns als Gesellschaft und als Hochschule auch künftig noch stark beschäftigen, weil die augenscheinlich neutralen Algorithmen immer mehr Entscheidungen übernehmen. Und die sind nicht neutral. Solche Themen zeigen, wie hoch spannend Diversity ist. Witzig: Auch hier habe ich eine ambivalente Haltung. Ich bin klar der Ansicht, dass Diversity eine fairere und gerechtere Norm wäre, weil sie der Vielfalt gerechter wird, weil sie inklusiv ist, weil sie auf Menschenrechten basiert und beiträgt zu Entfaltung, Anerkennung sowie zu Innovationen und guter Performance dank grösserer Perspektivenvielfalt. Aber wenn ich Diversity festsetze als etwas faktisch Überlegenes, muss ich selbstkritisch bleiben: Ist das jetzt wirklich das Wahre und das Gute? Oder schaffe ich dadurch eine neue Normierung, mit allenfalls neuen Unterdrückungs- und Ausschlussmechanismen? Gerber-Grote: Svenja Witzig hat ja vorhin ganz mutig gesagt, die Demokratie ist nicht perfekt, aber die beste unter den Staatsformen, die wir kennen. Und dem stimme ich zu. Und wenn Demokratie etwas ist, das der Rechtsstaatlichkeit verpflichtet ist, dann kommt man automatisch zu dem, was man heute Diversity nennt. Normalität wird dabei immer wieder neu ausgehandelt. Früher war ja Demokratie nur was für die griechischen Männer, nichts für Frauen und Sklaven. Da sind wir heute doch ein grosses Stück weiter (lacht). Interview Patricia Faller

Geburtshilfe: Eine ganz normale Ausnahmesituation

Ende November hat Sarah Mohi ihr drittes Kind bekommen. Wie schon seine beiden Geschwister kam Tibor nach einer komplikationsarmen Schwangerschaft auf natürlichem Weg, und ziemlich schnell, auf die Welt. «Es war eine sehr schöne Geburt», sagt die 36-Jährige aus dem thurgauischen Bottighofen. «Ich bin sehr dankbar, dass ich drei Kindern das Leben schenken durfte.» Sarah Mohis Erfahrung entspricht ziemlich genau der Definition der WHO einer normalen Geburt: «Das Baby liegt kopfabwärts im Mutterbauch, die Geburt beginnt spontan zwischen der 37. und 42. vollendeten Schwangerschaftswoche bei niedrigem Ausgangsrisiko und verläuft mit wenig Auffälligkeiten. Danach befinden sich Mutter und Kind in gutem Allgemeinzustand.» Trotzdem würde die dreifache Mutter den Begriff Normalität in diesem Zusammenhang nicht verwenden. «Für die werdenden Eltern, und vor allem für die Frau, ist eine Geburt grundsätzlich das Gegenteil von normal», findet Mohi. «Es handelt sich um eine absolute Extremsituation.» Sie ist zwar sehr froh, dass der Geburtsvorgang bei allen drei Kindern natürlich verlaufen ist und sie keine grösseren medizinischen Interventionen benötigte. Wäre die Ausgangssituation jedoch riskant gewesen, hätte sie keinesfalls auf Biegen und Brechen an einer vaginalen Geburt festgehalten. «In gewissen Fällen ist auch ein Kaiserschnitt normal», findet sie. Sarah Mohi hat im Spital geboren, damit im Notfall schnell hätte eingegriffen werden können. Unterstützt wurde sie von der Beleghebamme Valentine Gschwend , die sie bereits während der Schwangerschaft begleitet hatte und die Familie nach der Niederkunft zu Hause betreute. Die freipraktizierende Hebamme aus Romanshorn ist zudem an der ZHAW als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bachelorstudiengang Hebamme tätig. Sie gehörte zu den ersten Absolventinnen des neuen Hebammen-Masterstudienganges und schrieb ihre Masterarbeit zum Thema «Geburtserfahrung der Mütter nach Beleghebammenbetreuung». In einer Befragung von gegen 700 Frauen, die in verschiedenen Settings geboren hatten, konnte sie nachweisen, dass es mit einer Beleghebamme deutlich seltener zu medizinischen Interventionen wie etwa Geburts-Einleitungen, Periduralanästhesien und Kaiserschnitten kommt – also gemäss WHO-Definition vermehrt zu sogenannt normalen Geburten. Gleichzeitig zeigt Gschwend in ihrer Arbeit, dass die Mütter generell zufriedener sind und eine stärkere Bindung zum Neugeborenen erleben. «Die Geburt in den Händen der Hebamme bedeutet per se eine Rückbesinnung zum Normalen, Natürlichen und Gesunden», sagt Valentine Gschwend. Den Begriff Normalität würde sie aber niemals auf körperliche Parameter beschränken. «Am wichtigsten ist, dass Mutter und Kind gesund sind und dass die Frau gestärkt aus der Situation hervorgeht.» Dies könne auch bei einem Kaiserschnitt der Fall sein. Und auch Schmerzmedikamente oder eine Periduralanästhesie hätten manchmal ihre Berechtigung, stellt Gschwend klar. Zudem will sie nicht generell Kritik an den Ärzten üben. Ihr ist bewusst, dass diese von Berufs wegen stärker auf Komplikationen fokussiert sind als Hebammen. «Der Schlüssel zum Erfolg liegt bereits in der Schwangerschaft», sagt Gschwend. Eine kontinuierliche Betreuung durch dieselbe Fachperson könne die Frauen stärken, damit sie mit Selbstvertrauen in die Situation hineingehen. Wichtig sei auch, verständlich aufzuzeigen, wie der Körper beim Gebären arbeitet sowie welche verschiedenen Betreuungsarten und Geburtsorte möglich sind. «Normalität ist für alle etwas anderes. Was eine Mutter als normal empfindet, muss noch lange nicht das Gleiche sein wie das, was die Hebamme darunter versteht.» Astrid Krahl, Leiterin des Masterstudiengangs Hebamme Weil eine Hebamme die Frauen bei Geburtsbeginn bereits kennt, kann sie ihren Zustand besser einschätzen. Günstig sei auch, wenn sich die werdende Mutter beim Beginn der Wehen in einem Umfeld bewegen kann, in dem sie sich wohlfühlt, also in den meisten Fällen daheim, erklärt Valentine Gschwend. «Mit dem Eintritt ins Spital entsteht die Erwartung, es müsse jetzt etwas passieren, obwohl die Geburt vielleicht noch gar nicht richtig begonnen hat. So kann es zu vorschnellen Eingriffen kommen.» Auch Hebammen-Studierende setzen sich mit dem Begriff «normale Geburt» auseinander. Besonders im Masterstudiengang analysieren sie, was er auf physiologischer, soziologischer und psychischer Ebene bedeutet. Normen gebe es zum Beispiel bei den im Blut und Urin gemessenen Werten, sagt Studiengangleiterin Astrid Krahl. Doch ansonsten sei die fixe Definition der WHO nur begrenzt hilfreich. «Normalität ist für alle etwas anderes. Was eine Mutter als normal empfindet, muss noch lange nicht das Gleiche sein wie das, was die Hebamme darunter versteht.» Im geburtshilflichen Alltag werde die Bezeichnung vor allem von den Frauen selber verwendet, weiss Krahl. Wenn der Bauch während der Schwangerschaft öfters hart wird, die Geburt langsam vorangeht oder das Kind häufig schreit, fragen Frauen oft, ob das normal sei. «Unsere Aufgabe ist es dann, ihnen durch Informationen und Bestätigung die Unsicherheit zu nehmen», erklärt Krahl. «Die Frauen müssen einordnen können, ob alles gut läuft und wo sie stehen.» Somit mache der Begriff Sinn, obwohl er fachbegrifflich nicht exakt sei. Auch Sarah Mohi erlebte bei ihren drei Schwangerschaften und Geburten Momente, in denen sie besorgt war. Etwa, als sie schon ab der 30. Woche wiederholt Wehen verspürte, als der Herzton- und Wehenschreiber (CTG) verlangsamte Herztöne registrierte oder als ihr kleiner Sohn eine leichte Gelbsucht entwickelte. Dennoch hätten sich die meisten dieser Probleme von selber wieder gelöst, blickt Mohi zurück. Sie schätzte es, dass sich ihre Beleghebamme Valentine Gschwend während der Geburt im Hintergrund hielt und ihr Ruhe und Zuversicht vermittelte. Die 32-jährige Hebamme ist zurzeit übrigens selber schwanger. Und trotz ihrer Berufserfahrung fragt sie sich nun hin und wieder: «Ist das normal?» Andrea Söldi

«Normen als gemeinsame Sprache»

Seit 20 Jahren hat Corinne Gantenbein-Demarchi den Vorsitz des Komitees «INB/NK 172 Lebensmittel» bei der Schweizerischen Normen-Vereinigung (SNV) inne. Sie hat erlebt, wie Normen an Bedeutung gewonnen haben. «Normen sind messbar, vergleichbar und verbindlich», sagt die Professorin. Dieses Bewusstsein für den Wert einer Norm habe sie den Studierenden in der Schweiz wie auch in Afrika immer wieder mit auf den Weg gegeben. Corinne Gantenbein-Demarchi hat das Institut für Lebensmittel- und Getränkeinnovation in Wädenswil 35 Jahre lang geprägt, zuletzt als stellvertretende Leiterin. Parallel dazu lehrt sie im Rahmen des Stiftungsprojekts «B360 – education partnerships» ehrenamtlich an der Namibia University of Science and Technology. Im Bereich der Lebensmittelsicherheit und -qualität geht es vor allem um methodische Normen. Standardisierte Prozesse (z. B. bei der Herstellung) helfen, Keime wie Salmonellen oder Listerien zu verhindern oder im Rahmen der Qualitätsüberprüfung nachzuweisen. Wenn sich die Industrie, Labors oder andere Organisationen genau an die Normen halten, hat das grosse Vorteile: «Die produzierende Industrie kann dadurch ihre Qualitätssicherungsprozesse unterstützen, womit teure Rückrufe oder unter Umständen auch Erkrankungen von Personen verhindert werden können», führt Corinne Gantenbein-Demarchi aus. Ein wesentlicher Punkt sei aber auch die internationale Anerkennung. Das hat auch eine ihrer früheren Studentinnen in Namibia erfahren, die Qualitätssicherungsverantwortliche in einem fleischverarbeitenden Betrieb wurde. Zu diesem Zeitpunkt weigerte sich ein wichtiger Abnehmer in Südafrika, die Produkte zu importieren. In Rekordzeit schaffte es die junge Frau dank ihrer an der Universität erworbenen Kenntnisse, die nötigen international anerkannten Prozesse einzuführen, damit der Betrieb wieder exportieren konnte. Auch die Schweiz musste sich einst international fit machen. Arbeitete man früher mit den sehr gut erprobten methodischen Normen des Schweizerischen Lebensmittelbuches, musste man vor rund 15 Jahren einen grossen Effort leisten, um die Kompatibilität mit dem Ausland zu erreichen. Das Ziel war die Annäherung an die in Europa gebräuchlichen ISO-Normen. «Wir haben deshalb sämtliche Methoden minutiös verglichen und in einem Konsensverfahren schrittweise übernommen.» Damit die Lebensmittelsicherheit und -qualität in der Schweiz in Zukunft weiter erhöht werden kann, braucht es für die Lebensmittelmikrobiologin auch einen stärkeren Austausch mit der Politik und den Behörden. «Wir dürfen wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse nicht im Elfenbeinturm behalten. Vielmehr sollten sie in die Gesetzgebung einfliessen können, damit sich in der Wechselwirkung auch die Normen weiterentwickeln können.» Das voranzutreiben, wird allerdings nicht mehr ihr Werk sein. Bald will Corinne Gantenbein-Demarchi kürzertreten: Für ihre Lehrtätigkeit hat sie bereits einen Nachfolger und auch ihr Engagement im SNV wird sie weitergeben. In ihrem Abschlussprojekt an der ZHAW beschäftigt sie sich aber noch einmal mit Normen, allerdings einer anderen Art. Als Vertreterin des Instituts für Lebensmittel- und Getränkeinnovation engagiert sie sich im Projekt «Neubau Laborgebäude» in Wädenswil. Wenn das Institut im Sommer 2023 dieses «Future House of Food» beziehen wird, ist für sie die Normenarbeit – zumindest die berufliche – ein für alle mal abgeschlossen. B360 – education partnerships fördert den Austausch von Fachwissen zwischen europäischen Experten und afrikanischen Studierenden. Rahel Lüönd

Wie geht es uns in der Pandemie?

Vier Fünftel der Bevölkerung in der Schweiz stufen ihre aktuelle Lebensqualität als gut oder sehr gut ein. Dieser Anteil ist in den vergangenen drei Monaten leicht gesunken, parallel zur Einführung der verschärften Corona-Schutzmassnahmen Ende Oktober 2020 und zum erneuten Lockdown im Januar 2021. In den Sommermonaten und im Frühherbst 2020 betrug der Wert noch rund 90 Prozent. Dies zeigt die jüngste Erhebung des «COVID-19 Social Monitor» der ZHAW School of Management and Law und der Universität Zürich von Ende Januar. Die Studie untersucht seit März 2020 mit regelmässigen Umfragen die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Bevölkerung. «Auch wenn die Resultate eine etwas tiefere Zufriedenheit zeigen – insgesamt bewerten die meisten Menschen in der Schweiz trotz der gegenwärtig starken Einschränkungen ihre Lebensqualität nach wie vor als hoch», sagt Marc Höglinger , Leiter Versorgungsforschung am Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW. Zugleich fühlen sich etwas mehr Menschen häufig einsam oder verspüren eine erhöhte psychische Belastung. Die entsprechenden Anteile liegen aktuell bei 10 und 28 Prozent im Vergleich zu 6 respektive 21 Prozent Ende September 2020. «Zu dieser leichten Zunahme dürfte neben dem Lockdown auch der Winter beitragen. Generell sind solche psychischen Belastungen aber nicht mit Erkrankungen wie einer Depression gleichzusetzen. Eine Mehrheit der Menschen kann die Herausforderungen verkraften und bleibt gesund», sagt Marc Höglinger. «Anders kann es bei Personen sein, die bereits vor der Pandemie stark psychisch belastet waren oder beispielsweise durch Arbeitslosigkeit oder einen Todesfall im eigenen Umfeld hart getroffen wurden. Es braucht daher eine differenzierte Betrachtung.» Gewisse Bevölkerungsgruppen sind besonders betroffen: So leiden junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren mit 18 beziehungsweise 44 Prozent viel öfter als andere Altersgruppen an Einsamkeit oder psychischer Belastung. «Bei den Jungen lagen diese Werte in fast all unseren Befragungen seit dem letzten Frühling höher. Zudem sind sie in den letzten Monaten stärker angestiegen», erklärt Oliver Hämmig, Bereichsleiter Gesundheitsberichterstattung und -monitoring am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. Auch alleinstehende Menschen sind etwa drei- bis viermal so häufig von Einsamkeit betroffen wie solche in Paar- oder Familienhaushalten. «Diese Unterschiede zeigen sich während der ganzen Pandemie, im aktuellen Lockdown, aber auch zu normalen Zeiten, wie man aus früheren Studien weiss», betont Oliver Hämmig. Zudem hält sich die Bevölkerung ziemlich gut an die von den Behörden empfohlenen oder angeordneten Schutzmassnahmen: So befolgen 92 Prozent immer oder meistens die Abstandsregeln, 97 Prozent tragen eine Maske und 70 Prozent verzichten überwiegend auf private Besuche und bleiben zu Hause. «Diese Werte sind in den vergangenen Monaten wieder angestiegen. Insbesondere beim Verzicht auf private Besuche oder beim Zuhausebleiben liegen sie aber etwas tiefer als während des Lockdowns im letzten Frühling», sagt Marc Höglinger. Mit der entsprechenden Anweisung des Bundesrats arbeiten aktuell auch wieder mehr Menschen ausschliesslich oder meistens im Homeoffice (30 Prozent). Aber es sind etwas weniger als im Frühling 2020, als rund 40 Prozent zumindest meistens von zu Hause tätig waren. Kaum verändert hat sich seit Beginn der Pandemie die Arbeitsplatzunsicherheit: Knapp 10 Prozent aller Menschen in der Schweiz haben ziemlich oder viel Angst, ihre Stelle zu verlieren. Zwei- bis dreimal so hoch liegt dieser Anteil jedoch bei Beschäftigten in Branchen wie Gastgewerbe, Kultur oder Sport, die von den Corona-Massnahmen besonders betroffen sind. Bislang gibt es nur wenige wissenschaftliche Studien zu den Auswirkungen des Lockdowns auf die Gesundheit, die Gesundheitsversorgung oder die Arbeitsproduktivität der Beschäftigten. Der COVID-19 Social Monitor soll die Entwicklung dieser gesellschaftlichen Folgen der Pandemie im Zeitverlauf erfassen. Seit Beginn des Lockdowns wurde dazu regelmässig eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe zu diversen Themen befragt.

Homeoffice: das globale Experiment

«Wenn man im Wort Homeoffice acht Buchstaben verändert, steht da Gin Tonic.» Mit diesem Witz, wirbt zurzeit der Schweizer Coworking-Anbieter Westhive um neue Kunden. Damit spielt das Unternehmen mit einem bekannten Klischee: das Homeoffice als Arbeitsplatz, an dem nicht gearbeitet wird. Doch dieses Vorurteil hat während des vergangenen Jahres viel an Gültigkeit verloren und könnte bald ganz verschwinden. Vor Ausbruch der Corona-Pandemie arbeiteten in der Schweiz rund 14 Prozent aller Arbeitnehmenden regelmässig von zu Hause aus. Während des ersten Shutdowns im Frühling 2020 schnellten die Zahlen auf 51 Prozent hoch, wie eine Umfrage vom Forschungsinstitut Sotomo zeigte. Anfang 2021 arbeiteten immer noch 41 Prozent regelmässig im Homeoffice. «Viele Unternehmen stellten dabei fest, dass ihre Mitarbeitenden zu Hause genau so produktiv sind, wie wenn sie im Büro arbeiten», sagt Nicoline Scheidegger . Sie ist Dozentin für Strategie und Leadership. Die sogenannte Arbeitswelt 4.0 sowie Distant Leadership und Führung in Zeiten von New Work gehören zu ihren Forschungsschwerpunkten. «Die Akzeptanz gegenüber Homeoffice und Remote Work stieg bei vielen Unternehmen enorm.» Nicoline Scheidegger, Dozentin für Strategie und Leadership Das in vielen Ländern verordnete Homeoffice bezeichnet sie als «globales Experiment». Dabei waren die Bedingungen oft alles andere als ideal. Es gab keine freie Wahl, viele Menschen mussten sich nebst der Arbeit um Kinder kümmern oder waren pandemiebedingt mit Verlusten, Leid und Ängsten konfrontiert. Die Pandemie zeige aber, dass Arbeit aus Distanz technologisch möglich ist. «Es gab einen immensen Lernschub durch Corona, der sonst so nie möglich gewesen wäre. Die Akzeptanz gegenüber Homeoffice und Remote Work stieg bei vielen Unternehmen enorm», sagt Scheidegger. Grosse Unternehmen wie Novartis und die Versicherung AXA haben deshalb angekündigt, dass ihre Angestellten auch in Zukunft Arbeitsort- und -zeit weitgehend frei bestimmen können. Einige Unternehmen wollen ihren Angestellten zudem einen Bonus bezahlen, mit dem sie Druckerpatronen oder andere anfallende Kosten berappen können. Denn von vermehrtem Homeoffice profitieren auch die Unternehmen: Sie können Büroflächen reduzieren, ihre Attraktivtät steigern und ihren Personalpool erweitern. Damit beschleunigt sich ein Trend, der bereits vor der Pandemie an Tempo zugenommen hatte: Die Bedeutung des Büros als Arbeitsort nimmt ab. Auch ein grosser Teil der Angestellten möchte nicht mehr zurück in die alte Normalität, sagt die Arbeits- und Organisationspsychologin Birgit Werkmann-Karcher , Co-Leiterin des Zentrums für Human Resources & Corporate Learning und Dozentin für Personalpsychologie mit Schwerpunkt Arbeitswelt 4.0. «Verschiedene Befragungen zeigen, dass sehr viele Menschen in Zukunft hybrid arbeiten möchten. Zu einem Teil im Büro und zu einem Teil aus der Distanz.» Ein wichtiger Faktor sei für viele die gesparte Zeit aufgrund der kürzeren Arbeitswege. Statt zu pendeln, gehen die Angestellten um die Ecke in einen Coworking-Space oder ins Zimmer nebenan. Die Menschen können sich die Arbeitszeit freier einteilen und erlangen mehr Selbstbestimmung. «Der Gewinn an Autonomie und Flexibilität ist das grosse Plus», so Werkmann-Karcher. «Menschen, die remote arbeiten, haben mehr Eigenverantwortung. Es ist deshalb wichtig, dass man die eigenen Bedürfnisse kennt und Grenzen setzt.» Birgit Werkmann-Karcher, Co-Leiterin des Zentrums für Human Resources & Corporate Learning Doch nicht alle Personen können mit Remote Work gleich gut umgehen. Die Arbeitspsychologie unterscheidet zwei Gruppen: die Integrierer und die Segmentierer. Die Ersteren trennen nur wenig zwischen Arbeit und Privatem. Segmentierer hingegen möchten die beiden Bereiche möglichst auseinanderhalten. «Wir vermuten, dass es die Segmentierer auch eher wieder ins Büro zieht», sagt Werkmann-Karcher. Eines ist jedoch für alle Angestellten entscheidend: ein gutes Boundary-Management. «Menschen, die remote arbeiten, haben mehr Eigenverantwortung. Es ist deshalb wichtig, dass man die eigenen Bedürfnisse kennt und Grenzen setzt», so Werkmann-Karcher. Denn flexible Arbeitszeiten und digitale Kommunikationsmittel bergen auch Risiken. Plötzlich ist man immer und überall erreichbar. Welches ist die grosse Herausforderung in einer Arbeitswelt, in der sich immer mehr die räumlichen und zeitlichen Grenzen auflösen? Sich selber abzugrenzen, sagt Werkmann-Karcher. «Pausen und Freiräume braucht jeder Mensch. Sonst nehmen die Arbeits- und Lebenszufriedenheit rasch ab.» Viele Unternehmen die auf Remote Work umsteigen, haben noch einen weiten Weg vor sich, da sind sich Birgit Werkmann-Karcher und Nicoline Scheidegger einig. Unternehmen müssen dafür ihre Kultur weiterentwickeln, die Mitarbeitenden bei der Umstellung unterstützen und mit geeigneten Arbeitsprozessen experimentieren. Im Bereich Führung bietet sich die Chance, für ein «New Normal» die Rollen und Aufgaben von Führungskräften zu überdenken und weiterzuentwickeln», sagt Scheidegger. Sie hat vergangenes Jahr auch eine Studie zu Führen auf Distanz veröffentlicht. «Unternehmen, die diese Aufgabe bereits vor der Pandemie angepackt hatten, tun sich hierbei leichter.» Zum Bespiel Novartis mit dem «Unboss»-Programm oder Microsoft mit dem Ansatz von «Model–Coach–Care», bei dem die Rolle einer Führungskraft umrissen wird mit Vorbildsfunktion, Coaching und Fürsorge. Beide gewähren ihren Mitarbeitenden viel Spielraum und Wahlmöglichkeiten in der «Neuen Normalität». Bei allem Umbruch: Das Büro wird auch in Zukunft existieren. Unternehmen werden sich jedoch genauer überlegen, für welche Tätigkeiten es einen Mehrwert schafft. Als Ort des Zusammenkommens und kreativen Austauschs beispielsweise. Während das Remote Office ganz der konzentrierten Arbeit dient. Simon Jäggi

Ein Paradies für Radfahrer

Dass mein Aufenthalt ein abruptes Ende hätte nehmen können, war mir schon bei der Planung bewusst. Aber es war die letzte Möglichkeit für ein Auslandsemester, darum nahm ich das Risiko in Kauf – und es hat sich gelohnt. Im Sommer war das öffentliche Leben in Kopenhagen noch recht normal. Offene Bars, keine Maskenpflicht. Dies änderte sich aber bald. Dänemark hatte die Pandemie aber immer gut im Griff, die Fallzahlen stiegen nie steil an. Ich denke, das liegt daran, dass die Massnahmen immer sehr schnell angepasst werden und die Bevölkerung diese pflichtbewusst einhält. Manchmal war es schwierig, Schritt zu halten. Positiv war, dass wir bis Ende November normal zur Uni gingen. Wir hatten Präsenzunterricht und Gruppenarbeiten. Man musste eine Maske tragen und es wurde kontrolliert, dass man sich die Hände desinfizierte. Die Unterrichtskultur ist anders als bei uns, mehr auf Augenhöhe mit den Dozierenden. Alle duzen sich, die Klassen sind klein, der Austausch ist direkter und die Studierenden können den Unterricht stärker mitgestalten. An Kopenhagen gefällt mir die Fahrradkultur. Die Infrastruktur ist super, es gibt sogar Fussabstellvorrichtungen bei Ampeln. Auch scheint die Gesellschaft weniger traditionell als in der Schweiz: genderneutrale WCs sind ganz normal und man sieht deutlich mehr junge Männer mit Kinderwagen. Das dänische Nachtleben habe ich wegen Corona kaum kennengelernt. Dafür habe ich viel Zeit mit meinen Mitbewohnerinnen verbracht und gute Freundschaften geschlossen. Ich lebte mit zehn anderen Erasmus-Studierenden in einem Haus. Die Gefahr einer Ansteckung bestand natürlich immer. Aber wir waren gut organisiert: Wenn jemand Symptome hatte oder auf ein Testergebnis wartete, isolierte man sich und wurde von den anderen bekocht. Trotz der Einschränkungen haben wir einiges vom Land gesehen. Einmal sind wir quer durch Dänemark von Ferienhaus zu Ferienhaus gefahren – absolut coronakonform. Als angehende Sozialarbeiterin war die Erfahrung sehr wertvoll, einmal Ausländerin zu sein und zu erleben, dass es nicht so einfach ist, sich in einem anderen Land zurechtzufinden. Gleichzeitig merkte ich, dass das eigene Engagement das A und O ist. Aufgezeichnet von Sara Blaser

Tastsinn für Roboter und Hunde als Lernhilfe

Künstliche Haut könnte Maschinen befähigen, Berührungen zu spüren und darauf zu reagieren. «Kollisionen zwischen Menschen und Robotern könnten damit verhindert werden», sagt Jacqueline Blunschi. Und Renske Sassenburg ergänzt: «Menschen mit Prothesen oder schweren Verbrennungen könnten wieder fühlen.» Die beiden Absolventinnen der School of Engineering haben ein künstliches Hautmodell hergestellt. Für die Epidermis, die Dermis und die Subcutis haben sie Silikon verwendet, da dieses ähnliche mechanische Eigenschaften aufweist wie die menschliche Haut. Um den Tastsinn zu imitieren, setzten sie in der mittleren Schicht ein Netz aus Kupferdrähten ein, das Berührungen misst und lokalisiert. Um die Druckstellen auf der Oberfläche sichtbar zu machen, bauten sie zusätzlich LED-Lämpchen ein. Diese leuchten in unterschiedlichen Farben ‒ je nachdem, wie stark eine Berührung ist. Der Prototyp kommt der menschlichen Haut nicht nur optisch nahe, er fühlt sich auch so an, wie die beiden Entwicklerinnen versichern. Struktur und Form seien vergleichbar. Die künstliche Haut sei allerdings kälter als echte und gebe keine Feuchtigkeit ab. In diesem Punkt könnte das Modell optimiert werden. So könnten Schweissdrüsen oder feine Härchen integriert werden. Die Wahrnehmung mit Hilfe des Tastsinns könnte zudem durch Wärme- und Schmerzsensoren verbessert werden. Wichtig ist dabei, dass die Flexibilität des Hautmodells nicht zu stark eingeschränkt wird. «Man muss flexible Elektronik verwenden», betonen Jacqueline Blunschi und Renske Sassenburg übereinstimmend. Täter und Opfer treffen sich. Sie setzen sich damit auseinander, was vorgefallen ist. Sie hören einander zu und versuchen, die Perspektive des anderen zu übernehmen. Die Begegnung, die professionell begleitet wird, soll den Geschädigten helfen, seelisch zu genesen. Den Tätern ermöglicht sie, zu erkennen, was sie angerichtet haben, und dafür die Verantwortung zu übernehmen. «Restorative Justice hat auf beiden Seiten eine positive Wirkung», sagt Shirine Tissira, die ihre Masterarbeit dem Thema gewidmet hat. Anders als das Strafrecht fokussiere der Ansatz nicht auf das Delikt, sondern auf die verletzten menschlichen Bedürfnisse. «Er geht vom Opfer aus.» In der Schweiz wird erst mit Erwachsenen damit gearbeitet. «Da besteht noch sehr viel Potenzial», sagt die ZHAW-Absolventin. Sie fände es sinnvoll, restaurative Verfahren in Pilotprojekten auch bei Jugendlichen einzusetzen. Um Opfer nicht zu retraumatisieren, müssen allerdings mehrere Voraussetzungen erfüllt sein. Opfer müssen psychisch und körperlich stabil sein; sie dürfen nicht zu einer Teilnahme gedrängt werden. Täter dürfen keine massiven Persönlichkeits- oder psychopathische Störungen haben. Sie müssen zu Empathie fähig sein und Einsicht sowie Reue zeigen. Je schwerer eine Straftat, desto sorgfältiger müssen diese Aspekte im Vorfeld abgeklärt und der Austausch begleitet werden. Ist eine Seite nicht zu einem Dialog bereit, besteht die Möglichkeit von «Querbegegnungen». Das heisst, dass sich Täter und Geschädigte nicht von demselben, aber einem vergleichbaren Delikt treffen. Shirine Tissira kann sich vorstellen, die Methode auch bei Konflikten einzusetzen, die strafrechtlich nicht verfolgt werden. Bei Mobbing beispielsweise. «Da wäre viel möglich.» Ein Hund im Schulzimmer bringt nicht nur Abwechslung. Er reduziert zudem Stress, fördert positive, soziale Beziehungen und trägt zu einer guten Lernatmosphäre bei, wie Studien zeigen. «Schulhunde haben auf qualitativer Ebene auch positive Effekte auf die Konzentration und Aufmerksamkeit», sagt Julia Oesch. Um solche wissenschaftlich zu belegen, liess die Masterabsolventin drei Primarklassen im Abstand von sechs Wochen Leistungs- sowie Konzentrationstests lösen. Sie filmte sie dabei und befragte die Lehrpersonen. Bei ihrem zweiten Besuch leitete sie die eine Hälfte der Kinder vorgängig zu Aktivitäten mit einer Therapiehündin an. Die andere Hälfte animierte sie zu ähnlichen Aktivierungsübungen ohne tierische Begleitung. Wie aufmerksam und konzentriert die Schülerinnen und Schüler danach waren, wertete sie quantitativ und qualitativ aus. «Es war mir wichtig, die Daten nach wissenschaftlichen Kriterien zu erheben, ohne den Hund zu instrumentalisieren», betont Julia Oesch. Kinder und Tiere könnten je nach Tagesform unterschiedlicher Verfassung sein, gibt sie zu bedenken. Hinzu komme, dass Konzentration, je nach Definition, schwer messbar sei. Einen positiven Effekt konnte die Autorin rein statistisch denn auch nicht nachweisen. Die quantitativen Ergebnisse dokumentieren keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen. Gestützt auf die Einschätzungen der Lehrpersonen und der qualitativen Analyse des Filmmaterials kommt Julia Oesch allerdings zum Schluss, «dass der Hund subjektiv zu einer ruhigeren Arbeitsatmosphäre und zu einer höheren Konzentrationsfähigkeit der Kinder geführt hat». Eveline Rutz

«Wegen wachsender Konkurrenz wird die Akkreditierung wichtiger»

Dora Fitzli: Die Akkreditierung ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir uns auch weiterhin Fachhochschule nennen dürfen und auch ab 2023 Finanzierungsbeiträge des Bundes erhalten. Nur akkreditierte Hochschulen sind zudem befähigt, anerkannte Schweizer Bachelor- und Masterabschlüsse auszustellen. Ausserdem ist die ZHAW nun ein eigenständiges Mitglied von swissuniversities , der Dachorganisation der Schweizer Hochschulen. Benno Grüter: Die Akkreditierung von Hochschulen ist ein Prozess, den man ausserhalb der Schweiz schon lange kennt. Dass die ZHAW sich jetzt «institutionell akkreditiert» nennen darf, ist also insbesondere auch im Zusammenhang mit der internationalen Zusammenarbeit und Mobilität wichtig. Diese formale Bezeichnung kann zum Beispiel bei einem Kooperationsabkommen mit ausländischen Hochschulen ein Vorteil sein, da unsere hohen Qualitätssicherungsstandards nun mit einem offiziellen Label akkreditiert sind. Marlies Whitehouse: Der grösste Gewinn für alle Anspruchsgruppen ist die Gewissheit, dass die ZHAW eine Hochschule ist, die hohe Qualitätsstandards erfüllt. Dora Fitzli: Der Stellenwert der Akkreditierung wird sich in den nächsten 10 bis 20 Jahren durch eine wachsende Konkurrenz auf dem Bildungsmarkt zunehmend erhöhen. Fitzli: Die ZHAW als Hochschule und auch die Departemente haben sich lange vor dem Projektstart «Institutionelle Akkreditierung» mit dem Thema Qualität auseinandergesetzt. 2015 und 2016 wurde in einem breit abgestützten Prozess die Qualitätsstrategie 2015–2025 der ZHAW erarbeitet. Darauf basierend erstellten die Departemente ihre Qualitätskonzepte, verfassten Selbstevaluationsberichte als Grundlage für die von ihnen durchgeführten Peer-Reviews. Auf dieser Vorarbeit und der dadurch etablierten Qualitätskultur konnte im Selbstbeurteilungsbericht der ZHAW und in der Vorbereitung auf die Vor-Ort-Visite der Gutachtergruppe aufgebaut werden. Grüter: Mit der Erarbeitung des Qualitätskonzepts für die School of Engineering begannen wir um 2016, als der Auftrag der Hochschulleitung an die Departemente ging, ein Umsetzungskonzept zur Qualitätsstrategie 2015–2025 zu erstellen. Hier lag der Fokus auf der Operationalisierung der Qualitätsstrategie, insbesondere des darin eingeführten Informed-Peer-Review-Verfahrens. Dabei handelt es sich um einen Austausch zwischen verschiedenen Gruppen des Departements mit externen Peers aus anderen Hochschulen und aus der Industrie. Auch Studierende sind daran beteiligt. Im Zentrum steht die Reflexion verschiedener Qualitätskriterien. In dieser intensiven Auseinandersetzung mit internen und externen Peers lernt man extrem viel und der kritische Blick auf die eigene Organisation wird im positiven Sinne geschärft. Fitzli: Das, was du im Zusammenhang mit den Peer-Reviews an der School of Engineering beschrieben hast, haben wir als Qualitätskommission in Hinsicht auf die institutionelle Akkreditierung auch erlebt. Im Austausch miteinander haben wir viel voneinander erfahren und konnten das dann im Selbstbeurteilungsbericht gemeinsam reflektieren. Dabei wuchs auch das Vertrauen in der Qualitätskommission. Ein wertvoller Nebeneffekt des Akkreditierungsprozesses! Günter: Wir haben in der Kommission oft über ein gemeinsames Verständnis einer Qualitätskultur der ZHAW diskutiert und versucht, einen knappen gemeinsamen Nenner zu finden. Dieser liegt in der Anerkennung unserer Diversität. Es ist unsere Stärke, dass wir uns an einer gemeinsamen Qualitätsstrategie ausrichten, ohne dabei die spezifischen Qualitätskulturen in den Fachbereichen aufzugeben. Whitehouse: Bei den Vorbereitungen, der Selbstevaluation in den Departementen und auch im Zusammenhang mit dem Erstellen des Selbstbeurteilungsberichts zur institutionellen Akkreditierung wurde auf ein iteratives Verfahren gesetzt. Das heisst, die Inhalte wurden immer wieder unter Einbezug verschiedener Anspruchsgruppen, der Kommissionen, der Departemente und des Rektorats diskutiert und verbessert. Der Prozess war aufwendig, doch er hat sich gelohnt. Am Schluss hatten wir einen Bericht, hinter dem alle stehen konnten. Fitzli: An zwei Tagen wurden 13 Gruppen à je acht bis zehn Personen von einer externen fünfköpfigen Gutachtergruppe zu verschiedenen Standards befragt. In diesen Gruppen waren Studierende, Forschende, Dozierende, Mitglieder der Hochschulversammlung und der Hochschulleitung, Institutsleitende, Mitarbeitende und die Qualitätskommission vertreten. Die Gutachtenden gewannen einen sehr guten Gesamteindruck der Gruppen, was mich extrem gefreut hat. Grüter: Die Vor-Ort-Visite ist vergleichbar mit einer Peer-Review – nur handelt es sich eben um ein Prüfverfahren. Bei der Peer-Review an unserem Departement habe ich festgestellt, dass unser Selbstevaluationsbericht den Inhalt der Peer-Review-Gespräche massgeblich geprägt hat. Und das war auch bei der institutionellen Akkreditierung der Fall. Dass der Selbstbeurteilungsbericht auf die Stärken und Schwächen eingegangen ist, hat der Gutachtergruppe die Befragung erleichtert. Ein Schlüssel für die erfolgreiche institutionelle Akkreditierung ist neben einem funktionierenden Qualitätssicherungssystem also auch der Selbstbeurteilungsbericht. Fitzli: Der Bericht der externen Gutachtenden ist generell sehr positiv. Speziell wurde etwa der Austausch innerhalb der ZHAW, vor allem in den Kommissionen, als sehr positiv gewertet. Auch wurde die Arbeit der Qualitätskommission gelobt. Die Gutachterinnen und Gutachter haben die Qualitätsstruktur in ihrer Vielfalt und Differenziertheit und als eine Stärke der ZHAW wahrgenommen, ebenso die geregelten Strukturen und Prozesse. Besonders wurde die Lebendigkeit der Subsidiarität hervorgehoben. Diese Anmerkung hat mich sehr gefreut. Die Gutachtergruppe hat die Stärke unserer Qualitätsstrategie, die sich als Qualitätskultur versteht, die Raum für Spezifisches gibt, erkannt und positiv gewürdigt. Marlies Whitehouse: Speziell wurde auch die Langfristigkeit der Qualitätsstrategie hervorgehoben. Die ZHAW hat nicht kurzfristig eine Qualitätsstrategie aufgesetzt, um die institutionelle Akkreditierung zu erlangen, sondern sie ist langfristig an einer guten Qualität interessiert. Fitzli: Die Sicherstellung der studentischen Mitwirkung auf Departementsebene ist die einzige Auflage, die die ZHAW erhalten hat. Dieses Defizit ist uns bereits im Selbstbeurteilungsprozess aufgefallen. So konnten wir schon in der Phase zwischen der Abgabe des Berichts und der Vor-Ort-Visite eine entsprechende Policy erarbeiten. Die Studierendenorganisation ALIAS soll neu organisiert werden in einem Verein mit Sektionen. Jedes Departement soll eine Studierendenvertretung haben, die auf der Departementsebene ein Mitbestimmungsrecht hat. ALIAS arbeitet zurzeit intensiv daran und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir diese Auflage in der gewährten Frist von zwei Jahren umsetzen können. Neben dieser Auflage hat die Gutachtergruppe verschiedene Empfehlungen ausgesprochen. Dazu gehören etwa die Weiterentwicklung der Qualitätsstrategie und die Sichtbarkeit der Tätigkeiten im Bereich Nachhaltigkeit. Auch die Frauenförderung in den oberen Führungspositionen war ein Thema. Der externe Gutachterbericht hat vieles aus dem Selbstbeurteilungsbericht aufgenommen und explizit gemacht. Wir sind nun in allen Punkten dabei, diese zu verbessern. Der Bericht ist also auch ein Katalysator. Whitehouse: Die Departemente erhielten mit der ZHAW-Qualitätsstrategie 2015–2025 den Auftrag, eine departementsspezifische Umsetzungsstrategie vorzulegen. Darin wird festgesetzt, in welchen Abständen die Peer-Reviews stattfinden oder welche Indikatoren zu welchem Zeitpunkt überprüft werden. Grüter: Nach der Durchführung einer Peer-Review erstellen die Peers einen Bericht mit Empfehlungen für Verbesserungsmassnahmen. Das Departement erstellt im Anschluss einen Massnahmenplan, der mit dem Rektor abgestimmt wird. An der School of Engineering etwa haben Studierende im Rahmen der Peer-Review zurückgemeldet, dass die «Studierbarkeit» nicht gewährleistet war, weil teilweise über 10 Lektionen pro Tag stattgefunden haben. Daraufhin wurde die Stundenplanung angepasst, und nach einer erneuten gemeinsamen Reflexion mit Studierenden aller Studiengänge haben wir nun das positive Ergebnis, dass die Studierbarkeit gewährleistet ist. Dieses Vorgehen ist ein Beispiel für das funktionierende Peer-Review-Verfahren als Instrument zur Qualitätssicherung. Und genau die wird bei der institutionellen Akkreditierung überprüft. Whitehouse: Die ZHAW muss also vor allem eine lernfähige Organisation sein. Das heisst, sie muss über Instrumente verfügen, um Verbesserungspotenzial zu erkennen und adäquate Massnahmen zu entwickeln. Dass die ZHAW dazu in der Lage ist, hat die institutionelle Akkreditierung bestätigt. Whitehouse: Die ZHAW-weite Auseinandersetzung mit dem Thema Qualität und das Hinarbeiten auf ein gemeinsames Ziel empfand ich als sehr positiv. Ebenso, dass es gelang, die Vielfalt der ZHAW im Selbstbeurteilungsbericht abzubilden und als Chance zu erkennen. Grüter: Der Weg zum Akkreditierungsprozess stellt für mich den grössten Gewinn dar, konkret die Auseinandersetzung mit Qualität im Rahmen von Peer-Review-Verfahren. Ich habe darin einen grossen Mehrwert für die Mitarbeitenden erkannt. Dadurch, dass es sich nicht einfach um eine Befragung handelt, sondern ein offener Dialog stattfindet, entstehen wichtige Diskussionen unter den beteiligten Mitarbeitenden und im Austausch mit externen Peers. Diese Dialoge auf Augenhöhe und die daraus entstehende Reflexion über diverse Themen sind ungemein wertvoll für die Qualität. Fitzli: Für mich war es die interne Auseinandersetzung mit Qualität auf einer Metaebene, also der Austausch über die Prozesse und Strukturen. Ausserdem empfinde ich es bei der institutionellen Akkreditierung und dem Peer-Review-Verfahren als grossen Vorteil, dass der Fokus nicht «nur» auf den Leistungsbereichen Forschung, Lehre, Weiterbildung und Dienstleistungen liegt, sondern auch Governance und Ressourcen, etwa die Mitarbeitendenentwicklung oder Finanzierung, mit einbezogen werden. Für mich war der Akkreditierungsprozess insgesamt aber auch eine sehr wertvolle Erfahrung, weil ich mit so vielen Leuten zusammenarbeiten und diese kennenlernen durfte. Das empfinde ich als grossen Gewinn! Interview Sandra Hürlimann

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