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«Es ist eine Ehre, die ZHAW zu leiten»

Vier Jahre nach dem Zusammenschluss zur ZHAW übernahmen Sie das Amt des Rektors. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung und was war für Sie die wichtigste Aufgabe? In den ersten Jahren identifizierten sich die meisten Mitarbeitenden noch nicht stark mit der ZHAW. Die Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit, über die Grenzen der Departemente hinweg, war für mich zentral. Nicht nur um Identität zu schaffen, sondern auch, um als Fachhochschule einen Beitrag zu den grossen Herausforderungen wie der Energiewende oder der gesellschaftlichen Integration zu leisten. Dies klappt nur interdisziplinär. Heute gibt es viele gemeinsame Projekte von verschiedenen Instituten, etwa das Data Lab, das Digital Health Lab, GEKONT, CYPHER oder AGe+ (Anm. Redaktion: siehe Glossar am Ende des Interviews). Im Gegensatz zur Anfangsphase kommt die Initiative für interdisziplinäre Zusammenarbeit heute von unten, von Forschenden, Dozierenden oder Mitarbeitenden. Sie haben im Rahmen Ihrer Amtstätigkeit viele hochrangige Persönlichkeiten getroffen, zum Beispiel mehrere Bundesräte und den Dalai Lama. Gibt es eine Begegnung, die für Sie besonders prägend war? Für mich waren vor allem die Begegnungen mit Studierenden oder jungen Mitarbeitenden speziell, wenn diese mir mit Begeisterung von ihren Projekten oder Zielen erzählt haben. Dann spürte ich den Sinn von dem, was ich jeden Tag mache. Wir sind hier, um junge Leute auszubilden, und wenn ich merke, dass es funktioniert, macht mich das wirklich stolz. Die ZHAW ist während Ihrer Amtszeit enorm gewachsen: Es gibt 30 Prozent mehr Bachelorstudiengänge, 50 Prozent mehr Masterstudiengänge, das Kostenvolumen von Forschung und Entwicklung hat sich mehr als verdoppelt, diverse Bautätigkeiten waren nötig, um die Infrastruktur für das Wachstum zu gewährleisten – worauf sind Sie besonders stolz? Vor allem darauf, dass die Weiterentwicklung auf allen Stufen vorangetrieben wird. Es ist eine Ehre, eine so dynamische Hochschule zu leiten. Ich picke ungern etwas Einzelnes heraus, denn es gibt vieles, was mich stolz macht. Eine wichtige Errungenschaft ist, dass wir uns in den europäischen Raum eingebracht haben: die Förderung der EU-Forschung, der Mobilität, von Double Degrees mit europäischen Partnern, die Mitgliedschaft in der European University Association (EUA) und bei EELISA. Um die Studierenden auf die globalisierte Arbeitswelt vorzubereiten, ist diese europäische Verankerung enorm wichtig. «Das Leben lässt sich nicht strategisch planen.» Jean-Marc Piveteau, Rektor der ZHAW von 2011 bis Januar 2025 Für Sie waren die strategischen Schwerpunkte Energieforschung, digitale Transformation und unternehmerisches Denken zentral. Sind Sie zufrieden damit, wie sich diese Bereiche während Ihrer Amtszeit entwickelt haben? Ich bin sehr zufrieden mit unserer Entwicklung und dass wir unsere Expertise mit einem interdisziplinären Ansatz in diesen Bereichen einbringen. Aber wir sind noch nicht am Ziel. Die ZHAW ist noch nicht die Enterprise University, die ich mir wünsche, und auch an der europäischen Verankerung der Hochschule müssen wir weiterarbeiten. Die Welt verändert sich immer schneller. Welche Kompetenzen muss eine Hochschule vermitteln, um die Absolventinnen und Absolventen für die Zukunft zu wappnen? Das Wichtigste ist Handlungsfähigkeit: Dass sie mündig sind, sich einbringen und ihr Umfeld weiterentwickeln können. Kritisches Denken ist eine zentrale Fähigkeit, aber auch unternehmerisches Denken. Und natürlich müssen wir ihnen in einem Bereich die Grundlagen vermitteln. Wie sie sich danach beruflich weiterentwickeln, ist absolut offen. Lifelong Learning wäre vielleicht noch ein Stichwort. Klar, die Fähigkeit, sich an neue Rahmenbedingungen anzupassen, ist wichtig. Das Lernen endet nicht mit dem Studium. Heute wissen das alle, aber vor zehn oder zwanzig Jahren war das überhaupt noch nicht selbstverständlich. Sie haben Mathematik an der ETH Zürich studiert. Wenn Sie heute vor der Wahl eines Studiengangs stehen würden, für welchen würden Sie sich entscheiden? Das ist schwierig zu beantworten. Ich stehe am Ende meiner Karriere und bin in einer völlig anderen Lebenssituation als eine Person, die sich für ein Studium entscheiden muss. Und wenn Sie einer jungen Person einen Rat geben müssten? Vielleicht, dass das Leben voller Überraschungen ist und man es nicht strategisch planen kann. Ich hatte viele Pläne für meine Karriere, aber es ist immer anders gekommen. Mit 18 hätte ich nie gedacht, dass ich einmal Rektor einer Hochschule werde. Man sollte einfach seinen Interessen folgen und Chancen ergreifen, wenn sie sich bieten. Manchmal muss man auch ein bisschen Glück haben und ein Karriereschritt führt zum nächsten. Als Präsident der Schweizer Delegation haben Sie bei der nationalen Open-Science-Strategie mitgewirkt. Wie offen soll die Forschung einer Fachhochschule sein? Wünschen sich Partner aus Industrie und Wirtschaft nicht handfeste Wettbewerbsvorteile aus den Forschungsprojekten, die sie mit einer Fachhochschule durchführen? Was Sie ansprechen – Open Research Data –, hat die Open-Science-Delegation lange beschäftigt: Sollen die Daten, die Forschungsergebnissen aus öffentlich finanzierten Projekten zugrunde liegen, frei zugänglich sein? Es macht keinen Unterschied, ob es Grundlagenforschung oder anwendungsorientierte Forschung ist. Es geht vor allem darum, dass man die Ergebnisse reproduzieren kann und dass mit denselben Forschungsgeldern nicht mehrmals die gleiche Forschung finanziert wird. Wenn mit der Forschung eine Innovation geschaffen wird, müssen die Daten so veröffentlicht werden, dass man die Ergebnisse validieren kann, aber es ist trotzdem möglich, die Ergebnisse zu schützen. Das ist kein Widerspruch. Die Forderung nach Open Research Data ist eine Realität, und für uns lautet die Frage: Wollen wir als ZHAW nur mitmachen oder wollen wir die Praxis auch aktiv mitgestalten? Bei Kooperationen mit Praxispartnern muss man natürlich immer deren Perspektive beachten und umsichtig sein mit der Verbreitung der Erkenntnisse und der Forschungsdaten. Welchen Ratschlag haben Sie an Ihre Nachfolgerin Regula Altmann-Jöhl? Ich freue mich sehr, dass sie meine Nachfolgerin ist. Sie hat sehr viel Erfahrung und sie wird das Amt sehr gut ausführen – dazu braucht sie keine Ratschläge von mir. (Bilder: Conradin Frei) Interview: Sara Blaser

«Nicht alle Studierenden müssen Startups gründen» 

Interview: Sara Blaser Es war eine intensive und tolle Zeit. Ich habe mich vor allem darauf konzentriert, alle Departemente zu besuchen und möglichst viele Leute kennenzulernen. Das bietet einen guten Boden dafür, mir ein Bild von der ganzen Institution zu machen. Ich fühle mich sehr willkommen und habe sehr viel gelernt. Total überrascht hat mich nichts, aber die enorme Themenbreite der ZHAW ist mir noch bewusster geworden. Es hat mich sehr beeindruckt, wie viel Know-how an dieser Hochschule vorhanden ist. Ich bin eine ausgesprochene Teamplayerin, denn ich bin überzeugt, dass mehrere Köpfe zu besseren Ideen gelangen als ein einziger. Ziele gemeinsam zu entwickeln und zu verfolgen, ist für mich zentral – und Erfolge zu feiern. Ich gehe davon aus, dass wir alle unsere Verantwortung wahrnehmen, und gebe den Mitarbeitenden darum gerne möglichst viel Freiraum. Ich möchte ein Arbeitsklima fördern, in dem man offen miteinander kommuniziert und auch Schwierigkeiten ansprechen kann. Gleichzeitig möchte ich davon ausgehen können, dass die Entscheidungen, die ich treffe, mitgetragen werden. Natürlich werde ich nicht mit allen Mitarbeitenden persönliche Gespräche führen können, aber es ist mir wichtig, genug Raum für Austausch zu haben mit den Personen, die direkt an mich rapportieren. Ausserdem möchte ich durch die Teilnahme an Veranstaltungen signalisieren, dass ich ansprechbar bin. «Ich bin überzeugt, dass mehrere Köpfe zu besseren Ideen gelangen als ein einziger.» Regula Jöhl Ich hätte noch Veto einlegen können, wenn ich Einwände gehabt hätte. Ich bin aber sehr einverstanden mit den drei Stossrichtungen transformativ, unternehmerisch und europäisch. Transformativ müssen wir als Hochschule sowieso sein, uns stetig weiterentwickeln und Fachkräfte für den Arbeitsmarkt ausbilden, der immer neue Anforderungen stellt. «Unternehmerisch» bedeutet für mich die Grundhaltung, beweglich zu bleiben und sich immer wieder zu überlegen, wohin man will, welche neuen Themen aufkommen und wie man diese sinnvoll angeht, umsetzt und verknüpft. Es bedeutet nicht, dass alle Studierenden Startups gründen müssen – wobei ein paar Startups natürlich toll sind. Aber viel wichtiger ist, dass wir eine unternehmerische Haltung leben: den Status quo kritisch hinterfragen, Möglichkeiten für Verbesserungen ausloten und agil bleiben. Und unter «europäisch» verstehe ich unsere Verantwortung, Studierende und Weiterbildungsteilnehmende für den internationalen Arbeitsmarkt fit zu machen. Unsere internationalen Beziehungen sollen sich nicht nur auf Europa beschränken, aber ich finde es richtig, dass wir hier den Fokus setzen. Eine aktuelle Kampagne der ZHAW soll Mitarbeitende dazu motivieren, ihre Auslandreisen mit dem öV statt dem Flugzeug anzutreten. Wie lässt sich Ihrer Meinung nach die Gratwanderung zwischen dem Ausbau der internationalen Beziehungen und der Reduktion der Flugreisen realisieren? Auf keinen Fall würde ich Flugreisen ganz verbieten. Das wäre weder dienlich noch zeitgemäss. Die internationale Vernetzung ist für uns als Hochschule wichtig. Aber das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen sollten wir schärfen. Sind Projekte aufgegleist und persönliche Kontakte hergestellt, lässt sich vieles online machen. Diese Art der Zusammenarbeit leben und auch einfordern sehe ich als richtigen Weg für uns. Zentral ist es, dass wir den Studierenden beibringen, wie man KI-Tools verwendet, und gleichzeitig, dass man diese auch kritisch hinterfragen soll. KI ändert nichts daran, dass es in jedem Fachbereich eine Basis an Fachwissen gibt, die sich die Studierenden nach wie vor selbst erarbeiten müssen. Sie benötigen ein Bewusstsein dafür, wo KI sinnvoll eingesetzt werden kann und wie sich die Arbeit dadurch verändert. Grundsätzlich das Bewusstsein, dass es wahrscheinlich nicht so üppig weitergeht wie bisher. Ich mache mir aber keine Sorgen um die ZHAW. In der Pandemie hat sie Resilienz und Flexibilität bewiesen. Die Frage, wie man auf Veränderungen in der Finanzierung reagiert, muss man sich aber sowieso kontinuierlich stellen. Das müssen wir dann einfach intensiver machen. Und Mittel ohne Ende hatten wir bisher auch nicht zur Verfügung, nur um das klarzustellen. «Eine unternehmerische Haltung ist mir wichtig: den Status quo kritisch hinterfragen, Möglichkeiten für Verbesserungen ausloten und agil bleiben.» Regula Jöhl Das kann ich nicht pauschal sagen. Ich würde nicht bei allen Departementen dieselben Prioritäten setzen, denn sie unterscheiden sich enorm. Man müsste individuell entscheiden, welche Massnahmen wo nötig sind, um die Qualität zu wahren. Ich glaube, es läuft extrem viel. Mehr rausholen kann man immer, ich denke dabei zum Beispiel an unsere Mitgliedschaft bei der europäischen Hochschulallianz EELISA, die noch sehr jung ist. Ausserdem können wir bestimmt noch mehr Synergien nutzen zwischen unseren strategischen Schwerpunkten, wie auch bei Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Es lohnt sich, wenn man sich eine Zeit lang stark mit einem Thema beschäftigt und dann daraus Erkenntnisse für andere Bereiche ableitet und wieder neue Schwerpunkte setzt. Für mich hat Priorität, dass ich die ZHAW gut kennenlerne, dass wir zu einem Team zusammenwachsen und dass wir eine gemeinsame Vorstellung haben, wohin wir wollen. Wenn ich sehe, dass wir schon das eine oder andere bewegt und bewirkt haben, wäre das für mich Erfolg.

Vom Wunsch, kinderlos zu bleiben, von einer SAC-Hütte und Zwangsarbeit

Jemand kann seine Adresse nicht angeben, ist nicht krankenversichert und wird stets begleitet: Dies können Hinweise auf Menschenhandel und Zwangsarbeit sein. Betroffene sind oft extremen Formen von körperlicher, sexueller sowie physischer Ausbeutung ausgesetzt und werden von der Aussenwelt abgeschottet. Sich zu wehren oder Hilfe zu holen, fällt ihnen schwer. Entscheidend seien Drittpersonen, die ihre Situation erkennen, stellen Angèle Lavignac und Sahar Ana Richter fest. «Gesundheitsfachpersonen könnten eine grössere Rolle beim Erkennen von Menschenhandel spielen», sagen sie. Ärztinnen, Ärzte, Pflegende und Hebammen zählten zu den wenigen Berufsgruppen, die mit Betroffenen direkt in Kontakt kommen. «Damit sie adäquat reagieren können, müssen sie sensibilisiert und geschult werden.» Die Autorinnen lis­ten Merkmale für eine mögliche Ausbeutung auf. Dazu zählen Sprachbarrieren, fehlende Ausweisdokumente, Drogenkonsum und auffällige Begleitpersonen. Betroffene nehmen eher spät medizinische Hilfe in Anspruch. Sie leiden häufig unter nicht unfallbedingten Verletzungen und gynäkologischen Beschwerden. «Es braucht ein geschultes Auge, um Menschenrechtsverletzungen zu erkennen», sagt Angèle Lavignac. Betroffene seien im Sexhandel, aber ebenso auf Baustellen oder in Haushalten zu finden. Bei einem Verdacht sollten Hebammen sensibel nachfragen und über Unterstützungs­angebote informieren, sagt Sahar Ana Richter. «Dafür sollten sie mit der Person allein sein.» Die Konkordiahütte liegt auf einem Felsen hoch über dem Aletschgletscher. Zu erreichen ist sie über das Eis und steile Metalltreppen. SAC-Hütten seien zugleich «Betroffene» wie auch «Mitverantwortliche» der Umweltproblematik, stellt Lara Bieler fest, die am Departement für Life Sciences und Facility Management studiert hat. «Einerseits sind sie stark von den klimatischen Veränderungen betroffen, da Gletscherschmelze und sinkende Wasserreserven ihre Versorgungssicherheit und Infrastruktur erheblich belasten. Andererseits tragen sie durch ihren Betrieb auch selbst zur Umweltbelastung bei.» Ein grosser Teil der CO₂-Emissionen ist auf Transporte per Helikopter zurückzuführen. Bieler zeigt auf, dass sich diese durch eine optimierte Logistik deutlich senken lassen. Schmelzwasser könnte nicht nur für Heissgetränke, sondern auch als Trinkwasserquelle genutzt werden, damit weniger PET-Flaschen angeliefert werden müssen. Die Toilettenabfälle liessen sich durch eine Wurmkompostierung verringern. Handlungsbedarf sieht die Autorin zudem bei den Abwasserströmen. Sie schlägt eine stromlose Klein-Kläranlage vor, um stark verschmutztes Wasser aus der Küche aufzubereiten, bevor es in die Umwelt gelangt. Mit einer Recycling-Station könnte leicht verschmutztes Wasser aus Duschen und Lavabos für die Textilwaschmaschine wiederverwendet werden. Das Energiesystem liesse sich mit einer Wärmepumpe und einer erweiterten Photovoltaikanlage optimieren. «Schon einfache Massnahmen, die ressourcenarm umzusetzen sind, würden viel bewirken.» Zwischen Selbstbestimmung und Vorurteilen: So umschreibt Jacqueline Wechsler, was junge Menschen erleben, die keine Kinder bekommen und sich sterilisieren lassen möchten. In ihrem Podcast zeigt sie anhand von vier Personen auf, wie unterschiedlich der Weg zum operativen Eingriff sein kann. «Er ist in manchen Fällen schwierig, aber durchaus möglich», sagt sie. Kaum negative Erfahrungen machte eine heute 57-jährige Frau, die sich 1996 ihre Eileiter veröden liess. Gesetzliche Bestimmungen spezifisch zur Sterilisation gab es damals noch nicht. Erst 2005 wurde etwa festgelegt, dass Patientinnen oder Patienten volljährig und urteilsfähig sein müssen. «Es hat mich überrascht, wie reibungslos sich diese Gesprächspartnerin sterilisieren lassen konnte», sagt Wechsler, die am Departement Angewandte Linguistik studiert hat. Deren Gynäkologin habe die Operation bereits nach einem Gespräch aufgegleist. «Das ist auch heute noch nicht selbstverständlich.» Eine andere Frau berichtet, dass sie sich von Ärztinnen und Ärzten zu wenig ernst genommen fühlte. Als sie sich mit 21 Jahren für den Eingriff anmelden wollte, hiess es, sie sei viel zu jung dafür. Sie wurde immer wieder zu Besprechungen aufgeboten und unter anderem gefragt, was ihr Partner von ihren Plänen halte. «Sie wollten mich einfach nicht verstehen», kritisiert die Frau. «Das war frustrierend.» Erst nach einem psychologischen Gutachten wurde sie schliesslich operiert. Mit deutlich weniger Aufwand gelangte der einzige männliche Protagonist des Audio­stücks ans Ziel. Er wurde mit 24 Jahren unmittelbar nach dem Vorgespräch unterbunden. Er vergleicht seine Vasektomie mit einem «aufgeschobenen Zahnarztbesuch, den man endlich gemacht hat.» Eveline Rutz

«Der Richter hat seinen Henker verloren»

Es ist schon eine Weile her, doch dieser Fall hat das Schweizer Justizvollzugssystem grundlegend verändert und sich erheblich darauf ausgewirkt, wie der Rechtsstaat mit Gewalt- und Sexualstraftätern umgeht: der Mord am Zollikerberg im Jahr 1993. Wegen elf Vergewaltigungen und zwei Sexualmorden war Erich Hauert zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt worden. Doch obwohl er als «extrem gefährlich» eingestuft worden war, wurden ihm wenige Jahre nach seiner Inhaftierung unbegleitete Hafturlaube gewährt. Am 29. Oktober 1993 durfte er wiederum für mehrere Tage die Gefängnismauern verlassen. Am Nachmittag des 30. Oktober wurde die Leiche der 20-jährigen Pasquale Brumann gefunden. Seit dem Fall Hauert müssen Sexual- und Gewalttäter, welche als extrem gefährlich und gewalttätig eingestuft sind, lebenslang verwahrt werden und dürfen auch keine Hafturlaube oder vorzeitige Entlassungen erhalten. «Der Fall Hauert war ein Paradigmawechsel», sagt Benjamin Brägger . «Erstmals wurde die Frage der Sicherheit für die Gesellschaft ins Zentrum gestellt.» Der promovierte Jurist und Kriminologe befasst sich seit über 30 Jahren mit der Frage, warum Menschen kriminell werden und welche strafrechtlichen Interventionen sowohl dem Täter als auch der Gesellschaft nützen. «Wir brauchen menschliche Anstalten mit gut ausgebildetem Personal, das resilient ist, mit Straftätern arbeiten kann und das Gute im Menschen im Fokus hat.» Benjamin Brägger, Experte und Leiter CAS Sanktionenvollzug Brägger ist anerkannter Experte für kriminologische oder gefängnisspezifische Themen im Bereich des Justizvollzugs sowie Gutachter und Ausbildner. Er war Leiter einer Strafanstalt und Amtsvorsteher eines kantonalen Amts für Justizvollzug, hat mehrere Standardwerke zum Justizvollzug verfasst und das Schweizerische Institut für Strafvollstreckungs- und Strafvollzugswissenschaften gegründet. Ab September wird er am ZHAW-Departement Soziale Arbeit den neuen CAS mit dem Titel «Fachexpertise Recht des Sanktionenvollzugs: Von der Verurteilung bis zum Ende der Probezeit» leiten. Der Mord am Zollikerberg habe zu einer Professionalisierung geführt und zum sogenannten risikoorientierten Sanktionenvollzug, so Brägger. Neben dem Ziel der Wiedereingliederung in die Gesellschaft soll mit der Risikoorientierung gleichzeitig auch die Rückfallgefahr gesenkt werden. Das hat zu einer restriktiveren Praxis geführt: Bestehen Zweifel, ob ein Straftäter in der Freiheit nicht wieder gewalttätig und gefährlich werden könnte, so wird er nicht entlassen. Es hat auch dazu geführt, dass forensische Psychiaterinnen und Psychiater beigezogen werden, welche das Risiko eines Rückfalls vorhersagen müssen. Brägger ist gegenüber solchen psychiatrischen Prognosen kritisch eingestellt: «Gefährlichkeit und Rückfallgefahr sind letztlich juristische Fragen, über welche auch Juristinnen und Juristen entscheiden müssen», begründet er. In diesem Spannungsfeld zwischen Wiedereingliederung und möglicher Rückfallgefahr sind die Anforderungen an Beschäftigte im Strafvollzug noch anspruchsvoller geworden. «Wir brauchen menschliche Anstalten mit gut ausgebildetem Personal, das resilient ist, mit Straftätern arbeiten kann und das Gute im Menschen im Fokus hat», sagt Brägger. Brägger will in seiner Tätigkeit als Ausbildner – und auch im CAS der ZHAW – Kompetenzen und Werthaltungen für diese Aufgabe vermitteln und das Rüstzeug dafür mitgeben, dass sich Mitarbeitende von Vollstreckungsbehörden, Bewährungs- und Sozialdiensten im Justizvollzug oder auch aus der forensischen Psychologie im Spannungsfeld von Risikoorientierung, Prävention und Wiedereingliederung sicher bewegen können. Auch wenn ein Teil der Gesellschaft der Ansicht sei, dass Strafe wehtun müsse: «Der Vollzug muss mit Menschlichkeit gepaart sein, wenn wir den Menschen nicht brechen wollen», davon ist Brägger überzeugt. Wenn die inhaftierte Person im Gefängnis eine Ausbildung machen oder Interventionsprogramme besuchen und sich so auch besser kennenlernen und verstehen kann, dann findet sie sich später auch in Freiheit besser zurecht und wird weniger rückfällig. Nein, mit Kuscheljustiz habe dies nichts zu tun, so Brägger. Doch nicht die Bedingungen im Gefängnis sollten bestrafend sein. Die Strafe sei der Freiheitsentzug und werde durch Richterinnen und Richter verhängt. Oder, wie es Brägger formuliert: «Der Richter hat seinen Henker verloren.» (Headerbild: Doris Signer) Sibylle Veigl

Bloss keine wasserdichten Schuhe! 

Fünf Monate lang waren wir unterwegs vom nördlichsten Punkt Neuseelands bis zum südlichsten: 2550 Kilometer zu Fuss. Der Tagesablauf variierte kaum: aufstehen, Zelt verstauen, etwa zehn Stunden wandern, Zelt wieder aufschlagen oder in eine Hütte einkehren, essen. In Ortschaften gönnten wir uns manchmal ein paar Tage Pause und eine warme Dusche. Mit der Grundausrüstung trugen wir je etwa elf Kilo: Zelt, Kleidung für alle Witterungen und ein Kochset mit Gaskocher. Dazu kam die Verpflegung. Diese mussten wir gut planen, denn manchmal hatten wir tagelang keine Einkaufsmöglichkeit. Die Vorräte waren streng rationiert. Mehrmals schickten wir uns sogar per Post ein Essenspaket in eine Hütte, um nicht die Verpflegung für eine ganze Woche tragen zu müssen. Trinkwasser lieferte ein Filter, den man auf PET-Flaschen schrauben kann. Das hat einwandfrei funktioniert, egal woher das Wasser stammte. Je vier Paar Trailrunningschuhe liefen wir durch. Klassische Wanderschuhe wären zu schwer, sie würden eher Blasen an den Füssen verursachen – und sie wären zu wasserdicht, so seltsam es klingen mag. Wasserdichte Schuhe trocknen innen schlecht. Und nass wird man in Neuseeland sowieso. Es regnet sehr häufig, und man muss oft Flüsse durchqueren oder auf matschigem Untergrund gehen. Wir haben wohl mehr als zwei Drittel der Zeit mit nassen Füssen verbracht. Aber der Körper gewöhnt sich an vieles. Schritttempo ist eindeutig das, wofür der menschliche Körper gemacht ist. Langsam, aber stetig, so, dass man die Umgebung geniessen kann. Landschaftliche Highlights gab es jeden Tag. Wenn ich ein Bild der Reise sehe, weiss ich sofort, wo es war, so intensiv ist die Wahrnehmung beim Wandern. In die stille Natur einzutauchen war aber nicht so einfach. Das Hirn hatte plötzlich Zeit, um alles zu verarbeiten, was sich im stressigen Alltag angestaut hatte. Ich dachte über vieles nach, was zum Teil Jahre zurück lag. Wandern ist also auch eine Therapie. Man muss sich seinen Gedanken stellen, denn es gibt keine Ablenkung, oft nicht einmal Handyempfang. Mir wurde bewusst, dass viele genau deswegen auf eine Langstreckenwanderung gehen. Wir trafen viele, die mit Rucksack unterwegs waren – nicht nur im wörtlichen Sinn – und hörten berührende Geschichten. Mit einigen Wanderfreunden erlebten wir auch so manches Abenteuer. Das schweisst ungemein zusammen. Wir waren immer wieder überwältigt von der Gastfreundschaft der Neuseeländerinnen und Neuseeländer. Sie wiesen uns den Weg, nahmen uns im Auto mit, luden uns spontan zum Übernachten ein, bekochten uns und als Gegenleistung wollten sie bloss ein paar Wandergeschichten hören. Ein unglaublich liebenswertes Volk! Aufgezeichnet von Sara Blaser

Schwierige Gespräche mit virtuellem Gegenüber trainieren

Ob Kinder immer wieder heftig beschimpft werden, ob ihnen gedroht wird oder die Liebe entzogen: Psychische Gewalt in der Erziehung ist in der Schweiz weit verbreitet. Gemäss einer aktuellen Erhebung von Kinderschutz Schweiz verhält sich fast ein Fünftel der befragen Eltern regelmässig auf solche Weise, gut ein Drittel ab und zu. Doch längst nicht alle Fälle werden erkannt. Emotionale Gewalt an Kindern lässt sich schwer erheben, gerade über Selbstberichte. Joel Gautschi , Forscher und Dozent am Departement Soziale Arbeit , macht zwei Hauptgründe dafür aus: «Zum einen gibt es kein einheitliches Verständnis, was emotionale Kindesmisshandlung eigentlich ist.» Ausserdem fehle es an strukturierten Instrumenten, um Beurteilungsgespräche mit den Eltern zu führen. Die ZHAW hat gemeinsam mit der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) deshalb den Schulungsservice SAM entwickelt. SAM steht für Simulierte Abklärung von Kindesmisshandlung (Simulated Assessment of Child Maltreatment) und richtet sich an Studierende und Fachleute der Sozialen Arbeit. Die von der Digitalisierungsinitiative der Zürcher Hochschulen (DIZH) geförderte Schulungsplattform umfasst mehrere Elemente, sagt Nicole Fölsterl , Dozentin und Forscherin im Studienbereich Interaction Design der ZHdK, die das Projekt zusammen mit Gautschi leitet. Dazu gehören Informationen zu psychischer Gewalt an Kindern und strukturierter Gesprächsführung, ebenso ein standardisierter Interviewleitfaden, der aus zwei US-amerikanischen Instrumenten adaptiert und weiterentwickelt wurde. Um diesen Leitfaden zu üben, wird er als Erstes mit einem Chatbot angewendet. Der nächste Schritt ist eine Gesprächssimulation in einer Virtual-Reality-Umgebung (VR). Die Teilnehmenden können hier aus drei virtuellen Persönlichkeitsprofilen wählen, die je eine individuelle Biografie und einen spezifischen Interaktionsstil haben: kooperativ, passiv-aggressiv oder aggressiv. Für die Entwicklung der Charaktere haben sich Fölsterl und Gautschi mit Fachleuten ausgetauscht und auf anonymisierte Beschreibungen von realen Fällen gestützt. «Die Gesprächserfahrung ist einerseits massgeschneidert, andererseits aber auch flexibel und adaptiv.» Joel Gautschi, Forscher und Dozent am Departement für Soziale Arbeit Dass eine strukturierte Gesprächsführung in realistischen Szenarien trainiert werden kann, ist für die Forschenden unabdingbar: «Solange man den Leitfaden nicht verinnerlicht hat, fällt man gerade in schwierigen Konversationssituationen rasch auf intuitive Muster zurück», sagt Gautschi. Das Üben in der VR-Simulation schult einen darin, auch in solchen Momenten fokussiert zu bleiben, das eigene Verhalten zu reflektieren und Voreingenommenheit zu erkennen. Das immersive und interaktive Setting weist gegenüber analogen Methoden wie dem Rollenspiel den Vorteil auf, dass das Gesprächsszenario beliebig verändert und individuellen Trainingszielen angepasst werden kann. So hat der virtuelle Elternteil vielleicht einmal eine Lernschwierigkeit oder die Abklärung wird etwa vom Büro in ein Wohnzimmer verlegt. Gleichzeitig sind die Antworten des virtuellen Gegenübers nicht von vornherein festgelegt, sondern werden aus dem Moment heraus generiert. «Die Gesprächserfahrung ist einerseits massgeschneidert, andererseits aber auch flexibel und adaptiv», sagt Gautschi. «Das war die grosse Innovation für uns.» Möglich sei dies nur dank Large Language Models gewesen, ergänzt Fölsterl. «Noch vor wenigen Jahren hätten wir viel Zeit und Geld in die Erarbeitung eines interaktiven Drehbuchs und das Charakterdesign investieren müssen.» Der Prototyp des Schulungsservices SAM wird noch bis im Sommer 2025 weiterentwickelt, dann soll er in einer Kontrollstudie auf Wirksamkeit und Marktpotenzial hin evaluiert werden. Im besten Fall kommt das Lernangebot irgendwann über den konkreten Anwendungsfall hinaus zum Einsatz und wird mit neuen Inhalten gefüllt. «Wir haben die Technologie so angelegt, dass sie von allen genutzt werden kann, die mit schwierigen Gesprächssituationen zu tun haben», sagt Fölsterl. «Es ist schliesslich ein breites Feld.» Zum Projekt auf der Website der DIZH Wie fühlt sich ein Gespräch mit SAM an und mit welchen Fragen setzen sich die verschiedenen Beteiligten der ZHAW und der ZhdK auseinander? Das Video bietet Einblick in die Entwicklung der Schulungsplattform. (Headerbild: Adobestock/Drobot Dean) Ümit Yoker

Warum KI nach Sprachprofis ruft

Sprache hat etwas Musterhaftes: Auf einen Gruss wie «Hallo, wie geht es Ihnen?» folgt als Antwort wahrscheinlich nicht eine Frage wie «Wo ist das Klavier?», sondern ein Gegengruss wie «Hallo, gut, und Ihnen?». Dieses Musterhafte, Vorhersehbare macht menschlichen Sprachgebrauch oberflächlich leicht imitierbar, für Papageien wie für Maschinen. Sprachmodelle wie ChatGPT fertigen deshalb Texte, die beim schnellen Lesen oft klingen wie echt. Sie können sich scheinbar auch in ihr menschliches Gegenüber einfühlen, also Empathie simulieren. Das Ergebnis: Immer mehr Menschen werden von Robotern gepflegt oder leben, in ihrer Vorstellung, mit einem KI-Partner zusammen. Sogar die Kreativität ist keine rein menschliche Domäne mehr: Sprachmodelle generieren in Sekunden Tausende Versionen eines Gedichts oder einer Rede. Auch wenn sie sich voneinander unterscheiden, bauen sie doch alle auf die Muster, die KI in bestehenden Produkten ausgemacht hat. Aber wie geht es dann weiter mit den Tausenden Gedichten? Ganz einfach: Der Mensch wählt die beste Variante aus. Sinnvoller KI-Einsatz bedingt menschliches Anleiten, Auswählen und Verantworten. Nach diesem Prinzip baut das Unternehmen Autodesk in San Francisco seit 1982 alles, vom Molekül für ein Medikament bis zum Wolkenkratzer in Shanghai oder bis zur nächsten Airbus-Generation. Bei all diesen Vorhaben generiert die künstliche Intelligenz Milliarden von Varianten des Endprodukts und testet sie auf Umweltbedingungen – den Wolkenkratzer etwa auf Wind, Erdbeben, Nutzungserwartungen und mögliche Einsprachen. Wie in der Evolution werden robuste Varianten miteinander kombiniert, schwache ausgeschieden. Die Varianten, die am Ende dieses Prozesses den anderen überlegen sind, schlägt das System menschlichen Fachpersonen zur Prüfung vor. Dabei mag ein Vorschlag unter den einen Bedingungen mehr zu überzeugen, ein anderer unter anderen. Es ist am Menschen, nun die beste Variante auszuwählen sowie die Wahl zu begründen und zu verantworten. Die menschliche Intelligenz müsste sich demnach auch in Sprachberufen besonders in der Fähigkeit zeigen, so mit KI zu kooperieren. In der Praxis bedeutet das: Der Mensch ist geistig fit dafür, klare Anforderungen an Texte festzulegen und die Vorschläge der KI kritisch zu hinterfragen. Dies leisten zu können, ist so anspruchsvoll wie unabdingbar. Studierende, die sich auf Sprachberufe vorbereiten, müssen also lernen, mit KI-Werkzeugen so zu arbeiten, dass sie selbst den Textproduktionsprozess kontrollieren: Sie erteilen der Maschine präzise Aufträge und schätzen das Ergebnis ein. Das bedingt präzise Kenntnis des Gegenstands und des zielgruppengerechten Sprachgebrauchs. Dazu gehören gute Kenntnisse von Textsorten und der sprachlichen Kultur im jeweiligen Fachbereich – auch weil ein gezielter Verstoss gegen Routinen und Erwartungen etwa einem Text eine gewisse Würze und Eigenständigkeit geben kann. Mozart wusste gegen die Gestaltungsregeln seiner Zeit und Kunst zu verstossen, genau wie Picasso. So weit einige Parallelen und Vermutungen zum menschlichen Mehrwert in Sprachberufen. Aber treffen sie zu? Das Laufbahn-Monitoring der Sprach- und Kommunikationsstudiengänge der ZHAW zeigt, dass Hochschulabsolventinnen und -absolventen auch heute die Fähigkeit, gut zu schreiben, als Kernkompetenz im Sprachberuf wahrnehmen. Wo mehr und rascher übersetzt und geschrieben wird, müssen die Profis immer auch wieder selbst Hand anlegen können. Dies zum Beispiel, um mit einer markigen Formulierung aus dem Silbengerassel der Sprache der Maschine auszubrechen, die stets den Durchschnitt alles bisher Gesagten imitiert, wenn sie selbst eine einzige Lösung bringen soll. Die Hauptaufgabe für den Menschen in der Zusammenarbeit mit der Maschine besteht aber im Steuern der Sprachproduktion. Mit zielführendem Prompting kommt ein künstlich erzeugter Kommunikationsbeitrag nahe an einen guten menschlichen heran; ohne diese straffe Führung, über Kontrolle und Justierung, entgleist die Imitation. KI ist also erst mal ein Werkzeug, wie ein Rennrad, das es geschickt zu lenken gilt. Wer das Werkzeug beherrscht, kommt leichter ans Ziel. Einige befürchten nun aber: Simuliert KI das Denken und Fühlen immer besser, nähert sie sich womöglich eigenem Bewusstsein – und damit dem Status einer, so KI-Pionier Mustafa Suleyman, «digitalen Spezies». Diese digitale Spezies, so die Befürchtung, wächst der Menschheit über den Kopf, wie der Besen in Goethes Gedicht vom Zauberlehrling. Die Dystopie: Wir treten mit der KI etwas los, was wir nicht mehr kontrollieren können. Eines Tages könnten die Maschinen beschliessen, dass es die Menschheit nicht mehr braucht. Ist da was dran? Wenn der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard recht hat und auch wir Menschen einander im Leben nur «gegenseitig die Stichwörter geben», um dann immer wieder das Gleiche zu sagen … ja, dann macht KI unser rituelles, vorhersehbares Denken und Reden tatsächlich bald überflüssig. Die perfekte Imitation wäre dann nur eine Frage der Zeit. Wenn es aber einen Unterschied gibt zwischen der simulierten Kommunikation als Wahrscheinlichkeitsrechnung durch KI und einer menschlichen, absichtsvollen Kommunikation, dann ruft KI eben nach Profis, die sie zu lenken wissen. Und dann ruft mehr und bessere KI auch nach mehr und stärkerer sozialer Intelligenz beim strategischen Lenken der KI. Dieses Lenken der KI-Entwicklung reicht dabei weit über das Arbeitsfeld der IT-Fachleute hinaus, die KI-Anwendungen programmieren. Wo Hightech-Oligarchie nicht das Ziel ist, gilt, mit der australischen Expertin für Cyber Security Helen Toner gesprochen: Ethisch-rechtlich müssen wir bestimmen, wie KI reguliert wird, auch wenn es schwer vorherzusehen ist. In allen Berufen, in denen Sprache zählt, bedeutet solche Governance ganz konkret: erstens wach wahrnehmen, was Sache ist, zweitens wissen, was man will – und drittens zur Sprache bringen und umsetzen können, was man meint. Sprach- und Kommunikationskompetenz also, mehr denn je. Hören Sie diesen Beitrag als KI-generierten, aber menschlich präzise geprompteten Podcast (Beitrag auf Englisch, erstellt mit NotebookLM) (Headerbild: Adobestock/Adriana) Daniel Perrin

Meine Freundin, die KI

Die Reise in die Zukunft führt in die Schweizer Agglomeration. Tiefe Häuserschluchten prägen das Bild einer grauen Vorstadt, in der Wohnraum und Arbeitsplätze knapp sind. Die Menschen hangeln sich von einem temporären Job zum anderen – wer keine Arbeit hat, verdient sich mit sozialen Engagements in einem staatlichen Kreditsystem Punkte. Und: Zum Alltag gehört KI, die über emotionale Fähigkeiten verfügt – etwa ein smarter Fingerring, der sich nach dem Wohlbefinden des Trägers oder der Trägerin erkundigt. Dieses Szenario haben Forschende der ZHAW-Institute für Wirtschaftsinformatik und für Angewandte Medienwissenschaft erlebbar gemacht – in Form einer 20-minütigen Virtual-Reality-Erfahrung. Entwickelt wurde diese im Wissenschaftskommunikationsprojekt «Den Alltag mit Affective Computing erleben – Immersive Science Fiction Prototyping für verantwortungsvolle Innovation». Sie macht mithilfe einer VR-Brille nicht nur erfahrbar, wie es wäre, mit einer emotionalen KI zu leben, sondern wirft auch grundsätzliche Fragen zum Affective Computing auf: Werden wir künftig mit KI befreundet sein? Und: Wollen wir das überhaupt? «Die Dauerpräsenz und das makellose, stets hilfsbereite Verhalten der KI empfanden die Jugendlichen als etwas Abschreckendes.» Elke Brucker-Kley, Co-Leiterin Fachstelle IS – People & Technology Personen, die VR-Erfahrung spielen. Hauptzielgruppe waren dabei junge Menschen zwischen 13 und 29 Jahren. «Für die Freundschaft als extremen Anwendungsfall emotionaler KI war die Zielgruppe perfekt. Freundschaft hat in diesem Alter einen sehr hohen Stellenwert», sagt Elke Brucker-Kley, Co-Leiterin des Projekts, das vom Schweizerischen Nationalfonds finanziert wurde. «Jugendliche und junge Erwachsene pflegen zudem einen hedonistischen Umgang mit Technologien. Was keinen Spass macht, nutzen sie nicht.» Man habe sich von der Zielgruppe Hinweise erhofft, wie eine emotionale KI sein sollte – oder genau nicht sein dürfe. Aber: «Ziel war es nicht, allgemeingültige Erkenntnisse zu gewinnen», fügt Co-Leiter Thomas Keller an. Denn beim Science Fiction Prototyping (siehe Kasten) bestehe das Risiko, ein zu dystopisches oder utopisches Szenario zu entwerfen. Das schlage sich in den Beurteilungen nieder – und damit auch in den Schlüssen, die man daraus ziehe. «Wir wollten primär in einen Dialog mit den jungen Menschen treten und über ihre Haltungen und Erwartungen diskutieren.» Um eine Erfahrung zu entwickeln, die deren aktuelle Ängste und Wünsche mit Blick auf KI widerspiegelt, wurden im Vorfeld Interviews mit jungen Menschen durchgeführt. Diese dienten als Inspiration für die multilineare Geschichte. Wer sie durchspielt, muss Entscheidungen treffen über die Nutzung eines digitalen Assistenzsystems, das zunehmend «menschlicher» wird: Vom sprechenden Smartring über ein Tattoo, das menschliche Emotionen erkennt, bis zu «Youman», einem humanoiden Avatar, der in der virtuellen Welt zum treuen Begleiter wird. Die Mehrheit der Teilnehmenden entschied sich für sämtliche Technologiesprünge. So liessen sich 57 Prozent das Tattoo stechen, über 81 Prozent testeten den Youman und 53 Prozent behielten diesen am Ende der Geschichte. «Eine Rolle hat dabei sicher die Neugier gespielt, emotionale KI auszuprobieren», so Brucker-Kley. Ob die Entscheidungen in der Realität ähnlich ausgefallen wären, lasse sich daraus nicht schliessen. Ebenfalls offen bleibt, ob die Teilnehmenden den Avatar Youman mit dem Gedanken an eine Freundschaft behalten haben – oder ob sie Gefallen daran gefunden haben, dass dieser im Szenario alltägliche Arbeiten für sie übernimmt. «Es kann sein, dass sie schlicht einen Diener zur Verfügung haben wollten», sagt Thomas Keller. Die ständige Verfügbarkeit und Hilfsbereitschaft der KI schien für manche Teilnehmende verlockend zu sein. Das zeigte sich laut Brucker-Kley in den Gesprächsrunden, die jeweils nach der VR-Erfahrung durchgeführt und diskursanalytisch ausgewertet wurden. «Gleichzeitig hatten die Dauerpräsenz und das makellose, stets hilfsbereite Verhalten der KI aber auch etwas Abschreckendes.» In einer direkt im VR-Szenario durchgeführten Umfrage äusserten Teilnehmende auch ein gewisses Misstrauen: So zweifelten sie etwa daran, dass eine emotionale KI die für eine Freundschaft zentralen Kriterien wie Vertrauen und Ehrlichkeit erfüllen könne. «Es bestand die Befürchtung, dass die KI Daten teilt und womöglich manipuliert.» Trotz der Skepsis stieg der Anteil jener Teilnehmenden, die sich eine Freundschaft mit einer KI vorstellen können, nach der VR-Erfahrung auf 35 Prozent an – von 23 Prozent davor. Beinahe unverändert blieb dagegen die Haltung zur Frage, ob eine KI dereinst ein besserer Freund oder eine bessere Freundin sein könnte als ein Mensch: Auch nach der VR-Erfahrung beantworteten 71 Prozent diese mit einem Nein, davor waren es 76 Prozent gewesen. Die Erkenntnisse wollen die Forschenden nun in anderen Projekten nutzen, in denen es um soziale Interaktionen mit KI geht. Als Beispiel nennt Brucker-Kley ein Projekt mit dem Kantonsspital Aarau, bei dem eine KI in einer virtuellen Umgebung Menschen mit chronischen Erkrankungen berät. «Die Diskussionen mit den jungen Menschen haben zum Beispiel das Bedürfnis gezeigt, das Aussehen des KI-Avatars mitbestimmen zu können – das haben wir in dem neuen Projekt berücksichtigt.» Tobias Hänni

«Generative KI wird als Chance wahrgenommen»

Im Herbst 2024 hat das IAP Institut für Angewandte Psychologie 426 Fach- und Führungspersonen in der Schweiz befragt, die generative künstliche Intelligenz (GenKI) bereits für Arbeitszwecke verwenden: Wie nutzen, erleben und beurteilen sie diese – und welche Veränderungen zeichnen sich dadurch ab? Ein Viertel der Befragten nutzt diese Tools bereits täglich, die übrigen mehrmals wöchentlich oder monatlich – und nur 14 Prozent noch weniger. Erwartungsgemäss arbeiten jüngere Generationen noch mehr mit diesen Hilfsmitteln als ältere. Bei den Geschlechtern gibt es keine Unterschiede in der Nutzung. ChatGPT, Copilot, Gemini oder Claude werden vor allem verwendet, um Texte zu generieren, zu überarbeiten oder zu übersetzen, und es werden Ideen oder Informationen gesucht. Die Befragten zeigten sich hier auch zufrieden mit den Ergebnissen von GenKI – im Gegensatz etwa zur KI-Generierung von Bildern. Gemäss den Befragten sind aber mehrere Prompts nötig, um zufriedenstellende Ergebnisse zu erhalten. Meist werden die KI-Texte auf Qualität und Faktengenauigkeit geprüft und auch überarbeitet. «Eine mangelnde Regulierung, kombiniert mit dem Befund, dass viele Befragte kostenfreie, öffentlich zugängliche Tools nutzen, führt doch zu einem potenziellen Datensicherheitsrisiko für Organisationen.» Ellen Gundrum, Co-Autorin IAP-Studie «Generative KI bei der Arbeit» Trotz der bereits häufigen Nutzung ist diese organisatorisch noch wenig verankert: Nur die Hälfte der Befragten gab an, dass es Regeln zur Verwendung von GenKI gibt. «In Kombination mit dem Befund, dass viele Befragte auch kostenfreie, öffentlich zugängliche Tools nutzen, ist dies doch ein potenzielles Datensicherheitsrisiko für Organisationen», so Co-Studienautorin Ellen Gundrum . Zudem – und auch hier besteht ein Verbesserungsbedarf – legen nur wenige die Nutzung von KI bei ihren Arbeitsergebnissen auch offen und machen sie so transparent. Und wie wirkt sich GenKI auf Fähigkeiten, Arbeitsweise und die Zusammenarbeit im Team aus? Über die Hälfte der Befragten gab an, dass sich die Qualität der Arbeit durch den KI-Einsatz verbessert hat. Etwa die Hälfte sagte von sich selbst auch, dass sie nun besser recherchieren und auch kritischer denken könne und sich die schriftliche Kommunikationsfähigkeit gesteigert habe. Die positiven Effekte überwiegen auch bei der Arbeitseinstellung. So zeigten sich 39 Prozent motivierter, und 30 Prozent fühlten sich weniger gestresst. Vor allem für jüngere Generationen war die Textarbeit mit GenKI eine wichtige Komponente der Stressreduktion: Personen bis 30 Jahre bejahten dies mit 61 Prozent – gegenüber 28 Prozent bei der Altersklasse von 40 bis 49 Jahren. «Wenn eine intensivere Nutzung des Tools den informellen Austausch reduziert, könnte dies negative Auswirkungen auf die Zusammenarbeit, den Wissenstransfer und die Teamdynamik haben.» Julia Kornfeind, Co-Studienautorin Allerdings sagten etwas über ein Viertel der Userinnen und User, welche GenKI mehrmals täglich nutzen, dass sie Kolleginnen und Kollegen weniger um Rat fragen und sich weniger austauschen – dies im Gegensatz zu Personen, die GenKI nicht so oft nutzen. Das deutet darauf hin, dass eine intensivere Nutzung des Tools den informellen Austausch im Team tendenziell reduziert. «Das ist eine potenziell problematische Entwicklung», so Co-Studienautorin Julia Kornfeind . Denn dieser Effekt könne sich verstärken, wenn sich das Arbeitstool noch breiter durchgesetzt habe: «Mit langfristig negativen Auswirkungen auf die Zusammenarbeit, den Wissenstransfer und die Teamdynamik», so Kornfeind. Eine Mehrheit stellte auch ein höheres Arbeitstempo fest, besonders ausgeprägt bei den Personen, die mehrmals täglich mit den Tools arbeiten. «Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass GenKI Arbeitsprozesse effizienter gestaltet, ohne dabei bisher wesentliche negative Effekte auf die Arbeitsweise zu haben», so Gundrum. Gefragt nach ihrer beruflichen Zukunft, haben über 80 Prozent der Teilnehmenden – Männer noch mehr als Frauen – die generative KI als Chance aufgefasst, und eine Mehrheit erwartet durch KI auch grosse Veränderungen im Arbeitsalltag. «Diese positive Einschätzung von Einfluss und Chance für die eigene berufliche Entwicklung war doch überraschend», sagt Gundrum. Die Studie «Generative KI bei der Arbeit» des IAP Institut für Angewandte Psychologie ist die achte Studie der Reihe «Der Mensch in der Arbeitswelt 4.0». In einer quantitativen Online-Umfrage wurden von September bis November 2024 in der Schweiz 426 Fach- und Führungspersonen befragt, wie sie generative künstliche Intelligenz bei der Arbeit verwenden. Sibylle Veigl

Künstliche Pflanzen haben positive Wirkung 

In einer Befragung untersuchten vier Studierende des Bachelorstudiengangs Facility Management , wie sich natürliche und künstliche Pflanzen auf die Wahrnehmung der Raumqualität, das Wohlbefinden und die ästhetische Anziehungskraft eines Raums auswirken. «Natürliche Pflanzen werden im Vergleich zu künstlichen als deutlich ästhetischer wahrgenommen, aber 68 Prozent der Befragten fanden auch künstliche Pflanzen ansprechend oder sogar sehr ansprechend», berichtet Lukas Windlinger Inversini , Betreuer der Arbeit und Leiter der Kompetenzgruppe Betriebsökonomie/Human Resources am Institut für Facility Management . Ausserdem konnten viele Teilnehmende auf Bildern künstliche und natürliche Pflanzen nicht voneinander unterscheiden. «Diese Erkenntnisse sind spannend», so Windlinger Inversini. «Wir führen in unserem Biophilia Living Lab in Wädenswil viele Führungen durch. Das Lab kommt enorm gut an. Doch viel Menschen scheinen eine Abneigung gegen künstliche Pflanzen zu haben. Unser Ziel ist es, zu ermitteln, woran das liegt.» Das Biophilia Living Lab dient der Untersuchung der Auswirkungen von Pflanzen in Lern- und Arbeitsumgebungen. Es beherbergt verschiedene Pflanzen, sowohl natürliche als auch künstliche, Wandapplikationen, eine Mooswand sowie eine 20 Quadratmeter grosse Vertikalbegrünung. «Neben dem Einfluss von Pflanzen möchten wir dort in Zukunft auch weitere Kriterien für das menschliche Wohlbefinden in Räumen untersuchen, zum Beispiel Licht und Temperatur», erzählt Windlinger Inversini. (Bild: Frank Brüderli) Sara Blaser

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