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Zehntausende von Bundesgerichtsurteilen analysiert

Der Umfang des Ausgangsmaterials ist immens: 23‘489 Bundesgerichtsentscheide seit 1875 und alle 10‘112 Botschaften des Bundesrats aus dem Bundesblatt. Zusammen ergibt das über 113 Millionen Wörter, die als «Korpus Schweizer Recht» an der ZHAW in einer Datenbank für Analysen zur Verfügung stehen. Ein Teil der Originaldokumente lag nur auf Papier vor, darunter Drucke in altertümlicher Frakturschrift. Sie mussten eingescannt und wo nötig von Hand nachbearbeitet werden. Diese Texte sind für das Schweizer Recht aussagekräftig, weil sie die Gesetzgebung und die Rechtsprechung auf der obersten Ebene abbilden und seit 150 Jahren durchgängig vorliegen. «Eine solche Konsistenz in der gleichen Textsorte und im gleichen politischen System ist einzigartig», sagt Professor Andreas Abegg, Leiter des Zentrums für Öffentliches Wirtschaftsrecht an der ZHAW. Sein Interesse am Datenberg mit den 113 Millionen Wörtern erklärt der Jurist mit dem Stellenwert, den er der Rechtsgeschichte beimisst: «Wir verstehen unsere aktuelle Situation besser, wenn wir die historischen Prägungen und Entwicklungen verstehen.» Das notwendige Werkzeug für die Analysen brachte Bojan Peric ein, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Öffentliches Wirtschaftsrecht. Peric ist Germanist und hat sich auf die sprachwissenschaftliche Methode der Korpuslinguistik spezialisiert, die Mitte der 1990er Jahre entstanden ist. Sie untersucht zum Beispiel grammatikalische Konstruktionen, das Aufkommen populärer Begriffe oder den Kontext von Wörtern. Dank der heute verfügbaren hohen Rechenleistung lassen sich umfangreiche Datensammlungen wie das Korpus Schweizer Recht damit auswerten. Die Methode sei in Entwicklung, sagt Peric, fixfertige, computergestützte Interpretationen dürfe man nicht erwarten: «Doch die massgebenden Veränderungen lassen sich gut aufzeigen.» Mit Korpuslinguistik lasse sich Rechtsgeschichte als empirische Wissenschaft betreiben, sagt Abegg: «Bislang mussten oft zwei, drei Belege aus einem Archiv genügen, nun lässt sich eine These evidenzbasiert bestätigen oder falsizifieren.» «Überspitzt gesagt wird logisches Denken zunehmend durch archivarisches Auffinden und Reproduzieren von bereits Bestehendem ersetzt.» Andreas Abegg, Leiter des Zentrums für Öffentliches Wirtschaftsrecht Konkret untersuchten Abegg und Peric, wie sich die Sprache des Rechts durch die Digitalisierung verändert hat. Es zeigte sich, dass die durchschnittliche Textlänge von lange etwa 3000 Wörtern auf weit über 6000 Wörter anstieg. Auch die Länge der einzelnen Sätze stieg an. Die Sprache wurde komplexer, der Anteil der Substantive wuchs, Einschübe unterbrechen häufiger den Lesefluss. Überraschend ist, dass diese Entwicklungen nicht erst in den 1990er Jahren einsetzten, sondern ein, zwei Jahrzehnte früher, also schon zu Beginn der Digitalisierung. Gehörten Bundesgericht und Bundeskanzlei also zu den Vorreitern, die früh Textverarbeitungssysteme und sogenannte «Schreibautomaten» nutzten? Peric bleibt wissenschaftlich präzis: «Wir können die sprachlichen Entwicklungen aufzeigen, zu den Ursachen sind uns qualifizierte Aussagen nicht möglich.» Spezielles Augenmerk richtete die Analyse zudem auf die juristische Argumentation. Zum Zuge kamen typische Sprachstrukturen wie «wenn/dann»-Konstruktionen und eine Vielzahl entsprechender sprachlicher Merkmale im semantischen Feld zu «Grund» und «Grundsatz». Da zeichnet sich ein bis heute anhaltender und immer stärker werdender Wandel ab, der ebenfalls schon in den 1970er und 1980er Jahren eingesetzt hat. Während argumentative Begründungen an Bedeutung verlieren, werden Verweise auf Gesetzesartikel und -botschaften, auf andere Urteile oder die juristische Fachliteratur immer wichtiger. «Überspitzt gesagt wird logisches Denken zunehmend durch archivarisches Auffinden und Reproduzieren von bereits Bestehendem ersetzt», sagt Professor Abegg. Parallel dazu stieg der Einsatz von Textbausteinen beim Bundesgericht. Dank dieser Copy/Paste-Technik kommen stets die genau gleichen Sätze zum Einsatz, wenn es um die Interpretation eines Gesetzes geht. Dadurch entstehe eine Detaillierung des Gesetzes, sagt Abegg, gewissermassen eine Art Verordnung, die das Bundesgericht selbst erlässt: «Problematisch daran ist, dass das Bundesgericht gar nicht zur Gesetzgebung legitimiert ist, es darf nur die Gesetzesnormen auf den konkreten Einzelfall anwenden.» Thomas Müller

Wenn mehrere Sprachen zum Alltag gehören

Ali entdeckte dank seiner Mehrsprachigkeit früh die Faszination für Sprachen. «Türkisch beispielsweise klingt in meinen Ohren total logisch, auch wenn es nur wenige Gemeinsamkeiten mit meiner Erstsprache Persisch hat. Ich bin davon überzeugt, dass ich dank der zweisprachigen Erziehung einfacher Sprachen lerne.» Ali wuchs in einem multikulturellen Umfeld auf. Er lernte nebst seinen Erstsprachen Deutsch und Persisch dank seinem diversen Freundeskreis auch weitere Sprachen wie Türkisch oder Albanisch. Die Menschen in der Schweiz sprechen längst mehr als nur die vier Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch. Laut dem Bundesamt für Statistik wird heute in der Schweiz häufiger Englisch, Portugiesisch, Albanisch, Serbisch/Kroatisch und Spanisch gesprochen als die offizielle Landessprache Rätoromanisch. Einen genaueren Einblick in die Sprachvielfalt bietet eine Statistik der Stadt Zürich, der bevölkerungsreichsten Stadt der Schweiz. Die Wohnbevölkerung der Stadt Zürich verständigte sich im Jahr 2019, nebst den vier Landessprachen, in über 50 weiteren Sprachen, darunter Chinesisch und Hebräisch. Hinter all diesen Sprachen stecken Familien mit schulpflichtigen Kindern. Kinder, die täglich den Spagat zwischen einer Fremdsprache und Deutsch meistern. Teilweise sind es sogar Sprachen mit einer eigenen Schrift und einer uns komplett unbekannten Aussprache. Ali Salehi war genau ein solches Kind. Geboren in Teheran, der Hauptstadt des Irans, kam Ali als Vierjähriger in die Schweiz. Deutsch lernte er in dem Alter wesentlich schneller als seine damals 13-jährige Schwester. Er erinnert sich gerne an seine ersten Tage im Kindergarten zurück: «Zu Beginn war ich sehr schüchtern und traute mich kein einziges Wort zu sagen, vermutlich weil ich zu diesem Zeitpunkt noch gar kein Deutsch beherrschte.» Hier im Audiobeitrag spricht Ali über die Vor- und Nachteile seiner mehrsprachigen Erziehung. Alis Mutter legt viel Wert darauf, die iranische Kultur und die Sprache an ihre Kinder weiterzugeben. Zudem war es ihr wichtig, dass die Kinder auch die persische Schrift einwandfrei beherrschen. «Zuhause sprechen wir weiterhin konsequent Persisch. Nur mit meiner Schwester tausche ich mich ab und zu auch auf Schweizerdeutsch aus.» Heute schlägt der 25-Jährige eine akademische Laufbahn ein: Ali studiert zurzeit im Bachelor Kommunikation an der ZHAW. Ein Studium, bei welchem man sich mit der deutschen Sprache und deren Wirkung stark auseinandersetzt. Mehrsprachig wuchs ebenfalls Garima Sharma auf, welche heute an der Universität Zürich im Master Politikwissenschaften mit Spezialisierung in internationalen Beziehungen studiert. Sie kam in Vrindavan, Indien, zur Welt, besuchte dort die ersten Jahre der Grundschule und konnte bereits fliessend Hindi und etwas Englisch. Mit acht Jahren kam Garima in die Schweiz. Sie lernte im Rahmen einer Anpassungsklasse innerhalb eines Jahres Deutsch und kann die Sprache so gut, dass sie diese auch im wissenschaftlichen Kontext im Rahmen ihres Masterstudiums anwenden kann. «Mit meinen Brüdern spreche ich praktisch nie Schweizerdeutsch. Wir verständigen uns auf Hochdeutsch, weil uns diese Sprache an die Anfangszeit in der Schweiz erinnert und deswegen auch verbindet.» Ihre Erfahrungen mit der Mehrsprachigkeit teilt sie im folgenden Video mit. «Der Erwerb von mehreren Sprachen hat keinen einzigen Nachteil», sagt Marina Petkova. Sie ist Co-Studiengangsleiterin des Bachelors Sprachliche Integration an der ZHAW und hat eine klare Meinung zur Mehrsprachigkeit. «Mit einer weiteren Sprache lernt man nicht nur den Gebrauch davon, sondern entwickelt ein viel breiteres Verständnis für fremde Sprachstrukturen», sagt die Expertin. Insgesamt gibt es drei Arten der Mehrsprachigkeit: Die Erstsprache, welche im jungen Alter erworben wird. Die Zweitsprache, die beispielsweise im Erwachsenenalter nach dem Umzug in ein fremdes Land erworben wird. Und als Letztes die Fremdsprache, welche beispielsweise im Kontext einer Ausbildung gelernt wird. In unserer Gesellschaft gelte oftmals die stereotypische Vorstellung, dass Mehrsprachigkeit bei Kindern in der Erziehung ein Defizit darstellen könne. Doch die Forschung ist sich einig, dass multilinguale Menschen jede weitere Sprache als Ressource nutzen können – unabhängig davon, welche Sprache. Um im Spracherwerb Struktur zu erhalten, gilt folgende Einteilung der Sprachniveaus international zur Orientierung: Dass in der Schweiz mehr Menschen Spanisch als die Landessprache Rätoromanisch sprechen, erstaunt die Expertin nicht. «Viele Menschen stellen sich vor, Mehrsprachigkeit sei die Ausnahme, aber Mehrsprachigkeit ist die Regel.» Laut Marina Petkova wird die Mehrsprachigkeit in Zukunft aufgrund von Migration und Globalisierung stetig weiter zunehmen. Ausschlaggebend für die erfolgreiche Sprachvermittlung an Kinder ist laut der Expertin, dass die Erstsprache der Eltern selbstbewusst übermittelt wird. Die Expertin sagt: «Zwischen den erlernten Sprachen dürfen keine Hierarchien entstehen. Jede Sprache und deren Erwerb ist nützlich.» Darija Knezevic

Wenn es ums Geld geht, hapert es mit dem Wissen

Es ist erstaunlich, wie viele Menschen schon bei grundlegenden finanzbezogenen Aufgabenstellungen scheitern. Das zeigen drei Standardfragen, mit denen die «Financial Literacy» in der Bevölkerung gemessen wird. Die erste Frage erfasst das Verständnis von Zins, die zweite jenes von Teuerung und die dritte jenes von Risikostreuung (siehe Box). Sie gehen auf einen in den USA entwickelten Fragebogen zurück. Forschungsergebnisse aus westeuropäischen Ländern zeigen: Nur etwa jede zweite erwachsene Person ist in der Lage, alle drei Fragen richtig zu beantworten. In der Deutschschweiz zum Beispiel sind es laut einer Studie der Hochschule St. Gallen 50 Prozent, in Deutschland 53 Prozent, in den Niederlanden 45 Prozent. Zum Vergleich: In den USA kannten nur 30 Prozent die richtige Antwort auf alle drei Fragen. Hinzu kommt, dass die eigenen Kenntnisse überschätzt werden. «Wer zu wenig weiss, kann in Finanzdingen nicht so entscheiden, wie es der eigenen Situation und den eigenen Zielen entspricht.» Anita Sigg, Leiterin der Fachstelle Personal Finance & Wealth Management Eine frühere Erhebung des Instituts Banking & Finance an der ZHAW förderte zutage, dass sich die 360 Befragten im Durchschnitt für viel schlauer hielten, als sie es tatsächlich waren. Insbesondere im Bereich der Altersvorsorge waren die Wissenslücken massiv. Viele der Befragten hätten zudem elementare Zusammenhänge zwischen dem Risiko, der Rendite und der Sicherheit von Finanzprodukten «nicht genügend verstanden». Das berge Risiken, warnt Anita Sigg, Leiterin der Fachstelle für Personal Finance & Wealth Management an der ZHAW: «Wer zu wenig weiss, kann in Finanzdingen nicht so entscheiden, wie es der eigenen Situation und den eigenen Zielen entspricht», sagt Sigg. Das kann Auswirkungen auf die finanzielle Situation der eigene Person und der Familie haben. Man verliert zum Beispiel mit risikoreichen Anlagen vielleicht geborgtes Geld, leistet sich ein zu kostspieliges Haus und läuft mit Kreditkarten- und Kleinkrediten sowie Leasingraten in die Schuldenfalle. Oder man merkt erst nach der Pensionierung, dass kaum Geld zum Leben bleibt. «Gerade Frauen sind sich oft nicht bewusst, dass sie fürs Alter zu wenig abgedeckt sind, nicht zuletzt nach einer Scheidung», sagt Sigg. Zudem wird in der Altersvorsorge zunehmend Entscheidungsspielraum vom Kollektiv aufs Individuum verlagert – und damit auch Risiko. Gerade auch in der Schweiz ist Wissen um Zusammenhänge gefragt, wenn die Stimmberechtigten demnächst wieder über Reformen der AHV und der beruflichen Vorsorge entscheiden können. «Sind Informationen nicht auf die aktuelle Lebenssituation einer Person zugeschnitten, werden sie schlecht aufgenommen. Vor dem Alter 50 zum Beispiel ist das Interesse am Thema Vorsorge gering.» Michaela Tanner, Fachstelle Personal Finance & Wealth Management Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit ihren 38 Mitgliedstaaten ist denn auch bestrebt, die Financial Literacy zu verbessern. Die Förderung der Finanzkompetenz in der Bevölkerung befähigt diese, bessere Entscheidungen als Anleger oder Kreditnehmer zu fällen, steigert die Effizienz und Stabilität der Finanzmärkte und verschafft in vielen Teilen der Welt den Menschen überhaupt einen Zugang zu Bankdienstleistungen. Beitragen sollen dazu auch die Schulen. Die Schweiz hat einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld als Lernziel im Lehrplan 21 verankert. Solche Bildungsoffensiven hätten allerdings ihre Grenzen, sagt Michaela Tanner , wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachstelle Personal Finance & Wealth Management. Die Forschung zeige, dass der Kontext eine wichtige Rolle spiele. Seien die Informationen nicht auf die aktuelle Lebenssituation einer Person zugeschnitten, würden sie schlecht aufgenommen: «Vor dem Alter 50 zum Beispiel ist das Interesse am Thema Vorsorge gering.» Das bedeutet: Gefordert ist auch die Finanzindustrie, indem sie situationsgerechte und gut verständliche Informationen bereitstellt. Eine Herausforderung stellt dabei die immer grösser werdende Vielfalt von Anlagemöglichkeiten dar. Derzeit gewinnt zum Beispiel der Trend zu nachhaltigen Anlagen stark an Breite. Die Abkürzung ESG steht für Anlagen, die mit besonderen Anforderungen in den Bereichen Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung) aufwarten . Anlegerinnen und Anleger seien zusätzlich gefordert, sagt Michaela Tanner. Wer in ESG-Produkte investiere, müsse sich über die eigenen Werte und die beabsichtigte Wirkung Gedanken machen. Sollen Bildungsprojekte für Frauen gefördert werden? Oder eher neue Umwelttechnologien? Und nicht zuletzt: Wie lassen sich echt nachhaltige Produkte von bloss vordergründig auf Grün getrimmten Anlagen unterscheiden? Hinzu kommen finanztechnische Aspekte: «Vielleicht erzielt eine Anlage eine starke Nachhaltigkeitswirkung, ist aber weniger liquid.» Das heisst, ein Vorhaben dauert lange, das Geld bleibt über Jahre gebunden. Eine Bank könne punkten, wenn sie Investorinnen und Investoren präzise, transparente und gut verständliche Antworten liefere, ist Tanner überzeugt. Sie und Anita Sigg sind Teil eines Projektteams , welches sich mit diesem Thema auseinandersetzt. «Manchmal verstand der Analyst aus der einen Abteilung nicht, was seine Kollegin aus der anderen Abteilung eigentlich genau hatte ausdrücken wollen.» Marlies Whitehouse, Departement Angewandte Linguistik Banken produzieren zwar vielfältige Informationen für die Kundschaft, doch ein grosser Teil davon bleibt unverstanden. Das hat Marlies Whitehouse festgestellt, eine Spezialistin für Kommunikation im Finanzsektor. Die Germanistin, Anglistin, Japanologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZHAW-Departement Angewandte Linguistik untersuchte über mehrere Jahre, wie Banken ihre Kundschaft informieren, und fasst die Erkenntnisse nun in ihrer Dissertation zusammen. Frappierend war zum Beispiel das Resultat einer Erhebung, wie die Texte von regelmässig publizierten Marktinformationen beim Zielpublikum ankommen. Von rund 1800 Kundinnen und Kunden bemängelte die Mehrzahl, das Geschriebene sei schlecht oder gar nicht verständlich. Dieser Eindruck bestätigte sich, als Whitehouse die sprachliche Qualität der Empfehlungen von Analysten von Universal- und Kantonalbanken unter die Lupe nahm. Die Auswertung umfasst rund 2100 solche Berichte in Deutsch, Englisch und Japanisch. Zwar waren alle nötigen Informationen vorhanden, doch häufig verdarben Abkürzungen und problematische Fachausdrücke die Lektüre: «Da steigen beim Lesen viele Leute bald aus.» Und, gravierender: Oft war die Argumentation nicht schlüssig und deshalb nicht nachvollziehbar – selbst für Fachleute nicht. Diese Erfahrung machte Marlies Whitehouse in bankinternen Workshops: «Manchmal verstand der Analyst aus der einen Abteilung nicht, was seine Kollegin aus der anderen Abteilung eigentlich genau hatte ausdrücken wollen.» Das Problem ist keineswegs unlösbar, wie Schreibcoachings in verschiedenen Banken zeigten. Dabei erhielten die Analystinnen und Analysten konkrete Tipps, wie sie – trotz des stets grossen Zeitdrucks – ihre Texte verständlicher schreiben können. Im Abstand von drei und sechs Monaten überprüfte Whitehouse die Wirkung. Die Lesbarkeit war deutlich gestiegen. Ihr Fazit: «Es handelt sich also um einen lohnenden Ansatzpunkt, nicht zuletzt, weil man mit massgeschneiderten, verständlichen Informationen der Kundschaft in Zeiten wachsender Konkurrenz einen Mehrwert gegenüber oft zwielichtigen Gratisangeboten im Internet bieten kann.» Thomas Müller

Wenn aus Molchen Schweine werden

«Molche sind bekannt für ihre Fähigkeit, verschiedene Organe wie ihre Extremitäten, den Schwanz oder Teile des Herzens regenerieren zu können.» Diesen Satz übersetzte Google Translate praktisch einwandfrei auf Englisch – nur die Molche wurden zu Schweinen. «Ein seltsamer Übersetzungsfehler, aber ein gutes Beispiel dafür, dass die Schwächen der Künstlichen Intelligenz unvorhersehbar sind», erklärt Alice Delorme Benites. Die Sprachwissenschaftlerin hat im Rahmen einer Pilotstudie die Übersetzungssoftwares GoogleTranslate und DeepL ausgiebig getestet. Dazu hat sie Abstracts von deutschsprachigen Dissertationen mit den beiden Tools ins Englische übersetzt und die Übersetzungen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass die beiden Übersetzungssoftwares wirklich nicht von schlechten Eltern sind. «Viele Forschende und Studierende nutzen solche Dienste, geben es aber nicht gerne zu. Ich finde es legitim, sie zu verwenden. Man muss sich nur bewusst sein, dass sie noch nicht perfekt sind und dass die Daten weiterverwendet werden», so Delorme Benites. An automatischen Übersetzungslösungen wird schon lange gearbeitet. Einen deutlichen Qualitätssprung habe es 2016 gegeben, als erstmals Neuronalmaschinen zum Einsatz kamen, erzählt Delorme Benites. Diese lernen selbstständig dazu, je mehr sie mit Daten gefüttert werden. Wie bei anderen vermeintlich kostenlosen Onlinediensten bezahlt man sie mit seinen Daten: «Alle Texte werden in der Datenbank gespeichert. Vertrauliche Daten sollte man darum nicht übersetzen lassen», rät Delorme Benites. Viele Unternehmen arbeiten mittlerweile an eigenen Übersetzungstools, um den Datenschutz zu gewährleisten. Die Linguistin möchte mit ihrer Forschung aufzeigen, wo die Stärken und Schwächen von automatischen Übersetzungssystemen liegen: «Das Grundproblem ist: Die Maschinen produzieren Texte, die so natürlich klingen, dass man Fehler schnell übersieht.» Die Grammatik sei in der Regel tadellos. Ebenso die Idiomatik und der Satzbau. Von Wort-für-Wort-Übersetzungen seien die Maschinen schon weit entfernt. Dass sie aber auch über die Satzebene hinaus richtig funktionieren, sei nicht selbstverständlich. «Bereits bei einem «Sie gehen» ist die Maschine zeitweise verwirrt, ob es eine Höflichkeitsform oder eine Mehrzahlform ist.» Bei längeren Texten sollte man darum prüfen, ob die Zusammenhänge korrekt wiedergegeben sind und einheitliche Begriffe verwendet werden. «Manchmal wird ein Begriff fünf Mal gleich übersetzt und beim sechsten Mal plötzlich anders», erzählt Delorme Benites. Häufig sei zudem «sollen» falsch übersetzt worden. Dieses Verb wird in Abstracts oft verwendet, um ein Vorhaben der Forschenden aufzuzeigen: «Im zweiten Teil soll überprüft werden ...». Solche Sätze wurden häufig mit «should» übersetzt. Dadurch wird der Sinn verfälscht, denn es macht den Satz zu einer Anweisung. Ausserdem sei es wichtig, die Vollständigkeit zu überprüfen, denn manchmal fehle in der Übersetzung auch plötzlich Text – oder werde hinzugedichtet. Um die bekannten Stolpersteine zu umgehen, empfiehlt die Sprachwissenschaftlerin zudem, lange Sätze in zwei kürzere aufzuteilen, keine komplizierten Nebensatzstrukturen zu verwenden und lieber bekannte Wendungen zu wählen als kreative. «Man kann den Text auch speziell für die Übersetzungsmaschine noch etwas anpassen, etwa klare Verbindungswörter wie ‘deshalb’ einfügen oder zusammengesetzte Substantive vermeiden.» Ganz ohne menschliches Zutun kommen die Übersetzungstools also noch nicht aus. Sie entwickeln sich aber laufend weiter. Bereits heute werden die Molche im erwähnten Beispielsatz korrekt übersetzt. «Es ist und bleibt zentral, die Künstliche Intelligenz reflektiert einzusetzen und ihr nicht blind zu vertrauen», sagt Delorme Benites. Sara Blaser

Unter Milliarden von Werken das passende finden

Das Thema steht bereits fest: In ihrer Bachelor-Arbeit will sich Laura Huber mit dem Thema Diabetes mellitus Typ 1 bei Kindern auseinandersetzen. Vor allem interessiert die Pflegestudentin, wie betroffene Kinder und ihre Eltern die medizinische Behandlung erleben und welche Verbesserungen sie sich wünschen. Doch vor den geplanten Interviews mit Familien und Fachpersonen steht die Literaturrecherche an. Die Studentin startet den Bibliothekskatalog ZHAW swisscovery auf und gibt in der Suchmaske die Begriffe «Diabetes» und «Kinder» ein. Sie erzielt 13’629 Treffer – und fühlt sich zuerst einmal ziemlich erschlagen. Das Beispiel ist fiktiv. Doch wie Laura Huber geht es den meisten Studierenden. Über 150’000 Bücher und Zeitschriften sowie rund 280’000 elektronische Medien führt allein die Hochschulbibliothek der ZHAW . In der ganzen Schweiz sind sogar über 30 Millionen Bücher und Zeitschriften sowie mehr als drei Milliarden elektronische Artikel zugänglich. Wie findet man die sprichwörtliche Stecknadel im riesigen Heuhaufen? Und welche Hinweise garantieren, dass die Informationen auf dem neusten Stand und wissenschaftlich fundiert sind? Gefragt ist Informationskompetenz: die Benennung des eigenen Informationsbedarfs, der gezielten Suche nach Informationen, die Bewertung der Suchergebnisse und deren Verarbeitung. Um den Nutzenden eine bessere Orientierung zu ermöglichen, hat die ZHAW-Bibliothek in den letzten Jahren ihre Unterstützungsangebote stetig ausgebaut. Letztes Jahr, als neue Studierende wegen der Pandemie kaum vor Ort waren, produzierten die Verantwortlichen gar einen instruktiv-humoristischen Film, der Berührungsängste mit den heiligen büchergefüllten Hallen abbauen soll (siehe Box). In regulären Zeiten erhalten neue Studierende meist im ersten Semester eine allgemeine Einführung in die Bibliothek mit ihren drei Standorten in Winterthur, Zürich und Wädenswil. Dabei wird auf Leitfäden, Videos und Inhalte auf der Lernplattform Moodle hingewiesen. Diese enthalten Anleitungen zu Themen wie Recherchestrategien, Literaturbewertung oder das Finden eines Buches in der Bibliothek. Kommt jemand trotz dieser Hilfestellungen nicht zurecht, stehen die Bibliotheks-Mitarbeitenden für persönliche Beratungen zur Verfügung. «Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe», sagt Margrit Meyer , Bibliothekarin am Standort Winterthur. Die Fachpersonen kennen zahlreiche Tricks und Kniffs, mit denen die Literaturrecherche eingegrenzt werden kann – etwa durch Filter oder die Verwendung von Sternchen hinter den Suchbegriffen, damit die Treffer auch in Pluralformen und verschiedenen grammatikalischen Fällen angegeben werden. Häufig führe auch die Suche nach Synonymen zum Ziel, erklärt Meyer. Bei der Arbeit über Diabetes bei Kindern würde sie es zum Beispiel auch mit dem deutschen Begriff zuckerkrank* versuchen. So findet sich eher Literatur, die sich auch an Laien wendet – etwa Ratgeber für Betroffene. Umgekehrt sollte in manchen Fällen statt mit alltagssprachlichen Wörtern auch mit spezifischen Fachbegriffen gesucht werden. Diese wiederum können in den über 100 elektronischen Wörterbüchern und Enzyklopädien der jeweiligen Departemente nachgeschlagen werden. Weil ein Grossteil der wissenschaftlichen Literatur nur auf Englisch zur Verfügung steht, sollten auch englische Suchwörter verwendet werden. Eine einfache Methode sei auch das Schneeballprinzip, sagt Meyer: Hat man einmal ein passendes Werk gefunden, sucht man in dessen Literaturliste nach weiteren Schriften zum Thema. Dass ein Werk in einem Katalog der Hochschulen aufgeführt ist, bedeutet jedoch nicht automatisch, dass es auch wissenschaftlich fundiert und zitierwürdig ist. Vor einer Verwendung empfiehlt sich deshalb der sogenannte CRAAP-Test. Die Abkürzung setzt sich zusammen aus den englischen Begriffen Currency (Aktualität), Relevance (genügend nahe beim Thema und geeignetes fachliches Niveau), Authority (Hintergrund und Expertise der Autorenschaft), Accuracy (Verlässlichkeit, Genauigkeit, seriöser Eindruck, evidenzbasiert und neutraler Stil) und Purpose (Objektivität, frei von politischer oder ideologischer Agenda, keine Verkaufsabsichten). Die Studentin Laura Huber hat sich mittlerweile in den Anleitungen der Bibliothek kundig gemacht und dabei ihre Informationskompetenz verbessert. Mit der Eingabe Diabetes Typ 1 AND Kind* AND psychologisch* erzielt sie zwar immer noch 701 Treffer. Doch gleich das oberste Buch auf der Liste scheint ihr interessant: Diabetes bei Kindern und Jugendlichen: Grundlagen – Klinik – Therapie. Gemäss der inhaltlichen Beschreibung geht das Werk auch auf die psychosozialen Aspekte der Erkrankung ein. Mit Datum 2015 hält es die Pflegestudentin für genügend aktuell, und Autor Professor Thomas Danne erweist sich über eine Google-Suche als Chefarzt eines norddeutschen Krankenhauses – also als bestimmt kompetent. Sie legt das E-Book ins Literaturverwaltungsprogramm Zotero ab, welches ihr das Zitieren und Erstellen der Literaturliste erleichtern wird. Sie bestellt ein paar weitere Bücher, die sie spätestens nach drei Tagen in der Bibliothek abholen kann. Die nächsten Wochen wird sie sich also durch einen Stapel Bücher arbeiten. Andrea Söldi

Was heisst hier eigentlich Literacy?

Literacy ist grundlegend für jegliches Lernen. Sie ist Voraussetzung dafür, dass wir die Welt um uns herum verstehen und mit ihr kommunizieren können. So vielfältig die Welt, in der wir leben, ist, so kontextabhängig ist auch Literacy.

Journalismus von Werbung unterscheiden können

Wer hat eine Meldung verfasst und zu welchem Zweck? Wo erscheint sie und was wird verschwiegen? Solche Fragen helfen dabei, den Wert von Informationen einzuordnen. Media Literacy hat im digitalen Zeitalter an Bedeutung gewonnen. Neue Medienkanäle und -formate haben die öffentlichen Diskurse beschleunigt und komplexer gemacht. Fake News und bezahlte Inhalte lassen sich kaum von seriösem Journalismus unterscheiden. Algorithmen steuern, was wir zu Gesicht bekommen. «Die Anforderungen an die Mediennutzerinnen und -nutzer sind gestiegen», sagt Guido Keel, Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft (IAM). «Wir sind im Alltag alle gefordert und müssen über neue Fähigkeiten verfügen.» Der Medienwissenschaftler ist daran, zu Media Literacy einen eigenen Forschungs- und Arbeitsbereich aufzubauen. Dieser generiert Wissen und soll Kompetenzen zu einem reflektierten Umgang mit Medien vermitteln. Das Publikum soll über den Zugang zu Informationen reflektieren und einschätzen können, wie glaubwürdig diese sind. «Es soll beispielsweise verstehen, dass ein journalistischer Beitrag etwas anderes ist als ein von einem Auftraggeber bezahlter», sagt Keel, der gerade an einer Studie zu Native Advertising arbeitet. Das Publikum soll zudem Wege kennen, wie es sich selbst in eine Debatte einbringen kann. «Das Publikum soll verstehen, dass ein journalistischer Beitrag etwas anderes ist als ein von einem Auftraggeber bezahlter.» Guido Keel, Leiter des IAM Als Native Ads werden Artikel, Tweets, Podcasts und Videos bezeichnet, die wie redaktionelle Produkte daherkommen, aber von Unternehmen bezahlt sind. Diese erhoffen sich, dass ihre Botschaften so möglichst viel beachtet und als verlässlich eingestuft werden. Das Forschungsprojekt des IAM soll nun klären, inwiefern das Publikum Native Ads überhaupt erkennt, woran sie erkannt werden und wie Rezipientinnen und Rezipienten diese Hinweise interpretieren. Es wird vom BAKOM (Bundesamt für Kommunikation) finanziell unterstützt. Paid Content hat es zwar schon gegeben, als die Medien noch als Leuchttürme wirkten – als die Presse und das staatliche Radio und Fernsehen eine starke Orientierungsfunktion hatten. Dank der digitalen Möglichkeiten lässt er sich heute jedoch besser in redaktionelle Angebote einbinden. «Wir nehmen gesponserte Inhalte nicht mehr so klar als Werbung wahr», sagt Guido Keel und verweist auf eine Pilotstudie mit Studierenden des IAM. Bis zu 32 Prozent der Teilnehmenden erkannten die Urheber real publizierter Native Ads nicht. Hinter Schlagzeilen wie «Müssen Nerds anders anlegen als Naturfreunde?» oder «Autoschnäppchen – darauf musst Du achten» vermuteten sie unabhängige Medienschaffende. Dabei stehen dahinter Unternehmen – in den erwähnten Beispielen eine Bank und eine Versicherung –, welche kommerzielle Interessen verfolgen. Aus journalistischer Sicht ist diese Art der Werbung heikel. «Die Medien verlieren einen Teil ihrer Autonomie», gibt Keel zu bedenken. Native Advertising kann dazu führen, dass sie nicht mehr als unabhängig wahrgenommen werden. Es widerspricht zudem dem medienethischen Täuschungsverbot, wie es im Journalistenkodex festgehaltenen ist. Dass sich Verlage dennoch darauf einlassen, hat mit ihrer schlechten finanziellen Situation zu tun. Insbesondere Online-Titel, für die kaum tragfähige Geschäftsmodelle existieren, sind auf die Einnahmen angewiesen. «Die Medienhäuser beissen in den sauren Apfel», sagt der Institutsleiter. Sie seien sich der Risiken durchaus bewusst. Keel hat ein gewisses Verständnis dafür, fände es aber wichtig, dass sich die Verlage auf Rahmenbedingungen einigen würden. So könnte eine einheitliche Deklaration helfen, Native Ads als solche zu identifizieren. Zurzeit stiften variierende Bezeichnungen wie «Sponsored», «Publireportage», «Präsentiert von …» zusätzlich Verwirrung. «Aus journalistischer Sicht sind Native Ads heikel. Die Medien verlieren einen Teil ihrer Autonomie.» Guido Keel, Leiter des IAM Der Presserat erachtet quasiredaktionelle Beiträge als problematisch. Sie zeugten von einem «Mangel an Respekt vor der Leserschaft» und untergrüben die Glaubwürdigkeit des Journalismus , urteilte er in einem konkreten Fall. Laut Umfragen geniessen die Medien zurzeit noch viel Vertrauen. Sie befinden sich aber in einem Konkurrenzkampf; alternative Informationsvermittler buhlen um die Aufmerksamkeit des Publikums. «Sie stehen bereit, um in allfällige Lücken zu springen», sagt Guido Keel. Er will Media Literacy am IAM als Schwerpunkt etablieren. «Wir wollen eine starke konzeptionelle Basis schaffen und das Thema in den verschiedenen Anwendungsbereichen systematisch aufnehmen.» Geplant sind auch Kooperationen mit anderen Departementen. Mit dem Departement Gesundheit könnte beispielsweise untersucht werden, wie die Bevölkerung Beiträge zum Coronavirus rezipiert. Das IAM will sich mit dem neuen Forschungsbereich auch über die ZHAW hinaus positionieren. 2020 hat es die Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kommunikations- und Medienwissenschaft (SGKM) zu Media Literacy durchgeführt. Eine Publikation mit Beiträgen zu verschiedenen Aspekten des Themas erscheint in diesem Herbst. Und wie sollen Journalistinnen und Journalisten auf die Veränderungen reagieren, welche die Digitalisierung und Kommerzialisierung mit sich bringen? Um gehört zu werden, sollten sie unter anderem stärker thematisieren, wie ihre Beiträge zustande kommen, sagt Guido Keel. «Mit Metakommunikation könnten sie die Transparenz erhöhen und den Mehrwert von journalistischen Inhalten erklären.» Er räumt allerdings ein, dass sie sich dabei auf eine Gratwanderung begeben. «Sie müssen gute Wege finden, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, sich vor allem mit sich selbst zu befassen.» Eveline Rutz

Künstliche Intelligenz einfach erklären und verstehen

Die Technologie hinter Künstlicher Intelligenz (KI) erscheint vielen als unsichtbar und manchmal sogar unheimlich. Oft wissen die Menschen nicht, dass hinter Anwendungen ein KI-System steckt. Dann etwa, wenn KI auf Netflix oder beim Onlineshopping Empfehlungen abgibt, die auf unseren früheren Entscheidungen beruhen. Manuel Holler von der ZHAW School of Management and Law spricht dabei von einem «KI-Moment», einer Alltagssituation, bei der man überraschend das Wirken von KI spürt. Einen persönlichen «KI-Moment» zu identifizieren, ist oft der Ausgangspunkt, um die Technologie besser verstehen zu wollen und die Funktionsweise anderen erklären zu können. Und KI ist in vielen Bereichen präsent und relevant: Studierende werden KI-Anwendungen entwickeln oder im Beruf nutzen, Führungspersonen setzen KI im Unternehmen ein, Politikerinnen und Politiker entscheiden über die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, und wir alle begegnen ihr im Alltag. Automatisierung und KI spielen in vielen Unternehmen eine grosse Rolle. Dabei geht es nicht nur um automatisierte Produktionsprozesse und Lieferketten, sondern auch um Produkte, die durch die intelligente Verarbeitung von Daten entstehen und so neue Geschäftsmodelle eröffnen. Manuel Holler vom ZHAW Product Management Center hat daher ein Workshop-Konzept entwickelt, um in Veranstaltungen, wie z.B. dem CAS Digital Product Management, die Grundzüge von KI spielerisch zu erklären. Der CAS richtet sich an Product Manager, die in der Industrie arbeiten und sich mit digitalen und vernetzten Produkten oder Prozessen auseinandersetzen. «Den Unternehmen geht es um die Evaluierung des wertschöpfenden Einsatzes für ihre Wettbewerbsfähigkeit. Sie wollen wissen, ob sich der Einsatz von KI in ihrem Unternehmen lohnt und was sie dafür brauchen», sagt Holler. «Es ist wichtig, dass die Bevölkerung in der Schweiz sensibilisiert ist für die Technologie und ihre Auswirkungen.» Manuel Holler, ZHAW Product Management Center Im Workshop geht es nicht nur um die Technik, sondern darum, KI greifbar zu machen. «Das Konzept beinhaltet Beispiele aus dem Alltag, aber auch spielerische Elemente und Online-Tools», sagt Holler. Auch die Grenzen von KI und bestehende Irrtümer werden angesprochen. «Manche glauben, dass KI eines Tages alle Jobs übernimmt, während die Gegner denken, ihr Beruf und ihre Branche seien viel zu speziell für KI. Im Workshop sollen Teilnehmende vieles selbst ausprobieren können und damit die Chancen und Grenzen der KI besser verstehen», so Holler. Sein Konzept oder Elemente davon sollen auch in anderen Workshops am Institut für Marketing Management oder für weitere Zielgruppen genutzt werden. «Es ist wichtig, dass die Bevölkerung in der Schweiz sensibilisiert ist für die Technologie und ihre Auswirkungen. So kann sie die Rahmenbedingungen besser verstehen, etwa den Datenschutz und die IT-Infrastruktur, aber auch die Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz und Förderungen für Forschung und Startups», sagt Holler. Um die Technologie künftig weiterzuentwickeln, benötigen Studierende ein anwendungsorientiertes Wissen über KI. Laut Thilo Stadelmann , dem Leiter des neuen Centre for Artificial Intelligence der ZHAW School of Engineering, braucht es Hochschulkurse über KI, die neben der Theorie ein bestimmtes Mindset für lebenslanges Lernen vermitteln. «Wir müssen den Studierenden solide Grundlagen der KI vermitteln, während sich das Feld rasch weiterentwickelt. Der Unterricht muss praxisorientiert und für ein breites Spektrum von Berufen relevant sein», sagt Stadelmann. «Wie in einem Weltatlas stellen wir uns die Unterdisziplinen der KI als individuelle Inseln in einem Atoll vor.» Thilo Stadelmann, Leiter Centre for Artificial Intelligence Zusammen mit anderen Forschenden und Dozierenden hat er einen «KI-Atlas» für die Hochschullehre entwickelt. «Wie in einem Weltatlas stellen wir uns die Unterdisziplinen der KI als individuelle Inseln in einem Atoll vor. Sie sind gut entwickelt, aber zwischen ihnen fehlt oft eine direkte Verbindung. Unser KI-Atlas soll dabei helfen, einen Überblick zu bekommen sowie die Hauptrouten, Wegweiser und Grenzen zu identifizieren.» Da es in der KI eben nicht darum gehe, Intelligenz künstlich zu erschaffen, sondern komplexe Probleme zu lösen, ist KI ein methodologischer Werkzeugkasten. «KI ist weniger durch die Technologie als durch eine bestimmte Mentalität geprägt. Seit ihren Anfängen sind Forschende mit Kreativität und Pragmatismus an Probleme herangegangen. Mit anderen Worten: Sie erkundeten bisher unbekannte Gebiete», sagt Stadelmann. Um die Rahmenbedingungen für KI zu schaffen, sind politische Entscheidungsträgerinnen und -träger auf Beratung aus der Wissenschaft angewiesen. Ricardo Chavarriaga , Leiter von CLAIRE Switzerland , treibt mit dem europaweiten Netzwerk CLAIRE den verantwortungsvollen Umgang mit KI voran. «CLAIRE setzt sich mit den ethischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Bedenken bei der Entwicklung von KI auseinander. Als Forschende müssen wir uns einbringen und eine klare Vorstellung davon vermitteln, wo wir mit dieser Technologie heute stehen. Dies kann dazu beitragen, eine angemessene Governance zu entwickeln, die festlegt, welche Anwendungen als notwendig oder sicher angesehen werden», sagt Chavarriaga. «Es ist wichtig, dass Entscheidungsträger Zugang zu unabhängigen, unvoreingenommenen Expertinnen und Experten haben, die sie beraten können.» Ricardo Chavarriaga, Leiter CLAIRE Switzerland Neben den komplexen technischen Aspekten sei es entscheidend, die vielen verschiedenen Entwicklungs- und Anwendungsbereiche von KI zu verstehen, erklärt Chavarriaga. «Daher ist es wichtig, dass Entscheidungsträger Zugang zu unabhängigen, unvoreingenommenen Expertinnen und Experten haben, die sie beraten können. Sie sollten aus verschiedenen Bereichen kommen, um eine umfassende Analyse der Vor- und Nachteile des Einsatzes von KI in einem bestimmten Szenario zu ermöglichen. Dies bedeutet, dass KI-Expertinnen und -Experten auch mehr über Politikgestaltung und Diplomatie lernen sollten, um effizient kommunizieren und zum Prozess beitragen zu können», sagt Chavarriaga. Bettina Sackenreuther

Digitale Assistenz für Arztbesuche

Wie kann Digitalisierung die Kommunikation bei Arztbesuchen verbessern? Wie können Apps helfen, dass Patienten ihre Therapiepläne einhalten? Wie kann ein digitaler Assistent zwischen einer Konsultation und der folgenden eine Brücke schlagen? Digital ist beim Arztbesuch heute vor allem das Erfassen der Krankengeschichte auf Seiten der Ärzte, sowie Internetrecherchen und Gesundheitsapps auf Patientinnenseite. «Digitale Lösungen könnten jedoch viel mehr leisten», ist Andri Färber überzeugt. Der Leiter des Instituts für Wirtschaftsinformatik an der ZHAW untersucht in einem von Innosuisse geförderten Projekt deshalb eingangs gestellte Fragen. Ein digitaler Ansatz ist laut Färber besonders dort vielversprechend, wo es um die Zwischenziele auf dem Weg zu Linderung und Heilung geht. Dazu braucht es unter anderem die Gesundheitskompetenz von Patientinnen und Patienten – aber auch Erinnerungsvermögen und Adhärenz, das Ausmass also, in dem die mit Ärztin oder Physiotherapeut festgelegten Therapiepläne tatsächlich eingehalten werden. Eine Digital-Companion-App soll deshalb bei der Stärkung dieser Bereiche ansetzen. Für die Entwicklung der Software zeichnet der Industriepartner Helmedica verantwortlich. «Es fehlt auf dem Markt bisher an guten Lösungen, die die vielen Daten aus einer Konsultation strukturieren und wiederverwertbar machen», sagt Christoph Baumann, Geschäftsführer der Helmedica und selbst Mediziner. «Chronische Krankheiten belasten das Gesundheitssystem stark und dürften in Zukunft noch zunehmen» Andri Färber, Leiter des Instituts für Wirtschaftsinformatik Im Fokus der Forschungsarbeit stehen chronische Krankheiten. «Sie belasten das Gesundheitssystem stark und dürften in Zukunft noch zunehmen», erläutert Färber. Gerade bei solchen Krankheiten spielt die Gesundheitskompetenz zudem eine wesentliche Rolle und beeinflusst auch die Adhärenz. Wie viel wir über eine Krankheit und Therapieoptionen wissen, aber auch, wie gut wir uns selbst kennen, wenn es um unser Gesundheitsverhalten geht – das alles bestimmt mit, ob wir nicht nur die verschriebenen Medikamente gewissenhaft einnehmen, sondern auch etwas an unserem Lebensstil ändern. Je nach Therapieform fällt die Adhärenz nämlich sehr unterschiedlich aus: So nehmen zum Beispiel bei der Behandlung von Diabetes neun von zehn Patienten regelmässig ihre Medizin, aber nur die Hälfte hält wie empfohlen Diät und gerade einmal ein Fünftel nimmt an einem Fitnessprogramm teil. Konkret soll der digitale Assistent bei der Behandlung von Adipositas eingesetzt werden – sowohl in den Konsultationen selbst als auch während der Zeit bis zum nächsten Arzttermin. Die Suche nach interessierten übergewichtigen Patientinnen und Patienten übernimmt Hausärztin und Titularprofessorin Barbara Biedermann, in deren Praxis die App auch zur Anwendung kommen wird. Sie wird zum Beispiel während des Gesprächs wichtige Punkte in die App eintragen können, welche die Notizen und allfällige Fachbegriffe für die Patienten simultan in eine verständlichere Sprache übersetzen soll. Zudem können den Patienten am Schluss die wichtigsten Befunde und Therapieziele mit auf den Weg gegeben werden, ebenso Tipps für weiterführende Literatur. «Damit sie nicht mehr so viel googlen», ergänzt Färber. Denn das Richtigstellen von selbst gestellten Diagnosen und Beschwichtigen nimmt heute viel Zeit und Raum ein. «Eine App kann den ärztlichen Dialog ergänzen und unterstützen, ersetzen kann sie ihn nicht.» Andri Färber, Leiter des Instituts für Wirtschaftsinformatik Den Zeitraum zwischen zwei Konsultationen soll die App überbrücken, indem sie die Umsetzung von Therapiezielen begleitet und misst. Das können sowohl objektive Messgrössen wie die Zahl der zurückgelegten Schritte oder Glukosewerte sein – aber auch subjektive Einschätzungen, über die sich die Patienten mit dem digitalen Assistenten austauschen können. Alle Daten fliessen zurück an die Ärztin beziehungsweise in den medizinischen Workflow. Ebenso können Fragen, die sonst gerne vergessen gehen, jederzeit im Chat notiert und übermittelt werden. Die Ärztin kann auf diese Weise frühzeitig eine Erläuterung für die nächste Konsultation einplanen, allenfalls auch mit Hilfe von Grafiken oder Videos. Wichtig sei zudem, dass die App individuelle Unterschiede der Patienten berücksichtige, sagt Färber. «Es bringt nichts, eine Person jeden Tag frühmorgens zu einem Spaziergang aufzufordern, wenn sie sich viel lieber am Nachmittag bewegt.» Christoph Baumann erhofft sich, dass dank der Auswertung grosser Mengen von Gesundheitsdaten Krankheiten wie Adipositas, Diabetes oder Bluthochdruck auf lange Sicht besser behandelt werden können, aber auch die medizinische Versorgung stärker personalisiert werden kann. «Was uns an den vielen Vorgesprächen zum Projekt am meisten überrascht hat, ist die grosse Offenheit von Ärzten wie Patienten gegenüber digitalen Lösungen», erzählt Färber. «Das gilt auch für ältere Interviewte.» Trotzdem ist klar: Eine App kann den ärztlichen Dialog ergänzen und unterstützen, ersetzen kann sie ihn nicht. «Nicht einfach, weil wir eine gute Beziehung zwischen Ärztin und Patient eine nette Sache finden», sagt Färber. «Das Vertrauensverhältnis bleibt matchentscheidend für den Therapieerfolg.» Ümit Yoker

ZHAW-Magazin «Impact» jetzt auch mit einer Online-Ausgabe auf Englisch

Die Idee schwebte uns schon lange vor, nun ist sie endlich Realität geworden: Im Zusammenhang mit dem International Evening 2021, der am 8. November online stattfinden wird, ist die englische Website des «Impact» gestartet. Das Motto des International Evening – «Building Global Bridges With You» – war der Auslöser für die englische Online-Ausgabe. Ab sofort veröffentlichen wir ausgewählte Artikel unseres Hochschulmagazins über Forschung, Studium, Weiterbildung und die Menschen an der ZHAW in englischer Sprache. Als Fachhochschule, die national und international kooperiert, ist die ZHAW schon lange in einem mehrsprachigen Umfeld tätig. Wir pflegen einen weltweiten Dialog mit Studierenden, Dozierenden, Fachleuten und Institutionen in verschiedenen Sprachen. Die Departemente der ZHAW pflegen Partnerschaften in 61 Ländern und stehen mit insgesamt 495 Partnerhochschulen weltweit in Kontakt. Die Internationalisierung ist auch ein wichtiger Bestandteil der Hochschulstrategie 2015-2025. Dabei geht es insbesondere um die Positionierung der ZHAW als global tätiger Akteur in Studium und Forschung, einschliesslich der Mobilität von Studierenden und wissenschaftlichen Mitarbeitenden. In einer vernetzten Welt wird es immer wichtiger, Grenzen zu überschreiten und über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Dazu muss man nicht bildlich den Globus aufklappen, wie es die Menschen auf dem Titelbild des Grafikers Till Martin auf der englischen «Imapct»-Webseite tun (siehe Illustration oben). Es reicht, wenn man beginnt, international zu kommunizieren und Informationen so zu verbreiten, dass sie in anderen Kulturkreisen gelesen, geteilt und diskutiert werden können. Die englische Ausgabe von «Impact» will dazu – und damit zu einer wachsenden internationalen Wahrnehmung und Vernetzung der ZHAW – beitragen.

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