Die Technologie hinter Künstlicher Intelligenz (KI) erscheint vielen als unsichtbar und manchmal sogar unheimlich. Oft wissen die Menschen nicht, dass hinter Anwendungen ein KI-System steckt. Dann etwa, wenn KI auf Netflix oder beim Onlineshopping Empfehlungen abgibt, die auf unseren früheren Entscheidungen beruhen. Manuel Holler von der ZHAW School of Management and Law spricht dabei von einem «KI-Moment», einer Alltagssituation, bei der man überraschend das Wirken von KI spürt. Einen persönlichen «KI-Moment» zu identifizieren, ist oft der Ausgangspunkt, um die Technologie besser verstehen zu wollen und die Funktionsweise anderen erklären zu können. Und KI ist in vielen Bereichen präsent und relevant: Studierende werden KI-Anwendungen entwickeln oder im Beruf nutzen, Führungspersonen setzen KI im Unternehmen ein, Politikerinnen und Politiker entscheiden über die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, und wir alle begegnen ihr im Alltag. Automatisierung und KI spielen in vielen Unternehmen eine grosse Rolle. Dabei geht es nicht nur um automatisierte Produktionsprozesse und Lieferketten, sondern auch um Produkte, die durch die intelligente Verarbeitung von Daten entstehen und so neue Geschäftsmodelle eröffnen. Manuel Holler vom ZHAW Product Management Center hat daher ein Workshop-Konzept entwickelt, um in Veranstaltungen, wie z.B. dem CAS Digital Product Management, die Grundzüge von KI spielerisch zu erklären. Der CAS richtet sich an Product Manager, die in der Industrie arbeiten und sich mit digitalen und vernetzten Produkten oder Prozessen auseinandersetzen. «Den Unternehmen geht es um die Evaluierung des wertschöpfenden Einsatzes für ihre Wettbewerbsfähigkeit. Sie wollen wissen, ob sich der Einsatz von KI in ihrem Unternehmen lohnt und was sie dafür brauchen», sagt Holler. «Es ist wichtig, dass die Bevölkerung in der Schweiz sensibilisiert ist für die Technologie und ihre Auswirkungen.» Manuel Holler, ZHAW Product Management Center Im Workshop geht es nicht nur um die Technik, sondern darum, KI greifbar zu machen. «Das Konzept beinhaltet Beispiele aus dem Alltag, aber auch spielerische Elemente und Online-Tools», sagt Holler. Auch die Grenzen von KI und bestehende Irrtümer werden angesprochen. «Manche glauben, dass KI eines Tages alle Jobs übernimmt, während die Gegner denken, ihr Beruf und ihre Branche seien viel zu speziell für KI. Im Workshop sollen Teilnehmende vieles selbst ausprobieren können und damit die Chancen und Grenzen der KI besser verstehen», so Holler. Sein Konzept oder Elemente davon sollen auch in anderen Workshops am Institut für Marketing Management oder für weitere Zielgruppen genutzt werden. «Es ist wichtig, dass die Bevölkerung in der Schweiz sensibilisiert ist für die Technologie und ihre Auswirkungen. So kann sie die Rahmenbedingungen besser verstehen, etwa den Datenschutz und die IT-Infrastruktur, aber auch die Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz und Förderungen für Forschung und Startups», sagt Holler. Um die Technologie künftig weiterzuentwickeln, benötigen Studierende ein anwendungsorientiertes Wissen über KI. Laut Thilo Stadelmann , dem Leiter des neuen Centre for Artificial Intelligence der ZHAW School of Engineering, braucht es Hochschulkurse über KI, die neben der Theorie ein bestimmtes Mindset für lebenslanges Lernen vermitteln. «Wir müssen den Studierenden solide Grundlagen der KI vermitteln, während sich das Feld rasch weiterentwickelt. Der Unterricht muss praxisorientiert und für ein breites Spektrum von Berufen relevant sein», sagt Stadelmann. «Wie in einem Weltatlas stellen wir uns die Unterdisziplinen der KI als individuelle Inseln in einem Atoll vor.» Thilo Stadelmann, Leiter Centre for Artificial Intelligence Zusammen mit anderen Forschenden und Dozierenden hat er einen «KI-Atlas» für die Hochschullehre entwickelt. «Wie in einem Weltatlas stellen wir uns die Unterdisziplinen der KI als individuelle Inseln in einem Atoll vor. Sie sind gut entwickelt, aber zwischen ihnen fehlt oft eine direkte Verbindung. Unser KI-Atlas soll dabei helfen, einen Überblick zu bekommen sowie die Hauptrouten, Wegweiser und Grenzen zu identifizieren.» Da es in der KI eben nicht darum gehe, Intelligenz künstlich zu erschaffen, sondern komplexe Probleme zu lösen, ist KI ein methodologischer Werkzeugkasten. «KI ist weniger durch die Technologie als durch eine bestimmte Mentalität geprägt. Seit ihren Anfängen sind Forschende mit Kreativität und Pragmatismus an Probleme herangegangen. Mit anderen Worten: Sie erkundeten bisher unbekannte Gebiete», sagt Stadelmann. Um die Rahmenbedingungen für KI zu schaffen, sind politische Entscheidungsträgerinnen und -träger auf Beratung aus der Wissenschaft angewiesen. Ricardo Chavarriaga , Leiter von CLAIRE Switzerland , treibt mit dem europaweiten Netzwerk CLAIRE den verantwortungsvollen Umgang mit KI voran. «CLAIRE setzt sich mit den ethischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Bedenken bei der Entwicklung von KI auseinander. Als Forschende müssen wir uns einbringen und eine klare Vorstellung davon vermitteln, wo wir mit dieser Technologie heute stehen. Dies kann dazu beitragen, eine angemessene Governance zu entwickeln, die festlegt, welche Anwendungen als notwendig oder sicher angesehen werden», sagt Chavarriaga. «Es ist wichtig, dass Entscheidungsträger Zugang zu unabhängigen, unvoreingenommenen Expertinnen und Experten haben, die sie beraten können.» Ricardo Chavarriaga, Leiter CLAIRE Switzerland Neben den komplexen technischen Aspekten sei es entscheidend, die vielen verschiedenen Entwicklungs- und Anwendungsbereiche von KI zu verstehen, erklärt Chavarriaga. «Daher ist es wichtig, dass Entscheidungsträger Zugang zu unabhängigen, unvoreingenommenen Expertinnen und Experten haben, die sie beraten können. Sie sollten aus verschiedenen Bereichen kommen, um eine umfassende Analyse der Vor- und Nachteile des Einsatzes von KI in einem bestimmten Szenario zu ermöglichen. Dies bedeutet, dass KI-Expertinnen und -Experten auch mehr über Politikgestaltung und Diplomatie lernen sollten, um effizient kommunizieren und zum Prozess beitragen zu können», sagt Chavarriaga. Bettina Sackenreuther