Menü
Logo Logo
  • DE
  • EN
  • Dossier 15
  • Menschen 2
  • Kathrin Reimann 15
  • 4/2021 4
  • 2/2023 3
  • 1/2023 2
  • 1/2022 1
  • 1/2024 1
  • 2/2022 1
  • 3/2022 1
  • 3/2023 1
  • 4/2022 1
Aktive Filter: Kategorie: Dossier Autor: Kathrin Reimann Alle Filter entfernen
Es wurden 15 Ergebnisse in 1 Millisekunden gefunden. Zeige Ergebnisse 1 bis 10 von 15.
  • 1
  • 2
  • »
Ergebnisse pro Seite:

Ein Rezept für das Spital der Zukunft

Ins Spital der Zukunft treten Patientinnen und Patienten besser vorbereitet ein, während ihres Aufenthalts wird ihr Gesundheitszustand genauer und kontinuierlich erfasst, zudem werden sie früher nach Hause entlassen und trotzdem optimal nachversorgt. Und dies alles ohne zusätzliche Belastung des Personals und ohne Qualitätseinbussen. Was fast zu schön klingt, um wahr zu sein, soll durch den konsequenten Einsatz neuer Organisationsformen, digitaler Technologien und mittels der Vernetzung von Abläufen und Daten ermöglicht werden. Dadurch sollen Spitäler kontinuierlich von einem teuren und schwerfälligen Akteur in ein intelligentes und agiles System transformiert werden. Dieses Zukunftsszenario soll gegen Kostendruck, Personalmangel oder Überbelegung helfen und wird derzeit im Rahmen des ambitionierten Innosuisse-Projekts «Smart Hospital – Integrated Framework, Tools & Solutions» , kurz SHIFT, erforscht. Dahinter steht ein Konsortium aus fünf Forschungspartnern, 20 Spitälern und 24 Industriepartnern. Ziel des Projekts, das 2022 startete und noch bis 2025 dauert, ist es, eine Daten- und Wissensplattform zu schaffen, die aufzeigt, wie diese Transformation praktisch gelingen kann. Nach der ersten Phase des SHIFT-Projekts, in der die Bedürfnisse aller Beteiligten erfasst und Konzepte entwickelt wurden, wird nun in der zweiten Phase alles konkret erprobt. Unter anderem in Basel am Universitätsspital. Dort kommen Wearables – kleine tragbare Computer wie Smartwatches etc. – zum Einsatz, die mittels mobiler Sensoren Vitalparameter wie Herz- und Atemfrequenz messen. Professor Jens Eckstein, ärztlicher Leiter von SHIFT und leitender Arzt und Chief Medical Information Officer am Universitätsspital Basel, hat damit viel Erfahrung. Er und sein Team setzen sich seit zehn Jahren mit dem Thema auseinander und sind deshalb prädestiert dafür, um Geräte, Abläufe und auch die Akzeptanz zu testen. Im Rahmen von SHIFT setzt Eckstein die Sensoren ein, um beispielsweise eine bessere Schlafqualität bei Patientinnen und Patienten zu erreichen und Nachtdienste zu entlasten: «Ein pflegerischer Nachtdienst ist für rund 30 Patientinnen und Patienten zuständig. Ohne Wearables geht der Nachtdienst mit einer Taschenlampe von Bett zu Bett.» Dabei würden jene, die aufgrund von Krankheit, Spitalumgebung, Bettnachbar etc. per se nicht optimal schlafen, geweckt und hätten oft Mühe, wieder einzuschlafen. Eine schlechte Nacht wirkt sich nicht optimal auf das Wohlbefinden aus. «Die Bereitschaft für und der Wunsch nach Monitoring nehmen zu, sobald es einer Person schlecht geht.» Jens Eckstein, ärztlicher Leiter von SHIFT «Wenn die Patientinnen und Patienten Wearables tragen und der Nachtdienst auf einem Bildschirm ihre Werte überprüft, kann er sich auf die Personen mit schlechten Werten konzentrieren und die anderen schlafen lassen», so Eckstein. Er betont dabei, dass diese Technik im Rahmen der Studie zusätzlich zur sonst üblichen Versorgung zum Einsatz komme. «Wir übernehmen diese Routine erst, wenn wir sicher sind, dass wir bei gleicher Qualität Ressourcen sparen, die Sicherheit erhöhen und die Pflege nicht zusätzlich stressen.» Die Frage, ob sich Patientinnen und Patienten beim Einsatz von Wearables nicht von Geräten und Algorithmen überwacht fühlten, verneint Eckstein klar. «Während der Covid-19-Pandemie setzten wir zur Überwachung von isolierten Patientinnen und Patienten Wearables ein und stellten fest: Es hilft ihnen, sich nicht allein gelassen zu fühlen.» Gesunde Personen würden sich eher gegen eine ständige Überwachung und Anzeige ihres Gesundheitszustands aussprechen. «Die Bereitschaft für und der Wunsch nach Monitoring nehmen zu, sobald es einer Person schlecht geht.» «Neue Abläufe in bestehende Strukturen einzubringen, ist schwieriger, als nur neue Technologien zu etablieren» Jens Eckstein, Chief Medical Information Officer am Universitätsspital Basel Ein weiteres SHIFT-Projekt setzt darauf, Patientinnen und Patienten bereits vor ihrem Eintritt ins Spital besser vorzubereiten, Fachleute sprechen von prähabilitieren. Wie das aussehen könnte, beschreibt Eckstein so: «Nehmen wir an, eine Person mit Hüftproblemen bewegt ihr Bein kaum noch. So werden die Muskeln schwach und das Bein ist unzureichend auf die OP vorbereitet.» Mobile Sensoren können den Bewegungsmangel erkennen und die Person mit motivierenden Apps und Videos gezielt zum Training anregen. «Ist das Bein in einem besseren Zustand, verkürzt sich in der Regel die Aufenthaltsdauer im Spital.» «Hospital at Home» nennt sich ein weiteres Projekt – für Jens Eckstein das heikelste, denn der Übergang vom Spitalaufenthalt in die häusliche Versorgung stellt eine kritische Phase im Behandlungsprozess dar. In der SHIFT-Pilotstudie werden aktuell 53 Patientinnen und Patienten bei ihrem frühzeitigen Übertritt nach Hause in enger Absprache mit den zuständigen Hausärztinnen und -ärzten aktiv begleitet durch die digitale Gesundheitsplattform Medgate. «Dies erfordert eine dichte Kommunikation zwischen allen Beteiligten – viele Prozesse mussten aufgegleist werden, um den Informations- und Datenfluss zu gewährleisten», sagt Eckstein. Dies gilt ganz grundsätzlich für alle SHIFT-Projekte: «Neue Abläufe in bestehende Strukturen einzubringen, ist schwieriger, als einfach nur neue Technologien zu etablieren», erklärt der ärztliche Leiter. Ein neuer Prozess müsse die sicherere und bessere Betreuung der Patientinnen und Patienten gewährleisten. «Auch müssen diese mitmachen und die Sensoren tragen. Dafür ist eine positive Kommunikation unabdingbar.» Aber auch die Mitarbeitenden müssten vom Mehrwert von Neuerungen wie Wearables überzeugt werden. «Wenn das Spitalpersonal das Gefühl hat, es sei durch den Einsatz – beispielsweise durch das Aufladen der Geräte – zusätzlich be- und nicht entlastet, ist das hinderlich.» Ausschlaggebend für eine erfolgreiche Etablierung neuer Strukturen sei nicht, ob man das als Institution wolle, sondern ob alle Beteiligten einen Mehrwert darin sehen. «Ein zentraler Punkt der aktuellen Studie ist deshalb auch, das Vertrauen der Hausärztinnen und Hausärzte in diese neuen Strukturen zu gewinnen. Wir sind auf gutem Weg und sehen, wie unser Projekt erste Früchte trägt», sagt Eckstein. «Die Projekte ergeben in der Summe ein Rezept voller transdisziplinärer Innovationen, das jedem Spital die Zutaten für die digitale Transformation liefert.» Johanna Stahl, Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW Insgesamt umfasst SHIFT elf Unterprojekte. «Sie ergeben in der Summe ein Rezept voller transdisziplinärer Innovationen, das jedem Spital die Zutaten und Vorgehensweisen für die digitale Transformation mitliefert», sagt Johanna Stahl vom Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie (WIG) der ZHAW. Stahl ist für das operative Management des Projekts zuständig. «In einer ersten Phase haben wir die Projekte konzeptualisiert und die Bedürfnisse aller Beteiligten erfasst.» Vor allem in der ersten Phase habe sich gezeigt, dass in Spitälern zwar viele technologische Innovationen zum Einsatz kämen, oft aber ohne die Gesamtorganisation zu berücksichtigen. «Digitale Transformationsprojekte werden aktuell als IT-Projekte behandelt», erklärt Stahl. Dabei werde der Fokus auf den Menschen und auf den Change-Prozess generell nicht ausreichend berücksichtigt. «Bei SHIFT arbeiten wir bedürfnisorientiert und klären beispielsweise ab, wie wir bei Personal und Patientinnen und Patienten Akzeptanz für Künstliche Intelligenz und Virtual Reality schaffen können.» Zudem werde erforscht, wie die vielen Prozesse des Spitalalltags effizienter und effektiver gestaltet werden können. Stahl verdeutlicht das an einem Beispiel: «Trete ich als Frau in gewissem Alter ins Spital ein, muss ich bei jeder neuen Kontaktperson die Frage beantworten, ob ich schwanger bin. Dabei könnte diese Information einmal erfasst und an alle Spitaleinheiten weitergegeben werden.» Durch technologische Unterstützung der Prozesse würde das medizinische Personal mehr Zeit für seine Kernaufgaben erhalten. Die letzte und entscheidende SHIFT-Phase startet im nächsten Jahr: Dann sollen die Ergebnisse aus den Pilotprojekten nachhaltig implementiert werden – das Rezept muss sich bewähren. Kathrin Reimann

Exkursion in die Zukunft der Food-Branche

Klimawandel, schwindende Biodiversität, wachsende Weltbevölkerung – unser Ernährungssystem steht vor grossen Herausforderungen. Die Art und Weise, wie Lebensmittel produziert und konsumiert werden, muss sich ändern. Ein Ansatz sind dabei regenerative Lebensmittelsysteme. Statt in Wertschöpfungsketten interagieren hier die Akteurinnen und Akteure in Wertschöpfungsnetzwerken, um gesunde, genussvolle und klimapositive Nahrungsmittel bereitzustellen. Diese Netzwerke sollen dem Ökosystem mehr zurückgeben, als sie entnehmen, durch eine naturnahe und nachhaltige Lebensmittelproduktion oder durch Kooperationen von lokalen Konsumentinnen und Konsumenten mit Produzierenden. All dies soll letztlich auch zur Rettung unseres Planeten beitragen. Diesen ganzheitlichen Ansatz vermittelt das ZHAW-Masterprogramm Preneurship for Regenerative Food Systems (PREFS) im Modul 360°. Mit Regenerations-Expertin Denise Loga begeben sich Studierende auf eine Reise, um in die Welt von lokalen Lebensmittelunternehmen einzutauchen. Sie sollen erfahren, wie das Thema Regeneration in der Praxis konkret umgesetzt wird. «Es handelt sich um einen neuen Ansatz, ein Unternehmen aufzubauen und im Einklang mit den Prinzipen der Natur zu führen.» Denise Loga, Leiterin des Moduls 360° Den Höhepunkt im ersten Durchgang stellte die Exkursion in eine spezifische Region dar – diesmal nach Dornbirn in Vorarlberg. «Die Wahl fiel auf diese Region aufgrund persönlicher Kontakte zu dortigen Initiativen», sagt Loga. Zudem zeichne sich Dornbirn durch einen perfekten Mix aus Tradition und Innovation aus: Dort gebe es viele Leute, die sich engagieren, kooperieren, innovativ handeln und ein gutes Netzwerk gebildet haben, um regenerative Lebensmittelsysteme zu ermöglichen. Bereits im Vorfeld der Exkursion entschieden sich die 14 Studierenden für ein Unternehmen: Ein Biohotel, ein Restaurant, ein gemeinwohlorientierter Mittagstisch und ein regenerativer Landwirtschaftsbetrieb standen zur Wahl. «Vor Ort interviewten sie verschiedene Anspruchsgruppen des Unternehmens, darunter die Kundschaft, Zulieferer, Personal, Politik sowie andere Akteurinnen und Akteure des Netzwerks oder aus der Lebensmittelbranche.» Dadurch erkannten die Studierenden, wie umfassend das Konzept der Regeneration ist und dass es weit über die Lebensmittelproduktion hinausgeht. «Es handelt sich um einen neuen Ansatz, die Wirtschaft zu verstehen, ein Unternehmen aufzubauen und im Einklang mit den Prinzipien der Natur zu führen sowie ökologische und soziale Systeme aufzubauen.» Bei diesem Paradigmenwechsel stehe nicht mehr Profit im Zentrum, sondern das Wohlergehen aller Lebe­wesen sowie die Kooperation unter den Anspruchsgruppen: Den einzelnen Akteurinnen und Akteuren werde mehr Wertschätzung entgegengebracht. Ein Bauer oder eine Bäuerin können sich beispielsweise eine 5-Tage-Woche einrichten und auch regelmässig Ferien machen. In Dornbirn trafen die Studierenden auf Unternehmen, die ausgeprägt regenerativ und kooperativ zusammenzuarbeiten. «Sie tauschen nicht nur Wissen, sondern auch Maschinen oder Erzeugnisse aus», so Loga. Eine weitere Erkenntnis der Teilnehmenden des Moduls war, dass politische Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, damit eine regenerative Transformation auf allen Ebenen stattfinden kann. Indem sie nicht nur ein Food­system und dessen Subsysteme untersuchten, sondern auch die politischen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Perspektiven einbezogen, erhielten die Studierenden ­zudem einen Überblick, welche regenerativen Praktiken heute bereits umgesetzt werden. Sie stellten fest, wie sich diese auf den Erhalt der biologischen Vielfalt und die Verbesserung der Klimabilanz auswirken. «Es war, als würde man das Licht einschalten und die komplexen Strukturen und Zusammenhänge innerhalb des Systems erst sichtbar machen.» Fabiano De Gani, Masterstudent Auf der Basis dieser Erkenntnisse und einer bereits existierenden Messmethode der Foodbranche entwickelten die Studierenden ein Instrument, das den Grad der Regeneration in einem Unternehmen wie auch in einer Region bestimmen können soll. Mit diesem wurden auch die involvierten Unternehmen gemessen, erklärt die Dozentin: «Beurteilungskriterien waren beispielsweise, wie viel ein Unternehmen einerseits zum Wiederaufbau der Natur oder andererseits zu deren Zerstörung beiträgt.» Das 360°-Modul vermittle den Studierenden Aha-Erlebnisse oder, wie es Masterstudent Fabiano De Gani formuliert: «Es ermöglichte uns, tief in das Voralberger Lebensmittelsystem einzutauchen. Die persönlichen Gespräche waren unersetzlich. Es war, als würde man das Licht einschalten und die komplexen Strukturen und Zusammenhänge innerhalb des Systems erst sichtbar machen. Eine einzigartige und unvergessliche Erfahrung.» Für seine Mitstudentin Lisa Renggli stellte der Besuch des Moduls eine Bereicherung dar. «Es ermöglichte mir, viele Erfahrungen zu sammeln und mein Profil zu vervollständigen.» Zudem sei sie positiv überrascht gewesen, wie viel Einsicht sie dadurch in Projekte, Firmen und die Gastronomie erhalten habe: «Wenn man offen auf die Leute zugeht, nehmen sie sich Zeit, sind offen, hilfsbereit, und ich konnte wertvolle Kontakte knüpfen.» Das nächste 360°-Modul wird im Herbst durchgeführt. Es kann von Bachelor- und Masterstudierenden der ZHAW besucht werden. Weitere Informationen über den zukunftsorientierten Masterstudiengang Preneurship for Regenerative Food Systems (PREFS) auch im Podcast «Ein holistischer Ansatz zu einem zukunftsfähigen Lebensmittelsystem» . Kathrin Reimann

Veganes Ei für die Industrie

Käseküchlein, Schoggi-Mousse, Meringues – viele Leckereien gibt es heute auch vegan. Dies auch dank dem 2022 gegründeten Startup EggField , das der Lebensmittelindustrie eine Ei-Alternative auf Basis von Hülsenfrüchten bietet. Die Idee hatte einer der drei Co-Gründer, Silvan Leibacher, der für seine Biber-Manufaktur einen Ei-Ersatz suchte. Ende 2019 lernten sich Silvan Leibacher und David Ebneter über gemeinsame Freunde kennen. «Wir kamen ins Gespräch und Silvan erzählte mir, dass er auf der Suche nach einem pflanzlichen Ei-Ersatz für seine Backwaren war», sagt Ebneter, der zu diesem Zeitpunkt sein Studium beendet hatte und nach ersten Arbeitserfahrungen an der ZHAW im Industriebereich arbeitete. «Fast noch wichtiger als das praxisnahe Studium aber war das Umfeld: An der ZHAW lernte ich Leute kennen, die eigene Ideen umgesetzt haben.» David Ebneter, ZHAW-Absolvent «Mich interessierte diese Herausforderung, und kurzerhand entwickelte ich einen ersten flüssigen Prototyp», sagt Ebneter, der an der ZHAW einen Bachelor in Lebensmitteltechnologie und einen Master in Food and Beverage Innovation absolviert hat. Das praxisnahe Studium habe ihm für diesen Entwicklungsprozess viel gebracht. «Fast noch wichtiger aber war das Umfeld: An der ZHAW lernte ich Leute kennen, die eigene Ideen umgesetzt haben.» EggField mit Sitz in Illnau und drei Mitarbeitenden setzt auf einen stark wachsenden Markt. «Unsere Hauptkonkurrentin ist die riesige, subventionierte Ei-Industrie.» Im Gegensatz dazu kann EggField die Produkte nicht einfach in ein Regal stellen, denn das Unternehmen produziert aktuell ausschliesslich für die professionelle Gastronomie sowie für die Lebensmittelindustrie. Grund dafür ist die Intention des Unternehmens: Sie wollen den auf dem Schweizer Markt relativ hohen Anteil an «guten» Label-Eiern nicht ersetzen, sondern diejenigen Eier, die aus ethisch und ökologisch fragwürdigen Quellen stammen – diese kommen zu einem höheren Anteil in verarbeiteten Produkten zum Einsatz. «Wir begleiten unsere Kunden bei ihren Produktinnovationen und geben unser Know-how weiter.» So könne es bis zu einem Jahr dauern, bis ein neues Produkt entstehe. «Unsere Hauptkonkurrentin ist die riesige, subventionierte Ei-Industrie.» David Ebneter, Co-Gründer und Chief Technical Officer von EggField In Sachen Wachstum verfolgt EggField einen KMU- und keinen klassischen Startup-Ansatz. «Wir wollen uns Zeit nehmen und nachhaltig wachsen, wollen zufriedene Mitarbeitende und zufriedene Kundinnen und Kunden.» Diesen Anspruch ebenso wie eine grosse Leidenschaft erachtet Ebneter als wichtig für Entrepreneurinnen und Entrepreneure: «Es braucht Risikobereitschaft und Beharrlichkeit, um Gegenwind und Rückschläge auszuhalten und zu überwinden.» Kathrin Reimann

Konstruktionen aus «Abfall»

Ein multifunktionales Nachttischchen, ein filigraner Couchtisch oder ein schickes Beistellmöbel – im Rahmen eines Wahlpflichtfachs wurden sie von Architekturstudierenden entworfen und produziert. Das Spezielle daran: Sie bestehen aus Abfallmaterial. Yves Ebnöther, Dozent und Industriedesigner, leitet den Kurs und erklärt den Prozess so: «Im ersten Schritt erstellen die Studierenden eine Bedürfnisanalyse und ein Konzept für ihr Objekt, im nächsten suchen sie kostengünstiges Material dafür.» Zum Einsatz kamen beispielsweise eine Schaltafel von einer Baustelle oder Abbruchholz. «Wir mussten das Material zuerst bearbeitbar machen», sagt Studentin Simone Mahler. Dies habe den Entwurf beeinflusst. «Uns gefielen der Re-Use-Gedanke und die Story des Beistellmöbels, deshalb wollten wir die abgenutzte Oberfläche belassen.» Mithilfe einer computergesteuerten Fräse fertigten die Studierenden dann ihre Möbel an. Die Studentin schätzt am Wahlfach, dass sie Themen wie Proportion, Konstruktion und Ästhetik am eigenen Objekt untersuchen konnte. «Zudem war das Handwerkliche eine schöne Abwechslung im PC-lastigen Studium.» Was dieser Schaffensprozess bei den Studierenden auslöst, begeistert auch den Dozenten, der das vom Digital Futures Fund der ZHAW geförderte Fach seit zwei Jahren unterrichtet. «Sobald sie ihre Objekte umgesetzt haben, leuchten ihre Augen. Viele übertreffen ihre Erwartungen an ihr eigenes Können», sagt Ebnöther. Insbesondere Studierende, die keine Technikfreaks seien oder Angst vor den Maschinen hätten, würden angeregt, sich mit weiteren Aspekten von Gestaltung und Konstruktion zu befassen. «Zudem erfahren sie, wie man aus Abfall etwas Neues und Hochwertiges macht.» Dies bestätigt auch Student Andrej Hablützel: «Die Auseinandersetzung mit wiederverwendetem Material prägt unser Bewusstsein für nachhaltiges Schaffen mit endlichen Ressourcen.» Dies stelle auch in Zukunft einen wichtigen Faktor in der Architektur dar: «Wir analysieren Verfügbarkeit und Umwelteinfluss von Rohstoffen, ehe wir sie in grossen Mengen in unsere Entwürfe einbeziehen.» Die Möbelstücke sind in der Ausstellung «Parametric Off-Cut Furniture» bis zum 25. Mai im Materialarchiv der Halle 180, Tössfeldstrasse 13, in Winterthur zu sehen. Kathrin Reimann

Sie produzieren Convenience Food statt Food Waste

Die Idee für Hängry Foods blinkte in den Köpfen von Ximena Franco und Sophia Graupner erstmals Ende 2021 auf. «Wir erzählten unserem Umfeld in den Weihnachtsferien davon und merkten: Die Idee kommt an», sagt Franco, die mit Graupner Lebensmitteltechnologie an der ZHAW studiert – beide stehen kurz vor Abschluss ihres Studiums. 2022 arbeiteten sie die Idee für Hängry Foods weiter aus: «Wir wollten überschüssige Lebensmittel retten und leckeres, gesundes, abwechslungsreiches Convenience-Food anbieten», sagt Graupner. «Wir wollten überschüssige Lebensmittel retten und leckeres, gesundes, abwechslungsreiches Convenience-Food anbieten.» Sophia Graupner, Co-Gründerin Hängry Foods Bald stiess Mitstudent Valentin Holenstein dazu, und zu dritt steckten sie alle Ressourcen, die neben dem Studium blieben, in Hängry Foods. Mit Erfolg: Sie wurden nicht nur ins Sustainable Impact Program der ZHAW aufgenommen, mit dem die Hochschule Nachhaltigkeitsprojekte von Studierenden fördert, sondern gewannen bei der alljährlichen ZHAW Startup Challenge 2022 den ersten Preis und erhielten einen Arbeitsplatz im Runway Startup Incubator, wo sie auch gecoacht wurden. Nach einer Testphase, in der sie ihre Menüs kochten und an Kunden brachten, wollen sie nun mit Industriepartnern zusammenarbeiten: «Auf der einen Seite geben uns Industriepartner ihre nicht mehr benötigten Nebenströme, damit wir diese zu Produkten weiterverarbeiten können. Ausserdem erhalten wir von Industriepartnern leicht fehlerhaftes Gemüse, das bei der Warenannahme aus verschiedensten Gründen aussortiert wurde», erklärt Graupner. Diese Produkte verkaufen sie einerseits als Halbfabrikate, vorrangig an die Gastronomie, beispielsweise in Form geschnittener Tiefkühlkarotten. «Es war ein grosser Vorteil, dass wir unser Startup während des Bachelorstudiums gegründet haben.» Ximena Franco, Co-Gründerin Hängry Foods Oder sie stellen die Komponenten zu einem Menü zusammen und verkaufen sie als Fertiggericht zum Aufwärmen. «Aktuell befinden wir uns in vielen Gesprächen und planen, auf Herbst 2023 marktreif zu sein.» Da Food Waste für viele Unternehmen zwar wichtig, aber auch mit Vorurteilen behaftet ist, bietet Hängry Foods auch diesbezüglich Beratungen an. «Es war ein grosser Vorteil, dass wir unser Startup während des Bachelorstudiums gegründet haben», sagt Franco. So hätten sie nicht nur neues Wissen direkt einarbeiten, sondern auch Unterstützungsangebote der ZHAW nutzen können. «Daneben brauchten wir Motivation, Fokus, Herzblut und durften vor allem den Spass nicht verlieren – sonst wäre es unmöglich gewesen, so viel Arbeit, Zeit und Nerven reinzustecken», so Graupner. Kathrin Reimann

Er macht Hanf zu Super-Food aus der Region

Hanf kann viel mehr, als die meisten denken: Nach seinem Bachelor in Lebensmitteltechnologie und Master in Life Sciences in Food and Beverage Innovation forschte Carlo Weber an der ZHAW zu alternativen Proteinquellen und stiess dabei auf die öl- und proteinhaltigen Samen der traditionsreichen Nutzpflanze. Gemeinsam mit zwei Mitstreitern entwickelte er die Idee für AlpenPionier . «Der Markt für Hanf als Lebensmittel war unerschlossen und wir mussten erst eine Wertschöpfungskette aufbauen.» 2017 testeten sie den Markt, indem sie an einer Messe Hanf-Snacks anboten. Sie bewarben sich bei einem Startup-Förderprogramm. Es folgten Coachings und ein Crowdfunding, bei dem 120’000 Franken zusammenkamen. «Nun mussten wir liefern: Im Frühjahr 2018 verkauften wir erstmals Hanf-Öl, -Samen und -Pulver in unserem Online-Shop sowie in einigen ersten Spezialitätenläden, Reformhäusern und an Food-Messen.» Mit Pioniergeist etablierten sie Hanf als nachhaltiges Bio-Superfood aus der Heimat. «Es brauchte Aufklärungsarbeit – viele dachten bei Hanf an Drogen und Verbote.» Nach personellen Wechseln und der Erweiterung ihres Sortiments um beispielsweise geschälte Hanfnüsse, Tee, und Eistee hat AlpenPionier seinen Sitz seit 2020 in Zizers. «Wir arbeiten aktuell zu dritt und kämpfen darum, unseren Umsatz auf eine Million Franken zu steigern.» «Es brauchte Aufklärungsarbeit – viele dachten bei Hanf an Drogen und Verbote.» Carlo Weber, Mitgründer Sie seien mit möglichen Partnern im Gespräch, um breiter Fuss zu fassen. Den Wunsch etwas Eigenes aufzubauen verspürte Weber bereits zu Beginn des Studium. «Wirklich vorbereiten auf so etwas kann dich aber niemand.» Sein Tipp für Entrepreneurinnen und Entrepreneure: Learning by doing. «Man muss Fehler machen, daraus lernen, alles geben, rausgehen und sein Produkt zeigen – der Markt ist knallhart und wartet auf niemanden.» Kathrin Reimann

Foodwaste vermeiden ist ein super Business-Case

Ob im Fernsehen, in Zeitungen oder auf Newsportalen: Wenn es um das Thema Foodwaste geht, kommt man um Claudio Berettas Expertise nicht herum. «Das geschieht automatisch, wenn man sich über zehn Jahre damit auseinandersetzt», sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter für Nachhaltigkeit und Foodwaste-Vermeidung im Ernährungssystem an der ZHAW. Seine wissenschaftliche Karriere startete er mit anderem Fokus: «Angetrieben vom Ziel, etwas Sinnvolles und praktisch Anwendbares zu studieren, interessierte mich die Humanmedizin.» Bald habe er realisiert, dass Gesundheit für Menschen auf einem kranken Planeten letztlich nicht möglich ist. So entschied er sich für ein Studium der Umweltnaturwissenschaften an der ETH. Seine Masterarbeit soll nicht in der Schublade verstauben, und so kommt er auf das Thema Foodwaste. «Ich sah die übervollen Bäckereien vor Ladenschluss, die Abfallcontainer der Lebensmittelgeschäfte, doch es fehlten Zahlen und Studien.» Kurz vor Abgabe seiner Arbeit erfährt er, dass ein Student der Universität Basel am selben Thema arbeitet. Kurzerhand gründen die beiden den Verein foodwaste.ch , der sich der Information und Aufklärung verschreibt. Beretta doktoriert über Umwelteffekte von Lebensmittelverlusten und deren Vermeidungspotenzial. Seit drei Jahren arbeitet der 37-Jährige in einem 70-Prozent-Pensum in der ZHAW-Forschungsgruppe für Lebensmitteltechnologie , hauptsächlich in angewandten Forschungsprojekten, daneben hält er Vorlesungen und begleitet Studierendenprojekte. Zu seinen Projekten zählt etwa die Umsetzung des Aktionsplans gegen Lebensmittelverschwendung des Bundes: Foodwaste soll in der Schweiz bis 2030 im Vergleich zu 2017 halbiert werden. «Wir betreiben Monitoring, schlagen Massnahmen vor und begleiten die Umsetzung. In Arbeitsgruppen diskutieren wir mit Nachhaltigkeitsbeauftragten grosser Unternehmen und anderen Akteuren.» Dies gebe Einblick ins interne Spannungsfeld von Firmen, das die ganze Bandbreite vom Pioniergeist bis zur Unbeweglichkeit aufzeige. Auch die Entwicklung eines Leitfadens für Mindesthaltbarkeitsdaten oder eines Modells zur Erfassung von Foodwaste und der entsprechenden Ökobilanz zählen zu Berettas Projekten. «Wenn man auf dem Feld mitarbeitet, ist die Wertschätzung gegenüber den Produkten höher.» Claudio Beretta Trotz seiner Expertise kann es im Privatleben vorkommen, dass in seiner WG in Zürich etwas Essbares im Abfall landet. «Nur selten, aber am meisten ärgere ich mich, wenn ich die Haltbarkeit eines Produktes unterschätze.» Er wirkt dem entgegen, indem er sein Gemüse von einer Landwirtschaftskooperative bezieht und sich dort hin und wieder auf dem Hof engagiert. «Wenn man auf dem Feld mitarbeitet, ist die Wertschätzung gegenüber den Produkten höher.» Zudem werde das Geerntete nach Bedarf verteilt und die Transportwege blieben kurz. «Am höchsten ist dabei die positive Glücksbilanz: Wenn ich Lebensmittel vor dem Verzehr begleite, schmecken sie um Welten besser.» Für die Konsumentinnen und Konsumenten sieht er ein grosses Potenzial im Konzept des Foodsharing: Private holen mit eigenen Behältern überflüssiges Essen da ab, wo es anfällt. Dann verteilen sie es dort, wo es gebraucht wird. Im Idealfall bei hilfsbedürftigen Personen oder einfach an Orten, wo es rechtzeitig gegessen wird. «Wer neben dem Konsum etwas Zeit aufbringt, um überschüssiges Essen zu verteilen, spart Geld und kann Menschen eine Freude machen und das Foodwaste-Problem lösen. Der Blick hinter die Kulissen schafft zudem Verständnis, warum nicht immer alles verfügbar sein kann», sagt Beretta. «Ich verstehe nicht, wieso die Politik noch nicht erkannt hat, was für ein super Business-Case die Vermeidung von Foodwaste ist: Jetzt zu investieren, schont Klima und Biodiversität und spart erst noch Geld.» Claudio Beretta Ihm ist aber klar, dass dazu ein kultureller Wandel stattfinden muss, denn viele Menschen hätten Hemmungen, überschüssiges Essen einzupacken. «Wenn wir uns der Diskrepanz zwischen unserem Überfluss und der teilweise extremen Armut im Ausland bewusst sind und unseren Einfluss darauf wahrnehmen, verschwinden die Hemmungen sofort.» Mit seinen Aussagen wolle er keinesfalls ein schlechtes Gewissen auslösen. «Vielmehr möchte ich vermitteln, dass wir Dankbarkeit und ein Gefühl für bescheidenes Verhalten entwickeln können, eben weil wir in diesem nicht selbstverständlichen Überfluss leben.» In seiner Freizeit bewegt sich Beretta gerne wandernd oder mit dem Velo in der Natur. Deshalb beschäftigt ihn die Biodiversitätskrise umso mehr, die sich auch darin zeige, dass derzeit täglich rund 130 Arten aussterben. Für die Biodiversitätskrise ist die Landwirtschaft durch den Einsatz von Pestiziden und Dünger massgeblich mitverantwortlich. «Ich verstehe nicht, wieso die Politik noch nicht erkannt hat, was für ein super Business-Case die Vermeidung von Foodwaste ist: Jetzt zu investieren, schont Klima und Biodiversität und spart erst noch Geld.» Er vermutet, dass es für weitere Aktionen von Politik und Staat erst existenzielle Katastrophen braucht. «Je schneller der Mensch entsprechende Ereignisse als Folgen des eigenen Handelns erkennt, umso weniger Opfer wird es in den nachfolgenden Generationen geben.» Nichtsdestotrotz: Blickt er auf die letzten zehn Jahre zurück, sieht er auch Positives: «Das Thema ist präsent und es existieren nationale Arbeitsgruppen, wo gemeinsam Lösungen gesucht werden. Vor zehn Jahren war Foodwaste noch kein Thema.» Bei der Vermeidung von Foodwaste sieht er ein Licht am Horizont. «Es ist noch zu schwach, aber es gibt Hoffnung und wächst.» Kathrin Reimann

Informieren, belohnen, schubsen

Den Kühlschrank wärmer stellen, die Kaffeemaschine ausschalten, dreimal tägliches Stosslüften und die Raumtemperatur senken – diese und weitere Tipps begegnen uns derzeit ständig. Damit sollen wir beitragen, dass die Schweiz nicht in eine Energieschieflage gerät. Der Geist ist dabei oft willig, aber umgesetzt werden die Massnahmen dann doch nicht. Was bringt uns also dazu, effektiv Energie zu sparen? Umweltpsychologin Cathérine Hartmann , die an der ZHAW in den Bereichen nachhaltige Mobilität, Ernährung, Konsum und Energieverbrauch forscht und lehrt, vergleicht die Energiesparsituation mit dem Maskentragen während der Corona-Pandemie: Einerseits sei das Thema relevant gewesen, weil es um Leben und Tod ging. Andererseits hing das Funktionieren der Gesellschaft davon ab, dass alle – oder zumindest sehr viele – mitmachten und letztendlich auch dazu verpflichtet wurden. «Es gilt, die Relevanz des Themas Energiesparen aufzuzeigen, aber auch die Konsequenzen des Nichtstuns – es muss klar sein, dass es dann andere Einschränkungen geben wird.» So könne mit den richtigen Argumenten jede Person motiviert werden. «Natürlich müssen diese Botschaften individuell angepasst werden – denn Personen befinden sich bezüglich ihres Wissens auf unterschiedlichen Niveaus.» Im Gegensatz zur Maskenpflicht ist das Energiesparen derzeit noch freiwillig – ein funktionierendes Konzept? Gemäss einer Studie von Jürg Rohrer , Leiter der ZHAW-Forschungsgruppe Erneuerbare Energien, eher nicht: Diese kommt zum Schluss, dass zwar durch sehr ambitionierte, freiwillige Entscheidungen die Treibhausgas-Emissionen einer durchschnittlichen in der Schweiz wohnhaften Person um etwas mehr als die Hälfte reduziert werden könnten. Bei realistischer Betrachtung kann aber höchstens ein Drittel dieser ambitionierten Massnahmen durch Eigenverantwortung umgesetzt werden, was die Wirkung auf etwa 20 Prozent der erforderlichen Reduktion limitiert. «Wir Menschen sind Gewohnheitstiere, um uns auf den richtigen Weg zu bringen, braucht es Anreize, Tipps reichen nicht.» Cathérine Hartmann, Umweltpsychologin Für die Umweltpsychologin ist ebenfalls klar: Nur auf die Eigenverantwortung zu setzen, funktioniert nicht. «Dies erfordert ein sehr hohes Mass an Verantwortungsbewusstsein, und die persönliche ökologische Norm muss stark ausgeprägt sein.» Doch das Leben verlaufe selten gradlinig, und so kämen wir uns immer wieder selber in die Quere. «Wir Menschen sind Gewohnheitstiere, um uns auf den richtigen Weg zu bringen, braucht es Anreize – es reicht nicht, Tipps zu publizieren.» Wie viel konsumiert wird, hängt auch vom Preis ab. Und da die Strompreise in der Schweiz stark steigen dürften, könnte auch das dazu beitragen, dass wir Energie sparen. Nina Boogen ist Umwelt- und Energieökonomin an der ZHAW und hat mit einer Forschungsgruppe über fünf Jahre lang den Stromverbrauch von 5000 Haushalten in der Schweiz untersucht . Mit dem Ergebnis: Steigt der Strompreis, sparen die Haushalte Energie. «Kurzfristig können Haushalte vor allem über ihr Verhalten auf eine Strompreiserhöhung reagieren. Langfristig sehr wirksam ist beispielsweise, den Kühlschrank zu ersetzen oder auf eine andere Heizung zu setzen», so Boogen. Letzteres funktioniere vor allem bei Wohneigentum, bei Mietwohnungen sehe es anders aus. «Mietende sparen nur dann Strom, wenn die Eigentümerin bereit ist, in neue, sparsamere Geräte zu investieren.» Die Eigentümerin davon zu überzeugen, Änderungen vorzunehmen, sei aufwendig und für Laien oft nicht einfach. «Zudem ist das Optimierungspotenzial nicht bei allen Haushalten gleich hoch: Wo viel konsumiert wird, kann einfacher gespart werden.» Ebenso weiss die Ökonomin, dass nicht alle Haushalte gleich preissensibel sind. «Viele können gar nicht einschätzen, wie viel der Einsatz von LED-Lampen oder das Einstellen des Kühlschranks auf sieben Grad bringt.» Nina Boogen, Umwelt- und Energieökonomin Dass wir uns plötzlich mit dem Strompreis auseinandersetzen, hat auch mit dem Bewusstsein zu tun. «Durch die Medienberichte und den Appell des Bundesrats ist das Thema in unseren Fokus gerückt.» Für Boogen fehlt dabei aber etwas Entscheidendes: «Das Wissen, welche Massnahme wie viel bringt.» Viele könnten gar nicht einschätzen, wie viel der Einsatz von LED-Lampen, das Lichtlöschen oder das Einstellen des Kühlschranks auf sieben Grad bringe. «In Sachen Klimaschutz ist es für Einzelpersonen schwierig einzuschätzen, ob sie nun lieber vegetarisch leben oder auf das Fliegen verzichten – vielfach wird der Einfluss kleiner Massnahmen überschätzt», so Boogen. ` Hartmann und Boogen sind sich hinsichtlich funktionierender Massnahmen für langfristig geringeren Energieverbrauch einig: Es braucht eine Kombination. Dazu gehören Eigenverantwortung, Information, Belohnungsanreize, Preisanpassungen und Beratungen. Den Menschen zu einem nachhaltigen Verhalten zu lenken, kann auch durch eine Art «schubsen» in die richtige Richtung geschehen – im Fachjargon spricht man von nudging: «Dies umfasst beispielsweise Kühlschränke, die vom Hersteller auf sieben Grad eingestellt sind, oder grünere Stromprodukte als Standardangebot.» Gemäss Hartmann kann dies auch von Organisationen genutzt werden, beispielsweise um die Gäste in der Mensa auf das vegetarische Essen zu lenken oder indem man den Lift so einstellt, dass er langsamer fährt. «So ist man mit der Treppe schneller und gesünder unterwegs, kann aber frei wählen, wie man in die oberen Stockwerke kommt.» Als wichtig erachtet die Umweltpsychologin auch das Gemeinschaftsgefühl: «Wenn wir als Gruppe oder Verein Energie sparen, sind wir viel mehr als der kleine Fisch im grossen Ozean.» Ebenso solle beim Energiesparen nicht von Verzicht oder Verlust gesprochen werden. «Rhetorisch ist es wichtig, den Gewinn zu betonen, beispielsweise dass wir auch in 30 Jahren noch ein gutes Leben für alle ermöglichen können.» Dies sei mindestens so relevant wie jetzt ein warmes Haus zu haben und macht einen angepassten Konsum nötig. «Aber leider bewerten wir viel stärker, was wir im Hier und Jetzt haben oder nicht haben – das sind unsere kognitiven Barrieren.» Kathrin Reimann

 Ab 55 spielend mit Stress umgehen

Scheinbar abgehärtet durch ein langes Erwerbsleben steht Herr Meier (fiktive Person), wie wir ihn hier nennen, vor der Pensionierung. Dennoch – sobald ihm seine Vorgesetzte neue Arbeiten überträgt, während sich unerledigte Aufgaben häufen und er zudem angehalten wurde, keine Überstunden zu leisten, reagiert er gestresst. Dies bestätigt ihm auch ein Gerät in der Grösse einer Aufbewahrungsbox für Kontaktlinsen, auf das er seine Daumen presst und so seine Herzfrequenz-Variabilität und damit seinen Stresshormonspiegel misst. Das Gerät bestätigt den starken Stress. Eine damit verbundene App auf dem Smartphone macht Herrn Meier Vorschläge, wie er sich unmittelbar entspannen kann. Er entscheidet sich für ein sogenanntes Serious Game, also ein Spiel mit ernsthaftem Lerninhalt, in diesem Fall zur Stressbewältigung. «Dieses kann diskret am Arbeitsplatz gespielt werden», sagt Verena Klamroth-Marganska, Leiterin des mHealthINX-Teilprojekts . Herr Meier sieht einen kleinen Tintenfisch, der ihn dazu auffordert, gleichmässig ein- und auszuatmen. «Oft sind es simple Spiele, die helfen. Und diese machen dann Sinn, wenn weder eine richtige Pause noch ein kurzer Spaziergang eingelegt werden kann», so die Professorin für Ergotherapie. Nach dem Spiel misst Herr Meier seinen Stresslevel erneut. Nach Feierabend führt er das Anti-Stress-Programm zu Hause fort, dann zieht sich Herr Meier eine Virtual-Reality-Brille an, taucht ein in eine traumhaft schöne Naturlandschaft, pflückt dort Früchte, erhält Anleitungen zur Stressbewältigung und schaut sich danach seine Werte der vergangenen Wochen an. «So sollen eine längerfristige Verhaltensänderung und ein besserer Umgang mit Stress erreicht werden.» «Studien zeigen, dass ältere Arbeitnehmende dank ihrer Erfahrung zwar gut mit Belastungen umgehen können, sie erholen sich aber weniger schnell von Stress», sagt Klamroth-Marganska. Stress führt bei Personen über 55 Jahren häufiger zu Folgekrankheiten wie Depressionen, Angstzuständen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und dies wiederum verursacht hohe Kosten: in Europa allein durch arbeitsbedingte Depressionen geschätzte 620 Milliarden Euro jährlich. An der Lösung dieses Problems arbeitet seit März 2020, unter der Leitung des Austrian Institute of Technology, ein Konsortium von zehn Organisationen mit Sitz in drei europäischen Ländern, darunter das Institut für Ergotherapie der ZHAW. Ziel ist es, mit dem digitalen Coach namens mHealthINX eine benutzerfreundliche Lösung zu entwickeln, um ältere Arbeitnehmende bei der Förderung und Stärkung ihrer psychischen Gesundheit zu unterstützen. Die Forschungsstelle Ergotherapie stellt dabei sicher, dass in jeder Phase des Projekts die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer einbezogen wird. Testende waren Erwerbstätige über 55 Jahren aus verschiedenen Branchen in der Schweiz und in den Niederlanden. Das Projekt läuft noch bis März 2023. Bis dann wird eine klinische Studie zur Usability und zum Nutzungsverhalten durchgeführt. Obwohl bereits zahlreiche Apps mit entspannenden Games existieren und auch Smart Watches den Stresslevel anzeigen, ist das Projekt einzigartig: «Der nutzerzentrierte und wissenschaftsbasierte Ansatz macht es aus, denn die existierenden Apps mit Entspannungsmethoden genügen oft den wissenschaftlichen Standards nicht.» Zudem umfasse mHealthINX verschiedene Komponenten: So können Arbeitnehmende mittels objektiver Sensoren wie auch subjektiver Instrumente, wie Selbstbeurteilung und Fragebögen, ihr Stressniveau messen, bewerten und verbessern. Eine Funktion, die «Betreuer» genannt wird, überwache den Gesamtfortschritt der Benutzenden bei der Stressbewältigung und zeige das kritische Stressniveau an. Eine andere Funktion, «Berater» genannt, unterstütze bei der Bewältigung akuter Stresssituationen und schlage personalisierte und kontextsensitive Interventionen vor. Ausserdem nutze das System Synergien verschiedener Technologien. In öffentlichen Umgebungen kommen unaufdringliche, GUI- (mit grafischer Benutzeroberfläche) und 2D-basierte Interventionen auf dem Mobiltelefon zum Einsatz. In sehr belastenden Situationen und eher privaten Umgebungen bietet mHealthINX innovative Virtual-Reality- und 3D-basierte Interventionen und Trainings zur stressfreien Bewältigung der täglichen Arbeit an. Nach Ablauf des Projekts soll der digitale Coach marktreif gemacht werden. «Drei Jahre sind für eine Entwicklung eine begrenzte Zeit und ein paar Baustellen sind noch offen», sagt Klamroth-Marganska. Wie bei vergleichbaren Produkten rechnet sie mit einer Entwicklungszeit von mehreren Jahren von der Idee bis zur Marktreife. Kathrin Reimann

Online solidarisiert – offline engagiert

Warum ist Social Distancing wichtig? Welche Berufe sind systemrelevant? Was umfasst Familienarbeit? Und wieso bleibt sie vorwiegend an Frauen hängen, selbst wenn sich beide Elternteile im Homeoffice befinden? Zahlreiche Diskussionen rund um diese Themen wurden während der Corona-Pandemie auf Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram oder Twitter geführt. Das Besondere an diesen Diskussionsprozessen ist: Einerseits beteiligten sich Personen, welche sich im alltäglichen Leben kaum – und während der Pandemie sowieso nicht – begegnen. Die Social-Media-Plattformen wurden so zu virtuellen Begegnungsorten, welche den physischen Austausch ersetzten und ihn von Raum und Zeit entkoppelten. «Ausserdem schwappten diese Diskurse aus dem Internet in die Öffentlichkeit über und wurden auf medialer und politischer Ebene weitergeführt», sagt Aleksandra Gnach. Gnach ist Professorin für Medienlinguistik mit Schwerpunkt Social Media am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft und erforscht seit vielen Jahren Mechanismen der Social-Media-Kommunikation und deren Einfluss auf öffentliche Diskurse. Der Fokus liegt auf Netzwerken und Communitys. «Die Menschen haben sich auf den Social-Media-Plattformen ausgetauscht und dabei ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Es ist nicht nur bei «Likes» geblieben – Personen, die nah beieinander wohnten, taten sich zusammen und organisierten untereinander Einkäufe, Kinderbetreuung oder Fahrten zur Arztpraxis.» «Die Menschen haben sich auf den Social-Media-Plattformen ausgetauscht und dabei ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt.» Aleksandra Gnach, Professorin Medienlinguistik am IAM Institut für Angewandte Medienwissenschaft Solche Gruppen – oder Communitys –, die durch Interaktionen auf Social-Media-Plattformen entstehen, sind ganz unterschiedlicher Natur. In den einen versammeln sich wenige Hunderte lokal um ein Hashtag oder ein Thema. Andere bestehen aus mehreren Zehntausenden, welche sich über grosse Distanzen hinweg vernetzen. Zu den von Gnach beobachteten Communitys zählen unter anderem die Facebook-Seite «Gärn gschee – Basel hilft» oder die Website «hilf-jetzt.ch». Auf Letzterer haben sich während der Pandemie bis zu 200`000 Freiwillige in über 1200 Gruppen zusammengetan, um selbst organisierte Nachbarschaftshilfe zu initiieren, zu koordinieren und zu unterstützen und so wesentlich zur Krisenbewältigung beizutragen. Nun, da Corona wieder in den Hintergrund gerückt ist, haben die Betreiberinnen und Betreiber der Website das Projekt nicht aufgelöst, sondern es an das Schweizerische Rote Kreuz zur längerfristigen Betreuung übergeben, damit es auch bei zukünftigen Krisensituationen für die zivile Ad-hoc-Hilfe eingesetzt werden kann. «Von den Mechanismen von Social-Media-Plattformen könnten Unternehmen sehr viel lernen.» Aleksandra Gnach, Forscherin im Gebiet Social-Media-Kommunikation Die Facebook-Seite «Gärn gschee – Basel hilft» hat sich in einem fliessenden Übergang von einer Corona-Hilfe-Community zu einer Gruppe mit Vernetzung, Hilfestellung und Know-how-Austausch zum Thema Ukraine gewandelt. «Die Mitglieder sammeln Dinge, die benötigt werden, tauschen sich zum Thema Unterricht aus oder bieten Hilfestellung und Informationen im Umgang mit ukrainischen Gastfamilien an», so Gnach. Dabei überwindet die Gruppe die im Namen suggerierte Ortsgrenze Basel bei Weitem: «Das gemeinsame Thema verbindet Gleichgesinnte aus der ganzen Welt. Jede und Jeder kann sich einbringen. Auch Personen aus der Ukraine sind Teil der Community.» Zahlreiche andere Gruppen und Projekte wurden nicht aufgelöst, sondern haben weiterhin einen realen Einfluss. Für die Professorin ist klar: Communitys können sehr viel in der Gesellschaft bewirken und sollten keinesfalls unterschätzt werden. Auch die von vielen verpönten oder belächelten Social-Media-Plattformen wurden durch die Solidaritätsaktionen während der Pandemie teilweise wieder als nützlicher wahrgenommen – viele Userinnen und User mieden sensationslüsterne und politische Inhalte und konzentrierten sich stattdessen auf den Aufbau von Hilfsnetzwerken. «Von den dahinterliegenden Mechanismen könnten Unternehmen sehr viel lernen», sagt Gnach, die im CAS Community Communication zu diesem Thema lehrt. Während die klassische Social-Media-Kommunikation im Unternehmenskontext vor allem darauf abziele, durch Inhalte Reichweite zu erzielen, gehe es bei Community Communication um den Aufbau und die Pflege langfristiger Beziehungen zu unterschiedlichen Stakeholdern. «Communitys ermöglichen es Unternehmen, mit ihren Zielgruppen auf einer emotionaleren und persönlicheren Ebene zu interagieren. So können sie ein tieferes Verständnis für die Bedürfnisse und Vorlieben der Zielgruppen erlangen und langfristige Beziehungen aufbauen, die sich positiv auf das Sozialkapital auswirken.» Auch für Journalistinnen und Journalisten ist der Wert von Communitys nicht zu unterschätzen: «Ihnen eröffnen sich neue Perspektiven auf Themen und Kontakte über geografische und soziale Grenzen hinaus.» Kathrin Reimann

  • 1
  • 2
  • »
  • Impressum
  • Datenschutzerklärung
  • Netiquette
  • Cookies
© ZHAW
  • Home

  • Rubriken

    • Editorial

      Vorwort der Chefredaktion

    • Alumni

      Was ZHAW-Absolventinnen und -Absolventen heute machen

    • Menschen

      Wir schauen Forschenden und Dozierenden über die Schulter

    • Dossier

      Das Schwerpunktthema jeder Ausgabe

    • Forschung

      Neues aus der ZHAW-Forschung

    • Studium

      Einblick in Studienangebote

    • Interview

      Fachleute diskutieren

    • Spotlight

      Umfragen zu den Schwerpunktthemen

    • Meinung

      Standpunkte von ZHAW-Angehörigen

    • Panorama

      Vermischtes aus dem Campusleben

    • Perspektivenwechsel

      Blick nach aussen und von aussen auf die ZHAW

    • Abschlussarbeiten

      Bachelor- und Masterarbeiten im Kurzporträt

  • Suche

  • Archiv

  • Vorherige Ausgabe

  • Über das ZHAW-Impact und die ZHAW

Schliessen