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Bäume und Photovoltaik für mehr Diversität

Baumreihen mitten in einem Weizenfeld – das war früher ein vertrauter Anblick. Doch mit der heutigen intensiven Landwirtschaft und der maschinellen Bearbeitung mussten die Bäume fast überall weichen. In letzter Zeit erlebt das Anbaumodell, das mittlerweile den Namen Agroforst erhalten hat, aber ein Revival. «Das Interesse wächst stetig, nicht zuletzt wegen der sich verändernden klimatischen Bedingungen», sagt Mareike Jäger , Leiterin der Forschungsgruppe Regenerative Landwirtschaftssysteme am Departement Life Sciences und Facility Management in Wädenswil. Zusammen mit der Interessengruppe Agroforst betreut das Dreierteam Landwirtschaftsbetriebe, die mit dem Modell experimentieren, und sammelt Erfahrungen, die es interessierten Forschenden, Studierenden und Bauern zum Beispiel in einem Podcast zugänglich macht. Zu diesen Tipps gehört etwa, dass die Baumreihen in einem genau berechneten Abstand gepflanzt werden müssen, damit der Landwirt mit dem Mähdrescher zwischendurch fahren kann. Oder, dass mit einem geeigneten Schnitt erreicht werden kann, dass die Bäume mehr in die Höhe wachsen als in die Breite und nicht zu viel Schatten werfen. Denn Agroforst hat diverse Vorteile: Die Bäume halten mehr Feuchtigkeit im Boden und dienen als Windschutz. Nicht zuletzt verändern Bäume das Mikroklima und deren Wurzeln verbessern den Humusaufbau, was die Fruchtbarkeit erhöht und dem Klimaschutz dient. Gleichzeitig fördern Mischkulturen mit den richtigen einheimischen Baumarten die Artenvielfalt. «Durch die häufigeren Hitze- und Trockenperioden sind viele Bauern offen für alternative Ansätze», sagt Jäger. Das Konzept eigne sich zudem für verschiedene Betriebsmodelle und Höhenlagen. So werden in den Berggebieten Hecken rund um die Felder gepflanzt, die Ziegen und Schafen als Futter dienen. «Der landwirtschaftliche Ertrag hat eine höhere Priorität als die Stromproduktion.» Matthias Baumann, Forschungsgruppe Regenerative Landwirtschaft Agroforst ist ein wichtiges Element der Regenerativen Landwirtschaft, deren Ziel ein nachhaltiger, bodenerhaltender Anbau ist. Es sollen nicht mehr Ressourcen verbraucht werden als nachwachsen und darüber hinaus auch neue aufgebaut werden. Um dies zu erreichen, kommt ein bunter Strauss an Massnahmen infrage, darunter etwa der Einsatz von Kompost und Pflanzenkohle anstelle von Mineraldünger, eine schonende Bodenbearbeitung, Alternativen zu Pestiziden, die Reduktion von Kraftfutter in der Tierhaltung sowie Futterzusätze, die den Methanausstoss verringern, oder elektrische Antriebe statt Dieseltraktoren. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt des Teams ist die sogenannte Agri-Photovoltaik. Hoch oben auf dem ZHAW-Campus Grüental in Wädenswil mit Blick auf den Zürichsee wird diesen Sommer ein Versuchsfeld angelegt mit Solarpanels über den Gemüsereihen. In Zusammenarbeit mit der Forschungsgruppe Erneuerbare Energien werden bewegliche Panels aufgestellt, die sich nach dem Sonnenstand ausrichten. Sie können ihre Position auch je nach Witterung oder Reifestadium und Lichtbedarf der Kultur verändern. «Der landwirtschaftliche Ertrag hat höhere Priorität als die Stromproduktion», betont Matthias Baumann , ebenfalls Mitglied der dreiköpfigen Forschungsgruppe Regenerative Landwirtschaft . Mit einer smarten Installation ergebe sich aber sogar ein Zusatznutzen für den Anbau von Lebensmitteln: Die Panels schützen vor Hagel, Regen, Verdunstung und Hitzestress. Lichtdurchlässige Module könnten zudem die Folien ersetzen, die dem Schutz von Gemüse- und Obstkulturen dienen, oder auch auf Treibhäusern zum Einsatz kommen. «Wenn es gelingt, die Landwirtschaft klimafreundlicher zu machen, ist das schon ein grosser Fortschritt.» Mareike Jäger, Leiterin der Forschungsgruppe Regenerative Landwirtschaftssysteme Gemäss einer Machbarkeitsstudie der ZHAW ist das Potenzial der Agri-Photovoltaik in der Schweiz sehr gross. Bei einem prognostizierten künftigen Strombedarf von 80 Terawattstunden pro Jahr könnten dereinst rund 10 Prozent von Äckern, Obstanlagen oder Weinbergen stammen. Die Studie berücksichtigt dabei, dass die Zulassung von Photovoltaikanlagen in geschützten Landschaften nicht zulässig ist und die Distanz zum Stromnetz nicht allzu gross sein darf. Die Forschungsgruppe beteiligt sich zudem zusammen mit anderen Hochschulen aus zwölf Ländern am EU-Projekt Agromix . Mit verschiedenen agrarökologischen Lösungen soll die widerstandsfähige und effiziente Landnutzung in Europa vorangetrieben werden. Agroforstsysteme mit Bäumen oder Hecken spielen dabei ebenso eine Rolle wie neue Technologien – zum Beispiel Jätroboter – oder günstige Fruchtfolgen. Letzteres sei hierzulande zwar seit jeher die Norm, sagt Mareike Jäger, in grossen Agrarstaaten jedoch längst nicht selbstverständlich. Auf den riesigen, einseitig ausgerichteten Betrieben Frankreichs, Deutschlands oder Hollands zum Beispiel bestehe auch oft ein Ungleichgewicht zwischen Ackerbau und Tierhaltung. So muss Dünger über viele Kilometer von einer Schweinezucht oder einem Milchbetrieb in ein Ackerbaugebiet transportiert werden. In der kleinräumigen Schweiz dagegen sind die meisten Höfe diversifizierter. Im Rahmen des Agromix-Projektes, an dem 28 Partner mitarbeiten, hat die ZHAW eine Datenbank erarbeitet. Auf einer interaktiven Karte werden gelungene Agroforst-Projekte dargestellt sowie Beispiele von Mixed Farming – also der Kombination von Ackerbau und Tierhaltung. Darüber hinaus begleitet die ZHAW-Forschungsgruppe das Projekt Klima­neutrale Landwirtschaft Graubünden. Seit 2021 testen 50 Pilot­betriebe noch bis 2025 verschiedene Massnahmen in den Bereichen Tierhaltung, Pflanzenbau, Energieproduktion und -verbrauch. Das Versprechen, in diesem Zusammenhang Klimaneutralität zu erreichen, sei vielleicht etwas hoch gegriffen, räumt Mareike Jäger ein. «Doch wenn es gelingt, die Landwirtschaft klimafreundlicher zu machen, ist das schon ein grosser Fortschritt.» Andrea Söldi

Flexibler geplant, weniger erschöpft

Sie hetzen. Von Patient zu Patientin, von Bett zu Bett, von Schicht zu Schicht. Die Kaffeepausen gestrichen, die Überstunden häufen sich. Für viele Gesundheitsfachkräfte ist das Realität. Eine Realität, die seit Jahren auch in Studien abgebildet wird – kürzlich etwa in «The Great Resignation – Why Women Health Workers Are Leaving». Der Bericht der Bewegung «Women in Global Health» (WGH) spricht von einem globalen Gesundheitsnotstand, weil die vornehmlich weiblichen Fachkräfte resigniert ihren Beruf aufgeben. Allein in den USA beabsichtigt etwa jede fünfte Pflegefachkraft, dem Gesundheitswesen bis 2027 den Rücken zu kehren. Die Corona-Pandemie hat den Exodus laut der WGH noch befeuert: Insbesondere weibliche Health Professionals seien unter extremem Stress gestanden und hätten zusätzlich die Belastung durch unbezahlte Care- und Hausarbeit getragen. Doch bereits vor der Pandemie gingen viele Gesundheitsfachkräfte auf dem Zahnfleisch – auch in der Schweiz. So zeigten Umfragen der Gewerkschaft Unia im Jahr 2019, dass sich 86 Prozent der befragten Pflegefachkräfte müde und ausgebrannt fühlten. Der Politik ist das Problem zumindest mit Blick auf die Pflege bewusst: Ab Mitte 2024 soll mit einer Ausbildungsoffensive – Bestandteil der 2021 angenommenen Pflegeinitiative – der Fachkräftemangel bekämpft werden. Doch es dürfte Jahre dauern, bis die Offensive sowie weitere Massnahmen der Initiative ihre volle Wirkung entfalten. Was also tun, damit bis dahin nicht noch mehr Pflegende erschöpft den Beruf aufgeben? Antworten auf diese Frage findet man unter anderem bei Spitälern, die als Arbeitgebende besonders attraktiv sind. Laut Maria Schubert vom ZHAW- Institut für Pflege zeichnen sich solche Magnetspitäler durch einen angemessenen Personalschlüssel sowie eine Arbeitskultur aus, «in der die Pflege eine Stimme hat und aufeinander geschaut wird». Das bedeute einerseits Autonomie und eine interprofessionelle Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Und anderseits, dass «die Leitung dem Personal bezüglich der Arbeitsbelastung regelmässig den Puls nimmt». «In den meisten Spitälern ist die Planung jedoch sehr starr und nimmt kaum Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse.» Maria Schubert, Institut für Pflege Einen wichtigen Beitrag für mehr Erholung bei der Belegschaft kann auch die Arbeitsplanung leisten: Eine Studie, an der Maria Schubert beteiligt war, zeigte 2018 auf, dass eine flexiblere Planung die emotionale Erschöpfung beim Spitalpflegepersonal reduziert. «In den meisten Spitälern ist die Planung jedoch sehr starr und nimmt kaum Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse», erläutert Schubert. Sie ist überzeugt: Mit den heutigen technologischen Mitteln könnte die Planung deutlich flexibler und bedürfnisgerechter erfolgen. «Die Pflegenden könnten ihre Schichtpräferenzen im System eintragen, Künstliche Intelligenz würde daraufhin die komplexe Planung übernehmen.» Doch statt in bessere Arbeitsbedingungen zu investieren, entwickeln sich viele Spitäler und Kliniken in die entgegengesetzte Richtung. «Der Druck aufs Personal hat sich weiter erhöht», sagt die Pflegeexpertin. Zu den Gründen gehörten fortlaufende Sparbemühungen, aber auch die immer früheren Austritte der Patientinnen und Patienten, die zu einem höheren Durchlauf führen – und damit zu mehr Betreuungsarbeit und einem grösseren administrativen Aufwand. Solche Entwicklungen erhöhen das Risiko zusätzlich, «dass die Überlastung zum Dauerzustand wird», so Schubert. Das führe zu Frust, weil die Zeit für eine angemessene Betreuung fehle. Zudem könnten sich die Pflegenden nicht mehr ausreichend erholen. «Das wirkt sich auch negativ auf die Versorgungsqualität aus.» Mit einfachen Massnahmen wie einer flexibleren Arbeitsplanung liesse sich die Situation auch bei den Hebammen verbessern. Wie Pflegende arbeiten auch sie meistens in Schichten. Und wie diese haben sie eine hohe Arbeitsbelastung und einen grossen Anteil an Berufsaussteigerinnen. Einer der Hauptgründe dafür ist die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, wie eine Studie unter Beteiligung des ZHAW-Instituts für Hebammenwissenschaft und reproduktive Gesundheit (IHG) 2021 ergab. «Die Schichtarbeit ist eine Belastung, vor allem die Nachtschichten zehren an der Substanz», sagt Co-Autorin Susanne Grylka . Das Bedürfnis, sich in der Freizeit auszuruhen, sei hoch, da bleibe wenig Zeit und Energie für ein Privat- und Sozialleben. Für die Forschungsleiterin am IHG müssten Hebammen die Schichten viel autonomer planen können. Stattdessen vergraule man sie vielerorts mit einem von oben verordneten Arbeitsplan, der nicht ihren Bedürfnissen entspreche. «Es gab in den letzten Jahren in verschiedenen Regionen der Schweiz Hinweise auf einen Hebammenmangel.» Susanne Grylka, Institut für Hebammenwissenschaft und reproduktive Gesundheit An anderer Stelle wurden laut Susanne Grylka dagegen Massnahmen ergriffen, um die Belastung zu reduzieren. So hätten gewisse Spitäler etwa die zeitliche Kompensation für Nacht- und Wochenendschichten über das gesetzliche Mindestmass hinaus erhöht. Das sei richtig und wichtig, es müsse aber noch mehr getan werden, so Grylka. Denn: «Es gab in den letzten Jahren in verschiedenen Regionen der Schweiz Hinweise auf einen Hebammenmangel.» Im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der Hochschule Genf sowie eines Denkraums am IHG geht sie diesem Mangel nach. «Wir möchten einen besseren Überblick über sein Ausmass und seine Ursachen erhalten.» Es sollen aber auch jene Faktoren identifiziert werden, die dazu beitragen, dass sich Hebammen genügend erholen können, zufriedener sind und im Beruf verbleiben. «Diese Daten sollen der Politik und den Spitälern als Grundlage dienen, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern.» In der Ausbildung von Gesundheitsfachpersonen wiederum wird versucht, diese bestmöglich auf die herausfordernden Arbeitsbedingungen vorzubereiten. Das beginnt schon bei der Eignungsabklärung fürs Studium, etwa beim Bachelor Hebamme am IHG. «Wir schildern den Bewerberinnen, was sie im Beruf erwartet – auch mit Blick auf Schichtarbeit», sagt Cynthia Meili, Dozentin und Modulverantwortliche. Gewisse Belastungen seien in dem Beruf unumgänglich. «Geburtshilfe ist oft nicht planbar, sie erfordert viel Flexibilität und Einsatzbereitschaft.» Im Bachelor seien deshalb Angebote zur Stärkung der Resilienz und Selbstfürsorge fest im Lehrplan integriert. «Die Studentinnen eignen sich Strategien an, wie sie mit Stress und schwierigen Situationen im Berufsalltag besser umgehen und gesundheitsfördernde Ressourcen ausbauen können.» Tobias Hänni

Lernen, die begrenzte Kraft einzusetzen

Monate nach einer überstandenen Corona-Infektion leiden viele immer noch unter Langzeitfolgen wie Fatigue (Müdigkeit), Kurzatmigkeit und kognitiven Problemen. Das Bundesamt für Gesundheit bezeichnet dies als Post-Covid-19-Erkrankung, in Anlehnung an die Weltgesundheitsorganisation WHO. Andere sprechen von Long Covid. Fest steht: Die Betroffenen sind in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkt und fallen oft längere Zeit aus. Bisher über 5000 Anmeldungen bei der Invalidenversicherung IV belegen das Problem. «Es sind Menschen wie du und ich, die ihren normalen Alltag zurückhaben möchten – mit Arbeit, Familie, Freizeit und Kontakten.» Michael Sy, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ergotherapie Michael Sy , Ergotherapeut und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ergotherapie der ZHAW, betont, dass es sich nicht um Spitalpatientinnen oder -patienten einer Reha-Klinik handelt: «Es sind Menschen wie du und ich, die ihren normalen Alltag zurückhaben möchten – mit Arbeit, Familie, Freizeit und sozialen Kontakten.» Um die Rückkehr zu unterstützen, sichtet der Ergotherapeut in einem Forschungsprojekt systematisch das vorhandene Wissen seiner Fachdisziplin. Er hat fast 30 internationale Studien ausgewertet und veröffentlicht die Resultate demnächst. Zwei Erkenntnisse lassen sich laut Michael Sy bereits nennen. Erstens sollte die Wiedereingliederung von Menschen mit Post-Covid als Prozess betrachtet werden, der verschiedene Bereiche berücksichtigt. Es geht nicht nur starr darum, an den alten Arbeitsplatz zurückzukehren, sagt er. Möglicherweise sind Anpassungen am Arbeitsplatz, eine Umschulung, ein Jobwechsel oder Massnahmen zur Entlastung im Privatleben und zur Förderung sozialer Teilhabe erforderlich, damit eine Reintegration gelingt. Zweitens ist eine breit gefasste Begleitung für die Betroffenen am hilfreichsten. Neben Gesundheitsfachkräften können Sozialarbeitende, Lehrpersonen, Versicherungsfachleute, Job Coaches oder auch die gemeinnützige Gartengruppe im Quartier Teil des Unterstützungsnetzwerks sein. Die Ergotherapie spielt eine wichtige Rolle. Sie kann den Betroffenen helfen, trotz eingeschränkter Gesundheit so handlungsfähig wie möglich zu bleiben oder wieder zu werden. Ein Beispiel dafür ist die Energiemanagement-Schulung, die im Therapie-, Trainings- und Beratungszentrum Thetriz auf dem Campus des ZHAW- Departements Gesundheit in Winterthur angeboten wird. In diesem wissenschaftlich evaluierten Konzept lernen Menschen mit Fatigue, «wie sie haushälterisch mit ihrer Energie umgehen und ihre begrenzte Kraft effektiv einsetzen können». Das sagt Maren Kneisner, Ergotherapeutin, Psychologin und Dozentin. Sie arbeitet im Thetriz mit und ermöglicht Studierenden Einblicke in die Praxis. «Die Schulung findet in der Regel in Gruppen statt, um die Betroffenen zu ‹empowern› und den Austausch von Erfahrungen zu fördern.» Maren Kneisner, Ergotherapeutin, Psychologin und Dozentin an der ZHAW Die Energiemanagement-Schulung wird ärztlich verordnet. Es sind unterschiedliche Menschen mit Post-Covid, die sie in Anspruch nehmen, von der gestandenen Hausärztin über den Handwerker bis zur 17-jährigen Schülerin. Einige sind krankgeschrieben, andere tasten sich mit reduziertem Pensum wieder an die Arbeit heran. Die Schulung findet in der Regel in Gruppen statt, «um die Betroffenen zu ‹empowern› und den Austausch von Erfahrungen zu fördern», wie Maren Kneisner sagt. Sie beschäftigen sich mit Strategien, um im Alltag Energie einzusparen, etwa im Gestalten von Pausen oder beim Vereinfachen von Aufgaben. So erleichtert jetzt ein Stehhocker einer im Verkauf tätigen Frau die Arbeit. Da die Post-Covid-Symptome nicht sichtbar sind, lernen die Betroffenen in der Schulung zudem, ihre Bedürfnisse auszudrücken und auf Vorbehalte zu reagieren, etwa wenn sie gefragt werden, warum sie schon wieder müde seien. Einige kommen zur Einzeltherapie ins Thetriz, so auch die erwähnte Kanti-Schülerin. Fast zwei Jahre nach ihrer Corona-Infektion kämpft sie immer noch mit den Folgen. Für sie geht es laut Maren Kneisner auch darum, welche Massnahmen und Ausgleichsregelungen als Unterstützung erforderlich sind, damit sie ihre schulische Ausbildung fortsetzen kann. In anderen Fällen werden die Arbeitgebenden einbezogen, teilweise finanziert die IV die berufliche Wiedereingliederung. Im Gegensatz zu anderen Krankheiten wie Multipler Sklerose, bei denen ebenfalls Fatigue auftritt, mangelt es bei Post-Covid noch an Wissen über Ursachen, Verläufe und Therapien. «Die unsichere Perspektive und die Konfrontation mit Vorurteilen belasten die Betroffenen sehr», weiss die Expertin der ZHAW. Was Hoffnung gibt: Die Mehrheit jener, die an der Energie-Schulung im Thetriz teilgenommen haben, konnte an die Arbeit zurückkehren oder mit einer begleiteten Reintegration starten. Susanne Wenger

Wissen aus früheren Pandemien nutzen

Masken tragen, Abstand halten, Hände waschen, Räume lüften: In der Corona-Pandemie ging es in der Schweiz plötzlich wieder um Massnahmen, wie sie gut hundert Jahre zuvor bei der verheerenden Spanischen Grippe von 1918 bis 1920 Thema waren. Die Spanische Grippe gilt in der Schweiz immer noch als die schlimmste demografische Katastrophe des 20. Jahrhunderts . Nach ihr verursachte kein Influenzavirus mehr eine derart hohe Sterblichkeit: Die Asiatische Grippe (1957), die Hongkong-Grippe (1968) und die Russische Grippe (1977) verliefen relativ glimpflich. Dasselbe gilt für Sars (2003) und die Schweinegrippe (2009). «Covid-19 zwang uns, Erfahrungen aus vergangenen Pandemien wieder aufzugreifen und das, was wir vergessen hatten, neu zu überdenken», sagt Wibke Weber , Professorin für Medienlinguistik an der ZHAW. Sie gehört zu einem Projektteam der Universität Zürich und der ZHAW, das Wissen über frühere Pandemien sammelt, aufbereitet und zugänglich macht. Die Forschenden wollen damit eine «Katastrophen-Gedächtnislücke» der Schweiz füllen. Die Lücke bestehe, weil die Pandemien zwischen Spanischer Grippe und Corona hierzulande glimpflich verlaufen seien. Erkenntnisse aus früheren Pandemien sind aber «äusserst wertvoll», unterstreicht Wibke Weber. Sie können das Bewusstsein schärfen und im Hinblick auf künftige Pandemien dafür sorgen, dass die Schweiz besser vorbereitet ist. Bereits hat das Forschungsteam Daten, etwa zur Sterblichkeit, auf einer Website veröffentlicht. Nun ist es auf der Suche nach persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen aus früheren Pandemien – von Zeitzeuginnen, Zeitzeugen und deren Nachkommen, die etwas über die Pandemien von 1918 oder 1957 erzählen können oder die aus Tagebüchern oder alten Briefen etwas darüber wissen. Die Erzählungen sollen als Video- oder Audiointerview auf der Projektwebsite publiziert werden. Wibke Weber: «Durch die Verknüpfung von Daten und Interviewaussagen kann die Pandemiegeschichte noch lebendiger gemacht werden.» Informationen und Kontakt Das Foto oben von November 1918 zeigt ein Notspital im Tonhalle-Pavillon in Zürich, wo grippekranke Soldaten behandelt wurden. Quelle: Schweizerisches Nationalmuseum, Inventarnummer LM-102737.46 Susanne Wenger

Arbeitsstress: Schon kleine Anpassungen haben grosse Effekte

Und plötzlich geht gar nichts mehr. Ihr ganzer Körper fühlt sich bleischwer an. Einen Schritt zu machen: unmöglich. Weshalb nochmals war sie hier, wohin hatte sie gehen wollen? Und warum konnte sie sich nicht mehr bewegen? Es ist ein Frühsommerabend im Jahr 2019, als Jasmin Schmid vor einem Supermarkt in Winterthur steht, zwei volle Einkaufstaschen neben sich, und all ihre Kraft verliert, jeglichen Halt, das Gefühl für Raum und Zeit. Wie lange sie handlungsunfähig dasteht, weiss sie nicht mehr, irgendwann ist es dunkel. Erst der Anruf ihres Mannes reisst sie aus der Erstarrung. «Das war der Tiefpunkt, der sich schon lange angekündigt hatte», sagt Jasmin Schmid heute. Die Sozialarbeiterin, die eigentlich anders heisst, wurde krankgeschrieben. Diagnose: Erschöpfungsdepression. Zum Zeitpunkt ihrer Erkrankung hatte Jasmin Schmid als Berufsbeiständin im Kindesschutz gearbeitet. «Wir hatten unter dem Strich zu viele Fälle für zu wenig Beistandspersonen», sagt sie. «Ich habe mich stark engagiert und Arbeit nach Hause genommen.» Eine Zeit lang funktionierte das irgendwie. Und sie funktionierte – irgendwie. Obwohl sie immer schlechter schlief, weil sie die Fälle auch nachts beschäftigten, obwohl ihr tagsüber oft schwindlig war. Mit ihrer Erschöpfung, die in der Depression gipfelte, ist Jasmin Schmid nicht allein. So zeigen die aktuellen Ergebnisse des «Job-Stress-Indexes», einer wissenschaftlichen Untersuchung der Gesundheitsförderung Schweiz: Fast ein Drittel der Arbeitnehmenden fühlt sich ziemlich bis sehr stark emotional erschöpft. So viele wie noch nie seit Beginn der Erhebung im Jahr 2014. Soziale Berufe wie jener von Jasmin Schmid gelten als emotional besonders herausfordernd und bergen ein erhöhtes Risiko, auszubrennen. Was also können Arbeitnehmende in diesen Berufsfeldern tun, um psychisch gesund zu bleiben? Mit dieser Frage beschäftigt sich Natalie Spalding , Dozentin am Departement Soziale Arbeit . Sie leitet einen CAS zum Thema Selbstmanagement und sieht darin einen Schlüssel, um mit Belastungen umzugehen. Der Begriff Selbstmanagement töne zunächst etwas technisch, sagt sie. «Aber das Wort Management impliziert etwas Wichtiges: Dass wir Handlungsspielraum haben, wenn es um Stress geht.» Das heisst: Wir können die individuelle Resilienz steigern, also die psychische Widerstandsfähigkeit. Und wir können lernen, herausfordernde Situationen im Berufsleben besser zu meistern. «Möchten wir unser Selbstmanagement verbessern, müssen wir zuerst eigene Bedürfnisse erkennen.» Natalie Spalding, Departement Soziale Arbeit Ein gutes Selbstmanagement bedeutet laut Natalie Spalding, das Arbeitsleben bewusst, eigenverantwortlich, werte- und bedürfnisorientiert zu gestalten. «Möchten wir unser Selbstmanagement verbessern, müssen wir zuerst eigene Bedürfnisse erkennen.» Ein Thema, das häufig auftauche, sei Informationsmanagement: der Umgang mit auf uns einprasselnden Nachrichten. Hier könne es sich zum Beispiel lohnen, zu überlegen, ob das Mailprogramm ständig geöffnet sein müsse. «Wichtig ist dann, zu reflektieren, was hinter gewissen Mustern steckt. Bei diesem Beispiel könnte es der Glaubenssatz sein, dass wir ständig erreichbar sein müssen», sagt Natalie Spalding. Einmal erkannt, werden die Stressfaktoren angegangen. Mails können etwa gezielt nur noch zwei Mal täglich abgerufen werden. Ebenfalls wichtig für ein gutes Selbstmanagement: richtige Pausen zu machen, diese als Ausgleich zum Tagesrhythmus zu gestalten und sich klar darüber zu werden, was man als Pause braucht – Ruhe, Gesellschaft, Bewegung oder Entspannung. «Oftmals erzielen kleine Anpassungen in der Tagesgestaltung und der inneren Haltung schon beachtliche Effekte», sagt die Dozentin. Nicht nur Arbeitnehmende können Stress und Belastungen reduzieren. Auch Arbeitgebende sind hier gefordert. «Es ist wie bei einer Waage», sagt Irene Etzer-Hofer , Leiterin der Fachstelle Betriebliches Gesundheitsmanagement am ZHAW- Departement Gesundheit . «Wenn auf der einen Seite die Belastungen bei der Arbeit zunehmen, können wir zwar auf der anderen Seite die individuellen Ressourcen der Arbeitnehmenden stärken. Aber irgendwann reicht das nicht mehr für eine Balance.» Deshalb sei zentral, dass sich Betriebe aktiv für gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen engagieren. «Es braucht eine Unternehmenskultur, welche die rasanten Veränderungen der Arbeitswelt mit passenden Massnahmen aufgreift.» «Es sollten erstens gesunde Rahmenbedingungen geschaffen werden, zum Beispiel mit flexiblen Arbeitsformen für eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.» Irene Etzer-Hofer, Leiterin der Fachstelle Betriebliches Gesundheitsmanagement Damit Betriebliches Gesundheitsmanagement wirksam und nachhaltig ist, benötige es Massnahmen auf mehreren Ebenen. «Es sollten erstens gesunde Rahmenbedingungen geschaffen werden, zum Beispiel mit flexiblen Arbeitsformen für eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.» Zweitens müssten mit Massnahmen im Bereich der Personal- und Führungsentwicklung auch die arbeitsbezogenen Kompetenzen der Mitarbeitenden gestärkt werden. Das heisst etwa, die Mitarbeitenden werden unterstützt im Umgang mit der digitalen Transformation. «Und schliesslich sind auch klassische Angebote zur Förderung der Gesundheitskompetenzen wichtig. Diese haben einen positiven Einfluss auf alle Lebensbereiche», sagt Irene Etzer-Hofer. Gemeint sind damit etwa psychologische Beratung oder Achtsamkeitskurse, wie sie auch an der ZHAW angeboten werden (siehe Box). Eine gute Teamkultur ist laut der Dozentin zentral. Sowohl wenn Mitarbeitende Anzeichen einer Erkrankung zeigen als auch wenn jemand nach einer Erkrankung wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert werden soll. Und: «Zur Verminderung des Risikos für schwierige Wiedereingliederungen empfiehlt sich oft die zielgerichtete Begleitung durch externe Organisationen», sagt Irene Etzer-Hofer. Bei Jasmin Schmid war die Wiedereingliederung zunächst nicht erfolgreich. Kaum zurück am Arbeitsplatz, war sie mit derselben Arbeitslast konfrontiert wie vor der Depression – nach erneuter Krankschreibung zog sie die Konsequenzen. Heute arbeitet die Sozialarbeiterin in einer Institution, die auf dasselbe Wert legt wie sie selbst: unter anderem auf die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden. Malolo Kessler

Exkursion in die Zukunft der Food-Branche

Klimawandel, schwindende Biodiversität, wachsende Weltbevölkerung – unser Ernährungssystem steht vor grossen Herausforderungen. Die Art und Weise, wie Lebensmittel produziert und konsumiert werden, muss sich ändern. Ein Ansatz sind dabei regenerative Lebensmittelsysteme. Statt in Wertschöpfungsketten interagieren hier die Akteurinnen und Akteure in Wertschöpfungsnetzwerken, um gesunde, genussvolle und klimapositive Nahrungsmittel bereitzustellen. Diese Netzwerke sollen dem Ökosystem mehr zurückgeben, als sie entnehmen, durch eine naturnahe und nachhaltige Lebensmittelproduktion oder durch Kooperationen von lokalen Konsumentinnen und Konsumenten mit Produzierenden. All dies soll letztlich auch zur Rettung unseres Planeten beitragen. Diesen ganzheitlichen Ansatz vermittelt das ZHAW-Masterprogramm Preneurship for Regenerative Food Systems (PREFS) im Modul 360°. Mit Regenerations-Expertin Denise Loga begeben sich Studierende auf eine Reise, um in die Welt von lokalen Lebensmittelunternehmen einzutauchen. Sie sollen erfahren, wie das Thema Regeneration in der Praxis konkret umgesetzt wird. «Es handelt sich um einen neuen Ansatz, ein Unternehmen aufzubauen und im Einklang mit den Prinzipen der Natur zu führen.» Denise Loga, Leiterin des Moduls 360° Den Höhepunkt im ersten Durchgang stellte die Exkursion in eine spezifische Region dar – diesmal nach Dornbirn in Vorarlberg. «Die Wahl fiel auf diese Region aufgrund persönlicher Kontakte zu dortigen Initiativen», sagt Loga. Zudem zeichne sich Dornbirn durch einen perfekten Mix aus Tradition und Innovation aus: Dort gebe es viele Leute, die sich engagieren, kooperieren, innovativ handeln und ein gutes Netzwerk gebildet haben, um regenerative Lebensmittelsysteme zu ermöglichen. Bereits im Vorfeld der Exkursion entschieden sich die 14 Studierenden für ein Unternehmen: Ein Biohotel, ein Restaurant, ein gemeinwohlorientierter Mittagstisch und ein regenerativer Landwirtschaftsbetrieb standen zur Wahl. «Vor Ort interviewten sie verschiedene Anspruchsgruppen des Unternehmens, darunter die Kundschaft, Zulieferer, Personal, Politik sowie andere Akteurinnen und Akteure des Netzwerks oder aus der Lebensmittelbranche.» Dadurch erkannten die Studierenden, wie umfassend das Konzept der Regeneration ist und dass es weit über die Lebensmittelproduktion hinausgeht. «Es handelt sich um einen neuen Ansatz, die Wirtschaft zu verstehen, ein Unternehmen aufzubauen und im Einklang mit den Prinzipien der Natur zu führen sowie ökologische und soziale Systeme aufzubauen.» Bei diesem Paradigmenwechsel stehe nicht mehr Profit im Zentrum, sondern das Wohlergehen aller Lebe­wesen sowie die Kooperation unter den Anspruchsgruppen: Den einzelnen Akteurinnen und Akteuren werde mehr Wertschätzung entgegengebracht. Ein Bauer oder eine Bäuerin können sich beispielsweise eine 5-Tage-Woche einrichten und auch regelmässig Ferien machen. In Dornbirn trafen die Studierenden auf Unternehmen, die ausgeprägt regenerativ und kooperativ zusammenzuarbeiten. «Sie tauschen nicht nur Wissen, sondern auch Maschinen oder Erzeugnisse aus», so Loga. Eine weitere Erkenntnis der Teilnehmenden des Moduls war, dass politische Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, damit eine regenerative Transformation auf allen Ebenen stattfinden kann. Indem sie nicht nur ein Food­system und dessen Subsysteme untersuchten, sondern auch die politischen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Perspektiven einbezogen, erhielten die Studierenden ­zudem einen Überblick, welche regenerativen Praktiken heute bereits umgesetzt werden. Sie stellten fest, wie sich diese auf den Erhalt der biologischen Vielfalt und die Verbesserung der Klimabilanz auswirken. «Es war, als würde man das Licht einschalten und die komplexen Strukturen und Zusammenhänge innerhalb des Systems erst sichtbar machen.» Fabiano De Gani, Masterstudent Auf der Basis dieser Erkenntnisse und einer bereits existierenden Messmethode der Foodbranche entwickelten die Studierenden ein Instrument, das den Grad der Regeneration in einem Unternehmen wie auch in einer Region bestimmen können soll. Mit diesem wurden auch die involvierten Unternehmen gemessen, erklärt die Dozentin: «Beurteilungskriterien waren beispielsweise, wie viel ein Unternehmen einerseits zum Wiederaufbau der Natur oder andererseits zu deren Zerstörung beiträgt.» Das 360°-Modul vermittle den Studierenden Aha-Erlebnisse oder, wie es Masterstudent Fabiano De Gani formuliert: «Es ermöglichte uns, tief in das Voralberger Lebensmittelsystem einzutauchen. Die persönlichen Gespräche waren unersetzlich. Es war, als würde man das Licht einschalten und die komplexen Strukturen und Zusammenhänge innerhalb des Systems erst sichtbar machen. Eine einzigartige und unvergessliche Erfahrung.» Für seine Mitstudentin Lisa Renggli stellte der Besuch des Moduls eine Bereicherung dar. «Es ermöglichte mir, viele Erfahrungen zu sammeln und mein Profil zu vervollständigen.» Zudem sei sie positiv überrascht gewesen, wie viel Einsicht sie dadurch in Projekte, Firmen und die Gastronomie erhalten habe: «Wenn man offen auf die Leute zugeht, nehmen sie sich Zeit, sind offen, hilfsbereit, und ich konnte wertvolle Kontakte knüpfen.» Das nächste 360°-Modul wird im Herbst durchgeführt. Es kann von Bachelor- und Masterstudierenden der ZHAW besucht werden. Weitere Informationen über den zukunftsorientierten Masterstudiengang Preneurship for Regenerative Food Systems (PREFS) auch im Podcast «Ein holistischer Ansatz zu einem zukunftsfähigen Lebensmittelsystem» . Kathrin Reimann

Die ungenutzten Schätze im Bienenstock

Bienendrohnen, also männliche Bienen, sind für die Imkerei in etwa so nutzlos wie männliche Küken in der Eierproduktion. Ihre einzige Aufgabe im Bienenvolk ist es, sich mit der Königin zu paaren. Tausende streben danach, aber den wenigsten gelingt es. Alle anderen machen den fleissigen Arbeiterinnen im Bienenvolk nur die Nahrung und den Wohnraum streitig. Die Drohnenbrut der Honigbiene wird in der Imkerei aus dem Bienenstock entfernt, um die schädliche Varroamilbe zu bekämpfen. Im Fachjargon ist vom Drohnenschnitt die Rede. «Jedes Jahr werden in der Schweiz Bienendrohnen in der Grössenordnung von schätzungsweise 80 bis 100 Tonnen als Abfall entsorgt, vergleichbare Zahlen kennen wir auch aus Dänemark», erklärt Irmak Uzundemir Bischof, Masterstudentin in Preneurship for Regenerative Food Systems an der ZHAW. «Ich halte das für eine Ressourcenverschwendung, weil die Drohnen essbar sind.» Die Bienenbrut zähle zu den begehrtesten und qualitativ hochwertigsten essbaren Insekten überhaupt. Aber was in anderen Teilen der Welt ganz normal ist, steckt in Europa noch in den Kinderschuhen: Insekten als Lebensmittel für Menschen. Nachdem Mehl- und Buffalowürmer, Wanderheuschrecken sowie Hausgrillen bereits europaweit als sogenanntes Novel Food zugelassen worden sind, werden die Bienen voraussichtlich noch in diesem Jahr ebenfalls zum legalen Snack. Irmak Uzundemir Bischof hat bereits vor einigen Jahren erstmals Drohnenlarven gegessen – und der Geschmack hat die Gastronomie-Spezialistin auf Anhieb überzeugt. Im Rahmen eines von ZHAW sustainable geförderten Projekts hat sie einen Verarbeitungsprozess für die bis anhin ungenutzten Drohnenlarven entwickelt. Dazu hat sie mit einer Imkerin unweit des Campus Grüental in Wädenswil zusammengearbeitet. «Entscheidend ist, die Larven im Präpuppenstadium und vor dem Befall durch die Varroamilbe zu erwischen», so die Studentin. Dies erfordere tagelang stabile Temperaturen, Sonnenschein und keinen Regen in einem Zeitfenster von wenigen Wochen rund um den Monat Mai herum. Wenn es dann so weit ist, muss es schnell gehen: Die Larven werden mit flüssigem Stickstoff von der Wabe getrennt. Innerhalb von 20 Minuten müssen sie im Gefriertrockner landen, da sie sonst zu oxidieren beginnen. Trotz des technischen Aufwands bilden die Drohnenlarven eine ressourcenschonende Alternative, um proteinreiche Lebensmittel herzustellen. Im Gegensatz zu anderen essbaren Insekten müssen sie nicht eigens gezüchtet werden, sondern fallen in der Imkerei ohnehin an. Diese Möglichkeit konnte bereits in einem früheren Forschungsprojekt der ZHAW aufgezeigt werden. Der nun von Irmak Uzundemir Bischof entwickelte Verarbeitungsprozess kann von Imkerinnen und Imkern selbst angewendet werden, sofern sie über die technischen Möglichkeiten verfügen und die erforderlichen Hygienestandards einhalten. Ähnlich wie bei der Verarbeitung von Geflügelfleisch muss sehr sauber und mit kühlen Temperaturen gearbeitet werden, damit die Drohnen nicht verderben. Die Verarbeitung vor Ort scheint auch ökologisch sinnvoll. Dezentral verteilte Bienenhäuschen mit logistischem Aufwand abzuklappern, um die Drohnen zentral zu verarbeiten, kommt für Irmak Uzundemir Bischof nicht in Frage: «Mir geht es um die Sache und nicht darum, ein eigenes Startup zu gründen, um damit Geld zu verdienen.» Ihr Geschäftsmodell kommt den Imkereien zugute, die es anwenden und die Drohnen als Nebenprodukt zum Honig anbieten können. In ihrer Masterarbeit untersucht Irmak Uzundemir Bischof nun, wie es die Drohnen tatsächlich auf den Teller schaffen: «Honigbienen geniessen in unserer Gesellschaft ein hohes Ansehen als sympathische Helferlein.» Die Hemmschwelle, Bienen zu essen, sei deshalb höher als bei Heuschrecken oder Mehlwürmern. Neben dem guten Image gelte es gleichwohl auch, den Ekelfaktor zu überwinden. Die Studentin hat aber schon eine Idee: «Eine Möglichkeit ist es, sie mit Schokolade zu umhüllen. Ich kann mir vorstellen, dass dies bei uns in der Schweiz gut ankommt.» Mit diesem süssen Ansatz will sie das Eis zwischen der Gesellschaft und dem neusten Novel Food brechen und damit einem Abfallprodukt zu finanziellem und ökologischem Wert verhelfen. Matthias Kleefoot

Die Gäste in der Natur richtig lenken

Immer mehr Menschen zieht es auf der Suche nach aktiver Erholung in die unberührte, wilde Natur. Das zeigt ein Blick auf ausgeübte Freizeitsportarten. Beim Schneeschuhlaufen, Ski- und Snowboardtourenfahren zum Beispiel vermeldete das Schweizer Sportobservatorium ein Plus von 40 Prozent innerhalb von sechs Jahren. Das waren 2019 gegenüber 2013 rund 180'000 Wintersportbegeisterte zusätzlich, die sich abseits von präparierten Pisten tummelten. Ähnliche Massen mobilisierten Klettern, Bergsteigen oder Mountainbiken zusätzlich. «Und mit Corona hat sich der Trend nochmals beschleunigt», sagt Professor Stefan Forster, Leiter des Forschungsbereichs Tourismus und nachhaltige Entwicklung der ZHAW. Einen veritablen Boom erlebte zum Beispiel das Schneeschuhlaufen mit einem Plus von 65 Prozent in den Pandemiejahren 2020 und 2021. «Wer eigene Wege entdecken und in der Natur allein sein will, beeinträchtigt nicht selten heikle Räume.» Stefan Forster, Forschungsbereich Tourismus und nachhaltige Entwicklung Dadurch entstehen in der kleinräumigen Schweiz unweigerlich Probleme. «Jeder Quadratmeter ist bereits einer Nutzung zugeordnet, hier gibt es keine unberührte Wildnis wie in Kanada», sagt Tourismusexperte Forster. Er beobachtet einen «paradoxen Umstand». Wer abseits der Warteschlangen am Skilift das «echte» Naturerlebnis sucht, will eigentlich nachhaltig handeln, reist beispielsweise mit dem öffentlichen Verkehr an. Aber das ändert wenig an den Schäden, die die Sehnsucht nach dem Authentischen anrichtet: «Wer eigene Wege entdecken und in der Natur allein sein will, beeinträchtigt nicht selten heikle Räume.» Da wäre es sinnvoller, ein ausgebautes Skigebiet zu nutzen. Massentourismus, folgert Forster, sei nicht immer schlecht punkto Nachhaltigkeit. «Oft ist fehlendes Wissen das Problem», sagt Professor Forster. Die Motivation für die Ausflüge sei ja immer auch eine Wertschätzung für die Natur, «dort kann man die Leute am besten abholen». Vieles lasse sich im Gespräch erreichen. Forster verweist auf Tourismusdestinationen, die zunehmend Ranger einsetzen. Bei Instagram-propagierten Bergseelein etwa oder in der spektakulären Rheinschlucht ob Ilanz, dem «Swiss Grand Canyon». Sie erklären, was es bedeutet, wenn jemand quer durch das Brutgebiet der Flussuferläufer geht, halten Wege instand und müssen natürlich auch immer wieder dazu ermahnen, den Abfall nicht liegen zu lassen. Ziel ist es, die Gäste in der Natur richtig zu lenken, auch mit Infotafeln oder attraktiven Alternativvorschlägen auf Social Media. «Wildtiere profitieren messbar von Wildruhezonen und anderen Schutzgebieten.» Claudio Signer, Forschungsgruppe Wildtiermanagement Auch Wildruhezonen und andere Schutzgebiete bewähren sich. «Die Tiere profitieren messbar davon», sagt Claudio Signer von der Forschungsgruppe Wildtiermanagement . Wildruhezonen sind auf Wintersportkarten eingezeichnet und wo sinnvoll vor Ort markiert. Wer sie missachtet, riskiert eine Busse. So werden die Schutzgebiete laut Signer auch beachtet. Blosse Empfehlungen hingegen hält er nicht für zielführend. Am erfolgreichsten seien lokale Initiativen. Unter Einbezug aller Beteiligten von Wildhüterinnen und Wildhütern über Bergbahnen bis zu den Skitourenguides entstünden sinnvolle Schutzzonen: «Da ermöglicht man vielleicht einen Durchfahrtskorridor für eine besonders attraktive Abfahrtsroute und schon steigt die Akzeptanz.» Wie eine Karte auf dem Internetportal Wildruhezonen.ch zeigt, liegen Wildruhezonen bislang meist in den Alpen und Voralpen. Doch auch im Mittelland leiden einige Wildtiere unter dem Outdoorboom. Ablesen lässt sich das am vom Aussterben bedrohten Auerhuhn. Der Bestand des prächtigen Bodenbrüters wird in der Schweiz auf wenige hundert Exemplare geschätzt. Einige davon leben auf dem Höhronen, einem Hügelzug zwischen dem Zürichsee und dem Sihlsee im Kanton Schwyz. Ausgerechnet dieses Gebiet entwickelte sich in der Corona-Zeit zu einem regionalen Mountainbike-Mekka. Die Sportbegeisterten legten neue Wege an, bauten Sprungschanzen, fällten kleinere Bäume – auch durch empfindlichstes Terrain mit Rückzuggebieten fürs Auerhuhn und andere Wildtiere. Ein Albtraum für die Natur. Am Tiefpunkt machte der lokale Förster in der Lokalzeitung klar, dass es mit der Naturzerstörung so nicht weitergehen könne. Aber er zeigte sich gesprächsbereit. «Das war ein Glücksfall», sagt Adrian Hochreutener von der ZHAW- Forschungsgruppe Umweltplanung , die das Projekt wissenschaftlich begleitet. Wildhüter und Förster einigten sich mit den Bikerinnen und Bikern auf vier Mountainbike-Trails. Die übrigen Wege und die vielen Abzweigungen verbarrikadierten sie gemeinsam. Hinweistafeln erklären, dass das Befahren nachts, in der Dämmerung und im Winter nicht zulässig ist. «Die grosse Mehrheit der Biker fährt nicht mehr in der Nacht, bleibt auf den offiziellen Trails – und ist mit der Lösung zufrieden.» Adrian Hochreutener, Forschungsgruppe Umweltplanung Wie gut das befolgt wird, prüft die ZHAW-Forschungsgruppe mit Zählstellen an den offiziellen und gesperrten Wegen. Nebst diesen punktuellen Messungen nutzt sie für ein breiteres Bild auch anonymisierte GPS-Daten, die Sport-Apps der Forschungsgruppe zur Verfügung stellen. Erste Messungen und Befragungen zeigen, dass der Höhronen zu einem Vorzeigebeispiel werden kann. «Es ist eindrücklich», sagt Hochreutener, «die Leute fahren kaum mehr während der Dämmerung, nicht mehr in der Nacht und sie bleiben auf den offiziellen Trails – und sie sind mit der gefundenen Lösung sehr zufrieden.» «Von guten Lösungen profitieren nicht nur die Wildtiere, sondern auch die erholungssuchenden Menschen», sagt Claudio Signer. Die positiven touristischen Auswirkungen des Wildtierschutzes sehe man auch im Schweizerischen Nationalpark. Dort sind Mountainbikes, Ski oder Hunde nicht zugelassen. Im Sommer gilt ein Weggebot. Im Winter sind die Wege im Park gesperrt, sobald Schnee liegt. Die Tiere sind sehr ungestört, zugleich aber Menschen auf den Wegen gewohnt und wissen, dass von denen keine Gefahr ausgeht, so der Biologe: «Das ist das Schöne am Nationalpark, man kann am helllichten Tag wilde Tiere beobachten.» Thomas Müller

Das Erdreich als Speicher der Zukunft für Energie

Ist von Energiespeichern die Rede, denken die meisten zuerst an Batterien. Doch diese haben entscheidende Nachteile: Sie verschlingen selber grosse Mengen an Energie und Ressourcen, bevor sie Strom speichern können. Und sie sind teuer: Ein heute in einem grossen E-Auto üblicher 100-Kilowattstunden-Akku – der Durchschnittsverbrauch eines Schweizer Einfamilienhauses in fünf Tagen – schlägt mit rund 15’000 Franken zu Buche. Um elektrische Energie für Tausende, gar Millionen Haushalte zu speichern, sind Batterien deshalb kaum geeignet. Für die Energiewende und eine CO₂-neutrale Schweiz bis 2050 sind riesige Energiespeicher aber unabdingbar: Die grössten Mengen erneuerbarer Energie werden bei uns im Sommer produziert, während im Winter deutlich mehr verbraucht wird. Wie die überschüssige Energie aus den Sommermonaten für den Winter gespeichert werden kann – Fachleute sprechen von saisonaler Lastverschiebung – daran forscht Luca Baldini , Co-Leiter des Instituts Bautechnologie und Prozesse (IBP) an der ZHAW, schon seit vielen Jahren. Sein Fachgebiet: Gebäudeenergiesysteme und thermische Energiespeicherung, unter anderem durch Regeneration des Erdreichs über Erdwärmesonden. «Man muss den Boden regenerieren. Salopp gesagt: Was man an Energie rausnimmt, muss man wieder reinstecken.» Luca Baldini, «Erdwärmesonden sind im Prinzip nichts Neues: Man bohrt ein tiefes Loch und nutzt die Erdmasse als riesigen thermischen Speicher, um Häuser oder ganze Überbauungen zu heizen und mit Warmwasser zu versorgen. Doch gerade bei Grossprojekten ist die Regeneration des Erdreichs enorm wichtig und hat ein grosses Potenzial.» Baldini erklärt es so: Wenn man dem Boden über eine Erdsonde kontinuierlich Wärme entzieht, wächst auch der Einflussbereich des Bohrlochs über die Jahre – ähnlich wie ein Trichter. Die Folge: Das Erdreich kühlt aus und irgendwann entzieht man auch angrenzenden Grundstücken die Wärme. «Um dies zu verhindern, muss man den Boden aktiv bewirtschaften – ihn regenerieren. Salopp gesagt: Was man an Energie rausnimmt, muss man auch wieder reinstecken.» Das liesse sich etwa mit überschüssiger erneuerbarer Energie im Sommer bewerkstelligen: mit Abwärme aus der Kühlung, direkter Wärme aus Sonnenkollektoren oder Wärme von Aussenluftkollektoren. «Dadurch lässt sich die Effizienz der Wärmepumpen im Winter stark verbessern und damit auch die CO₂-Emissionen solcher Anlagen deutlich reduzieren», erklärt Baldini. Das Forschungsprojekt SWEET DeCarbCH , an dem Baldini und sein Team zusammen mit zahlreichen anderen Hochschulen und Instituten und mit Unterstützung des Bundesamts für Energie forschen, geht dabei noch einen Schritt weiter. Statt nur so viel Energie in den Boden zu stecken, wie ursprünglich entnommen wurde, wird die Speichertemperatur in den Sommermonaten erhöht. «Wir bringen damit den Boden auf eine höhere Betriebstemperatur, weshalb wir von einem Hochtemperatur-Erdsondenspeicher sprechen.» «Technisch wäre schon vieles machbar, aber derzeit sind für konkrete Projekte die regulatorischen Hürden häufig noch zu gross.» Luca Baldini, Der Vorteil dieser Überhöhung der ursprünglichen Bodentemperatur: Die im Sommer überschüssige erneuerbare Energie kann zeitlich verschoben und dann genutzt werden, wenn man sie am dringendsten benötigt: in den kalten Wintermonaten. Das Potenzial sei laut Baldini riesig: «Der Winterstrombedarf kann schweizweit durch Nutzung von grossen Wärmespeichern und durch konsequente Erdsondenregeneration um bis zu 3 Terawattstunden gesenkt werden. Das entspräche in etwa einem Drittel der Strommenge, von der man schätzt, dass man sie 2050 im Winter importieren muss.» In einem weiteren Forschungsprojekt, dem Innosuisse Flagship SwissSTES (Saisonaler thermischer Energiespeicher), bei dem die ZHAW den Lead innehat, sollen unter anderem Planungshilfen und Auslegetools für die Praxis solcher Hochtemperatur-Erdsondenspeicher erarbeitet werden.. Doch auch erste Praxisprojekte laufen bereits: Auf dem Campus der Empa in Dübendorf entsteht aktuell das erste Schweizer Hochtemperatur-Erdsondenfeld, bestehend aus 144 Erdsonden, die in einer Tiefe von bis zu 100 Metern mit einem Abstand von jeweils drei bis fünf Metern verlegt werden. In dessen Vorbereitung und Planung war Baldini stark involviert. Einmal in Betrieb, soll der Erdwärmespeicher einen grossen Teil des Empa-Areals mit gespeicherter Sommerenergie beliefern. In Zukunft könnten laut dem Forscher sogar alte Stollen oder Militärbunker als thermische Langzeitspeicher genutzt werden. «Technisch wäre schon vieles machbar, aber derzeit sind für konkrete Projekte die regulatorischen Hürden häufig noch zu gross und der monetäre Anreiz zu klein.» Zwar wachse das Bewusstsein, dass thermische Speicher wichtig für die Energiewende sind und eine systemdienliche Funktion übernehmen können, allmählich auch in Politik und Wirtschaft. Trotzdem sei es noch viel zu klein: «Schon heute werden wesentliche Chancen verpasst, das Potenzial voll auszuschöpfen und es wird stattdessen auf die limitierte Ressource Biomasse ausgewichen.» Luca Baldini fordert deshalb bessere Anreizsysteme: «Energie ist heute immer noch viel zu günstig. Investitionen in thermische Speicher sind Investitionen in die Zukunft; in die Versorgungssicherheit und die Dekarbonisierung unseres Energiesystems. In Zukunft sollte es deshalb nicht darum gehen, dass jeder für sich sein Gebäude und seinen Geldbeutel optimiert, sondern seinen Beitrag ans System leistet und zum Beispiel auch sein Haus mit Speicher als Teil des gesamten Energiesystems betrachtet.» Andreas Engel

Carbonbeton-Platten: Wiederverwendbar, filigran und flexibel

Gebäude am Computer massgeschneidert zu entwerfen, zu konstruieren und zu planen, ist nicht neu. Erstmals stehen dafür jedoch filigrane und dennoch belastbare Fertigelemente für den Hochbau zur Verfügung: Carbonfaser-verstärkte Betonplatten. «Unser Bausystem aus Carbonbeton funktioniert ähnlich wie Lego, aber wie eine moderne Version davon, mit massgeschneiderten Bauteilen», erläutert ZHAW-Forscher Josef Kurath , der die flexible Bauweise entwickelt hat. Sie bietet gleich mehrere Vorteile, wie ein 120 Quadratmeter grosser Pavillon in Winterthur verdeutlicht, der mit diesem flexiblen Bausystem der ZHAW gebaut wurde. Dieses sogenannte Innovationslabor wird im Frühling 2024 eröffnet und dient als Informations- und Veranstaltungsort für nachhaltiges Bauen. «Es ist das erste Mal, dass dieses Konstruktionsprinzip im Hochbau angewendet wird. Die innovative Beton-Leichtbauweise eröffnet ganz neue Möglichkeiten, etwa bei der Unterbringung von Haustechnik und nicht zuletzt der Gestaltung», sagt Alexis Ringli , begleitender Architekt und Dozent am Institut Konstruktives Entwerfen am Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen . «Es eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten mit der Beton-Leichtbauweise.» Alexis Ringli, Architekt und Dozent am Institut Konstruktives Entwerfen Die dafür verwendeten Carbonbeton-Platten werden bereits in der Fabrik gefertigt, verarbeitet und zugeschnitten. Durch Stecksysteme lassen sie sich noch in der Fabrik zu Bauelementen zusammenfügen und auf der Baustelle in kürzester Zeit montieren. «Dadurch ergeben sich viel kürzere Bauzeiten, was vor allem ein Vorteil für städtische Baustellen ist», betont der ZHAW-Professor Josef Kurath. Zudem lassen sich Gebäude einfach vor Ort anpassen oder erweitern.» Der neue Pavillon beherbergt unter seinem Dach neben Ausstellungsraum und Bühne auch ein kleines Café. Bei Bedarf könnte das Innovationslabor zu einem Quartierzentrum ausgebaut werden. Die Statik des Pavillons wurde bereits auf ein zweistöckiges, geschlossenes Gebäude ausgerichtet. Die Stadt Winterthur kann sich durchaus vorstellen, dass hier künftig Künstlerateliers, ein Partylokal oder ein Kinderhort entstehen könnten. Vorerst soll der Pavillon jedoch erst einmal etwa zehn Jahre als Innovationslabor genutzt werden. Danach kann das Gebäude mit wenig Aufwand zerlegt und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden, oder die Elemente werden für ein anderes Bauwerk wiederverwendet. Möglich macht dies ein neuartiges Sharing-Modell von Baustoffproduzent Holcim für Carbonbeton-Platten. «Dieser Ansatz ermöglicht uns, Ressourcen länger im Kreislauf zu halten. Für Bauherren ergeben sich ebenfalls viele Vorteile, beispielsweise entfällt für sie der Gebäuderückbau», sagt Clemens Wögerbauer, Head Commercial & Sustainability von Holcim. Während bei einem Rückbau eines herkömmlichen Gebäudes etwa 90 Prozent des Betons verloren gehen, ist es beim neuen Bausystem genau umgekehrt: Rund 90 Prozent des Materials und der im Bauteil steckenden Wertschöpfung können wiederverwendet werden. Angesichts der Tatsache, dass allein Zement für acht Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich ist und die Schweiz zu den Ländern mit dem höchsten Zementverbrauch pro Kopf gehört, ein bemerkenswerter Faktor. Diese mit Carbon armierten Platten sind nicht nur wiederverwendbar und äusserst langlebig. Auch ihre Herstellung belastet die Umwelt weniger als Stahlbeton. «Dank der neuen Leichtbauweise in Beton reduzieren wir den CO 2 -Fussabdruck um den Faktor zwei bis vier und sparen bis zu 75 Prozent Material gegenüber einer herkömmlichen Bauweise», erläutert Josef Kurath, ZHAW-Professor und Mitgründer des ZHAW-Spin-off CPC, der die filigranen und dennoch belastbaren CPC-Betonplatten (Carbon Prestressed Concrete) entwickelt hat. «Vorgespannte Carbonfasern und Beton ergänzen sich perfekt. Carbon absorbiert die Zugkräfte und Beton den Druck sowie die quer wirkenden Kräfte.» Im Vergleich zu konventionell armierten Betonplatten bekommen CPC-Platten bei Belastung keine Risse und federn unbeschädigt zurück. Zudem sind sie im Vergleich zu herkömmlichen Materialien drei- bis viermal dünner, ohne dabei an Tragfähigkeit zu verlieren. Das grösste Potenzial der patentierten CPC-Platten sieht der ZHAW-Bauingenieur jedoch darin, dass sie industriell hergestellt sowie massgeschneidert zugeschnitten werden können und nicht rosten. «Wir können weltweit als Einzige industriell Betonplatten herstellen, die zweiachsig mit Carbonfasern vorgespannt sind.» Die CPC-Platten werden derzeit im ersten CPC-Werk von Holcim in Deutschland hergestellt. Der Baustoffproduzent hat den Beton für diese neuartigen Bauelemente ohne Stahlbewehrung konzipiert. Die Carbonfasern werden vom ZHAW-Spin-off CPC in Döttingen produziert – künftig mit biobasiertem Kohlenstoff aus nachwachsenden Rohstoffen wie Algen oder Cellulose, der ganz ohne Erdöl auskommt. Pro Jahr können mit der aktuellen Infrastruktur rund 70’000 Quadratmeter CPC-Platten hergestellt werden, was etwa für den Bau von 14 Häusern mit je zehn Wohnungen reicht. «Die patentierten CPC-Platten können industriell hergestellt werden, sind massgeschneidert zugeschnitten und rosten nicht.» Josef Kurath, Professor am «Die entwickelten Platten sollen künftig auch hierzulande produziert und das neue Bausystem breit im Hochbau eingesetzt werden können – gerade der Schweizer Markt ist dafür prädestiniert», sagt Josef Kurath. Für das patentierte Bausystem wurde viel in die Entwicklung von Verbindungen der Platten investiert. Diese Verbindungen bestehen nur aus den Platten selbst und einem herkömmlichen Mörtel, kommen also ohne Kleber oder Stahlbauteile aus. Aktuell wird laut dem ZHAW-Forscher an Optimierungen für Schall- und Brandschutz sowie speziellen Konstruktionen für einen erdbebensicheren Gebäudekern oder grossflächige Deckenverbindungen geforscht. «Die einzelnen Deckenelemente sollen künftig wie ein Reissversschluss ineinandergreifen, so dass horizontal – ohne zusätzliche Verbindungselemente – fast endlose Ebenen möglich sind.» Manuel Martin

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