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«Es ist eine Ehre, die ZHAW zu leiten»

Vier Jahre nach dem Zusammenschluss zur ZHAW übernahmen Sie das Amt des Rektors. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung und was war für Sie die wichtigste Aufgabe? In den ersten Jahren identifizierten sich die meisten Mitarbeitenden noch nicht stark mit der ZHAW. Die Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit, über die Grenzen der Departemente hinweg, war für mich zentral. Nicht nur um Identität zu schaffen, sondern auch, um als Fachhochschule einen Beitrag zu den grossen Herausforderungen wie der Energiewende oder der gesellschaftlichen Integration zu leisten. Dies klappt nur interdisziplinär. Heute gibt es viele gemeinsame Projekte von verschiedenen Instituten, etwa das Data Lab, das Digital Health Lab, GEKONT, CYPHER oder AGe+ (Anm. Redaktion: siehe Glossar am Ende des Interviews). Im Gegensatz zur Anfangsphase kommt die Initiative für interdisziplinäre Zusammenarbeit heute von unten, von Forschenden, Dozierenden oder Mitarbeitenden. Sie haben im Rahmen Ihrer Amtstätigkeit viele hochrangige Persönlichkeiten getroffen, zum Beispiel mehrere Bundesräte und den Dalai Lama. Gibt es eine Begegnung, die für Sie besonders prägend war? Für mich waren vor allem die Begegnungen mit Studierenden oder jungen Mitarbeitenden speziell, wenn diese mir mit Begeisterung von ihren Projekten oder Zielen erzählt haben. Dann spürte ich den Sinn von dem, was ich jeden Tag mache. Wir sind hier, um junge Leute auszubilden, und wenn ich merke, dass es funktioniert, macht mich das wirklich stolz. Die ZHAW ist während Ihrer Amtszeit enorm gewachsen: Es gibt 30 Prozent mehr Bachelorstudiengänge, 50 Prozent mehr Masterstudiengänge, das Kostenvolumen von Forschung und Entwicklung hat sich mehr als verdoppelt, diverse Bautätigkeiten waren nötig, um die Infrastruktur für das Wachstum zu gewährleisten – worauf sind Sie besonders stolz? Vor allem darauf, dass die Weiterentwicklung auf allen Stufen vorangetrieben wird. Es ist eine Ehre, eine so dynamische Hochschule zu leiten. Ich picke ungern etwas Einzelnes heraus, denn es gibt vieles, was mich stolz macht. Eine wichtige Errungenschaft ist, dass wir uns in den europäischen Raum eingebracht haben: die Förderung der EU-Forschung, der Mobilität, von Double Degrees mit europäischen Partnern, die Mitgliedschaft in der European University Association (EUA) und bei EELISA. Um die Studierenden auf die globalisierte Arbeitswelt vorzubereiten, ist diese europäische Verankerung enorm wichtig. «Das Leben lässt sich nicht strategisch planen.» Jean-Marc Piveteau, Rektor der ZHAW von 2011 bis Januar 2025 Für Sie waren die strategischen Schwerpunkte Energieforschung, digitale Transformation und unternehmerisches Denken zentral. Sind Sie zufrieden damit, wie sich diese Bereiche während Ihrer Amtszeit entwickelt haben? Ich bin sehr zufrieden mit unserer Entwicklung und dass wir unsere Expertise mit einem interdisziplinären Ansatz in diesen Bereichen einbringen. Aber wir sind noch nicht am Ziel. Die ZHAW ist noch nicht die Enterprise University, die ich mir wünsche, und auch an der europäischen Verankerung der Hochschule müssen wir weiterarbeiten. Die Welt verändert sich immer schneller. Welche Kompetenzen muss eine Hochschule vermitteln, um die Absolventinnen und Absolventen für die Zukunft zu wappnen? Das Wichtigste ist Handlungsfähigkeit: Dass sie mündig sind, sich einbringen und ihr Umfeld weiterentwickeln können. Kritisches Denken ist eine zentrale Fähigkeit, aber auch unternehmerisches Denken. Und natürlich müssen wir ihnen in einem Bereich die Grundlagen vermitteln. Wie sie sich danach beruflich weiterentwickeln, ist absolut offen. Lifelong Learning wäre vielleicht noch ein Stichwort. Klar, die Fähigkeit, sich an neue Rahmenbedingungen anzupassen, ist wichtig. Das Lernen endet nicht mit dem Studium. Heute wissen das alle, aber vor zehn oder zwanzig Jahren war das überhaupt noch nicht selbstverständlich. Sie haben Mathematik an der ETH Zürich studiert. Wenn Sie heute vor der Wahl eines Studiengangs stehen würden, für welchen würden Sie sich entscheiden? Das ist schwierig zu beantworten. Ich stehe am Ende meiner Karriere und bin in einer völlig anderen Lebenssituation als eine Person, die sich für ein Studium entscheiden muss. Und wenn Sie einer jungen Person einen Rat geben müssten? Vielleicht, dass das Leben voller Überraschungen ist und man es nicht strategisch planen kann. Ich hatte viele Pläne für meine Karriere, aber es ist immer anders gekommen. Mit 18 hätte ich nie gedacht, dass ich einmal Rektor einer Hochschule werde. Man sollte einfach seinen Interessen folgen und Chancen ergreifen, wenn sie sich bieten. Manchmal muss man auch ein bisschen Glück haben und ein Karriereschritt führt zum nächsten. Als Präsident der Schweizer Delegation haben Sie bei der nationalen Open-Science-Strategie mitgewirkt. Wie offen soll die Forschung einer Fachhochschule sein? Wünschen sich Partner aus Industrie und Wirtschaft nicht handfeste Wettbewerbsvorteile aus den Forschungsprojekten, die sie mit einer Fachhochschule durchführen? Was Sie ansprechen – Open Research Data –, hat die Open-Science-Delegation lange beschäftigt: Sollen die Daten, die Forschungsergebnissen aus öffentlich finanzierten Projekten zugrunde liegen, frei zugänglich sein? Es macht keinen Unterschied, ob es Grundlagenforschung oder anwendungsorientierte Forschung ist. Es geht vor allem darum, dass man die Ergebnisse reproduzieren kann und dass mit denselben Forschungsgeldern nicht mehrmals die gleiche Forschung finanziert wird. Wenn mit der Forschung eine Innovation geschaffen wird, müssen die Daten so veröffentlicht werden, dass man die Ergebnisse validieren kann, aber es ist trotzdem möglich, die Ergebnisse zu schützen. Das ist kein Widerspruch. Die Forderung nach Open Research Data ist eine Realität, und für uns lautet die Frage: Wollen wir als ZHAW nur mitmachen oder wollen wir die Praxis auch aktiv mitgestalten? Bei Kooperationen mit Praxispartnern muss man natürlich immer deren Perspektive beachten und umsichtig sein mit der Verbreitung der Erkenntnisse und der Forschungsdaten. Welchen Ratschlag haben Sie an Ihre Nachfolgerin Regula Altmann-Jöhl? Ich freue mich sehr, dass sie meine Nachfolgerin ist. Sie hat sehr viel Erfahrung und sie wird das Amt sehr gut ausführen – dazu braucht sie keine Ratschläge von mir. (Bilder: Conradin Frei) Interview: Sara Blaser

«Nicht alle Studierenden müssen Startups gründen» 

Interview: Sara Blaser Es war eine intensive und tolle Zeit. Ich habe mich vor allem darauf konzentriert, alle Departemente zu besuchen und möglichst viele Leute kennenzulernen. Das bietet einen guten Boden dafür, mir ein Bild von der ganzen Institution zu machen. Ich fühle mich sehr willkommen und habe sehr viel gelernt. Total überrascht hat mich nichts, aber die enorme Themenbreite der ZHAW ist mir noch bewusster geworden. Es hat mich sehr beeindruckt, wie viel Know-how an dieser Hochschule vorhanden ist. Ich bin eine ausgesprochene Teamplayerin, denn ich bin überzeugt, dass mehrere Köpfe zu besseren Ideen gelangen als ein einziger. Ziele gemeinsam zu entwickeln und zu verfolgen, ist für mich zentral – und Erfolge zu feiern. Ich gehe davon aus, dass wir alle unsere Verantwortung wahrnehmen, und gebe den Mitarbeitenden darum gerne möglichst viel Freiraum. Ich möchte ein Arbeitsklima fördern, in dem man offen miteinander kommuniziert und auch Schwierigkeiten ansprechen kann. Gleichzeitig möchte ich davon ausgehen können, dass die Entscheidungen, die ich treffe, mitgetragen werden. Natürlich werde ich nicht mit allen Mitarbeitenden persönliche Gespräche führen können, aber es ist mir wichtig, genug Raum für Austausch zu haben mit den Personen, die direkt an mich rapportieren. Ausserdem möchte ich durch die Teilnahme an Veranstaltungen signalisieren, dass ich ansprechbar bin. «Ich bin überzeugt, dass mehrere Köpfe zu besseren Ideen gelangen als ein einziger.» Regula Jöhl Ich hätte noch Veto einlegen können, wenn ich Einwände gehabt hätte. Ich bin aber sehr einverstanden mit den drei Stossrichtungen transformativ, unternehmerisch und europäisch. Transformativ müssen wir als Hochschule sowieso sein, uns stetig weiterentwickeln und Fachkräfte für den Arbeitsmarkt ausbilden, der immer neue Anforderungen stellt. «Unternehmerisch» bedeutet für mich die Grundhaltung, beweglich zu bleiben und sich immer wieder zu überlegen, wohin man will, welche neuen Themen aufkommen und wie man diese sinnvoll angeht, umsetzt und verknüpft. Es bedeutet nicht, dass alle Studierenden Startups gründen müssen – wobei ein paar Startups natürlich toll sind. Aber viel wichtiger ist, dass wir eine unternehmerische Haltung leben: den Status quo kritisch hinterfragen, Möglichkeiten für Verbesserungen ausloten und agil bleiben. Und unter «europäisch» verstehe ich unsere Verantwortung, Studierende und Weiterbildungsteilnehmende für den internationalen Arbeitsmarkt fit zu machen. Unsere internationalen Beziehungen sollen sich nicht nur auf Europa beschränken, aber ich finde es richtig, dass wir hier den Fokus setzen. Eine aktuelle Kampagne der ZHAW soll Mitarbeitende dazu motivieren, ihre Auslandreisen mit dem öV statt dem Flugzeug anzutreten. Wie lässt sich Ihrer Meinung nach die Gratwanderung zwischen dem Ausbau der internationalen Beziehungen und der Reduktion der Flugreisen realisieren? Auf keinen Fall würde ich Flugreisen ganz verbieten. Das wäre weder dienlich noch zeitgemäss. Die internationale Vernetzung ist für uns als Hochschule wichtig. Aber das Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen sollten wir schärfen. Sind Projekte aufgegleist und persönliche Kontakte hergestellt, lässt sich vieles online machen. Diese Art der Zusammenarbeit leben und auch einfordern sehe ich als richtigen Weg für uns. Zentral ist es, dass wir den Studierenden beibringen, wie man KI-Tools verwendet, und gleichzeitig, dass man diese auch kritisch hinterfragen soll. KI ändert nichts daran, dass es in jedem Fachbereich eine Basis an Fachwissen gibt, die sich die Studierenden nach wie vor selbst erarbeiten müssen. Sie benötigen ein Bewusstsein dafür, wo KI sinnvoll eingesetzt werden kann und wie sich die Arbeit dadurch verändert. Grundsätzlich das Bewusstsein, dass es wahrscheinlich nicht so üppig weitergeht wie bisher. Ich mache mir aber keine Sorgen um die ZHAW. In der Pandemie hat sie Resilienz und Flexibilität bewiesen. Die Frage, wie man auf Veränderungen in der Finanzierung reagiert, muss man sich aber sowieso kontinuierlich stellen. Das müssen wir dann einfach intensiver machen. Und Mittel ohne Ende hatten wir bisher auch nicht zur Verfügung, nur um das klarzustellen. «Eine unternehmerische Haltung ist mir wichtig: den Status quo kritisch hinterfragen, Möglichkeiten für Verbesserungen ausloten und agil bleiben.» Regula Jöhl Das kann ich nicht pauschal sagen. Ich würde nicht bei allen Departementen dieselben Prioritäten setzen, denn sie unterscheiden sich enorm. Man müsste individuell entscheiden, welche Massnahmen wo nötig sind, um die Qualität zu wahren. Ich glaube, es läuft extrem viel. Mehr rausholen kann man immer, ich denke dabei zum Beispiel an unsere Mitgliedschaft bei der europäischen Hochschulallianz EELISA, die noch sehr jung ist. Ausserdem können wir bestimmt noch mehr Synergien nutzen zwischen unseren strategischen Schwerpunkten, wie auch bei Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Es lohnt sich, wenn man sich eine Zeit lang stark mit einem Thema beschäftigt und dann daraus Erkenntnisse für andere Bereiche ableitet und wieder neue Schwerpunkte setzt. Für mich hat Priorität, dass ich die ZHAW gut kennenlerne, dass wir zu einem Team zusammenwachsen und dass wir eine gemeinsame Vorstellung haben, wohin wir wollen. Wenn ich sehe, dass wir schon das eine oder andere bewegt und bewirkt haben, wäre das für mich Erfolg.

«Ich möchte keinen Roboter umarmen»

Yulia Sandamirskaya: Mich hat überrascht, wie schnell sich KI-Tools verbreitet haben und wie unkritisch die Menschen damit umgehen. Sie verzeihen den Tools sehr viel – immerhin machen diese noch viele Fehler. Texten fehlt oft der rote Faden zwischen den Paragrafen. Volker Kiel: Mich irritiert ebenfalls die unkritische Verwendung. Coaching und Beratung wirken vor allem über das In-Beziehung-Sein mit Menschen. Und dennoch wurden die neuen Möglichkeiten mit Begeisterung aufgenommen, zum Beispiel für die Vor- und Nachbereitung von Gesprächen. Ich befürchte, dabei wird zu viel Denktätigkeit an die Maschine delegiert, wodurch die Spontaneität und das Feingespür leiden könnten. Elke Brucker-Kley: Mich hat der Hype weniger überrascht. Ich befasse mich schon seit den 1990er-Jahren mit natürlichsprachigen Systemen und habe daher miterlebt, wie lange die Reise war. Von extrem frustrierenden sprachlichen Interaktionen zu der heutigen verblüffenden Qualität – das ist schon ein Quantensprung. Häufig wird zugunsten von KI argumentiert, dass sie uns unliebsame Arbeiten abnimmt, damit wir uns um wichtigere Dinge kümmern können. KI übernimmt aber auch immer mehr Aufgaben, für die typisch menschliche Fähigkeiten gefragt sind, wie Empathie oder Lebenserfahrung – wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Sandamirskaya: Die wirklich schwere repetitive Arbeit nimmt uns die KI nicht ab – sei es in der Produktion, der Pflege oder der Landwirtschaft. KI entwickelt sich dort, wo viele Daten einfach verfügbar sind, und das sind vor allem Bild- und Textdaten. Es ist der einfachste Weg, nicht der, von dem die Menschheit am meisten profitieren würde. Mich erinnert es an die Geschichte des Mannes, der unter einer Strassenlaterne seinen Schlüssel sucht. Nicht weil er ihn dort verloren hat, aber weil es dort am hellsten ist. Kiel: Ich sehe die Gefahr, dass wir uns zu sehr an die Kommunikation mit Maschinen gewöhnen, weil sie unterstützend ist und uns Arbeit abnimmt. Es entsteht eine Unabhängigkeit von echten menschlichen Beziehungen und zugleich eine Vereinsamung. Menschen sind zunehmend gehemmt, auf andere zuzugehen. Dabei brauchen wir den Kontakt zu anderen Menschen für unsere seelische Entwicklung und Heilung. Wir wollen von ihnen in unserer Einzigartigkeit gesehen werden. Das lässt sich nicht auf datengesteuerte Kommunikation reduzieren. Brucker-Kley: Mit KI gewinnen wir Autonomie, verlieren aber auch Fähigkeiten. Man darf aber weder in utopische noch in dystopische Denkweisen verfallen. Bei der Ausbildung von Fachleuten, die diese Technologien mitgestalten, ist für mich das Thema Responsible Innovation zentral: ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, was diese Technologien mit uns machen. «Wenn ich eine Technologie mitgestalte, öffne ich die Tür für Möglichkeiten, die ausserhalb meiner Kontrolle liegen.» Elke Brucker-Kley Kritisches Denken wird oft als zentrale Fähigkeit genannt im Umgang mit KI. Es wird jedoch immer schwieriger, einzuschätzen, was echt und was künstlich ist, wenn ständig neue Technologien aufkommen, die Dinge können, die vor wenigen Monaten noch unmöglich schienen. Sandamirskaya: Das kritische Denken gehört auf den Lehrplan in Schulen. Lehrpersonen sollen aktiv mit Weiterbildungen zu neuen Technologien unterstützt werden, damit sie den Schülerinnen und Schülern einen differenzierten Einblick geben können. Gleichzeitig ist es wichtig, analoge menschliche Fähigkeiten weiterhin zu lehren: logisches Denken, Kreativität. Das ist aber eine grosse Aufgabe für die Schule. Es bräuchte kleinere Klassen und mehr individuelle Arbeit. Kiel: Medienkompetenz ist zentral. Damit meine ich nicht, ein Tablet zu benutzen, sondern mit den Schülerinnen und Schülern zu besprechen, welchen Nutzen und welche Gefahren KI-Tools mit sich bringen. Erwachsene sollten aber auch dafür sorgen, dass sich Kinder nicht zu früh und zu viel mit digitalen Medien beschäftigen, um die nötige Distanz zu halten, damit sich der kritische Verstand technikfrei entwickeln kann. Frau Brucker-Kley, Sie erforschen die Schnittstelle zwischen Mensch und Technologie. Sollte es Ihrer Meinung nach klare Grenzen geben, in welchen Bereichen KI menschliche Fähigkeiten imitieren darf – oder sollten wir alles erforschen, was technisch möglich ist? Brucker-Kley: Es ist ein Dilemma. Einerseits faszinieren die Möglichkeiten, andererseits muss man sich der Folgen bewusst sein. Es ist heute zum Beispiel möglich, Gehirnströme von Userinnen und Usern auszulesen, um in Echtzeit eine passende Reaktion von einem Avatar zu generieren. Wenn ich eine solche Technologie schaffe, öffne ich jedoch auch die Tür für Möglichkeiten, die ausserhalb meiner Kontrolle liegen. Ein breiter gesellschaftlicher Diskurs zu neuen Technologien ist darum wichtig, nicht nur die Frage der technischen Machbarkeit. Und ethische Fragen sollten nicht nur in Ethikkommissionen und Wissenschaftsräten diskutiert werden, sondern mit den Menschen, die von den Technologien betroffen sind. «KI entwickelt sich dort, wo viele Daten einfach verfügbar sind. Es ist der einfachste Weg, nicht der, von dem die Menschheit am meisten profitieren würde.» Yulia Sandamirskaya Brucker-Kley: Ich war beeindruckt, wie skeptisch und reflektiert die Jugendlichen auf die provokative Hypothese einer Freundschaft mit KI reagierten. Überrascht hat mich der Wunsch nach Imperfektion. Die Jugendlichen fanden den digitalen Freund in der Rolle des allzeitpräsenten Helferleins langweilig. Einer sagte, der Avatar soll sich weniger bemühen, ein perfekter Freund zu sein, auch mal Fehler machen und tollpatschig sein. Andere wollten mit dem Avatar streiten können. Sie haben aber auch die Sorge geäussert, sie könnten die Fähigkeit verlieren, mit echten Menschen zu interagieren, wenn sie nur noch mit KI streiten, die alles verzeiht. Sandamirskaya: Das menschliche Gehirn lernt jeden Tag Neues, oft unbewusst. Wir adaptieren uns ständig auf verschiedenen Ebenen an unsere Umwelt. Bei KI hingegen ist es ein aufwendiger Trainingsprozess, bei dem das ganze System inklusive der alten Daten optimiert werden muss. Weiter unterscheidet uns das strategische Denken. Wir können unsere Aufmerksamkeit unter allen Eindrücken um uns herum auf das Wesentliche richten, langfristig planen, kurzfristig auf neue Informationen reagieren und situativ entscheiden, welcher Schritt als Nächstes sinnvoll ist. KI hingegen kann Wichtiges nicht von Unwichtigem unterscheiden und hat kein Gedächtnis. KI kann dafür andere Dinge besser als wir, etwa ganze Bücher durchlesen und zusammenfassen. Mich beunruhigt, dass heute alle Hersteller nur noch in dieselbe Richtung entwickeln: in Systeme, die viele Daten und langes Training brauchen, fehlerreich und nicht flexibel sind. Ich fände mehrere Systeme sinnvoller, die auf einzelne Aufgaben spezialisiert sind. Kiel: Genau, und der KI fehlt auch die menschliche Intuition. Albert Einstein soll mal gesagt haben: «Der intuitive Geist des Menschen ist ein Geschenk, das rationale Denken eher ein treuer Diener. Der Diener wird oft verherrlicht und das Geschenk vergessen.» Für zwischenmenschliche Beziehungen ist das Intuitive der Kern. Wir erfassen unser Gegenüber intuitiv viel besser, als wir es über Sprache beschreiben könnten. Das Intuitive führt uns zu Einsichten, zu denen wir rational nicht gelangen und die eine Maschine nicht haben kann. Brucker-Kley: Ich möchte das nicht werten. Wenn man sich aber an diese Art von Emotion gewöhnt und vergisst, dass die Emotionen der KI nicht echt sind, dann verschwinden die Grenzen. Das sehe ich sehr kritisch. Ich bin der Meinung, dass die menschliche Interaktion, die mit KI simuliert wird, nicht perfekt sein muss, auch wenn es technisch möglich wäre. Avatare müssen nicht fotorealistisch aussehen, und sie sollten Emotionen nur simulieren, wenn daraus ein Nutzen entsteht. Es muss klar sein, dass es sich um eine künstliche Entität handelt, denn man kann nicht davon ausgehen, dass sich alle Userinnen und User abgrenzen können. Kiel: Für menschliche Beziehungen sind neben Gesprächen und Interaktion auch gemeinsame Erlebnisse wie in der Natur oder während gemeinsamer Reisen wichtig. Miteinander schweigen, einander trösten – nicht nur über Worte, sondern auch über eine Umarmung. Einen Roboter möchte ich nicht umarmen. Kiel: Ich höre von Fachleuten aus der Psychotherapie, dass zum Bespiel Virtual Reality mehr und mehr in Kliniken Einzug findet, etwa für eine systematische Desensibilisierung bei Höhenangst. Ich komme aus Köln, dort ging die Therapeutin früher mit der Klientin langsam die Treppen auf den Kölner Dom hinauf. Im virtuellen Raum kann man das jetzt viel einfacher und praktischer durchführen. Solche Anwendungen können wirklich äusserst hilfreich sein und sie stehen viel mehr Menschen zur Verfügung. Brucker-Kley: KI könnte auch dazu dienen, eine gewisse Minimalqualität im medizinischen Bereich sicherzustellen. Vielleicht wird es in Zukunft eine Frage der finanziellen Möglichkeiten sein, wer noch Zugang zu einem menschlichen Arzt oder einer Psychologin hat. «Das Intuitive führt uns zu Einsichten, zu denen wir rational nicht gelangen und die eine Maschine nicht haben kann.» Volker Kiel Sandamirskaya: Mit Robotern sollen ältere Leute und solche mit körperlichen Einschränkungen möglichst lange autonom leben können statt in einem Pflegeheim. In Heimen könnten die Roboter das Pflegepersonal unterstützen, indem sie ihm Aufgaben abnehmen. Private Haushalte sind aber ein schwieriges Umfeld für Roboter, denn die Umgebung ist sehr dynamisch. Einfache Aufgaben, wie Gegenstände erkennen, greifen und von A nach B bringen, müssen so sicher ausgeführt werden, dass keine Menschen gefährdet werden. Technologisch sind wir noch nicht so weit. Ein weiteres Problem ist der Datenschutz. Wir wollen nicht, dass die Bilder an eine Cloud geschickt werden. Die Datenverarbeitung soll lokal erfolgen. Auch die Frage der Finanzierung ist noch offen. Würde die Krankenkasse oder die Spitex solche Roboter mitfinanzieren? Und in welchen Bereichen soll der Roboter überhaupt helfen können? Brucker-Kley: KI hat keinen eigenen Willen, aber sie kann zielgerichtet handeln und sich weiterentwickeln, wenn sie entsprechend programmiert wird. Das Risiko sehe ich daher weniger in einer rebellischen KI, sondern darin, dass wir Maschinen entwickeln, deren Ziele so komplex sind, dass wir sie selbst nicht mehr durchschauen. Man muss enorm weitsichtig überlegen, welche Ziele und Zwecke verfolgt werden sollen – und nicht nur an die Ziele für unsere kleinen Anwendungsfälle denken. Sandamirskaya: Es ist eine sehr mächtige Technologie, die uns wirklich gefährlich werden kann, indem sie uns Unwahrheiten eintrichtert. Der Vergleich mit der Kernspaltung drängt sich auf: Man kann damit Elektrizität erzeugen oder eine Atombombe bauen. Was wir daraus machen, hängt aber nicht vom Willen der KI ab, sondern von dem der Menschen. Interview: Sara Blaser

«Von Open Science profitieren Wissenschaft und Gesellschaft»

Julia Krasselt: Einige meiner Projekte setzen sich gezielt mit offenen Forschungsdaten auseinander, etwa das Projekt Swiss-AL , eine Sprachdatenbank, die mit Forschenden aus anderen Disziplinen geteilt werden soll. Ich finde, Open Science bereichert die interdisziplinäre Zusammenarbeit, aber für Forschende kommen viele neue Themen hinzu wie Datenschutz, Urheberrechte, die Wahl von Repositorien* und Datenformaten. Gabriela Lüthi: Wir beraten Forschende und Dozierende rund um das Thema Open Science, etwa bei der Wahl von Publikationsgefässen und bei Finanzierungsanträgen für Open Access. Wenn wir frühzeitig eingebunden werden, sparen die Forschenden viel Zeit und können unsere umfangreiche Expertise rund um Open Science gezielt nutzen. Claudio Cometta: Ich bin am Thema Open Science generell sehr interessiert, denn in meinem Team forschen und publizieren wir viel. Wir beschäftigen uns aber vor allem mit Open Innovation . Der Zusammenhang von Open Innovation mit der Open-Science-Bewegung wird sehr kontrovers diskutiert. Von offener Innovation wird in erster Linie gesprochen, wenn Unternehmen ihre Innovationsprozesse über die Grenzen der eigenen Organisation hinaus gestalten. Hochschulen können hier als Innovationspartner eine wichtige Rolle spielen. Krasselt: Es ist ein Stereotyp, dass Forschende ihre Ergebnisse und Daten geheim halten, aus Angst, dass andere noch etwas Besseres daraus machen könnten. Gerade in der Angewandten Linguistik gab es schon Vorreiterprojekte, bevor es den Begriff Open Research Data überhaupt gab. Zum Beispiel Sprachdatensammlungen – sogenannte Korpora –, die für die Forschungsgemeinschaft erstellt wurden, weil man weiss, dass diese Daten ganz unterschiedliche Fragen beantworten können, etwa zu Grammatik oder zum Sprachgebrauch. Cometta: Forschungsdaten zu teilen, steht in keinem Widerspruch zu erfolgreichem Publizieren – es ist eher sogar eine Voraussetzung dafür. Wir sind seit Jahren in der nichttechnischen Energieforschung aktiv und sind dort oft in Forschungskonsortien mit anderen Hochschulen und Partnern aus der Wirtschaft eingebunden. Häufig ist das Teilen von Daten eine Bedingung dafür, dass man in solchen Konsortien mitmachen kann. Lüthi: Derzeit sind rund 60 Prozent der wissenschaftlichen Publikationen der ZHAW öffentlich zugänglich. Nimmt man nicht unabhängig begutachtete Publikationen dazu, sind es sogar 70 Prozent. Wir können stolz sein auf diese Zahlen, aber man darf nicht vergessen, dass die Open-Access-Bewegung schon 20 Jahre alt ist. Lüthi: Das ist eher unrealistisch, aber wir sind auf gutem Weg. An der ZHAW sind in den Disziplinen Engineering und Life Sciences bereits 85 Prozent der Artikel öffentlich zugänglich, in den Sozialwissenschaften etwa 66 Prozent. Ein höherer Anteil wäre möglich, aber Forschende stehen auch unter Druck, nicht irgendwo zu publizieren, sondern in angesehenen Zeitschriften. «Einige Open-Science-Prinzipien sind aktuell nur bedingt mit rechtlichen Rahmenbedingungen vereinbar.» Julia Krasselt, Professorin für digitale Linguistik Lüthi: Früher zahlten wir für das Lesen mit Abonnements, jetzt haben wir sogenannte Read-&-Publish-Vereinbarungen* mit Verlagen. Wir können die Zeitschriften und Beiträge also lesen und in gewissen Zeitschriften auch publizieren, das Publizieren ist aber kontingentiert. Man glaubte, die Open-Access-Bewegung sei der Ausweg aus den immer teurer werdenden Subskriptionspreisen. Aber mit den R&P-Vereinbarungen stützen wir natürlich die Grossverlage wie Elsevier, Springer oder Wiley weiter und sind abhängig von ihnen. Es gibt aber auch eine Alternative, sogenanntes Diamond Open Access. Dabei kostet weder das Lesen noch das Publizieren, sondern Förderorganisationen finanzieren Plattformen, auf denen publiziert werden kann. Lüthi: Ja. Der Schweizerische Nationalfonds hat dieses Jahr kommuniziert, dass er die R&P-Verträge nicht weiter im gleichen Mass fördern will. Es dauerte auch lange, bis der Deal zwischen swissuniversities und Elsevier zustande kam. Als Hochschule muss man Haltung einnehmen und sich überlegen, ob man alternative Wege einschlägt. Wären wir bereit gewesen, nicht mehr in Elsevier publizieren zu können? Cometta: Ich glaube, die Hürde wäre sehr hoch. Wenn man bei den grossen Playern nicht mehr publizieren kann, hat man als Hochschule ein Problem. Forschende wählen ihr Publikationsgefäss nicht nach Verlag aus, sondern nach der Relevanz des einzelnen Journals. «Forschungsdaten zu teilen, steht in keinem Widerspruch zu erfolgreichem Publizieren – es ist eher sogar eine Voraussetzung dafür.» Claudio Cometta, Leiter Team Innovation Systems an der School of Management and Law Die nationale Open-Research-Data-Strategie verfolgt das Ziel, auch Forschungsdaten frei zugänglich zu machen. Staatliche Forschungsförderer wie der SNF oder Innosuisse verlangen dies bei ihren Projekten. Ist dies für eine Fachhochschule mit Industriepartnerschaften erstrebenswert oder läuft man damit Gefahr, diese zu verlieren? Cometta: In den Wirtschaftswissenschaften gab es diese Interessenskonflikte mit Industriepartnern schon vor Open Science, zum Beispiel bei klassischen Innosuisse-Projekten, die ja Innovation in der Wirtschaft fördern sollen, aber gleichzeitig forschungsbasiert sind. Die Lösung ist: Bei jedem Projekt muss man sich individuell auf den Grad der Offenheit einigen. Lüthi: Es gilt abzuschätzen, welche Daten für die Öffentlichkeit relevant sind. Alle Daten vollständig offenzulegen, wäre nicht im Interesse der ZHAW. Auch hier erspart man sich viel Aufwand, wenn man sich vom Servicecenter Forschungsdatenmanagement beraten lässt und von vornherein systematisch mit einem Datenmanagementplan vorgeht. An der ZHAW sind wir zentral und dezentral organisiert: Neben den Kompetenzzentren für Open Access, Open Educational Resources und dem Team ZHAW Services Forschungsdaten gibt es auch in den Departementen Verantwortliche für Forschungsdaten, die Forschende im Thema Open Data unterstützen. Das ist wichtig, denn es gibt selten eine Lösung, die für alle gilt. Die Fragen sind oft sehr fachspezifisch. Cometta: Absolut. Hürden sind vor allem der Datenschutz oder der Mehraufwand – das ist vielleicht eine Erklärung dafür, wieso Open Science in den Sozialwissenschaften noch weniger verbreitet ist als in den MINT-Disziplinen: Je weniger standardisiert oder je heterogener die Daten, desto grösser der Aufwand, diese zugänglich zu machen. Man muss sie aufbereiten und Kontext mitliefern, das ist enormer Zusatzaufwand. Krasselt: Open Science wird erst seit Kurzem überhaupt bei der Planung von Forschungsprojekten berücksichtigt – hier ist sicher noch Luft nach oben. Bei einer Zusammenarbeit in einem Konsortium ist es wichtig, dass man das Vorhaben von Anfang an richtig aufsetzt und sich über die Governance unterhält. Schön ist, dass man sich dank der aktuellen Förderung von swissuniversities* auf solche Aspekte konzentrieren kann. Vorher war es schwierig, Open Science bei der Budgetierung von Projekten zu berücksichtigen. Lüthi: Die Fördergelder sind wichtig als Initialzündung. Wir müssen uns aber auch überlegen, wie man die Praxis in Zukunft etabliert. Wenn sich die Hochschulen zu Open Science bekennen, müssen sie auch Ressourcen oder Unterstützungsangebote dafür bereitstellen. Lüthi: Ich denke, vielen fehlt noch das Wissen, welche Daten sie wie offenstellen dürfen, und sie befürchten, etwas falsch zu machen. Es können aber auch datenschutzrechtliche, vertragsrechtliche oder kommerzielle Gründe gegen eine Publikation sprechen. Krasselt: Einige Open-Science-Prinzipien sind aktuell nur bedingt mit rechtlichen Rahmenbedingungen vereinbar. Bei unserem Projekt Swiss-AL können wir die Daten beispielsweise nicht einfach auf ein Repositorium stellen, weil es urheberrechtlich geschützte Texte sind. Bei internationalen Projekten gibt es manchmal auch unterschiedliche rechtliche Rahmen. Meist nimmt man dann die strengeren Regeln, was der eigenen Open-Research-Data-Strategie zuwiderlaufen kann. Wichtig ist, dass jetzt nicht parallel nach Lösungen im Kleinen gesucht wird, sondern dass in einem grösseren Gremium Good Practices für den Umgang mit Forschungsdaten erarbeitet werden – in den Sozial- und Geisteswissenschaften ist das bereits der Fall. Lüthi: Bei Open Research Data sind wir noch in der Aufbauphase. Gute Lösungen zu finden, ist nicht ganz ohne: Man muss eine nationale Infrastruktur schaffen, die sowohl der Disziplin, aber auch internationalen Standards gerecht wird, damit die Daten austauschbar sind. Eine einzelne Institution kann das nicht stemmen. Das müssen nationale Konsortien sein mit internationalen Vernetzungen. Die aktuelle Förderung durch swissuniversities trägt dieser Aufgabe Rechnung. «Die Hochschule darf die Forschenden mit den neuen Anforderungen nicht alleine lassen.» Gabriela Lüthi, Leiterin Hochschulbibliothek Cometta: Die Wissenschaft und die Allgemeinheit profitieren sicher. Bei Open Access sind es vor allem Hochschulen aus dem globalen Süden, die sich den Zugang zu Fachzeitschriften vorher nicht leisten konnten. Ausserdem forschungsnahe Institutionen, die wissenschaftliche Erkenntnisse verwenden und multiplizieren. Lüthi: Die Corona-Pandemie ist ein gutes Beispiel: Sämtliche Forschungsergebnisse wurden frei zugänglich publiziert, denn es war von globalem Interesse, das Virus zu bekämpfen. Davon haben alle profitiert: die Wissenschaft, aber auch die Gesellschaft, denn die Impfstoffe wurden enorm schnell entwickelt. Krasselt: Ich finde nicht. Die Daten sowie Forschungsergebnisse müssen ganz anders aufbereitet werden. Ein schönes Beispiel ist das «Wort des Jahres Schweiz», wofür die Sprachdatenbank Swiss-AL genutzt wird. Es ist ein öffentlichkeitswirksames Projekt, bei dem wissenschaftlich fundiert erhoben wird, welche Wörter in den vier Landesprachen der Schweiz gesellschaftliche Entwicklungen eines Jahres widerspiegeln. Lüthi: Ich glaube auch, dass wissenschaftliche Erkenntnisse sich nicht nur über Publikationen und Open Research Data verbreiten. Es braucht niederschwellige Angebote. Die Hochschulbibliothek steht zum Beispiel der Allgemeinheit offen, und wir führen auch öffentliche Veranstaltungen zu wissenschaftlichen Themen durch. Die ZHAW ist ausserdem Mitglied der europäischen Coalition for Advancing Research Assessment CoARA *. Dort geht es unter anderem darum, dass Forschende Open Science mehr mitdenken, also mehr Beiträge zur Wissenschaftskommunikation und Politikberatung leisten, und dass solches Engagement mehr Wertschätzung in der Evaluation ihrer Leistung erfährt. Wissenschaftskommunikation ist aber für viele Forschende eine Herausforderung. Cometta: Wenn ich sehe, wie Social Media als Multiplikator für Forschungsergebnisse genutzt wird, glaube ich, dass die jüngere Generation von Forschenden ein ganz anderes Selbstverständnis und mehr Bewusstsein dafür hat, dass ein Transfer stattfinden muss. Krasselt: Neulich auf einem Workshop sagten einige ältere Forschende, sie hätten Mühe mit den neuen Anforderungen. Es wird heute schon fast vorausgesetzt, dass man Programmierkenntnisse hat und auch auf Social Media aktiv ist. Open Science stellt viele Anforderungen, und ich glaube, die Generationen nehmen diese sehr unterschiedlich wahr. Lüthi: Die Hochschule darf die Forschenden mit diesen neuen Anforderungen nicht alleine lassen. Es müsste Zeitgutschriften dafür geben, dass man sich damit auseinandersetzt, oder zumindest Weiterbildungsmöglichkeiten. Interview: Sara Blaser

«Die totale Forschungsfreiheit ist eine Illusion»

Karin Nordström: Menschen sind grundsätzlich neugierig und wissbegierig. Das sind Eigenschaften, die sehr viel Gutes hervorgebracht haben für die Gesellschaft. Da will der Gesetzgeber möglichst wenig eingreifen, um der Kreativität möglichst freien Lauf zu lassen. Christoph Heitz: Dieser Artikel bezieht sich auch darauf, dass sich Forschende nicht instrumentalisieren lassen sollen zum Beispiel von wirtschaftlicher oder politischer Macht – zumindest nicht undeklariert. Nordström: Die totale Forschungsfreiheit ist eine Illusion. Was Forschende interessiert, welche Fragen gestellt werden, ist Teil ihrer Sozialisierung in gewissen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder politischen Kontexten oder richtet sich nach Forschungstraditionen. Im besten Fall machen Forschende die Fragen anderer zu ihren Fragen – das muss nicht im Widerspruch zur Freiheit stehen. Im schlimmsten Fall stellen und beantworten sie nur ihre eigenen Fragen – das ist dann Forschung im Elfenbeinturm. «Was Forschende interessiert, welche Fragen gestellt werden, ist Teil ihrer Sozialisierung in gewissen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder politischen Kontexten oder richtet sich nach Forschungstraditionen.» Karin Nordström, Präsidentin des ZHAW-Ethikausschusses Heitz: Als anwendungsorientierte Hochschule forschen wir in der Regel in Kooperation mit Partnerfirmen oder Institutionen. Deshalb ist es wichtig, vor Beginn der Zusammenarbeit die Ziele auszuhandeln. Die Projekte müssen so ausgestaltet sein, dass sie mit den Wertvorstellungen der Wissensarbeitenden vereinbar sind – durchaus unter Anerkennung der Rahmenbedingungen. Heitz: Nicht per se. Wir sind keine Erfüllungsgehilfen. Da wir aber nicht nur Wissen generieren, sondern mitwirken, es direkt in die Praxis umzusetzen, ändern wir ganz konkret den Lauf der Dinge. Wir haben als Fachhochschulen faktisch den Auftrag, die Welt zum Besseren zu verändern. Das ist ein vornehmer Auftrag. Wir müssen uns aber die Frage stellen, wodurch dieser Auftrag konterkariert werden könnte. «Da wir nicht nur Wissen generieren, sondern mitwirken, es direkt in die Praxis umzusetzen, ändern wir ganz konkret den Lauf der Dinge. Wir haben faktisch den Auftrag, die Welt zum Besseren zu verändern.» Christoph Heitz, Data Scientist Heitz: Zum Beispiel durch Machtstrukturen oder ungewisse Finanzierungsmöglichkeiten. Es ist also ein grosser Anspruch, unsere Unabhängigkeit als Forschungsinstitution zu wahren – die für unsere Akzeptanz zentral ist. Mindestens ebenso wichtig wie Unabhängigkeit ist ein anderer Aspekt: Wir haben die Verantwortung für das, was wir tun. Die Entschuldigung der Grundlagenforschung, dass sie ja nur Wissen generiert, während die Anwenderinnen und Anwender letztlich dafür verantwortlich seien, was damit geschieht – diese gilt für uns nicht in der gleichen Weise. Bei allen unseren Projekten müssen wir die Frage mitdenken: Was passiert mit unserer Welt, wenn unsere Forschungsergebnisse in die «freie Wildbahn» entlassen werden. Nordström: Die Einstellung, alles wissen zu wollen, ist per se gut und wichtig. Der Zweck darf aber nicht die Mittel heiligen. Die Methoden zur Durchführung von Forschung müssen ethisch vertretbar sein: Das heisst, der zu erwartende Nutzen eines Forschungsvorhabens muss in einem angemessenen Verhältnis zu potenziellen Risiken stehen. Nicht alles, was möglich ist, ist unbedingt erstrebenswert. Wir sollten uns stets fragen: Wozu brauchen wir das Wissen, wozu verwenden wir es, wohin wollen wir? Welche Art von Erkenntnissen bringt uns weiter oder trägt zu einer nachhaltigen, fairen Lebenswelt bei? Solche Fragen müssen im Gesundheitsbereich, in dem ich arbeite, vor allem in der Genforschung gestellt werden. «Wir müssen uns fragen: Welche Art von Erkenntnissen bringt uns weiter oder trägt zu einer nachhaltigen, fairen Lebenswelt bei?» Karin Nordström, Präsidentin des ZHAW-Ethikausschusses Heitz: Uns als Hochschule stünde es gut an, an die Dinge zu denken, die über den Business Case unserer Firmenpartner hinausgehen. Das ist für mich zentral. Denn die Interessen der Partnerunternehmen sind zunächst einmal anders gelagert: Wer auf wirtschaftlichen Erfolg und Geldverdienen abzielt, denkt nicht in erster Linie an z.B. soziale Auswirkungen. Besonders im Gebiet der KI, in dem ich arbeite, ist das aber eines der zentralen Probleme. Heitz: Meine Erfahrung ist: Wenn wir die Risiken und unsere Überlegungen auf den Tisch bringen, dann werden wir ernst genommen. Unsere konstruktive Aufgabe besteht darin, Lösungen zu entwickeln, die unsere Partnerunternehmungen weiterbringen, gleichzeitig aber auch verträglich sind mit den Werten unserer Gesellschaft. Nicht immer einfach, aber einfach immer lohnend. Damit schaffen wir soziale Nachhaltigkeit, die auch im Interesse unserer Partner ist. Nordström: Es gibt einen Graubereich bei der Forschung am oder mit Menschen. Nicht alle Projekte fallen unter das Humanforschungsgesetz und müssen folglich auch nicht von einer Kantonalen Ethikkommission geprüft werden. Dennoch werfen sie ethische Fragen auf. Hochschulen haben deshalb interne Kommissionen oder Ausschüsse dafür eingerichtet. Kommt hinzu, dass einige wissenschaftliche Zeitschriften zur Bedingung gemacht haben, dass die Methoden und Resultate aus ethischer Sicht geprüft wurden, bevor sie diese veröffentlichen. Auch beim Schweizerischen Nationalfonds ist Voraussetzung dafür, dass Fördermittel gesprochen werden, dass diese Vorhaben ethischen Kriterien standhalten können. Nordström: Es muss eine Balance zwischen Nutzen und Risiken geben. Der Fokus liegt auf dem Schutz der Studienteilnehmenden: Wurden sie ausreichend und verständlich darüber informiert, worum es geht? Konnten sie auf dieser Basis eine informierte Zustimmung geben? Wurde dieses Einverständnis eingeholt und dokumentiert? Auch Fragen zur Datensicherheit müssen gestellt werden. «Wir müssen stets die Frage mitdenken: Was passiert mit unserer Welt, wenn unsere Forschungsergebnisse in die ‘freie Wildbahn’ entlassen werden?» Christoph Heitz, Data Scientist Heitz: Datenschutz war das grosse Thema im Kontext der Digitalisierung in den Jahren 2000 bis 2015. Mit Künstlicher Intelligenz befindet sich unsere Gesellschaft in einer neuen Phase. In grossem Stil wir jetzt darüber diskutiert, wie man mit KI die Welt verändert und welche ethischen Fragen dabei geklärt werden müssen. Nordström: Bisher nicht. Das ist Neuland und brächte eine ganz andere Dimension in die Arbeit mit ein. Heitz: Im Grunde hat aber ein grosser Teil unserer Forschung hinsichtlich Digitalisierung ganz direkte Auswirkungen auf Menschen, schon allein, wenn man bedenkt, welche Auswirkungen Apps auf unseren Alltag haben. Wir leben in einer Welt, die durchdrungen ist von ganz vielen Systemen im Hintergrund. Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass sie uns manipulieren, aber doch irgendwie steuern. Die EU ist gerade dabei, mit dem AI Act einen weltweit einzigartigen Rechtsrahmen für Künstliche Intelligenz zu setzen. Heitz: Dieses Gesetz basiert auf einem Risikoansatz. KI-Systeme werden nach dem Risiko, das sie für die Menschen darstellen, analysiert und klassifiziert: Wie gross ist das Risiko, dass jemand zu Schaden kommt? Oder werden Bevölkerungsgruppen systematisch diskriminiert und ins wirtschaftliche Abseits gestellt, weil ein Algorithmus so funktioniert, dass Menschen dieser Gruppen systematisch schlechter gestellt werden, wenn es um Stellen, Kredite oder Versicherungen geht? Das passiert häufig und basiert in der Regel nicht auf einem Programmierfehler, sondern auf der Logik der Aufgabenstellung, die solche gesellschaftlichen Auswirkungen nicht mitberücksichtigt. Ist die Auswirkung von KI-Systemen auf das Leben von Menschen gross, setzt die Regulierung ein. Dies gilt etwa für Systeme im Gesundheitswesen, aber auch bei wichtigen Dienstleistungen wie Banken oder Versicherungen. Heitz: Ein Weckruf waren 2017 die US-Wahlen, als die Einflussnahme durch die Datenanalysefirma Cambridge Analytica aufgedeckt wurde und Donald Trump an die Macht kam. Ab diesem Zeitpunkt wurde deutlich, dass es nicht mehr nur auf den Datenschutz ankommt. Da wurden völlig neue Dimensionen der Digitalisierung deutlich. In dieser Zeit entstand auch aus einer Initiative der ZHAW das Netzwerk Data Innovation Alliance , dem heute 25 Forschungsinstitutionen und 50 Firmen angehören und dessen Präsident ich bin. Das Netzwerk treibt Innovation mittels Nutzung von Daten voran. Wir standen vor der Frage: Was tun wir da eigentlich und mit welchen Auswirkungen auf die Welt? Wir haben deshalb schon 2017 eine Ethikexpertengruppe aufgesetzt und einen Ethikkodex speziell für den Umgang mit Daten entwickelt. Wir sind überzeugt, dass wir sicherstellen müssen, dass die Nutzung von Daten und KI unsere gesellschaftlichen Werte wie Freiheit, Autonomie oder soziale Gerechtigkeit nicht beschädigt. Langfristig ist diese Art von sozialer Nachhaltigkeit für die ganze Branche von zentraler Wichtigkeit, also im direkten Interesse der Firmen. Heitz: Bisher war unser Verständnis in den Ingenieurwissenschaften und der Informatik derart, dass wir in erster Linie technische Fragen lösten. Das reicht heute nicht mehr. Ich glaube, speziell im Rahmen der Digitalisierung haben wir als anwendungsorientierte Hochschule eine wirklich grosse Aufgabe und Verantwortung, unsere Projekte inhaltlich so auszurichten, dass sie kompatibel sind mit den Werten unserer Gesellschaft. Wenn man eine Applikation entwickelt, dann muss man sich entscheiden, welche Wertvorstellungen mit den technologischen Lösungen verbunden sein sollen. Um Fachleute darin auszubilden, bieten wir seit dem Frühlingssemester 2023 ein Modul für Informatik- und Data-Science-Studierende zum Thema Algorithmic Fairness an und ab Frühjahr 2024 auch in der Weiterbildung. Die ZHAW ist damit eine der ersten Hochschulen in der Schweiz, die so etwas im Grundstudium implementiert. Heitz: Es ist Teil des Unterrichts, zu zeigen, dass es unterschiedliche Definitionen von Fairness gibt und dass man nicht in jeder Beziehung fair sein kann. Es muss vielmehr eine normative Festsetzung geben. Diese können aber nicht die Ingenieurinnen und Ingenieure selber vornehmen, sondern da müssen sie das Management ins Boot holen. Die Ingenieure müssen aber die ethischen Fragestellungen und Optionen aufzeigen. Denn nur sie haben ein Gefühl dafür, welche technischen Optionen es gibt und welche ethischen Auswirkungen diese haben. Welche Konsequenzen und Risiken das Unternehmen tragen will, muss letztlich das Management entscheiden. Nordström: Dann ist es Teil der Ausbildung, zu zeigen, dass Technologie nicht neutral ist, sondern dass da Werte mitspielen? Heitz: Ja, hier werden die Studierenden sensibilisiert, dass zum Beispiel durch das Design oder die konkrete technische Ausgestaltung von Vorhersage-Algorithmen Tools produziert werden können, die unzulässig diskriminieren. Sie lernen nicht nur, wie man das erkennt und welche Ideen von sozialer Gerechtigkeit mit solchen Modellen verknüpft werden können, sondern auch, wie man Diskriminierung vermeiden und Fairness konkret in einen Algorithmus implementieren kann. Das ist ein Beispiel für die Art von Verantwortung, die wir als anwendungsorientierte Hochschule übernehmen sollten. Heitz: Nicht nur. Wir sollten zunächst selbst die Kompetenz für diese umsichtige Weitsicht entwickeln, zweitens die Studierenden hierin ausbilden und nachher draussen bei der Umsetzung die richtigen Fragen stellen, aber auch in der Lage sein, Lösungen für diese Fragen zu entwickeln mit möglichst wenig unliebsamen Auswirkungen. Heitz: Nehmen wir an, wir brauchen ein Tool zur Unterstützung der Entscheidung für die Verteilung finanzieller Mittel im Gesundheitswesen. Eine typische normative Frage wäre dann: Sollen die medizinischen Ressourcen über alle gleichmässig verteilt werden? Oder will man die Mittel bedarfsgerecht verteilen, etwa um zu erreichen, dass Frauen die gleichen Heilungschancen haben wie Männer? Je nach Wahl sähe die technische Implementierung ganz unterschiedlich aus. Nordström: Das ist auch die grosse Frage bei Public Health: Wie müssten chancengerechte Gesundheitsversorgung, Gesundheitsförderung und Prävention aussehen? Wo sind Ungleichheiten notwendig, um eine Gleichheit zu erreichen? Habt Ihr Data Scientists auch Lösungen für solche Fragen? Heitz: In der Forschung sind hier in den letzten Jahren viele Ansätze entwickelt worden – diese gilt es jetzt in die Praxis zu bringen. Die Gefahr ist gross – und das sehen wir bei KI-Applikationen immer wieder –, dass Leute Lösungen bauen, und fünf Jahre später staunen sie: Oh, da ist jetzt was ganz Schlimmes passiert, was man nie beabsichtigt hat. Aber niemand hat daran gedacht, zu Beginn nach den Folgen zu fragen, die normative Setzung zu machen und die Technologie so anzupassen, damit bestimmte Anforderungen erfüllt werden. Nordström: Das gilt für Forschung generell. Heitz: So ein vorausschauendes und ethisches Denken muss deshalb trainiert werden Heitz: Forschungsmoratorien halte ich nicht für angebracht. Dann passiert vielleicht nichts Schlimmes mehr, aber auch nichts Gutes. Ich finde, es braucht keine Verbote, sondern eine Verpflichtung, technische Lösungen so zu gestalten, dass negative Auswirkungen minimiert werden. Das heisst, als Forschende müssen wir auch Lösungen für einen verantwortlichen Einsatz entwickeln. Wir können unsere Forschungspartner befähigen, sensibel zu werden für die Fragen nach den Risiken, und sie gleichzeitig darin unterstützen, die gesellschaftlichen Nebenwirkungen unter Kontrolle zu behalten. Dies ist herausfordernd, aber vor herausfordernden Fragestellungen sollten wir als Hochschule keine Angst haben. Interview Patricia Faller

Mental Load: Ständig Stress im Kopf

Filomena Sabatella : Das überrascht mich nicht. Bekannt wurde der Begriff Mental Load durch den Emma-Comic , in dem es um eine Frau geht, die den ganzen familiären Mental Load trägt. Ursprünglich kommt das Thema aber aus der Arbeitswelt. Sabatella: Es gibt keine konkreten Zahlen dazu. Aber wir wissen, dass in Paarbeziehungen jeweils eine Person den Load übernimmt – und in der Regel ist das tatsächlich die Frau. Isabel Willemse : Viele realisieren nicht, dass sie in diesen Stereotypen gefangen sind. Und weil die Rollen gesellschaftlich geprägt sind, braucht es einen zusätzlichen Effort, diese zu durchbrechen. «Wie anstrengend all die Denkaufgaben sind, wird selten thematisiert.» Filomena Sabatella, Fachgruppe Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie Sabatella: Zuerst muss man sich des Problems bewusst werden. Dann geht es ums Visualisieren: Welche Aufgaben stehen Tag für Tag an, und wie wollen wir die neu aufteilen? Der Knackpunkt ist Schritt drei: die Aufgaben auch mental aufzuteilen und das Verhalten zu ändern. Da können einem diverse Hindernisse im Weg stehen. Sabatella: Die eigene Einstellung etwa: Wenn ich glaube, dass sowieso keiner die Aufgabe so gut erledigt wie ich selbst. Oder dass man es aushalten muss, falls das Gegenüber die Angelegenheit erst einige Tage später erledigt. Dann ist es wichtig, nicht gleich zu sagen: «Dann mach ich’s eben schnell selbst.» Mein Tipp: Gib zuerst die Aufgaben ab, die dir weniger wichtig sind. Willemse: Auf jeden Fall. Was im Kopf herumschwirrt, nimmt viel mehr Raum ein, weil es so diffus ist. Sortiert und visualisiert man diese Dinge, hat man einen besseren Überblick und kann anfangen, Prioritäten zu setzen. «Man hat ja meist das Gefühl, alle anderen meistern die täglichen Herausforderungen mega easy, nur ich nicht.» Isabel Willemse, Fachgruppe Medienpsychologie Sabatella: Man erkennt so schneller, in welchen Momenten der Alltag stressig ist und wo man mehr Entspannung hineinbringen sollte. Sabatella: Viele Mütter stehen zum Beispiel eine halbe Stunde vor den Kindern auf, um etwas Ruhe zu haben, bevor der morgendliche Rummel beginnt. Kommt man nicht gut aus dem Bett, kann man auch am Vormittag eine fixe Pause einplanen. Willemse: Oder man wird pragmatischer: Ein gekauftes Sandwich für den Schulausflug kann zum Beispiel genauso gut sein wie ein selbstgemachtes. Sabatella: Wenn man sich am Abend hinlegt und die Gedanken zu kreisen beginnen, man ständig angespannt oder überlastet ist, dann ist die mentale Belastung zu gross. Das kann zu gesundheitlichen Problemen wie Schlafstörungen, Angstzuständen oder einer Erschöpfungsdepression führen. Willemse: Wenn man zwischendurch einmal nicht abschalten kann, ist das nicht sofort besorgniserregend, so geht es uns allen einmal. Aber wenn man sich dauerhaft aus dem sozialen Umfeld zurückzieht, weil einem die Energie fehlt, oder man ständig aggressiv ist, dann sind das Warnsignale. interview Jeanette Kuster

«Wir sagen oft Ja und meinen eigentlich Nein»

Natalie Spalding: Weil das, was uns guttun würde, oft nicht sofort angenehm ist oder belohnend wirkt. Wir Menschen bevorzugen kurzfristige Belohnungen. Langfristige Konsequenzen oder Benefits wirken oft noch zu weit weg. Wenn du bereits erschöpft bist, fehlt dir die Energie, etwas zu verändern. Und gerade unter Stress greifen wir dann automatisch auf alte und damit vielleicht auch ungesunde Muster zurück. Rational weisst du zwar, was gesund wäre. Emotional entscheidest du anders. Teilweise schon. Wenn man sich umhört, sagen viele Menschen ständig, sie hätten Stress, zu wenig Zeit oder seien müde. Selten sagt jemand: «Ich bin fit, ausgeschlafen und habe genug Zeit.» Erschöpfung ist in gewisser Weise fast zu einem Statussymbol geworden. Wer immer beschäftigt ist, wirkt wichtig und leistungsfähig. Überstunden oder Dauerstress werden teilweise sogar positiv bewertet. Dabei wäre die spannendere Frage oft: Warum schaffen wir es eigentlich nicht mehr, zur Ruhe zu kommen? Stressphasen gehören zum Leben. Problematisch wird es, wenn Überlastung dauerhaft wird und erste körperliche oder emotionale Warnsignale auftreten. Schlafprobleme, dauerhafte Anspannung, Gereiztheit, Konzentrationsprobleme oder das Gefühl, nie wirklich abschalten zu können. Zur Kompensation greifen wir dann zum Beispiel auf Alkohol und Schlaftabletten zurück, konsumieren fast ständig Medien oder arbeiten noch mehr, um die inneren Warnsignale zu übertönen. Oft verlieren wir dabei auch den Zugang zum eigenen Körper. Kopfschmerzen, Verspannungen oder Erschöpfung werden schnell einfach «wegbehandelt». Dabei müsste man sich fragen: Was steckt eigentlich dahinter? Ein wichtiges Signal ist auch, wenn man bereits bei kleinen Dingen unverhältnismässig gestresst reagiert. Etwa beim Warten an der Supermarktkasse: Werde ich schnell ungeduldig? Reagiere ich schnell gereizt auf kleine Reize? Fühlt es sich an, als sei alles zu viel? Dann lohnt es sich unbedingt, genauer hinzuschauen. «Die permanente Reiz- und Informationsflut lässt kaum noch echte Ruhephasen zu.» Natalie Spalding, Dozentin und Kursleiterin des WBK «Resilienz und Burnout-Prophylaxe» Funktionieren bedeutet oft: im Autopilot weitermachen, reagieren, durchhalten. In vier Wochen habe ich Ferien, bis dahin muss ich durchhalten. Dann wird alles wieder besser. Dabei bewegen wir uns in einer Wiederholungsschlaufe von Ferien zu Ferien, von Wochenende zu Wochenende. Wir versuchen, effizient Aufgaben abzuarbeiten, um die gewonnene Zeit dann in das Smartphone zu investieren. Resilienz bedeutet etwas anderes. Resilienz heisst, das eigene Leben aktiv zu gestalten und bewusst Entscheidungen zu treffen – und das dauerhaft. Es geht darum, eigene Grenzen wahrzunehmen, bewusst Ja oder Nein zu sagen oder sich mit den eigenen Mustern auseinanderzusetzen. Auch Themen wie Selbstwirksamkeit, Akzeptanz oder Lösungsorientierung spielen eine Rolle. Ein bisschen Yoga oder Spazieren kann hilfreich sein. Aber es reicht nicht immer. Wenn jemand bereits stark erschöpft ist, wirken solche Tipps schnell bagatellisierend. Resilienz ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann besitzt. Sie muss immer wieder aktiv aufgebaut und gepflegt werden. Es wäre zu einfach, die Verantwortung nur beim Individuum zu suchen. Natürlich kann jede Person etwas für die eigene Gesundheit tun. Gleichzeitig sind aber auch Unternehmen und Führungskräfte in der Verantwortung. Prävention funktioniert nicht einfach über einen einzelnen Kurs oder ein Gesundheitsangebot. Entscheidend ist, ob eine Kultur entsteht, in der über Belastung gesprochen werden darf. Es braucht den ehrlichen Austausch: Wie geht es uns als Team? Wo stehen wir gerade? Was belastet uns und wie geht es uns dabei? Und welche Ressourcen haben wir? Was könnte uns helfen in der aktuellen Situation? Wie können wir uns gegenseitig unterstützen? Führungskräfte haben dabei eine wichtige Vorbildfunktion. Wegschauen ist oft einfacher. Langfristig aber deutlich teurer. Weil Veränderung nicht linear funktioniert. Viele nehmen sich zu viel auf einmal vor: mehr Sport, mehr Pausen, weniger Handy, besser schlafen, gesünder essen und scheitern dann an den eigenen Ansprüchen. Durch zu ambitionierte Ziele erhöht sich der Eigendruck und die ganzen Vorhaben können kontraproduktiv wirken. Hilfreicher sind kleine, realistische Schritte. Vielleicht beginnt man damit, zweimal täglich zehn Minuten wirklich Pause zu machen. Oder E-Mails nicht mehr permanent zu kontrollieren. Menschen funktionieren unterschiedlich. Manche brauchen Rückzug, andere Austausch. Manche erholen sich durch Bewegung, andere durch Ruhe. Achtsamkeit muss dabei nichts Esoterisches sein. Im Kern geht es darum, überhaupt wahrzunehmen: Wie geht es mir gerade? Was brauche ich? Und was raubt mir Energie? Ja, ich glaube schon, dass sich Belastungen verändert haben. Einer der grössten Faktoren ist die permanente Reiz- und Informationsflut. Viele Menschen sind praktisch ständig online, ständig erreichbar und permanent mit anderen Lebensrealitäten konfrontiert. Dadurch gibt es kaum noch echte Ruhephasen. Psychische Themen sind heute sichtbarer. Menschen sprechen offener über psychische Belastungen oder psychisches Leid. Gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr, dass Diagnosen oder Labels inflationär verwendet werden. Manche identifizieren sich sehr stark mit Diagnosen, die sie online oder auf sozialen Medien entdeckt haben. Diese Selbstdiagnostik kann problematisch sein. Sie nehmen sich eher Zeit, um auf sich selbst zu hören. Sie kennen ihre Bedürfnisse, Werte und Grenzen besser. Resiliente Menschen gehen bewusster mit ihrer Energie um. Sie überlegen sich bewusster, wie sie ihren Alltag gestalten und wo ihre Grenzen liegen. Ausserdem akzeptieren sie eher, dass Rückschritte normal sind. Veränderung ist kein perfekter Prozess. Entscheidend ist, geduldig dranzubleiben, dem Prozess zu vertrauen und immer weiterzugehen. Ich glaube, wir haben ein zunehmendes Problem mit Abgrenzung. Viele Menschen lesen auch abends oder am Wochenende noch E-Mails, sind ständig erreichbar oder lassen permanent neue Reize zu. Gleichzeitig wird sehr viel kommuniziert, aber oft wenig klar und wenig differenziert. Wir haben verlernt, wirklich Pause zu machen, einfach mal gar nichts tun. Dabei wären genau solche Momente wichtig. Kreativität und Erkenntnis entstehen oft in der Ruhe. Ich würde mir wünschen, dass wir neugieriger und offener mit diesen Themen umgehen. Nicht mit dem Anspruch, sofort alles perfekt zu machen, sondern explorativ. Oder anders gesagt: Veränderung beginnt selten mit der perfekten Lösung – sondern oft mit fünf Minuten, in denen man etwas anders macht als sonst. (Aufmacherbild: Adobestock/ stokkete ) Bettina Bendiner

«Halten sich kleine Kinder an dem Ort auf, braucht es Massnahmen»

PFAS steht für per- und polyfluorierte Alkylverbindungen. Das ist eine Stoffgruppe, die bis zu 10 000 Chemikalien umfasst. Sie alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine starke chemische Bindung zwischen dem Fluor- und dem Kohlenstoffatom haben. Dadurch sind sie wasser- und fettabstossend. Weil diese Bindung so stark ist, ist sie auch hitzeresistent – das macht PFAS einzigartig. Der Nachteil dieser starken Bindung ist, dass diese Stoffe für sehr lange Zeit in der Umwelt verbleiben. Deshalb nennt man sie auch Ewigkeitschemikalien. Genau wissen wir das leider nicht, weil es keine Deklarationspflicht gibt. Alles in allem muss man aber leider davon ausgehen, dass heute mehr PFAS angewendet werden als noch vor dreissig, vierzig Jahren. Was bekannt ist: Bei den Feuerlöschschäumen gibt es mittlerweile auch PFAS-freie Alternativen, da ist also etwas in Bewegung in die richtige Richtung. Dafür werden PFAS sehr intensiv für Kühlmittel benutzt, etwa in Auto-Klimaanlagen. Das Problem ist, dass dort immer wieder winzige Lecks entstehen, durch die PFAS in die Umwelt gelangen. «Es gibt noch keine eindeutigen Antworten darauf, wann eine Belastung kritisch ist.» Basil Thalmann, Umweltchemiker am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen Im besten Fall landen Einwegverpackungen im Entsorgungsrecyclingprozess. Dort geht es in die Verbrennung, wo PFAS über Rauchgase in die Umwelt gelangen können. Meist werden die Verbindungen allerdings gar nicht aufgebrochen, weil die Hitze dafür nicht ausreicht. Also landen sie in der Schlacke und diese kann auf der Deponie in den Boden sickern. Es gibt also verschiedene Wege, wie sie in die Umwelt gelangen können. Ähnlich bei den Textilien … Textilien erzeugen Abrieb, dieser gelangt in den Staub und den inhalieren wir. Auch beim Waschen werden sie abgerieben, so landen die PFAS im Wasser. Theoretisch wäre das zwar möglich, aber die Haut stellt in der Regel eine gute Barriere dar, so dass das weniger ein Problem ist. Da würde ich mir eher Sorgen machen bei Kosmetika, die PFAS enthalten. Dass PFAS überall in unseren Böden vorkommen, ist ein Grundsatzproblem – und zwar ein menschgemachtes. Sie gehören dort eigentlich nicht hin. Da wir aber nun diese Situation haben, ist die nächste Frage, wann eine Belastung kritisch ist – und wie wir damit umgehen. Es gibt keine eindeutigen Antworten, weil uns noch einiges an Wissen fehlt. Klar ist, dass man an Orten, an denen sich kleine Kinder aufhalten, Massnahmen ergreifen muss, weil die Kleinen beim Spielen manchmal ein bisschen Boden essen. Man kann zum Beispiel den Boden auswechseln, was allerdings gar nicht so einfach ist, weil man ja erst irgendwo sauberen Boden herbekommen muss. Ich vermute, Sie sprechen von Thalwil? Noch gibt es tatsächlich nicht viele Gemeinden, die das so konsequent umsetzen. Als erwachsene Person muss man deswegen keine grosse Angst haben, weil man kaum etwas vom Boden aufgenommen hat. Es sind eher die Kinder, die gefährdet waren. Als Konsequenz können etwa gewisse Impfungen weniger gut wirken, wodurch die Kinder eher erkranken. Bei den Erwachsenen kann eine langjährige Exposition das Risiko für zu hohe Cholesterinwerte fördern. Und gewisse Krebsarten werden auch damit assoziiert. Das ist korrekt, eines der kleinsten PFAS-Moleküle steht diesbezüglich im Verdacht, die Trifluoressigsäure (TFA). In der EU ist man aktuell daran, diese Vermutung zu überprüfen. Würde sich das bewahrheiten, wäre das eine wirklich grosse Herausforderung, denn die TFA ist überall drin: Man findet sie im Regen und dadurch auch im Grundwasser, in Gemüse, Weizen und so weiter. Und das in einer anderen ganz anderen Grössenordnung als andere PFAS. Ich hoffe deshalb sehr fest, dass sich dieser Verdacht nicht erhärten wird. Das ist in der Tat ein grosses Problem. Wobei es bei tierischen Lebensmitteln noch schlimmer ist, weil die Nutztiere auch Boden essen. Oder die Hühner fressen Regenwürmer, welche wiederum die PFAS aus dem Boden aufgenommen haben. Deshalb gibt es beim Fleisch bereits Grenzwerte. Werden diese überschritten, darf das Produkt nicht in den Handel gebracht werden. «Bei tierischen Lebensmitteln ist das Problem grösser als bei pflanzlichen, weil die Nutztiere auch Boden essen.» Basil Thalmann, Umweltchemiker am Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen Eier, Milch, Fleisch, alles ist belastet. Ich selbst esse zum Beispiel kein Wildschwein mehr, weil diese Tiere besonders viel Boden fressen. Übrigens sind Bio-Eier tendenziell leider etwas stärker belastet, weil Bio-Hühner mehr Kontakt zu richtigem Boden haben. Hier verzichte ich aber nicht auf das Bio-Ei, da mir das Tierwohl wichtig ist – eine klassische Güterabwägung. Das Gute ist, dass man die Hühner bei zu hoher Belastung relativ einfach an einen anderen Ort umsiedeln kann und sie das PFAS innert weniger Wochen ausscheiden. Bei Kühen dauert das viel länger. Es ist für die betroffenen Bauern deshalb unheimlich schwierig, wenn sie wegen zu hoher PFAS-Werte ihr Fleisch plötzlich nicht mehr verkaufen dürfen und auch keine neuen Nutztiere auf diese Weide lassen können. Es handelt sich teilweise um riesige Bodenflächen, die eigentlich nur zur Viehzucht genutzt werden können. Da müssen dringend Lösungen gefunden werden. Natürlich wäre es schön, wenn es schneller gehen würde. Aber lieber nimmt man sich die Zeit und stellt dafür einen guten Aktionsplan auf die Beine. Die PFAS sind seit vierzig Jahren in unseren Böden, deshalb bringt es nichts, jetzt Panik zu schieben und alles überstürzen zu wollen. Wichtig ist, dass wir das Thema ernst nehmen und dranbleiben. Ja, wir kommen in der Schweiz sogar eher etwas spät damit im Vergleich zu anderen Nationen. Die USA und die Niederlande etwa beschäftigen sich schon länger mit dem Thema, sie haben allerdings auch Industrien, welche PFAS herstellen. In Deutschland wurden die letzten Jahre ebenfalls viele Bodenproben genommen. Es ist nicht einfach, die Ergebnisse 1:1 zu vergleichen, weil die Proben mit unterschiedlichen Forschungsfragen genommen wurden. Aber in der Tendenz sieht man, dass die Schweizer Böden stärker belastet sind als diejenigen in Deutschland oder zum Beispiel auch in Schweden. Da kann man nur mutmassen. PFAS sind relativ teure Chemikalien, deshalb geht man generell davon aus, dass weiterentwickelte Länder ein grösseres Problem damit haben. Es kann gut sein, dass wir in der Schweiz uns mehr von diesen Chemikalien geleistet haben, um Top-Produkte herzustellen. So richtig hat es 2021 angefangen, als wir die erste schweizweite Studie publiziert haben. Für mich als Chemiker sind PFAS sehr spannende Verbindungen, weil sie sich in der Umwelt so speziell verhalten. Zudem ist das Ganze ein relativ junges Forschungsgebiet, es gibt also noch ganz viele offene Fragestellungen, bei denen man in die Tiefe gehen kann. Dank meiner Arbeit an der ZHAW habe ich nun auch mit dem Bund und den Kantonen zu tun, lerne die politische Seite kennen und helfe mit, am Ende ganz konkrete Lösungen zu finden etwa für die Landwirt:innen, die ihre Felder nicht mehr bewirtschaften dürfen. Das macht meine Arbeit äusserst abwechslungsreich und auch sinnstiftend, weil ich direkt hier vor Ort etwas bewirken kann. (Aufmacherbild: Monika Liechti) Jeanette Kuster

«Wer sich früh am Morgen bewegt, schüttet am Abend eher Melatonin aus»

Vor Kurzem wurden auf einer Konferenz des American College of Cardiology Studienergebnisse vorgestellt, die einen klaren Zusammenhang zeigen sollen zwischen Frühsport und einem verringerten Risiko für Herzerkrankungen. Was sagen Sie zu diesen Ergebnissen? Anne-Kathrin Rausch: Bisher gibt es erst einen Preprint, die Studie wurde also noch nicht wissenschaftlich diskutiert. Trotzdem ist das Ganze spannend, weil sehr viele Daten gesammelt worden sind: Die Forschenden haben mit rund 23 000 Teilnehmenden gearbeitet, die alle ein Wearable getragen haben. Es sind also keine fragebogenbasierten Daten, wie das sonst üblich ist bei solch grossen Gruppen, sondern objektive Daten. In der Studie wurde untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt körperlicher Aktivität und Risikofaktoren für Herzkreislauferkrankungen gibt. Die Analyse zeigte, dass Personen, die am Morgen Ausdauersport machen, weniger Herzkreislauferkranken hatten. Aber die Studie untersucht natürlich keine Kausalität. Man kann also nicht daraus schlussfolgern, dass man keine Herz-Kreislauf-Erkrankung erleidet, wenn man immer zwischen 7 und 8 Uhr morgens Sport treibt. Genau. Natürlich ist die Überlegung spannend, zu welchem Tageszeitpunkt der Sport am sinnvollsten ist, um möglichst effizient mein persönliches Trainingsziel zu erreichen. Aber seien wir ehrlich: Die Leute, die sich darüber Gedanken machen, sind in der Regel schon sehr vorbildlich unterwegs in Sachen Fitness. Für den Grossteil der Bevölkerung ist die Herausforderung eher, überhaupt in Bewegung zu kommen. Zumal es gerade im Sommer den meisten leichter fällt, Frühsport zu treiben, man fühlt sich allgemein aktiver. Und das Tolle ist: Es wird von Tag zu Tag einfacher, denn wer sich am Morgen früh bewegt, schüttet am Abend früher Melatonin aus. Das bedeutet, dass sich der Schlafrhythmus verschiebt: Man geht etwas früher schlafen und steht folglich auch einfacher und früher auf am nächsten Tag. Es gibt Studien, die zeigen, dass man auf diese Weise den natürlichen Tagesrhythmus beeinflussen kann. «Man weiss, dass dasselbe Training draussen in der Natur als weniger belastend empfunden wird als in Innenräumen.» Anne-Kathrin Rausch, Leitung Schwerpunkt Physical Activity im MSc Physiotherapie Im Bezug auf die Fitness macht das natürlich keinen Unterschied. Aber die Bewegung draussen an der frischen Luft bringt definitiv zusätzliche positive Effekte mit sich. So konnte man etwa eine Wirkung aufs Stressempfinden und die Linderung von Depressionen nachweisen. Und man weiss, dass dasselbe Training draussen in der Natur als weniger belastend empfunden wird als in Innenräumen. Es macht also mehr Spass, obwohl man genau gleich viel leistet. Der Kreislauf wurde angekurbelt, dadurch fühlt man sich aufgeweckter. Zudem baut Bewegung Stress ab, weshalb man danach fokussierter arbeiten kann. Liegt es auch daran, dass man sich schon etwas Gutes getan hat? Das Paddeln am Morgen fühlt sich für mich jeweils fast meditativ an: die Ruhe auf dem See, die rhythmische Bewegung… und alleine aufs Wasser zu schauen hat ja nachweislich eine entspannende Wirkung. Bestimmt, das sind dann die psychologischen Faktoren, die mit hineinspielen. Es fühlt sich einfach besser an schon etwas Schönes für sich getan zu haben und somit die Selbstwirksamkeit zu steigern, als wenn man direkt vom Bett zum PC wechselt und zu arbeiten beginnt. Und das gleichmässige Paddeln senkt den Stresspegel zusätzlich, das ist so. Und zur Untermauerung jeder Meinung gibt es eine Studie … Es kommt etwas darauf an, was man mit dem Training erreichen möchte und wie der eigene Körper auf Bewegung im nüchternen Zustand reagiert. Ist das Ziel Gewichtsabnahme, kann es Sinn machen, erst nach dem Sport zu essen. Denn wenn der Kohlehydratspeicher leer ist, baut der Körper mehr Fett ab. Plant man aber eine intensivere Trainingseinheit, empfiehlt es sich, vorher zu essen. Man könnte es also wie folgt zusammenfassen: Ein bisschen Yoga am See kann man gut nüchtern oder mit einem kleinen Snack machen, aber vor einem intensiven Krafttraining sollte man ausreichend frühstücken. «Wer Gewicht verlieren möchte, frühstückt besser nach dem Sport. Bei intensiven Trainingseinheiten empfiehlt es sich jedoch, vorher zu essen.» Anne-Kathrin Rausch, Leitung Schwerpunkt Physical Activity im MSc Physiotherapie Laut WHO-Empfehlung zählt jeder Schritt, sprich jede Aktivität ist besser als keine. Es ist sinnvoll, sich ein realistisches Ziel zu setzen und sich danach fortlaufend zu steigern. Vielleicht fängt man einfach einmal mit einem 5-Minuten-Spaziergang durchs Quartier an. Dabei spürt man, wie gut das tut und nach einer Woche geht man einen Häuserblock weiter. Der Knackpunkt ist, dabeizubleiben und eine Routine zu entwickeln. Man kann sich zum Beispiel einen täglichen Agenda-Eintrag als Reminder setzen. Oder man klebt sich ein Post-it an den Computer, auf dem steht «Stopp, erst ums Haus laufen!». Was auch helfen kann: Schon am Vorabend die Kleider, das SUP und den Snack parat machen, so dass am Morgen weniger mentale Energie nötig ist, um in die Gänge zu kommen. Dem ist so. Deshalb ist es wichtig, zu Beginn dranzubleiben. Im besten Fall kommt man dann an den Punkt, an dem man merkt, dass es einem ohne die Bewegung nicht so gut geht – dann braucht es keine externen Erinnerungen mehr, weil die Eigenmotivation hoch genug ist. Jeanette Kuster

Von der ZHAW auf die Rennstrecke

Die Sonne brennt vom Himmel, als wir uns mit Lea Schenk und Leo Pavlovic auf dem Platz vor dem Technikum in Winterthur treffen. In ihrer Werkstatt gleich um die Ecke ist es jedoch auch bei 30 Grad Aussentemperatur angenehm kühl, obwohl bei unserem Besuch sieben Leute gleichzeitig im bis zur Decke mit allerlei Material gefüllten Raum arbeiten. Dieser Tage herrscht ständig Hochbetrieb hier, manchmal sogar nachts, wie Schenk sagt: «So kurz vor der Präsentation unserer neuen Autos müssen wir ein paar Nächte durcharbeiten. Aber am Ende klappt es immer, dass wir rechtzeitig fertig sind. Das ist das Tolle an diesem Team: Die Leute sind jederzeit da, wenn sie gebraucht werden.» «Die Leute», das sind mehr als 80 Studierende der ZHAW aus verschiedenen Departementen, die sich alle dem Studierendenverein Zurich UAS Racing angeschlossen haben. Einem Verein, der Rennboliden konzipiert, baut und damit an «Formula Student»-Rennen teilnimmt. Gegründet wurde der Verein 2019 von Studierenden der School of Management and Law und der School of Engineering . Gerade einmal 16 Mitglieder hatte Zurich UAS Racing in dieser Anfangsphase – «das ist übrigens der Grund, weshalb wir bis heute mit der Nummer 16 fahren», sagt die 26-jährige Studentin. Nach drei Jahren schloss sich erstmals jemand aus dem Departement Angewandte Linguistik der Renntruppe an, seither ist man daran, die Zusammenarbeit mit verschiedenen Departementen aktiv auszubauen. Lea Schenk war 2023 die zweite Person aus dem Departement Angewandte Linguistik, die dem Verein beigetreten ist, «mittlerweile sind acht Linguist:innen dabei, die sich alle um die Bereiche Kommunikation, Eventmanagement und Media Production kümmern». Zwar hat Schenk ihr Studium an der ZHAW unterdessen abgeschlossen. «Als sich aber Ende Saison 2023/24 herauskristallisierte, dass ich den Team Lead Operations übernehmen kann, wollte ich mir diese Chance auf keinen Fall entgehen lassen.» Dass nur Studierende im Verein mitwirken dürfen, war ein entscheidender Grund für sie, noch ein Masterstudium anzuhängen. «Der Verein ist ein absolutes Herzensprojekt für mich», erklärt sie, «und wo sonst kann man in einem so jungen Alter schon so viel Verantwortung übernehmen und gleich fünf Subteams führen? Die Aufgabe ist ein tolles Übungsfeld, ich kann hier alles anwenden und vertiefen, was ich im Studium gelernt habe.» «Ich kann hier alles anwenden und vertiefen, was ich im Studium gelernt habe.» Lea Schenk, COO Zurich UAS Racing Das bestätigt auch ihr Kollege Leo Pavlovic, Deputy Teamleader Mechanics: «Man lernt unglaublich viel hier in der Werkstatt, weil wir ‘hands-on’ arbeiten und uns nicht nur ein paar Vorlesungsfolien anschauen.» Pavlovic ist dem Verein gleich zu Beginn seines Studiums an der School of Engineering beigetreten. «Anfangs hatte ich etwas Mühe mit der Schule, habe gewisse Dinge nicht verstanden. Dann konnte ich hier immer fragen und jemand aus dem zweiten oder dritten Jahr hat es mir erklärt.» Zurich UAS Racing sei eben «viel mehr als ein Verein», sagt er, «hier entstehen Freundschaften und man unterstützt sich gegenseitig». Zwar ticken die Vereinsmitglieder durchaus unterschiedlich, wie Schenk sagt, «aber uns alle verbindet die Leidenschaft für den Motorsport». Während die einen von der Technik fasziniert sind, finden andere das Konstruieren an sich spannend oder aber die Vermarktung eines Rennautos. «Unser Verein ist sehr interdisziplinär aufgebaut: Wir haben das Mechanics-Team, das Electrics-Team, Informatiker, Wirtschaftsstudierende … Es funktioniert nur, wenn alle über die Disziplinen hinweg zusammenarbeiten und kompromissbereit sind», sagt Pavlovic. So wurde natürlich auch in der Gruppe besprochen, was am letztjährigen Auto verbessert werden sollte für diese Saison. «Wir haben das Fahrzeug bis ins kleinste Detail analysiert und uns bei jedem Teil gefragt, wieso wir das so gemacht haben und nicht anders. Mit dem Resultat, dass wir jetzt ein komplett neues Auto gebaut haben, bei dem kein Teil identisch ist mit dem letztjährigen Modell», sagt Pavlovic. Vielleicht hätten sie es etwas zu gut gemeint, gibt der 24-Jährige zu, «denn wir gehen dadurch natürlich ein Risiko ein». Zumal sie es letztes Jahr zum ersten Mal geschafft hatten, das Langstreckenrennen fertigzufahren. «Ein riesiges Achievement», ordnet Pavlovic ein, «von den 85 am Wettbewerb teilnehmenden Teams sind bloss 44 in dieser Disziplin überhaupt an den Start gegangen und nur 27 sind das Rennen fertig gefahren.» Das zu schaffen sei deshalb auch ohne Platz auf dem Podest ein Sieg gewesen für das Team, sagt er voller Stolz. Wie sie ihre Chancen am kommenden «Formula Student Switzerland» vom 9.–15. Juli einschätzen? «Ich bin sehr, sehr zuversichtlich, gerade weil wir gewisse Sachen von Grund auf neu konzipiert haben», sagt Pavlovic. Auch Schenk ist optimistisch, gibt aber zu bedenken, dass dieses Jahr mehr Teams teilnehmen werden als je zuvor und viele davon der Weltspitze zuzuordnen sind. «Das Team der ETH etwa, aber auch Milano und zwei österreichische Teams werden hoch gehandelt», erzählt die Studentin. Sie alle bauen seit etwa 15-20 Jahren Autos. «Das ist ein enormer Wissensvorsprung, da können wir mit unseren sieben Jahren Erfahrung noch nicht mithalten. Aber ich bin sehr gespannt, wo wir uns werden einordnen können im internationalen Vergleich.» Auf das Rennen freuen sie sich auch deshalb, weil mit den konkurrierenden Teams über die Jahre Freundschaften entstanden sind. «Logisch bleibt es ein Wettkampf, aber wenn etwas kaputt geht und ein Ersatzteil fehlt, dann helfen einem die anderen Teams aus», sagt Pavlovic, «denn am Ende des Tages wollen alle die verschiedenen Autos fahren sehen.» Ersatzteile und alles andere werden übrigens nur teilweise von der ZHAW finanziert. «Vieles läuft über Partner, die uns das Material nach unseren Wünschen anfertigen und zur Verfügung stellen», so Pavlovic, der in seiner Rolle unter anderem eng mit dem Partnership- und Finance-Team zusammenarbeitet. Er ist der Networker des Vereins und liebt genau das an seiner Aufgabe: «Die Zusammenarbeit innerhalb der ZHAW und mit externen Partnern gefällt mir schon sehr. In der Industrie so vernetzt zu sein und zu wissen, bei wem ich mich mit welchem Problem melden kann, ist spannend. Zudem kenne ich durch meine Vereinsrolle nicht nur unsere Rektorin, sondern auch diverse Institutsleitende. Es fühlt sich nicht so an, als ob ich nur an der ZHAW studieren würde, ich bin vielmehr ein Teil davon – das macht mega Spass.» «Es fühlt sich nicht so an, als ob ich nur an der ZHAW studieren würde, ich bin vielmehr ein Teil davon.» Leo Pavlovic, Deputy Teamleader Mechanics Zurich UAS Racing Das Ganze bedeutet jedoch auch ein grosses Engagement. «Ich kann keine Stundenzahl nennen, aber in Phasen wie der aktuellen gibt es kein Limit gegen oben», gibt der Student zu. Ob sein Studium nicht darunter leidet? «Vielleicht ein bisschen. Aber für mich gehört der Verein nun einmal zum Studium dazu.» Auch bei Schenk summieren sich die Stunden: «Mit meiner Masterarbeit, die ich auch über Zurich UAS Racing schreibe, und der Arbeit für den Verein bleibt nicht mehr viel Zeit für Anderes», sagt sie, «aber es macht Spass und das ist meine letzte Saison, deshalb ist das Ende absehbar. Und ja, danach ist es dann auch schön, wenn das Leben ausserhalb des Vereins wieder weitergeht.» Jeanette Kuster

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