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Pflegende Angehörige: Diejenigen stützen, die andere stützen 

Vier von fünf Menschen über 80 Jahre in der Schweiz leben nach wie vor zu Hause. Das wäre ohne ihre Ehepartnerinnen und Kinder, ohne ihre Schwiegertöchter und Geschwister nicht möglich. Angehörige übernehmen einen wesentlichen Teil der Sorge und Pflege von Menschen im Alter; sie gehen einkaufen und wechseln die Bettwäsche, erinnern an Arzttermine und helfen beim Haarewaschen. Ihr Beitrag dürfte in den kommenden Jahren noch grösser werden. Mehr und mehr kümmern sich Angehörige dabei auch um Familienmitglieder mit Demenz. Gemäss Prognosen des Bundesamtes für Gesundheit dürften bis 2045 rund 300’000 Personen oder mehr an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz leiden. Fast die Hälfte der Kosten, die dem Schweizer Gesundheitssystem dadurch entstehen, werden schon heute durch die unentgeltliche Arbeit des nahen Umfeldes gedeckt. «Zur Trauer, die jede schwere Erkrankung einer nahestehenden Person begleitet, kommt bei Demenz eine enorme Einsamkeit hinzu.» Barbara Baumeister, Gerontopsychologin am Departement Soziale Arbeit «Zwischen 80 und 85 Jahren kommt es zu den einschneidendsten Abbauprozessen beim Menschen», sagt Barbara Baumeister , Gerontopsychologin am Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe der ZHAW. Die Diagnose Demenz sei für alle ein sehr kritisches Lebensereignis, aber es gehe ihr meist ein schleichender Prozess voraus; veränderte Verhaltensweisen und Wesenszüge der Betroffenen könnten am Anfang oft nicht richtig eingeordnet werden. Zwar hätten Sensibilisierung und Bewusstsein für die Krankheit zugenommen, so die Dozentin und Forscherin am Departement für Soziale Arbeit . «Dennoch wissen viele Familien nicht, was mit einer Demenz auf sie zukommt.» Die Pflege von demenzkranken Familienmitgliedern bedeutet eine grosse Herausforderung. Hält die Belastung über längere Zeit an, kann das auch Folgen für die Gesundheit der Betreuenden haben: Sie reichen von körperlichen Leiden wie Rückenschmerzen bis hin zu psychischen Beschwerden wie Schlafstörungen oder Depressionen. «Zur grossen Trauer, die jede schwere Erkrankung einer nahestehenden Person begleitet, kommt bei der Demenz auch eine enorme Einsamkeit hinzu», sagt Baumeister. Zusehend entgleitet einem der Mensch, den man so gut zu kennen glaubte. Er ist nicht mehr der Gesprächspartner, der er einmal war, nicht mehr Lebenspartner. «Gewalt an pflegebedürftigen Menschen geschieht fast immer aus Überforderung.» Barbara Baumeister, Gerontopsychologin Häufen sich erschwerende Faktoren in der Betreuung – dazu gehören psychische Erkrankungen wie eben eine Demenz, aber auch Isolation oder Abhängigkeit –, kann es sogar zu Gewalt kommen. «Angehörige handeln dabei in den allerseltensten Fällen vorsätzlich», betont Baumeister, die sich in mehreren Forschungsprojekten der ZHAW intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat. «Gewalt an pflegebedürftigen Menschen geschieht fast immer aus Überforderung.» So dürfte ein solcher Kontrollverlust auch den Angehörigen selbst sehr zu schaffen machen. Die Gerontopsychologin hält darum nicht viel davon, von Tätern beziehungsweise Täterinnen und Opfern zu sprechen. «Es muss vielmehr das ganze System betrachtet werden.» Immer wieder stellt Baumeister in Gesprächen mit Fachleuten und betroffenen Familien aber fest: Vielen Angehörigen fällt es schwer, Hilfe anzunehmen; professionelle Beratungsstellen werden häufig nicht oder erst spät aufgesucht. Die Gründe dafür sind vielfältig: So gehe es hier um einen privaten und intimen Bereich, in den man grundsätzlich eher ungern Einblick gewähre, sagt die Forscherin. Eine Rolle spielten aber auch Schamgefühle, ebenso ein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein. Die Pflege nicht alleine gewährleisten zu können, werde als Versagen empfunden, und man glaubt, eine ausschliessliche Betreuung auch dann schuldig zu sein, wenn man längst seine Grenzen erreicht hat. Gleichzeitig sind Angehörige bisweilen skeptisch, ob etwa der pflegebedürftige Vater überhaupt externe Hilfe annehmen würde – und ob diese ihren eigenen Ansprüchen entspräche. «Es fällt den Betreuenden auch nicht immer leicht, einen Teil der Verantwortung abzugeben.» «Ganz klar ist Entlastung auch eine finanzielle Frage.» Barbara Baumeister, Gerontopsychologin Manchmal wissen Angehörige aber auch nicht, welche Unterstützungsmöglichkeiten existieren, oder es sind schlicht keine passenden Angebote in der Nähe. «Ganz klar ist Entlastung zudem eine finanzielle Frage», betont Baumeister. Längst nicht alle Betreuenden könnten sich die Hilfe leisten, die sie sich für sich und ihre Nächsten wünschen würden. Nicht selten sei man sich auch in der Familie uneins darüber, was eine solche Hilfe kosten dürfe. Fachleute können Angehörigen entscheidendes Wissen vermitteln und Handlungsoptionen aufzeigen. Gerade der Umgang mit Demenzkranken setzt viel Verständnis für die Krankheit voraus. Solche Gespräche mit Expertinnen und Experten seien aber aus einem weiteren Grund wichtig, weiss die Psychologin Isabelle Nessensohn: «Sie sind für Betreuende ein Ausbruch aus der Isolation.» Es geht also auch um das Gefühl, nicht allein zu sein, Gehör zu finden, anerkannt zu werden. Fachleute wüssten, was unter gegebenen Umständen normal sei, und auch, wie schwer es sein könne, die eigenen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen zu lassen. «Oft können selbst nahestehende Menschen nur bedingt nachvollziehen, was die Sorge für ein pflegebedürftiges Familienmitglied bedeutet.» Isabelle Nessensohn, Masterabsolventin Angewandte Psychologie Nessensohn hat für ihre Masterarbeit am Departement für Angewandte Psychologie der ZHAW untersucht, wie Angehörige das Angebot der Gerontologischen Beratungsstelle SiL erleben. Im Gegensatz zu aufsuchenden Demenzberatungen andernorts, die erst nach einer Diagnose aktiv würden, besuche die Stadtzürcher Organisation gefährdete Menschen früher, meist auf eine Verdachtsmeldung von Hauseigentümerinnen, Nachbarn oder der Polizei hin. So könne durch ihre Arbeit oftmals eine Institutionalisierung hinausgezögert oder eine notfallmässige Hospitalisation vermieden werden. «Oft können selbst nahestehende Menschen nur bedingt nachvollziehen, was die Sorge für ein pflegebedürftiges Familienmitglied bedeutet», sagt die heutige Geschäftsführerin von Alzheimer Thurgau. Gerne werde die Pflege mit den Herausforderungen verglichen, die die Betreuung von kleinen Kindern mit sich bringt. Und natürlich gebe es Parallelen: lange Nachmittage mit Spaziergängen und Spielen, Gespräche von reduzierter Komplexität, Aufruhr mitten in der Nacht. «Viele Betreuende sind sich gar nicht bewusst, was für eine enorme Leistung sie erbringen.» Samuel Wehrli, Leiter des Netzwerks Soziale Arbeit und Digitalisierung Was die beiden Situationen aber fundamental unterscheide: Durchlaufen junge Eltern eine solche Phase im Wissen, dass sie an deren Ende einen Menschen in die Selbstständigkeit entlassen, ist die Pflege eines demenzkranken Menschen stets vom Bewusstsein begleitet, dass sich die Spirale kontinuierlich abwärtsdreht und am Schluss nicht das volle Leben wartet, sondern der Tod. Einen besonders niederschwelligen Zugang zur Unterstützung von betreuenden Angehörigen erarbeitet derzeit ZHAW-Forscher und Dozent Samuel Wehrli . Gemeinsam mit der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK und den Praxispartnern We+Tech und Pro Aidants entwickelt er eine App , die Wissen über Demenz und Beratungsmöglichkeiten bündeln und leichter zugänglich machen soll. «Gleichzeitig möchte die App zur mentalen Gesundheit der Angehörigen beitragen», sagt der Leiter des Netzwerks Soziale Arbeit und Digitalisierung am Departement für Soziale Arbeit . Es gehe darum, einen Reflexionsprozess in Gang zu setzen und mit gezielten Fragen und Lösungsansätzen mitzuhelfen, dass schwierige Situationen früher erkannt und die eigenen Grenzen gewahrt werden können. «Viele Betreuende sind sich gar nicht bewusst, was für eine enorme Leistung sie erbringen.» Ümit Yoker

Hochschulbibliothek: Einzigartige Sammlung rund ums Thema Alter

Hochschulbibliotheken, das sind Regale voller wissenschaftlicher Literatur und Fachzeitschriften, junge Menschen, die über ihre Laptops gebeugt für die nächste Prüfung büffeln. Lebensgeschichten in Buchform, Spielfilme oder Gesellschaftsspiele – nach ihnen sucht man hier vergebens. Es sei denn, man befindet sich im Bereich «Angewandte Gerontologie» der ZHAW Hochschulbibliothek (HSB) in Winterthur. Hier lagert seit Frühling 2021 der Gesamtbestand der früheren Bibliothek der Organisation Pro Senectute, eine seit den 1950er Jahren kontinuierlich gewachsene Sammlung an Publikationen rund um das Thema Alter. Dazu gehören neben 20'000 Artikeln aus Fachzeitschriften und einer grossen Zahl wissenschaftlicher Literatur auch Spiele, DVDs, Musik und Belletristik. «Einen solch speziellen, multimedialen Fokus zum Thema Alter gibt es in keiner anderen Bibliothek», so Dieter Sulzer, der als Fachreferent für die Sammlung im Bereich Alter zuständig ist. In der Sammlung finde sich praktisch alles, was in den vergangenen Jahrzehnten in der Schweiz zum Thema Alter publiziert worden sei. Dazu gehören Ratgeber, Romane, Krimis oder Biografien. Rund 2000 solcher belletristischer Werke sind hier als Bücher oder E-Books zu finden. Darunter etwa Bestseller wie der Roman des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth « Mein Leben als Sohn – eine wahre Geschichte » , die sich um eine sich verändernde Vater-Sohn-Beziehung dreht, Krimis von Henning Mankell oder spezielle Fachbücher für Kinder, wie « Oma Luise und die Schmetterlinge: ein Kinderfachbuch über Demenz » von Christina Kuhn. Neben Lesestoff bietet die Bibliothek in einer Spezialsammlung auch 2600 Aktivierungsmedien an. Das sind Medien, die insbesondere Fachleute bei der Arbeit mit älteren Menschen einsetzen, darunter 650 Spiele, die ausprobiert und ausgeliehen werden können. Ein solches Aktivierungsspiel ist «Haarnadel & Poschettli», welches an der Hochschule Luzern entwickelt wurde. Anhand von Fragekarten werden die Teilnehmenden etwa nach der Höhe des ersten Lohns oder der Anzahl Geschwister gefragt. Dadurch wird nicht nur die Interaktion gefördert, sondern auch das Erinnerungsvermögen trainiert. Gleichzeitig können Pflegekräfte spielerisch wertvolle Informationen zum Leben der Mitspielenden gewinnen, was wiederum zu einer bedürfnisgerechten und ressourcenorientierten Betreuung beitragen kann. Im Medium Film könneman nachvollziehen, wie sich – wortwörtlich – das Bild vom Alter in der Gesellschaft im Laufe der Zeit verändert habe, meint Sulzer: «In Spiel- und Dokumentarfilmen wird immer auch ein in einer bestimmten Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt vorherrschendes Bild des Alters vermittelt.» Besonders wertvoll macht den über 1200 DVDs umfassenden Fundus auch, dass viele der hier ausleihbaren Filme nicht auf den gängigen Streaming-Plattformen zu finden sind. So zum Beispiel auch Sulzers persönliche Filmempfehlung «Von heute auf morgen» . Ein Dokumentarfilm, in dem mit einem humor- und respektvollen Blick das Leben von Menschen in den Fokus gerückt wird, die bei der Spitex arbeiten oder von dieser betreut werden. Dass das Thema Alter nicht mehr nur ein Nischenthema ist, sondern in einer alternden Gesellschaft zunehmend an Wichtigkeit gewinnt, wurde in den vergangenen beiden Jahren besonders deutlich. «Mit der Corona-Pandemie standen ältere Menschen plötzlich im Fokus», meint Dieter Sulzer. Das habe sich konkret etwa an der Anzahl wissenschaftlicher Publikationen zum Thema Alter und Corona gezeigt. Und auch an der ZHAW hat die Altersthematik in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Dabei spielte die Übernahme der Pro-Senectute-Bibliothek keine unwesentliche Rolle. Denn schon bald nach deren Integration wurde auch die Schaffung eines neuen, ZHAW-übergreifenden Schwerpunkts «Angewandte Gerontologie» initiiert. Damit soll nicht nur die Forschung zum Thema Alter vorangetrieben, sondern auch das Angebot im Bereich Lehre ausgebaut werden. Noch steckt der Schwerpunkt in den Kinderschuhen. Dass sich die ZHAW der Thematik annimmt, ist wichtig. Denn, so Dieter Sulzer: «Im Kontext der Hochschule besteht das besondere Potenzial, auch Jüngere zur Auseinandersetzung mit dem Alter zu motivieren, um so generell das Verständnis für ältere Generationen zu fördern.» Sandra Hürlimann

Wenn unser Körper altert

Der Autoreifen reibt mit der Zeit ab, Zahnräder am Fahrrad unterliegen Verschleiss, die Holzfassade verwittert durch Regen und Sonne: Wie jedes andere Material ist auch der menschliche Körper ständig chemischen und physikalischen Belastungen ausgesetzt. Mit zunehmendem Alter summiert sich dieser Stress – der Körper altert. «Wir bestehen aus Materie und die unterliegt dem Zahn der Zeit», so Michael Raghunath , Leiter Fachgruppe Tissue Engineering. Wie sich dieser Alterungsprozesse aufhalten lässt, ist ein riesiges Forschungsfeld. «Dank moderner Medizin ist die Lebenserwartung deutlich gestiegen. Nun geht es darum, auch die Gesundheitsspanne zu steigern – dass wir also auch die letzten Jahre unseres Lebens möglichst gesund und fit sind.» Die Alterungsprozesse im Körper laufen auf der Ebene der Zellen ab. So wie Sauerstoff Metalle rosten lässt, werden auch Zellen durch oxidative Vorgänge geschädigt. Und UV-Strahlung, die Kunststoffe spröde werden lässt, greift auch unsere Hautzellen an. Im Gegensatz zu toter Materie hat unser Körper aber die Fähigkeit, geschädigte Zellen zu ersetzen. In der Haut, im Darm oder in der Lunge erneuern sich die Zellen regelmässig, sie teilen sich. Beliebig oft lässt sich dieser Vorgang jedoch nicht wiederholen, denn die Anzahl der Zellteilungen ist beschränkt. Bei jeder Teilung können zudem auch kleinere Pannen passieren, indem zum Beispiel ein Teil der Erbinformationen verloren geht oder mutiert. Diese Fehler summieren sich mit der Zeit. Eine Folge davon ist, dass sich Zellen unkontrolliert vermehren und Krebs entsteht. «Werden dem Körper essenzielle Aminosäuren nicht zugeführt, bedient sich die Leber am Muskelprotein.» Michael Raghunath, Leiter Fachstelle Zellbiologie und Tissue Engineering In anderen Organen teilen sich die Zellen kaum. Geht dort eine Zelle kaputt, kommen die sogenannten Stammzellen zum Einsatz. Sie können sich mehrfach teilen und haben die Fähigkeit, sich zu unterschiedlichen Zelltypen zu entwickeln. So springen Stammzellen in die Bresche. Mit zunehmendem Alter werden aber auch sie müde und ihre Zahl nimmt ab. Um die Zellalterung aufzuhalten, werden verschiedene Ansätze erforscht: beschädigte und gealterte Zellen gezielt auszuschalten, die Zellteilung wieder zu stimulieren oder den chemischen Stress zu reduzieren. Ein Beispiel sind Antioxidantien, die freie Radikale binden und so verhindern, dass sie Zellen angreifen. Weniger mit der Zellerneuerung zu tun hat, dass unser Körper mit der Zeit an Beweglichkeit einbüsst. Vielmehr sind dafür fortschreitende Vernetzungen verantwortlich: Verschiedene Zuckerarten zirkulieren im Blut, um unsere Organe mit Energie zu versorgen. Sie gelangen auch ins Bindegewebe und verkleben das Kollagen in Sehnen, Bändern, Haut, Kapseln und Blutgefässen. Wird der Körper steifer, bewegt sich der Mensch weniger, die Muskeln bilden sich zurück. Der Verlust von Muskelmasse ist eine typische Alterserscheinung, die aber nicht allein mit dem Bewegungsverhalten zu tun hat. Auch die Ernährung ist wichtig, wie Raghunath erklärt: «Werden dem Körper essenzielle Aminosäuren nicht zugeführt, bedient sich die Leber am Muskelprotein, um diese bereitzustellen.» Und schliesslich sind auch Muskelzellen dem Alterungsprozess unterworfen. «Mit einem 3D-Drucker haben wir Satellitenzellen aus Muskeln zwischen zwei Pfosten gedruckt. Innerhalb von rund zwei Wochen entwickeln sie sich zu ganzen Muskelfasern.» Markus Rimann, Leiter Fachgruppe 3D-Gewebe- und Biofabrikation Für ein selbstständiges Leben bis ins hohe Alter spielen die Muskeln eine zentrale Rolle – sie sind wichtig für einen gesunden Grundumsatz und die Gewichtskontrolle, für das Gleichgewicht und als Prävention vor Stürzen. Hinzu kommt, dass Muskeltätigkeit auch für die Stabilität und Dichte von Knochen wichtig ist. Den Alterungsprozess von Muskeln zu erforschen und Substanzen zu finden, die deren Abbau verlangsamen, ist deshalb einer von vielen Forschungszweigen der Anti-Aging-Industrie. So hat die Fachgruppe 3D-Gewebe- und Biofabrikation in Zusammenarbeit mit einem Pharmaunternehmen ein Modell eines Skelettmuskels entwickelt. «Im Muskel gibt es sogenannte Satellitenzellen», erklärt Forscher Markus Rimann . «Sie sind eine Art Stammzelle, die sich bei Bedarf zu Muskelzellen entwickeln und anschliessend fusionieren, um die langen Muskelfasern zu bilden. So kann sich der Muskel zum Beispiel bei Verletzungen regenerieren.» Rimanns Gruppe hat mit einem 3D-Drucker solche Satellitenzellen zwischen zwei Pfosten gedruckt. Innerhalb von rund zwei Wochen entwickeln sich die Satellitenzellen zu ganzen Muskelfasern und verbinden sich mit den Pfosten – ähnlich wie die Muskeln im Körper mit den Knochen. «Wenn wir diesen Muskel mit elektrischem Strom stimulieren, zieht er sich zusammen und verbiegt die Pfosten», erklärt Rimann. Je stärker der Strom, desto stärker ist die Beugung und damit die Kraft. Fügt man dem Muskelmodell eine Substanz bei, lässt sich messen, ob sich die Beugung verstärkt oder abschwächt. «Man weiss von verschiedenen Stoffen wie etwa Koffein, dass sie die Muskelkraft positiv beeinflussen», so Rimann. «Mit diesen Substanzen haben wir das Modell getestet und konnten zeigen, dass es wie ein natürlicher Muskel reagiert.» In Zukunft könnten solche Muskelmodelle aus Zellen von Menschen unterschiedlichen Alters oder mit muskulären Erkrankungen hergestellt werden, um die Muskelfunktion und die Wirkung von Substanzen zu erforschen. Vorderhand ist aber noch kein Allerheilmittel in Sicht, das den Muskelabbau im Alter stoppt. Machtlos sind wir aber trotzdem nicht, wie Michael Raghunath erklärt: «Bewegung und gezieltes Muskeltraining sind extrem wichtig, um bis ins hohe Alter fit zu bleiben.» Entscheidend ist auch eine ausgewogene Ernährung. Auch dazu hat der Mediziner einen Rat: «Weil auch der Geschmackssinn mit dem Alter nachlässt, schmeckt das Essen weniger und der Appetit lässt nach. Mein Rezept dagegen: Gerichte einfach etwas stärker würzen, damit das Essen weiterhin Spass macht. Und: in Gesellschaft schmeckt es am besten.» Irene Bättig

Er ist Hebamme und Jurist

Es ist nicht das erste Interview, das Jonathan Dominguez Hernandez gibt. Schon an früheren beruflichen Stationen in England und Österreich sorgte «die männliche Hebamme aus Teneriffa» für Aufsehen. Der 42-Jährige willigt bei Medienanfragen ein, um anderen Mut zu machen: «Ich möchte Männer bestärken, diesen Beruf zu ergreifen, wenn sie eine Leidenschaft dafür haben.» Über den Spanier gibt es aber mehr zu erzählen als nur, dass er ein Mann in einer Frauendomäne ist. Der Dozent im Master of Science Hebamme am Departement Gesundheit der ZHAW weist einen spannenden Lebenslauf auf. Begonnen hat er als Pfleger in seiner Heimat, der kanarischen Insel Teneriffa. Dort bekam es der Sohn eines Bauarbeiters immer wieder mit Müttern und ihren Neugeborenen zu tun, weil in Spanien stets Pflegefachkräfte die Wochenbettbetreuung übernehmen. Diese Arbeit gefiel ihm sehr. Teneriffa wurde ihm, so sehr er die Sonne und das Meer liebt, mit der Zeit zu eng. Er zog nach England. Auch dort arbeitete er zuerst in der Pflege. Dann eröffnete sich ihm durch ein Stipendium die Möglichkeit, Hebamme zu werden. Er war im Norden Englands tätig, wo er die erste männliche Hebamme war. «Von den schwangeren Frauen habe ich alle denkbaren Reaktionen erhalten. Manche waren erst überrascht, aber dann begeistert.» Andere lehnten eine männliche Hebamme ab, zum Beispiel aus religiösen Gründen oder weil sie sich nicht wohl fühlten damit. «Das war völlig in Ordnung und ich habe dann jeweils mit einer Kollegin getauscht», sagt der bekennende Feminist. Seine Haltung als Hebamme – auch bei den Männern lautet die Berufsbezeichnung so – ist, dass er auf die Frau hört. Darauf, was sie möchte und braucht. «Die Frauen sollen unter der Geburt ihre Selbstwirksamkeit erfahren. Ich sagte ihnen: ‹Ich bin da, ich versuche, Ihre Wünsche zu erfüllen.›» Das bedeutete für ihn auch, dass eine Frau zum Beispiel eine Periduralanästhesie (PDA) gegen die Schmerzen bekommen sollte, wenn diese ihr ein gutes Geburtserlebnis verschaffte. «Ich kläre natürlich über die Risiken auf, aber am Ende entscheidet die Frau.» «Es ist ein einzigartiges Erlebnis, eine Frau dabei zu unterstützen, ein Baby auf die Welt zu bringen.» Jonathan Dominguez Hernandez, Hebamme Auch als Leiter einer Londoner hebammengeleiteten Ambulanz für übertragbare Krankheiten und Suchtkrankheiten in der Schwangerschaft setzte er sich zum Beispiel dafür ein, dass Frauen mit HIV nicht von vornherein zum Kaiserschnitt angemeldet wurden, sondern vaginal gebären konnten, sofern sie dies wünschten. Es sei ein einzigartiges Erlebnis, eine Frau dabei zu unterstützen, ein Baby auf die Welt zu bringen, sagt Jonathan Dominguez Hernandez mit einem Leuchten in den Augen. Neben der Hebammenausbildung hat Jonathan Dominguez Hernandez ein zweites Standbein: das Medizinrecht. Auslöser für sein Jurastudium war eine Tragödie: In einem Spital in einem Vorort Londons verlor eine Frau beim Kaiserschnitt das Leben. «Ich betreute sie zu Beginn der Geburt noch, dann war meine Schicht zu Ende und ich ging nach Hause. Am nächsten Morgen waren alle in Aufruhr, weil die Frau gestorben war.» Eine Untersuchung folgte, bei der alle Mitarbeitenden intensiv befragt wurden. «In England wird sehr schnell gegen ein Krankenhaus geklagt», erklärt Jonathan Dominguez Hernandez. «Mich interessierte, welche Rechte Hebammen haben. Deshalb habe ich Medizinrecht studiert.» Jonathan Dominguez Hernandez, Jurist «Mich interessierte, wie ich mich selbst schützen konnte und welche Rechte Hebammen in solchen Fällen haben. Deshalb habe ich einen Master of Law in Medizinrecht abgeschlossen.» Er absolvierte sein Referendariat in einer entsprechenden Kanzlei. «Ich fand es sehr interessant, mir kamen aber die Gefühle dazwischen, wenn ich eine Person verteidigen musste, bei der ich genau wusste, dass sie einen Behandlungsfehler gemacht hatte», erinnert er sich. Also kehrte er zurück zur Hebammenarbeit. In England lernte Jonathan Dominguez Hernandez seine heutige Frau kennen, eine Hebamme mit österreichischen Wurzeln, die mehr als ein Jahrzehnt lang auf der britischen Insel gelebt hat. Als sich das erste Kind des Hebammen-Ehepaars ankündigte, zogen die beiden nach Voralberg. «Zuerst fand ich: Das geht nicht, ich kann ja kein Deutsch!», sagt Jonathan Dominguez Hernandez. Doch es ging, und während seine Frau eine Stelle als Hebamme antrat, lernte er zunächst Deutsch. Später arbeitete er als Hochschullehrer in Gesundheitswissenschaften an der Fachhochschule Voralberg. Aber sein Herz schlug weiterhin vor allem für die Hebammenthemen. So gelangte er im August 2021 ans Institut für Hebammen der ZHAW. Hier unterrichtet er die Masterstudierenden und vermittelt ihnen evidenzbasiertes Wissen – Wissen über nachgewiesene Wirksamkeit und Zusammenhänge –rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Die Inhalte drehen sich um sogenannte Advanced-Practice-Kompetenzen, etwa die Konzeption und Einführung eines hebammengeleiteten Betreuungsmodells für schwangere Frauen in komplexen Situationen, wie zum Beispiel einer Risikoschwangerschaft. «Hebammen können mehr, als sie manchmal wahrnehmen, und sollten auch neue Rollen einfordern.» Jonathan Dominguez Hernandez, ZHAW-Dozent «Mir macht der Unterricht grosse Freude. Die Masterstudierenden sind ja schon ausgebildete Hebammen. Wir können thematisch in die Tiefe gehen», sagt Jonathan Dominguez Hernandez. Er hat beste Erinnerungen an sein eigenes Masterstudium: «Ich war jahrelang mit einem Bachelorabschluss in der Praxis tätig. Als ich meinen ersten Master absolvierte, haben sich meine Möglichkeiten in der Hebammenarbeit stark verändert, ich war besser informiert und konnte den Frauen mehr anbieten als zuvor. Ich hatte immer die evidenzbasierte Theorie im Kopf und bekam so quasi eine Helikopter-Optik.» Neben seinem juristischen Master hat er je einen in Public Health und Advanced Nursing Education absolviert. Den aktuellen Masterstudierenden möchte er mitgeben, dass Hebammen mehr können, als sie manchmal wahrnehmen, und dass sie auch neue Rollen einfordern sollen. «Hebammen könnten zum Beispiel bei der Entwicklung von Leitlinien im geburtshilflichen Bereich mitarbeiten.» Jonathan Dominguez Hernandez spricht hier aus Erfahrung. Aufgrund seiner Tätigkeit in anderen Ländern weiss er: «In England gehen die Frauen für die Schwangerschaftsvorsorge normalerweise zu einer Hebamme, in Spanien sind Hebammen auch ins Brustkrebs-Screening integriert. Ähnliche Modelle wären doch auch in der Schweiz denkbar.» Die Kombination aus Dozieren und Forschen, wie sie an Schweizer Fachhochschulen üblich ist, reizt ihn sehr. Und läuft alles nach Plan, hat er im Jahr 2025 auch einen Doktortitel. Er wurde in ein Doktoratsprogramm der Universität Lancaster (GB) aufgenommen: «Ich will in meinem PhD die Angst von Frauen vor der Geburt untersuchen.» Wichtig ist ihm, dass die Frauen selbst zu Wort kommen, etwa durch Digital-Storytelling-Methoden. Dem Vater einer achtjährigen Tochter und eines vierjährigen Sohnes wird es also so bald nicht langweilig. Vermisst er Teneriffa? «Natürlich», sagt er: «Aber das Leben dort ist hart geworden für die Einheimischen.» Mit seinen Kindern und seiner Frau teilt er in der raren Freizeit die Leidenschaft für den Wintersport: «Snowboarden erinnert mich ans Surfen auf Teneriffa.» Carole Scheidegger

Ein Herz auf vier Beinen

Buchli arbeitet als selbstständige Ergotherapeutin im Bereich Domiziltherapien mit älteren Menschen. Sie unterstützt Menschen, die sich zum Beispiel nach einem Schlaganfall wieder zurück in den Alltag kämpfen. Dank Jazz erleben Buchlis betagte Klientinnen und Klienten viel Abwechslung im Therapiealltag. Der gezielte Einsatz der Hündin wirkt oft wie eine Motivationsspritze, der Antrieb und die Aktivität werden gefördert und Schmerzen werden eine Zeit lang vergessen. Jazz apportiert Gegenstände, gibt Pfötchen oder lässt sich gerne kraulen. Im Video zeigen ZHAW-Dozentin Luzia Buchli und Therapiehündin Jazz, wie sie Abwechslung in den Therapiealltag bringen. «Ein Therapiehund ist ein Streichelhund, ein sehr kontaktfreudiger und neugieriger Hund. Wenn er dies nicht mag, ist er als Therapiehund nicht geeignet», erklärt Buchli. Das erste Training beginnt bereits im Welpenalter. Die gezielte Therapiehundeausbildung startet frühestens im Alter von zwei Jahren und dauert ein knappes Jahr. «Jazz leistet viel Kopfarbeit. Sie muss mich und die Klientinnen und Klienten gut lesen und muss wissen, wann sie sich zurückzunehmen hat», erklärt Buchli. Deswegen wird Jazz auch nie länger als eine Stunde eingesetzt. Buchli ist begeistert und überzeugt von der gezielten Einbindung ihres Vierbeiners in die Ergotherapie. «Ich habe Jazz zwei Jahre lang im Akutspital eingesetzt. Als Therapeutin war es teilweise schwierig, ältere Klient:innen mit akuten Beschwerden, mit Ängsten oder Schmerzen zur Betätigung zu motivieren. Wenn sie jedoch wussten, dass Jazz mich begleitet, sassen sie bei der Ankunft schon aufgeregt auf der Bettkannte.» Frank Richter

Gender Diversity in der IT: «Vorbilder sichtbar machen»

Katja Kurz : Es braucht dringend mehr Frauen in der IT und in den MINT-Berufen. Wir sprechen im Wirtschaftsinformatikunterricht zum Beispiel darüber, dass es leider aktuell sinkende weibliche Zahlen in den MINT-Fächern und eine hohe Fluktuationsrate von Frauen in technischen Positionen gibt. Das ist im Hinblick auf Führung und Kultur relevant. Es gibt auch Studien, dass Frauen eigentlich mehr über IT wissen, als sie häufig zugeben oder sich bewusst sind. Unternehmen, die die Geschlechtervielfalt leben, profitieren von einer höheren Produktivität. Das thematisieren wir zum Beispiel im Unterricht in einer angewandten Case Study mit der Aussage von Roland Cortivo, Chief Revenue Officer, Swisscom Blockchain: «Was allgemein für die Wirtschaftswelt gilt, trifft auch im Technologieumfeld zu: Gemischte Teams schneiden besser ab – je diverser, desto erfolgreicher.» Es ist wichtig, dass die Studierenden und Absolvierenden an Schweizer Hochschulen ein funktionierendes Netzwerk sowie Vorbilder hier in der Schweiz haben, sogenannte Role Models. Women in Tech Switzerland zum Beispiel vernetzt Frauen in der Schweiz miteinander. Es gibt aber noch etliche weitere Netzwerke für Gender Diversity, etwa We Shape Tech . Und MOD-ELLE ist ein Schweizer Verein, der durch die Bekämpfung von Geschlechterstereotypen einen Unterschied in der Schweizer Arbeitswelt machen will. Der Verein hat dazu ein Netzwerk aus Lehrkräften, Freiwilligen und institutionellen Partnern aufgebaut. Am meisten interessiert sie, wie es mit den Lohnunterschieden aussieht, also der Gender Pay Gap. Dabei gehe ich unter anderem auch auf das Impostor-Syndrom, also das Hochstapler-Syndrom, oder die Verhandlungskompetenzen bei Frauen ein. Denn es zeigt sich zum Beispiel, dass Absolventen mehr und erfolgreicher verhandeln als Absolventinnen, wenn es um den Lohn geht. Daher ist es sehr wichtig, dass alle Studierenden, nicht nur die Frauen, davon wissen und entsprechend in Studium und Beruf so handeln, dass sie ihre Kompetenzen auch einsetzen. Ich schreibe zu dem Thema Bachelorarbeiten aus. Die Bachelorarbeiten dauern in der Regel mehrere Monate, und in dieser Zeit bewegt sich schon sehr viel. Und manchmal kontaktieren mich Absolventinnen und Absolventen noch lange nach ihrem Studium. Eine Absolventin arbeitet z.B. im Migros Genossenschafts-Bund als Service Delivery Managerin. Ihre Bachelorarbeit zum Thema Diversity beziehungsweise die Stellung vom IT-Businessmanagement zu Frauen in der Informatik wurde vor kurzem mit dem Chief Information Officer der Migros besprochen und sie konnten intern in der Migros ein Frauennetzwerk aufbauen. Oder da ist eine andere Bachelorabsolventin, die ihre Erkenntnisse aus der Bachelorarbeit nun als Applikationsentwicklerin jeden Tag im Job integriert und einfach vorlebt. Wir haben auch viele Teilzeitstudierende, die schon in den Unternehmen sind. Und sie können jetzt schon einen Unterschied machen, indem sie etwas anwenden, das sie im Studium lernen. Die Studierenden sind sehr interessiert und gehen vielleicht offener damit um als frühere Generationen. Und doch können wir nicht oft genug auf diese «unconscious bias» – also diese unbewussten Vorurteile – achten, weil unser Gehirn eben so funktioniert und wir so erzogen worden sind. Gerade wir Frauen in der IT dürfen uns öfter trauen, etwas Altes mit etwas Neuem zu ersetzen, um eine Veränderung herbeizuführen. Und wir Frauen sollten uns mehr zutrauen, einfach mal Ja sagen zu grösseren Herausforderungen und Verantwortung. Das ausführliche Interview im Blog Digital Futures Lab Interview Bettina Sackenreuther

Future Kids: Studium und soziales Engagement verbinden

Tobias Wunderlin ist vielseitig engagiert. Neben seinem Teilzeitstudium in Wirtschaftsinformatik an der ZHAW School of Management and Law arbeitet er für die Ergon Informatik AG als Werkstudent im Software Testing, spielt Gitarre, Bass und Klavier in mehreren Musikprojekten und ist einer von aktuell 56 ZHAW-Mentorinnen und -Mentoren vom Mentoring-Programm Future Kids . «Ich habe schon immer gerne Nachhilfe gegeben und wollte mich sozial engagieren. Das Mentoring-Programm Future Kids eignet sich perfekt dafür», sagt der 28-Jährige. Die ZHAW vermittelt Studierende für die Dauer von einem Schuljahr als Mentorinnen und Mentoren an Primarschulkinder (Mentees), die Unterstützung benötigen, die ihnen ihr privates Umfeld nicht geben kann, um ihre Erfolgschancen im hiesigen Schulsystem zu erhöhen. Future Kids wurde von der Zürcher Fachorganisation AOZ ins Leben gerufen. «Viele kennen die AOZ wegen ihrer Tätigkeit im Asylbereich. Sie ist aber längst nicht mehr ausschliesslich in diesem Bereich engagiert», erklärt Programmleiterin Åsa Kelmeling. Auch für die Teilnahme am Programm Future Kids ist ein Fluchthintergrund kein ausschliessliches Kriterium. Entscheidend sei die Einschätzung der Lehrperson. Wer studiert, hat bereits mehrere Jahre Lerntechniken entwickelt und weiss, wie man sich Inhalte erarbeiten und am besten merken kann. Diese Erfahrungen setzen die Future-Kids-Mentorinnen und -Mentoren ein, um Wissen auf spielerische Art und Weise zu vermitteln. Denn sie sollen nicht die Rolle einer zusätzlichen Lehrperson einnehmen, sondern eher jene eines grossen Bruders oder einer Cousine. «Solange es zielführend ist, bin ich in der Gestaltung unseres wöchentlichen Austausches sehr frei», sagt Tobias Wunderlin. «Die positiven Veränderungen, die ich als Mentor beim Schulkind anstossen kann, sind definitiv spürbar.» Tobias Wunderlin, Student der Wirtschaftsinformatik Als Mentor hat er Zugang zu einer Liste mit übergeordneten Zielen – fachlichen und überfachlichen – seines Schulkindes. Dann sind kreative Wege gefragt. «Ich habe zum Beispiel erfahren, dass sich Yahye für Videospiele interessiert. Daraufhin habe ich anhand von Zeitungsartikeln zu Videospielen eine Wortschatzübung gestaltet». Zudem kommt Tobias’ Gitarre regelmässig zum Einsatz: Er hat Yahye zu diesem Instrument inspiriert und die Aussicht auf gemeinsames Üben am Ende jeder Unterrichtsstunde motiviert den Achtjährigen, dessen Familie aus Somalia kommt, zusätzlich. Damit Mentor und Mentee an den gesteckten Zielen dranbleiben und der Lernfortschritt sichtbar wird, wird ein Lernjournal geführt, das vom pädagogischen Coach der AOZ sowie von der Lehrperson des Kindes angeschaut und teilweise kommentiert wird. Für die ZHAW-Studierenden wird das Engagement im Rahmen von Future Kids doppelt belohnt. Mentorinnen und Mentoren erhalten an den meisten ZHAW-Departementen entweder ECTS-Punkte, oder die Einsätze lassen sich an die Praktikumszeit anrechnen. Die eigentliche Bereicherung ist aber eine andere: «Am schönsten ist es, sich eine kreative Unterrichtsstunde auszudenken, diese umzusetzen und zu sehen, dass der Mentee auch Spass daran hat. Wenn das Wissen dann noch haften bleibt, freut man sich umso mehr», sagt Tobias Wunderlin und ergänzt: «Die positiven Veränderungen, die ich als Mentor beim Schulkind anstossen kann, sind definitiv spürbar». Giulia Both, ZHAW-Studentin Pflege, und der zehnjährige Harun erzählen im Video, was sie am Mentoring-Programm schätzen. Die Zusammenarbeit zwischen der ZHAW und der AOZ bestand gerade mal ein halbes Jahr, als Corona den Schulbetrieb auf den Kopf stellte und ein «Pandemie-Modus» gefunden werden musste. Die Mentorings konnten trotz der Massnahmen immer durchgeführt werden. Das sei auch gut so, meint Åsa Kelmeling: «Future Kids wurde durch die Pandemie wichtiger als je zuvor, denn die Bildungsschere ging durch die Corona-Massnahmen nochmals deutlich auseinander». Durch das Homeschooling und viele quarantänebedingte Abwesenheiten seien jene Kinder, die zu Hause wenig oder gar keine Unterstützung erhalten, noch mehr gefährdet, den Anschluss zu verlieren. Umso wichtiger sei es in dieser Zeit gewesen, dass die ZHAW-Mentorinnen und -Mentoren ihre Mentees weiterhin wöchentlich unterstützen konnten. Auch Tobias Wunderlin spürte gewisse Auswirkungen auf seine Mentoren-Tätigkeit: «Das Maskentragen erschwerte es zu Beginn etwas, schnell eine Verbindung zu Yahye herzustellen.» Er habe aber nicht den Eindruck, dass sein Future Kid durch die Pandemie besonders gelitten habe. «Mein Mentee ist nach wie vor sehr motiviert und es freut mich, dass ich ihn nochmals ein halbes Jahr begleiten darf», resümiert Tobias. Fabienne Trümpi

Barrierefreier Tourismus: Damit Ferien nicht zu Hürden werden

Ein älteres Ehepaar möchte ein Wochenende in einem Hotel am Bodensee verbringen. Es ist für sie nicht einfach zu verreisen, denn er sitzt im Rollstuhl und ihr Sehvermögen ist stark beeinträchtigt. Deswegen haben die beiden bei der Buchung viele Fragen: Ist das Zimmer gross genug, um sich mit dem Rollstuhl darin zu bewegen? Erreicht man mit dem Lift alle nötigen Räume? Gibt es barrierefreie Parkplätze? Als die beiden im Hotel ankommen, tauchen neue Hürden auf: Im Lift gibt es nur einen Touchscreen, den Menschen mit schwacher Sehkraft nicht bedienen können. Der Spiegel ist im Badezimmer so hoch, dass sich der Mann im Rollstuhl nicht sieht beim Zähneputzen. Und den geplanten Ausflug müssen die beiden abbrechen – im Postauto hat es schlicht keinen Platz für den Rollstuhl. Das Ehepaar ist ein Beispiel für ältere Personen und Menschen mit einer Beeinträchtigung, die beim Reisen immer wieder auf Hürden stossen. Für das Forschungsprojekt «Barrierefreier Tourismus im Bodenseeraum» haben Forscherinnen und Forscher Personen mit Seh- oder Hörproblemen, im Rollstuhl oder mit kognitiven Einschränkungen befragt. 200 solche Barrieren wurden gesammelt. Das Projekt war Teil des Living Lab für «Active and Assisted Living» der Internationalen Bodensee-Hochschule . Geleitet wurde das Projekt von der ZHAW in Zusammenarbeit mit sieben Partnerinstitutionen. «Im Projekt betrachten wir neben Barrieren auch Pains», sagt Co-Projektleiter und ZHAW-Professor Hans-Peter Hutter . «Denn wenn Pains zu gross werden für die Betroffenen, werden sie zur Barriere. Schon die Angst vor einer Barriere kann dazu führen, dass die Betroffenen die Reise gar nicht erst antreten.» Die Befragung habe gezeigt, dass die meisten Barrieren vermeidbar gewesen wären, sagt Hutter. Sie beruhen oft auf fehlenden, veralteten oder ungenauen Informationen auf der Website der Hotels oder der Buchungsportale. Dies nahm das Forschungsprojekt in einer zweiten Phase in den Fokus. Ein Dutzend Personen mit Beeinträchtigungen verbrachten im Rahmen des Projekts einige Tage in barrierefreien Hotels rund um den Bodensee. Sie erhielten dabei technologische Unterstützung. Es kamen Partnerorganisationen zum Zuge, etwa die Berner Stiftung Claire & George , die eine Plattform betreibt für barrierefreies Reisen. Ebenso wurden die Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer mit einer Notfalluhr ausgerüstet, und ihnen wurden zwei Reiseapps zur Verfügung gestellt. Im Hotelzimmer hatten sie zudem Zugang zu einem von der ZHAW entwickelten Sprachassistenten. «Oftmals fühlt man sich als Tourist mit Beeinträchtigungen in den Hotels nicht willkommen, weil den Angestellten die Sensibilität fehlt.» Alireza Darvishy, Leiter ICT-Accessibility Lab Auch der Co-Projektleiter und ZHAW-Professor Alireza Darvishy nahm selber am Feldversuch teil. Er ist seit seiner Jugend stark sehbehindert. «Ich habe wunderbare Tage in Heiden verbrach», sagt Darvishy. Allerdings stiess auch er auf Hindernisse: «Im Restaurant legte man mir ein Papiermenü hin, das ich nicht lesen kann.» Oftmals fühle man sich als Tourist mit Beeinträchtigungen in den Hotels nicht willkommen, weil den Angestellten die Sensibilität fehle, sagt Darvishy. «Das ist gar kein böser Wille, sondern oft einfach Unwissen.» Ebenso wichtig wie die technologische Unterstützung sei daher, dass die Hotels ihre Mitarbeitenden sensibilisieren. Wie Darvishy waren die meisten Teilnehmenden des Feldversuchs zufrieden. Lediglich ein Rollstuhlfahrer musste den Aufenthalt abbrechen – die Toilettenschüssel war zu hoch, und es gab keine angemessene Alternative. Gelobt wurden die Informationen auf der Buchungsplattform der Stiftung, etwa eine 360-Grad-Sicht des Zimmers, ein Bild des Badezimmers und konkrete Angaben je nach Beeinträchtigung. Die Notfalluhr schätzten diejenigen, die damit mit ihrer Begleitperson kommunizierten. So musste diese nicht vor der Toilette warten, sondern konnte zurückkehren, wenn sie über die Uhr gerufen wurde. Allerdings habe der Sturzalarm oft Fehlalarme ausgelöst und die vier Knöpfe seien nicht für alle leicht zu bedienen, sagen die Projektleiter. Die Reiseapp nutzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kaum, da die meisten per Auto anreisten und mit Google Maps gut bedient waren. Auch die Ginto-App mit Informationen über barrierefreie Ausflugsziele wurde nicht so oft benutzt. Zwar waren dort Informationen über die Ausflugsziele zu finden, aber nichts dazu, ob man dort überhaupt hinkommt. Der Sprachassistent im Zimmer hingegen sei ein Highlight gewesen, sagen die Projektleiter. Viele hätten sich noch detailliertere Informationen gewünscht, etwa zu Abfahrtszeiten von Schiffen. Schnell fanden sie auch heraus, dass der Mini-Computer auf Sprachabruf nicht nur Informationen zeigt, sondern auch zum Spielen und Musikhören taugt. «Wichtig ist, dass der Mensch im Zentrum steht. Anwendungen sollten von Beginn weg nutzerzentriert entwickelt werden und individuell anpassbar sein.» Hans-Peter Hutter, Schwerpunktleiter Human-Information Interaction Es habe sich gezeigt, dass die technologische Unterstützung hilfreich sein könne, sagt Hans-Peter Hutter. Wichtig sei, dass der Mensch im Zentrum stehe. Anwendungen sollten von Beginn weg nutzerzentriert entwickelt werden und individuell anpassbar sein. «Wenn eine Anwendung schwierig zu bedienen ist oder zu wenig adäquate Informationen bietet, wird sie schlicht nicht genutzt.» Es gäbe noch viel zu tun, sagt Alireza Darvishy. Das sei auch den Hotels bewusst, die Personen mit Beeinträchtigungen als Zielgruppen erkannt hätten. Da liege ein grosses Potenzial brach. Aufgrund des Projekts werden die Buchungsplattform und die technischen Hilfsmittel weiterentwickelt. Und auch die ZHAW-Forscher kümmern sich um Folgeprojekte: Hutter und Darvishy nehmen als Nächstes barrierefreie Fusswege unter die Lupe. Damit Menschen mit Beeinträchtigungen nicht nur im Hotel gut aufgehoben sind, sondern auch Spaziergänge unternehmen können. Katrin Oller

Ob im Pflegeheim oder Zuhause: Einsamkeit macht krank

«Wir erleben eine Pandemie in der Pandemie.» André Fringer , Co-Leiter Forschung und Entwicklung am Institut für Pflege der ZHAW Gesundheit, spricht Klartext. Einsamkeit und soziale Isolation seien gerade bei älteren Menschen mit Unterstützungsbedarf oft ein grosses Problem. Das gelte für Menschen, die im eigenen Haushalt lebten ebenso wie für Menschen in Institutionen. «Man kann auch im Pflegezentrum mit 30 Mitbewohnenden leben und trotzdem sozial isoliert sein», sagt der Professor für Pflegewissenschaft. In verschiedenen Forschungsarbeiten hat er sich mit dem Phänomen beschäftigt. Zuletzt im Projekt «Digitale Unterstützung gegen soziale Isolation und Einsamkeit», das er zusammen mit Franzisca Domeisen Benedetti leitet. Das Team um die beiden Pflegewissenschaftler ging der Frage nach, wie sich die Massnahmen gegen die Covid-19-Pandemie auf die älteren pflegebedürftigen Menschen in der Schweiz auswirkten und inwiefern digitale Hilfsmittel zum Einsatz kamen, um die Zeit der Kontaktbeschränkung zu überbrücken. Dazu wurden Pflegefachleute der Spitex befragt. Die Ergebnisse liegen bereits vor, die Publikation befindet sich zurzeit noch im Peer-Review-Prozess. «Je älter man wird, desto eher läuft man Gefahr, bestehende Kontakte zu verlieren.» André Fringer, Institut für Pflege «Das grosse Problem der weit verbreiteten Einsamkeit hat sich mit der Pandemie enorm zugespitzt», so Fringer. Einsamkeit sei schon davor gerade bei Menschen im Alter weit verbreitet gewesen. Die Massnahmen, die 2020 in der Schweiz zur Eindämmung des Coronavirus ergriffen wurden, haben diese Entwicklung beschleunigt. Die Untersuchung zeigte, dass im Frühling 2020 Einsamkeit und Isolation unter älteren Menschen mit Unterstützungsbedarf sehr hoch waren (rund 85 Prozent), im Sommer etwas abnahmen (50 Prozent) und im darauffolgenden Winter noch einmal zunahmen (85 Prozent). Dass dies die Gesundheit der betroffenen Menschen in vielerlei Hinsicht beeinträchtigt, haben frühere Studien bereits belegt. «Einsamkeit macht krank», fasst Fringer zusammen. Er betont, regelmässig allein zu sein, sei auf keinen Fall schädlich. Im Gegenteil, sich hin und wieder zurückzuziehen und Ruhe zu finden, sei wichtig. «Einsam oder sogar sozial isoliert sein ist aber etwas anderes», so Fringer. Es gehe einher mit einem vagen Bedürfnis nach Gemeinschaft und löse negative Gefühle aus. Für das Gefühl der Einsamkeit gilt ein hohes Alter als Risikofaktor. «Je älter man wird, desto eher läuft man Gefahr, bestehende Kontakte zu verlieren. Nicht zuletzt, weil gesundheitliche Einschränkungen an sozialen Aktivitäten hindern können. Wer beispielsweise nicht gut sieht oder hört, kann weniger gut mit anderen kommunizieren.» Dazu komme, dass das Knüpfen von neuen Kontakten mit steigendem Alter schwieriger werde. Das Gefühl der Einsamkeit und Isolation tut nachweislich weh. Neurologische Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Menschen, die sich einsam fühlen, dieselben Hirnareale aktiviert sind wie bei Menschen mit chronischem physischem Schmerz. Doch was tun, wenn jemand im Alter allein ist, sich immer mehr zurückzieht, weil Beschwerden ihn oder sie an früheren Aktivtäten hindern? Wenn ein älterer Mensch Freunde verliert, weil sie im Alter sterben, wenn erwachsene Kinder weit weg wohnen und neue Kontakte so schwierig zu knüpfen sind? «Man müsste aufbrechen können, was diesen Menschen als Alltag gewachsen ist. Eine neue Normalität etablieren, damit sie wieder am sozialen Leben teilnehmen können. Das ist das Schwierigste», sagt Fringer und bricht eine Lanze für die Soziale Arbeit. «Was in diesem Bereich in den letzten Jahren erreicht wurde mit Quartierarbeit oder der Gestaltung von Räumen, das ist enorm.» Es brauche dringend mehr solche Angebote, findet er. «Es braucht selbstbestimmte Aktivität und auch selbstbestimmten Rückzug.» Sylvie Johner-Kobi, Wie beispielsweise das Projekt des Instituts für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe am Departement Soziale Arbeit der ZHAW, das zurzeit im Gang ist. Es untersucht, wie in Alterssiedlungen die Beteiligung gefördert werden kann. Involviert sind verschiedene Siedlungen in städtischen, ländlichen und in Agglomerationsgebieten. In zwei dieser Siedlungen sind Sozialarbeitende als «Siedlungsassistenzen» angestellt und versuchen, Beteiligungsprozesse anzustossen. Die Co-Projektleiterin Sylvie Johner-Kobi , Professorin am Institut für Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe, sagt, durch den Umzug in ein neues Wohnumfeld verlören viele Menschen ihre Kontakte. Um die Lebensqualität zu fördern und die individuelle Autonomie zu stärken, seien neue Kontakte wichtig. «Durch Begegnungen kann auch Nachbarschaftshilfe entstehen», sagt Johner-Kobi. Und betont: «Es braucht selbstbestimmte Aktivität und auch selbstbestimmten Rückzug.» Es geht also nicht darum, Bewohnerinnen und Bewohner einer Alterssiedlung zu Kontakten oder zur Teilnahme an Aktivitäten zu drängen. Sondern darum, auf sie zuzugehen und Angebote zu machen. Und wie steht es nun um den Einsatz digitaler Hilfsmittel? Kann er Einsamkeit im Alter lindern? Nein, eigentlich nicht, wie die eingangs genannte Studie zeigt. «Natürlich ist – gerade in der besonderen Situation der Covid-19-Pandemie – das Telefonieren wichtig. Auch Videotelefonie wird immer mehr genutzt von älteren Menschen. Aber diese Mittel können nur ergänzend helfen», sagt André Fringer. Der direkte, persönliche Kontakt könne durch nichts ersetzt werden. Das zeige sich auch in der täglichen Arbeit der Pflegefachpersonen der Spitex. «Viele Patientinnen und Patienten würden gerne noch etwas Zeit mit der Pflegefachperson verbringen, bevor diese zum nächsten Einsatz eilt.» Doch die Zeit ist zu knapp bemessen. «Dabei kann man den Menschen nichts Besseres tun, als Zeit zu schenken!», so Fringer. Man vergesse, dass beispielsweise beim Haarekämmen sehr viel mehr passiere als reine Körperpflege. Mehr Zeit ist also gefragt. Mehr Möglichkeiten für Menschen im Alter, um mit anderen in Kontakt zu kommen. «Da sind wir als gesamte Gesellschaft gefordert», sagt André Fringer. «Es braucht einen Kulturwandel. Im Umgang mit dem Nachbarn, der allein ist, im Umgang mit Einsamkeit insgesamt. Diese muss als gesellschaftliches Problem ernstgenommen werden und wir müssen dafür sorgen, dass soziale Einsamkeit nicht mehr stigmatisiert wird.» Dazu brauche es Sensibilisierungsarbeit. Diese beginne mit Forschung, mit dem Sammeln von Daten, von denen in der Schweiz bisher zu wenige vorhanden seien. Fringer vergleicht die «Pandemie der Einsamkeit» mit einem Gletscher, der langsam ins Rutschen kommt. «Da rutscht ein Gletscher zu Tal und keiner kriegt es mit. Keiner weiss etwas über diesen Gletscher: Welches Volumen hat er? Wie schnell rutscht er? Wohin genau bewegt er sich?». All das müsse nun erforscht werden, und gleichzeitig brauche es bereits konkrete Massnahmen. In den Gemeinden und Städten, in der Gesundheits- und Sozialpolitik. «Ein nationales Förderprogramm gegen Einsamkeit wäre jetzt angebracht», findet Fringer. Elena Ibello

Die vergessene Kundschaft

Bis vor drei Jahren etwa war Mari Teres Steiner noch mobil. Heute kann sie nicht mehr alleine Tram, Bus und Zug fahren. Die 59-Jährige hat bereits im Alter von 25 Jahren einen Hirnschlag erlitten. In letzter Zeit hat sich ihr Zustand verschlechtert. Für Therapien, den Einkauf oder einen Besuch beim Coiffeur braucht sie deshalb einen Taxidienst. Jeden Monat stehen ihr 14 vergünstigte Fahrten zu. Doch selbst bei kurzen Strecken summieren sich Hin- und Rückweg schnell einmal auf rund 20 Franken. «Finanziell ist das eine Belastung», sagt Steiner. Wenn immer möglich organisiert sie sich deshalb eine Begleitperson, mit der sie den öffentlichen Verkehr benutzen kann. «Ich fahre sowieso lieber Tram», lacht die Baslerin. «So komme ich ein wenig an die frische Luft und bin unter den Leuten.» Mari Teres Steiner hat an einer Studie über ÖV-ergänzende Fahrdienste teilgenommen, welche die ZHAW im Auftrag des Eidgenössischen Büros für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung sowie der Stiftung Behindertentransport Kanton Bern durchführt. Sie geht der Frage nach, ob Menschen mit Mobilitätseinschränkungen genügend Möglichkeiten haben, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. 2021 hat das Projektteam in fünf Fokusgruppen insgesamt 31 Personen aus verschiedenen Regionen der Deutschschweiz zu ihren Erfahrungen befragt. «Es zeigte sich, dass die Fahrdienste am häufigsten für medizinische Termine genutzt werden, aber auch für Einkäufe und Freizeitaktivitäten», sagt Projektleiterin Brigitte Gantschnig , Leiterin der Forschungsstelle Ergotherapie . Während Städte und Agglomerationen in der Regel über ein gutes Angebot verfügen, sei die Situation in vielen ländlichen Gebieten unzureichend. Schwierig werde es zudem, wenn längere Fahrten über Kantonsgrenzen hinweg anfallen: «Das kann zu extrem hohen Tarifen führen. Die kleinräumigen Strukturen und der Kantönligeist sind ein Problem.» «Einen Tag im Voraus zu buchen, geht bei einem Notfall nicht und verunmöglicht spontane Freizeitaktivitäten.» Selina Egger, Institut für Ergotherapie ÖV-ergänzende Fahrdienste werden häufig von gewöhnlichen Taxi-Unternehmen angeboten, aber auch von Organisationen, die ehrenamtlich tätige Menschen beschäftigen – in Zürich etwa Tixi. In der Regel können normale Autos eingesetzt werden. Einige Personen benötigen jedoch rollstuhlgängige Fahrzeuge. Davon stehen tendenziell zu wenige zur Verfügung. Das Angebot in der Schweiz sei unübersichtlich und nicht überall zufriedenstellend, sagt Doktorandin Selina Egger , die an der Studie mitarbeitet. Vielerorts müssten Transporte mindestens einen Tag im Voraus gebucht werden. «Das geht bei einem Notfall nicht und verunmöglicht spontane Freizeitaktivitäten.» Kompliziert ist auch die Finanzierung. Je nach Möglichkeiten der Person und nach Zweck zahlt der Nutzende selbst, die Krankenkasse, die Unfallversicherung oder die IV, erklärt Egger. Oder die Fahrdienste werden über Spendengelder finanziert. «Die Befragten wünschen sich eine bessere Koordination und weniger Aufwand.» Diese unbefriedigende Situation reduziere die Aktivitäten für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, bedauert Brigitte Gantschnig. Die Schweiz sei jedoch gesetzlich verpflichtet, Menschen mit Behinderung die Teilhabe an allen gesellschaftlichen Bereichen zu ermöglichen. «Es ist nicht klar, wo die Fahrdienste organisatorisch hingehören: zum ÖV oder zu den Taxis?» Ronald Liechti Geschäftsführer der Stiftung Behindertentransporte Kanton Bern «Es gibt viele Baustellen in diesem Bereich», bestätigt Ronald Liechti, Geschäftsführer der Stiftung Behindertentransporte Kanton Bern , der rund 60 Transportdienste angeschlossen sind. Die Behindertenverbände kümmerten sich hauptsächlich um die Verbesserung des öffentlichen Verkehrs. Die Fahrdienste dagegen seien kaum auf ihrem Radar. «Es handelt sich um eine vergessene Kundschaft.» Dabei gebe es mit der alternden Bevölkerung immer mehr Menschen, die den ÖV nicht selbstständig benutzen könnten. Liechti vermisst in der Schweiz eine einheitliche Rechtsgrundlage. «Es ist nicht klar, wo die Fahrdienste organisatorisch hingehören: zum ÖV oder zu den Taxis?» Zudem sei das Angebot bis anhin nicht auf den Bedarf ausgerichtet, sondern die Kontingente würden von der Politik relativ willkürlich festgelegt. Auch Liechti ist klar, dass Fahrdienste teuer sind. «Es ist wohl lediglich eine Vision, dass Personen mit Mobilitätseinschränkung jederzeit und zu gleichen Kosten ein Fahrzeug zur Verfügung haben wie nicht behinderte Personen den ÖV oder ihr eigenes Auto.» Im Frühling 2022 will das Projektteam nun eine quantifizierte Umfrage unter weiteren Nutzenden durchführen, auch in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz. Zudem wird Zentrum für Sozialrecht der ZHAW prüfen, inwiefern die aktuelle Situation mit dem Behindertengleichstellungsgesetz kompatibel und mit dem Angebot in anderen Ländern zu vergleichen ist. Die Publikation der Studienergebnisse ist Anfang 2023 vorgesehen. Darauf wartet auch der Bundesrat: Sobald die Ergebnisse vorliegen, will er ein Postulat der Solothurner SP-Nationalrätin Franziska Roth zum Thema beantworten und bei allfälligem Handlungsbedarf Optimierungen in die Wege leiten. Andrea Söldi

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