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Long Covid: «Total erschöpft» nach zwei Stunden Arbeit

Letzten Dezember wurde Marcel R. (Name geändert) positiv auf das Coronavirus getestet. «Ich erwischte wohl noch die Delta-Variante», vermutet der 58-Jährige. Obwohl ungeimpft, machte er sich anfänglich kaum Sorgen. Doch schon nach kurzer Zeit wies ihn der Hausarzt wegen zunehmender Atemnot ins Spital ein. Dort blieb ihm die Intensivstation dank einer Antikörper-Therapie erspart. Gegen Weihnachten wieder zu Hause, begann Marcel R. eine ambulante Reha im Spital. «Ich freute mich darauf, mit dem Genesenen-Zertifikat bald wieder Eishockey spielen zu können», blickt der Winterthurer zurück. Auch seine Arbeit als kaufmännischer Angestellter wollte er rasch wieder aufnehmen. Doch aus alldem wurde nichts. Marcel R. hat Long Covid, auch Post Covid genannt, jenes noch nicht ganz verstandene Phänomen, bei dem drei Monate nach der Infektion anhaltende Beeinträchtigungen bestehen. In der Schweiz sind etwa zwanzig Prozent der Corona-Infizierten betroffen. Marcel R. leidet unter bleierner Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Husten, Konzentrations- und Wortfindungsstörungen. «Am Anfang lag ich nur herum», erzählt er. Den Weg durchs Haus schaffte er nicht am Stück. Seine Frau stellte ihm Stühle hin, damit er Pausen einlegen konnte. Beim ersten Gehversuch draussen war nach zwanzig Metern Schluss: «Ich kämpfte und kämpfte, doch mehr ging einfach nicht.» Fünf Monate später bewältigt er etwas längere Strecken. Doch immer noch gerät er bei geringer Anstrengung ins Keuchen und ermüdet stark, etwa wenn der Weg leicht ansteigt oder wenn er eine Tasche trägt. Beim Zeitunglesen kann er die Informationen nicht mehr so gut aufnehmen. Auch seiner Arbeit konnte Marcel R. bisher nicht nachgehen. Wegen der längeren Krankschreibung ist die Invalidenversicherung (IV) auf den Plan getreten. Da habe er leer geschluckt, sagt er. Ein sportlicher, bis dahin gesunder Typ, Ehemann, Vater, Grossvater – plötzlich ein Fall für die IV? Er erfuhr dann, dass dies präventiv geschehe. «Es gilt, die Patienten und ihre Beschwerden ernst zu nehmen, ohne ihnen Angst zu machen.» Markus Hofer, Chefarzt für allgemeine Pneumologie und klinische Ethik am KSW Anfang Mai startete zwecks Wiedereingliederung ein therapeutischer Arbeitsversuch beim Arbeitgeber: zweieinhalb Stunden pro Tag, vorerst mit einfachen Arbeiten wie dem Öffnen der Post. Marcel R. wollte eigentlich mehr, um nicht zu weit weg vom Erwerbsleben zu geraten: «Doch nach zwei Stunden war ich total erschöpft.» Seit März besucht er die Post-Covid-Sprechstunde , die das Kantonsspital Winterthur (KSW) anbietet. Dort wird unter anderem an seiner Lungenfunktion gearbeitet, und er lernt, seine Kräfte einzuteilen. Marcel R. ist einer von über 150 Patientinnen und Patienten, die in der Post-Covid-Sprechstunde des KSW schon behandelt wurden. Die Hauptsymptome sind laut Markus Hofer, Chefarzt für allgemeine Pneumologie und klinische Ethik, die Fatigue, wie die Müdigkeit genannt wird, dann Atemnot, Brain Fog (Benommenheit), kognitive Einschränkungen, Kopf- und muskuloskelettale Schmerzen. An der Behandlung sind mehrere Fachdisziplinen beteiligt, von der Medizin über die Physiotherapie bis zur Psychologie. «Die Perspektive der Patientinnen und Patienten blieb bisher in den meisten Studien zu Long Covid weitgehend unbeachtet.» Markus Wirz, ZHAW-Projektleiter der Evaluationsstudie Gesundheitliche Folgen viraler Infektionen seien an sich nichts Neues, stellt Pneumologe Hofer fest. Zu Post Covid gebe es allerdings erst wenig Daten, und diagnostisch sei bisweilen die Abgrenzung zu bereits bestehenden Erkrankungen schwierig: «Es gilt, die Patienten und ihre Beschwerden ernst zu nehmen, ohne ihnen Angst zu machen.» Die Mehrheit erhole sich gut, auch wenn sich manche Betroffene umorientierten und einen anderen Umgang mit ihrer Energie und mit Belastungen erlernen müssten. Etwa ein Prozent müsse gemäss aktuellem Forschungsstand «relevante längerfristige Einschränkungen» in Kauf nehmen. Eine ZHAW-Studie im Auftrag des Kantonsspitals soll einen Beitrag zur optimalen Versorgung von Long-Covid-Betroffenen leisten. Dabei wird die Post-Covid-Sprechstunde des Spitals evaluiert und die Perspektive der Patientinnen und Patienten ins Zentrum gestellt, wie Markus Wirz, Studienleiter und Professor für Physiotherapieforschung, erklärt: «Diese Perspektive blieb bisher in den meisten Studien zu Long Covid weitgehend unbeachtet.» Die Forschenden befragen derzeit mittels Fragebogen fünfzig KSW-Patientinnen und -Patienten, zehn werden vertieft interviewt. «Früher dachte ich auch, wer müde ist, soll sich halt zusammenreissen. Jetzt weiss ich, wie realitätsfern das in so einem Fall ist.» Long-Covid-Betroffener Auch Marcel R. nimmt an der Studie teil. Dass Long Covid in der öffentlichen Diskussion zum Teil in Zweifel gezogen wird, stört ihn. Er räumt aber ein: «Früher dachte ich auch, wer müde ist, soll sich halt zusammenreissen.» Jetzt wisse er, wie realitätsfern das in so einem Fall sei. Er ist aber zuversichtlich, aus seiner Gesundheitskrise wieder herauszukommen. Man habe ihn darauf vorbereitet, dass Long Covid ein Jahr dauern könne, sagt er. «Ich freue mich über jeden kleinen Schritt, der wieder möglich wird.» Susanne Wenger

Wenn das Studium zum täglichen Kampf wird

Maja Weber (Name geändert) sitzt in einem leeren Vorlesungssaal. Sie hat sich einen Platz direkt neben der Tür ausgesucht. Ihr Rücken zeigt zur Wand, sodass sie aus den Fenstern schauen kann. Wäre der Raum voll mit Studierenden oder hätte er keine Fenster, würde sie mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Panikattacke erleiden. Selbst jetzt mit nur zwei Personen im Raum wirkt sie angespannt. Immer wieder ballt sie ihre Hand zu einer Faust. Während sie spricht, atmet sie schneller und lauter. Gegen Ende der Sätze geht ihr etwas die Luft aus. Eine Pause machen oder abbrechen möchte Weber nicht. Sie setzt sich dafür immer wieder anders hin und lächelt. Weber leidet seit vier Jahren unter einer Angst- und Panikstörung. Dazu kommt die Erwartungsangst – die Angst vor der Angst. Sie ist jedoch nicht die einzige Studentin mit einer psychischen Störung. Das geht aus dem Jahresbericht 2020 der psychologischen Beratungsstelle der ZHAW hervor. Psychische Störungen waren der häufigste Grund, warum Studierende die Beratung aufsuchten. Über die letzten fünf Jahre gesehen, nahm die Anzahl Neuanmeldungen kontinuierlich zu. 2021 hat sie ein neues Hoch erreicht. Ein neuer Höchstwert ist auch bei der Psychologischen Beratungsstelle der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) zu sehen. «Wenn jemand Panikattacken hat, dann sagt man dies nicht, und man weiss, warum man es nicht sagt. Eben weil es ein Stigma in der Gesellschaft gibt.» Maja Weber, Studentin «Wenn sich jemand das Bein gebrochen hat, dann sagt man dies und schämt sich nicht dafür. Wenn jemand Panikattacken hat, dann sagt man dies nicht, und man weiss, warum man es nicht sagt. Eben weil es ein Stigma in der Gesellschaft gibt», sagt Maja Weber, Studentin mit einer Angst- und Panikstörung. Seit September 2020 ist Weber Studentin. Damit begann für sie ein neuer Lebensabschnitt. Ein neuer Campus, eine längere Zugfahrt, ein neuer Alltag, neue Herausforderungen. Alles war neu. Bei vielen weckt das Neugier und Freude. Bei ihr wurde das Studium vor Ort aber zu einem täglichen Kampf. Mehrmals am Tag hatte sie Panikattacken, fühlte sich überfordert, war verzweifelt und konnte sich nicht konzentrieren. Weil sie sich nicht konzentrieren konnte, machte sie sich noch mehr Sorgen. Sie geriet in eine Abwärtsspirale. Nach den ersten paar Wochen wusste sie nicht, wie sie das Studium so meistern sollte. Das Studium pausieren lassen oder abbrechen wollte sie nie. «Ich will nicht, dass die Angst die Überhand über mein Leben gewinnt», sagt Weber. Auch für andere Studierende ist das erste Studienjahr eine besondere Herausforderung. Die meisten melden sich in den ersten beiden Semestern bei den Beratungsstellen, wie Statistiken der PH Zürich, der ETH Zürich und der Universität Zürich zeigen. Wegen der Covid-19-Pandemie konnte Weber ihre Vorlesungen nur knapp vier Wochen vor Ort besuchen. Danach wechselte alles in den Online-Modus. Auch die ersten beiden Lern- und Prüfungsphasen absolvierte sie von zu Hause. Dadurch hatte sie weniger Panikattacken und konnte sich besser konzentrieren. Auslöser für die Panikattacken ist ihr Asthma. Während einer Schulstunde im Jahr 2018 verlor Weber wegen eines schweren Asthmaanfalles immer wieder für wenige Sekunden das Bewusstsein. Weber lag am Boden, ihre Schulkolleg:innen standen um sie herum und schauten auf sie hinunter. «Ich kam mir vor wie ein Käfer», sagt sie. In dem Moment sei etwas in ihr zerbrochen. Später hatte sie deswegen ständig Albträume. Die Angst, sie würde ersticken, wurde zum ständigen Begleiter. Sie trieb kaum mehr Sport, vermied den öffentlichen Verkehr und Restaurants, hatte ständig Angst und täglich Panikattacken. Ihre Verzweiflung wurde so gross, dass sie sogar Selbstmordgedanken hatte. Weber schämte sich. Auch heute hat Weber noch Mühe, über ihre psychischen Störungen zu sprechen. «Ich falle lieber in Ohnmacht und erkläre es mit meinem Asthma, als dass andere erfahren, dass ich unter Panikattacken leide», sagt sie. Dass sich immer mehr Studierende bei den Beratungsstellen melden, muss nicht zwingend etwas Schlimmes sein. Das Verständnis für jemanden, der Mühe im Alltag bekundet, sei während der Covid-19-Pandemie grösser geworden, stellt Cornelia Beck fest. Sie ist Beraterin in der Psychologischen Beratungsstelle der Universität Zürich und ETH Zürich und leitet diese seit 2016. In diesem Alter seien junge Menschen anfällig für Krisen, sagt die Expertin. Dann beschäftigten sie sich mit unzähligen Fragen über sich selbst, zu ihrem Leben und müssten viele Entscheidungen treffen. Wann sich die Studierenden bei den Beratungsstellen melden, ist unterschiedlich. Einige kommen, wenn ihr Problem akut ist, andere, wenn die Belastung zu hoch ist und das Studium beeinträchtigt wird, und wiederum andere melden sich zu spät. Beck sieht den Grund dafür darin, dass es noch immer Studierende gibt, die meinen, in die Beratung zu gehen, sei wie eine Art «Verdammnis in eine psychische Erkrankung». Tendenziell suchen mehr Frauen als Männer die psychologischen Beratungsstellen auf. Dies liegt zum einen daran, dass Frauen offener sind, sich Hilfe zu holen. Zum anderen studieren mehr Frauen als Männer. Auch Weber hat sich Hilfe geholt. Heute kann die Studentin mit ihren Panikattacken besser umgehen. Der Gedanke, vor anderen zu ersticken, ist im Gegensatz zu früher mehr im Hinterkopf. Geholfen hat ihr eine Atemtherapie, welche sie auch heute noch besucht. Anstatt wie früher zu versuchen, die Angst- und Panikstörung loszuwerden, akzeptiert sie sie jetzt. «Sie ist nicht zu meiner besten Freundin geworden, aber ich akzeptiere sie als anstrengende Begleiterin», sagt sie. Wenn sie könnte, würde sie die Angst aber sofort abgeben. Sie hofft, spätestens bei der Gründung einer eigenen Familie keine Panikattacken mehr zu haben. Annick Vogt*

Strommangel vorbeugen mit Wasserkraftreserven

Über der bisher sehr stabilen Schweizer Stromversorgung ziehen dunkle Wolken auf. Der Bund rechnet damit, dass es bereits 2025 gegen Ende des Winters für einige Stunden zu einer Stromknappheit kommen könnte. Gründe dafür gibt es mehrere: Erstens kommt es durch die Energiewende zu grösseren Schwankungen in der Stromproduktion als früher. Zweitens ist die Versorgung mit Gas, aus dem manche Länder einen bedeutenden Teil ihres Stroms gewinnen, seit dem russischen Überfall auf die Ukraine keine Selbstverständlichkeit mehr. Drittens hat die EU eine neue Regel eingeführt, wonach siebzig Prozent der Kapazität der Stromleitungen für den EU-Binnenmarkt reserviert sind. Da die Schweiz beim Strom nicht Mitglied dieses Binnenmarkts ist, könnte das zum Problem werden: Womöglich werden künftig Stromimporte aus der EU zeitweise beschränkt. Zur Sicherung der Stromversorgung hat der Bundesrat deshalb vorgeschlagen, eine Wasserkraftreserve zu schaffen: Gegen Entgelt sollen einzelne Betreiber von Speicherkraftwerken bis in den Frühling eine gewisse Mindestmenge an Wasser in ihren Stauseen belassen, mit der sich eine Mangellage überbrücken liesse. Normalerweise sind die Seen von Mitte März bis Mitte April ziemlich leer, bevor sie sich mit der beginnenden Schneeschmelze wieder zu füllen beginnen. Ob es diese Wasserkraftreserve wirklich braucht, ist unter Fachleuten umstritten. Beat Goldstein, Spezialist für Energiepolitik beim Bundesamt für Energie , hält sie für sinnvoll: «Die Reserve ist eine Versicherung für den Notfall», sagt er. «Wenn wir wegen der EU-Regel massiv weniger importieren können, ist ein Strommangel kein unrealistisches Szenario.» Dies könnte etwa geschehen, wenn Wind- und Solarkraft gleichzeitig wenig Energie liefern und die EU den Strom vornehmlich selber braucht. «Im Frühling, wenn unsere Stauseen leerlaufen, ist in der EU schon wieder viel Solarenergie verfügbar, und der Stromverbrauch ist geringer als im Winter.» Ingmar Schlecht, Zentrum für Energie und Umwelt an der ZHAW Ingmar Schlecht vom Zentrum für Energie und Umwelt an der School of Management and Law hat sich im Rahmen einer Studie mit Kollegen von der Universität Basel und ETH Zürich detailliert mit der Frage auseinandergesetzt. Er sieht die Lage optimistischer: «Wir konnten im Rahmen unserer Modellierungen kein realistisches Szenario kreieren, wo die Wasserkraftreserve wirklich geholfen hätte», sagt er. Dies liege zum einen daran, dass Mangellagen in der Schweiz und in der EU nicht zur selben Zeit aufträten: «Im Frühling, wenn unsere Stauseen leerlaufen, ist in der EU schon wieder viel Solarenergie verfügbar, und der Stromverbrauch ist wegen der höheren Temperaturen geringer als im Winter.» Zum anderen sei die Schweiz dank ihrer Pumpspeicherwerke flexibel: «Selbst an kritischen Tagen gibt es Stunden, in denen der Verbrauch in den Nachbarländern nicht ganz so hoch ist. Diese können wir nutzen und mit Stromimporten die Stauseen füllen.» Erst wenn ein Importstopp länger dauere, etwa einen ganzen Tag oder mehrere Tage, käme die Wasserkraftreserve zum Tragen. In seiner Studie hat Ingmar Schlecht berechnet, worauf es dabei ankäme: «Wichtig ist, dass die Reserve über mehrere Seen verteilt ist, damit eine gewisse Mindestleistung bei der Stromproduktion garantiert ist.» Weiter würde er eher eine kleine Wasserkraftreserve empfehlen, also etwa zur Überbrückung eines Importstopps von maximal 24 Stunden, dann sei das Kosten-Nutzen-Verhältnis am besten. «Der grosse Vorteil einer Wasserkraftreserve ist die schnelle Umsetzbarkeit.» Beat Goldstein, Bundesamt für Energie Grundsätzlich glaubt Schlecht aber nicht, dass es je zu derart langen Importstopps kommt: «Die Schweiz hat einen Trumpf in der Hand: Dank unserer vielen Stauseen können wir in Momenten hohen Verbrauchs viel Strom exportieren.» Um diese Spitzenlast-Energie sei etwa Frankreich sehr froh, das mit seinen vielen Kernkraftwerken viel weniger flexibel ist als die Schweiz. Die EU habe darum kein Interesse, die Schweiz mit Lieferstopps zu piesacken. «Trotzdem ist eine Reserve für den Notfall sinnvoll», sagt Schlecht. Er würde diese aber eher nachfrageseitig anlegen: «Man könnte etwa von Industriebetrieben Angebote einholen, in Stunden der Knappheit gegen Entgelt auf einen Teil der Strombezüge zu verzichten.» Das hält auch Beat Goldstein vom Bundesamt für Energie für eine gute Idee – er findet jedoch, man solle die verschiedenen Instrumente nicht gegeneinander ausspielen: «Ich würde das eine tun und das andere nicht lassen», sagt er. «Massnahmen auf der Nachfrageseite sind in einem Gesetzesentwurf vorgesehen, der im Moment im Parlament ist. Das dauert aber noch ein wenig.» Darum brauche es auch die Wasserkraftreserve, denn deren grosser Vorteil sei die schnelle Umsetzbarkeit: Die entsprechende Verordnung soll schon diesen Herbst in Kraft treten. Mathias Plüss

Gleichberechtigung geht uns alle an

Was sieht eine Gesellschaft als Norm an? Und was geschieht, wenn Menschen von dieser Norm abweichen? Mit diesen Themen hat sich Simon Stettler schon oft beschäftigt. Stettler studiert am Departement Angewandte Linguistik der ZHAW im Bachelor Angewandte Sprachen . Als non-binäre Person – Stettler definiert sich weder als Mann noch als Frau – ist Stettler Teil der LGBTIQ+ -Community und stellt das Konstrukt der Normalität gerne in Frage. «Queere Menschen gelten oft als komisch oder abnormal. Meiner Ansicht nach müssen wir ganz von der Unterscheidung zwischen normal und abnormal wegkommen», sagt Stettler. Das führe zu einer unnötigen Spaltung zwischen der queeren Community und der heteronormativen Gesellschaft. Dabei gehe es doch vielmehr um ein Miteinander und um gleiche Möglichkeiten für alle. Stettler engagiert sich unter anderem in der Peer2Peer-Gruppe der ZHAW – diese vereint Vertreter:innen aller Funktionsstufen der ZHAW, welche sich unter dem LGBTIQ+ Spektrum verorten – und in der Intersektion Q+ des Studierendenvereins Alias und empfindet dieses Engagement als Bereicherung für den Studienalltag: «Ich sehe dadurch hinter die Kulissen der ZHAW und weiss, wie die ZHAW als Institution funktioniert». Auch im ZHAW-Umfeld geht Stettler offen mit der Non-Binarität um und hat Verständnis, wenn Menschen nicht auf Anhieb die korrekte Ansprache finden. «Optisch bin ich männlich-präsentierend und ich klinge männlich. Wenn mich eine Person, mit der ich nur einmalig zu tun habe, mit Herr Stettler anspricht, ist das für mich kein Problem», sagt Stettler. Wenn Stettler mehrfach mit Personen zu tun hat, weist Stettler diese aber auf die Non-Binarität hin. «Bei mir gibt es keinen Raum für sexistische, homophobe oder transphobe Äusserungen im Unterricht.» Janna Kraus, Dozentin an der ZHAW Auch Janna Kraus ist Mitglied der Peer2Peer-Gruppe an der ZHAW. Sie doziert am Departement Life Sciences und Facility Management (Abteilung Transversalis) zu den Themen Kultur, Gesellschaft und Sprache mit Fokus auf Wissenschafts- und Technikgeschichte. Auch Kraus gehört zur queeren Community, weiter möchte sie ihre Identität nicht definieren. «Ich sehe für mich persönlich im professionellen Kontext keinen Mehrwert darin, meine Identität für alle offen aufzuschlüsseln », erklärt Kraus und ergänzt: «Aber meine Lebensrealität weicht nun mal von der Norm ab und das hat auch für die Arbeit Konsequenzen.» Ihr Privatleben ist selbstverständlich nicht Teil ihrer Lehre, dennoch fliessen Themen wie Familienmodelle, Geschlechterrollen und die Komplexität von biologischem Geschlecht in Kraus’ Tätigkeit als Dozentin mit ein. «Gerade wenn es um Kurse zu Zukunftsvorstellungen geht, sind diese Fragen automatisch Thema», sagt Kraus. Ausserdem sieht sie es als ihre Pflicht, im Klassenzimmer ein Umfeld zu schaffen, in dem sich alle sicher fühlen. «Bei mir gibt es keinen Raum für sexistische, homophobe oder transphobe Äusserungen.» Im Kontext des Unterrichts sei es ihre Aufgabe, im Hochschulkontext Aufgabe der ZHAW, dieses Umfeld zu schaffen. Dieser Aufgabe hat sich die ZHAW dieses Jahr speziell angenommen und feiert im Juni das erste Mal offiziell den Pride Month , was Stettler sehr begrüsst. «Die ZHAW ist eine renommierte Hochschule und über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Wenn eine solche gesellschaftlich anerkannte Institution sich öffentlich für LGBTIQ+-Themen stark macht, hat dies enorm positiven Einfluss», begründet Stettler. Auch Kraus betont die Wichtigkeit der öffentlichen Positionierung: «Es ist essenziell und dringend nötig, immer wieder auf das Thema aufmerksam zu machen. Aus meiner Sicht hat eine Hochschule die Verpflichtung, sich klar für die LGBTIQ+-Community auszusprechen.» Die ZHAW positioniere sich laut Kraus dadurch auch als sicheren Arbeitsplatz und sichere Bildungsstätte für alle. «Macht sich eine anerkannte Institution wie die ZHAW öffentlich für LGBTIQ+-Themenstark, hat dies enorm positiven Einfluss.» Simon Stettler, studierende Person im Bachelor Angewandte Sprachen Beide betonen aber, dass es mit mehr Sichtbarkeit und einer klaren Positionierung nicht getan sei. Aus Stettlers Sicht sind wichtige Massnahmen vor allem administrativer und organisatorischer Natur. Die Einführung der dritten Geschlechtsoption – dass beim Erfassen der Personalien neben Mann und Frau auch eine dritte Option angeboten wird – sieht Stettler als oberste Priorität. Als Person, welche Sprachwissenschaften studiert, sieht Stettler natürlich auch den Sprachleitfaden, welcher an der ZHAW derzeit erarbeitet wird, als wichtigen Schritt in die richtige Richtung. Janna Kraus stimmt beiden Punkten zu und führt aus: «Mit dem Sprachleitfaden werden alle ZHAW-Angehörigen zum Thema geschult und es werden grosse Verbesserungen geschaffen, um konstantes Misgendering zu verhindern». Hohe Priorität haben für Kraus aber vor allem infrastrukturelle Anpassungen, genauer der Ausbau von sanitären Anlagen. «Ein Beispiel: Aktuell gibt es nur Einrichtungen für Binden und Tampons auf den Frauentoiletten. Was also machen trans Männer? Mit solchen Fragen müssen wir uns beschäftigen. Wenn Leute nicht mal in Ruhe aufs WC können, dann ist der Rest ein bisschen Deko», betont Kraus. Geschlechtsneutrale Toiletten würden diesbezüglich Abhilfe schaffen. Sie wisse natürlich, dass gerade Anpassungen an der Infrastruktur Zeit brauchten, da es sich um bauliche Massnahmen handelt. «Ich plädiere aber für temporäre Lösungen, die nicht abschliessend perfekt sein müssen», sagt Kraus. Das Schöne an der ZHAW sei, dass die Wege kürzer und die Hierarchien flacher sind als bei altehrwürdigen Universitäten. «Daraus ergeben sich grosse Chancen zur Gestaltung und Mitsprache, die man sich nicht entgehen lassen sollte», sagt Kraus. Stettler meint, man brauche zwar manchmal einen längeren Atem, um Massnahmen umzusetzen. Dafür sei es umso schöner, noch innerhalb der Studienzeit Erfolge zu erzielen. «Der Pride Month ist dafür ein gutes Beispiel, und ich möchte auch alle ausserhalb der LGBTIQ+-Community einladen, mit uns zu feiern», sagt Stettler. Denn Gleichberechtigung geht uns alle an. Fabienne Kirsch

Auf Tuchfühlung mit dem Kunsthandwerk

Ob Haute Couture in Paris, Lederateliers in Italien oder Uhrmachereien in der Schweiz – Handwerkskunst ist in Europa tief verwurzelt. Sie bietet über unseren Kontinent hinaus vielen Menschen eine Lebensgrundlage. Aber auch mitten in Zürich werden in kleinen Werkstätten und mit viel Können von Hand sogenannte Luxusgüter gefertigt. Die handwerklichen Traditionen stehen einer zunehmend schnelllebigen und mechanisierten Welt gegenüber. ZHAW-Dozent Fabio Duma leistet mit einem neuen Lehrprojekt einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung seiner Studierenden. Er hat im Masterstudiengang International Business ein Modul eingeführt, das im Zusammenhang mit dem Management von Luxusmarken auch die aktuelle und zukünftige Bedeutung von Kunsthandwerk in einem internationalen Markt behandelt. Wie passt das zusammen? «Luxus ist immer international. Vieles im Luxusgüterbereich beruht aber auf Handwerk und ist lokal verwurzelt», erklärt Fabio Duma. Die Arbeitssituation in Kunsthandwerksbetrieben kann – je nach Standort – ganz unterschiedlich aussehen. Während fernab der Schweiz Menschen für die Produktion von Luxusgütern regelrecht ausgebeutet werden, gestaltet sich hierzulande der Kampf ums Überleben subtiler. Was die Kunsthandwerkerinnen und -handwerker allerdings länderübergreifend gemeinsam haben, ist eine häufig viel zu geringe Wertschätzung ihrer Arbeit. «Wenn sich unsere Studierenden als angehende Führungskräfte mit den Herausforderungen und Chancen von Kunsthandwerk auseinandersetzen und die Menschen dahinter kennenlernen, kann das künftig zur nachhaltigen Verbesserung der Situation beitragen», sagt Fabio Duma. «Vieles im Luxusgüterbereich beruht auf Handwerk und ist lokal verwurzelt.» Fabio Duma, Dozent ZHAW Duma ist selbst Sohn eines Handwerkers. Er kennt die Problematik von fehlender Anerkennung und gesellschaftlichem Status nur zu gut. Nicht zuletzt deshalb liegt ihm das Thema am Herzen. «Zum einen geht immaterielles Kulturerbe verloren, wenn wir das Handwerk nicht schätzen und entsprechend vergüten», so Duma. «Zum anderen will ich den Scheinwerfer auf diejenigen Menschen richten, die in der Lieferkette weit hinten stehen oder sogar ganz im Hintergrund verborgen bleiben.» Denn sie seien es, die den Luxus überhaupt erst möglich machten. Die Idee für das Lehrprojekt hatte Fabio Duma schon länger. Aber erst als ihm eine Förderung durch das Sustainable Impact Program der ZHAW zugesprochen wurde, konnte er es konkret in Angriff nehmen. Mit an Bord geholt hat er die gemeinnützige Organisation « Nest », die sich global für mehr Gerechtigkeit, wirtschaftliche Inklusion und verantwortungsbewusstes Wachstum in der Mode- und Luxusindustrie einsetzt. Denn auch Wachstum kann negative Auswirkungen haben, wie Fabio Duma erklärt: «Es wird standardisiert und ausgelagert. Die Produktion soll günstig sein. Umso wichtiger ist es, den Studierenden bewusst zu machen, womit und mit wem sie arbeiten und wie die Dinge zusammenhängen.» Und er erklärt weiter: «Forschung und Lehre an Business Schools tendieren dazu, Themen von Grossunternehmen stärker zu gewichten. Meine Studierenden sollen den Wert handwerklicher Arbeit erkennen und mit Handwerkerinnen und Handwerkern auf Augenhöhe umgehen können. Das ist Teil ihrer Verantwortung als Konsumentinnen und Konsumenten, aber auch als spätere Führungskräfte in Unternehmen, nicht nur im Luxusgüterbereich.» Im Frühlingssemester 2022 haben rund ein Dutzend Studierende am Modul teilgenommen – darunter auch Jacqueline Burkhardt: «Ich hatte schon immer ein Faible für besondere Dinge, mir aber bis anhin weniger Gedanken um deren Herkunft gemacht. Diesbezüglich bin ich sicher aufmerksamer geworden durch das Modul», so die Studentin. Auch sei ihr nicht bewusst gewesen, dass es so viele kleine Betriebe in der unmittelbaren Umgebung gibt, die kunsthandwerkliche Güter herstellen. Der praxisorientierte Ansatz des Moduls brachte die Studierenden in direkten Kontakt mit Ateliers und Werkstätten in Zürich. Highlight war ein Exkursionstag mit Besichtigungen der Betriebe vor Ort. Auf dem Programm standen Besuche in einem Lederatelier, bei einer Schneiderin, einer Goldschmiedin und – um die Dienstleistungsseite zu beleuchten – in einem Luxushotel. «In diesem Modul geht es nicht um fertige Luxusgüter, sondern darum, wie sie entstehen.» Dennis Müller, Masterstudent International Business Auch Dennis Müller war erstaunt über die Vielzahl der Kunsthandwerksbetriebe: «Man erwartet so etwas eher in Italien», sagt der Student, der aus der Dominikanischen Republik stammt. Aufgrund seiner Herkunft sei ihm das Thema nahe: «In meinem Heimatland ist Handwerkskunst mit Steinen traditionell sehr verbreitet. Mir war schon vor dem Modul klar, dass dahinter harte Arbeit steckt.» In der Schweiz würden Luxusgüter häufig als gegeben betrachtet. Die Kehrseite der Medaille werde weniger gesehen. Aus diesem Grund könne er das Modul weiterempfehlen: «In diesem Modul geht es nicht um fertige Luxusgüter, sondern darum, wie sie entstehen. Wir haben Details erfahren aus dem Herstellungsprozess, von der Materialbeschaffung bis hin zur Auslieferung.» Im Rahmen seines Lehrprojektes will Fabio Duma nicht nur das Bewusstsein der Studierenden schärfen, sondern sie auch zur Lösungsfindung inspirieren. Nach den Betriebsbesuchen in Zürich, Interviews mit Handwerkerinnen und Handwerkern in verschiedenen Ländern sowie zusätzlicher Literaturrecherche präsentierten die Studierenden ihre Erkenntnisse. Für Jacqueline Burkhardt fällt das Fazit eher ernüchternd aus: «Exklusivität allein reicht nicht. Man braucht einen Namen, um etwas zu verkaufen», sagt die Studentin. «Mein Eindruck ist, dass der Brand und die Vermarktung wichtiger sind als die Qualität und die Herkunft.» In diesem Zusammenhang sei der Einfluss von Social Media gross – allen voran Instagram. Für das Kunsthandwerk könne das zwar eine Chance sein, jedoch seien die Menschen dahinter eben keine Marketingprofis, sondern passionierte Handwerksleute. «Mein Eindruck ist, dass der Brand und die Vermarktung wichtiger sind als die Qualität und die Herkunft.» Jacqueline Burkhardt, Masterstudentin International Business Fabio Duma erwähnt allerdings eine Studie mit jungen italienischen Schneidern, die er erst kürzlich durchgeführt hat: «Viele dieser jungen Talente teilen ihren Lernprozess und die Kniffe des Handwerks in den sozialen Medien. Sie werden zu eigentlichen Artisan Influencers und begeistern eine wachsende Zahl von Followern.» Neben den handwerklichen Fertigkeiten, die international wieder stark nachgefragt werden, hilft ihnen diese Onlinepräsenz, unternehmerisch erfolgreich zu sein. «Dank Social Media können talentierte Handwerker und Handwerkerinnen auch ausserhalb der Werkstätten grosser Marken als Artisan Entrepreneurs bestehen», so Duma. «Aber man muss die Kanäle kennen und seine Story mit relevantem Content zu erzählen wissen. Ganz ohne Kommunikations- und Business Skills ist es schwierig.» Das Lehrprojekt war für Fabio Duma ein erster Schritt. Die Umsetzung ist geglückt und das Modul wird weiterhin fester Bestandteil des Master in International Business sein. Auch eine Integration ähnlicher Themen und Formate in seinen Modulen im Bachelorstudiengang International Management steht zur Diskussion. Die Erfahrungen können zudem in Forschungsprojekte einfliessen. Ein erstes Projekt mit der Michelangelo Foundation in Genf ist in Vorbereitung. Auch mit der Organisation «Nest» möchte Fabio Duma weiter zusammenarbeiten. «Der Einblick, den das Modul bietet, weitet mindestens den Horizont und führt bestenfalls zu Veränderungen im Denken und Handeln derer, die künftig entscheiden werden», so Duma. «Vielleicht färbt es auch auf das allgemeine Konsumverhalten ab. Das wäre schön.» Matthias Kleefoot

Fertiggerichte sind besser als ihr Ruf

Die Plastikschale in die Mikrowelle schieben, die Folie wegreissen, und nach fünf Minuten steht eine vollständige Mahlzeit auf dem Tisch. Fertiggerichte sind beliebt und der Markt wächst stetig. Bereits 2019 lag der Jahresumsatz in der Schweiz bei 731 Millionen Franken und stieg im Corona-Jahr 2020 auf 823 Millionen Franken an – obwohl industriell gefertigte Menüs gemeinhin als ungesund und umweltschädlich gelten. Dieser Ruf ist aber nicht grundsätzlich gerechtfertigt, wie eine Studie der ZHAW zeigt. In den letzten vier Jahren haben Forschende des Instituts für Lebensmittel- und Getränkeinnovation (ILGI) und des Instituts für Umwelt und natürliche Ressourcen (IUNR) untersucht, wie sich Convenience-Menüs von solchen aus der Gemeinschaftsgastronomie und daheim gekochten unterscheiden. Dabei wurden die drei Zubereitungsarten bezüglich Gesundheit, Ökologie und Geschmack beurteilt. Die Studie wurde von der SV Stiftung unterstützt, der Hauptaktionärin der SV Group, welche zahlreiche Betriebe der Gemeinschaftsgastronomie führt, unter anderem die Mensen an der ZHAW. Für den Vergleich wurden ein Teigwarengericht mit Feta und Cherry-Tomaten, ein Thai-Curry mit Poulet sowie Bratwurst mit Kartoffelstock und Karotten gewählt. Es handelt sich um die Bestseller eines führenden Anbieters von Fertiggerichten in Europa, der dem Forschungsteam Rezepturen und Zutaten zur Verfügung stellte und Zugang zum Betrieb gewährte. Die Menüs wurden in der ZHAW-Küche in Wädenswil nachgekocht, einmal mit identischen Zutaten und Rezepturen und einmal mit im Supermarkt eingekauften Lebensmitteln und Rezepten aus Betty-Bossy- oder Tiptopf-Büchern – also unter typischen Bedingungen eines Privathaushaltes. Die beiden Vorgehensweisen wurden mit den Gerichten aus der Gemeinschaftsgastronomie wiederholt. Alle drei Gerichte seien grundsätzlich aus Gesundheitsperspektive nicht optimal, aber immer noch im grünen Bereich, betont Studienleiterin und Ernährungswissenschaftlerin Claudia Müller . «Sie enthalten tendenziell zu viel Fett und Salz, aber zu wenig Proteine, Kohlehydrate und Nahrungsfasern.» Die industriell hergestellten Fertiggerichte erwiesen sich, auf 100 Gramm umgerechnet, als am kalorienreichsten. Aufgrund der kleinen Portionen liegt ihr Energiewert jedoch unter den Empfehlungen von gut 700 Kalorien für eine Mittagsmahlzeit. Dies könne dazu führen, dass sie nicht ausreichend sättigen und Zwischenmahlzeiten nötig sind, sagt Müller. Wer zu Hause kocht, habe die Möglichkeit, nachzuschöpfen. Dabei bestehe jedoch die Gefahr, dass man zu viel isst. Beim Geschmack konnte die Privatküche jedoch punkten. Bei einem Testessen mit Proben, deren Herkunft nicht erkennbar waren, fiel den sieben speziell geschulten Personen auf, dass das Bratwurstgericht und das Curry aus der Haushaltsküche etwas intensiver schmeckten als die mehrere Tage bis Wochen im Kühlschrank gelagerten Mahlzeiten. Zudem fanden sie, die Peperoni und Bohnen des Haushalt-Thai-Currys sowie die Teigwaren aus der Kantine hätten mehr Biss. «Wichtig ist die Abwechslung. Fertiggerichte können durchaus gelegentlich Platz haben im Speiseplan.» Claudia Müller, Ernährungswissenschaftlerin Wer selber kocht, braucht zwar viel Zeit, spart aber Geld. Dieselbe Menge gekochte Nahrung kostet nämlich in Form von Fertiggerichten rund doppelt so viel wie das Essen aus der eigenen Küche und in der Kantine sogar rund dreimal so viel. Bei den Umwelteinflüssen hingegen schnitt die Gemeinschaftsgastronomie bei der Betrachtung gleicher Portionengrössen am besten ab. Die Vorteile bei der Kantinen-Verpflegung liegen hauptsächlich beim wegfallenden Transport und dem kleinen Foodwaste-Anteil, wie Matthias Stucki von der Forschungsgruppe Ökobilanzierung erklärt. In den Haushalten dagegen landet durchschnittlich ein Viertel der Lebensmittel im Abfall und die meisten erledigen ihre Einkäufe mit dem Auto. Diese Faktoren wurden bei den Haushaltgerichten anteilmässig eingerechnet. Bei den Industrieprodukten dagegen spielt – neben dem Transport in die Läden und danach zum Endkunden – die Verpackung eine gewisse Rolle. Kaum relevant seien jedoch die Energiekosten bei der Zubereitung, führt Stucki aus. Auch wenn Haushalte wohl pro Portion deutlich mehr Strom benötigen als Grossküchen, fällt dies lediglich mit ein bis zwei Prozent ins Gewicht. Der grösste Teil der Umweltbelastung geht sowieso aufs Konto der Zutaten, die in der Studie bei allen Varianten sehr ähnlich waren. Sie machen gut die Hälfte bis drei Viertel aus. «Am umweltfreundlichsten sind Gerichte mit wenig oder keinen tierischen Erzeugnissen», erklärt der Umweltwissenschaftler. Von den untersuchten Menüs verursacht denn auch das Bratwurst-Gericht die meisten Treibhausgase, am wenigsten das vegetarische. «Am umweltfreundlichsten sind Gerichte mit wenig oder keinen tierischen Erzeugnissen.» Matthias Stucki, Umweltwissenschaftler «Ab und zu eine Fertigmahlzeit, wenn es pressiert, ist durchaus zu verantworten», kommt Matthias Stucki zum Schluss. Wer die Umwelt schonen will, sollte vor allem pflanzliche Lebensmittel bevorzugen, ohne Auto einkaufen und dafür sorgen, dass keine Lebensmittel verschwendet werden. Auch aus gesundheitlichen Aspekten seien die Zutaten viel ausschlaggebender als die Art der Zubereitung, ergänzt Studienleiterin Claudia Müller und weist auf die vegetarischen und veganen Angebote mit höherem Gemüseanteil hin, die heute vermehrt verfügbar sind. «Industriell gefertigte Produkte sind nicht per se ungesünder als selber gekochte.» Da es bei der Verarbeitung und Lagerung von Convenience-Produkten zu Vitamin-Verlusten kommen kann, empfiehlt sie als Ergänzung frische Früchte und Gemüse. «Wichtig ist die Abwechslung. Fertiggerichte können durchaus gelegentlich Platz haben im Speiseplan.» Andrea Söldi

In der Corona-Krise hat die Nachhaltigkeit zugelegt

«Viele halten Nachhaltigkeit für ein Schönwetterthema. Sie denken, solange es den Unternehmen gut gehe, investierten sie in nette Hochglanzbroschüren. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten würden die Massnahmen gestrichen. Wir konnten mit unserer Studie belegen, dass das Gegenteil der Fall ist», sagt Herbert Winistörfer , Dozent und Leiter der Fachstelle Corporate Responsibility der ZHAW. Die von ihm erwähnte Studie heisst «Changes in Corporate Responsibility Management during COVID-19 Crisis and Their Effects on Business Resilience: An Empirical Study of Swiss and German Companies» und wurde im März 2022 publiziert. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten, wie sich die Corporate Responsibility während der Corona-Krise veränderte. Zu diesem Zweck haben sie die Nachhaltigkeitsberichte der zehn Unternehmen mit dem grössten Aktienkapital der Schweiz und Deutschlands analysiert. In beiden Ländern hat die Mehrheit von ihnen während der Corona-Krise den Umfang des Berichts erweitert, allen voran Nestlé, ABB und Siemens. «Diese Zunahmen zeigen, wie wichtig den Unternehmen die Kommunikation in Krisenzeiten ist», sagt Herbert Winistörfer. Der Ausbau betrifft mit Ökologie, Wirtschaft und Sozialem alle drei Dimensionen von Nachhaltigkeit. Zudem sei eine neue «Covid-Dimension» hinzugekommen. Hierunter fallen u.a. Massnahmen für Mitarbeitende wie Sicherheitsempfehlungen für das Homeoffice, Werkzeuge für die physische und psychische Gesundheit sowie Online-Schulungen. «Mitarbeiter-bezogene Nachhaltigkeitsmassnahmen verstärken die wirtschaftliche Resilienz in Krisen.» Herbert Winistörfer, Leiter der Fachstelle Corporate Responsibility der ZHAW Die «Covid-Dimension» ist ein Grund, weshalb sich auch die Art der Berichterstattung verändert habe: «Unternehmensinterne Themen erhielten signifikant mehr Raum», sagt Herbert Winistörfer. Im Vergleich dazu rückten die vor- und nachgelagerten Stufen der Wertschöpfungskette etwas in den Hintergrund. Dies sind einerseits alle Nachhaltigkeitsaspekte rund um die Produktion, wie zum Beispiel die Beschaffung von Rohstoffen, andererseits die Auswirkungen, die ein Unternehmen durch den Konsum und die Entsorgung der bereitgestellten Produkte verursacht. Das Team um Herbert Winistörfer erforschte ausserdem den Zusammenhang zwischen Corporate Responsibility und der wirtschaftlichen Resilienz von Unternehmen. Dies geschah mit einer quantitativen Umfrage, an der sich 108 der 900 angefragten Managerinnen und Manager von Schweizer Unternehmen verschiedenster Branchen beteiligt haben. Deren Antworten zeigten, dass Investitionen in das betriebliche Gesundheitsmanagement und in die Rekrutierung von lokalen Mitarbeitenden mit einer positiveren Einschätzung des Betriebsergebnisses und höheren Gewinnerwartungen für das Folgejahr einhergingen. «Mitarbeiter-bezogene Nachhaltigkeitsmassnahmen verstärken die wirtschaftliche Resilienz in Krisen. Dies gilt ganz besonders für jene, welche die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden fördern», sagt Herbert Winistörfer. Warum dies so ist, geht aus der Studie nicht hervor. Eine mögliche Erklärung sei, dass die Wahrnehmung von gesellschaftlicher Verantwortung wie eine Art Versicherung für wirtschaftlich schwierige Zeiten wirke. Karin Meier

Gefangen in der Lieferkette

Die Auftragsbücher sind voll, doch ob die Umsatzziele erreicht werden können, ist mit Fragezeichen versehen. So geht es derzeit vielen Unternehmen. Wie beispielsweise der in der Messtechnik tätigen Firma Endress + Hauser in der Nähe von Basel. Wie viele kämpfen sie mit Lieferengpässen und langen Lieferfristen, gerade für Elektronikteile. Diese werden grösstenteils in China hergestellt, doch am Containerhafen Schanghai konnten diesen Frühling wegen des harten Lockdowns die Schiffe nicht verladen werden und nicht auslaufen. Gekämpft werde in der Produktion auch mit steigenden Preisen von Materialien, der Energie und im Transport, sagte Chief Operating Officer Andreas Mayr an der Bilanzmedienkonferenz im April. Ob Computerchips, Automobilkomponenten, Schmerzmittel oder gewisse Nahrungsmittel: Die Schweizer Wirtschaft spricht weiterhin von Engpässen, Verzögerungen und Ausfällen, und ab und an sehen Konsumentin und Konsument auch leere Regalfächer. Für den Wirtschaftsverband Economiesuisse waren in seinem Wachstumsausblick Anfang Juni die Lieferengpässe eine Zutat im «ökonomischen Giftcocktail», der die Schweizer Wirtschaft und Konjunktur bedroht. Es fehle an Stahl und Stahlprodukten, an Lebensmittelrohstoffen wie Weizen und an Holz und Verpackungen. «Die Lieferengpässe gehen langsam an die Substanz der Unternehmen», warnte der Verband. Das Management der Lieferketten und dessen Risikobeurteilung – das Supply Chain Risk Management – ist wegen der aktuellen Brisanz auf den Führungsebenen der Konzerne angelangt. Fachleute und Supply-Chain-Managerinnen und -Manager suchen Lösungen, um Lieferketten weniger störungsanfällig zu gestalten. Das Problem: Die Lieferketten seien in den Jahren vor der Pandemie auf Effizienz und niedrige Kosten getrimmt worden, sagt Maike Scherrer , Leiterin des Schwerpunkts Nachhaltiges Supply Chain Management an der School of Engineering . Lager wurden abgebaut und die Teile «just in time» geliefert, zum Zeitpunkt der Weiterverarbeitung. «’Hauptsache günstig’ war das Ziel», sagt Scherrer. Denn bisher galt: Lagerhaltung kostet, während der Transport praktisch gratis ist. Die Lieferketten seien immer länger geworden, immer mehr Sublieferanten seien daran beteiligt gewesen: «Die Ketten reichen heute oft mehrfach um den Globus», so Scherrer. «Die Lieferketten sind in den Jahren vor der Pandemie auf Effizienz und niedrige Kosten getrimmt worden.» Maike Scherrer, Leiterin Schwerpunkt Nachhaltiges Supply Chain Management, School of Engineering Durch diese schlanke Struktur der Lieferketten sind bei einer Störung irgendwo auf der Welt schnell alle Glieder der Kette betroffen. Und ein Unternehmen kennt oft nur die nächste Stufe seiner Lieferanten – danach hört es schnell auf, sagt Judith Martin , wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute for Organizational Viability der School of Management and Law . «Vor diesem Hintergrund ist es schwierig, Risiken einzuschätzen», so Martin. Heute sind die Frachtraten explodiert und die Transportlogistik insgesamt deutlich teurer geworden, sagt Martin. Die Ursachen sind komplex, doch wichtige Faktoren sind die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine, die Corona-Pandemie und Chinas Null-Covid-Strategie, welche die Hafenmetropole Schanghai, immerhin der weltweit grösste Containerhafen, dramatisch betrifft. Die Nachfrage nach Flugfracht sei gestiegen, aber auch mit dem Zug werde mehr bewegt. Standorte von Logistik, Produktion und Lieferanten sind weltweit auf dem Prüfstand: nicht nur Russland, auch andere osteuropäische Länder. Denn wie soll man vorbereitet sein, falls sich der Krieg ausweitet oder neue Ereignisse eintreten? Die Sorge um die Verfügbarkeit von Rohstoffen und Halbmaterialien zeigte sich auch im KMU-Panel der School of Management and Law vom März. Der Krieg in der Ukraine habe die Pandemie im Sorgenbarometer der KMU überholt, so Studienleiter Andreas Schweizer von der School of Management and Law. Mehr als die Hälfte der 197 befragten kleinen und mittleren Unternehmen sehen die Verfügbarkeit für die kommenden drei Monate als eher schlecht bis existenzbedrohend, ein Drittel prognostiziert dies sogar für das ganze Jahr. «Nun ist die Relevanz der Lieferketten auch beim CEO angekommen.» Judith Martin, wissenschaftliche Mitarbeiterin Institute for Organizational Viability, School of Management and Law Das ist neu an der Entwicklung: «Der kurzfristige Ausblick in diesem Bereich fällt schon länger skeptisch aus. Nun mehren sich bei den KMU auch die Sorgen auf lange Sicht», sagt Schweizer. «Sowohl die aktuelle als auch die künftige Verfügbarkeit von Rohstoffen und Halbfabrikaten werden so pessimistisch wie nie seit dieser Panel-Erhebung beurteilt», heisst es in der Studie. So merkte ein befragtes KMU an: «Der Rohstoffmangel nimmt existenzbedrohende Ausmasse an. Dank der guten Liquidität und eines sehr grossen Lagervolumens können wir dies teilweise abfedern.» «Expertinnen und Experten des Supply Chain Management haben schon lange vor dieser Krisenanfälligkeit gewarnt», sagt Scherrer. «Nun ist die Relevanz der Lieferketten auch beim CEO angekommen», sagt Martin. Heute frage man sich noch mehr als vor der Pandemie, wie man diese zu schlanken Lieferketten weniger störungsanfällig machen kann. Weniger störungsanfällig zu sein, heisst zum Beispiel: mehr Lieferanten für ein Produkt zur Auswahl haben oder Produkte regional herstellen, um flexibler und widerstandsfähiger zu werden. Seltener in China oder in Billigländern einzukaufen, dafür regionaler, werde künftig die grosse Aufgabe sein, sagte auch ABB-Chef Björn Rosengren im April vor Journalisten gemäss einem Bericht der «NZZ». Der Konzernchef greift auch schon selbst zum Telefon, um Druck auf Lieferanten zu machen, vor allem bei Halbleitern. Die Produktionsräume Europa und USA rücken nun wieder mehr ins Zentrum, asiatische Lieferanten werden hinterfragt. Ein Trend kommt diesen Überlegungen zugute, so Scherrer: die Automatisierung der Produktionen. In solchen «cyberphysischen Systemen verändert sich die Rolle der Produktionsmitarbeitenden», sagt Scherrer. Die Lohnkosten fallen hier weniger ins Gewicht, womit sich die Produktion auch in Ländern Europas lohnt. Dafür verlangen hochautomatisierte Anlagen nach qualifizierten Fachkräften – auch dies ein Standortvorteil industrialisierter Länder. Viele Unternehmen werden nun in Kapazitäten und Lager vor Ort investieren, ist Martin überzeugt. Die Analyse drehe sich zudem auch um die Frage, so Scherrer: Welche Produkte, Waren und Güter brauchen wir als Puffer für schwierige Zeiten? Welche Produkte sind systemrelevant? Für welche Produkte sollen die Lieferketten sicherer gemacht werden? Scherrer plädiert dafür, mehr Rohmaterialien zu lagern. Plastikkinderspielzeug aus China sei sicher nicht systemrelevant, lacht sie, wenn auch Kinder dies vielleicht anders sehen würden. Im Rahmen der Grundversorgung bestimmt auch der Bund die Lagerhaltung für gewisse Güter wie Weizen, Medikamente oder fossile Energieträger. Jüngst musste wegen Lieferausfällen bei Medikamenten auf die entsprechenden Pflichtlager zurückgegriffen werden. Um Risiken richtig einschätzen zu können, braucht es auch Transparenz über alle Glieder der Kette. Hier muss sich ein Unternehmen überlegen, für welche Zwischenprodukte es wissen muss, wo sie in der Lieferkette sind und wo sie hergestellt werden. Mit Sensoren an den Produkten lässt sich dies heute gut überwachen. Nur sei es praktisch nicht umsetzbar, alle Produkte zu «versensoren», wie es Scherrer ausdrückt. Das würde riesige Datenmengen generieren, die nicht zu managen sind. Auch hier wieder die Frage: Wie viel Transparenz, die mit Sensoren erzeugt wird, ist nötig? Und Martin fügt hinzu: Um Daten sinnvoll nutzen zu können, brauche es die entsprechende Organisation im Unternehmen, die richtigen Entscheidungswege. «Da bin ich etwas kritisch: Wenn ich an den Strukturen nichts ändere, hilft auch die Digitalisierung nichts.» Kurz: Das Thema Resilienz der Lieferketten sei gerade aktuell wieder sehr wichtig, sagen beide Expertinnen übereinstimmend. Spannend seien künftig aber auch die Fragen: Wie kann dieses Thema mit Nachhaltigkeit verbunden werden? Wie mit der Digitalisierung? Und wie manövrieren sich Unternehmen durch diese Entwicklungen und gehen mit Zielkonflikten um? Sibylle Veigl

Wie geht es Jugendlichen nach zwei Jahren Pandemie?

Als die Schweiz im März 2020 einen Lockdown vollzog und Schulen geschlossen wurden, entschieden sich Dirk Baier und Maria Kamenowski vom Institut für Delinquenz und Kriminalprävention, eine Befragung von Teenagern im Kanton Zürich durchzuführen. Die Fachleute des ZHAW-Departements Soziale Arbeit wiederholten sie noch zweimal, da die Pandemie auch in den folgenden Jahren dominierte. Sie wollten wissen, wie sich Kontaktbeschränkungen, Schulschliessungen sowie Einschränkungen im Vereins- und Freizeitbereich auf die Identitätsbildung auswirken, die in diesem Lebensabschnitt im Zentrum steht: «Die gesellschaftliche Ausnahmesituation der Pandemie trifft auf eine entwicklungspsychologische Ausnahmesituation», betonen die Forschenden. Denn in der Jugendphase lösen sich junge Menschen vom Elternhaus, gehen neue Verbindungen zu Gleichaltrigen ein, bauen intime Beziehungen auf, eignen sich schulische sowie berufliche Qualifikationen an, entwickeln ihr eigenes Wertesystem und übernehmen soziale Verantwortung – dies alles geschieht in einem eher kurzen Zeitraum vom 13. bis zum 25. Lebensjahr. Was also, wenn mitten in diese prägende Phase die Pandemie platzt? Insgesamt beteiligten sich über 3400 Jugendliche im Alter von 12 und 18 Jahren verschiedener Schulformen im Kanton Zürich. Quelle: ZHAW Soziale Arbeit, Institut für Delinquenz und Kriminalprävention: Wie geht es Jugendlichen nach zwei Jahren Covid-Pandemie? Ergebnisse der dritten Befragung junger Menschen im Kanton Zürich, März 2022 Inhalt Patricia Faller; Grafik Klaas Kaat

Keine Krise dauert ewig

Gerade wollten wir aufatmen, als der Bundesrat Mitte Februar fast alle Corona-Massnahmen aufhob und die Rückkehr zur Normalität in Aussicht stellte. Dann überfiel Russland erneut die Ukraine. Hört das denn nie auf?, war vielfach die erste Reaktion. Im Interview hat ZHAW-Ökonom Khaldoun Dia-Eddine allein in den vergangenen rund 30 Jahren mehr als zehn grosse ökonomische, politische oder ökologische Krisen ausgemacht. Die Klimakrise sei wohl die Krise, die uns längerfristig am meisten bedrohe, meint ZHAW-Psychologin Agnes von Wyl im selben Interview: «Man kann sich ernsthaft fragen, weshalb wir damit so sorglos umgehen.» Und das, obwohl wir eigentlich wüssten, was zu tun ist, wie der dritte Inter­viewpartner, ZHAW-Ökologe Jürg Rohrer, betont. Auch unser Illustrator Till Martin hat sich gefragt: Weshalb sind wir so passiv? Sein Menschlein auf dem Titelbild ist wie gelähmt und tut nichts, obwohl der Eimer, mit dem es sich aus dem Sumpf befreien könnte, nahe ist. Dieses Bild symbolisiert, wie gewohnte und vermeintlich verlässliche Denkweisen, Werkzeuge und Handlungsansätze in einer Krise plötzlich nicht mehr greifen. Ratlosigkeit und Ängste überwiegen häufig – zumindest erst einmal. Denn auf die Phasen der Lähmung und Verdrängung folgen in mancher Theorie zur Krisenbewältigung die Phasen, in denen wir nach Lösungen suchen und uns völlig neu orientieren. Krisen sind oft Auslöser für Kreativität und Innovation. Mit Ideen, die helfen, Krisen zu bewältigen, wollen wir in diesem Dossier ein paar Lichtblicke bieten angesichts des von dunklen Wolken überschatteten Weltgeschehens. Wir wollen zeigen, wie Fach- und Privatleute nach Lösungen suchen und sie auch finden. Die Beispiele könnten anspornen zu mehr Mut und Optimismus, um aktuelle und künftige Krisen gut zu bewältigen. PATRICIA FALLER, Chefredaktorin

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