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Bloss keine wasserdichten Schuhe! 

Fünf Monate lang waren wir unterwegs vom nördlichsten Punkt Neuseelands bis zum südlichsten: 2550 Kilometer zu Fuss. Der Tagesablauf variierte kaum: aufstehen, Zelt verstauen, etwa zehn Stunden wandern, Zelt wieder aufschlagen oder in eine Hütte einkehren, essen. In Ortschaften gönnten wir uns manchmal ein paar Tage Pause und eine warme Dusche. Mit der Grundausrüstung trugen wir je etwa elf Kilo: Zelt, Kleidung für alle Witterungen und ein Kochset mit Gaskocher. Dazu kam die Verpflegung. Diese mussten wir gut planen, denn manchmal hatten wir tagelang keine Einkaufsmöglichkeit. Die Vorräte waren streng rationiert. Mehrmals schickten wir uns sogar per Post ein Essenspaket in eine Hütte, um nicht die Verpflegung für eine ganze Woche tragen zu müssen. Trinkwasser lieferte ein Filter, den man auf PET-Flaschen schrauben kann. Das hat einwandfrei funktioniert, egal woher das Wasser stammte. Je vier Paar Trailrunningschuhe liefen wir durch. Klassische Wanderschuhe wären zu schwer, sie würden eher Blasen an den Füssen verursachen – und sie wären zu wasserdicht, so seltsam es klingen mag. Wasserdichte Schuhe trocknen innen schlecht. Und nass wird man in Neuseeland sowieso. Es regnet sehr häufig, und man muss oft Flüsse durchqueren oder auf matschigem Untergrund gehen. Wir haben wohl mehr als zwei Drittel der Zeit mit nassen Füssen verbracht. Aber der Körper gewöhnt sich an vieles. Schritttempo ist eindeutig das, wofür der menschliche Körper gemacht ist. Langsam, aber stetig, so, dass man die Umgebung geniessen kann. Landschaftliche Highlights gab es jeden Tag. Wenn ich ein Bild der Reise sehe, weiss ich sofort, wo es war, so intensiv ist die Wahrnehmung beim Wandern. In die stille Natur einzutauchen war aber nicht so einfach. Das Hirn hatte plötzlich Zeit, um alles zu verarbeiten, was sich im stressigen Alltag angestaut hatte. Ich dachte über vieles nach, was zum Teil Jahre zurück lag. Wandern ist also auch eine Therapie. Man muss sich seinen Gedanken stellen, denn es gibt keine Ablenkung, oft nicht einmal Handyempfang. Mir wurde bewusst, dass viele genau deswegen auf eine Langstreckenwanderung gehen. Wir trafen viele, die mit Rucksack unterwegs waren – nicht nur im wörtlichen Sinn – und hörten berührende Geschichten. Mit einigen Wanderfreunden erlebten wir auch so manches Abenteuer. Das schweisst ungemein zusammen. Wir waren immer wieder überwältigt von der Gastfreundschaft der Neuseeländerinnen und Neuseeländer. Sie wiesen uns den Weg, nahmen uns im Auto mit, luden uns spontan zum Übernachten ein, bekochten uns und als Gegenleistung wollten sie bloss ein paar Wandergeschichten hören. Ein unglaublich liebenswertes Volk! Aufgezeichnet von Sara Blaser

Schwangere müssen häufig weite Wege gehen

Ich wuchs mit drei Schwestern in Simbabwe auf. Wie viele andere verliess ich mit 18 Jahren meine Familie und das Land, um zu studieren. Nach dem Bachelorstudium in Biomedizin in Malaysia kam ich in die Schweiz. In Luzern absolvierte ich ein Masterstudium in Gesundheitswissenschaften. Jetzt arbeite ich an der ZHAW als wissenschaftliche Assistentin und schliesse demnächst mein zweites Masterstudium ab. Mit Unterstützung des ZHAW Digital Futures Fund führte ich als Masterarbeit ein Projekt in Simbabwe durch, das meine Leidenschaft für Gesundheit, Technik und Menschen vereint: In vielen ländlichen Gegenden haben Schwangere kaum ärztliche Betreuung. Krankenhäuser sind oft weit entfernt und die Untersuchungen zu teuer. Ich habe miterlebt, wie meine Schwester während ihrer Schwangerschaft mit Zwillingen an Bluthochdruck litt und sehr viel Geld für zusätzliche Untersuchungen ausgeben musste. Dazu kommt grosse Unsicherheit. Ich entwickelte ein Konzept, bei dem Schwangere ihre Vitalparameter, wie Puls, Blutdruck und Proteine im Urin, selbst messen und über ein verschlüsseltes Formular via WhatsApp an ein Krankenhaus übermitteln. So kann das Pflegepersonal sie informieren, wenn die Werte in einem anormalen Bereich sind und die Frau zu einer Untersuchung kommen soll. Das Projekt kam bei den Frauen gut an. Die grösste Herausforderung war jedoch, dass in Simbabwe die Stromversorgung und das Mobilfunknetz oft ausfallen. In der Schweiz ist alles qualitativ spitze. Meine Eltern können es schon nicht mehr hören, wenn ich zu Besuch bin und bei jedem Produkt sage, dass das Schweizer Pendant hochwertiger ist. Ich liebe es, Ausflüge in die Berge zu machen – und es fasziniert mich, dass hier auch Menschen im höheren Alter noch beim Wandern anzutreffen sind. Am meisten schätze ich an der Schweiz aber, dass ich als Frau unabhängig leben und mich sicher fühlen kann. Durch den öffentlichen Verkehr habe ich ein neues Konzept von Zeit gelernt – anfangs rannte ich noch fast täglich hinter dem Bus her, weil er wirklich pünktlich fuhr. Mittlerweile ertappe ich mich aber dabei, wie ich verwundert auf die Uhr blicke, wenn der Bus mal eine Minute Verspätung hat. Aufgezeichnet von Sara Blaser

«Unsicher waren nur die Strassen»

Ich war schon auf Forschungsaufenthalten in Indien, Iran und Tadschikistan. Es fasziniert mich, wie verschiedene Länder die Themen angehen, mit denen jede Bergregion konfrontiert ist – Abwanderung, Infrastruktur, Naturgefahren und Klimawandel. Pakistan war Neuland für mich. Wer die Reisehinweise des Aussendepartements liest, überlegt sich eine Reise zweimal. Es wird vor Terror, politischen und sozialen Spannungen gewarnt. Ich habe mich jedoch nie bedroht gefühlt. Unsicher schon, aber nur, wenn ich jeweils im Shared Car, einer Art Taxi-Fahrgemeinschaft, auf den Verbindungsstrassen in der gebirgigen Region unterwegs war. Steinschlag oder Rutschungen kommen häufig vor. Ich besuchte drei Partneruniversitäten an vier Standorten: in Islamabad, Hunza, Gilgit und Chitral. Mit zwei dieser Schulen hatte ich 2021 gemeinsam mit weiteren Hochschulen im Bachelor Umweltingenieurwesen eine Online-Veranstaltungsreihe durchgeführt. Mein Aufenthalt bot mir die Gelegenheit, die zukünftige Zusammenarbeit in Lehre, Forschung und Entwicklung aufzugleisen. Ausserdem traf ich mit der Schweizer Botschaft Abklärungen für eine bevorstehende Forschungsreise einer Schweizer Hochschuldelegation. Meine Tage waren voll. Nach dem offiziellen Teil an den Schulen, wo ich viele gute Gespräche führte und zum Thema Regionalentwicklung dozierte, luden mich meine Kontaktpersonen abends zu sich nach Hause ein, nahmen mich mit auf ein Polo-Turnier oder leisteten mir im Hotel bei Take-away-Pizza und Tee Gesellschaft. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass man über Kulturen und Religionen hinweg viel mehr Gemeinsames als Trennendes findet, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet. Trotz des Dauerprogramms wirkte die Reise sehr entschleunigend auf mich. Der Alltag an den Hochschulen ist etwas entspannter als bei uns. Schmunzelnd stand ich jeweils daneben, wenn einer meiner Dozentenkollegen seine Vorlesungen antrat. Die Studierenden warteten nicht im Vorlesungssaal, sondern der Kollege ging über den Campus und sammelte sozusagen seine Schäfchen ein. In der Vorlesung waren diese zwar sehr engagiert, aber nach einer Stunde liess die Konzentration immer nach. Als ich selber eine Vorlesung hielt und nach einer Stunde fragte, ob ich noch mehr erzählen solle, war die einstimmige Antwort: «Nein, das reicht für heute. Gerne nächstes Mal mehr!» Aufgezeichnet von Sara Blaser

«Beim Velofahren  wähnt man sich hier im Wilden Westen»

Ich bin schon viel herumgekommen. In Cambridge studierte ich Deutsch und Französisch, darauf arbeitete ich in Deutschland und Österreich. Es folgten Master und PhD in Norwich. Nach der Promotion zog es mich nach Kanada, später in die USA und wieder zurück nach England. Die Stellenausschreibung für die Co-Leitung des IUED hat mich sofort gereizt. Ich war zuvor noch nie in der Schweiz und wusste nicht einmal, dass man sich hier mit «Hoi» begrüsst. Und das, obwohl ich schon in der Schule Deutsch lernte und mich als literarische Übersetzerin intensiv mit der deutschen Sprache auseinandersetze. Das schweizerische Deutsch wird in der Auslandsgermanistik leider vernachlässigt. So musste ich eigentlich eine neue Sprache lernen. Es fasziniert mich, wie schnell die Leute switchen zwischen Standarddeutsch und Schweizerdeutsch und wie viele Anglizismen verwendet werden. Häufig auch solche, die es gar nicht gibt – «Homeoffice» zum Beispiel sagt in England niemand, wir sagen «working from home». Manchmal muss ich nachfragen, was ein vermeintlich englischer Begriff bedeutet. Sehr positiv überrascht bin ich von der Höflichkeit, der Bescheidenheit und der Geduld der Leute hier. Grossbritannien gilt ja als Land der guten Manieren – aber wenn es im Supermarkt an der Kasse nicht vorwärtsgeht, dann verlieren wir die Nerven. In der Schweiz hingegen benimmt sich nie jemand daneben in der Öffentlichkeit. Neulich ist mir vor dem Supermarkt eine Flasche Kürbiskernöl auf den Boden gefallen. Alles war voller Öl und Scherben. Da boten mir gleich zwei fremde Personen ihre Hilfe an und fragten, ob ich verletzt sei. In England wäre das nie und nimmer passiert. Irritierend ist hier hingegen, dass beim Kontakt mit Behörden immer mein Mann angesprochen wird, als ob er die wichtigere Person wäre. Das ist schon sehr altmodisch. Und witzig finde ich, dass in der Schweiz alles sehr organisiert, durchdacht und gesittet ist – nur beim Velofahren wähnt man sich im Wilden Westen. Es wird rechts überholt, gedrängelt, über Rot gefahren. Ich muss aber zugeben, dass ich dieses Verhalten auch schon ein bisschen angenommen habe. Ich bin sehr glücklich mit Winterthur als Wahlheimat. Die Altstadt ist wunderschön und es gibt tolle Anlässe, wie etwa die Afro-Pfingsten. Als ich herzog, kam ich aus einem Grossbritannien, das sehr vom Brexit geprägt war. Die Stimmung war gegen Europa, gegen die Mehrsprachigkeit, gegen das Anderssein. Hier schätze ich die Offenheit für andere Kulturen und fühle mich als Ausländerin willkommen. Aufgezeichnet von Sara Blaser

Gesundheit ist das grösste Privileg

Vor 14 Jahren kam ich durch ein Kulturaustauschprogramm erstmals nach Ghana und arbeitete in einem Spital. Zurück in der Schweiz, absolvierte ich einen MAS in International Health und schrieb meine Masterarbeit in Ghana. Danach war ich dort 14 Monate für eine NGO tätig, die Gesundheitsberatung für Familien zu Schwangerschaft und erster Elternzeit anbietet. Es folgte ein Masterstudium in Pflege an der ZHAW. Die Masterarbeit baute auf meiner ersten Arbeit in Ghana auf. Heute bin ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ZHAW und doktoriere in «Global Health» an der Universität Genf – auch hier mit einem Projekt in Ghana im Bereich Familienbetreuung. Dass ich meine akademische Laufbahn überhaupt gewagt habe, verdanke ich vor allem meiner ghanaischen Supervisorin Faith Agbozo, die mich immer bestärkt und kritisches Feedback gegeben hat. Infrastruktur unterstützt Gesundheit In Ghana ist die Kindersterblichkeit viel höher als in der Schweiz. Es ist oft hart mitanzusehen, wie Krankheiten schlimmer ausfallen, als sie müssten, weil grundlegende Infrastruktur in den Spitälern fehlt. Ein CPAP-Beatmungsgerät (Anmerkung d. Red.: CPAP steht für Continuous Positive Airway Pressure) etwa ist kaum vorhanden. Es hilft einfach und effektiv bei Atemnot – ist kein solches Gerät vorhanden, können die Folgen fatal sein. In Ghana gibt es zwar eine Krankenversicherung, doch sie deckt nicht sehr viel und nützt nur wenig, wenn man die Ausgaben nicht selbst vorlegen kann. Ich erinnere mich an eine frischgebackene Mutter, die einen Brustabszess hatte. Nach einem Eingriff ohne Anästhesie – weil im Spital keine Fachperson vor Ort war – heilte die Entzündung nicht und ein weiterer Eingriff war nötig. Dazu musste die Mutter in eine andere Klinik. «Meine» NGO konnte ihr dabei helfen, aber allein hätte sie nicht einmal das Geld für den Bus gehabt. Die Arbeit in Ghana macht mir immer wieder bewusst, dass Gesundheit ein Privileg ist. Intensiv leben Ich liebe es immer wieder, in Ghana anzukommen. Kaum steige ich aus dem Flugzeug, legt sich die warme, feuchte Luft wie eine Decke um mich und die Sonne sorgt für gute Laune. Ich brauche keine Zeit, um mich zu akklimatisieren, sondern fühle mich sofort zu Hause. Das Leben findet draussen im Freien statt und Musik ist immer mit dabei. Mir gefallen vor allem Afrobeats, eine Mischung aus afrikanischen Rhythmen und Hip-Hop. Die Menschen sind sehr herzlich, wir lachen miteinander und ich empfinde das Leben intensiver als in der Schweiz. Wenn ich von Ghana erzähle, merke ich oft: In vielen Köpfen ist das Bild vom armen Afrika verankert, das dringend Hilfe vom hoch entwickelten Europa benötigt. Ich sehe mich aber keineswegs als Weltverbesserin. Mir ging es immer darum, meinen Horizont zu erweitern, und ich finde, ich profitiere mehr, als ich helfe. Aufgezeichnet von Sara Blaser

«Der Weg ist weit und hart, wenn man helfen will»

Als ich Guatemala 2018 zum ersten Mal besuchte, war es bald um mich geschehen. Die Menschen sind so liebenswert, das Lebensgefühl extrem entspannt, und die Avocados direkt vom Baum gepflückt ein Traum. So kam ich immer wieder zurück und schloss viele Freundschaften. Auch als die Pandemie ausbrach, war ich in Antigua. Dieser Tag hat mich geprägt: Innert weniger Stunden war die Stadt – die vom Tourismus lebt – wie leer gefegt und die Supermärkte geplündert. Auch ich reiste nach Hause, geplagt vom schlechten Gewissen, dass ich mich in Sicherheit bringen konnte, während mein Umfeld dort vor dem Nichts stand. Für viele brach nach wenigen Tagen der Hunger aus und die Kriminalität stieg massiv. Ich begann, Spenden zu sammeln. Das lief bald so gut, dass ich «The M Story» gründete, eine Hilfsorganisation, die bedürftige Familien mit Lebensmitteln unterstützt. Das Team vor Ort sorgt dafür, dass die Spenden ankommen. Im August 2022 kehrte ich im Rahmen meines Auslandsemesters nach Guatemala zurück. Ich machte ein Marketing-Praktikum bei einer Non-Profit-Organisation. Diese verkauft Schmuck und Accessoires, die von indigenen Frauen hergestellt werden. Ich verfasste Texte aller Art und dolmetschte bei Events zwischen den Einheimischen und den meist englischsprachigen Sponsoren. Das Praktikum bestätigte mir, dass ich mich in Guatemala auch wohlfühle, wenn ich einen Arbeitsalltag habe. In der Freizeit wanderte ich viel – sogar auf aktive Vulkane. Neben Antigua liegt der Vulkan Fuego, der bricht etwa alle 30 Minuten aus. Ich konnte ihn auch von meiner Terrasse aus beobachten – extrem faszinierend. Nebenbei arbeitete ich für meine Hilfsorganisation, die inzwischen auch Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung verschafft. Mittlerweile habe ich das Vertrauen der Einheimischen gewonnen. Ich hätte nie gedacht, dass der Weg so steinig sein könnte, wenn man einfach nur helfen will. Seit der Pandemie ist das Misstrauen untereinander generell gestiegen, weil alle für sich selbst sorgen mussten. Der Staat bietet nicht einmal eine grundlegende Gesundheitsversorgung. Während meines Aufenthalts wurde ein Mädchen, das von uns unterstützt wird, angeschossen. Ihre Familie rief mich an und sagte, das Spital weigerte sich, sie zu behandeln, wenn nicht im Voraus bezahlt werde. Ich eilte los und kam für die Kosten auf, sodass das Mädchen nicht weiter in Lebensgefahr schwebte. Viele andere sterben, weil sie nicht mal für die banalsten Eingriffe Geld haben. Solche Erlebnisse machen mich sehr nachdenklich. Aber sie zeigen mir auch, dass sich unsere Arbeit lohnt. Aufgezeichnet von Sara Blaser

Mutterseelenallein im Nirgendwo

Seit sieben Jahren bin ich in der Schweiz im Vorstand von «Roter Tropfen», dem Schweizer Pendant von «Gotita Roja». Vor einigen Jahren leistete ich einen einmonatigen Einsatz im Onkologischen Institut von Santa Cruz de la Sierra. Für das zweite Praktikum meines Studiums nutzte ich die Chance, noch mehr Einblick in die Arbeit von «Gotita Roja» zu gewinnen und mein Spanisch zu verbessern. Ich besuchte dort Familien, deren Kinder in Behandlung sind, die meisten wegen Leukämie. Ich führte Gespräche und fotografierte ihr Zuhause, um der Organisation ein besseres Bild der Krankheitsgeschichten und der Lebenssituationen zu vermitteln. Die Gespräche waren emotional sehr anspruchsvoll. Manchmal fühlte ich mich als Eindringling. Oft wurde ich aber herzlich aufgenommen und war beeindruckt von dem Vertrauen, das mir die Familien entgegenbrachten. Ihre Geschichten berührten mich sehr – nicht nur die Krebserkrankungen. Viele Frauen waren früh Mutter geworden. Einige kannten nichts anderes, andere waren schlichtweg nicht aufgeklärt. Einmal pro Woche organisierte ich eine Fachperson, etwa eine Gynäkologin, zur Aufklärung über Sexualität und Verhütung. Und alle zwei Wochen bot ein Psychologe eine Sprechstunde für die Mütter über Video an. Zu den Familien zu finden, war immer ein Abenteuer. Sie wohnten meist ausserhalb der Stadt, wo es keine Strassennamen gibt. Ich erhielt jeweils den Standort über Google Maps und Anreisetipps via Sprachnachricht. Anfangs nahm ich ein Taxi, doch das wurde mir schnell zu teuer. Ausserdem wollte ich mehr am lokalen Leben teilnehmen. So kämpfte ich mich mit dem öffentlichen Verkehr durch und musste teilweise sehr hartnäckig sein. Manchmal landete ich an völlig falschen Orten. Einmal hatte mir eine Frau Fotos und Infos geschickt, aber der Bus fuhr dann in eine andere Richtung. Als ich ausstieg und allein durchs Nirgendwo lief, fand ich mich plötzlich inmitten eines Treffens von etwa 50 Riesentrucks und einer Gruppe Männer wieder, die mich neugierig beäugten. Sie waren aber zum Glück äusserst hilfsbereit. Es stellte sich heraus, dass ich falsche Koordinaten erhalten hatte. Als ich Stunden später vor dem gesuchten Haus stand, fiel mir auf, dass mein Bus genau an diesem Haus vorbeigefahren war. Solche Situationen erlebte ich zuhauf. Anfangs war alles sehr schwierig: Ich verstand die Sprache nicht gut, durch die Gesichtsmasken noch weniger, und fühlte mich als Frau unsicher. Mit der Zeit fand ich mich aber gut zurecht und bin stolz darauf, wie ich an den Herausforderungen gewachsen bin. Aufgezeichnet von Sara Blaser

«Ich tüftle an der Rezeptur einer festen Handcrème»

Es ist das erste Mal, dass ich alleine im Ausland bin. Ich bin als Free-Move-Studentin hier, das heisst, es besteht kein offizielles Abkommen zwischen der ZHAW und meiner Universität in São Paulo. Den Aufenthalt verdanke ich der guten Beziehung zwischen meiner brasilianischen und meiner Schweizer Dozentin. Beide sind im Vorstand des Internationalen Verbands der Kosmetikchemiker und engagieren sich für die Nachwuchsförderung. Die Schweiz, als renommierter Pharmaziestandort, war meine Wunschdestination für einen Auslandaufenthalt. Wenn es klappen würde, nach dem Studium hier zu arbeiten, wäre ich nicht abgeneigt. Im Rahmen meiner Masterarbeit tüftle ich an der Rezeptur einer festen Handcrème, die aus rein natürlichen Inhaltsstoffen besteht. Wasserlose Produkte sind ein grosser Trend in der Kosmetik, insbesondere weil sie keine Verpackung benötigen. Auf die Idee eines Handpflegeprodukts kam ich, weil ich so viele Hände sah, die unter dem häufigen Desinfizieren während der Pandemie litten. In den Labors am Departement Life Sciences und Facility Management arbeitet es sich wunderbar, das Team hat mich gut aufgenommen und die Betreuung durch meine Dozentin für Kosmetik und Toxikologie, Petra Huber, ist fachlich wie menschlich sehr gut. Kontakte zu finden, ist nicht ganz einfach als Free-Move-Studentin. Als ich Ende Mai ankam, neigte sich das Semester bereits dem Ende zu, und alle waren mit Prüfungsvorbereitungen beschäftigt. Die regulären Austauschstudierenden reisten schon bald wieder ab und die Neuen kommen erst nach dem Sommer. Aber grundsätzlich sind die Menschen hier sehr nett zu mir. Und ich spüre, wie ich über mich hinauswachse, weil ich alles alleine anpacke. Die Schweiz hat extrem viel zu bieten. Von der Landschaft bin ich schlichtweg begeistert. Und es beeindruckt mich, wie hoch das Umweltbewusstsein der Bevölkerung ist. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel schätze ich sehr. Und ich fühle mich hier äusserst sicher. Nachts alleine auf die Strasse zu gehen, wäre für mich in São Paulo undenkbar. Ich entdecke jeden Tag Neues und ich bin sehr dankbar für alles, was ich hier erleben darf. Aufgezeichnet von Sara Blaser

Inschallah – alles wird gut!

Mit dem Praktikum zu Pandemiezeiten klappte es nur dank Vitamin B, denn eigentlich waren die Grenzen dicht. Zudem gilt im Oman, bei einem Ausländeranteil von fast 40 Prozent, ein strikter Inländervorrang. Dank meines Sprachaufenthalts in Muskat vor Antritt des Studiums, der schlussendlich zweieinhalb Jahre dauerte, war ich aber bereits gut vernetzt. Mangels ausländischer Touristen war meine Hauptaufgabe im Praktikum, Einheimische für Inlandreisen zu begeistern. Die Dynamik bei geschäftlichen Terminen fand ich immer interessant: Erst erkundigen sich beide Seiten ausführlich nach dem Befinden der Familie und des Geschäfts, bevor das Eigentliche dann innert zwei Minuten unter Dach und Fach gebracht wird. Der Oman gilt als liberales muslimisches Land. Es trägt den Übernamen «Switzerland of the Middle East». Abseits der modernen grösseren Städte spielen Traditionen jedoch noch eine grosse Rolle. Frauen stehen grundsätzlich alle Möglichkeiten offen, es gibt jedoch ungeschriebene Einschränkungen. Von wahrer Gleichberechtigung ist das Land noch weit entfernt. Ich spürte immer wieder, dass man sich als Frau generell mehr beweisen muss – zum Beispiel bei meinem Hobby, dem Reiten. An einem Springturnier erfuhr ich, dass es eine «Ladies’ Class» geben sollte. Auf die Frage, wieso, bekam ich höflich zur Antwort: «Damit sie auch eine Chance haben.» Witzig, wie ich fand, zumal Reiterinnen prozentual gesehen mehr Podiumsplätze belegen als ihre männlichen Kollegen. Ich habe viele langjährige Freundschaften im Oman, jedoch nur eine einzige Freundin, die mir auch Privates anvertraut. Die Omanis machen die Dinge gerne mit sich selbst aus. Was ich an ihnen am meisten bewundere, ist ihr Urvertrauen, dass alles gut kommt. «Inschallah» (so Gott will) ist ihr Credo – es lohnt sich nicht, sich zu sorgen, denn die Zukunft liegt in seinen Händen. Sprache ist für mich klar der Schlüssel für die Integration. Dass ich nicht nur Hocharabisch, sondern auch den lokalen Dialekt spreche, öffnete mir viele Türen und Herzen. Allgemein galten für mich als Europäerin andere Massstäbe – etwa, dass ich allein wohnte, war von allen akzeptiert. Für einheimische Frauen wäre das sehr unüblich. Mein wertvollstes Learning ist, andere Lebensweisen vollständig zu respektieren, auch wenn ich mich nicht mit ihnen identifiziere, zum Beispiel die Viel-Ehe. Ich kann mit Menschen, die völlig andere Ansichten haben, wirklich gute Gespräche führen und daraus Positives mitnehmen. Aufgezeichnet von Sara Blaser

Die sowjetische Vergangenheit ist noch sichtbar

Im Vorfeld waren viele irritiert: Nach Kirgistan? Im Winter? Für mich war es aber eine einmalige Gelegenheit. Zur Vorbereitung besuchte ich einen Russischkurs, denn neben Kirgisisch ist Russisch noch immer eine offizielle Landessprache. Wichtig war mir, die kyrillischen Buchstaben zu lernen. Für Gespräche reichte es nicht, aber immerhin konnte ich lesen. In meinem Praktikum an der Kirgisisch-Türkischen Manas Universität untersuchte ich Erwinia amylovora , ein Bakterium, das die Pflanzenkrankheit Feuerbrand verursacht. Ich hatte in der Schweiz bereits eine Semesterarbeit dazu verfasst. Mein Team nahm mich sehr gut auf. Zu Beginn begegneten sie mir mit grossem Respekt, was mir unangenehm war. Ich war dort, um etwas zu lernen. Dass ich auch ihnen etwas beibringen konnte, war sehr schön. Die Kommunikation war zwar erschwert, aber wir fanden immer einen Weg, uns zu verständigen. Wichtig ist, dass man offen und respektvoll miteinander umgeht. Allgemein erlebte ich die Menschen als sehr nett: Autos halten an, wenn jemand über die Strasse geht, und Männer bieten im Bus den Frauen ihre Sitzplätze an. Ich wohnte in einer 2,5-Zimmer-Wohnung im Zentrum von Bischkek. Die Miete war mit 300 Dollar pro Monat für mich sehr günstig, für viele Einheimische ist das jedoch mehr als ein Monatslohn. Ich genoss es in vollen Zügen, auswärts zu essen, vor allem einheimische, türkische und japanische Küche. Im Stadtbild von Bischkek ist die sowjetische Vergangenheit noch gut sichtbar: grosse Plätze und breite Strassen. Viele Junge sprechen Russisch miteinander. Die ältere Generation, die die Besatzung miterlebt hat, ist hingegen eher russlandkritisch. Neben dem Traditionellen hat Bischkek auch viel Modernes: Alle haben Smartphones, das Internet ist schnell, es gibt viele Einkaufszentren, mit denselben Geschäften wie in Westeuropa. Bei Ausflügen sah ich aber auch eine andere Seite. In ländlichen Regionen lebt die Bevölkerung in sehr bescheidenen Verhältnissen. Landschaftlich ist Kirgistan imposant: Berge, Flüsse, viel unberührte Natur. Das Land ist etwa fünfmal grösser als die Schweiz, hat aber ein Drittel weniger Einwohner. Leider kam mein Aufenthalt wegen Corona zu einem abrupten Ende, sodass ich meine weiteren Reisepläne begraben musste. Meine Zeit in Kirgistan hat mir gezeigt, dass nicht alles selbstverständlich ist. In der Schweiz hinterfrage ich Wahlergebnisse oder die Integrität der Polizei nicht. Die Kirgisen hingegen haben kaum Vertrauen in den Staat. Dafür sehr viel Familien- und Gemeinschaftssinn, was mir gut gefallen hat. Aufgezeichnet von Sara Blaser

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