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«Ich möchte keinen Roboter umarmen»

Yulia Sandamirskaya: Mich hat überrascht, wie schnell sich KI-Tools verbreitet haben und wie unkritisch die Menschen damit umgehen. Sie verzeihen den Tools sehr viel – immerhin machen diese noch viele Fehler. Texten fehlt oft der rote Faden zwischen den Paragrafen. Volker Kiel: Mich irritiert ebenfalls die unkritische Verwendung. Coaching und Beratung wirken vor allem über das In-Beziehung-Sein mit Menschen. Und dennoch wurden die neuen Möglichkeiten mit Begeisterung aufgenommen, zum Beispiel für die Vor- und Nachbereitung von Gesprächen. Ich befürchte, dabei wird zu viel Denktätigkeit an die Maschine delegiert, wodurch die Spontaneität und das Feingespür leiden könnten. Elke Brucker-Kley: Mich hat der Hype weniger überrascht. Ich befasse mich schon seit den 1990er-Jahren mit natürlichsprachigen Systemen und habe daher miterlebt, wie lange die Reise war. Von extrem frustrierenden sprachlichen Interaktionen zu der heutigen verblüffenden Qualität – das ist schon ein Quantensprung. Häufig wird zugunsten von KI argumentiert, dass sie uns unliebsame Arbeiten abnimmt, damit wir uns um wichtigere Dinge kümmern können. KI übernimmt aber auch immer mehr Aufgaben, für die typisch menschliche Fähigkeiten gefragt sind, wie Empathie oder Lebenserfahrung – wie beurteilen Sie diese Entwicklung? Sandamirskaya: Die wirklich schwere repetitive Arbeit nimmt uns die KI nicht ab – sei es in der Produktion, der Pflege oder der Landwirtschaft. KI entwickelt sich dort, wo viele Daten einfach verfügbar sind, und das sind vor allem Bild- und Textdaten. Es ist der einfachste Weg, nicht der, von dem die Menschheit am meisten profitieren würde. Mich erinnert es an die Geschichte des Mannes, der unter einer Strassenlaterne seinen Schlüssel sucht. Nicht weil er ihn dort verloren hat, aber weil es dort am hellsten ist. Kiel: Ich sehe die Gefahr, dass wir uns zu sehr an die Kommunikation mit Maschinen gewöhnen, weil sie unterstützend ist und uns Arbeit abnimmt. Es entsteht eine Unabhängigkeit von echten menschlichen Beziehungen und zugleich eine Vereinsamung. Menschen sind zunehmend gehemmt, auf andere zuzugehen. Dabei brauchen wir den Kontakt zu anderen Menschen für unsere seelische Entwicklung und Heilung. Wir wollen von ihnen in unserer Einzigartigkeit gesehen werden. Das lässt sich nicht auf datengesteuerte Kommunikation reduzieren. Brucker-Kley: Mit KI gewinnen wir Autonomie, verlieren aber auch Fähigkeiten. Man darf aber weder in utopische noch in dystopische Denkweisen verfallen. Bei der Ausbildung von Fachleuten, die diese Technologien mitgestalten, ist für mich das Thema Responsible Innovation zentral: ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, was diese Technologien mit uns machen. «Wenn ich eine Technologie mitgestalte, öffne ich die Tür für Möglichkeiten, die ausserhalb meiner Kontrolle liegen.» Elke Brucker-Kley Kritisches Denken wird oft als zentrale Fähigkeit genannt im Umgang mit KI. Es wird jedoch immer schwieriger, einzuschätzen, was echt und was künstlich ist, wenn ständig neue Technologien aufkommen, die Dinge können, die vor wenigen Monaten noch unmöglich schienen. Sandamirskaya: Das kritische Denken gehört auf den Lehrplan in Schulen. Lehrpersonen sollen aktiv mit Weiterbildungen zu neuen Technologien unterstützt werden, damit sie den Schülerinnen und Schülern einen differenzierten Einblick geben können. Gleichzeitig ist es wichtig, analoge menschliche Fähigkeiten weiterhin zu lehren: logisches Denken, Kreativität. Das ist aber eine grosse Aufgabe für die Schule. Es bräuchte kleinere Klassen und mehr individuelle Arbeit. Kiel: Medienkompetenz ist zentral. Damit meine ich nicht, ein Tablet zu benutzen, sondern mit den Schülerinnen und Schülern zu besprechen, welchen Nutzen und welche Gefahren KI-Tools mit sich bringen. Erwachsene sollten aber auch dafür sorgen, dass sich Kinder nicht zu früh und zu viel mit digitalen Medien beschäftigen, um die nötige Distanz zu halten, damit sich der kritische Verstand technikfrei entwickeln kann. Frau Brucker-Kley, Sie erforschen die Schnittstelle zwischen Mensch und Technologie. Sollte es Ihrer Meinung nach klare Grenzen geben, in welchen Bereichen KI menschliche Fähigkeiten imitieren darf – oder sollten wir alles erforschen, was technisch möglich ist? Brucker-Kley: Es ist ein Dilemma. Einerseits faszinieren die Möglichkeiten, andererseits muss man sich der Folgen bewusst sein. Es ist heute zum Beispiel möglich, Gehirnströme von Userinnen und Usern auszulesen, um in Echtzeit eine passende Reaktion von einem Avatar zu generieren. Wenn ich eine solche Technologie schaffe, öffne ich jedoch auch die Tür für Möglichkeiten, die ausserhalb meiner Kontrolle liegen. Ein breiter gesellschaftlicher Diskurs zu neuen Technologien ist darum wichtig, nicht nur die Frage der technischen Machbarkeit. Und ethische Fragen sollten nicht nur in Ethikkommissionen und Wissenschaftsräten diskutiert werden, sondern mit den Menschen, die von den Technologien betroffen sind. «KI entwickelt sich dort, wo viele Daten einfach verfügbar sind. Es ist der einfachste Weg, nicht der, von dem die Menschheit am meisten profitieren würde.» Yulia Sandamirskaya Brucker-Kley: Ich war beeindruckt, wie skeptisch und reflektiert die Jugendlichen auf die provokative Hypothese einer Freundschaft mit KI reagierten. Überrascht hat mich der Wunsch nach Imperfektion. Die Jugendlichen fanden den digitalen Freund in der Rolle des allzeitpräsenten Helferleins langweilig. Einer sagte, der Avatar soll sich weniger bemühen, ein perfekter Freund zu sein, auch mal Fehler machen und tollpatschig sein. Andere wollten mit dem Avatar streiten können. Sie haben aber auch die Sorge geäussert, sie könnten die Fähigkeit verlieren, mit echten Menschen zu interagieren, wenn sie nur noch mit KI streiten, die alles verzeiht. Sandamirskaya: Das menschliche Gehirn lernt jeden Tag Neues, oft unbewusst. Wir adaptieren uns ständig auf verschiedenen Ebenen an unsere Umwelt. Bei KI hingegen ist es ein aufwendiger Trainingsprozess, bei dem das ganze System inklusive der alten Daten optimiert werden muss. Weiter unterscheidet uns das strategische Denken. Wir können unsere Aufmerksamkeit unter allen Eindrücken um uns herum auf das Wesentliche richten, langfristig planen, kurzfristig auf neue Informationen reagieren und situativ entscheiden, welcher Schritt als Nächstes sinnvoll ist. KI hingegen kann Wichtiges nicht von Unwichtigem unterscheiden und hat kein Gedächtnis. KI kann dafür andere Dinge besser als wir, etwa ganze Bücher durchlesen und zusammenfassen. Mich beunruhigt, dass heute alle Hersteller nur noch in dieselbe Richtung entwickeln: in Systeme, die viele Daten und langes Training brauchen, fehlerreich und nicht flexibel sind. Ich fände mehrere Systeme sinnvoller, die auf einzelne Aufgaben spezialisiert sind. Kiel: Genau, und der KI fehlt auch die menschliche Intuition. Albert Einstein soll mal gesagt haben: «Der intuitive Geist des Menschen ist ein Geschenk, das rationale Denken eher ein treuer Diener. Der Diener wird oft verherrlicht und das Geschenk vergessen.» Für zwischenmenschliche Beziehungen ist das Intuitive der Kern. Wir erfassen unser Gegenüber intuitiv viel besser, als wir es über Sprache beschreiben könnten. Das Intuitive führt uns zu Einsichten, zu denen wir rational nicht gelangen und die eine Maschine nicht haben kann. Brucker-Kley: Ich möchte das nicht werten. Wenn man sich aber an diese Art von Emotion gewöhnt und vergisst, dass die Emotionen der KI nicht echt sind, dann verschwinden die Grenzen. Das sehe ich sehr kritisch. Ich bin der Meinung, dass die menschliche Interaktion, die mit KI simuliert wird, nicht perfekt sein muss, auch wenn es technisch möglich wäre. Avatare müssen nicht fotorealistisch aussehen, und sie sollten Emotionen nur simulieren, wenn daraus ein Nutzen entsteht. Es muss klar sein, dass es sich um eine künstliche Entität handelt, denn man kann nicht davon ausgehen, dass sich alle Userinnen und User abgrenzen können. Kiel: Für menschliche Beziehungen sind neben Gesprächen und Interaktion auch gemeinsame Erlebnisse wie in der Natur oder während gemeinsamer Reisen wichtig. Miteinander schweigen, einander trösten – nicht nur über Worte, sondern auch über eine Umarmung. Einen Roboter möchte ich nicht umarmen. Kiel: Ich höre von Fachleuten aus der Psychotherapie, dass zum Bespiel Virtual Reality mehr und mehr in Kliniken Einzug findet, etwa für eine systematische Desensibilisierung bei Höhenangst. Ich komme aus Köln, dort ging die Therapeutin früher mit der Klientin langsam die Treppen auf den Kölner Dom hinauf. Im virtuellen Raum kann man das jetzt viel einfacher und praktischer durchführen. Solche Anwendungen können wirklich äusserst hilfreich sein und sie stehen viel mehr Menschen zur Verfügung. Brucker-Kley: KI könnte auch dazu dienen, eine gewisse Minimalqualität im medizinischen Bereich sicherzustellen. Vielleicht wird es in Zukunft eine Frage der finanziellen Möglichkeiten sein, wer noch Zugang zu einem menschlichen Arzt oder einer Psychologin hat. «Das Intuitive führt uns zu Einsichten, zu denen wir rational nicht gelangen und die eine Maschine nicht haben kann.» Volker Kiel Sandamirskaya: Mit Robotern sollen ältere Leute und solche mit körperlichen Einschränkungen möglichst lange autonom leben können statt in einem Pflegeheim. In Heimen könnten die Roboter das Pflegepersonal unterstützen, indem sie ihm Aufgaben abnehmen. Private Haushalte sind aber ein schwieriges Umfeld für Roboter, denn die Umgebung ist sehr dynamisch. Einfache Aufgaben, wie Gegenstände erkennen, greifen und von A nach B bringen, müssen so sicher ausgeführt werden, dass keine Menschen gefährdet werden. Technologisch sind wir noch nicht so weit. Ein weiteres Problem ist der Datenschutz. Wir wollen nicht, dass die Bilder an eine Cloud geschickt werden. Die Datenverarbeitung soll lokal erfolgen. Auch die Frage der Finanzierung ist noch offen. Würde die Krankenkasse oder die Spitex solche Roboter mitfinanzieren? Und in welchen Bereichen soll der Roboter überhaupt helfen können? Brucker-Kley: KI hat keinen eigenen Willen, aber sie kann zielgerichtet handeln und sich weiterentwickeln, wenn sie entsprechend programmiert wird. Das Risiko sehe ich daher weniger in einer rebellischen KI, sondern darin, dass wir Maschinen entwickeln, deren Ziele so komplex sind, dass wir sie selbst nicht mehr durchschauen. Man muss enorm weitsichtig überlegen, welche Ziele und Zwecke verfolgt werden sollen – und nicht nur an die Ziele für unsere kleinen Anwendungsfälle denken. Sandamirskaya: Es ist eine sehr mächtige Technologie, die uns wirklich gefährlich werden kann, indem sie uns Unwahrheiten eintrichtert. Der Vergleich mit der Kernspaltung drängt sich auf: Man kann damit Elektrizität erzeugen oder eine Atombombe bauen. Was wir daraus machen, hängt aber nicht vom Willen der KI ab, sondern von dem der Menschen. Interview: Sara Blaser

«Von Open Science profitieren Wissenschaft und Gesellschaft»

Julia Krasselt: Einige meiner Projekte setzen sich gezielt mit offenen Forschungsdaten auseinander, etwa das Projekt Swiss-AL , eine Sprachdatenbank, die mit Forschenden aus anderen Disziplinen geteilt werden soll. Ich finde, Open Science bereichert die interdisziplinäre Zusammenarbeit, aber für Forschende kommen viele neue Themen hinzu wie Datenschutz, Urheberrechte, die Wahl von Repositorien* und Datenformaten. Gabriela Lüthi: Wir beraten Forschende und Dozierende rund um das Thema Open Science, etwa bei der Wahl von Publikationsgefässen und bei Finanzierungsanträgen für Open Access. Wenn wir frühzeitig eingebunden werden, sparen die Forschenden viel Zeit und können unsere umfangreiche Expertise rund um Open Science gezielt nutzen. Claudio Cometta: Ich bin am Thema Open Science generell sehr interessiert, denn in meinem Team forschen und publizieren wir viel. Wir beschäftigen uns aber vor allem mit Open Innovation . Der Zusammenhang von Open Innovation mit der Open-Science-Bewegung wird sehr kontrovers diskutiert. Von offener Innovation wird in erster Linie gesprochen, wenn Unternehmen ihre Innovationsprozesse über die Grenzen der eigenen Organisation hinaus gestalten. Hochschulen können hier als Innovationspartner eine wichtige Rolle spielen. Krasselt: Es ist ein Stereotyp, dass Forschende ihre Ergebnisse und Daten geheim halten, aus Angst, dass andere noch etwas Besseres daraus machen könnten. Gerade in der Angewandten Linguistik gab es schon Vorreiterprojekte, bevor es den Begriff Open Research Data überhaupt gab. Zum Beispiel Sprachdatensammlungen – sogenannte Korpora –, die für die Forschungsgemeinschaft erstellt wurden, weil man weiss, dass diese Daten ganz unterschiedliche Fragen beantworten können, etwa zu Grammatik oder zum Sprachgebrauch. Cometta: Forschungsdaten zu teilen, steht in keinem Widerspruch zu erfolgreichem Publizieren – es ist eher sogar eine Voraussetzung dafür. Wir sind seit Jahren in der nichttechnischen Energieforschung aktiv und sind dort oft in Forschungskonsortien mit anderen Hochschulen und Partnern aus der Wirtschaft eingebunden. Häufig ist das Teilen von Daten eine Bedingung dafür, dass man in solchen Konsortien mitmachen kann. Lüthi: Derzeit sind rund 60 Prozent der wissenschaftlichen Publikationen der ZHAW öffentlich zugänglich. Nimmt man nicht unabhängig begutachtete Publikationen dazu, sind es sogar 70 Prozent. Wir können stolz sein auf diese Zahlen, aber man darf nicht vergessen, dass die Open-Access-Bewegung schon 20 Jahre alt ist. Lüthi: Das ist eher unrealistisch, aber wir sind auf gutem Weg. An der ZHAW sind in den Disziplinen Engineering und Life Sciences bereits 85 Prozent der Artikel öffentlich zugänglich, in den Sozialwissenschaften etwa 66 Prozent. Ein höherer Anteil wäre möglich, aber Forschende stehen auch unter Druck, nicht irgendwo zu publizieren, sondern in angesehenen Zeitschriften. «Einige Open-Science-Prinzipien sind aktuell nur bedingt mit rechtlichen Rahmenbedingungen vereinbar.» Julia Krasselt, Professorin für digitale Linguistik Lüthi: Früher zahlten wir für das Lesen mit Abonnements, jetzt haben wir sogenannte Read-&-Publish-Vereinbarungen* mit Verlagen. Wir können die Zeitschriften und Beiträge also lesen und in gewissen Zeitschriften auch publizieren, das Publizieren ist aber kontingentiert. Man glaubte, die Open-Access-Bewegung sei der Ausweg aus den immer teurer werdenden Subskriptionspreisen. Aber mit den R&P-Vereinbarungen stützen wir natürlich die Grossverlage wie Elsevier, Springer oder Wiley weiter und sind abhängig von ihnen. Es gibt aber auch eine Alternative, sogenanntes Diamond Open Access. Dabei kostet weder das Lesen noch das Publizieren, sondern Förderorganisationen finanzieren Plattformen, auf denen publiziert werden kann. Lüthi: Ja. Der Schweizerische Nationalfonds hat dieses Jahr kommuniziert, dass er die R&P-Verträge nicht weiter im gleichen Mass fördern will. Es dauerte auch lange, bis der Deal zwischen swissuniversities und Elsevier zustande kam. Als Hochschule muss man Haltung einnehmen und sich überlegen, ob man alternative Wege einschlägt. Wären wir bereit gewesen, nicht mehr in Elsevier publizieren zu können? Cometta: Ich glaube, die Hürde wäre sehr hoch. Wenn man bei den grossen Playern nicht mehr publizieren kann, hat man als Hochschule ein Problem. Forschende wählen ihr Publikationsgefäss nicht nach Verlag aus, sondern nach der Relevanz des einzelnen Journals. «Forschungsdaten zu teilen, steht in keinem Widerspruch zu erfolgreichem Publizieren – es ist eher sogar eine Voraussetzung dafür.» Claudio Cometta, Leiter Team Innovation Systems an der School of Management and Law Die nationale Open-Research-Data-Strategie verfolgt das Ziel, auch Forschungsdaten frei zugänglich zu machen. Staatliche Forschungsförderer wie der SNF oder Innosuisse verlangen dies bei ihren Projekten. Ist dies für eine Fachhochschule mit Industriepartnerschaften erstrebenswert oder läuft man damit Gefahr, diese zu verlieren? Cometta: In den Wirtschaftswissenschaften gab es diese Interessenskonflikte mit Industriepartnern schon vor Open Science, zum Beispiel bei klassischen Innosuisse-Projekten, die ja Innovation in der Wirtschaft fördern sollen, aber gleichzeitig forschungsbasiert sind. Die Lösung ist: Bei jedem Projekt muss man sich individuell auf den Grad der Offenheit einigen. Lüthi: Es gilt abzuschätzen, welche Daten für die Öffentlichkeit relevant sind. Alle Daten vollständig offenzulegen, wäre nicht im Interesse der ZHAW. Auch hier erspart man sich viel Aufwand, wenn man sich vom Servicecenter Forschungsdatenmanagement beraten lässt und von vornherein systematisch mit einem Datenmanagementplan vorgeht. An der ZHAW sind wir zentral und dezentral organisiert: Neben den Kompetenzzentren für Open Access, Open Educational Resources und dem Team ZHAW Services Forschungsdaten gibt es auch in den Departementen Verantwortliche für Forschungsdaten, die Forschende im Thema Open Data unterstützen. Das ist wichtig, denn es gibt selten eine Lösung, die für alle gilt. Die Fragen sind oft sehr fachspezifisch. Cometta: Absolut. Hürden sind vor allem der Datenschutz oder der Mehraufwand – das ist vielleicht eine Erklärung dafür, wieso Open Science in den Sozialwissenschaften noch weniger verbreitet ist als in den MINT-Disziplinen: Je weniger standardisiert oder je heterogener die Daten, desto grösser der Aufwand, diese zugänglich zu machen. Man muss sie aufbereiten und Kontext mitliefern, das ist enormer Zusatzaufwand. Krasselt: Open Science wird erst seit Kurzem überhaupt bei der Planung von Forschungsprojekten berücksichtigt – hier ist sicher noch Luft nach oben. Bei einer Zusammenarbeit in einem Konsortium ist es wichtig, dass man das Vorhaben von Anfang an richtig aufsetzt und sich über die Governance unterhält. Schön ist, dass man sich dank der aktuellen Förderung von swissuniversities* auf solche Aspekte konzentrieren kann. Vorher war es schwierig, Open Science bei der Budgetierung von Projekten zu berücksichtigen. Lüthi: Die Fördergelder sind wichtig als Initialzündung. Wir müssen uns aber auch überlegen, wie man die Praxis in Zukunft etabliert. Wenn sich die Hochschulen zu Open Science bekennen, müssen sie auch Ressourcen oder Unterstützungsangebote dafür bereitstellen. Lüthi: Ich denke, vielen fehlt noch das Wissen, welche Daten sie wie offenstellen dürfen, und sie befürchten, etwas falsch zu machen. Es können aber auch datenschutzrechtliche, vertragsrechtliche oder kommerzielle Gründe gegen eine Publikation sprechen. Krasselt: Einige Open-Science-Prinzipien sind aktuell nur bedingt mit rechtlichen Rahmenbedingungen vereinbar. Bei unserem Projekt Swiss-AL können wir die Daten beispielsweise nicht einfach auf ein Repositorium stellen, weil es urheberrechtlich geschützte Texte sind. Bei internationalen Projekten gibt es manchmal auch unterschiedliche rechtliche Rahmen. Meist nimmt man dann die strengeren Regeln, was der eigenen Open-Research-Data-Strategie zuwiderlaufen kann. Wichtig ist, dass jetzt nicht parallel nach Lösungen im Kleinen gesucht wird, sondern dass in einem grösseren Gremium Good Practices für den Umgang mit Forschungsdaten erarbeitet werden – in den Sozial- und Geisteswissenschaften ist das bereits der Fall. Lüthi: Bei Open Research Data sind wir noch in der Aufbauphase. Gute Lösungen zu finden, ist nicht ganz ohne: Man muss eine nationale Infrastruktur schaffen, die sowohl der Disziplin, aber auch internationalen Standards gerecht wird, damit die Daten austauschbar sind. Eine einzelne Institution kann das nicht stemmen. Das müssen nationale Konsortien sein mit internationalen Vernetzungen. Die aktuelle Förderung durch swissuniversities trägt dieser Aufgabe Rechnung. «Die Hochschule darf die Forschenden mit den neuen Anforderungen nicht alleine lassen.» Gabriela Lüthi, Leiterin Hochschulbibliothek Cometta: Die Wissenschaft und die Allgemeinheit profitieren sicher. Bei Open Access sind es vor allem Hochschulen aus dem globalen Süden, die sich den Zugang zu Fachzeitschriften vorher nicht leisten konnten. Ausserdem forschungsnahe Institutionen, die wissenschaftliche Erkenntnisse verwenden und multiplizieren. Lüthi: Die Corona-Pandemie ist ein gutes Beispiel: Sämtliche Forschungsergebnisse wurden frei zugänglich publiziert, denn es war von globalem Interesse, das Virus zu bekämpfen. Davon haben alle profitiert: die Wissenschaft, aber auch die Gesellschaft, denn die Impfstoffe wurden enorm schnell entwickelt. Krasselt: Ich finde nicht. Die Daten sowie Forschungsergebnisse müssen ganz anders aufbereitet werden. Ein schönes Beispiel ist das «Wort des Jahres Schweiz», wofür die Sprachdatenbank Swiss-AL genutzt wird. Es ist ein öffentlichkeitswirksames Projekt, bei dem wissenschaftlich fundiert erhoben wird, welche Wörter in den vier Landesprachen der Schweiz gesellschaftliche Entwicklungen eines Jahres widerspiegeln. Lüthi: Ich glaube auch, dass wissenschaftliche Erkenntnisse sich nicht nur über Publikationen und Open Research Data verbreiten. Es braucht niederschwellige Angebote. Die Hochschulbibliothek steht zum Beispiel der Allgemeinheit offen, und wir führen auch öffentliche Veranstaltungen zu wissenschaftlichen Themen durch. Die ZHAW ist ausserdem Mitglied der europäischen Coalition for Advancing Research Assessment CoARA *. Dort geht es unter anderem darum, dass Forschende Open Science mehr mitdenken, also mehr Beiträge zur Wissenschaftskommunikation und Politikberatung leisten, und dass solches Engagement mehr Wertschätzung in der Evaluation ihrer Leistung erfährt. Wissenschaftskommunikation ist aber für viele Forschende eine Herausforderung. Cometta: Wenn ich sehe, wie Social Media als Multiplikator für Forschungsergebnisse genutzt wird, glaube ich, dass die jüngere Generation von Forschenden ein ganz anderes Selbstverständnis und mehr Bewusstsein dafür hat, dass ein Transfer stattfinden muss. Krasselt: Neulich auf einem Workshop sagten einige ältere Forschende, sie hätten Mühe mit den neuen Anforderungen. Es wird heute schon fast vorausgesetzt, dass man Programmierkenntnisse hat und auch auf Social Media aktiv ist. Open Science stellt viele Anforderungen, und ich glaube, die Generationen nehmen diese sehr unterschiedlich wahr. Lüthi: Die Hochschule darf die Forschenden mit diesen neuen Anforderungen nicht alleine lassen. Es müsste Zeitgutschriften dafür geben, dass man sich damit auseinandersetzt, oder zumindest Weiterbildungsmöglichkeiten. Interview: Sara Blaser

«Die totale Forschungsfreiheit ist eine Illusion»

Karin Nordström: Menschen sind grundsätzlich neugierig und wissbegierig. Das sind Eigenschaften, die sehr viel Gutes hervorgebracht haben für die Gesellschaft. Da will der Gesetzgeber möglichst wenig eingreifen, um der Kreativität möglichst freien Lauf zu lassen. Christoph Heitz: Dieser Artikel bezieht sich auch darauf, dass sich Forschende nicht instrumentalisieren lassen sollen zum Beispiel von wirtschaftlicher oder politischer Macht – zumindest nicht undeklariert. Nordström: Die totale Forschungsfreiheit ist eine Illusion. Was Forschende interessiert, welche Fragen gestellt werden, ist Teil ihrer Sozialisierung in gewissen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder politischen Kontexten oder richtet sich nach Forschungstraditionen. Im besten Fall machen Forschende die Fragen anderer zu ihren Fragen – das muss nicht im Widerspruch zur Freiheit stehen. Im schlimmsten Fall stellen und beantworten sie nur ihre eigenen Fragen – das ist dann Forschung im Elfenbeinturm. «Was Forschende interessiert, welche Fragen gestellt werden, ist Teil ihrer Sozialisierung in gewissen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder politischen Kontexten oder richtet sich nach Forschungstraditionen.» Karin Nordström, Präsidentin des ZHAW-Ethikausschusses Heitz: Als anwendungsorientierte Hochschule forschen wir in der Regel in Kooperation mit Partnerfirmen oder Institutionen. Deshalb ist es wichtig, vor Beginn der Zusammenarbeit die Ziele auszuhandeln. Die Projekte müssen so ausgestaltet sein, dass sie mit den Wertvorstellungen der Wissensarbeitenden vereinbar sind – durchaus unter Anerkennung der Rahmenbedingungen. Heitz: Nicht per se. Wir sind keine Erfüllungsgehilfen. Da wir aber nicht nur Wissen generieren, sondern mitwirken, es direkt in die Praxis umzusetzen, ändern wir ganz konkret den Lauf der Dinge. Wir haben als Fachhochschulen faktisch den Auftrag, die Welt zum Besseren zu verändern. Das ist ein vornehmer Auftrag. Wir müssen uns aber die Frage stellen, wodurch dieser Auftrag konterkariert werden könnte. «Da wir nicht nur Wissen generieren, sondern mitwirken, es direkt in die Praxis umzusetzen, ändern wir ganz konkret den Lauf der Dinge. Wir haben faktisch den Auftrag, die Welt zum Besseren zu verändern.» Christoph Heitz, Data Scientist Heitz: Zum Beispiel durch Machtstrukturen oder ungewisse Finanzierungsmöglichkeiten. Es ist also ein grosser Anspruch, unsere Unabhängigkeit als Forschungsinstitution zu wahren – die für unsere Akzeptanz zentral ist. Mindestens ebenso wichtig wie Unabhängigkeit ist ein anderer Aspekt: Wir haben die Verantwortung für das, was wir tun. Die Entschuldigung der Grundlagenforschung, dass sie ja nur Wissen generiert, während die Anwenderinnen und Anwender letztlich dafür verantwortlich seien, was damit geschieht – diese gilt für uns nicht in der gleichen Weise. Bei allen unseren Projekten müssen wir die Frage mitdenken: Was passiert mit unserer Welt, wenn unsere Forschungsergebnisse in die «freie Wildbahn» entlassen werden. Nordström: Die Einstellung, alles wissen zu wollen, ist per se gut und wichtig. Der Zweck darf aber nicht die Mittel heiligen. Die Methoden zur Durchführung von Forschung müssen ethisch vertretbar sein: Das heisst, der zu erwartende Nutzen eines Forschungsvorhabens muss in einem angemessenen Verhältnis zu potenziellen Risiken stehen. Nicht alles, was möglich ist, ist unbedingt erstrebenswert. Wir sollten uns stets fragen: Wozu brauchen wir das Wissen, wozu verwenden wir es, wohin wollen wir? Welche Art von Erkenntnissen bringt uns weiter oder trägt zu einer nachhaltigen, fairen Lebenswelt bei? Solche Fragen müssen im Gesundheitsbereich, in dem ich arbeite, vor allem in der Genforschung gestellt werden. «Wir müssen uns fragen: Welche Art von Erkenntnissen bringt uns weiter oder trägt zu einer nachhaltigen, fairen Lebenswelt bei?» Karin Nordström, Präsidentin des ZHAW-Ethikausschusses Heitz: Uns als Hochschule stünde es gut an, an die Dinge zu denken, die über den Business Case unserer Firmenpartner hinausgehen. Das ist für mich zentral. Denn die Interessen der Partnerunternehmen sind zunächst einmal anders gelagert: Wer auf wirtschaftlichen Erfolg und Geldverdienen abzielt, denkt nicht in erster Linie an z.B. soziale Auswirkungen. Besonders im Gebiet der KI, in dem ich arbeite, ist das aber eines der zentralen Probleme. Heitz: Meine Erfahrung ist: Wenn wir die Risiken und unsere Überlegungen auf den Tisch bringen, dann werden wir ernst genommen. Unsere konstruktive Aufgabe besteht darin, Lösungen zu entwickeln, die unsere Partnerunternehmungen weiterbringen, gleichzeitig aber auch verträglich sind mit den Werten unserer Gesellschaft. Nicht immer einfach, aber einfach immer lohnend. Damit schaffen wir soziale Nachhaltigkeit, die auch im Interesse unserer Partner ist. Nordström: Es gibt einen Graubereich bei der Forschung am oder mit Menschen. Nicht alle Projekte fallen unter das Humanforschungsgesetz und müssen folglich auch nicht von einer Kantonalen Ethikkommission geprüft werden. Dennoch werfen sie ethische Fragen auf. Hochschulen haben deshalb interne Kommissionen oder Ausschüsse dafür eingerichtet. Kommt hinzu, dass einige wissenschaftliche Zeitschriften zur Bedingung gemacht haben, dass die Methoden und Resultate aus ethischer Sicht geprüft wurden, bevor sie diese veröffentlichen. Auch beim Schweizerischen Nationalfonds ist Voraussetzung dafür, dass Fördermittel gesprochen werden, dass diese Vorhaben ethischen Kriterien standhalten können. Nordström: Es muss eine Balance zwischen Nutzen und Risiken geben. Der Fokus liegt auf dem Schutz der Studienteilnehmenden: Wurden sie ausreichend und verständlich darüber informiert, worum es geht? Konnten sie auf dieser Basis eine informierte Zustimmung geben? Wurde dieses Einverständnis eingeholt und dokumentiert? Auch Fragen zur Datensicherheit müssen gestellt werden. «Wir müssen stets die Frage mitdenken: Was passiert mit unserer Welt, wenn unsere Forschungsergebnisse in die ‘freie Wildbahn’ entlassen werden?» Christoph Heitz, Data Scientist Heitz: Datenschutz war das grosse Thema im Kontext der Digitalisierung in den Jahren 2000 bis 2015. Mit Künstlicher Intelligenz befindet sich unsere Gesellschaft in einer neuen Phase. In grossem Stil wir jetzt darüber diskutiert, wie man mit KI die Welt verändert und welche ethischen Fragen dabei geklärt werden müssen. Nordström: Bisher nicht. Das ist Neuland und brächte eine ganz andere Dimension in die Arbeit mit ein. Heitz: Im Grunde hat aber ein grosser Teil unserer Forschung hinsichtlich Digitalisierung ganz direkte Auswirkungen auf Menschen, schon allein, wenn man bedenkt, welche Auswirkungen Apps auf unseren Alltag haben. Wir leben in einer Welt, die durchdrungen ist von ganz vielen Systemen im Hintergrund. Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass sie uns manipulieren, aber doch irgendwie steuern. Die EU ist gerade dabei, mit dem AI Act einen weltweit einzigartigen Rechtsrahmen für Künstliche Intelligenz zu setzen. Heitz: Dieses Gesetz basiert auf einem Risikoansatz. KI-Systeme werden nach dem Risiko, das sie für die Menschen darstellen, analysiert und klassifiziert: Wie gross ist das Risiko, dass jemand zu Schaden kommt? Oder werden Bevölkerungsgruppen systematisch diskriminiert und ins wirtschaftliche Abseits gestellt, weil ein Algorithmus so funktioniert, dass Menschen dieser Gruppen systematisch schlechter gestellt werden, wenn es um Stellen, Kredite oder Versicherungen geht? Das passiert häufig und basiert in der Regel nicht auf einem Programmierfehler, sondern auf der Logik der Aufgabenstellung, die solche gesellschaftlichen Auswirkungen nicht mitberücksichtigt. Ist die Auswirkung von KI-Systemen auf das Leben von Menschen gross, setzt die Regulierung ein. Dies gilt etwa für Systeme im Gesundheitswesen, aber auch bei wichtigen Dienstleistungen wie Banken oder Versicherungen. Heitz: Ein Weckruf waren 2017 die US-Wahlen, als die Einflussnahme durch die Datenanalysefirma Cambridge Analytica aufgedeckt wurde und Donald Trump an die Macht kam. Ab diesem Zeitpunkt wurde deutlich, dass es nicht mehr nur auf den Datenschutz ankommt. Da wurden völlig neue Dimensionen der Digitalisierung deutlich. In dieser Zeit entstand auch aus einer Initiative der ZHAW das Netzwerk Data Innovation Alliance , dem heute 25 Forschungsinstitutionen und 50 Firmen angehören und dessen Präsident ich bin. Das Netzwerk treibt Innovation mittels Nutzung von Daten voran. Wir standen vor der Frage: Was tun wir da eigentlich und mit welchen Auswirkungen auf die Welt? Wir haben deshalb schon 2017 eine Ethikexpertengruppe aufgesetzt und einen Ethikkodex speziell für den Umgang mit Daten entwickelt. Wir sind überzeugt, dass wir sicherstellen müssen, dass die Nutzung von Daten und KI unsere gesellschaftlichen Werte wie Freiheit, Autonomie oder soziale Gerechtigkeit nicht beschädigt. Langfristig ist diese Art von sozialer Nachhaltigkeit für die ganze Branche von zentraler Wichtigkeit, also im direkten Interesse der Firmen. Heitz: Bisher war unser Verständnis in den Ingenieurwissenschaften und der Informatik derart, dass wir in erster Linie technische Fragen lösten. Das reicht heute nicht mehr. Ich glaube, speziell im Rahmen der Digitalisierung haben wir als anwendungsorientierte Hochschule eine wirklich grosse Aufgabe und Verantwortung, unsere Projekte inhaltlich so auszurichten, dass sie kompatibel sind mit den Werten unserer Gesellschaft. Wenn man eine Applikation entwickelt, dann muss man sich entscheiden, welche Wertvorstellungen mit den technologischen Lösungen verbunden sein sollen. Um Fachleute darin auszubilden, bieten wir seit dem Frühlingssemester 2023 ein Modul für Informatik- und Data-Science-Studierende zum Thema Algorithmic Fairness an und ab Frühjahr 2024 auch in der Weiterbildung. Die ZHAW ist damit eine der ersten Hochschulen in der Schweiz, die so etwas im Grundstudium implementiert. Heitz: Es ist Teil des Unterrichts, zu zeigen, dass es unterschiedliche Definitionen von Fairness gibt und dass man nicht in jeder Beziehung fair sein kann. Es muss vielmehr eine normative Festsetzung geben. Diese können aber nicht die Ingenieurinnen und Ingenieure selber vornehmen, sondern da müssen sie das Management ins Boot holen. Die Ingenieure müssen aber die ethischen Fragestellungen und Optionen aufzeigen. Denn nur sie haben ein Gefühl dafür, welche technischen Optionen es gibt und welche ethischen Auswirkungen diese haben. Welche Konsequenzen und Risiken das Unternehmen tragen will, muss letztlich das Management entscheiden. Nordström: Dann ist es Teil der Ausbildung, zu zeigen, dass Technologie nicht neutral ist, sondern dass da Werte mitspielen? Heitz: Ja, hier werden die Studierenden sensibilisiert, dass zum Beispiel durch das Design oder die konkrete technische Ausgestaltung von Vorhersage-Algorithmen Tools produziert werden können, die unzulässig diskriminieren. Sie lernen nicht nur, wie man das erkennt und welche Ideen von sozialer Gerechtigkeit mit solchen Modellen verknüpft werden können, sondern auch, wie man Diskriminierung vermeiden und Fairness konkret in einen Algorithmus implementieren kann. Das ist ein Beispiel für die Art von Verantwortung, die wir als anwendungsorientierte Hochschule übernehmen sollten. Heitz: Nicht nur. Wir sollten zunächst selbst die Kompetenz für diese umsichtige Weitsicht entwickeln, zweitens die Studierenden hierin ausbilden und nachher draussen bei der Umsetzung die richtigen Fragen stellen, aber auch in der Lage sein, Lösungen für diese Fragen zu entwickeln mit möglichst wenig unliebsamen Auswirkungen. Heitz: Nehmen wir an, wir brauchen ein Tool zur Unterstützung der Entscheidung für die Verteilung finanzieller Mittel im Gesundheitswesen. Eine typische normative Frage wäre dann: Sollen die medizinischen Ressourcen über alle gleichmässig verteilt werden? Oder will man die Mittel bedarfsgerecht verteilen, etwa um zu erreichen, dass Frauen die gleichen Heilungschancen haben wie Männer? Je nach Wahl sähe die technische Implementierung ganz unterschiedlich aus. Nordström: Das ist auch die grosse Frage bei Public Health: Wie müssten chancengerechte Gesundheitsversorgung, Gesundheitsförderung und Prävention aussehen? Wo sind Ungleichheiten notwendig, um eine Gleichheit zu erreichen? Habt Ihr Data Scientists auch Lösungen für solche Fragen? Heitz: In der Forschung sind hier in den letzten Jahren viele Ansätze entwickelt worden – diese gilt es jetzt in die Praxis zu bringen. Die Gefahr ist gross – und das sehen wir bei KI-Applikationen immer wieder –, dass Leute Lösungen bauen, und fünf Jahre später staunen sie: Oh, da ist jetzt was ganz Schlimmes passiert, was man nie beabsichtigt hat. Aber niemand hat daran gedacht, zu Beginn nach den Folgen zu fragen, die normative Setzung zu machen und die Technologie so anzupassen, damit bestimmte Anforderungen erfüllt werden. Nordström: Das gilt für Forschung generell. Heitz: So ein vorausschauendes und ethisches Denken muss deshalb trainiert werden Heitz: Forschungsmoratorien halte ich nicht für angebracht. Dann passiert vielleicht nichts Schlimmes mehr, aber auch nichts Gutes. Ich finde, es braucht keine Verbote, sondern eine Verpflichtung, technische Lösungen so zu gestalten, dass negative Auswirkungen minimiert werden. Das heisst, als Forschende müssen wir auch Lösungen für einen verantwortlichen Einsatz entwickeln. Wir können unsere Forschungspartner befähigen, sensibel zu werden für die Fragen nach den Risiken, und sie gleichzeitig darin unterstützen, die gesellschaftlichen Nebenwirkungen unter Kontrolle zu behalten. Dies ist herausfordernd, aber vor herausfordernden Fragestellungen sollten wir als Hochschule keine Angst haben. Interview Patricia Faller

Mental Load: Ständig Stress im Kopf

Filomena Sabatella : Das überrascht mich nicht. Bekannt wurde der Begriff Mental Load durch den Emma-Comic , in dem es um eine Frau geht, die den ganzen familiären Mental Load trägt. Ursprünglich kommt das Thema aber aus der Arbeitswelt. Sabatella: Es gibt keine konkreten Zahlen dazu. Aber wir wissen, dass in Paarbeziehungen jeweils eine Person den Load übernimmt – und in der Regel ist das tatsächlich die Frau. Isabel Willemse : Viele realisieren nicht, dass sie in diesen Stereotypen gefangen sind. Und weil die Rollen gesellschaftlich geprägt sind, braucht es einen zusätzlichen Effort, diese zu durchbrechen. «Wie anstrengend all die Denkaufgaben sind, wird selten thematisiert.» Filomena Sabatella, Fachgruppe Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie Sabatella: Zuerst muss man sich des Problems bewusst werden. Dann geht es ums Visualisieren: Welche Aufgaben stehen Tag für Tag an, und wie wollen wir die neu aufteilen? Der Knackpunkt ist Schritt drei: die Aufgaben auch mental aufzuteilen und das Verhalten zu ändern. Da können einem diverse Hindernisse im Weg stehen. Sabatella: Die eigene Einstellung etwa: Wenn ich glaube, dass sowieso keiner die Aufgabe so gut erledigt wie ich selbst. Oder dass man es aushalten muss, falls das Gegenüber die Angelegenheit erst einige Tage später erledigt. Dann ist es wichtig, nicht gleich zu sagen: «Dann mach ich’s eben schnell selbst.» Mein Tipp: Gib zuerst die Aufgaben ab, die dir weniger wichtig sind. Willemse: Auf jeden Fall. Was im Kopf herumschwirrt, nimmt viel mehr Raum ein, weil es so diffus ist. Sortiert und visualisiert man diese Dinge, hat man einen besseren Überblick und kann anfangen, Prioritäten zu setzen. «Man hat ja meist das Gefühl, alle anderen meistern die täglichen Herausforderungen mega easy, nur ich nicht.» Isabel Willemse, Fachgruppe Medienpsychologie Sabatella: Man erkennt so schneller, in welchen Momenten der Alltag stressig ist und wo man mehr Entspannung hineinbringen sollte. Sabatella: Viele Mütter stehen zum Beispiel eine halbe Stunde vor den Kindern auf, um etwas Ruhe zu haben, bevor der morgendliche Rummel beginnt. Kommt man nicht gut aus dem Bett, kann man auch am Vormittag eine fixe Pause einplanen. Willemse: Oder man wird pragmatischer: Ein gekauftes Sandwich für den Schulausflug kann zum Beispiel genauso gut sein wie ein selbstgemachtes. Sabatella: Wenn man sich am Abend hinlegt und die Gedanken zu kreisen beginnen, man ständig angespannt oder überlastet ist, dann ist die mentale Belastung zu gross. Das kann zu gesundheitlichen Problemen wie Schlafstörungen, Angstzuständen oder einer Erschöpfungsdepression führen. Willemse: Wenn man zwischendurch einmal nicht abschalten kann, ist das nicht sofort besorgniserregend, so geht es uns allen einmal. Aber wenn man sich dauerhaft aus dem sozialen Umfeld zurückzieht, weil einem die Energie fehlt, oder man ständig aggressiv ist, dann sind das Warnsignale. interview Jeanette Kuster

«Menschen, die eine Chance bekommen, sind sehr loyale Mitarbeitende»

In der Schweiz wechseln rund 15 Prozent der Angestellten pro Jahr ihre Stelle. Unbefriedigende Arbeitsbedingungen und der Wunsch nach Veränderung sind die häufigsten Gründe. Was sind die grössten Hindernisse, wenn sich jemand beruflich neu orientieren möchte? Albrecht Konrad: Das ist je nach Branche unterschiedlich, aber in einigen sind die Anforderungen natürlich sehr hoch. Die Schweiz ist ein beliebtes Land, in dem viele qualifizierte Menschen aus aller Welt arbeiten wollen – die Konkurrenz ist sehr gross. Ladina Schmidt: Viele Leute trauen es sich auch nicht zu, beruflich noch einmal einen neuen Weg einzuschlagen. Dazu kommt, dass wir in der Schweiz eher weniger bereit sind, den Wohnort zu wechseln oder auch Lohneinbussen in Kauf zu nehmen. Schmidt: Unternehmen könnten noch bessere Bedingungen dafür bieten, dass sich Arbeitnehmende intern verändern können, etwa die Abteilung wechseln, zwischen Führungs- und Nichtführungspositionen wechseln oder das Pensum je nach Lebenssituation anpassen. Für junge Leute wäre es wertvoll, wenn sie Einblicke in verschiedene Bereiche sammeln könnten, bevor sie sich festlegen. Konrad: Unzufriedenheit entsteht oft durch unpassende Rahmenbedingungen. Ich erlebe es häufig, dass sich jemand beruflich verändern möchte, bei genauerer Analyse zeigt sich dann aber, dass die Person ihren Beruf eigentlich liebt, nur die Rahmenbedingungen der aktuellen Stelle nicht aushält. In solchen Situationen suche ich nach Lösungen in derselben Branche. Eine Pflegefachfrau kann beispielsweise auch in einem Altersheim arbeiten, wenn es ihr auf der Intensivpflegestation zu stressig ist. Schmidt: Manchmal wird in der Beratung auch klar, dass die Unzufriedenheit nicht an der Arbeit per se liegt, sondern daran, dass auch in anderen Lebensbereichen viele herausfordernde Themen vorhanden sind und dass der Ausgleich fehlt. Konrad: Im mittleren Alter lassen die Kräfte nach und man hat einfach nicht mehr die gleiche Energie wie früher. Viele geben dann dem Job allein die Schuld. «Über psychische Gesundheit zu sprechen, ist zentral.» Ladina Schmidt, Dozentin und Beraterin am IAP Institut für Angewandte Psychologie Konrad: Ja und nein. Ja, weil es kein Tabu mehr ist; nein, weil die Bewerbungsverfahren immer anspruchsvoller werden. Die Schweiz ist ein Land der Zertifikate – ohne einen passenden Abschluss ist es schwierig, im Bewerbungsverfahren zu bestehen. Dazu kommen digitalisierte Bewerbungsverfahren, in denen Algorithmen Bewerbungen aussortieren, die nicht die richtigen Keywords beinhalten. Zudem verändern sich viele Berufe innerhalb weniger Jahre sehr. Wer nicht dranbleibt, verpasst mitunter den Anschluss. Schmidt: Früher hat man kaum den Beruf gewechselt, dafür wurde der Mut vielleicht eher belohnt, wenn man quereinsteigen wollte. Heute muss man sehr hartnäckig sein und auch mal unkonventionelle Zugänge wählen. Schmidt: Ich hatte einen Klienten, der unbedingt mehrsprachig tätig sein wollte, aber von grossen Unternehmen immer nur Absagen bekam. Als Kompromiss ging er dann zu einem Startup – dort war Motivation die wichtigste Anforderung. Der Lohn war tiefer, aber dafür gelang ihm der Einstieg in ein Umfeld, das ihm wirklich zusagte. Und mit dieser Erfahrung wird er bei der nächsten Jobsuche viel bessere Chancen haben, vielleicht auch bei einem grossen internationalen Unternehmen. Konrad: Nein, aber es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass Leute, die bei der IV sind, arbeitslos sind und ihren Beruf wechseln müssen. Es wird unterschieden zwischen Arbeitsplatzerhalt und Arbeitsplatzakquise. Im Idealfall wird möglichst früh mit allen Beteiligten nach einer Lösung im Unternehmen gesucht und nicht erst, wenn die Person ganz ausfällt. Arbeitgebende sind angehalten, bei der IV eine Früherfassung zu machen, wenn eine Angestellte oder ein Angestellter in einem Jahr mehr als sechs Wochen krank ist. Mit dieser Präventivmassnahme lassen sich grössere Krisen verhindern. Mit einer Frühintervention lassen sich einige Situationen entschärfen, etwa wenn eine Person auf ein Burnout hinsteuert, weil sie sich neben der Arbeit längerfristig um ihre kranke Mutter kümmert. Da könnte man zum Beispiel mit der Spitex eine Lösung finden. Ich komme erst ins Spiel, wenn es sich abzeichnet, dass sich etwas ändern muss und die Gesamtsituation einer komplexeren Lösung bedarf. Mittlerweile kommen Arbeitgeber auf mich zu, um unabhängig von der IV noch schneller eine Lösung zu finden – Stichwort Fachkräftemangel. Konrad: Als Ergotherapeut verfolge ich eine ganzheitliche Sichtweise, bei der Gesundheit, Arbeit, soziales Umfeld und individuelle Gegebenheiten erfasst und berücksichtigt werden. Meine Coachees haben zum Grossteil einen Arbeitsplatz und wollen den behalten. Dann schaue ich, welche Rahmenbedingungen notwendig sind, damit die Person im Unternehmen bleiben kann. Lässt sie sich zum Beispiel auch in einem anderen Bereich einsetzen? Gemeinsam mit dem Unternehmen und der Person erarbeite ich dann Lösungsstrategien. Schmidt: In der Laufbahnberatung werden in einem Erstgespräch die Ausgangslage und die Erwartungen geklärt. Anschliessend stelle ich das mögliche Vorgehen vor und erkläre der Person, dass ich gerne den Rahmen anbiete, innerhalb dessen die Person für sich herausfinden kann, wer sie ist, was sie kann, welche Interessen sie leiten und wie sie ihren Zukunftsvisionen Schritt für Schritt näherkommen kann. Konrad: Das ist sehr wichtig klarzustellen – ich hatte auch schon Klientinnen oder Klienten, die glaubten, ich würde ihnen verschiedene passgenaue Lösungen präsentieren und sie müssten nur noch eine davon auswählen. Job-Coaching bedeutet jedoch, gemeinsam und auf Augenhöhe passende Lösungen zu erarbeiten. Schmidt: Als Erstes ist es wichtig, dass die Betroffenen wieder Boden unter den Füssen finden und Vertrauen in sich und die Zukunft aufbauen. In Krisen verliert man schnell den Zugang zu den eigenen Stärken und Ressourcen. Um wieder Selbstvertrauen zu gewinnen, hilft es, einer regelmässigen Aufgabe nachzugehen, eine Tagesstruktur zu haben, sich zu bewegen – ein Klient von mir hat zum Beispiel in einem Velo-Shop gearbeitet und kam so wieder zu Kräften. «Diagnosen haben in einem Vorstellungsgespräch nichts zu suchen, ausser sie sind für die Tätigkeit relevant.» Albrecht Konrad, Berater und Jobcoach am Institut für Ergotherapie Schmidt: Einerseits soll sie genug Zeit haben, um wieder gesund zu werden, andererseits wird es immer schwieriger, zurückzukommen, je länger man vom Arbeitsplatz weg ist. Die Entscheidung ist oft eine Gratwanderung und grundsätzlich Sache des behandelnden Arztes oder der Ärztin. Wenn die Person noch angestellt ist, ist es meist einfacher, Schritt für Schritt wieder einzusteigen. Ist sie dies nicht mehr, gibt es Angebote wie von der IV unterstützte Arbeitsversuche, bei denen man zu Beginn in einem Teilzeitpensum arbeitet und langsam aufbaut. Konrad: Es ist in der Tat eine Frage der Abwägung. Zudem erschweren Sachzwänge, wie die Miete oder die Familie im Hintergrund, eine Entscheidungsfindung. Ich starte nur, wenn die Person sich dazu überwiegend bereit erklärt. Ein Wiedereinstieg gegen den Willen einer Person macht keinen Sinn, da müsste man als Erstes die Widerstände hinterfragen und sie sukzessive abbauen. Konrad: Nein, in der Form wäre das kaum möglich, denn ich coache ganz unterschiedliche Personen, von der Sekretärin über den Diätkoch bis zur Physikerin. Viele Leute glauben auch, dass ich geschützte Arbeitsplätze vermittle. Das stimmt aber nicht, ich begleite und unterstütze meine Coachees auf der Suche nach Arbeitsplätzen im ersten Arbeitsmarkt. Konrad: Der Fachkräftemangel regelt diesbezüglich gerade einiges – immerhin ein positiver Aspekt. Schmidt: Druck rausnehmen. Nicht nur bei der Wiedereingliederung, allgemein ist der Leistungsdruck in unserer Gesellschaft sehr hoch. Es müsste in der Arbeitswelt anerkannt sein, dass es unterschiedliche Phasen gibt im Leben und dass man auch mal etwas kürzertreten darf, ohne die Chance zu verlieren, danach wieder mehr zu arbeiten oder zu führen. Insofern ist es zentral, dass unsere Gesellschaft offen über das Thema psychische Gesundheit spricht. Konrad: Genau, und dass das Engagement für Integration und Inklusion belohnt wird. Im Kanton Zürich gibt es zum Beispiel den «This-Priis», einen Arbeitgeber-Award der Sozialversicherungsanstalt, der gelungene Integration von Menschen mit Behinderungen auszeichnet. Auserdem sollten die Anforderungsprofile für Arbeitnehmende realistischer sein. Wenn man Job-Anzeigen liest, wird ja oft die eierlegende Wollmilchsau gesucht. Der Bewerbungsprozess ist von beiden Seiten ein kleiner Heuchelprozess – man stellt sich im besten Licht dar. Mehr Offenheit würde helfen, zu erkennen, wie sich Unternehmen und Bewerbende ergänzen – auch bei den Defiziten oder speziellen Anforderungen. Konrad: Es gibt Studien dazu, die besagen, dass Menschen, die eine Chance bekommen, sich beruflich wieder zu etablieren, sehr loyale Mitarbeitende sind. Und das deckt sich mit meiner Wahrnehmung. Gleichzeitig stärkt es die Identifizierung von anderen Mitarbeitenden mit dem Unternehmen, wenn sie wissen, dass dieses seine soziale Verantwortung wahrnimmt. Schmidt: Genau, denn es spricht für ein Unternehmen, wenn es seine soziale Verantwortung wahrnimmt. Es kann auch eine Kultur von Offenheit und Vertrauen fördern und das Image als sozialer und moderner Arbeitgeber stärken. Zudem entwickeln Menschen in Krisen eine gewisse Resilienz sowie Empathie, Reflexionsfähigkeit und Stressbewältigungsstrategien. Konrad: Es muss aber eine Win-win Situation sein, es bringt nichts, wenn das Unternehmen eine Person aus reinem Goodwill einstellt und diese dann immer das Gefühl haben muss, dass sie zu Dank verpflichtet ist. Schmidt: Lügen bringt wenig, doch man muss ja nicht gleich alles auf den Tisch legen. Wichtig ist, sich nur auf Stellen zu bewerben, die man sich selbst zutraut, sonst ist es für beide Seiten nicht gewinnbringend. Konrad: Meines Erachtens haben Diagnosen in einem Vorstellungsgespräch nichts zu suchen, ausser sie sind für die Tätigkeit relevant. Aber die Auswirkungen, die die Erkrankung auf einen hat, sollten thematisiert werden. Wenn man kompetent über seine Schwächen sprechen kann, hebt man sich von einem Grossteil der Mitbewerbenden ab. Wenn jemand zum Beispiel sagt: «Ich bin sehr begeisterungsfähig und loyal und habe früher zu wenig Nein gesagt, wenn Aufgaben verteilt wurden. Durch die Arbeit mit einer Psychologin sind mir meine Grenzen heute bewusst und ich weiss meine Kräfte besser einzuteilen», dann macht das auf Arbeitgebende einen guten Eindruck. Ich habe zum Beispiel mal einen jungen Mann im Bewerbungsprozess begleitet, der an einer Psychose litt. Er wollte das unbedingt verheimlichen. Dadurch war er aber sehr angespannt in den Gesprächen. Wir haben darauf geübt, wie er die Auswirkungen kommunizieren kann. Als er beim nächsten Gespräch sagte: «Es ist mir wichtig, dass ich genau weiss, was von mir erwartet wird, und dass ich immer die gleiche Ansprechperson habe, und Teamausflüge sind nicht so meine Welt», stellte sich heraus, dass das bei der Stelle kein Problem war – und er bekam den Job. Interview: Sara Blaser

«Von oben herab forscht man nicht mehr»

Christoph Steinebach: Die grösste Veränderung liegt in den Möglichkeiten durch neu aufgekommene Tools. Beispielsweise kann modernste neurowissenschaftliche Forschung mit psychologischen Fragestellungen verbunden werden. Dank der Digitalisierung werden zunehmend Daten fortlaufend und direkt erhoben, etwa mit einer App, die auf dem Smartphone dreimal pro Tag einen kurzen Fragebogen aufpoppen lässt. Auch forschen wir zunehmend in und mit virtuellen Räumen. So verfügen wir an der ZHAW über einen Fahrradsimulator. Dank «Big Data» verarbeiten wir grössere Mengen an Daten und nutzen die Welt von Google als Plattform. Dabei stellt sich die Frage, wie man alles zusammenbringt. Was dazu geführt hat, dass wir über mehr Metaanalysen verfügen, die im Prinzip über Forschungsprojekte und -ergebnisse forschen. In diesen Metaanalysen geht es beispielsweise darum, diese Ergebnisse statistisch zusammenzufassen, womit sich der Forschungsstand eines Themas bewerten lässt. Grundsätzlich ja. Viele finden unsere Forschungsergebnisse spannend, sie lesen sie, sagen aber auch manchmal: «Kaum zu glauben.» Forschung überrascht zuweilen mit unerwarteten Ergebnissen, was Widerstand auslösen kann. Dass sich viele Resultate psychologischer Studien nicht replizieren lassen, hat dem Fachgebiet einen gewissen Vertrauens­verlust beschert. Aber es gibt auch gute Gründe dafür. Menschen und Einstellungen verändern sich über Generationen hinweg. Vieles von dem, was in den 1950er Jahren erforscht wurde, gilt heute nicht mehr. Oder es bestehen Unterschiede zwischen befragten Gruppen. Aber es braucht Spielregeln, damit es nicht zu Verzerrungen oder zur Beeinflussung von Ergebnissen kommt. «Bei sensiblen Forschungsthemen versuche ich Menschen aus der Zielgruppe in das Projekt einzubeziehen. Das ist auch eine ethische Haltung.» Christoph Steinebach, Direktor des Departements Angewandte Psychologie Klassischerweise ist Forschung objektiv, also nicht ungewollt durch Involvierte beeinflusst; reliabel, was bei wiederholter Durchführung zu zuverlässigen Ergebnissen führt; und valide, was gegeben ist, wenn gemessen wird, was gemessen werden soll. Neu muss auch deutlich sein, wer für den Forschungsprozess verantwortlich ist, wie und welche Daten erhoben wurden und wo sie verfügbar sind, sodass auch Dritte darauf zurückgreifen und nachrechnen oder mit den Daten weiterarbeiten können. Auch muss ausgewiesen werden, welche Entscheidungen in welchen Phasen getroffen wurden. Es herrscht mehr Transparenz, was sicher den Aufwand erhöht. Auch die sicher berechtigte Sorge um den Datenschutz macht es nicht einfacher. Manche Teilnehmenden sind skeptisch und beantworten gewisse Fragen nicht, was das Ergebnis verzerren kann. Transparenz und Konsens – die Beteiligten müssen wissen, was warum gemacht wird. Den zu Befragenden biete ich an, sie über die Ergebnisse zu informieren. Bei sensiblen Forschungsthemen versuche ich, Menschen aus der Zielgruppe in das Projekt einzubeziehen. Wir klären gemeinsam, was gute Fragen sind und mit welchen Ansätzen man dem Thema gerecht wird. Das ist auch eine ethische Haltung. Aus der Distanz und von oben herab forscht man nicht mehr. Auftragsforschung hat den Vorteil, dass sich damit Zielgruppen erschliessen lassen, mit denen man gar nicht in Kontakt kommen würde. Man arbeitet mit Leuten zusammen, die an der Umsetzung interessiert sind. Mit den Daten sind zudem Analysen möglich, die über die Fragestellung des Auftraggebers hinausgehen. Idealerweise kann man eigene Interessen einbringen und die Auftraggebenden davon überzeugen, dass sie zusätzliche Fragestellungen zulassen. Wenn das nicht gelingt, muss man Abstriche machen. «Ich hoffe nicht, dass es in der Schweiz Forschende gibt, die bestimmte Themen nicht anpacken, weil sie die Reaktionen fürchten.» Christoph Steinebach, Professor für Angewandte Entwicklungspsychologie Dank Fördermitteln gibt es viele Möglichkeiten, national und international an spannenden Projekten zu arbeiten. Ich sehe aber ein fachhochschulspezifisches Problem: Viele, die an der ZHAW als Dozierende oder wissenschaftliche Mitarbeitende tätig sind, sind stark in der Lehre engagiert, es bleibt wenig Zeit für Forschung. Oft kann man das nur nebenher machen. Hier existiert Luft nach oben. In der Forschungsförderung hat man Linien, die auf Themenfelder oder gesellschaftliche Fragestellungen zugeschnitten sind – etwa die Förderung von Mental Health. Hier passen viele Themen. Es gibt aber auch solche, bei denen es schwierig ist, Förderung zu erhalten. Wichtige und spannende Fragestellungen liegen im Schatten der Aufmerksamkeit. So etwa fliessen relativ wenig Mittel in die Verkehrs- oder die Sportpsychologie. Ich hoffe nicht, dass es in der Schweiz Forschende gibt, die bestimmte Themen nicht anpacken, weil sie die Reaktionen fürchten. Bei uns sind Forschende diesbezüglich gut geschützt. In anderen Gesellschaften muss man mit gewissen Forschungsgegenständen vorsichtig sein, etwa bei Diversity, Gender oder LGBTQ. Eine Grenze ist die Zeit. Als Direktor eines Departements mit vielfältigen Anliegen und Aufgaben ist es schwer, kontinuierlich in einem Forschungsthema unterwegs zu sein. Gerne hätte ich zur Resilienzförderung über die Lebensspanne hinweg mehr geforscht. Für dieses relevante und attraktive Thema bietet die ZHAW ein gutes Umfeld. Eine wichtige Frage wäre etwa, wie wir Resilienz umfassend im Alltag einer Hochschule fördern können. Interview Kathrin Reimann

Die Digitalisierung kann Medizin menschlicher machen

Eveline Graf: Ja, aber nur in der Interaktion mit Menschen. Denn der Roboter weiss nicht, wie es mir gerade geht. Ein Mensch kann das sehr schnell erfassen und den Roboter richtig einsetzen, damit ich meine Therapie dann bekomme, wenn sie nötig ist, und nicht, wenn die Therapeutin gerade Zeit hat. Sven Hirsch : Vor allem in der Mikrochirurgie bieten assistierende Roboter grosse Vorteile: Wenn eine Bewegung eines Arztes auf Geräte übertragen wird, kann Zittern ausgeschaltet werden. Er kann dann millimetergenau hantieren. Ich würde das bei einer allfälligen OP begrüssen. Alfred Angerer: Wenn es Studien gibt, die zeigen, in wie vielen Fällen diese Behandlungsmethode schon erfolgreich angewandt wurde – dann ja. «Wenn die Digitalisierung des Gesundheitswesens richtig umgesetzt wird, bietet sie die Chance auf bessere Qualität zu niedrigen Kosten.» Alfred Angerer, so steht es in Ihrem vierten Digital Health Report Schweiz, der im Herbst erscheint. Sind das mehr als schöne Worte? Alfred Angerer: Auf jeden Fall. Beim Thema Qualität kann man beliebig viele Studien heranziehen, die zeigen, dass Digitalisierung zu einer besseren Gesundheitsversorgung und zu besserer Prozessqualität führt. Künstliche Intelligenz erzielt zum Beispiel bessere Ergebnisse als eine Ärztin oder ein Arzt mit durchschnittlichen Fähigkeiten. All das ist unbestritten. Angerer: Bei den Kosten ist das Bild etwas schwieriger zu fassen. Man kann zwar die gleiche Leistung zu niedrigeren Kosten erbringen. Die Prämien werden aber nicht schon übermorgen sinken. Die Einsparungen werden durch ein Mengenwachstum zunichtegemacht. Angerer: Ich mag einfache Definitionen, deshalb lautet unsere: Das ist der Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologie im Gesundheitswesen mit dem Ziel, höhere Qualität zu niedrigeren Kosten und mehr Patientenzentrierung zu erreichen. Hirsch: Mir gefällt an dem Begriff Digital Health, dass die digitale Transformation drinsteckt, und diese ist ein gesellschaftliches Projekt – Mensch und Technik spielen eine Rolle. Graf: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist nicht einfach nur ein IT-Projekt. Das verstehen aber noch nicht alle so. Angerer: Zu den Kernelementen der richtigen Umsetzung gehört ein vertieftes Verständnis für Anwenderinnen und Anwender und ihre Bedürfnisse – man muss die Menschen mitnehmen, die von den neuen Lösungen profitieren können. Des Weiteren braucht es Daten und Kenntnisse über den jeweiligen Gesundheitsbereich sowie robuste und sichere disruptive Technologien. Die Organisationen müssen vorbereitet, Abläufe und Prozesse angepasst werden. Und nicht zuletzt braucht es gute Rahmenbedingungen für ein Ökosystem mit nachhaltigen Geschäftsmodellen. Das ist das Geheimnis einer erfolgreichen Digitalisierung. Angerer: Wir haben in einem Projekt mit Hausarztpraxen untersucht, wie man sogenannte Patient-reported outcome measures – kurz PROMs – sinnvoll integrieren könnte. PROMs sind Fragebögen, die Patientinnen und Patienten ausfüllen, um über ihre Symptome, ihre Lebensqualität sowie andere Aspekte ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens zu berichten. Das sind wichtige Daten für eine Behandlung. In unserem Fall waren es digitale Fragebögen. Die Technik war dabei nicht das Problem: Patientinnen und Patienten kamen in die Praxis, erhielten als erstes ein Tablet in die Hand gedrückt, auf dem sie Fragen beantworten sollten – so etwas kann man im Design einfach gestalten. Die Informationen wurden dann an einen Computer der Ärztin oder des Arztes übertragen. An sich ist das ein einfacher Prozess. Aber wenn sich niemand damit befasst, wie dieser Prozess in den stressigen Ablauf eines Praxisalltags passt, wie der Fragebogen und die Nutzeroberfläche gestaltet sein sollen, wie viel Zeit es für den gesamten Vorgang braucht, welche Personen involviert sind – dann ist die Innovation tot, weil sie niemand nutzt. Kompliziertes passt nicht in einen vollen Praxisalltag. Hirsch: Genau das ist die Rolle der ZHAW. In der angewandten Forschung bringen wir die verschiedenen Sichtweisen zusammen. So auch in dem von Alfred Angerer und mir geleiteten Innosuisse-Projekt SHIFT zum Spital der Zukunft. In meinem Teilprojekt geht es konkret um den Einsatz von Wearables, also kleinen tragbaren Minicomputern, die unter anderem Vitaldaten messen wie Blutdruck, Sauerstoffsättigung des Blutes etc. Dabei stellen sich viele Fragen: Wo legt man die Wearables an? Welche Fachperson macht das? Welche Geräte eignen sich für welche Personen? Viele kleine Details müssen berücksichtigt werden, die entscheidend sind, soll diese Lösung für alle funktionieren. Die gleiche Thematik haben wir in unserem Projekt Digital Health Zurich, einem Praxislabor für patientenzentrierte klinische Innovation. Als Kernprojekt entwickeln wir eine PROM-Plattform. Auch hier stellt sich die Frage, wo die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten eigentlich erhoben werden, welche Fachperson dafür verantwortlich ist. Gibt es dazu eine Sprechstunde? Man muss stets die Sicht der Nutzerinnen und Nutzer berücksichtigen. Das ist entscheidend für den Erfolg der Digitalisierung. Die Technik ist nur die Grundvoraussetzung. Angerer: Wir haben in unserem Digital Health Report fünf potenziell disruptive Technologien identifiziert: Künstliche Intelligenz, das Internet der medizinischen Dinge, Robotik, Virtual, Augmented und Mixed Reality sowie Blockchains. Vor allem die Lösungen mit Künstlicher Intelligenz sind ein wesentlicher Wachstums- und Hoffnungsmarkt. Deren Umsatz wird 2022 auf 7 Milliarden Dollar geschätzt, und er soll bis ins Jahr 2027 auf rund 67 Milliarden Dollar ansteigen. Da KI sehr vielfältige Methoden bietet und sich als Querschnittstechnologie mit den weiteren Technologiegruppen auch sehr gut kombinieren lässt, ist das Potenzial enorm. «Man muss stets die Sicht der Nutzerinnen und Nutzer berücksichtigen. Das ist entscheidend für den Erfolg der Digitalisierung. Die Technik ist nur die Grundvoraussetzung.» Sven Hirsch, Leiter ZHAW Digital Health Lab Hirsch: Notwendig ist hier noch Methoden der sogenannten Explanatory Artificial Intelligence – auf Deutsch Erklärbare Künstliche Intelligenz –, bei der man nachvollziehen kann, auf welchen Daten und Kriterien eine Diagnose oder Behandlungsempfehlung beruht. Derzeit ist KI noch eine Blackbox, man weiss nicht, wie das Ergebnis von maschinellem Lernen zustande kommt. Angerer: Eineinhalb Jahre haben wir hinter uns. Technisch ist schon vieles ausprobiert und wir sind gut unterwegs. Die nächste grosse Herausforderung, der wir uns gerade stellen, ist die Frage, wie wir all die Ergebnisse zusammenfassen und so etwas wie einen Masterplan erstellen können. Mit einer solchen Blaupause der Transformation soll eine Spitaldirektorin nachvollziehen können, wie ihr Spital «smart» und «liquid» werden kann. Zusammen mit den Spitälern entwickeln wir gerade eine Roadmap hierfür. Hier leisten wir zusammen mit den Forschungs- und Praxispartnern wirklich Pionierarbeit. Denn bisher gibt es keine Daten und Konzepte, wie man ein Spital transformiert. Hirsch: Ein weiteres Beispiel ist das chirurgische Forschungs- und Lehrzentrum OR-X – ein Operationssaal der Zukunft für Orthopädie der Universitätsklinik Balgrist. Da sind wir willkommene Partner, um Lösungen zu entwickeln, die ein OP-Team braucht, um für die Realität zu trainieren. Wir entwickeln Teaching Tools, Demonstratoren, Datenbanken und Machine-Learning-Algorithmen. Das ist angewandte Forschung, und da haben wir als ZHAW eine absolute Exzellenz. Graf: Technologien für das Wohnen im Alter war das Thema eines Workshops, den wir vom Kompetenzzentrum GEKONT im Sommer mit älteren und sogar sehr alten Menschen und deren Angehörigen durchgeführt haben. Im Fokus standen Technologien, die das Leben zu Hause einfacher gestalten sollen, wie elektronische Tablettendosen, elektrische Aufstehhilfen für die Toilettenbenutzung, automatische Glasöffner oder intelligente Notknöpfe. Wir wollten ihre Meinung dazu hören und die Probleme der Teilnehmenden im Alltag kennenlernen, um zu verstehen, was sie noch brauchen könnten für ein längeres selbstbestimmtes Leben zu Hause. Sie sollten aber auch ihre Ängste formulieren können hinsichtlich neuer Technologien. Bisher gibt es dazu kaum Daten. Der gesellschaftliche Diskurs muss endlich angestossen werden. Angerer: Wir können diesbezüglich ganz entspannt sein: Erstens zeigt ein Blick in die Geschichte, wie sich die Bevölkerung ganz gut an neue Entwicklungen anpassen kann. Ein Paradebeispiel ist das E-Banking. Inzwischen sind es – je nach Land – 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung, die E-Banking ganz selbstverständlich nutzen. Oder ein anderes Beispiel aus einem unserer Projekte, wo wir Praxen in Deutschland bei der Digitalisierung und Optimierung unterstützen. Anfangs war die Befürchtung gross, dass die Terminvereinbarung per Internet für viele Menschen ein Unding sein könnte, vor allem für ältere Personen. Dies hat sich nicht bewahrheitet. Den älteren Menschen, die das nicht selbst erledigen konnten, halfen die Enkel. «Entwicklerinnen und Entwickler haben oftmals wenig bis kein Verständnis dafür, wie es in der Praxis aussieht. Sie gehen davon aus, die Praxis müsse jetzt halt lernen, wie diese Geräte zu nutzen seien.» Eveline Graf, Leiterin des Kompetenzzentrums GEKONT der ZHAW Graf: Dass ältere Personen weniger technikaffin sind, das ist ein Stück weit Mythos. Klar gibt es Leute, die das nicht möchten, aber die gibt es auch bei den jungen. Trotzdem ist wichtig, dass die Personen, die wenig direkten Zugang zu solchen Lösungen haben, unterstützt werden. Aktuell ist aber unklar, wer dafür zuständig ist und auch die nötigen Kompetenzen hat, um so etwas zu vermitteln. Oftmals sind es eben die Enkel oder die Angehörigen, die helfen. Oder auch Organisationen wie Pro Senectute, die Schulungen anbieten. Wichtig ist bei der Implementierung solcher Lösungen, dass Überlegungen angestellt werden, wie sichergestellt wird, dass alle, die diese Angebote nutzen wollen, es auch können – auch wenn sie hierfür vielleicht nicht ideale Rahmenbedingungen haben. Hirsch: Auch dort gibt es einen enormen Bedarf an Weiterbildung. In Arztpraxen sind kaum Kompetenzen vorhanden, wie eine Digitalisierung genau durchgeführt werden muss. Da Praxen eigenständige ökonomische Einheiten sind, wäre es sinnvoll, wenn in diesen Bereichen Standards eingeführt würden, damit sie auf Bewährtes zurückgreifen können. «Wir könnten mit der Digitalisierung die Demokratisierung der Medizin erreichen.» Alfred Angerer, Leitung Management im Gesundheitswesen der ZHAW Graf: Einen Grund für diesen Gap sehe ich darin, dass all die technologischen und digitalen Lösungen aus den Entwicklungsabteilungen von Technologieunternehmen stammen. Diese Experten und Expertinnen haben oftmals wenig bis kein Verständnis dafür, wie es in der Praxis aussieht. Man geht davon aus, die Praxis müsse jetzt halt lernen, wie diese Geräte zu nutzen seien, und dann gehe das schon. Vielleicht sollten Entwicklerinnen und Entwickler aber auch ein besseres Verständnis dafür haben, wie der Alltag von Anwenderinnen und Anwendern aussieht? Hier können interdisziplinäre Ausbildungsmöglichkeiten und Studiengänge helfen, die es ja auch immer mehr gibt – auch an der ZHAW. Hier werden Schnittstellenpersonen ausgebildet, die dringend gebraucht werden. Angerer: Das ist schon beschämend. In einer Studie der Bertelsmann Stiftung von 2018 landete die Schweiz auf Platz 14 von 17. Wenn man nach den Gründen schaut, weshalb sich eine Innovation durchsetzt oder nicht, gibt es vor allem drei Komponenten, die ich mit «können, wollen, dürfen» umschreibe. Am «Können» liegt es bei Digital Health nicht. Im Bereich Technologie sind wir richtig gut. Das «Dürfen», also die Gesetzgebung, die ist halbwegs schuld. Man darf zwar vieles, aber es werden wenig Anreize gesetzt, das auch zu tun. Das grösste Hindernis ist das mangelnde «Wollen». Es ist noch nicht angekommen bei den Leuten, dass die Digitalisierung eine ganz grosse Chance für das Gesundheitswesen ist. Da ist zu wenig Drive dahinter – bei Bürgerinnen und Bürgern, aber auch bei den Leistungserbringenden und bei der Politik. Dabei könnten wir mit der Digitalisierung die Demokratisierung der Medizin erreichen. Angerer: Wir betrachten das Thema gerne aus unserer westlichen und privilegierten Sicht. Ich möchte mal den Blick aufs grosse Ganze lenken: Für afrikanische Länder würde dadurch der Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen möglich. In unserem Report schreiben wir, dass 47 afrikanische Länder dreimal so viele Ärztinnen und Ärzte bräuchten, wie sie heute haben. Mit digitalisierten Gesundheitsangeboten könnten wir dazu beitragen, die Lücke zu schliessen. Hirsch: Wir arbeiten an einem Projekt in Simbabwe mit schwangeren Frauen. Bei ihnen wird zum Beispiel der Blutdruck nicht regelmässig überwacht. Das heisst, Komplikationen werden nicht gesehen. Bei uns ist das etwas ganz Selbstverständliches. Aber wenn man 100 Kilometer zurücklegen muss zum nächsten Spital, dann stellt sich die Situation anders dar. Für Prävention begibt sich niemand einen Tag auf den Weg hin und einen Tag wieder zurück. Digital Health wäre hier eine grosse Chance. Wie eine gute Lösung aussehen könnte, testen wir dort gerade. «Wenn die Verbreitung so linear weitergeht, brauchen wir noch 6500 Jahre, bis in der Schweiz alle ein EPD haben.» Alfred Angerer, Leitung Management im Gesundheitswesen der ZHAW Angerer: Auf das elektronische Patientendossier – kurz EPD – warten wir in der Schweiz bereits seit 13 Jahren. 0,2 Prozent der Menschen haben hierzulande ein solches EPD. Wenn die Verbreitung so linear weitergeht, brauchen wir noch 6500 Jahre, bis alle ein EPD haben. Wenn ich hingegen auf mein Amazon-Konto gehe, kann ich sehen, welches Buch ich 2001 gekauft habe – also vor 22 Jahren, als ich mit meinem Studium fertig war. Ich habe aber keine Ahnung mehr, was mir der Arzt damals beim Allergietest erzählt hat. Wir sind da also mindestens 20 Jahre hinterher. Graf: Die Corona-Pandemie hat ja gezeigt, dass alles viel schneller gehen kann, wenn der Druck da ist. Das galt nur leider nicht für das Gesundheitswesen. Da ist noch zu wenig Druck vorhanden. Wir leisten uns noch dieses nicht mehr ganz zeitgemässe System. Angerer: Ich habe keines, denn ich hätte damals von Winterthur nach Aarau reisen müssen, um es persönlich zu beantragen. Das war mir zu aufwendig. Inzwischen ist das einfacher geworden. Graf: Ich habe selbst auch noch keines. Von einer Kollegin weiss ich aber, dass sich ein Arzt geweigert hat, ein Formular auszufüllen, als sie ein EPD eröffnen wollte. So macht das auch keinen Sinn. Hirsch: Ich lebe in Deutschland und der Schweiz und grenzübergreifend funktioniert das nicht. Ich wäre aber froh darüber, wenn ich nicht mehr CDs zu den Ärzten tragen müsste. «Ich glaube, das Thema Datenschutz ist teilweise nur vorgeschoben. Aus technologischer Sicht kann man sichere Systeme designen.» Sven Hirscher, Leitung Forschungsschwerpunkt Computational Health der ZHAW Hirsch: Ich glaube, das Thema Datenschutz ist teilweise nur vorgeschoben. Aus technologischer Sicht kann man by design sichere Systeme schaffen. Und bei Studien mit digitalen Gesundheitsdaten wird das Thema Ethik beachtet. Da wird nichts geklaut. Das Problem ist eher, dass der Datenschutz in der Schweiz eine kantonale Angelegenheit ist. Deshalb gibt es sehr viele verschiedene Regelungen. Das Beste, was man tun kann, ist aber, dass man gute und einfache Sicherheitsstandards anbietet für die Organisationen. Wenn ich als Staat die Player gut unterstütze und sage, das sind die Hilfsmittel, die ihr habt, und das sind die Regeln, an die ihr euch halten müsst, dann ist Datenschutz nicht das Problem. Angerer: Wenn es weiter so schleppend vorangeht mit der Digitalisierung, dann werden jetzige Anbieter in diesem Bereich vom Markt verschwinden und es bleiben am Ende die Googles und Facebooks dieser Welt übrig. Denen möchte ich meine Daten auch nicht anvertrauen. Graf: Ich denke, die Leute sind durchaus bereit, ihre Daten über Facebook und Co. zu verbreiten, und sie sind sich vielleicht nicht bewusst, dass sie möglicherweise schon heute Gesundheitsinformationen teilen. Ich bin überzeugt, dass sich die Datenschutzdebatte bald erübrigen wird, wenn die Leute den tatsächlichen Nutzen von Digital Health sehen. Angerer: So ticken Gesundheitsversicherungen im Moment nicht. Und wir als Gesellschaft haben gesagt: Wir wollen eine Grundversicherung: Jeder ist obligatorisch versichert und kriegt eine gute Versorgung. Das sind die Spielregeln heute. Hirsch: Das ist keine Frage der Digitalisierung. Da geht es um die Frage, wollen wir solidarisch gesamtgesellschaftlich haften – ja oder nein. Graf: Meine Erfahrung mit Krankenkassen ist bis jetzt, dass sie daran interessiert sind, dass ihre Kundinnen und Kunden eine gute und effiziente Behandlung erhalten. Das heutige Gesundheitswesen ist aber nicht effizient: Personen mit komplexeren Gesundheitsproblemen – etwa nach einem Schlaganfall – müssen zur Physiotherapie, zur Ergotherapie, vielleicht auch noch zu einer neurologischen und einer weiteren hausärztlichen Behandlung. Dort müssen sie immer die gleichen Fragen über sich ergehen lassen. Das alleine kostet ja schon Zeit und Geld. Das könnte man einmal zentral erfassen und mit allen teilen und Kosten sparen. «Repetitive Aufgaben können Maschinen übernehmen. Dann bleibt mehr Zeit für den menschlichen Austausch.» Eveline Graf, Leiterin des Bewegungslabors der ZHAW Graf: Technologie und Digitalisierung, sorgen dafür, dass das Gesundheitspersonal repetitive Aufgaben abgeben kann. Medikamente verteilen, das könnte auch eine Maschine. Vielleicht wird das Personal auch bei Entscheidungen entlastet, die aufgrund von Analysen vieler Daten getroffen werden müssen. Die gewonnene Zeit könnte eingesetzt werden für den menschlichen Austausch, wo dann vielleicht weitere Informationen zutage kommen, die für die Behandlung wichtig sind. Aus diesem Grund sehe ich auch keine Gefahr, dass es weniger Pflegepersonen braucht. Die menschliche Kompetenz ist essenziell. Angerer: Pflegefachkräfte in einem Spital sind nur zu 30 Prozent ihrer Zeit mit den Patientinnen und Patienten beschäftigt. Man glaubt gar nicht, wie viel Administration wir unseren Fachkräften zumuten, und da kann Digitalisierung Abhilfe schaffen. Graf: Gesundheitsfachpersonen werden nicht komplett durch Roboter ersetzt werden, da sehe ich kein Risiko. Der Eins-zu-eins-Austausch zwischen Menschen ist höchst relevant. Die Technologie, die einen Menschen so schnell und gesamthaft erfassen kann, wird es nie geben – und selbst wenn, dann sicher nicht in 20 Jahren. Hirsch: Mir gefällt der Gedanke des «Liquiden», was wir sehr stark auch in dem SHIFT-Projekt thematisieren: Die physischen Grenzen der Institutionen werden durchlässiger. Das bedeutet, die Patientin ist den Gesundheitsfachpersonen im Spital bereits vor dem Eintritt bekannt, weil sie auch von zu Hause aus direkt mit der Spitalärztin kommunizieren kann. Sie wird dann optimal auf den Aufenthalt vorbereitet, und auch die Nachsorge gestaltet sich einfacher. Das wäre eine gelungene integrierte Versorgung oder ein Hospital at Home – in 20 Jahren wird das Realität sein. Angerer: Meine Vision ist ganz konkret: Gehe ich heute mit Migräne zum Arzt, macht der vielleicht ein MRI und sieht nichts: Er weiss nicht, was die Ursache ist. Ich wünsche mir, dass der Arzt in 20 Jahren aus der Kombination so vieler verschiedener Datenquellen weiss, wie es mir geht. Er weiss dann, dass ich schlecht geschlafen habe, Stress habe, meine Ernährung nicht gut ist, ich zu wenig Sport treibe usw. Und er wird mir den Grund sagen können, weshalb es mir schlecht geht. Oder noch idealer, er sagt mir, was ich tun muss, damit es mir besser geht. So ein Gesundheitssystem wünsche ich mir.

Die Kunst relevanter Bildung

Alessandro Maranta: Wer nicht bereit ist, ein Leben lang immer wieder Neues zu lernen und auszuprobieren, wird nicht unternehmerisch denken können. Unternehmerisches Denken ist die Kunst, Altes und Neues geschickt zu kombinieren. Es ist mit einer Stadt vergleichbar, in der einiges beständig ist, wie Strassen oder historische Viertel, und anderes nach wenigen Jahren nicht wiederzuerkennen ist, weil Gebäude abgerissen und Pärke umgebaut wurden. Eine Stadt verändert sich ständig und schafft neue Zusammenhänge. Es braucht eine lebenslange Bereitschaft, solche Zusammenhänge verstehen und gestalten zu wollen und darin die Chancen und Risiken zu erkennen. Das Beispiel veranschaulicht für mich, wie man nachhaltig unternehmerisch und innovativ denken und handeln soll. Einmal gut ausgebildet bedeutet nicht, dass man für immer gut ausgebildet ist. Zum einen verändern sich Wissen sowie Kompetenzen, sie haben unterschiedliche Halbwertszeiten. Zum anderen können wir die individuellen Berufskarrieren und unternehmerischen Herausforderungen nicht im Einzelnen vorhersehen. Curriculum-Entwicklung ist daher die Kunst, die unterschiedlichen Entwicklungen von Wissenschaft, Praxis, Trends und individuellen Bildungsverläufen aufeinander abzustimmen. Wir stimmen in unseren Bildungsangeboten die Lebenszyklen relevanter Kompetenzen und die Halbwertszeit von Wissen mit der Lebensdauer von Ausbildungen und den Bildungsbiografien von Einzelnen ab. Mit unseren Bachelor- und Masterstudiengängen sowie Weiterbildungen realisieren wir Bildungsangebote, die nahe an den Menschen sind und ihren vielfältigen Lebens- und Berufsphasen gerecht werden. «Didaktisch gab es in den letzten Jahrzehnten einen Perspektivenwechsel, den sogenannten shift from teaching to learning, also hin zur Kompetenzorientierung.» Alessandro Maranta, ZHAW-Ressort Bildung Didaktisch gab es in den letzten Jahrzehnten einen Perspektivenwechsel, den sogenannten «shift from teaching to learning», also hin zur Kompetenzorientierung. Politisch gesehen haben die Förderung der Berufs- und Anwendungsorientierung sowie der Bedarf von Fachkräften mit Hochschulbildung den Fachhochschulen einen riesigen Aufschwung ermöglicht. Zudem befinden sich Arbeitswelten und Karrieremodelle im Wandel, worauf wir unsere Bildungsangebote ausrichten. Vor diesem Hintergrund erhalten Bildungsangebote einen neuen Stellenwert, denn gut ausgebildete Fachkräfte sind ein kostbares Gut. Es sind vor allem die Studiengangleitungen und Dozierenden, die mit ihrem Qualitätsbewusstsein und ihrer Nähe zum Themengebiet dafür sorgen, dass ihr Bildungsangebot aktuell bleibt. Sie beurteilen regelmässig, wie sich ihr Umfeld verändert und welche Kompetenzen relevant sind. «Doch nicht nur aktuell nachgefragte Fachkompetenzen sind relevant, es braucht auch überfachliche Kompetenzen, sogenannte Future Skills.» Alessandro Maranta, ZHAW-Ressort Bildung Doch nicht nur aktuell nachgefragte Fachkompetenzen sind relevant, es braucht auch überfachliche Kompetenzen, wie den Umgang mit unterschiedlichen Kommunikations- und Medienformen oder Projektmanagement. Solche Kompetenzen werden auch unter dem Begriff Future Skills zusammengefasst. Mit diesem Kompetenzmix fördern wir nachhaltig unternehmerisches und innovatives Denken sowie Handeln. Dazu gehört auch ein interdisziplinärer Austausch. Wir wollen unseren Studierenden individuelle Freiräume ermöglichen, sie aber gleichzeitig nicht allein lassen und sichergehen, dass sie die nötigen Kompetenzen erhalten. Im Ressort Bildung stärken wir kontinuierlich die Grundlagen, um vermehrt interdepartementale Module und Studiengänge zu ermöglichen. Dabei legen wir unseren Fokus auf die Organisation von Bildungsmanagement über verschiedene Abteilungen, Institute oder Zentren hinweg und beseitigen organisationale Hürden. Mit guten Rahmenbedingungen wollen wir die Offenheit in der Bildung gewährleisten und einer fachlichen Zementierung von Wissen entgegenwirken. Die demografische Entwicklung, die anhaltende Migration, der Klimawandel oder das Wiedererstarken von Autokratien, aber auch die Digitalisierung unterstreichen die Notwendigkeit, für gut ausgebildete Fachpersonen zu sorgen und zu einer aufgeschlossenen Gesellschaft beizutragen. Global bedeutet das, demokratisch und mit liberaler Offenheit in stetig lernenden Gesellschaften diese Herausforderungen anzugehen. Die ZHAW leistet zu dieser unabdingbaren weltumspannenden Kooperation ihren Teil. Wir zeigen unseren Angehörigen, dass Offenheit die partnerschaftliche fachübergreifende Kooperation unterstützt und innovatives Denken und Handeln stärkt. Selbst etwas dazu beizutragen, erfüllt mich mit Freude und Genugtuung. Interview Thomas Schläpfer

Entrepreneurial University: «Alle Studierenden sollen bei uns Unternehmergeist erleben»

Jean-Marc Piveteau: Wenn ich mich auf drei fokussieren soll, dann wären das Enthusiasmus, Risikobereitschaft und Durchhaltevermögen. Enthusiasmus ist sehr wichtig, um sich selbst und andere zu motivieren und zu überzeugen. Risikobereitschaft, weil man bereit sein muss, etwas auszuprobieren, was bisher vielleicht noch niemand gemacht hat. Und nicht zuletzt braucht es Durchhaltevermögen, denn sicher bleiben Rückschläge oder gar Misserfolge nicht aus. Wo kann man dies im Alltag besser leben als an einer Hochschule, einem Ort, an dem immer Neues entwickelt wird? In inspirierenden Begegnungen mit Forschenden, Dozierenden, Studierenden, Absolventinnen und Absolventen spürt man den Mut und die Begeisterung, etwas Neues erarbeiten oder Startups gründen zu wollen. Der Funke springt über. «Wir als Hochschule wollen verstärkt Menschen anziehen, die wachsen wollen an komplexen und schwierigen Herausforderungen.» Rektor Jean-Marc Piveteau Unternehmergeist, wie ich ihn mir für die ZHAW wünsche, ist eine Frage der Haltung. Wir als Hochschule wollen verstärkt Menschen anziehen, die wachsen wollen an komplexen und schwierigen Herausforderungen. Die Hochschule soll Eigeninitiative fördern, auf nachhaltige Wertschöpfung zielen und offen machen für die Zusammenarbeit über interdisziplinäre Grenzen hinweg. In der EU und in der angelsächsischen Welt gibt es bereits Hochschulen, die sich «Entrepreneurial Universities» nennen. Mir ist es aber sehr wichtig, dass wir als ZHAW unser ganz eigenständiges Profil entwickeln. Für unsere Fachhochschule, die in der Schweizer Bildungslandschaft verankert ist, ist mein Hauptanliegen – und das sehe ich als unseren Bildungsauftrag: Alle Studierenden sollen bei uns während des Studiums unternehmerisches Denken erleben und leben. Künftig sollen Studierende mehr Eigenverantwortung für ihre Bildungsreise an der ZHAW übernehmen können. Auch ausserhalb der Curricula soll es Aktivitäten geben wie Summer oder Winter Schools, zu denen sich Studierende verschiedener Fachrichtungen treffen und wo sie gemeinsam unternehmerische Fähigkeiten und eine unternehmerische Haltung entwickeln können. In Werkstätten und Laboren sollen Studierende verstärkt experimentieren, Prototypen herstellen und aus Fehlern lernen können. Und es soll Orte geben, an denen sie die Projekte, für die sie brennen, präsentieren können. Die Projekt- und Abschlussarbeiten sind bereits heute sehr praxisorientiert. Wir wollen künftig vermehrt auch offene Diskussionen und Co-Creation-Formate mit der Industrie und der Gesellschaft fördern. Unternehmerisches Denken nur mit Firmengründung oder technischer Innovation in Verbindung zu bringen, ist zu eng gedacht. Es muss in allen Studiengängen erlebt und vermittelt werden. Spannend ist zum Beispiel am Departement Soziale Arbeit das neue Social Entrepreneurship Lab. Hier stehen nicht IT, Künstliche Intelligenz oder Technik im Vordergrund, sondern Fortschritt, der das gesellschaftliche Zusammenleben weiterbringen soll. Unternehmerisches Denken zu fördern, ist nichts Neues an der ZHAW. Das machen wir bereits seit Jahren. An der School of Management and Law gibt es zum Beispiel das Institut für Innovation und Entrepreneurship, das seit Jahren in den thematischen Schwerpunkten Business Innovation und Entrepreneurship forscht, lehrt und berät und darin führend ist. Im Master of Business Administration wurde der Schwerpunkt Innovation and Entrepreneurship etabliert. Und seit 2015 gibt es jedes Jahr eine ZHAW Startup Challenge für Studierende. Auch die School of Engineering fördert mit einer Entrepreneur-Initiative Studierende, die ein Startup gründen wollen, vermittelt ihnen Mentorinnen und Mentoren oder leistet Brückenfinanzierung. Erwähnt sei ebenso der neue Master of Science in Preneurship for Regenerative Food Systems am Departement Life Sciences und Facility Management, bei dem Studierende sehr selbstbestimmt ihre Bildungsinhalte zusammenstellen können. Nicht zuletzt werden mit dem Sustainability Booster vor allem Businessideen von Studierenden gefördert, die einen positiven Impact auf die Umwelt haben. Ich könnte hier noch vieles aufzählen. «Die neue Initiative ZHAW entrepreneurship soll eine zusätzliche Dynamik in die schon existierenden Bestrebungen bringen. Wir schalten jetzt einen Gang höher.» Rektor Jean-Marc Piveteau Die Initiative soll eine zusätzliche Dynamik in die schon existierenden Bestrebungen bringen. Wir schalten jetzt einen Gang höher. Wichtig ist das gute Zusammenspiel zwischen allen bereits existierenden Initiativen. Bei ZHAW entrepreneurship mit Anita Buchli und Hanna Brahme als Co-Leitung setzen wir derzeit auf zwei Handlungsfelder: Zum einen wollen wir an der ZHAW eine Community von Entrepreneurinnen und Entrepreneuren ins Leben rufen. Das ist die Idee hinter der Initiative ZHAW Visioneur. Zum anderen soll ein hochschulweiter Innovationsprozess etabliert werden. Auch wir als Hochschule müssen Strukturen und Arbeitsweisen überdenken und transformieren. In der derzeitigen Pilotphase prüfen wir, mit welchen Aktivitäten und Formaten die Kultur des Austausches sowie Enthusiasmus und Risikobereitschaft innerhalb der Hochschule gefördert werden können. Bei der der derzeitigen Innovation Challenge sollen sich neue Ideen herauskristallisieren. Der Wandel, der sich in vielen Branchen, Unternehmen und Bildungseinrichtungen, aber auch in der Gesellschaft insgesamt vollzieht, erfordert Mitarbeitende mit unternehmerischen Fähigkeiten und Denkweisen. Diese wollen wir aus- und weiterbilden, damit unsere Absolventinnen und Absolventen noch attraktiver für den Arbeitsmarkt werden. Sie sollen mutig die Herausforderungen der Zukunft angehen können. Bei den Spin-offs – also den Unternehmensgründungen mit Innovationen aus der ZHAW heraus – sind es fünf oder sechs und einige sind noch in der Pipeline. Die Startups zu zählen, ist etwas schwierig. Wir erfahren nicht immer von den Firmengründungen. Da dürfte die Anzahl aber um ein Vielfaches höher liegen als bei den Spin-offs. Acht Jungunternehmen sind allein aus den Gewinnerinnen und Gewinnern der jährlichen ZHAW Startup Challenge hervorgegangen, und an der School of Engineering sind es seit 2013 über 40 Neugründungen gewesen. Die Mehrheit unserer Studierenden wird nach dem Studium jedoch in bereits bestehenden Organisationen und in mittelgrossen oder grossen Unternehmen arbeiten. Aber auch dort wird selbstverständlich unternehmerisches Denken erwartet angesichts der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen, vor denen wir alle stehen. «Unternehmerisches Denken nur mit Firmengründung oder technischer Innovation in Verbindung zu bringen, ist zu eng gedacht.» Rektor Jean-Marc Piveteau Um ehrlich zu sein, nein. Ich bin kein Entrepreneur, ich bin ein Intrapreneur. Vor meiner Tätigkeit an der ZHAW war ich bei Ascom, einem börsennotierten Schweizer Unternehmen für Telekommunikation und Services, tätig. Als Forschungsingenieur musste ich dort Kundinnen und Kunden akquirieren sowie Produkte verkaufen. Auch später bei der UBS in der IT-Abteilung wurde unternehmerisches Denken erwartet. Aus diesem Grund bin ich überzeugt, dass man Entrepreneurship breiter denken muss als im Zusammenhang mit Unternehmensgründungen. Jede Absolventin und jeder Absolvent soll sagen können: Ich habe an einer Hochschule studiert, an der unternehmerisches Denken etwas sehr Wichtiges ist. Wir haben dieses unternehmerische Denken wirklich erlebt und gelebt. In der Community Visioneur wird man sich zu Innovationen austauschen, und die Zahl der Startups und Spin-offs aus dem ZHAW-Umfeld wird steigen. Die ZHAW wird dann ein Ort sein, an dem sich unternehmerisch denkende und handelnde Menschen treffen und gemeinsam an Herausforderungen wachsen und die Zukunft kreativ mitgestalten. Interview Patricia Faller

Damit Ideen für eine zirkuläre Wirtschaft abheben

Adrian Burri: Kreislaufwirtschaft ist ein Lösungsansatz, mit dem wir die problematischen Folgen der bisherigen linearen Wirtschaft wie Klimakrise, Ressourcenverknappung oder Umweltverschmutzung in den Griff bekommen wollen. Anstatt weiterhin Natur und Umwelt auszubeuten, Unmengen CO 2 auszustossen und Abfallberge zu generieren, sollen Materialien, etwa Textilien, Kunststoffe oder Metalle, immer wieder verwendet werden können. Das ist die grosse Herausforderung bei der Produktentwicklung. Bei den meisten Materialien ist nur noch ein Downcycling möglich, zum Beispiel kann aus einem Kleidungsstück höchstens noch ein Teppich werden, aber kein neues Kleidungsstück. An unserem Institut forschen wir an Lösungen, wie Produkte nur mit kreislauffähigen Materialien konstruiert werden, und entwickeln Produktionsprozesse für neue Materialien. Grundsätzlich eignen sich Metalle wie Stahl und Aluminium gut, wobei die Wiederverwendung auch energieintensiv ist und im Detail nicht alle Legierungen oder Lackierungen wieder verwendbar sind. Bei den Kunststoffen gibt es noch zu wenige, die zu 100 Prozent kreislauffähig sind. Dass man aus PET-Flaschen wieder eine PET-Flasche aus 100 Prozent recycletem PET herstellen kann, geht erst seit wenigen Jahren. Dazu musste ein neues Verfahren, das chemische Recyclen, entwickelt werden. Die grossen Herausforderungen sind die Logistik und die unterschiedliche Lebensdauer der Produkte. Ein Einwegprodukt wie ein Joghurtbecher lebt nur so lange, bis das Joghurt gegessen wurde. Ein Gebäude, bei dem vielleicht Kupfer verbaut wurde, hält bis zu 50 oder 100 Jahre. Ort und Zeitpunkt, an denen das gebrauchte Material wieder für neue Produkte verfügbar ist, sind also sehr unterschiedlich. «Myzelium, also ein Pilzgeflecht, hat ein grosses Potenzial als natürliches Material für kreislauffähige Produkte.» Adrian Burri Wir entwickeln zum Beispiel Produkte aus Myzelium – also aus fadenförmigen Pilzgeflechten. Dieses natürliche Material hat ein grosses Potenzial für Verpackungen oder Dämmmatten etwa. Die grosse Herausforderung ist noch, daraus funktionelle Produkte zu machen – etwa einen Velohelm. Dieser muss eine spezielle Form oder bestimmte Eigenschaften haben, muss gut schützen und bequem sitzen. Die Frage ist, wie man erreicht, dass er mindestens den gleichen Schutz und den gleichen Komfort bietet wie ein herkömmlicher Velohelm. Wir forschen zudem an Verschalungselementen aus Naturstoffen statt aus Kunststoffen für Fahrzeuge, an nachhaltigen Kaffeekapseln oder Dämmmaterialien für Gebäude oder an einem Bohrroboter für Erdwärmesondenbohrungen. Nicht zuletzt arbeiten wir an neuen Mobilitätskonzepten und neuartigen Fahrzeugen, etwa an Lastenfahrrädern oder Veloanhängern für Logistikfirmen, mit denen sie in Städten effizient Pakete ausliefern können. Seit 2021 fördern und coachen wir zusammen mit anderen Experten radikale Ideen von Firmen und Startups für Kreislauflösungen. Diese Firmen haben eine grobe Idee für ein kreislauffähiges Businessmodell oder ein Produkt, wissen aber nicht, wie sie es realisieren sollen, welche Materialien sich für ihr neues Produkt eignen würden, wie die Logistiklösung aussehen oder wie man damit Geld verdienen könnte. Da kommt dann unsere Expertise ins Spiel. Wir organisieren Design Thinking Workshops mit diesen Unternehmen und ziehen bei Bedarf Kolleginnen und Kollegen anderer Hochschulen und Expertenfirmen hinzu. Wir bieten quasi ein Sprungbrett für ihre Ideen. «Diese Firmen haben eine grobe Idee für ein kreislauffähiges Businessmodell oder ein Produkt, haben jedoch offene Fragen, wie sie es realisieren sollen.» Adrian Burri Es ging zum Beispiel um neue Konstruktionensweisen für die Herstellung eines Kellers aus Holz, eine Uhr oder Kleider aus neuen Materialien, die kreislauffähig sein sollen, oder robuste Kinderwagen, die in einem Sharing- oder Pay-per-Use-Modell standhalten müssen. Bisher haben etwa 30 Firmen und Startups an dem Programm teilgenommen. Per se sind Produkte aus einem 3D-Drucker nicht so kreislauffähig. Und dennoch sind additive Verfahren wichtig für eine nachhaltige Wirtschaft. Denn 3D-Druck schont Ressourcen, weil man etwa weniger Ausgangsmaterial verbraucht. In der Flugzeug- oder Fahrzeugindustrie erreicht man damit leichtere Strukturen, sodass die Endprodukte für den Antrieb wiederum weniger Energie verbrauchen. Es fallen auch geringere Logistikkosten an, weil Bauteile direkt am Einsatzort gedruckt werden können. Wir arbeiten aber daran. Demnächst wollen wir bei einem Open Innovation Workshop mit 20 bis 30 Personen verschiedener Firmen untersuchen, wie die additive Fertigung einen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft leisten könnte. Ein Thema ist dabei die Ersatzteilbewirtschaftung. Wenn ich keine Vorräte anlegen muss, sondern Ersatzteile mit dem 3D-Drucker nur dann erstelle, wenn ich sie brauche, dann ist das nachhaltiger. Es soll bei dem Workshop auch um die Verwendung von Biomaterialien für den 3D-Druck gehen, die am Ende kompostierbar sind. EEs gibt erstaunlich viele Startups in der Schweiz, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Das ist erfreulich. Bei den etablierten Firmen spürt man noch etwas Zurückhaltung. Das ist richtig. Aber auch hier gibt es erfreuliche Beispiele. Wir haben einen Open Innovation Workshop mit der Medizintechnik-Branche durchgeführt. Firmen wie Johnson & Johnson, Novartis, Ypsomed oder Roche waren dabei. Es ging um die Frage, wie ihre Produkte kreislauffähig werden können. Derzeit wird in einem Spital alles Verbrauchsmaterial – vom OP-Besteck bis zum Infusionsbeutel – nach einer Anwendung entsorgt, entsprechend den Vorschriften und Hygienevorgaben. «Dabei wäre Kreislaufwirtschaft eigentlich nicht teurer als die bisherige lineare Wirtschaft.» Adrian Burri Aus dem Workshop ist ein Konsortium entstanden, das immer wieder neue Forschungsprojekte in diesem Bereich initiiert. Es ist sehr spannend zu beobachten, wie eigentliche Konkurrenten gemeinsam nach Lösungen suchen, wie aus diesem Wegwerfsystem ein Kreislaufsystem werden könnte. Optimierung allein reicht nicht. Man muss Produkte und Businessmodelle ganz neu denken. Bis 2030 werden wir sicher viele Firmen sehen, die Kreislaufwirtschaft leben, mit komplett anderen Produkten aus neuen Materialien, mit anderen Logistik- und Recycling-Prozessen. Treiber sind entsprechende Gesetze. Die EU ist hier Vorreiter. Ohne Gesetze ist der Druck, sich rasch zu verändern, zu gering. Dabei wäre Kreislaufwirtschaft eigentlich nicht teurer als die bisherige lineare Wirtschaft. Im Gegenteil, am Ende kommt es sogar billiger, wenn man nicht immer neue Ressourcen kaufen muss. Interview Patricia Faller

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